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Der große Schwabenzug

Adam Müller-Guttenbrunn: Der große Schwabenzug - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
titleDer große Schwabenzug
authorAdam Müller-Guttenbrunn
year1913
publisherStaackmann Verlag
created20030917
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
firstpub1913
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Die Schwaben in Wien

Nicht umsonst war Graf Mercy damals in Wien gewesen; er hatte seine Zeit redlich genützt, als er wieder gesund geworden. Zuerst gewann er den Hofkriegsrat für seine Pläne, und das fiel nicht schwer, da jetzt Prinz Eugen dessen Präsident war. Der Prinz äußerte nur ein Bedenken: Es sei nicht im Interesse des Hofes, sagte er, in Hungarn ohne die Zustimmung des dortigen Landtages in so großem Stil zu kolonisieren. Das könnte später einmal zu Beschwernissen Anlaß geben. Und er wies den General an den Hofkammerrat Stephany, der vielleicht die Wege wisse, wie das Miraccolo eines Landtagsbeschlusses zu erzielen wäre, der die Ansiedelungen gutheiße. Er selber wolle nichts damit zu schaffen haben.

Und so kamen die beiden wichtigsten Männer zu einer gründlichen Aussprache, sie lernten sich kennen, sie wurden beinahe Freunde. Mercy war in jenen Tagen der Stärkere, und Stephany fühlte es. Persona gratissima bei Hofe, ein Freund des Generallissimus, von den Frauen als Held und Sieger angeschwärmt, selbstlos und charaktervoll – so stand der wiedergenesene General vor ihm und suchte seinen Rat, seine Mithilfe. Wofür? Er wollte ihn für ein Werk erwärmen, von dessen Bedeutung er selber längst erfüllt war, das ihm näher lag, als er im amtlichen Verkehr einzugestehen für klug hielt. Jetzt fanden sie sich rasch. Sie stimmten nicht in allem überein, der Graf wollte zu hoch hinaus, und er war ein schlechter Rechner. Aber Stephany konnte vielleicht Rat schaffen, er glaubte, die Wiener Stadtbank gewinnen zu können für die Finanzierung des Banats, wenn man ihr als Pfand genügend Grund und Boden verschrieb. Da lachte Merey. Das ganze Grundbuch der neuen Provinz sei ein weißes Blatt. Man könne der Bank ein Herzogtum verpfänden. Die politischen Bedenken des Prinzen Eugen teilte der Hofkammerrat nicht. Er fand sie namentlich gegenüber dem Banat ganz unberechtigt. Was hatte dort der hungarische Landtag zu reden? Aber staatsmännisch und klug waren sie gewiß, diese Bedenken. Und da der Landtag jetzt nach langen Jahren wieder zu einer Tagung nach Preßburg einberufen wurde, wollte er sich schon dahinter machen, daß die hungarische Hofkammer selbst den Antrag stelle, und das »Miraccolo« sich ereigne. Darum möge sich Mercy nur recht beeilen mit der Vermessung des Landes und der Anlage von Siedelungen.

Und so kehrte Mercy damals befriedigt auf seinen bedeutungsvollen Posten heim und ließ in Stephany einen Freund, einen Verbündeten zurück. Den letzten Abend hatte er mit seinem Neffen im Hause des Hofkammerrates verbracht, und das Fräulein Lottel bediente die Gäste ihres Vaters mit stiller Anmut. Beide, Oheim und Neffe, gelobten ihr ein freundliches Gedenken beim Abschied und überboten sich an Ritterlichkeit. Die Tante, die Zeugin dieses warmen Abschieds war, behauptete fortan, die Lottel könnte leicht einmal Gouverneurin im Banat werden, der General sei noch ein ganz riegelsamer Herr.

