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Der Große Katechismus

Martin Luther: Der Große Katechismus - Kapitel 6
Quellenangabe
typereference
titleDer Große Katechismus
authorMartin Luther
year1998
publisherGütersloher-Verlagshaus
isbn3-579-05142-3
pages5-107
senderhille@abc.de
created20011223
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Das Dritte Hauptstück. Das Vaterunser

Einleitung

Ohne Gebet ist die Einhaltung der Zehn Gebote und der Glaube nicht möglich

Wir haben nun gehört, was man tun und glauben soll, worin das beste und seligste Leben besteht. Nun folgt das dritte Stück: wie man beten soll. Denn es steht ja so mit uns, dass kein Mensch die zehn Gebote vollkommen halten kann, obgleich er zu glauben angefangen hat; der Teufel samt der Welt und unserem eigenen Fleisch sperrt sich mit aller Gewalt dagegen. Deshalb ist nichts so notwendig, als Gott immerdar in den Ohren zu liegen; ihn anzurufen und zu bitten, er möchte uns den glauben und die Erfüllung der zehn Gebote geben, erhalten und mehren, und alles, was uns dabei im Wege liegt, und daran hindert, hinwegräumen. Damit wir aber wüssten, was und wie wir beten sollen, hat uns unser Herr Christus selber Weise und Worte gelehrt, wie wir sehen werden.

Das Beten ist so streng im zweiten Gebot befohlen wie jedes andere Gebot auch

Ehe wir aber das Vaterunser nacheinander erklären, ist es wohl am nötigsten, die Leute vorher zum Beten zu vermahnen und zu reizen, wie auch Christus und die Apostel es getan haben. Und zwar soll es das Erste sein, dass man wisse, wie wir durch Gottes Gebot schuldig sind, zu beten. Denn so haben wir's [ja] gehört beim zweiten Gebot. »Du sollst Gottes Namen nicht unnütz gebrauchen«: darin wird gefordert, man solle den heiligen Namen preisen und in aller Not anrufen oder beten. »Anrufen« ist ja nichts anderes als »Beten«. Somit ist es streng und ernstlich geboten, so nachdrücklich als alle anderen Gebote, [wie]: keinen andern Gott zu haben, nicht zu töten, nicht zu stehlen usw. Niemand soll denken, es sei gleichgültig, ob er bete oder nicht bete, wie die groben Leute, die ihres Weges gehen in solchem Wahn und Gedanken: »Was sollte ich auch beten? Wer weiß, ob Gott mein Gebet beachtet oder hören will? Bete ich nicht, so betet ein anderer!« So kommen sie in die Gewohnheit hinein, dass sie nicht mehr beten. Dabei nehmen sie zur Ausrede, dass wir falsche und heuchlerische Gebete verwerfen, als ob wir lehrten, man solle oder brauche nicht zu beten.

Beten oder Gott in der Not anrufen ist nicht in unserer Belieben gestellt, sondern unsere Pflicht

Das ist aber gewiss wahr: Was man bisher in der Kirche usw. als »Gebete« verrichtet, geplärrt und geleiert hat, ist freilich kein Gebet gewesen. Denn ein solch äußerliches Tun kann, wenn es recht zugeht, eine Übung für die jungen Kinder für Schüler und einfache Leute sein, und kann gesungen oder gelesen heißen; es heißt aber nicht eigentlich gebetet. Das aber heißt beten, wie das zweite Gebot es lehrt: »Gott anrufen in allen Nöten«. Das will er von uns haben und das soll nicht in unserer Willkür stehen; sondern wir sollen und müssen beten, wenn wir Christen sein wollen, ebensogut als wir Vater, Mutter und der Obrigkeit gehorsam sein sollen und müssen. Denn durch [solches] Anrufen und Bitten wird der Name Gottes geehrt und nützlich gebraucht. Du sollst nun vor allen Dingen merken, dass man damit schweige und solche Gedanken zurückstoße, die uns davon abhalten und abschrecken. Vergleichsweise geredet: Es geht nicht an, dass ein Sohn zum Vater sagen wollte: »Was liegt [Gott] an meinem Gehorsam? Ich will hingehen und tun, was ich mag; es ist doch gleichgültig!« Vielmehr steht hier das Gebot: Du sollst und musst es tun. Ebenso steht es hier auch [hinsichtlich des Betens] nicht in meinem Willen, es zu tun oder zu lassen, sondern es soll und muss gebetet sein.

Der Wert des Gebetes beruht darauf, dass Gott es befiehlt, nicht darauf, dass ich es vollziehe.

Daraus sollst du nun weiter den Schluss ziehen und bedenken: Weil [das Beten] so streng geboten ist, soll beileibe niemand sein [eigenes] Gebet verachten, sondern groß und viel davon denken. Und zwar ziehe immer die anderen Gebote zum Vergleich heran. Ein Kind soll beileibe nicht seinen Gehorsam gegen Vater und Mutter verachten, sondern immer denken: »Dieses Werk ist ein Werk des Gehorsams, und was ich tue, tue ich in keiner anderen Absicht, als dass es dem Gehorsam und Gottes Gebot entsprechen soll; darauf kann ich gründen und fußen, und das halte ich für etwas Großes, nicht um meiner [eigenen] Würdigkeit willen, sondern um des Gebotes willen.« Geradeso auch hier: Was und wofür wir bitten, das sollen wir so ansehen als von Gott gefordert und im Gehorsam gegen ihn getan. Wir sollen dabei so denken: »Was mich betrifft, ist es nichts, aber darum, weil Gott es geboten hat, soll es gelten.« So soll ein jeder, was er auch zu bitten hat, immer vor Gott kommen im Gehorsam gegen dieses Gebot.

Das Gebet zählt nicht wegen der Person des Beters, sondern, weil Gott es so gebietet.

