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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Bei den Sieben Kurfürsten

Bei den »Sieben Kurfürsten« in Temeschwar saß sich's gut. Da gab es nicht nur eine Herrenstube, da mußte gar bald Raum geschaffen werden auch für die Bauern, für die Einwanderer aus dem Deutschen Reich. Es zog sie alle hin zu der Herberge mit dem anheimelnden Namen, und es kamen auch immer wieder Landsleute, die dem Wirt und der Wirtin schöne Grüße brachten aus Ulm und aus Blaubeuren. Auch Handwerksgesellen kamen manchmal zu den Bauern aus der Heimat zu Besuch, aber die hatten ihre Herberge beim »Trompeter«, und wer sie brauchte, mußte sie dort suchen. Und sie waren gar stolz, spreizten sich wie Herren, denn es war ein groß Geriß um sie.

Der Johann Staudt und der Michel Luckhaup, die damals mit dem Vater des Jakob Pleß in Regensburg gesprochen hatten, sie waren nicht in Verlust geraten, wie man in Wien glaubte, o nein, sie bestellten ihre Grüß ein Temeschwar als die ersten bei dem jungen Paar. Mit ihnen war das Glück. Sie kamen schon von Ofen mit ihrem Gewährbüchlein in der Tasche und wurden sogleich angesiedelt. Damals ging es noch rascher, da mußte man noch nicht so lange bei den Rentämtern herumlungern und die Kontrollore und die Kanzelisten schmieren, so wie heute. Die Ingenieure kamen mit dem Vermessen des Landes nicht nach; niemand war vorbereitet auf so viele Menschen. Und da sag man denn wartend in der Bauernstube bei den »Sieben Kurfürsten«, wo die schon Angesiedelten, die oft zum Markt kamen, regelmäßig einkehrten, und wo die Neulinge sieh Belehrung holten und Zuspruch, wenn sie verzagen wollten. Verzagen? Pah! Es war Platz für alle, nur Geduld mußte man haben. Das Warten war auch nicht so schlimm; der Gouverneur sorgte für alle wie ein Vater. Das Leben in der Stadt war freilich teuer. Sechs Kreuzer täglich bekam denn auch der Hausvater, sechs die Mutter, drei Kreuzer jedes Kind. Mußte man auf dem Lande warten, gab es zwei Kreuzer und eine Halbe Mehl per Kopf, für Kinder ein Seitel Mehl und einen Kreuzer. Aber es gab auch Arbeit für jeden. War das Haus, das einem fertig hergestellt und auf Abzahlung gegeben wurde, noch in Arbeit, so konnte man daran gegen Taglohn selber mitarbeiten und sieh noch sechs Kreuzer täglich verdienen. Beim eigenen Haus! Wer unterdessen bei anderen Leuten einquartiert wurde, für den zahlte das Rentamt einen Schlafkreuzer pro Kopf an den Herbergsvater. Das Hausbauen war einfach. Es gab nur gestampfte Häuser. Zwischen das dichte Weidengeflecht, aus dem die Winde gebildet waren, wurde der mit Spreu vermengte Lehmbrei geschüttet und festgestampft. Aber die Vorschriften für die Ausführung waren streng, denn es gab Aufseher, die mit den Zimmermeistern im Einvernehmen schwindelten. Der Staudts Hannes hat sieh's nicht gefallen lassen, als man ihm ein Haus hinstellte, das nur Zimmer, Küche und Stall hatte. »Oho!« sagte er. »Wo is die Kammer?« Er war einer, der lesen und schreiben konnte und um die Vorschriften wußte. Elf Klafter mußte jedes Haus lang und drei Klafter breit sein, acht Schuh hoch mußten die Wände aus der Erde herausragen und Zimmer, Küche, Kammer und Stall waren vorgeschrieben. Das hatte er gelesen. Und ein wasserdichtes Rohr- oder Strohdach verlangte er, damit der Hausboden im Winter warm und im Sommer kühl blieb. Kein Kukuruzstroh, das leicht faulte, o nein! Der Staudt sagte es ihnen gehörig und hat seine Kammer dazu bekommen. Zweihundert Gulden kostete so ein Haus, wenn es fertig war, und der Brunnen, der immer zuerst gegraben werden mußte, war auch unter fünf Gulden nicht herzustellen. Mit dieser Summe wurde man angekreidet im Rentamt, das hatte man in sechs Jahren abzuzahlen. Da war es denn ganz gut, wenn jeder selbst mithalf beim Bau seines Hauses und beizeiten nach dem Rechten sah.