Und das erwünschte Wunder hatte sich ein Jahr später begeben, der hungarische Landtag faßte den Beschluß, es seien freie Ansiedler in das volksarme Land zu berufen, es sei ihnen Grund und Boden, so viel sie bewirtschaften könnten, erbeigentümlich zuzuweisen und eine sechsjährige Steuerfreiheit zu gewähren. Die Befugnis, sich Seelsorger und Lehrer ihres Glaubens und ihrer Nation mitzubringen, Gemeinden zu bilden und Obrigkeit durch freie Wahl zu berufen, war eine selbstverständliche. Eine neue Heimat sollten sie sich gründen und niemandem hörig sein. Der Kaiser und König aber wurde gebeten, für die Bekanntmachung dieser Patente im Deutschen Reich und in allen seinen Provinzen zu sorgen (Gesetzartikel 103 vom Jahre 1723).

Ei, wie die Augen des Generalissimus blitzten, als Stephany ihm diese Mitteilung machte. Jetzt riet er, rasch zu handeln, Deutsche zu rufen, nur Deutsche! Er habe auf seinen Gütern seit zwanzig Jahren nur deutsche Bauern und Handwerker angesiedelt, er kenne ihren Wert. Und der Hofkammerrat hatte im Einvernehmen mit Mercy längst jene Begünstigungen bis ins kleinste ausarbeiten lassen, die man gewähren konnte. Sie bedurften nur noch der Genehmigung des Kaisers. Aber bei Hofe wurde das Patent von unbekannter Hand geändert. Stephany ließ in seinem Entwurf die religiöse Frage unberührt. Jetzt war Katholisch Trumpf. Stephany wollte Deutsche berufen sehen, jetzt aber hieß es, die Aufforderung sei auch in Spanien, Italien und Frankreich zu verlautbaren, und ebenso bei den südöstlichen Nachbarn, den Serben und Bulgaren, die noch unter türkischer Herrschaft seufzten.

Das überraschte den Hofkammerrat am meisten, denn er glaubte gerade den Vorschlag, nur Deutsche zu berufen, am festesten gestützt zu haben, indem er sich auf ältere Beschlüsse und geheime Denkschriften berief. Hatte nicht schon 1689 die mit der Einrichtung Hungarns betraute Kommission unter dem Vorsitze des Kardinals Kollonitsch deutsche Ansiedler gefordert? »Damit das Königreich oder wenigstens ein großer Teil davon nach und nach germanisiert, das hungarische, zu Revolutionen und Unruhen geneigte Geblüt mit dem deutschen temperiert und mithin zur beständigen Treue und Liebe ihres natürlichen Erbkönigs und Herrn auf gerichtet werden möchte.« So lautete damals die geheime Formel.

Aber der Hof war heute ein anderer, und nicht umsonst wurde Spanien an erster Stelle genannt. Kaiser Karl hatte seinen kurzen spanischen Königstraum wohl aufgegeben und war heimgeeilt, um als letzter Habsburger nicht die Krone Karls des Großen zu verscherzen, aber er besaß viele treue Anhänger in Katalonien, die auf seine Gunst hofften, denn sie waren um dieser Treue willen daheim in die Acht getan worden. Die adeligen spanischen Herren, die ihrem König nach Österreich folgten, konnte er leicht belohnen, sie nahmen ihren Weg durch die Armee, andere erhielten geistliche Pfründen oder Herrensitze, die in der Zeit der Gegenreformation verwaisten. Aber das Volk? Man hatte viele hundert spanische Familien im Neapolitanischen angesiedelt und in Sizilien, aber sie fühlten sich dort nicht wohl. Nun, so mochten sie eben auch nach Hungarn kommen, ins Banat. Und die italienischen Provinzen standen dem Hofe ebenso nahe wie die deutschen. Im Elsaß und in französisch Lothringen aber gab es auch noch Freunde des Hauses Habsburg. Und Serben und Bulgaren? Nun, die rief man, weil man glaubte, sie würden den Türken alle davonlaufen und in das Nachbarland übersiedeln. Auf allzuviele Deutsche aber rechnete man nicht.

