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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Vater und Sohn am Werke

Nein, gar gesund sah er nicht aus, der junge Mercy. An dem Alten flogen diese heißen Arbeitsjahre spurlos vorüber, aber der Neffe trug schwer an ihnen; dieses Klima zehrte ihn auf, seine frische Jugend war früh welk geworden.

Wie glücklich war er damals aus Wien heimgekehrt; er kam als Bräutigam zurück. Selige Wochen verlebte er mit Lottel; der Hofkammerrat gab seinen Segen zu dem Bund der Herzen, und auch vom Oheim, dem Gouverneur, war die Zustimmung noch eingelangt, während der Major dort weilte. Und nun warten sie beide voll verzehrender Sehnsucht auf die Erfüllung ihrer Wünsche. Er in diesem Sumpffiebernest, von hundert Gefahren umringt, sie, zu strahlender Weiblichkeit aufgeblüht, im Schatten des Wiener Hofes, ständig von Bewerbern umschwärmt.

Oh, das foltert ihn oft mehr als sein Wechselfieber, das nicht mehr von ihm weichen will.

Er hat es dem Hofkammerrat gelobt, ein paar Jahre zu warten, treu auszuharren an der Seite des stürmischen, tatenhungrigen Oheims, und den Mittler zu machen zwischen ihm und Wien, damit das große Werk gelinge. Und er war das dem Oheim auch ohne jenes Gelöbnis schuldig. Aber es dauerte zu lang! Und das wollte keiner der beiden alten Herren einsehen. Sie wirkten, sie handelten und hatten eine große Lebensaufgabe; sie fühlten nicht, was sie der Jugend vorenthielten. Und was sie ihr nahmen, war nie wieder zu ersetzen.

Sein Widerstreben wuchs mit jedem Tag, er wollte diese familiären Ketten brechen und dieser Tyrannei des Oheims und Vaters, neben dem man ja doch nichts bedeutete, entfliehen. Sein Wille unterjochte alle, sein Starrsinn gab nie zu, daß auch ein anderer etwas verstand. . . Graf Anton sehnte sich nach der Braut und nach einem eigenen Wirkungskreis. Aber wenn dann das Fieber kam und ihn schüttelte, daß die Zähne klapperten, da wurde sein Wille schlaff, und er wagte es nicht, seine Lottel an diesen Ort auch nur zu wünschen ... Er litt seelische Qualen in diesem Hause, und lange hielt er es nicht mehr aus.

Das war ein Kommen und Gehen ohne Unterlaß, ein Verhandeln und Konferieren, ein Begutachten und Verwerfen, ein Anspannen aller geistigen und körperlichen Kräfte bei Tag und bei Nacht. Als wäre das Haus des Gouverneurs der Brennpunkt für die Erschaffung einer neuen Welt, so ging es da zu. Die Erbauung der gewaltigen Festung Temeschwar, die jedermann rühmte und jedermann werden sah, war für den Mann, in dessen Haupt alle Fäden zusammenliefen, nur eine Angelegenheit zweiten Ranges, denn dieser Ausbau war auf eine lange Frist angelegt, und er vollzog sich mechanisch unter den Händen erprobter Fachmenschen. Das Land da draußen, dieses Herzogtum ohne Bewohner, das war seine große Sorge. Über hundert

