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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Die Botschaft des Konstablers

Der Ulmer Bote hatte einen Brief ins Haus gebracht. »Der ehrsamen Wittib Theresia Scheiffele gehört er!« rief der Schalk hinter der jungen Magd her, die ihn übernommen. »Und ein' Schoppe Söflinger hätt' ich mir wohl verdient. Mit der Landposcht wär' er erscht am Sonntag 'komme. Er ischt gar weit her, der Brief.«

»Werd's ausrichte«, sagte die Gretel und nickte ihm lächelnd zu.

Er keuchte weiter unter seiner Last und beteilte das ganze Städtchen mit Gaben. Dem hatte er dieses, dem jenes mitgebracht aus der freien Reichsstadt Ulm, wo Handel und Wandel blühten und einfach alles zu haben war, was man sich in Blaubeuren nur wünschen konnte. Sogar Kaffee. Die genäschige junge Prälatin hatte heimlich solchen bestellt bei ihm, und richtig bekam er ein halbes Pfund. Aus Wien brachten ihn die Ulmer Schiffer. Und einen Kronentaler hat er gekostet. Na, wenn das Seine Ehrwürden erfährt .... Ja, die Frauen, die Frauen. Kaum war in der Augsburger Zeitung gestanden, daß jetzt in Wien die Mode wäre, türkischen Kaffee zu trinken, machen sie es in Ulm nach. Und noch haben dort nicht alle Frauen vom Großen Rat Kaffeebohnen gesehen, muß schon die Prälatin von Blaubeuren auch welche haben. Geschieht ihm recht, dem geistlichen Herrn. Was holt er sich eine Frau aus der Fremd'. just eine genäschige Mainzerin hat's sein müssen. Gibt's denn in Württemberg keine Pfarrerstöchter mehr?

So stritt der wackere Ulmer Bote, der Peter Fischer, mit sich und der Welt, während er von Haus zu Haus ging und jedem zutrug, was er bestellt hatte. Er war kein einfältiges Lasttier, der Peter, er dachte sich sein Teil bei jeder Bestellung, die man bei ihm machte. Und als er in den krummen Gassen reihum war, kehrte er zurück zum »Schwarzen Adler«, wo er den ersten Brief abgegeben.

Lachend brachte ihm die Gretel seinen wohlverdienten Schoppen Söflinger Wein. Es können auch zwei werden, ließ ihm die Frau Theres sagen.

»Herr Gott von Frankfurt, seit wann tragt die Frau Theres Spendierhose?« rief der Peter.

»Pscht«, machte die Gretel«, dort sitze se doch..«

Ja, dort saßen sie in der Ecke der halbdunkeln holzgetäfelten Wirtsstube, die von Marktleuten angefüllt war. Das hatte der Peter gar nicht gemerkt. Die ganze Familie war um den Brief, den er gebracht, versammelt, und der Adlerwirt buchstabierte ihn zusammen. Die Frauen konnten damals noch nicht lesen und schreiben, es war noch nicht Sitte bei den Bürgersleuten, daß vorwitzige Mädchen sich auch um die Wissenschaften der Männer kümmerten, sie hatten etwas anderes zu tun in Haus und Hof und Küche.

Als der Peter sah, wie schwer es dem Adlerwirt fiel, den Brief vorzulesen, goß er seinen Schoppen hinab und näherte sich langsam dem Familienkreis.Nicht bloß aus Neugierde. Er war ein besserer Leser, hatte mehr Umgang mit geschriebenen und gedruckten Sachen als andere Leute, vielleicht konnte er aushelfen.' Und er stellte sich auf die Paß.