Darum bitten und vermahnen wir jedermann aufs fleißigste, dass man dies zu Herzen nähme und unsere Gebete in keiner Weise verachte. Bisher hat man ja in des Teufels Namen so darüber gelehrt, dass niemand es geachtet hat; man hat gemeint, es sei genug, wenn nur das Werk getan sei, gleichviel ob Gott es erhöre oder nicht erhöre. Das heißt das Beten auf gut Glück versucht und aufs Geratewohl hergeleiert; deshalb ist es ein verlorenes Beten. Denn wir lassen uns beirren und abschrecken von Gedanken wie: »Ich bin nicht heilig und würdig genug; wenn ich so fromm und heilig wäre wie der hl. Petrus und Paulus, dann wollte ich beten.« Aber nur weit hinweg mit solchen Gedanken! Denn das gleiche Gebot, das auf den hl. Paulus zugetroffen hat, das trifft auch auf mich zu, und das zweite Gebot ist ebensogut um meinetwillen aufgestellt als um seinetwillen, so dass er kein besseres noch heiligeres Gebot zu rühmen hat. Darum sollst du so sagen: »Meine Gebete, die ich verrichte, sind fürwahr ebenso köstlich, heilig und Gott gefällig als die des hl. Paulus und der Allerheiligsten. Grund dafür: Ich will ihn ja gerne heiliger sein lassen, soweit die Person in Betracht kommt, aber nicht, was das Gebot betrifft. Denn Gott sieht das Gebet nicht der Person wegen an, sondern um seines Wortes und um des Gehorsams willen. Denn auf dasjenige Gebot, auf das alle Heiligen ihre Gebete setzen, setze ich das meinige auch, und ich bete auch um das gleiche, um was sie allzumal bitten oder gebeten haben.«

Zusammengefasst: Das Gebet gründet auf dem Gehorsam gegen Gottes Gebot, nicht auf unserer Würdigkeit

Das sei das erste und nötigste Stück: alle unsere Gebete sollen sich auf den Gehorsam gegen Gott gründen und stehen, ohne Ansehung unserer eigenen Person, wir mögen Sünder oder fromm sein, würdig oder unwürdig. Und wir sollen wissen: Gott will es nicht für einen Scherz angesehen haben, sondern will zürnen und strafen, wenn wir nicht bitten, ebensogut wie er allen anderen Ungehorsam auch straft. Und dann will er unsere Gebete nicht umsonst und verloren sein lassen; denn wenn er dich nicht erhören wollte, würde er dich nicht beten heißen und es nicht mit einem so strengen Gebot einschärfen.

Das Gebet basiert nicht nur auf einem Gebot, sondern auch auf einer Verheißung Gottes

Zweitens soll uns das desto mehr antreiben und reizen, dass Gott auch eine Verheißung dazu getan und zugesagt hat, es solle Ja und gewiss sein, was wir bitten. So spricht er im 50. Psalm: »Rufe mich an zur Zeit der Not, so will ich dich erretten«, und Christus sagt im Evangelium Matth 7: »Bittet, so wird euch gegeben usw. Denn ein jeder, der da bittet, der empfängt.« Das sollte doch unser Herz dazu erwecken und entzünden, mit Lust und Liebe zu beten, weil er mit seinem Worte bezeugt, unsere Gebete gefallen ihm herzlich wohl, dazu sollen sie gewiss erhört und gewährt sein; denn wir sollen es nicht verachten noch in den Wind schlagen und aufs Ungewisse beten. Das kannst du ihm vorhalten, indem du sprichst: »Hier komme ich, lieber Vater, und bitte, nicht infolge meines eigenen Wunsches oder auf meine eigene Würdigkeit hin, sondern auf dein Gebot und deine Verheißung hin, die mir nicht unerfüllt bleiben noch lügen kann.« Wer nun dieser Verheißung nicht glaubt, soll abermals wissen, dass er Gott erzürnt, da er ihn aufs höchste entehrt und Lügen straft.

Außerdem hat uns Gott selber ein ihm wohlgefälliges Gebet gegeben

Überdies soll uns auch das locken und ziehen, dass Gott außer dem Gebot und der Verheißung uns zuvorkommt und selber die Worte und Weise dazu angibt und uns in den Mund legt, wie und was wir beten sollen. Wir sollen daraus sehen, wie herzlich er sich unserer Not annimmt, und gewiss nicht daran zweifeln, dass dieses Gebet (das Vaterunser) ihm wohlgefällig sei und gewiss erhört werde. Das ist ein ganz großer Vorzug vor allen andern Gebeten, die wir selber ausdenken könnten. Denn da würde das Gewissen immer im Zweifel sein und sagen: »Ich habe gebetet, aber wer weiß, wie es ihm gefällt, oder ob ich Maß und Weise recht getroffen habe?« Darum ist auf Erden kein edleres Gebet zu finden [als das Vaterunser], weil es ein so treffliches Zeugnis dafür hat, dass Gott es herzlich gerne hört; dafür sollten wir [aller] Welt Gut nicht annehmen.

Das Gebet ist vor allem Bittgebet und Notgebet. Ein Gebet, das nichts von Gott haben und nehmen will, sondern Gott etwas geben will, ist kein Gebet

Und auch darum ist es uns so vorgeschrieben, dass wir die Not sehen und bedenken, die uns dringen und zwingen soll, ohne Unterlass zu beten. Denn wer da bitten will, der muss etwas vorbringen, vortragen und nennen, wonach er begehrt; andernfalls kann es kein Gebet heißen. Darum haben wir mit Recht das Beten der Mönche und Priester verworfen, die Tag und Nacht mörderisch heulen und murmeln, ohne dass einer von ihnen daran dächte, auch nur um ein Haarbreit zu bitten. Und wenn man alle Kirchen samt den Geistlichen zusammenbrächte, so müssten sie bekennen, dass sie nie von Herzen auch nur um ein Tröpflein Wasser gebetet haben. Denn keiner von ihnen hat jemals sich vorgenommen, aus Gehorsam gegen Gott und im Glauben an die Verheißung zu beten; es hat auch keiner irgendwie Not dabei ins Auge gefasst, sondern sie waren im besten Fall auf nichts weiter bedacht, als ein gutes Werk zu tun, um Gott damit zu bezahlen, als die, die nicht von ihm nehmen, sondern ihm geben wollten.

Das echte Gebet ist ein Notschrei, wie das Vaterunser zeigt

Wenn aber ein Gebet recht sein soll, so muss es damit ernst sein, dass man seine Not fühlt, und [zwar] eine solche Not, die uns drückt und zum Rufen und Schreien treibt. So geht dann das Gebet von selbst so, wie es gehen soll, so dass man keine Belehrung darüber braucht, wie man sich darauf vorbereiten und [daraus] Andacht schöpfen soll. Die Not aber, die uns selbst wie auch jedermann gegenüber angelegen sein lassen soll, wirst du reichlich genug im Vaterunser finden; deshalb soll es auch dazu dienen, dass man sich ihrer daraus erinnere, sie betrachte und zu Herzen nehme, damit wir nicht lässig werden im Beten. Denn wir haben alle genug an dem, was uns mangelt: der Fehler liegt aber daran, dass wir's nicht fühlen und sehen. Deshalb will Gott auch haben, dass du diese [deine] Not und Anliegen klagst und vorbringst, nicht als ob er es nicht wüsste, sondern damit du dein Herz entzündest, desto stärker und mehr zu begehren, und den Mantel nur weit ausbreitest und auftust, um viel zu empfangen.