Und noch hundert andere Dinge bekäme man vom Kaiser, erzählten die Leute den Neulingen, die es nicht wußten. Vier Pferd, eine Kuh und zwei junge Schweine konnte jeder haben auf Abzahlung. Und alles erdenkliche Geräte für die Land- und Hauswirtschaft. Nicht geschenkt, o nein; nichts, was von Menschenhänden gemacht wurde, bekam man umsonst, aber man kriegte es billig und auf Zeit. Geschenkt wurde einem nur der Grund und Boden. Der kostete niemanden etwas, den hatte Gott erschaffen.

Da horchten die Leute aus dem Schwarzwald, von Baden und Württemberg, aus Elsaß und Lothringen, aus Trier und Fulda und Bamberg, aus Luxemburg, aus der Pfalz und dem Breisgau, aus Mainz und Fürstenberg, Nassau, Franken und Baden-Baden, aus Schwaben und der Schweiz, aus Tirol und der Steiermark, aus Schlesien und Böhmen. Und bedienen tat sie die Susi aus dem Blautal, sie bekamen nur heimatliche Gesiehter zu sehen und hörten nur deutsche Worte. Die deutschen Mundarten, die sieh daheim nie zusammenfanden, hier führten sie einen lustigen Krieg miteinander, in dieser Fremde, die ihnen allen zur Heimat werden sollte. Die Schwaben und Pfälzer waren in der Mehrheit, das hörte jeder, der Ohren hatte. Der ehemalige Hilfslehrer Leonhard Wörndle aus dem Elsaß, der jetzt richtig Schuldirektor in Temeschwar geworden war, kam fleißig zur Frau Theres bei den »Sieben Kurfürsten«, und er versäumte es nie, auch in die Bauernstube zu gehen. Das Heimweh plagte ihn sehr, und jeder Landsmann aus dem Elsaß war ihm wie ein Bruder. Und er fand ein wahres Vergnügen darin, hier den babylonischen Verständigungskrieg der heimatlichen Dialekte zu belauschen. Und er prophezeite am Herrentisch drüben, daß da eine ganz neue deutsche Mundart entstehen müsse, an der sich die Gelehrten in zweihundert Jahren die Köpfe zerbrechen würden, weil sie daheim nicht zu finden sein wird. Man werde ein Banater Wörterbuch herausgeben als deutsche Rarität, sagte er.

Die Neuangekommenen beklagten sieh in manchem Betracht. Sie sollten nachweisen, ob sie etwas besaßen. Die Beamten wollten wissen, was sie mitbrachten. Einzelne bekannten dem Rentmeister ein, daß sie zwei- und dreihundert Gulden besaßen und wohl auch noch aus der Heimat etwas zu erwarten hatten; andere dachten »Schmecks!« und gaben sich als Bettler aus. Sie fürchteten, daß sie am Ende alles hergeben mußten für einen ungewissen Besitz.

Da war die Bauernstube bei den »Sieben Kurfürsten« der richtige Ort zur Aufklärung. Nur einbekennen! sagte der Luckhaups Michel aus Guttenbrunn. Lieber mehr als weniger! Man nehme Bettler nirgends gern, weder die schon Seßhaften wollen sie, noch die Beamten. Jedem, der ein Bauer ist, gebühre freilich eine Session von zweiunddreißig Joch nebst Haus und Hof. Man gibt sie ihm aber lieber, wenn er etwas mitbringt. Wer sich als Bettler ausgibt, der kriegt in der Regel das geringste Feld und muß sieh doppelt plagen.

Und der Luckhaup erzählte auch eine Geschichte von einem Spitzbuben. Kommt einer in unser Dorf, sitzt fünf Freijahre ab, erntet, zahlt nichts ans Rentamt und geht davon; läßt sich aber in der Bácska drüben noch einmal ansiedeln und denkt wohl, dort dasselbe zu machen. Den habe der Mercy erwischt! Zum Schiffziehen auf der Donau habe er ihn verurteilt, und seine Frau hat in einen Dienst gehen müssen.