neue Dörfer mit allem, was dazu gehörte, waren schon ausgemessen oder angelegt andere durch Zutaten erweitert, und die Besiedelung vollzog sich Schritt für Schritt. Künftige Städte, wie Weißkirchen und Werschetz, standen schon als Gemeinwesen da, andere waren geplant oder wurden aus Trümmerhaufen allmählich neu erbaut. Moräste waren auszutrocknen, meilenweite Sümpfe zu entwässern, Wasserläufe zu regulieren, die sich in der Ebene träge ausbreiteten und in hundert Arme zerteilten. Die Festung Peterwardein war zu einem Gibraltar an der Donau zu gestalten, die Militärgrenze, deren Plan dem Haupte des Generalissimus entsprungen, war zum Schutze des Kulturwerkes, das da erstand, mit kriegerischen Stämmen zu besiedeln und auszubauen, für die Jahrhunderte festzulegen. Und ein Banater Milizkorps mußte auf die Beine gebracht werden gegen die fortgesetzten Tatareneinfälle und gegen die Räuberbanden, die sich allerorten hervorwagten, seitdem es hier Menschen gab, denen man etwas nehmen konnte. Sollten die Tausende da draußen in Frieden ackern, sollten sie säen und ernten und zu steuerkräftigen Bürgern dieser kaiserlichen Provinz erstarken, brauchten sie in diesem wilden Lande den mächtigen Schirm und Schutz eines Herrn. Aber mit dem Ackerbau war das Werk nur halb getan; die Gewerbe mußten belebt, die Industrien des Westens hierher verpflanzt werden, denn die Rohprodukte, die dieses Neuland in Fülle hergab, waren wertlos, wenn sie nicht in höhere Erzeugnisse menschlicher Betätigung verwandelt werden konnten. Zahlreiche Werkstätten und Fabriken erhoben sich im Südosten der Festung, Schlote rauchten, die Weberschifflein flogen, Mühlen klapperten und Hammer- und Sägewerke klopften und schleiften, und es bildete sich schon eine eigene Stadt um all diese Betriebe, diese holländischen Ölpressen, diese Tuch- und Hutfabriken, diese Papiermühlen. Und ein Stolz waren die Pumpwerke für die Trinkwasserversorgung der Festung. Die hunderttausende Maulbeerbäume aber, die Mercy aus Sizilien herbeischaffte, und die jetzt alle Landstraßen einsäumten, sie ernährten die Millionen Seidenraupen, die die erste Seidenfabrik des Landes mit ihren goldigen Kokons beschenkten. Und die Todesstrafe hatte er ansetzen müssen für die Beschädigung der Maulbeerbaumkulturen. Die Todesstrafe! Hängen ließ er jeden, der seine idealen Kreise bösartig störte. Er dürstete danach, alles Nützliche und Schöne, das er auf seinen Heerfahrten im Elsaß, in Frankreich, in Italien und Sizilien gesehen, hierher zu verpflanzen, in sein künftiges Paradies; er lockte eine Unzahl von Menschen aus aller Herren Länder in das Banat, und der Name des Kaisers, den er dafür ausspielen konnte, verdoppelte die Zauberkraft, die das Neuland ausübte, in dem man alles umsonst bekam, in das man nichts mitzubringen brauchte, als seine Arbeitskraft und seine Gesundheit. Die freilich, die mußte fest sein.

Graf Mercy war umringt von talentvollen, strebsamen und arbeitsfreudigen Männern, die sich Ruhm und Ehre und eine neue Heimat erwerben wollten. Nichts fehlte, als das Gelingen, das Glück. Keiner seines Geschlechtes erreichte die volle Sonnenhöhe. Wird er sie erreichen? Wird es ihm beschieden sein, in das gelobte Land zu gelangen, das sein geistiges Auge so nahe sieht? Er glaubt an seinen Stern, er fühlt die Kraft von tausend Fäusten in der seinen, und es schreckt ihn kein Widerstand und kein Mißlingen; was widerstrebt, das wirft er nieder, und was mißlingt, wird zehnmal wiederholt. Man muß es zwingen, das Glück.

Das sagte er täglich seinem bleichen Antoine, das sagte er heute auch dem Obristkapitän der Grenzer, der ihm Bericht erstattete über wilde Aufruhrszenen bei den Illyriern, und verlangte, daß er die Deutschen zurückziehe aus dem Grenzgebiet von Weißkirchen. Die Kroaten und Serben seien eifersüchtig auf die Fremden; sie wollen sie nicht dulden.

Da fuhr Mercy auf.

»Wer ist da der Fremde? Und wer will nicht dulden?« So schrie der Gouverneur den Obristkapitän an. »Sie sind früher gekommen, die Illyrier, aber als Flüchtlinge. Vor Tod und Verderben haben sie sich herübergerettet aus der Türkei, und sie sollen uns als Grenzwacht dienen gegen ihre Todfeinde. Die Deutschen aber hat der Kaiser gerufen. Von einem Ende seines weiten Reiches verpflanzt er sie an das andere. Das sind keine Fremden. Und von Dulden kann keine Rede sein, Herr Obristkapitän. Neben den illyrischen Regimentern werden einst Deutsch-Banater Grenzregimenter dastehen, so stark wie sie. Wo einem Deutschen ein Haar gekrümmt wird, soll der Major den Knes der Gemeinde auf die Bank legen lassen. Fünfundzwanzig.