Der Hofkammerrat war nicht der Mann, gegen allerhöchste Aufträge zu murren. Er unterordnete seine bessere Einsicht wortlos dem Dienst des Kaisers. Und so flog das Patent durch Couriere in alle Welt hinaus, und die Zeitungen druckten es überall ab. Graf Mercy aber, der Gouverneur, paßte sich der neuen Lage noch besser an als Stephany, er suchte sie fruchtbar zu machen für sein Werk. Und er ließ dem Hofkammerrat durch seinen Neffen schreiben, daß er die Südländer willkommen heiße. Aber man solle sie ihm nicht ohne bestimmte Aufgaben senden, er erhoffe sich von ihnen die Pflege neuer Kulturen. Reisbauern brauche er und Seidenzüchter. Die hätten Zukunft dort. Auch edles Obst, Melonen, Feigen und Mandeln müßten in diesem Klima gedeihen, und er erwarte Südländer, die davon etwas verstünden. Die Hauptlinie bliebe dabei unverrückt: deutsche Ackerbauer und deutsche Handwerker! Und auch deutsche Schulmeister könne er nie genug haben.

Und in einer eigenhändigen Nachschrift fügte der General hinzu: »Von den ersten Mandelen, so hier gedeihen, will ich mit dero graziosem Töchterlein ein Vielliebchen essen.«

Der Hofkammerrat zeigte seiner Lottel, das seltsame amtliche Dokument. Sie aber fragte: »Und der Kapitän hat keine Nachschrift gemacht?«

»Nein, mein Kind«, erwiderte der Vater lachend. »So etwas darf sich der General erlauben, aber nicht der Adjutant!«

*

Und jetzt waren die Völker unterwegs nach Hungarn. Gerufen vom Landtag und vom Kaiser und König. Die Spanier und Italiener kamen von unten herauf, sie zogen über Kroatien heran, die Deutschen aber mußten sämtlich den Weg, über Wien nehmen. Und sie erschienen in ungeahnter Zahl, sie brachen in den letzten Wochen wie eine Sturzflut über die Kaiserstadt herein.

»Marandjosef, die Leut', die Massa Leut' riefen die Öbstlerinnen und Fischhändlerinnen beim Schanzl an der Donau, als Tag für Tag die Ulmer, Günzburger und Regensburger Schiffe dort landeten. Und als gar die drei Riesenflöße eingelaufen waren, da kam ganz Wien auf die Beine, jeder wollte die auswandernden Schwaben sehen. Und die vielen Landsleute, die sie in Wien hatten, drängten sich erst recht herbei, mit ihnen zu reden. Die Wiener wußten nicht, sollten sie Mitleid haben mit den Leuten, die in solchen Massen ihre Heimat verließen, oder sollten sie sie beneiden um ihren Mut und ihre Unternehmungslust. Nach Mitleid schienen sie kein Verlangen zu haben, die Schwaben, sie. sahen alle recht wacker und wohlgenährt aus. Und als ein Wiener Bürger so ein altes Schwäblein, das mit seinen Kindern und Enkeln auszog, um das Glück in der Fremde zu suchen, fragte, wie er sich in seinen Jahren noch zu so etwas habe entschließen können, da antwortete das Männlein: «Ei, überall, wo's Herrgöttle huset, do kann no allwil a Schwäble sei guet's Plätzle han.«

Die Beamten der beiden Hofkammern, des Hofkriegsrates und des Magistrates, die für die Unterkunft der Auswanderer zu sorgen hatten, waren bestürzt über den unverhofften Segen, den die Woche nach Pfingsten ihnen bescherte. Wohin mit ihnen, bis sie abgefertigt waren? Der »Regensburger Hof« am Lugeck, die »Stadt Nürnberg« waren teils überfüllt, teils nicht eingerichtet für solches Publikum, sie rechneten mehr auf Kaufherren aus dem Reich und nicht auf Bauern. Auch die »Blaue Ente« und der »König von Hungarn« waren spröde. Es blieben nur die großen ländlichen Einkehrgasthöfe in den Vorstädten draußen und der »Jassauer. Hof« am Salzgries. Aber auch sie genügten nicht. Wenn sich nicht die Klosterhöfe auftaten oder die Kasernen, war es einfach unmöglich, Nachtquartiere für alle zu schaffen. Dieser Ratlosigkeit gegenüber machte ein Schiffer den Vorschlag, die Mehrzahl der Leute doch auf den Flößen zu lassen, mit denen sie gekommen waren. Das schien ein Ausweg. Und Georg Seemayer fand sich bereit, die Leute gegen einen Schlafkreuzer pro Kopf weitere drei Tage auf seinen Kehlheimern zu beherbergen. Dann müßten die Schiffe zerlegt werden, denn das Holz sei schon verkauft.