Die Gretel war gerade hereingekommen, die Frau Oberkellnerin, und hat das gehört. »Pßt! Pßt!« machte sie. Man möcht' doch im Haus des Gehenkten nicht vom Strick reden, sagte sie und deutete mit dem Daumen nach rückwärts. Die Susi wär' ja die Unglückliche. Ihr Mann sei ja der Filou, der zum Schiffziehen verurteilt worden ist. »Welche Susi?« fragten einige. »Na, die euch da immer bedient! Die blasse, stille, die ihr nimmer zum Lachen bringen wollt. Sie ist mit mir zugleich aus der Heimat gekommen.«

»Und du kennscht auch den Mann?«

»Ob ich den kenn'!« sagte die Frau Margarete Anderl höhnisch. Sie war ein bisserl breit geworden, die Gretel, in den ersten fetten Jahren, die sie in dem neuen Gasthof mitmachte, und sie fühlte sich. Ihr Mann, der Joseph mit dem Waldhorn, ist jetzt Gärtner beim Herrn Gouverneur, aber sie hat ihre Stelle noch immer nicht aufgegeben, sie muß verdienen für ihre Kinder, zu denen sie die Mutter hat kommen lassen, weil sie Wittib geworden war. Und auch aus alter Treue bleibt sie. Die Frau Theres; hat keine Mutter, muß selber auf ihre Buben schauen, und da braucht sie die Gretel im Geschäft.

Man drang in sie, mehr zu erzählen, aber sie sträubte sich. Konnte doch die Susi jeden Augenblick mit dem Luckhaup seinem Paprikagulyasch hereinkommen oder mit dem Staudt seiner Halbe Bier. Die taten heute groß, hatten ihren Weizen gut verkauft auf dem Wochenmarkt.

Und so war es auch, die Susi kam. Die Stille, die plötzlich eingetreten war bei ihrem Erscheinen, machte

sie ganz verzagt. Sie wußte nicht, wohin sie schauen sollte. War gewiß wieder von ihr die Rede gewesen. Am liebsten hatte sie sieh in ein Mausloch verkrochen. Die Frau Gretel erbarmte sich ihrer und schickte sie hinauf in das Generalszimmer, Ordnung machen. Hat wieder ein hoher Herr dort übernachtet und war grad' zum Gouverneur zu Besuch gegangen. Nur geschwind Ordnung machen.

Da lief die Susi.

Jetzt konnte die Frau Gretel reden und die Neugier der Männer befriedigen. Ob denn der Luckhaup Michel nit wisse, wie der Mann geheißen habe? fragte sie. »Wie soll ich das nit wisse? Anton Oberle hat er g'haaße und aus Schwaben war er«, sagte der und verzog den Mund, weil der Köchin das Paprikahäferl ausgerutscht war bei dem Gulyasch.

»Des stimmt«, erwiderte die Frau Gretel. »Aber wer er war, des wißt Ihr nit.«

Ja, war er denn koin Bauer?« fragte einer.

»Nit die G'schpur!« rief die Gretel. »Schiffmeister war er beim Vater Pleg in Ulm. Unser Schiffmeister, wie m'r mit der Braut, der Frau Theres, die Donau runnerg'fahre sin bis Peterwardein.«

»Was?!« schrie der Staudts Hannes und sah den Luckhaup an. Dieser aber lachte laut auf. »Naa, naa, so 'was! Des hot m'r doch glei' g'sehga, daß des koin Bauer nit is. Mer hüwe uns oft krank gelacht über seine Stückel. Nit 's Leitseil hot er orndlidi halte kenna, mit jed'm Plug hot er a paarmol umg'schmessa. Aewer's bescht Feld hot er g'hat im Darf, 's is ehm alles geglickt.«

»E Schiffmeister!« riefen die andern.