Aber der dicke Adlerwirt winkte ihn fort. »Bleib' Er uns vom Leib jetzt!« rief er dem Peter hochmütig zu und las weiter. Die Frau Theres aber, seine Schwester, suchte diese Abweisung zu mildern. »Laß Er sich noch ein' Schoppe gebe, Peter«, sagte sie und zwinkerte ihm zu. Er verstand das. Später rief sie ja doch ihn oder einen Hilfslehrer und ließ sich den Brief noch einige Male vorlesen. Das war jetzt in zwei Jahren der dritte. Ob er wieder von dem Konstabler Pleß war, dem Ulmer Taugenichts, der zu den Kaiserlichen gegangen, als er sein Groß-Mütterliches durchgebracht hatte? Die schöne Theres vom Adlerwirt in Blaubeuren hätte dem Mosje gefallen, aber sie war schon an den Sohn vom »Blauen Hechten« in Ulm versprochen, er hat sie nicht gekriegt. Weiß der Kuckuck, wie der erfahren haben mag, daß die Theres jetzt als Wittib wieder in ihrem Vaterhaus sitzt. War er doch mit dem Prinzen Eugen nach Hungarn gezogen gegen die Türken und bis nach Belgerad gekommen. So schön hat er das der Frau Theres beschrieben in den früheren zwei Briefen. Das ganze Städtle hat sie gelesen. Was mag in dem neuen stehen?

Der Peter retirierte. Er nahm Platz bei ein paar Bauern von der rauhen Alb, bei Männern aus dem Blautal und von weiter her. Sie waren seine guten Bekannten von der Landstraße, er begegnete dem und jenem hundertmal im Jahr. Und der Ulmer Bote war wohlgelitten bei allen. Er wußte immer etwas Neues, sie hatten oft ihren Spaß mit ihm.

Und er hatte ihnen schon manchen Bären aufgebunden. Heut führten sie ein ernstes Gespräch, klagten über allerlei Nöte der Zeit. Der hatte fünf Söhne, jener vier und ein anderer gar sechs. Wo soll der Mensch Grund und Boden hernehmen für sie? Das Stift gibt keine Scholle her, der Graf weiß nicht, wieviel Robottage er verlangen soll, wenn ein Bauer ein Stück Feld pachten will. Handwerker mußten die Buben werden und Soldaten, in die Fremd' mußten sie alle. Dem sein Ältester diente in der Schweiz, jener hatte zwei Söhne als Handwerker in Wien, einen als Soldaten in Paris. Und dem Nikolaus Eimann waren schon zwei Söhne zu den Kaiserlichen gelaufen und einer zu den Holländern. Soldaten wurden sie auf Lebenszeit, weil die Steuern zu hoch und das Land zu klein war. Wo diesem und jenem die Kugel bestimmt sei, wisse nur Gott.

Der Peter Fischer horchte auf. Und er lächelte überlegen. »Hab ich euch nicht oft gesagt, daß, ihr zu viel Kinder habt? Aber laßt's gut sein, 's wird, alles anders werde, die Schwabe, die kein Platz mehr habe daheim, die gehe in Zukunft uff Amerika. Die neue Welt g'hört uns, wenn eure Weiber so fruchtbar bleibe. Laßt's gut sein!«

Sie lachten und wollten mehr wissen von der neuen Welt. Und der Peter war nicht sparsam mit Worten. Er hatte manches gelesen im Blättle. Die ganze Rheinpfalz sollte schon seit Jahren unterwegs sein nach Amerika. Und das Auswanderungsfieber falle immer mehr Leute an.

Der Eimann zahlte dem Peter einen dritten Schoppen, um von ihm zu erfahren, wie man am leichtesten und ungefährlichsten da hinüber käme in das vielgelobte Neuland. Er hätt' die Kurasche, sich's einmal anzusehen. Heißt es doch, daß man dort um einen Gulden Ulmer Münz zehn Morgen Land bekomme. Der Peter bestätigte das. Leiser fügte er hinzu: »Und keine Herre! Keine Pfaffe und keine Grafe habe dort was zu schaffe.«

Der Adlerwirt war vorgekommen aus der Familienecke beim Hoffenster, in der sich die Seinen versammelt hatten. Trotz dem Widerstreben der Schwester, die es nobler haben wollte und sich gern in das Herrenstüble nebenan zurückgezogen hätte, hielt er an der alten Überlieferung fest: Der Wirt und seine Familie gehörten in die Wirtsstube, unter die Gäste. Alle sollten glauben, sie wären bei ihm eingeladen, sagte sein Vater wie oft. Und der war ein guter Leutgeb.