Wir müssen lernen, täglich unsere und die Not anderer Menschen im Gebet vor Gott zu bringen

Darum sollten wir uns von Jugend auf daran gewöhnen, täglich zu beten, ein jeder für all seine [eigene] Not, wo er nur etwas fühlt, das ihn stößt und auch für die Not anderer Leute, unter denen er ist, z.B. für Prediger, Obrigkeit, Nachbarn, Gesinde; und dabei sollten wir immer, wie schon gesagt, Gott sein Gebot und seine Verheißung vorhalten und wissen, dass er's nicht verachtet haben will. Das sage ich deshalb, weil ich gerne wollte, dass man dies wieder in die Leute hineinbrächte, damit sie recht beten lernten und nicht so roh und kalt hingehen; denn davon werden sie täglich ungeschickter zum Beten. Das will freilich der Teufel auch haben, und er hilft mit allen Kräften dazu; denn er fühlt wohl, was für Leid und Schaden es ihm antut, wenn das Beten recht im Schwange ist.

Das Gebet ist eine eiserne Mauer, die uns vor teuflischen Mächten schützt

Denn das sollen wir wissen, dass all unser Schirm und Schutz allein im Gebet besteht. Denn gegenüber dem Teufel samt seiner Macht und seinem Anhang, die sich wider uns legen, sind wir viel zu schwach, so dass sie uns wohl mit den Füßen treten könnten. Darum müssen wir [das] bedenken und zu den Waffen greifen, mit denen die Christen gerüstet sein sollen, um wider den Teufel zu bestehen. denn was, meinst du, hat bisher so etwas Großes ausgerichtet und hat das Ratschlagen und Vorhaben, den Mord und Aufruhr unsrer Feinde abgewehrt oder gedämpft, wodurch der Teufel uns samt dem Evangelium zu unterdrücken gedacht hat, wenn nicht die Gebete einiger frommer Leute als eine eiserne Mauer auf unsrer Seite dazwischengekommen wären? Sie hätten sonst selber ein sehr viel anderes Spiel mitansehen müssen: dass nämlich der Teufel ganz Deutschland in seinem eigenen Blut verderbt hätte. Jetzt aber können sie getrost darüber lachen und ihren Spott damit haben; wir aber wollen dennoch sowohl ihnen als auch dem Teufel gegenüber allein durch das Beten Manns genug sein, wenn wir nur fleißig damit anhalten und nicht lässig werden. Denn wo irgend ein frommer Christ bittet: »Lieber Vater, lass doch deinen Willen geschehen«, so spricht er droben: »Ja, liebes Kind, es soll so sein und geschehen, dem Teufel und aller Welt zum Trotz.«

Das äußerliche Plappern hat nichts mit wirklichem Beten zu tun

Das sei nun zur Vermahnung gesagt, dass man vor allen Dingen das Gebet groß und teuer achten lerne und einen rechten Unterschied zu machen wisse zwischen dem Plappern und dem etwas Bitten. Denn wir verwerfen mitnichten das Beten, sondern nur das ganz unnütze Geheule und Gemurmel verwerfen wir, wie auch Christus selber langes Gewäsch verwirft und verbietet.

Nun wollen wir das Vaterunser aufs kürzeste und klarste behandeln. Da sind nun in sieben Artikeln oder Bitten der Reihe nach alle Nöte zusammengefasst, womit wir ohne Unterlass zu tun haben; und [zwar] ist eine jede so groß, dass sie uns dazu treiben müsste, unser Leben lang ihretwegen zu bitten.

 

Die erste Bitte

Geheiligt werde dein Name

Gottes Vatername, der an sich heilig ist, wird durch unseren Gebrauch entheiligt, der wir sein Fleisch und Blut und seine Kinder sind

Das ist nun ein etwas finsterer Ausdruck und kein gutes Deutsch. Denn in unserer Muttersprache würden wir so sagen: »Himmlischer Vater, hilf, dass nur dein Name heilig sein möge.« Was bedeutet nun die Bitte, dass sein Name heilig werde? Ist er denn nicht schon vorher heilig? Antwort: Ja, er ist allezeit heilig in seinem Wesen, aber in unserem Gebrauch ist er nicht heilig. Denn Gottes Name ist uns gegeben, seitdem wir Christen geworden und getauft sind, so dass wir Gottes Kinder heißen und die Sakramente haben, durch die er uns sich einverleibt hat. Somit soll alles, was Gott gehört, zu unserem Gebrauch dienen.

Als Gottes Kinder sind wir verpflichtet, seinem Vaternamen in der Welt Ehre zu machen

Das ist nun die große Not, wofür wir am meisten Sorge tragen sollen, dass dieser Name seine Ehre bekomme und heilig und hehr gehalten werde als unser höchster Schatz und Heiligtum, das wir haben, und dass wir als die frommen Kinder darum bitten, sein Name, der im Himmel ohnedies heilig ist, möchte auch auf Erden bei uns und in aller Welt heilig sein und bleiben. Wie wird er nun unter uns heilig? Antwort so deutlich, als man es sagen kann: Wenn sowohl unsere Lehre als auch unser Leben göttlich und christlich ist. Denn weil wir in diesem Gebet Gott unseren Vater heißen, so sind wir es schuldig, uns allenthalben wie die frommen Kinder zu verhalten und einzustellen, damit er von uns nicht Schande, sondern Ehre und Preis habe.