»Uff'm ganze Weg bis Wien«, fuhr die Gretel fort, ,hot er die Frau Theres mit seiner Lieb' verfolgt. Die Braut hot er dem Herrn Pleg unnerwegs abfische wolle. Aber sie hot ihm bei der Landung in Wien g'sagt, er soll aussteige aus ihrem Schiff und geh'n, wohin er will, sie nehme ihn nit mit. Hat er sich nit uff's Bitte verlegt? Die Schand überlebe er nit ... Na, ein guter Schiffmeister war er, sei' Sach' hot er verschtanne, des muß m'r sage, und so hat sieh die Frau Theres; wieder b'sunne und nachgegebe. Für die weit‘ Fahrt durchs Ungerland war er nit zu verachte. Also mir fahre mit ihm. Bei Preßburg schon hot er sieh an mich wolle anmache, der Hallodri. Ich soll doch den ‚teppete Gartner, mein‘ ' Anderl, sein losse, soll mit ihm gehe. Er wolle ein

Schiffbauer werde do drunne bei de Terke, und da brauche er eine Kuraschierte, so . wie ich. Na, mei Josepp hat ihm die Kuraschi abgekauft; beinah' ins Wasser hot er'n g'schmessa. Dernoch hat er mich in Ruh gelosse und hat sieh a annere g'sucht, der Lüdrian. 's ware noch zwa Moidle do. Wie m'r uff Neusatz und Peterwardein komme sin, hat der OberIe Anton große Auge gemacht. Da war ja alles voller Schiff'! Schönere, wie er se mache hitt' könne.

Des ware die Schiff vom Prinz Eugenius, die er aus Wien mitgebrunge. Zum Kriegführe uff der Donau hat er se gebraucht, und die dauern noch heunt, die sin nit umzubringe. Mit ei'm lange Gesicht is a die Frau Theres dag'schtanne, ihr braves Brautschiff war in Peterwardein nit so viel wert, wie sie geglaubt hat. Der Herr Bräutigam, der uns erwart't hat, hat's Schiff beinah verschenke müsse. Und da hat der Anton Oberle g'sagt: a was, ich werd e Bauer. Un die Susi, die m'r schon uff'm ganze Weg verdächtig war, is mit ihm gange. Sie a Schreinerstochter, er a Schiffmeister, habe sich für Bauersleut ausgegebe da hier und dem Mercy sei' Leut' betroge. 's hat a schlecht's End genomme. Jetzt zieht der frühere Schiffmeister als Sträfling Schiffe von Pancsova nach Neusatz, und sie is wieder da bei uns im Dienscht.«

»Recht is ehm g'schebga!« sagten einige Männer. »Schuschter, bleib bei dei'm Leischte!« die andern.

Der Luckhaups Michel aber meinte, der Oberle hätte trotz alledem mit der Zeit ein Bauer werden können, wenn er Fleiß und Geduld gehabt hätte. Aber er war ein fauler Strich und ein Haderlump dazu. Er sei immer als letzter ausgefahren am Morgen und als erster abends heimgekehrt. Und die walachischen Weiber in den Nachbardörfern habe er öfter besucht als seine Felder. Auf einmal verkaufte er seine Gäule, seine Kuh und alles das, was er selber noch schuldig war. Und fort war er samt dem Weib. Und zwei Walachinnen haben Kinder von ihm gehabt, die Susi aber nit. Der Luckhaup lachte. »Läßt Haus und Hof und eine Session Felder stehe und liege und tschapiert wo annerscht hin,wo er wieder alles umasunscht kriegt.«

»Zigeuner! Zigeuner!« riefen einige.

Die Frau Gretel aber sagte: »Er tut m'r laad. Er hätt' drobe bleibe solle in Ulm beim Vater Pleß. .Jetzt ziehgt er mit Räuber und Dieb' Schiff'. Die Frau Theres will emol zum Gouverneur geh'n und um sei' Begnadigung bitte.«

»Verdient's nit!« sagten die deutschen Männer.

Der Staudt und der Luckhaupt die schon lange unterwegs sein sollten, wenn sie vor Abend heimkommen wollten, gingen einspannen. Zuerst versicherten sie sich, ob ihre Flinten, die sie im Wagenstroh mitführen, in Ordnung wären. Als sie zum Wiener Tor hinausfuhren, begegnete ihnen ein Reiter mit goldenem Kragen, und hinter ihm kamen ein paar Zivilherren zu Pferde. Der Luckhaup rückte seinen Hut. »Des war der Jung' Mercy!« sagte er zum Staudt.