Der Obristkapitän wagte einzuwenden, daß es vielleicht beruhigend wirken möchte, wenn man auch Deutsche zu Robotarbeiten verwenden dürfte, oder wenn man schon jetzt deutsche Kompagnien bilden würde.

»Nein, nein«, rief Mercy, »die erste deutsche Generation ist frei! Will man den Weinstock beschneiden, ehe er Wurzel gefaßt hat? Darüber gibt es keine Debatte; Sie werden mir andere Vorschläge machen müssen, Herr Obristkapitän! Wo ich den Schwaben hinsetze, da bleibt er.«

Nun erinnerte der Obristkapitän, der sah, daß er einem eisernen Willen gegenüberstand, an seine anderen Beschwerden ...

»Soldrückstände? Seit drei Jahren? Das soll nicht sein. Das darf nicht sein!« sprach Mercy und ging an sein Schreibpult. »Lieber soll Gott warten als hungernde Soldatenfamillen.« Er schrieb ... »Unsere Domkirche hat noch Zeit«, sagte er resigniert für sich. Und er trennte sich wieder für ein paar Jahre von einem seiner Lieblingspläne, indem er dem Obristkapitän einen Zahlungsbefehl an die Kriegskassa einhändigte für die Grenzer.

So rauh wie mit seinen militärischen Kommandanten und Untergebenen, verhandelte er auch mit dem Sohn, mit seinen Ingenieuren, Fabrikanten und Baumeistern und namentlich mit den vielen Chirurgen, die er berief und die ihm doch alle nicht genügten, denn das Sterben hörte nimmer auf. Er hatte schon mehr Krankenhäuser im Lande bauen lassen als Gotteshäuser. Und hier in der Stadt? Daß Gott erbarm! War denn nur er selbst unempfindlich gegen dieses Klima? Jeder hatte seinen Klaps, keiner kam gesund von hier fort. Auch der Antoine wurde sein Fieber nicht los, und das bereitete ihm oft schwere Sorgen. Mußte er am Ende doch verzichten auf ihn?

Anton von Mercy trat ein beim Gouverneur, als der Obristkapitän der Grenzer sich entfernt hatte. Mit gelbem Gesicht und müden Augen stand er vor dem Oheim. Ja, seine Jugend war welk geworden in diesen Arbeitsjahren, die er dem Bau der Festung widmete und dem persönlichen Dienst des Adoptivvaters. Er war heute wieder todmüde, und Mercy erschrak bei seinem Anblick.

»Junge, was hast du?« fragte er. »Soll ich dich nicht dispensieren vom Dienst?«

»Ach nein; heute ist gar nicht mein Fiebertag«, sagte dieser gelassen. »Die Ingenieure vom Begakanal bitten um Gehör. Sie glauben die Lösung gefunden zu haben, wenn sie den Kanal vor der Stadt in vier, anstatt in drei Arme teilen dürfen. Ich war draußen mit ihnen und erklärte ihnen, was wir wünschen.«

»Ja, hast du? Der Kanal hätte nur den halben Wert, wenn er uns nicht auch die Festung gründlich ausspült und unterirdisch reinigt. Er muß viel tiefer gelegt werden, muß ein Gefälle kriegen auf seinem Weg um die Festung. Davon erhoffe ich die Gesundung der Stadt. Aber warum einen vierten Arm? Wieso?«

»Ingenieur Fremaut wird es erklären«, sagte Graf Anton. »Der Holländer findet den Plan des Kanals genial. Er wird uns hunderttausend Joch Sumpfland entwässern, er wird den Fabriken und Betrieben das nötige Holz zuschwemmen, und er wird eine lebendige Verkehrsstraße bis Neu-Barcelona (Das heutige Groß-Becskerek) sein und den Anschluß an die Theiß und die Donau bringen. Wenn er auch die vierte Aufgabe erfüllen könnte, meint Fremaut, dann wäre das ein Werk, das des alten Rom nicht unwürdig sein würde.«

Das Gesicht des Gouverneurs strahlte vor Vergnügen. »ja, sagt der Holländer das? Freut mich! Aber wir müssen ihm die Ideen geben, was? Nun, wenn er nur die Ausführung ermöglicht.«

Er unterbrach sich. »Aber Antoine, du hältst dich ja kaum auf den Beinen! Junge, was ist dir? Setz' dich! Setz' dich!«

Der Major griff nach der Lehne eines Stuhls. »Es scheint, daß es auch heute kommt... Muß nur gleich mein Chinin nehmen ... » So stotterte er, während ein arger Schüttelfrost ihn beutelte und zusammenrüttelte. Er setzte sich.