Sein Name wird durch Worte und Werke entehrt, wenn durch ihn etwa Irrlehren und Lügen bemäntelt werden, oder durch das öffentliche Ärgernis, das der Lebenswandel der Christen erregt

Nun wird [Gott] von uns entweder mit Worten oder mit Werken verunheiligt. Denn alles, was wir auf Erden machen, muss entweder ein Wort oder ein Werk, ein Reden oder ein Tun sein. Erstens also, wenn man unter Gottes Namen etwas predigt, lehrt und redet, was doch falsch und verführerisch ist, so dass sein Name die Lügen schmücken und verkaufen muss. Das ist nun die größte Schande und Unehre für den göttlichen Namen; weiter [geschieht das] auch dort, wo man gröblich den heiligen Namen zum Schanddeckel nimmt mit Schwören, Fluchen, Zaubern usw. Zweitens auch durch offenkundiges böses Leben und Tun, wenn die, die Christen und Gottes Volk heißen, Ehebrecher, Säufer, geizige Wänste, Neider und Verleumder sind; da muss wieder Gottes Name um unsretwillen mit Schanden dastehen und sich verlästern lassen. Ist es doch auch für einen leiblichen Vater eine Schande und Unehre, wenn er ein böses, ungeratenes Kind hat, das mit Worten und Werken wider ihn handelt, so dass er um seinetwillen sich verachten und schmähen lassen muss. So gereicht es auch Gott zur Unehre, wenn wir, die wir nach seinem Namen genannt sind, und allerlei Güter von ihm haben, anders lehren, reden und leben, als sich's für fromme und himmlische Kinder gehört; dann muss er hören, dass man von uns sagt, wir müssten nicht Gottes, sondern des Teufels Kinder sein.

Wir sollen den Namen Gottes in Worten und Werken nützlich gebrauchen zu seinem Lobpreis und seiner Ehre

Du siehst also, dass wir in diesem Stück gerade um das bitten, was Gott im zweiten Gebot fordert, nämlich, dass man seinen Namen nicht missbrauche zum Schwören, Fluchen, Lügen, Trügen usw., sondern dass man ihn nützlich gebrauche zu Gottes Lob und Ehre. Denn wer Gottes Namen zu irgend einer Untugend gebraucht, der entheiligt und entweiht diesen heiligen Namen, wie man früher eine Kirche dann entweiht hieß, wenn ein Mord oder ein anderes Bubenstück in ihr begangen worden war, oder wenn man eine Monstranz oder eine Reliquie verunehrte; da ging es um etwas, das wohl an und für sich heilig war und doch durch den Gebrauch verunheiligt wurde. Somit ist dieses Stück leicht und klar, wenn man nur den Sprachgebrauch versteht: dass »heiligen« soviel heißt als in unserer Sprechweise »loben, preisen und ehren«, sowohl mit Worten als auch mit Werken.

Diese Bitte ist besonders wichtig im Blick auf die Verfälschung und Verfolgung des Evangeliums

Da sieh nun, wie hochnötig diese Bitte ist. Wir sehen ja, wie die Welt so voll ist von Rotten und falschen Lehren, die alle den heiligen Namen zum Deckel und zum Vorwand für ihre Teufelslehre [im Mund] führen; darum sollten wir mit Recht ohne Unterlass [zu Gott] schreien und rufen gegen alle derartigen Leute, sowohl gegen die, die falsch predigen und glauben, als auch gegen alles, was unser Evangelium und unsre reine Lehre anficht, verfolgt und dämpfen will, wie Bischöfe, Tyrannen, Schwärmer usw. Ebenso [haben wir] auch für uns selber [zu bitten], die wir zwar Gottes Wort haben, aber nicht dankbar dafür sind, nicht darnach leben wie wir sollen. Wenn du nun das von Herzen bittest, so kannst du [dessen] gewiss sein, dass es Gott wohlgefällt. Denn er wird nichts lieber hören, als dass seine Ehre und Lobpreis vor allem und über alles gehen, und sein Wort rein gelehrt und teuer und wert gehalten werden möchte.

 

Die zweite Bitte

Dein Reich komme

Gottes Reich, das ohne unser Bitten kommt, soll auch zu uns kommen

Wir haben in der ersten Bitte um das gebetet, was Gottes Ehre und Namen betrifft: Gott möge [dem] wehren, dass die Welt nicht ihre Lügen und ihre Bosheit [mit seinem Namen] schmücke, sondern ihn mit Lehre und Leben hehr und heilig halte, damit er an uns gelobt und gepriesen werde. Dementsprechend bitten wir hier, dass auch sein Rech kommen solle. Aber wie Gottes Name an und für sich schon heilig ist und wir dennoch bitten, dass er bei uns heilig sei, so kommt auch sein Reich ohne unser Bitten von selbst, und trotzdem bitten wir, dass es zu uns komme. D.h. es möge unter uns und bei uns sich auswirken, so dass wir auch ein Stück von denen seien, unter denen sein Name geheiligt wird und sein Reich im Schwange ist.

Gottes Reich kommt durch Christus, der uns von Teufel, Sünde, Tod und bösem Gewissen befreit hat. Der Heilige Geist eignet es uns zu

Was heißt nun Gottes Reich? Antwort: nichts anderes, als was wir oben im Glaubensbekenntnis [schon] gehört haben: Gott hat seinen Sohn Christus, unseren Herrn, in die Welt geschickt, damit er uns von der Gewalt des Teufels erlöse und freimache und uns zu sich bringe und regiere als ein König der Gerechtigkeit, des Lebens und der Seligkeit wider Sünde, Tod und böses Gewissen. Darum hat er auch seinen heiligen Geist gegeben, der uns durch sein heiliges Wort das herzubrächte und durch seine Kraft uns im Glauben erleuchte und stärke. Deshalb bitten wir nun hier in erster Linie, dies möge bei uns kräftig werden und so sein Name durch das heilige Wort Gottes und durch christliches Leben gepriesen werden; sowohl dass wir, die wir es angenommen haben, dabei bleiben und täglich zunehmen, als auch, dass es bei anderen Leuten Zustimmung und Anhang gewinnen und gewaltig durch die Welt gehen möge, damit viele von ihnen, durch den Heiligen Geist herzugebracht, zum Gnadenreich kommen und der Erlösung teilhaftig werden. So sollen wir dann allesamt in einem Königreich von jetzt angefangen ewig bleiben.