Er begrüßte den und jenen, erkundigte sich nach den Marktpreisen, nach der Familie, nach der Gemeinde. Da saßen ein paar kernhafte Erzbauern, die wie die Könige auf ihrem Grund und Boden lebten und vom Markt immer mit vollem Beutel heimkehrten auf die Alb. Sie sonderten sich gern ab von den Kleinbauern und Häuslern. Aber mit halbem Ohr hörten sie doch auf das laute Gespräch an dem Tische des stattlichen Eimann aus Gerhausen. Jetzt schüttelte der Wirt auch diesem die Hand. Und der hub gleich einen Diskursch mit ihm an. Was der Adlerwirt von Amerika halte, wollte er wissen.Dort säßen schon die Engländer, meinte der Wirt. Und die vergunnen keinem Schwaben einen guten Bissen. Von den Pfälzern seien viele als Bettler wieder heimgekehrt. Er wisse jetzt ein besseres Land. Und daheim könne man von Ulm auf der Donau fahren.»Hungarn?!« rief der Peter. »Das kann nur Hungarn sein.«»Der Bote weiß es schon«, sagte der Wirt lachend. »Der spioniert alles aus.« Und er setzte sich zu den Leuten und erzählte ihnen, was seine Schwester Theres wieder für einen Brief bekommen habe. Der Jakob Pleß – der aus Ulm – habe ihr geschrieben, das ganze Hungarn wäre jetzt gesäubert vom Türken, und es sei Friede. Der Eugenius habe viele Soldaten entlassen und es jedem freigestellt, sich dort drunten anzusiedeln im Banat, rings um die Festung Temeschwar. Nicht einen Kreuzer kostet das. So viel Land einer bebauen könne, so viel bekäme er. Gleich könnte der Jakob, wenn er Landwirtschaft verstünde, fünfzig Joch haben und Haus und Hof. Der Kaiser habe dem Prinzen Eugenius und seinen Feldherrn große, herrenlose Güter geschenkt zur Belohnung. Mancher hat zwanzig bis dreißig Dörfer. Aber die seien menschenleer. Man brauche überall Ackerbauern und Handwerker. Und der Jakob meint, die überzähligen Schwaben sollten halt kommen, wenn sie Kurasche haben.

»Umsonst?« »Ganz umsonst Grund und Boden?«

»Fufzig Joch?« riefen einige durcheinander. Und sogar die Erzbauern spitzten die Ohren.

»So schreibt der Jakob«, erwiderte achselzuckend der Adlerwirt. »Und es wird wohl wahr sein.«

»Des stinkt«, sagte einer. »Wird sein' Hake habe«,, brummte ein anderer.

»Na, ja«, warf der Peter ein, »manchmal ischt halt die Pescht dort zu Gascht. Aber sunscht is die Gegend g'sund.«

»Davon schreibt der Pleß nix«, sagte der Adlerwirt verweisend. »Der wird ein reicher Mann dort.«

Eimann hatte einen roten Kopf bekommen. Der Gedanke an seine sechs Söhne und diese gute Gelegenheit, sie zu versorgen, machte ihm heiß. »Da sollt mir doch glei ufbreche – glei uf der Stell‘» rief er.

»Abwarte! Abwarte!« sagte der Adlerwirt. »Der Jakob meint, es werd' die Zeit komme, wo der Kaiser die Leut' rufe muß.« Und er ging weiter, zu anderen Gästen.