»Du machst mir Sorge... Ich kann das nicht länger verantworten ... du brauchst Luftveränderung, Antoine.«

»Ach, es geht vorüber«, sagte dieser und erhob sich wieder. »Ich werde die Ingenieure hereinschicken und mich ein bißchen hinlegen.«

»Tue das! Tue das! Wir reden später miteinander. Du mußt fort!«

Mit einem matten LächeIn um die fiebernden Lippen verließ Graf Anton Mercy den Saal. Fort? Das war ein erlösendes Wort! Gut, daß er es selber sprach ...

Der Gouv,erneur hatte einen scharfen Tag. Der Bau des Begakanals war eines seiner Hauptwerke, er wurde in gerader Linie von Facset gegen Temeschwar geführt, sollte sich hier in drei Arme teilen und nach Erfüllung all seiner Aufgaben, zu denen auch der Betrieb einiger Mühlen gehörte, auf einem Umweg von sechzehn deutschen Meilen wieder in sein altes Flußbett ergießen. Mercy hing mit Leidenschaft an diesem Werke, und er ließ sich nur schwer überzeugen, daß noch ein vierter Arm nötig sei, wenn all seine Hoffnungen sich erfüllen sollen. Die Kosten häuften sich, und die Wiener Stadtbank wurde immer schwieriger; sie war die alleinige Geldgeberin für das Banat, dessen Steuerkraft noch immer als kaum nennenswert bezeichnet werden mußte. Aber Mercy kannte keine halbe Arbeit. Ist der vierte Arm nötig, so muß er geschaffen werden. Und macht die Wiener Stadtbank Umstände, so wird er selbst beantragen, daß man ihr die ganze Provinz verpfände, wenn sie alle Mittel vorstrecke, das Banat in ein Kulturland zu verwandeln. In dreißig Jahren würde man ihr keinen Heller mehr schuldig sein. Mercy war kein Rechner, aber wenn er im großen Stil arbeiten konnte, traf sein Gefühl fast immer das beiläufige Ergebnis. Und wer an der Zukunft seiner Provinz zweifelte, den konnte er hassen In seiner Nähe duldete er keinen, der das tat, er brauchte seinen Glauben.

Und so hatte er denn heute nach kurzem Bedenken auch den vierten Arm des Kanals genehmigt. Er war überzeugt, daß er damit vielen zukünftigen Geschlechtern das Leben rette.

An die Verhandlungen mit den Ingenieuren schlossen sich noch andere Konferenzen, die Weltverbesserungspläne des Gouverneurs waren ohne Zahl und beschäftigten hundert Köpfe. Aber es gab auch erfrischende Ereignisse, die nicht lähmten und Opfer forderten. Die Italiener aus dem nahen Mercydorf brachten die ersten Seiderikokons und ein paar köstliche Melonen für die Tafel des Gouverneurs. Die Spanier aus Neu-Barcelona sendeten eine Abordnung mit Reis und Feigen und Oliven. Es gedeihe alles, sagten sie, nur gesund wäre niemand von ihnen. Auch Zuckerrohr möchten sie versuchen ... Das alles beschäftigte den Gouverneur über die Maßen, er konnte sich gar nicht trennen von den Abgesandten, die ihm solche Botschaften brachten, und er kam spät zu Tisch. Daß auch der Neffe sich erhoben hatte, um bei Tisch nicht zu fehlen, freute ihn. Er mußte reden können mit jemandem. Der Anfall schien wieder überwunden zu sein. Und jetzt gab es endlich eine Aussprache. Anfänglich redete Mercy nur von den Ereignissen des Tages, aß die Melonen der Mercydorfer mit einer Gier, die den Neffen besorgt machte, und er verkostete auch die Feigen und Oliven der Spanier ... Als man dann beim »Türkischen« saß, den Anton heute doppelt nahm, und die Tschibuks rauchten, da wurde der Gouverneur familiär, da kam das Väterliche zu Wort in ihm. »Also ich sehe ein, du mußt fort von hier ... Es wird mir hart sein. Wer soll dich ersetzen? Aber man soll über Dinge, die nicht zu ändern sind, nicht viel nachdenken.«

»Also, ich gehe nach Wien, Herr Papa?« fragte Graf Anton.