»Was, zerlegt?« riefen die Beamten ihm zu. »Wie bringen wir die Auswanderer rasch nach Hungarn?« Die Herren begeisterten sich für seine Flöße und besichtigten sie mit Kenneraugen.

Seemayer zuckte die Achseln und ging nach dem Rotenturmtor hinab, um sein Absteigequartier im Regensburger Hof, das immer für ihn bereitstand, aufzusuchen. Er war herzlich müde. Wollte die Kaiserliche Schiffbaudirektion seine drei Kehlheimer haben, wußte sie ihn ja zu finden. Er hütete sich, zu verraten, daß diese Überrumpelung von Wien beabsichtigt war, und daß er damit rechnete, diesmal mehr als ein Holzgeschäft zu machen.

Fast eine Woche später als die großen Regensburger Schiffe kam Philipp Trauttmann mit seiner Arche Noah nach Wien. Er schonte seine braven Gäule, die ihn und die Seinen von der Rheinpfalz bis nach Österreich gezogen und die ihn auch nach Hungarn hinabbringen sollten. Auf allen Landstraßen begegnete er Leuten, die auf der gleichen Wanderung waren wie er, arme Teufel, die sich das Schiff nicht bezahlen konnten, Paßlose, die daheim davon liefen, um das Glück zu erjagen Auch manches tapfere Elend sah er und konnte nicht helfen. Bei Passau führte ein starker, junger Mann sein bleiches, krankes Weib in einem Schiebkarren, und die Kinder liefen nebenher. Wohin, Landsmann?« rief Trauttmann ihn an. »Uff Hungarn! Uff Hungarn!« antwortete der. Die Bas' Evi war so ergriffen von dem Anblick der Leute, daß sie von ihrem Manne verlangte, er möchte das Weib mitnehmen. Philipp schüttelte den Kopf. Ein krankes Weib? In seinen vollen Wagen? Das ging doch wohl nicht. Der Mann werde schon unterwegs irgendwo Arbeit nehmen und sich ausschnaufen. Eilig dürfe man es eben nicht haben, wenn man Schusters Rappen vor einen Schiebkarren spanne. Liefen doch die eigenen Buben auch ein paar Stunden täglich, damit die Pferde es leichter hätten. Und der Matz nicht minder. Was soll da ein Gast? Die Frau sah das ein. Es hatte sie nur die Treue dieses Mannes so gerührt.

In Passau, wo die Schiffe einen Tag lagen, weil die Auswanderer den ersten Teil ihres Reisegeldes ausbezahlt erhielten, meldete sich auch Trauttmann wieder. Er bekam nichts und erwartete auch nichts; er reiste auf eigene Kosten und wollte freie Hand haben bei der Wahl seiner neuen Heimat. In Engelhartszell, an der Grenze, wo die Schiffe abermals einen Tag liegen mußten, um einer strengen Visitation unterzogen zu werden, wurde sein Paß wieder kritisch betrachtet, wurde der Matz wieder zu verheiraten gesucht. Und voll Erstaunen war die Grenzpolizei, daß er unterwegs nicht katholisch geworden war, daß der kaiserliche Gesandte in Frankfurt ihm einen solchen Paß gegeben hatte, ohne diese Bedingung zu stellen. »Uns eine ganze Brut von sieben Evangelischen auf einmal zu schicken!« rief einer der Finanzoffiziere. »Weist sie zurück!«

Trauttmann hatte da einen Einfall, auf den er noch im Alter stolz war. Er sagte: »Die bescht Gelegenheit, den Fehler gut zu mache, is ja in Wien, wo m'r acht Täg bleibe wolle.«

»Ach so!« sprach der Offizier. »Na, dann passiert der Mann.« Und sein Paß wurde vidiert.