»Soo? Gar g'sund guckt er nit aus«, erwiderte dieser. Und sie trieben die Gäule an. Die erhaltene Aufklärung über ihren einstigen Dorfgenossen hatte sie höchlich ergötzt, und sie erzählten sich auf der Heimfahrt immer noch neue Stückeln vom Anton Oberle. Solange sie ihn bloß für einen faulen Bauern gehalten haben, war das alles gar nicht so lustig. Jetzt lachten sie sogar in der Erinnerung an seinen Gang. Die gespreizten Beine, die er immer machte! Es war so protzig. Aber das kam wohl vom vielen Stehen auf den wackelnden Schiffen. Er gehörte halt nicht auf die feste Scholle, meinten sie, »in die Marascht (Marosch) hädde mer'n glei' schmeissa solle.«

Lachend fuhren sie über Jahrmarkt und Bruckenau heimwärts. Zwei schöne neue Gemeinden gleich hinter dem Jagdwald von Temeschwar. Schade, daß zwischen diesen Schwabendörfern und ihrer Heimat zwei walachische Dörfer lagen, meinte der Staudt.

»Ah, des is nit schad'!« sagte der Luckhaup. »Unser' Kinner wer'n die schun auskaafe!«

*

Die Frau Theres saß in den Nachmittagsstunden, wenn das Geschäft sie losließ, bei ihren Kindern und bei der Base Gutwein in der großen oberen Wohnstube. Die Base war recht alt geworden in diesen Jahren, und sie klagte ständig über die Fülle ihrer Leiden. Dabei sah sie wohl aus und wurde dick. Es starben ihr nur zu viel Menschen. Das Zügenglöcklein zu hören war ihr eine Marter. Und es läutete recht oft in der lieben Festung Temeschwar. Sie seufzte nach einem Garten, nach einem Stückchen Grün. Aber das gab es nicht.

Seit Jahren liegt auch die Frau Theres dem Jakob in den Ohren, er möchte doch ein Stück Grund in der Mehala (Ein ehemals türkischer Vorort, der noch heute diesen Namen führt) erwerben und dort ein Sommerhäuschen bauen, er möchte sich doch seiner blassen Kinder erbarmen. Aber er tat es nicht, er brauchte seine ganze Kraft für das Geschäft, und er brauchte die Frau in diesem Geschäft. Sollte er sie mit den Kindern am Ende fortschicken? Oder konnte man die vier Kinder der Base überlassen? Immer wieder beredete er die Frau, abzustehen von ihrem Verlangen, die Kinder müßten sich eben gewöhnen an das Klima ihrer Vaterstadt. Solange sagte er das, bis ihm ein Mäderl starb, und der Obermedikus den anderen frische Luft verordnete. für wen habt Ihr die »Sieben Kurfürsten« errichtet?« fragte der weißbärtige Doktor den Jakob Pleß. »Gebt Eure Kinder fort und ruft sie wieder, wenn sie erwachsen sind. Was hier geboren wird, das wird nicht alt.«

Das packte den Mann. Ganz fortschicken? Am Ende gar nach Ulm? Nein. Aber er erfüllte den alten Wunsch seiner lieben Frau. Er war kürzlich in die Stadtvertretung gewählt worden, er gehörte jetzt zu den ersten unter den behausten Bürgern und wollte, daß sein Geschlecht hier blühe, wie es an der oberen Donau blühte, wo seine älteren Brüder eine reiche Nachkommenschaft hatten. Er war es den Kindern schuldig und sich selber. Und er ging in die Mehala hinaus und erwarb eine Hütte und einen Grund. Leonhard Wörndle begleitete ihn. Der neue Schuldircktor war außer sich über die Jugend, die ihm anvertraut war. Er hat es als Lehrer mit ansehen müssen, wie die Kinder während des Unterrichts das Fieber schüttelte, aber als Direktor will er das nicht mehr. Er suchte auch einen Grund, und er wollte den Stadtrichter und den Gouverneur dazu bewegen, daß man jeden Morgen mit den Kindern hinauswandern dürfe aus der Festung, um sie im Freien zu unterrichten. Lieber im heißen Sonnenbrand auf einer Wiese als in dem feuchten Schulhaus neben der Festungsmauer. Noch lachte man über diesen Plan, noch hielt man den Antragsteller für ein wenig verrückt, aber er wird ihn schon durchsetzen, wenn nicht beim Solderer, so beim Mercy, dessen war er gewiß. Der Gouverneur war für jede gute Sache zu gewinnen.