Gottes Reich kommt schon jetzt durch Wort und Glaube, einst aber in seiner Vollendung, wenn das Reich des Teufels gänzlich zerstört wurde

Denn das »Kommen von Gottes Reich zu uns« geschieht auf zweierlei Weise: Einmal hier zeitlich durch das Wort und den Glauben, sodann ewig durch die Offenbarung [bei der Wiederkunft Christi]. Nun bitten wir um das beides: dass es zu denen kommen möchte, die noch nicht darinnen sind, und zu uns, die wir es schon bekommen haben, durch tägliches Zunehmen und künftig im ewigen Leben. Das alles will nichts anderes als soviel sagen: »Lieber Vater, wir bitten, gib uns erstens dein Wort, dass das Evangelium durch die Welt hindurch rechtschaffen gepredigt werde; zweitens gib, dass es auch durch den Glauben angenommen werde, in uns wirke und lebe; dass so dein Reich unter uns durch das Wort und die Kraft des Heiligen Geistes im Gange sei, und des Teufels Reich eine Niederlage erfährt, dass er kein Recht und keine Gewalt mehr über uns habe, solange, bis es schlussendlich ganz zerstört und Sünde, Tod und Hölle vertilgt wird, dass wir dann ewig leben in voller Gerechtigkeit und Seligkeit.«

Mit seinem Reich schenkt uns Gott alles, was er hat. Wir entehren Gott, wenn wir ihm diese alle Grenzen unserer Verstellung überschreitende neue Welt nicht zutrauen

Daraus siehst du, dass wir hier nicht um ein kleines Almosen oder um ein zeitliches, vergängliches Gut bitten, sondern um einen ewigen, überschwenglichen Schatz, und [zwar] um alles, was Gott selber besitzt. Das ist [freilich] viel zu groß, als dass ein menschliches Herz sich's einfallen lassen dürfe, solches zu begehren, wenn er nicht selbst es geboten hätte, darum zu bitten. Aber weil er Gott ist, will er auch die Ehre haben, dass er viel mehr und reichlicher gibt als jemand begreifen kann, als ein ewiger, unvergänglicher Quell, der je mehr er ausfließt und überfließt, desto mehr von sich gibt. Er begehrt von uns nichts Höheres, als dass man viele und große Dinge von ihm erbittet, und umgekehrt zürnt er, wenn man nicht getrost bittet und fordert. Denn es ist wie wenn der reichste, mächtigste Kaiser einen armen Bettler um alles bitten hieße, was er nur begehren möchte, und bereit wäre, ihm ein großes, kaiserliches Geschenk zu geben, der Narr aber würde nicht mehr als eine Bettelsuppe erbetteln: dann hielte man diesen verdientermaßen für einen Schelm und Bösewicht, der mit dem Befehl der kaiserlichen Majestät seinen Hohn und Spott treibe, und nicht wert sei, ihm vor die Augen zu kommen. Ebenso gereicht es auch Gott zu großer Schmach und Unehre, wenn wir, denen er soviel unaussprechliche Güter anbietet und zusagt, das verachten oder uns nicht getrauen, es zu empfangen, und kaum um ein Stück Brot zu bitten uns unterwinden. Das alles ist die Schuld des schändlichen Unglaubens, der nicht soviel Gutes von Gott erhofft, dass er ihm den Bauch ernähren würde, geschweige denn, dass er solche ewigen Güter von Gott erwarten würde, ohne daran zu zweifeln.

Deshalb sollen wir uns dagegen stärken und dies das Erste sein lassen, um was wir bitten: dann wird man sicherlich auch alles andere reichlich bekommen, wie Christus lehrt: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, so soll euch solches alles zufallen.« Denn wie sollte er uns an Zeitlichem Mangel leiden und darben lassen, wo er doch das Ewige und Unvergängliche uns verheißt?

 

Die dritte Bitte

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Der Sinn dieser Bitte: Wir sollen uns nicht wieder wegnehmen lassen, was wir durch die erste und zweite Bitte bekommen haben

Bisher haben wir gebetet, dass Gottes Name von uns geehrt werde und sein Reich unter uns in Kraft sei. In diesen zwei Punkten ist alles inbegriffen, was Gottes Ehre und unsere Seligkeit belangt; dass wir nämlich Gott samt allen seinen Gütern zu eigen kriegen. Aber hier entsteht ja nun die große Not, dass wir das festhalten und uns nicht davon wegreißen lassen. Es ist wie bei einem guten [staatlichen] Regiment: da müssen nicht bloß solche da sein, die es aufbauen und wohl regieren, sondern auch solche, die sich dafür wehren, es schützen und fest darüber wachen. So auch hier: Da haben wir zwar schon um das höchst Notwendige gebeten, um das Evangelium, den Glauben und den Heiligen Geist, dass der uns regiere, nachdem wir aus des Teufels Gewalt erlöst sind; aber nun müssen wir auch darum bitten, dass [Gott] seinen Willen geschehen lasse. Denn wenn wir dabei bleiben sollen, wird es sich gar wunderlich anlassen: wir werden deswegen viele Stöße und Püffe erleiden müssen von allen denen, die sich unterstehen, die zwei vorhergehenden Stücke zu verhindern und zu wehren.

Der Teufel bietet all seine Macht auf, um uns wieder von Gott zu trennen

Niemand glaubt ja, wie sich der Teufel dem zuwidersetzt und sperrt, Denn er kann es nicht ertragen, dass jemand recht lehrt oder glaubt, und es tut ihm über die Maßen weh, wenn er seine Lügen und Gräuel, die unter dem schönsten Schein göttlichen Namens geehrt wurden, aufgedeckt lassen und er mit allen Schanden dastehen muss, und wenn er dazu aus dem Herzen getrieben wird und einen solchen Riss in seinem Reich geschehen lassen soll. Darum tobt und wütet er als ein zorniger Feind mit all seiner Macht und Kraft: er zieht alles, was ihm untersteht, zu sich; dazu nimmt er die Welt und unser eigenes Fleisch zu Hilfe. Denn unser Fleisch ist an und für sich faul und zum Bösen geneigt, auch wenn wir Gottes Wort angenommen haben und glauben; die Welt aber ist arg und böse. Da hetzt er auf, bläst und schürt, um uns zu hindern, uns zu sich zurückzutreiben, zu Fall zu bringen und wieder unter seine Gewalt zu zwingen. Darauf geht all sein Wille, Sinn und Denken; darnach trachtet er Tag und Nacht, und keinen Augenblick ist er müßig; er gebraucht dazu alle Künste, Tücken, Weisen und Wege, die er [nur] immer erdenken kann.

Zum Glauben gehört die Fähigkeit, zu leiden und loszulassen

Darum müssen wir uns, wenn wir Christen sein wollen, mit Gewissheit darauf gefasst machen und damit rechnen, dass wir den Teufel samt all seinen Engeln und die Welt zu Feinden haben, die uns alle Unglück und Herzeleid zufügen. Denn wo Gottes Wort gepredigt, angenommen oder geglaubt wird und Frucht schafft, da soll das liebe, heilige Kreuz auch nicht ausbleiben. Und es denke nur niemand, dass er Frieden haben werde, sondern dass er dransetzten müsse, was er auf Erden hat: Gut, Ehre, Haus und Hof, Weib und Kind, Leib und Leben. Das tut nun unserem Fleisch und alten Adam wehe, denn da heißt es, standhalten und mit Geduld leiden, wie man uns angreift, und fahren zu lassen, was man uns nimmt.

