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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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In den Auen von Mohltsch

Heiße Tage waren gekommen, der Frühsommer legte sich drückend über die weite Ebene, und die Gewitter rollten brausend über sie hin. Das spärliche Korn, das draußen stand, kaum kniehoch und von Unkraut durchwuchert, wurde gelber mit jedem Tag. Philipp Trauttmann, der mit seiner Arche durch diese Steppen einem Ziel entgegenfuhr, wunderte sich nicht wenig. Sollte dieser Boden, nicht mehr hergeben können? Er untersuchte unterwegs manches Feld und schüttelte den Kopf. So flach arbeiteten die Leute hier? Die deutschen Pflüge gehen tiefer, sagte er sich.

Baron Pista war endlich zum Notär Martonffy nach Mohätsch geritten, und sie studierten gemeinsam den Akt, den die Mutter aus Wien mitgebracht hatte; samt allen Beilagen studierten sie ihn, denn in diesen waren die Formalitäten und Bedingungen entwickelt, unter denen die Hofkammer ihre Siedlungen vornahm. Nur wenn man die gleichen Bedingungen gewährte, konnte man hoffen, deutsche Kolonisten zu bekommen. Der alte Martonffy kannte sie wohl, diese Bedingungen. Aber er wußte auch, daß die Herren Grafen und Barone, die jetzt alle gern Ansiedler gehabt hätten, sie nicht ehrlich gewährten. Es gab ständig Zank und Streit, und die Kolonisten wanderten wieder ab. Martonffy warnte vor ähnlichen Versuchen, und Baron Pista glaubte, versichern zu dürfen, daß es bei ihnen nicht so kommen würde. Man müsse nur den Vater auf irgend eine Weise gewinnen. Er wisse noch nicht, wie.

Gegen Abend geleitete der alte Notarius seinen Gast aus der Stadt hinaus. Er wolle ihm etwas zeigen, sagte er. Sie wateten in dem fußhohen Staub des Lehmbodens gegen das Ufer der Donau hin und kamen in die Auen. Da hörten sie Stimmen, da sahen sie Rauch aufsteigen hinter den Weiden und Rusten, da wurde sogar gesungen.

Was das bedeute, fragte Baron Pista.

Martonffy lächelte. »Hier landen die Wiener Auswandererschiffe. Hier übernachten häufig die Schwaben, die nach dem Banat und in die Batschka wollen« , sprach er.

»Und die singen?«

Ja«, sagte Martonffy, »derDeutsche hat für jede Lebenslage ein Lied... Wir haben übrigens Glück. Es scheint, daß heute mehrere Schiffe da anlegten.«

Während dieses Gespräches traten sie in eine Lichtung hinaus, in der sich ein farbenreiches Volksbild vor ihnen auftat. Deutsche Leute in den bunten Trachten ihrer Heimat lagerten und standen da plaudernd beisammen, einige Frauen kochten am offenen Feuer in kupfernen Kesseln ein Abendessen, eine Gruppe junger Mädchen aber sang einen Choral, und ein weißhaariger Alter gab den Takt dazu. Abseits von diesen trugen Männer und Buben gefällte junge Weidenstämme herbei und bauten offene Hütten, die sie mit Reisig deckten. Ein paar Frauen, die Säuglinge an der Brust hatten, sahen ihnen zu. Sie wurden wohl für sie und ihre Kleinen bereitet, diese schützenden Dächer.

Martonffy fragte einen helläugigen blonden Buben nach dem Schiffmeister, und dieser rief ihn herbei. Die Bauern sahen sich verwundert um nach den zwei Herren, einige Männer grüßten. Und der Notar fragte den Schiffmeister nach dem Ziel der Reise und nach der Herkunft der Leute. »Alles geht ins Banat«, sagte er. Jeden Tag kommt jetzt ein Schiff.«

»Woher sind alle diese Menschen?« fragte Pista.