Beide kehrten befriedigt heim. Und Frau Therese freute sich nicht nur darüber, daß der Jakob die gekaufte Hütte schnell wollte herrichten lassen, so daß man noch diesen Herbst draußen sein konnte; sie nahm auch verständigen Anteil an dem Plan ihres Freundes Wörndle, den sie selber hierher gelockt hatte durch ihre schönen Briefe, die sie nach Blaubeuren schreiben ließ. Er dankte es ihr; er war nicht einen Tag in der Fremde hier und gewann einen weiteren Wirkungskreis als in der alten Heimat. Jetzt schreibt er selber immer die Briefe für die Frau Theres dahin. Der Jakob war zu faul dazu und seine Hand auch nicht so gelenk. Und er ließ sich nie 'was in die Feder sagen, schrieb eigenwillig. Der Wörndle aber paßte auf und schrieb, wie sie sich's dachte und es ihm vorsagte.

Heute war nach langer, langer Zeit wieder einmal ein Brief aus Ulm gekommen. Hatte ihn ein Einwanderer gebracht.

»Schau, Jakob, was ich hab'!« rief die Frau Theres ihrem Mann entgegen. »Ein' Brief von der Mutter!«

Wenn er nur das Wort Mutter aussprechen hörte, war ihm schon warm. Ob allen Menschen so wohl wurde bei dem Gedanken an die Mutter? Ihm war ihr Gedächtnis der Stern, zu dem er in der Fremde aufblickte, als Soldat und in allen Gefahren. Daß sie den starken Vater überleben würde, hätte er nie gedacht, er glaubte immer, sie würde sich in den tausend selbstgeschaffenen Sorgen verzehren um sie alle. Wie ihm die Theres einst erzählte, daß sie ihr noch vom Ufer herab, als das Schiff abging, zurief, sie möchte ihn nur recht lieb haben, da hätte er heulen mögen, so ergriff es ihn. Und jeder ihrer Briefe hatte die gleiche Wirkung auf den großen, alten Menschen.

Die Theres wußte es, und sie ließ ihn mit dem Brief allein; sie bewirtete den Wörndle, der sich erhitzt zu ihr und der Tante Gutwein gesetzt hatte und von der Mehala erzählte. Türkensäbel und Münzen und Gefäße aller Art pflügten dort die Bauern zutage; er hatte heute wieder einiges aufgelesen und zeigte es. »Das sollte man alles aufheben«', sprach er, »für unsere Nachkommen. Ein Haus müßte man bauen mitten in der Festung zu Ehren ihrer Vergangenheit, ehe der Sumpfboden ringsum alles verschluckt hat.«

»Baut lieber 'mol a orndliche Kerch!« rief die Base Gutwein. »'s is a Schand, wann m'r uff Ulm oder Regensburg heimdenkt«

Da hatte nun Wörndle seine liebe Not, der alten Frau zu erklären, was es heiße, einen Dom zu bauen wie der Mercy ihn haben wollte, in einem Lande, das noch nichts hergebe als das Brot.

»Und Ihr wollt für so e alt's Gelump eigens e Haus baue?« rief sie höhnisch. »Zuerst kommt Gott.«

Da steckte er seine Funde ein. Man verstand ihn nicht.

Mit gerötetem Gesicht kam Jakob Pleß aus seiner Stube. Wortlos überreichte er der Therese den

Brief der Mutter und ging wieder hinaus.

»Soll der Herr Wörndle ihn vorlesen?« rief sie ihm nach. Er nickte und verschwand.