Sein Wille, der auch ohne unser Bitten geschieht, soll in uns geschehen

Darum ist es eine ebenso große Not wie bei allen andern Stücken, dass wir ohne Unterlass bitten: »Lieber Vater, dein Wille geschehe, nicht der Wille des Teufels und unserer Feinde und nichts von dem, was dein heiliges Wort verfolgen und dämpfen oder dein Reich hindern will. Und gib uns, dass wir alles, was darüber zu leiden ist, mit Geduld ertragen und überwinden, dass unser armes Fleisch nicht aus Schwachheit oder Trägheit weiche und abfalle.«

Sieh, so haben wir in diesen drei Stücken in der einfachsten Weise die Not, die Gott selbst betrifft [zusammengefasst]; jedoch alles um unsretwillen. Denn es gilt allein uns, was wir bitten; insofern nämlich, als wie gesagt das auch in uns geschehen soll, was ohnehin, auch abgesehen von uns, geschehen muss. Denn wie sein Name geheiligt werden und sein Reich kommen muss auch ohne unser Bitten, so muss auch sein Wille geschehen und durchdringen, wenngleich der Teufel mit all seinem Anhang sehr dagegen rumoren, zürnen und toben und sie sich unterstehen, das Evangelium ganz auszutilgen. Aber um unsretwillen müssen wir bitten, dass sein Wille auch unter uns gegen dieses ihr Toben unverhindert sich auswirke, damit sie nichts schaffen können und wir wider alle Gewalt und Verfolgung fest dabeibleiben und diesen Willen Gottes uns gefallen lassen.

Diese dritte Bitte ist eine unüberwindliche Schutzmauer gegen die Feinde des Evangeliums

Dieses Gebet soll nun jetzt unser Schutz und unsere Wehr sein, um damit alles zurückzuschlagen und niederzulegen, was der Teufel, Bischöfe, Tyrannen und Ketzer gegen unser Evangelium vermögen. Lass sie allzumal zürnen und ihr Höchstes versuchen, lass sie ratschlagen und beschließen, wie sie uns dämpfen und ausrotten wollen, damit ihr Wille und Rat sich durchsetze und bestehe: Wider all das soll ein Christ oder zwei mit diesem einzigen Stück unsre Mauer sein, gegen die sie anlaufen und an der sie scheitern. Den Trost und Trotz haben wir, dass des Teufels und all unsrer Feinde Wille und Vornehmen untergehen und zunichtewerden soll und muss, wie stolz, sicher und gewaltig sie sich [auch] wissen. Denn wenn ihr Wille nicht gebrochen und gehindert würde, so könnte Gottes Reich auf Erden nicht bleiben und sein Name nicht geheiligt werden.

 

Die vierte Bitte

Unser tägliches Brot gib uns heute

»Tägliches Brot« umfasst alles, was zur Erhaltung des Leibes dient

Hier bedenken wir nun den armen Brotkorb, das, was unser Leib und zeitliches Leben nötig hat. Zwar ist's nur ein kurzes, einfaches Wort; es greift aber auch sehr weit um sich. Denn wenn du »tägliches Brot« sagst und darum bittest, so bittest du um alles, was dazu gehört, um das tägliche Brot zu bekommen und zu genießen; und andrerseits bittest du auch um Abwendung von allem, was das hindert. Darum musst du deine Gedanken recht auftun und ausbreiten, nicht bloß zum Backofen oder Mehlkasten, sondern ins weite Feld und ganze Land, das das tägliche Brot und allerlei Nahrung erzeugt und uns bringt. Denn wenn Gott es nicht wachsen ließe, segnete und auf dem Lande erhielte, würden wir nie ein Brot aus dem Backofen nehmen noch auf den Tisch zu legen haben.

»Täglich Brot« schließt alles Lebensnotwendige ein, wie es vor allem der Staat im Auftrage Gottes sichert

Um es kurz zusammenzufassen, so will diese Bitte alles das miteingeschlossen haben, was zu diesem ganzen Leben in der Welt gehört; denn allein um dessentwillen müssen wir das tägliche Brot haben. Nun gehört zum Leben nicht bloß, dass unser Leib seine Nahrung und seine Kleidung und anderen Bedarf bekomme, sondern auch, dass wir in Ruhe und Frieden mit den Leuten auskommen, mit welchen wir leben und umgehen beim täglichen Handel und Wandel und in allerlei Beziehung; kurz, es gehört alles dazu, sowohl was das häusliche und nachbarliche oder bürgerliche Wesen und Regiment belangt. Denn wo diese zwei gehindert werden, dass es bei ihnen nicht geht, wie es gehen soll, da ist auch das Lebensnotwendige gehindert, so dass es auf die Dauer nicht erhalten werden kann. Und dass es bei ihnen nicht geht, wie es gehen soll, da ist auch das Lebensnotwendige gehindert, so dass es auf die Dauer nicht erhalten werden kann. Und da ist es wohl das Allernötigste, für die weltliche Obrigkeit und [ihr] Regiment zu bitten; denn durch dieses erhält uns Gott unser täglich Brot und alle Annehmlichkeiten unseres Lebens am allermeisten. Denn wenn wir auch von Gott eine Fülle von allen Gütern bekommen haben, so können wir doch keines davon behalten noch sicher und fröhlich gebrauchen, wenn er uns nicht ein beständiges, friedliches Regiment gibt. Denn wo Unfriede, Hader und Krieg ist, da ist das tägliche Brot schon genommen oder doch wenigstens gefährdet.

In das Gebet um das tägliche Brot sind vor allem die Fürsten einzuschließen, die für Ruhe und Frieden zu sorgen haben

Darum könnte man mit Recht in den Wappenschild eines jeden frommen Fürsten ein Brot setzen an Stelle eines Löwen oder eines Rautenkranzes, oder ein solches als Prägung auf die Münze schlagen, um sowohl [die Fürsten] wie die Untertanen daran zu erinnern, dass wir durch ihr Amt Schutz und Frieden haben und ohne sie das liebe Brot nicht essen noch behalten können. Darum sind sie auch aller Ehre wert, und man muss ihnen dazu geben , was wir sollen und können. Denn sie sind es, durch die wir alles, was wir haben, in Frieden und Ruhe genießen können; sonst würden wir nämlich keinen Heller behalten. Dazu soll man auch für sie beten, damit Gott uns durch ihre Vermittlung um so mehr Segen und Gutes gebe.