»Herr, i glaub' aus Baden sein s'. Näheres wüßt' i net. Da müßt Ihr schon den Pfarrer fragen, den sie bei sich haben«, war die Antwort. »Mir Schifferleut' sein aus Wean.«

»Einen Pfarrer haben sie bei sich?«

»Ja freilich. Zwahundert Familien mit ihrem Pfarrer und einem Schulmeister sein da. Die zwa haben ihre Stuben auf'm Schiff.«

Martonffy rief einige Männer an, die sich neugierig genähert hatten. Lauter bartlose, glatte Gesichter. Keiner hatte eine Pfeife im Munde. »Guten Abend, ihr Leute. Ihr seid gewiß schon lange auf der Reise, was?«

»Vier Woche, Herr«, antwortete einer.

»Und zwei wird's noch dauern, bis ihr an Ort und Stelle seid«, fuhr Martonffy fort. »Möchtet ihr nicht lieber hier bleiben? Ich weiß euch Herrschaften genug, wo ihr alles so haben könnt wie im Banat. Es wohnen schon sehr viele Deutsche da bei uns.«

Einer der Männer, ein braunhaariger Riese mit einem Dreispitz aus grobem Filz auf dem Kopf und einem langen weißen Leinenrock, antwortete: »Mer suche koin Herrschafta; mer kriege freies Land im Banat. Robotte tun m'r nit.«

»Freies Land? Das kriegt ihr auch hier auf der rechten Seite der Donau. Habt ihr denn noch nichts gehört von der schwäbischen Türkei? » sprach Martonffy.

Die Männer schauten sich an. Sie hatten das Wort noch nicht gehört. Einer meinte, sie sollte man sich doch angucke, die schwabisch Terkei. Die anderen lachten. »Werd schier ein Spitznam' sein«, meinten sie.

Da erschien der Pfarrer, der vom Schiffmeister war verständigt' worden, daß zwei Herren da wären. Ein starker, großer Mann mit einem festen Blick aus dunklen Augen. »Was beliebt den Herren zu wissen?« fragte er und lüftete den Hut. »Ich bin der Pfarrer Plenker aus Baden-Baden und führe meine Gemeinde ins Banat. Wir haben kaiserliche Pässe.«

»O bitte, bitte, Hochwürden«, entgegnete Martonffy. »Wir sind nur Neugierige. Ich bin der Notär Martonffy aus Mohaitsch, und der junge Herr Baron Parkoczy, mein Begleiter, hätte auch Lust, zu kolonisieren. Sein Vater ist Großgrundbesitzer.«

Der Pfarrer maß Pista mit einem prüfenden Blick. »Es kommen noch Tausende hinter uns«, sagte er. »Von meiner Gemeinde trennt sich keiner.«

»Das ist doch seltsam, Hochwürden«, sagte Pista, »daß ganze Gemeinden bei Ihnen auswandern. Ist das Elend so groß in Deutschland? Sie sehen doch nicht aus wie Bettler, diese Leute.«

»Bettler? Meine Herren, da ich Sie heute sehe und vielleicht nie wieder, so will ich Ihnen die volle Wahrheit sagen«, sprach der Pfarrer. »Meine Gemeinde ist wohlhabend, unter uns gibt es keine Bettler ... Nur die übermütigen Herren sind schuld, daß ihre Untertanen davonlaufen. Ihre Streit- und Herrschsucht lockt immer wieder den Feind ins deutsche Land; bald zinst man dem, bald jenem, und wer gerade der Herr ist über die Leiber, der meint auch die Seelen kuramissieren zu können. Die Urgroßväter meiner Gemeinde waren katholisch, die Großväter sind evangelisch geworden. Ihre Nachkommen aber hat man vor dreißig Jahren zum Katholizismus zurückgeführt, und jetzt soll das neue Geschlecht wieder evangelisch werden. Sind wir denn eine Viehherde. Ich habe eine Predigt darüber gehalten und darin die Frage aufgeworfen, wem Jesus Christus das Recht übertragen habe, die himmlischen Angelegenheiten zu entscheiden. Hat er es dem Herodes übertragen? Nein. Dem Tiberius? Nein. Er hat es seinen Jüngern, seinen Aposteln übertragen, und zu alleroberst dem Petrus. Man hat daher in Fragen der Religion nicht den weltlichen Herrn zu gehorchen, sondern denen, die von Petrus kommen. Nach dieser Predigt habe ich das Patent des Kaisers von der Kanzel verlesen, worin er katholische deutsche Einwanderer für das Banat sucht und ihnen alle erdenklichen Freiheiten zusichert. Selber sind die Leute zu mir gekommen und haben mich gebeten, sie in das gelobte Land Hungarn zu führen, ins Banat. Wie die Juden in Agypten dem Moses gefolgt sind, so wollen sie mir alle folgen', sagten sie. Und so führe ich sie jetzt in eine neue Heimat.«

»Darum also, darum!« rief Pista, der dem Pfarrer voll Ehrerbietung zugehört hatte.