»Gewiß wieder 'was besonders Herzweiches«, dachte sie sich, »weil er gar nicht dabei sein will.« Und der Herr Wörndle las:

»Herzlich geliebte Kinder! Sohn und Tochter! Mein schwächliches Alter von 78 Jahr hält es für Schuldigkeit und Pflicht, als zärtliche Mutter an Euch zu denken und zu schreiben. Ich hoffe in meinem späten Alter, meine wenigen Zeilen werden Euch, so der Allerhöchste will, in allem Wohlsein antreffen, welches meine herzlichen Wünsche, und, als treue Mutter, die auch in der größten Entfernung dennoch Mutter ist, in mein beständiges Gebet mit vielen Tränen einschließe, das Euch der gütige Vater der ewigen Liebe Euch gesund und wohl in seinem reichen Segen erhalte.«

Wörndle schöpfte Atem. Dann las er weiter:

»Was meine alte, schwächliche Person betrifft, so ist wenig davon zu sagen. Das Alter ist schon eine Krankheit, die schwer zu tragen ist; im übrigen bin ich beständig kränklich, und ich glaube, dieses würde wohl das letztemal sein, an Euch, liebe Kinder, zu schreiben. Man könnte Euch, liebe Kinder, von unserer zurückgelegten Zeit vieles schreiben, allein der liebe Jakob Müller, der Wagnermeister, soll Euch seinen Brief zu lesen geben; er ist dort in einem deutschen Dorf, und sein Bruder hier hat ihm alles von den Zeitläuften wunderschön geschrieben. Euer Bruder aus Blaubeuren, der »schwarze Adler«, war bei mir und sagte, es wäre eine gar geldklemme Zeit, Ihr möchtet ihm wenigstens bis Martinij warten, das Geld liege gut auf seiner Wirtschaft. Habt nicht Sorge. Es hat viel Frucht geben, aber die Leute vom Land sagen, es wär' kein Abgang und alles wohlfeil, seitdem nichts mehr die Donau hinabgehen tue. Wächst denn jetzt, liebe Kinder, alles bei Euch selber? Vordem hat unser gottseliger Vater der kaiserlichen Armee immer Fruchtschiffe müssen nachschicken ins hungarische Land. Mein lieber Jakob hat auch, ohne daß er es geestimiert hätte, bei Peterwardein und Belgarad Brot gegessen, aus deutschem Korn gebacken. So lang' ich denke, ziehen deutsche Regimenter und deutsche Bauern, deutsches Brot und deutsches Geld diesen himmelweiten Weg da hinunter, und es kommt keiner mehr zurück. Wo seid Ihr alle, alle, alle? Herzlich geliebte Kinder, es getröstet mich der Gedanke ewiglich, Ihr müßt in einem deutschen Lande sein, und Eure Kinder und Kindeskinder werden treue deutsche Menschen bleiben. Mit vielen Tränen begleite Euch, grüße Euch als alte Treue, die dem Grabe nahe ist und Euch nicht mehr sehen kann. Lebet wohl, lebet fromm, die Zeit rückt auch heran, daß Ihr mir ähnlich werdet. Ich küsse Euch und meine Enkelgen mit dem Kuß der mütterlichen Zärtlichkeit, und bin bis in mein baldiges Grab beständig aufrichtige Mutter

Maria Elisabetha Plessin.

N. B. Noch dieses zu erinnern; der Bruder der Theres und alle meine Kinder, Enkelgen und Großenkelgen lassen Euch nochmalen besonders grüßen, mit dem allerfreundschaftlichsten Liebesgruß. jeden Tag, den Gott gibt, reden sie von Euch. Tuet dasselbe und gedenket immer derer, die Euch von Herzen lieben. Lebet christlich, so werdet Ihr einst selig sterben und im Frieden, wie Eure alte Getreue.«

Sie sprachen kein Wort, als Wörndle zu Ende war. Der Brief hatte sie alle zu sehr ergriffen. Welch ein Mutterherz! Welch ein unerschöpflicher Schatz von Liebe und Güte und Weisheit!

Die Base Gutwein schneuzte sich, und die Theres hatte ihr jüngstes auf den Schoß genommen und herzte es. Der Pleß ließ sich nicht blicken. Diese Briefe waren seine Qual und seine Freude. Und er dankte Gott, wie oft, daß auch seine Kinder eine so liebreiche Mutter haben, wie er zeitlebens eine gehabt hat.

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