»Nein, nein, mein Herr Maior, Sie trachten zuerst gesund zu werden«, sprach lächelnd der Gouverneur. »Man erschreckt seine Braut nicht durch ein solches Aussehen. Und wenn man knapp vor dem Obrist steht, wartet man das ab.«

»Ach, Charlotte nähme mich selbst als Leutenant. Und gesund werde ich unterwegs«, sprach Graf Anton.

»Das ist die Frage. Ich weiß aber, wo du ganz bestimmt gesund wirst. jenseits der Donau, in der Schwäbischen Türkei. Dort wartet eine Aufgabe auf dich. Dort ist ja auch erst halbe Arbeit getan. Geh' hin, inspiziere meinen Alterssitz in Högyész, weihe mein unbewohntes Schloß ein durch einen kurzen Aufenthalt und schau, was meine Lothringer machen. Grüße sie von ihrem Grafen. Lothringen wird Trumpf in Österreich, sag' ihnen. Unser junger Herzog freit um Maria Theresia. Er wird einst Kaiser werden ... Und bist du gesund, mein Sohn, dann hole dir die Braut heim. Mein Segen ist mit euch.«

»Heim, Papa? Wohin?«

Der Gouverneur sah überrascht auf.

»Hm. Fürchtet sie Temeschwar so wie du, dann gehe nach Högyész mit ihr. Ich komme noch lange nicht. Mein Tagewerk hier ist noch nicht getan ... Du bist jetzt dreißig? Es ist eigentlich die höchste Zeit für einen Merty, denn sehr alt werden wir alle nicht.«

Graf Anton lächelte. »Bei Ihrer Unempfindlichkeit gegen dieses Klima –«

»Wer weiß denn, wo und woran er stirbt? Du gehst jetzt von mir; wer sagt, daß wir uns wiedersehen?«

»Papa, ich bringe Ihnen meine Frau hierher. Mit solchen Gefühlen überlassen wir Sie hier nicht Ihrer Einsamkeit«, sagte Graf Anton warm.

»Diese Gefühle habe ich immer gehabt, mein Sohn. Und ich dachte jetzt mehr an einen möglichen Krieg ... Aber es sollte mich freuen, wenn das Fräulein Charlotte die Courage hätte ... Zur Hochzeit werde ich ja nicht kommen können... Mit ihrem Papa«, sagte Mercy lächelnd, »hätte ich manches Hühnchen zu pflücken. Das kannst du ihm sagen. Aber die Verwandtschaft verpflichtet zur Nachsicht ... Warum arbeitet er nicht daran, daß dieses Land zu einem selbständigen Fürstentum erhoben wird? Ich frage! Man versäumt da etwas! ... Und die Wiener Stadtbank soll er mir warm halten, wir brauchen Geld, viel Geld. –. Auch einige Fragen, die er neulich wieder gestellt hat, kannst du ihm mündlich beantworten. Er wollte wissen, ob adelige Familien im Banat seßhaft wären. Nein, nicht eine einzige! Es muß ein leeres Geschwätz sein, daß es hier jemals magyarische Edelsitze gab, da sich nicht eine Familie gemeldet hat. Und dann – hast du nicht auch gelacht darüber – wollte er genau wissen, wie viele Magyaren es in Temeschwar gebe. Ich habe es schon erheben lassen: drei! Ein kleiner Kaufmann, ein Kutscher und ein Bedienter.«

Graf Anton lächelte. »Wie das wohl kommt?«

»Das Klima hat ihnen hier nie gefallen. Die warten, bis wir das Land des heiligen Nepomuk trocken gelegt und ausgeschwefelt haben.. .« Er lachte. »Ihr Primas verlangt übrigens ununterbrochen in Rom, daß der Nepomuk wieder abgesetzt werde. Der sei ein Böhme gewesen und kein Hungar.«

Mit solch munteren Gesprächen half sich der Gouverneur über die Abschiedsstimmung hinweg. Und schon am nächsten Morgen trat Graf Anton seine Reise an, obwohl ein Hauptfiebertag vor ihm stand. Er hatte öfter gehört, daß man dem Wechselfieber entfliehen könne. Und er floh. Aber seine Kutsche fuhr nicht durch das Peterwardeiner Tor, nein, sie rumpelte durch das Wiener Tor hinaus.

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