Martonffy aber fragte: »Also breitet sich jetzt der Protestantismus so sehr aus in Deutschland?«

»Nein, Herr Notar, nein!« sprach der Pfarrer. »Wir haben nur zu viele souveräne Herren. Aus einem anderen Ländchen wieder wandern Protestanten aus, weil sie katholisch werden sollen. Die Herren sind schlecht beraten. Ich sehe in ihrer Nichtachtung der menschlichen Seele den stärksten Grund zur deutschen Auswanderung. Dazu kommt für viele, die auswandern, die Befreiung von Fron und Robott. Tausende, die daheim kein Eigentum erwerben konnten, die wollen es sich hier erarbeiten. Sie werden ein Segen werden für dieses Land.«

Von der Stadt her erklang der Ton einer Glocke. Martonffy schaute nach der Sonne. Sie war untergegangen und der Rückweg für ihn und seinen Begleiter nicht kurz. Daß der Pfarrer sich jetzt empfahl, um mit seiner Gemeinde das Abendgebet zu verrichten, zu dem die Glocke rief, das kam ihm nicht ungelegen.

Der Führer seiner Gläubigen schritt in die freie Lichtung hinaus, und der alte Schulmeister, der vorhin den Takt schlug zum Gesang der Mädchen, hatte schon auf ihn gewartet. Er pflanzte ein schlankes Kreuz in der Mitte der Lichtung auf. Und es sammelten sich die Hunderte, die den gemeinsamen Zug in das gelobte Land Hungarn unternommen, um ihren Hirten. Dieser entblößte sein Haupt und faltete die Hände. Die Gemeinde aber kniete nieder. Und ihr Führer sprach mit lauter, glockentiefer Stimme das Abendgebet. »Oh, mein Gott und Vater! Am Schlusse dieses Reisetages knien wir noch einmal nieder, um mit dankbarem, demütigem Herzen vor dir zu beten. Deine Güte war es, die uns am Morgen gesund und heiter erwachen ließ, deine Gnade führte uns auch heute wohlbehalten über alle Gefahren hinweg an ein Ziel, und deine Liebe wird wachen über uns auch in dieser kommenden Nacht. Gütigster Vater im Himmel, habe auch ferner Geduld mit unseren Schwachheiten und Fehlern und verzeihe uns um Jesu, deines Sohnes willen, der sein kostbares Blut für uns vergossen hat, wenn wir dich heute beleidigt oder eines deiner Gebote übertreten haben. Unter deiner Obhut legen wir uns in dieser fremden, unbekannten Welt, in der vielleicht Gefahren auf uns lauern mögen, zur Ruhe. Du bist überall. Zu dir beten sie jetzt auch in dieser nahen Stadt, ihre Glocken verkünden es, und das stärkt unser Vertrauen. Deine Liebe schläft nimmer, du wachest über uns, auch wenn wir schlafen. O Gott, beschütze uns in dieser Nacht und wende alle Gefahren des Leibes und der Seele von uns ab. Laß uns in Frieden ruhen und unsere Kräfte erneuern für den kommenden Tag. In deiner Hand, o Herr, ist Leben und Tod. Du allein weißt es, ob wir morgen noch atmen, in deine Hände empfehlen wir unsere Seelen. Amen.«

Martonffy und Baron Pista, der heute die ersten deutschen Ansiedler gesehen hatte, entfernten sich leise während dieses Gebetes. Die Männer aber, mit denen sie zuerst gesprochen, stellten alsbald an allen vier Enden der Lichtung, in der die Gemeinde lagerte, Wachen aus für die Nacht.

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