Was im Einzelnen mit der Bitte um das tägliche Brot gemeint ist

So sei in aller Kürze gezeigt und entworfen, wie weit dieses Gebet durch alle möglichen Verhältnisse auf Erden hindurch reicht. Daraus könnte man nun ein langes Gebet machen und mit vielen Worten alle solche Stücke, die dazu gehören, aufzählen; nämlich dass wir bitten, Gott möge uns Essen und Trinken, Kleider, Haus und Hof und gesunden Leib geben, dazu das Getreide und die Früchte auf dem Felde wachsen und wohl geraten lassen; er möge weiter auch daheim recht haushalten helfen, ein frommes Weib, Kinder und Gesinde geben und bewahren, unsre Arbeit, unser Handwerk oder was wir zu tun haben, gedeihen und gelingen lassen, uns treue Nachbarn und gute Freunde bescheren usw. Ebenso möge er dem Kaiser, König und allen Ständen und besonders unsern Landesfürsten, allen Räten, Oberherren und Amtleuten Weisheit, Stärke und Glück geben , um recht zu regieren und gegen Türken und alle Feinde zu siegen; er möge den Untertanen und dem gemeinen Haufen Gehorsam schenken und dass sie in Frieden und Eintracht miteinander leben. Andrerseits möge er uns behüten vor allem möglichen Schaden an Leib und Nahrung, vor Ungewitter, Hagel, Feuer, Wasser, Gift, Pest, Viehsterben, Krieg und Blutvergießen, teurer Zeit, schädlichen Tieren, bösen Leuten usw. Es ist gut, das alles den einfachen Leuten einzuprägen, dass dieses und dergleichen von Gott gegeben und von uns erbeten werden muss.

Diese Bitte richtet sich vor allem gegen den Teufel, der das geistliche wie das weltliche Regiment zerstören will

Vor allem aber ist dieses Gebet auch gegen unseren höchsten Feind, den Teufel, gerichtet. Denn das ist all sein Sinnen und Begehren, dies alles, was wir von Gott haben, zu nehmen oder zu hindern. Und zwar lässt er sich nicht daran genügen, dass er das geistliche Regiment (die Kirche) hindere und zerstöre, indem er die Seelen durch seine Lügen verführt und unter seine Gewalt bringt, sondern er verwehrt und hindert auch, dass irgend ein [staatliches] Regiment und ehrbare und friedliche Verhältnisse auf Erden bestehen. Da richtet er soviel Hader, Mord, Aufruhr und Krieg an, ferner Ungewitter und Hagel, um das Getreide und Vieh zu verderben, die Luft zu vergiften usw. Kurz, es ist ihm leid, wenn jemand einen Bissen Brot von Gott hat und mit Frieden isst; und wenn es in seiner Macht stünde und nächst Gott nicht unser Gebet dem wehrte, so würden wir sicherlich keinen Halm auf dem Felde, keinen Heller im Haus, ja nicht eine Stunde lang das Leben behalten, besonders die nicht, die Gottes Wort haben und gerne Christen sein wollten.

Wenn Gott seine Hand von der Welt abzieht, geht sie an ihrer eigenen Bosheit zugrunde

Sieh, so will uns Gott zeigen, wie er sich aller unserer Not annimmt, und so treulich auf für unsere zeitliche Nahrung sorgt; und obwohl er dies auch den Gottlosen und Spitzbuben reichlich gibt und erhält, so will der dennoch, dass wir darum bitten. Wir sollen [dadurch] erkennen, dass wir es von seiner Hand empfangen und darin seinen väterliche Güte gegen uns verspüren. Denn wenn er die Hand abzieht, so kann er doch nicht schlussendlich gedeihen und erhalten werden, wie man wohl täglich sieht und fühlt. Was ist's zurzeit für eine Plage in der Welt allein mit der bösen (falschen) Münze, ja mit täglicher Beschwerung und Preisaufschlägen beim gewöhnlichen Handel, beim Kauf und bei der Arbeit von Seiten derer, die nach ihrem Mutwillen die liebe Armut drücken und ihr das tägliche Brot entziehen! Wir müssen das zwar leiden; sie aber mögen sich vorsehen, dass sie nicht die Fürbitte der Gemeinde verlieren, und sich hüten, dass dies Stücklein im Vaterunser nicht gegen sie gehe.

 

Die fünfte Bitte

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Auch als Christen sündigen wir täglich und brauchen wir täglich Gottes Vergebung

Dieses Stück betrifft nun unser armes und elendes Leben. Obgleich wir Gottes Wort haben, glauben, seinen Willen tun und leiden und uns von Gottes Gabe und Segen nähren, so geht es doch nicht ohne Sünde ab. Wir straucheln noch täglich und halten nicht Maß. Denn wir leben in der Welt unter den Leuten, die uns viel zuleid tun und Ursache zu Ungeduld, Zorn, Rache usw. geben; dazu haben wir den Teufel hinter uns her, der uns auf allen Seiten zusetzt und, wie wir gehört haben, gegen alle bisher besprochenen Stücke ficht, so dass es nicht möglich ist, in solch stetem Kampfe allzeit festzustehen. Darum liegt hier abermals eine große Notwendigkeit vor, zu bitten und zu rufen: »Lieber Vater, vergib uns unsere Schuld.« Nicht als ob er nicht auch ohne und vor unserem Bitten die Sünden vergeben würde; er hat uns ja das Evangelium, in dem lauter Vergebung ist, geschenkt, ehe wir darum gebeten oder auch nur einmal darüber nachgesonnen haben. Es handelt sich aber darum, dass wir diese Vergebung erkennen und annehmen. Denn das Fleisch, in dem wir täglich leben, ist von solcher Art, dass es Gott nicht traut und glaubt und es sich immerfort regt mit bösen Lüsten und Tücken. So sündigen wir täglich mit Worten und Werken, mit Tun und Lassen. Davon kommt das Gewissen in Unfrieden, so dass es sich vor Gottes Zorn und Ungnade fürchtet und so den Trost und die Zuversicht, die aus dem Evangelium stammen, sinken lässt. Deshalb ist es ohne Unterlass nötig, hierher zu laufen und Trost zu holen, um das Gewissen wieder aufzurichten.