Frau Theresia Scheiffele, die blonde junge Wittib vom »Blauen Hechten« in Ulm, saß mit einer Handarbeit still in ihrer Ecke und bedachte den Inhalt des Briefes, den sie erhalten hatte. Die Schwägerin war in die Küche geeilt und die anderen verliefen sich auch, sie saß allein ... Wer hätte gedacht, daß der Jakob so treu sein könnte. Sie war schon Braut, als sie einmal nach Regensburg hinab fuhr mit einer Pleßzille, und da hatte der Jakob sie gesehen. Ein Glück, daß die Mutter mit dabei gewesen. Auch er gefiel ihr in seiner kleidsamen Schiffertracht. War ein strammer Bursch, der Jakob. Und so verliebt. Zwei Wochen später war er in Blaubeuren und wollte um sie anhalten. Nicht glauben konnte er's, daß es zu spät wär'. Und als sie dann nach Ulm heiratete und die 'Wirtin vom »Blauen Hechten« war, da packte es ihn mächtig. Unter die Soldaten lief er und ließ jahrelang nichts hören von sich. Freilich sagte man, daß es andere Gründe waren, die ihn den Werbern in die Arme getrieben, aber sie wußte es besser ... Und jetzt möchte er sie wohl wieder haben. Warum schreibt er ihr so oft? Und er erzählt ihr, daß er frei sei und wisse, wie man reich und angesehen werden könne. Warum schickt er ihr sogar Soldatenlieder, die sie dort drunten auf den Prinzen Eugenius gemacht haben? Wenn der Herr Kantor wieder auf einen Schoppen kommt, muß sie ihm das neueste Lied doch zeigen, ihr Bruder hat es nicht recht lesen können. Stehen auch Notenköpfe unter den ersten Zeilen, und die kann doch nur der Herr Kantor lesen. Überhaupt wird sie erst erfahren müssen, was eigentlich hinter dem neuen Brief steckt, wenn ihn wer anderer vorliest. Sie traut ihrem Bruder nicht recht; er hat gegen den Schluß hin, wie es schien, manche Zeile breitgeschlagen. Der hat seine Pläne mit ihr. Aber sie wird die Augen aufmachen; sie läßt sich kein zweites Mal einen Mann einreden. Hat genug an dem ersten gehabt, der ein Säufer gewesen. Gott hab' ihn selig. Wenn der Jakob, der Narr, in Ulm geblieben wär', hätt' alles anders kommen können. Sie säße jetzt nicht wieder daheim. Wär' vielleicht seine Frau Schiffmeisterin.

Zum Konstabler hat er's gebracht bei den kaiserlichen Kanonieren. Und zweimal war er blessiert. Ist, er am End' ein Krüppel? Schreiben tut er nichts davon, aber das müßt' man doch wissen. Für einen halben Mann ist sie sich zu gut mit ihren achtundzwanzig Jahren... Wie alt kann denn er jetzt sein? Dreißig; mehr nicht, sagt sie sich.

Und wie ihr Bruder wieder in ihre Nähe kommt, verlangt sie, daß er ihr den Brief noch einmal lese. Er ist brummig. Morgen sei auch ein Tag. Nun ja, heute ist Markt, das Geschäft geht vor, es kommen immer neue Leute. Und es schickt sich wohl, daß sie der Gretel und dem Bruder hilft. Verlangen tut's niemand von ihr, aber sie ist eine Wirtstochter und weiß, was zwei Hände mehr wert sind im Geschäft.

»Eine Maß Ulmer Bier schafft der Herr Pfarrer von Kirchheim? Ja? Und ein Paar Wiener Würstel? Ja?«

Mit ihrem schönsten Lächeln hatte die Frau Theres den neuen Gast begrüßt und ihn mit seiner Begleiterin in das Herrenstüble nebenan gewiesen. Jetzt griff auch sie ein; die Mittagsstunde war gekommen und der Markt zu Ende. Mancher trank einen Schoppen mehr, nur um von ihr bedient zu werden. Dem Peter Fischer aber steckte sie heimlich den Brief zu. Er möchte ihn genau durchbuchstabieren und ihr dann vorlesen. Später, in ihrer Stube.

Der alte Fuchs strich sich mit der flachen Hand über seinen grauen Scheitel, und sein Zöpfchen wackelte vergnügt im Nacken. Das trägt noch ein Trinkgeld heute. Und die Neugierde brannte ja auch lichterloh in ihm. Er verzog sich aus dem Gastzimmer und suchte ein stilles Plätzle, wo er sich in den langen Brief einlesen konnte. Es möchte dem groben Adlerwirt vielleicht nicht recht sein, wenn er merkte, daß der Ulmer Bote den Brief jetzt doch hatte. Vielleicht gibt es da was aufzuschnappen; der Eimann wär' gewiß erkenntlich für einen guten Rat. So ein Feldhungriger war ihm noch nicht vorgekommen. Der lauft zu Fuß nach Hungarn, wenn ihm dort wer eine Elle dürres Land schenkt.

Also, was schreibt denn der Ulmer Spatz aus Temeschwar?

In die Scheune hatte Peter Fischer sich begeben, wo sein Wägelchen eingestellt war, und dort las er den Brief des Jakob Pleß. Er redete laut mit und polterte in jeden Satz hinein, so daß niemand klug geworden wäre, was in dem Brief stünde, wenn er ihn belauscht hätte.