Aber man schickte ihm einen Unteroffizier mit der barschen Frage nach, ob er eine lutherische Bibel besitze. Trauttmann leugnete es.

»Das wollen wir sehen!« schrie der Mensch und folgte Trauttmann bis zu seinem Gefährte.

»Alles aussteigen und den ganzen Wagen ausräumen!« befahl er.

»Was? Ihr glaabt m'r nit?«

»Ich hab gar nix zu glauben. A jed's Schiff, des da über d' Grenz' fahrt, wird ausg'raamt. Schau dorthin, Bauer, wie's qualmt und raucht.«

Trauttmann folgte mit den Augen dem Hinweis des Korporals und erblickte einen qualmenden, schwelenden Holzstoß. » Is des v'leicht ei' Scheiterhaufe far uns?« fragte er voll Spott.

»Richtig derraten! Des is a Scheiterhaufen. Sein lauter lutherische Bibeln, die dort brennen! Mancher auf den Schiff ' en hat die seine verleugnet, aber wir haben s' doch alle derwischt. Also, Bauer, sei nicht dumm, gib die deine her und erspar' mir die Arbeit.«

Frau Eva und ihre Kinder horchten bestürzt auf dieses laute Gespräch, und auch sie blickten jetzt nach dem brennenden Stoß lutherischer Bibeln. Das also war es, was der Mann ihr seit Regensburg verheimlichte? Man wollte sie wohl katholisch haben. Und ihr Philipp schwankte?

Finster stand Trauttmann neben seinem Wagen. »Sucht sie!« rief er. »M'r häwe Zeit. Awer wer m'r den Wage ausraamt un nix findt, der raamt m'r'n a wieder in. Ich werd' mich in Wien beklage. Was steht in mei'm Paß? Alle Behörde solle mich unerstütze. Macht m'r des so?«

»Na, na. Nur kein G'schrei da! Mir sein verantwortlich, daß keine lutherische Bibel über d'Grenz' kummt. Verstanden?«

Und er stieg in den Wagen, durchsuchte und zerwühlte alles, warf Kissen und Decken und Kleider heraus, brummte und fluchte und kam nach einigen Minuten wieder zum Vorschein, ohne etwas gefunden zu haben.

»Fahrt zum Teufel!« sprach er unwillig und ging.

»Auch so viel!« rief ihm Trauttmann nach und ballte die Fäuste: »Krieg' die Kränk', du Hund!« murmelte er

Frau Eva legte die Hand auf seinen rechten Arm und sagte: »Philipp, b'sinn' dich!«

»E schöner Segenswunsch, wenn m'r in ei' fremd's Land nei'fahrt.«

Er ließ die Fäuste sinken, die Spannung löste sich. Und als seine Frau den Wagen wieder in Ordnung gebracht hatte, trieb er die Pferde an und fuhr mit Eile von dannen. Hier wollte er keine Rast halten. Die Bas' Evi aber und die Kinder starrten noch lange nach dem rauchenden Scheiterhaufen am Ufer der Donau ... Und was sie empfanden, seit sie in Bayern waren, daß eine andere geistige Luft sie umgab, das fühlten sie doppelt auf dem weiten Wege durch Österreich: Es war katholisches Land. An allen Straßen erhoben sich Heiligenstatuen. Wallfahrer kreuzten ihren Weg, Prozessionen singender Gläubiger da. öffentliche Maiandachten und Bittgänge dort. Es war ein lauter religiöser Betrieb auf allen Wegen fühlbar, der sie ganz romantisch anmutete. Jede hochgelegene Wallfahrtskirche, zu der die Tausende hinaufpilgerten, erschien ihnen wie ein Stück Poesie. Sie fragten sich aber: Sind das deutsche Leut'? Es berührte sie fremd. Am Tage vor Fronleichnam fuhr der Wagen Trauttmanns bei der Mariahilfer Linie nach Wien hinein. Er hatte seine drei Mautkreuzer schon erlegt und die Pferde in Gang gebracht, als er etwas blinken sah auf der Straße. Ein Hufeisen! Schnell stieg er vom Wagen und hob es auf. Ein gutes Eisen. Er sah nie ein schöneres. Das verlor kein Zugpferd ... Lächelnd reichte er den glückbringenden Fund der Frau Eva in den Wagen hinein. Dann fuhr er weiter. Es hatte keine weiteren Zwischenfälle gegeben, und man kam in guter Stimmung an, Nur der Rappe mußte sich wehgetan haben, er schonte das linke Vorderbein seit gestern. Aber der Stallmeister vom Passauer Hof sagte, er habe einen guten Kurschmied nebenan, und der werde dem Gaul schon helfen. Der Beschlag scheine nicht in Ordnung zu sein. Wie lange man bleibe, wollte er wissen.