»Ei, ei, ei! Nicht mehr Soldat? Friede von Passarowitz geschlossen. Das Wort wird sich der Mensch merken müssen. Prinz Eugen nach Wien, Regimenter auf Friedensstand, General Mercy kommandiert jetzt im Banat, ein hitziger Lothringer, der es dem Eugenius zuvortun will... Schau, schau ... Er sucht alle entlassenen Soldaten im Land zu behalten ... Schöne Entlassung! – Gibt uns, was wir wollen ... Ach so! Die Schwaben hat er gern. . . Brav, brav ... Wer ein Handwerk kann, ist sein Mann ... Mit uns will er aus dem elenden Türkennest eine neue schöne Stadt aufbauen, – so wie Ulm ... Warum nicht wie Paris? ... Ich bin ein halber Ingenieur geworden bei ihm, baue Forti ... Fortifikationen – hol' dich der Satan! – und Häuser ... Weiß aber etwas viel, viel Besseres, wenn wir fertig seind. Dazu gehört nur ein braves Weib, die das Wirtsgeschäft versteht ... Ahan! Ahan!. Eine neue Stadt, eine Festung, in der oft viele große Herren logieren müssen, und nirgends ein ordentlicher Wirt ... Alle sind sie jetzt fort mit dem Eugenius, die deutschen Sieger, der Markgraf Ludewig von Baden, der Kurfürst Max Emanuel von Bayern und mancher Held aus Schwaben; aber tausende Soldaten sind als freie Männer allhier verblieben und haben keine deutschen Mädchen ... Hahahahal... Beim Markgrafen Ludewig haben sie vor Jahr und Tag eine Bittschrift submissest unterbreitet vor seiner Abreise, er möchte ihnen deutsche Mädchen schicken. Da hat der Markgraf gelacht; er werde dieser Not abhelfen, werde es in Stuttgart austrommeln lassen, sagte er. (Der Peter lachte laut auf.) Aber das ist lange her, und die Schwabinnen kommen nicht. Ich soll euch fragen, ob ihr nicht erfahren könnt, wann der Markgraf Ludewig sein Versprechen erfüllen tut, oder ob er schon gestorben ist ... Man redet allhier viel davon, daß der Graf Mercy ein Referendum nach Wien gemacht habe, worinnen er die Hofkammer bittet, das öde Land Hungarn zu bevölkern mit allen Nationen von Europa. Bauern will er, Ackerbauern. Es sei Platz für Hunderttausende im Land. Ich bin ein Stadtmensch und verstehe davon nicht viel. Aber wenn der Kaiser ruft, dann sollen nur viele Landsleute kommen, sie kriegen alles umsonst. Aber, liebwerte Frau Theres, wenn Ihr einen einschichtigen Ulmer Spatzen direktement glückselig machen wollt, überdenkt einmal, ob eine Donaufahrt von Ulm bis Peterwardein nicht eine schöne Weltreise wär'.. – Nehmt Brautjungfern mit, so viel Ihr wollt, wir verheiraten sie hier alle an Männer mit Haus und Hof und fufzig Joch Feld. Mein Vater wird Euch seine schönste Zille geben, und in drei Wochen seid Ihr hier, wo der ewiglich treue Jakob in Liebe wartet. Der Pfarrer ist schon bestellt. Sagt nicht nein, wenn meine Brautwerber kommen. Ich bin ein ehrlicher Bursch gewesen all mein Lebtag. Vertrauet mir, vielteure Theres... »Ah, um die Zeit is! Der Gickel möcht' balzen!« rief der Peter.

So hatte er langsam aus dem schwer leserlichen Brief den Kern herausgeschält, und er las ihn noch einmal, um sich dann vor der Frau Theres auszeichnen zu können. Es glückte ihm denn auch. Sie war sprachlos über den Schluß, den ihr der schlaue Bruder nur so hudelig vorgelesen hatte, daß sie nicht gescheit daraus wurde. Ganz wirblig war ihr zu Mut. Hatte sie sich's doch gleich gedacht, daß ein Schwab, der in zwei Jahren drei Briefe schreibt, ernste Absichten haben mußte. Sechs Ulmer Batzen gab sie dem Boten für die Vorlesung, die er zweimal wiederholen mußte, bis sie jedes Wort auswendig kannte und wußte, wo dies und jenes stand. Der Bruder sollte sich wundern, wie jetzt sie ihm den Brief vorlas.

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