Das sei ganz ungewiß, meinte Trauttmann, es hänge nicht von ihm ab.

Auch den Herrn Hofkammerrat Joseph von Stephany setzte der Ansturm deutscher Einwanderer, wie er in diesem Frühling auftrat, in Erstaunen. Das hatte niemand erwartet. Die kaiserlichen Kommissäre saßen freilich überall, und ihre Werber hatten den Winter hindurch tüchtig gearbeitet, trotzdem war die Wirkung eine Oberraschung, und die in Frage kommenden Ämter versagten, sie konnten die Aufgabe, die ihnen zufiel, nicht bewältigen. Die adeligen Herren bei der Hungarischen Hofkammer versagten zuerst. Sie fingen zu murren an, denn sie sahen sich in ihren Vergnügungen gestört. Und sie ließen die Leute wochenlang in Wien herumlungern, bis sie ihren Sparpfennig aufgezehrt hatten. Viele liefen ohne Pässe fort nach Hungarn, andere kehrten mißmutig um und fluchten über solche Wirtschaft, solche Täuschung. Auch der Hofkriegsrat hatte andere Aufgaben, die ihm näher lagen. Da setzte Stephany die Bildung einer eigenen Ansiedlungskommision durch, die aus den Vertretern all der Ämter bestand, in deren Wirkungskreis die Angelegenheit fiel. Ein Heer von Schreibern wurde der Kommission zugewiesen, und nun ging die Abfertigung rascher von statten. Der Hofkammerrat hatte seinen alten Aktuar Franz Hildebrandt, der auf das Genaueste mit allem vertraut war, an die Kommission abgetreten, und an ihn selbst kamen nur grundsätzliche Fragen und besondere Entscheidungen heran. Aber er verfolgte die Entwicklung des Ganzen mit dem höchsten Interesse und stand in ununterbrochener Verbindung mit den Kommissären im Reich, mit Mercy im Banat und mit all den Bischöfen und Grafen in Hungarn, die auf ihren Besitzungen Ansiedler wünschten. Er wachte von hoher Warte darüber, daß dieselben Bedingungen, die der Staat seinen Kolonisten auf den Kameralgütern gewährte, auch von den privaten Herrschaften anerkannt wurden. Versuche von Ausbeutung und Knechtung, die zu seiner Kenntnis gelangten, buchte er auf einem besonderen Blatt. Die Versetzung solcher Ansiedler auf bessere Plätze wird eines Tages möglich sein. Aber es konnten in dem weiten Lande, nach dessen Innerem es wenig Wege gab, hundert Dinge geschehen, die nie zu seiner Kenntnis gelangten. Darum ließ er jeden vor sich, der von drunten mit Nachrichten oder mit Beschwerden kam. Und er ließ sich noch etwas anderes angelegen sein: den Leuten, die in Wien warteten, mußte alles gezeigt werden, was ihrem Fassungsvermögen entsprach, sie sollten einen bleibenden Eindruck mitnehmen von der großen, schönen Kaiserstadt.

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