Keiner ist besser als der andere. Jeder lebt aus dieser immer neuen Vergebung

Dies aber soll nun dazu dienen, dass unser Gott den Stolz zerbricht und uns in der Demut hält. Denn er hat sich [gegenüber unserer menschlichen Selbstgerechtigkeit] das Vorrecht vorbehalten. Wollte jemand auf seine Frömmigkeit pochen und andere verachten, so soll er sich selbst ansehen und sich dies Gebet vor Augen stellen: dann wird er finden, dass er ebensowenig fromm ist als die anderen. So müssen wir alle vor Gott die Federn niederschlagen und froh sein, wenn wir zu der Vergebung kommen; und es soll nur niemand denken, er bringe es, solange wir hier leben, dahin, dass er solcher Vergebung nicht mehr bedürfe. Kurz, wenn Gott nicht ohne Unterlass vergibt, so sind wir verloren.

Aufgrund dieser Vergebung haben wir ein fröhliches Gewissen

So ist nun der Sinn dieser Bitte: Gott wolle unsere Sünde nicht ansehen und uns nicht vorhalten, was wir täglich verdienen, sondern er wolle mit Gnade gegen uns handeln und uns vergeben, wie er es verheißen hat, und uns so ein fröhliches und unverzagtes Gewissen geben, dass wir vor ihm stehen und ihn bitten können. Denn wenn das Herz nicht recht mit Gott steht und solche Zuversicht nicht schöpfen kann, so wird es sich niemals unterstehen, zu beten. Solch eine Zuversicht aber und solch ein fröhliches Herz kann nirgends herkommen als davon, dass es weiß, dass ihm die Sünden vergeben sind.

Wenn Gott uns vergibt, obwohl wir gegen ihn sündigen, müssen wir auch unserem Nächsten vergeben, obwohl er gegen uns sündigt

Es ist aber dabei ein nötiger und doch tröstlicher Zusatz angehängt: »Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« [Gott] hat's verheißen, wir sollen sicher sein, dass uns alles vergeben und geschenkt sei, jedoch nur, sofern wir auch unserem Nächsten vergeben. Denn wie wir uns gegen Gott täglich viel zuschulden kommen lassen und er doch aus Gnaden alles vergibt, ebenso müssen auch wir unserem Nächsten immerfort vergeben, wenn er uns Schaden, Gewalt und Unrecht tut, böse Tücke beweist usw.

Gott vergibt uns aber nicht, weil wir vergeben, sondern um seiner Verheißung willen und aus Gnade

Vergibst du nun nicht, so darfst du auch nicht denken, dass dir Gott vergebe. Vergibst du aber, so hast du den Trost und die Sicherheit, dass dir im Himmel vergeben wird; nicht um deines Vergebens willen – denn Gott tut es frei umsonst aus lauter Gnade, weil er's verheißen hat, wie das Evangelium lehrt –: sondern er will uns das zur Bestärkung und Sicherheit wie zu einem Wahrzeichen neben [folgende] Verheißung hinsetzen, die mit diesem Gebet übereinstimmt, Luk 6: »Vergebet, so wird Euch vergeben!« Darum wiederholt sie auch Christus gleich nach dem Vaterunser und spricht Matth 6 »Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben« usw.

Der Zusatz »wie auch wir vergeben...« ist ein Zeichen und Siegel, das uns Gottes Vergebung vergewissert

Ein solches Zeichen wird nun diesem Gebete deshalb mit angeheftet, dass wir, wenn wir bitten, uns dieser Verheißung erinnern und so denken: »Lieber Vater, darum komme und bitte ich, dass du mir vergebest: nicht als ob ich mit Werken Genugtuung geben oder es verdienen könnte, sondern weil du es verheißen und dieses Siegel drangehängt hast, das so gewiss sein soll, als hätte ich eine Absolution (Lossprechung), von dir selbst ausgesprochen.« Denn das, was die Taufe und das [Altar-] Sakrament, die als äußerliche Zeichen eingesetzt sind, schaffen, das vermag auch dieses Zeichen; [es vermag] unser Gewissen zu stärken und fröhlich zu machen; und es ist vor andern eben deshalb eingesetzt, damit wir's alle Stunden gebrauchen und üben können, da wir's ja allezeit bei uns haben.

 

Die sechste Bitte

Und führe uns nicht in Versuchung

Wir müssen Gott bitten, dass wir nicht wieder aus der Gnade herausfallen

Wir haben nun zur Genüge gehört. was für eine Mühe und Arbeit es erfordert, das alles, was man bittet, zu erhalten und dabeizubleiben, und wie es dennoch nicht ohne Gebrechen und Straucheln abgeht. Dazu kommt: auch wenn wir Vergebung und ein gutes Gewissen bekommen haben und ganz losgesprochen sind, so verhält sich's doch im Leben so, dass einer heute steht und morgen [schon] davon abfällt. Darum müssen wir, obschon wir nun fromm sind und mit gutem Gewissen Gott gegenüberstehen, abermals bitten, dass er uns nicht zurückfallen und der Anfechtung oder Versuchung weichen lasse.

Die Versuchung ist dreifachen Ursprungs, sie kommt erstens aus dem Fleisch und seinem bösen Begehren

Die Versuchung aber, oder wie es unsere Sachsen von altersher nennen, Bekörung, ist dreifacher Art: die des Fleisches, die der Welt und die des Teufels. Im Fleische wohnen wir ja und tragen den alten Adam am Hals; der regt sich und reizt uns täglich zu Unzucht, Faulheit, Fressen und Saufen, Geiz und Täuscherei, dass wir den Nächsten betrügen und übervorteilen, und kurz, zu bösen Lüsten aller Art, wie sie uns von Natur ankleben und dazu [noch] erregt werden durch anderer Leute Gesellschaft, durch [böse] Beispiele, Hören und Sehen, welche oftmals auch ein unschuldiges Herz verwunden und entzünden.

Die Versuchung kommt zweitens durch die Welt und ihre Eitelkeit

Darnach ist es die Welt, die uns mit Worten und Werken beleidigt und zu Zorn und Ungeduld treibt; kurz, da ist nichts als Hass und Neid, Feindschaft, Gewalt und Unrecht, Untreue, [Sich] rächen, Fluchen, Schelten, Verleumden, Hoffahrt und Stolz, zusammen mit überflüssigem Schmuck,  Ehre, Ruhm und Gewalt, weil niemand der Geringste sein, sondern jeder obenansitzen und vor jedermann gesehen sein will.

Die Versuchung kommt drittens durch den Teufel in geistlichen Dingen

Dazu kommt nun der Teufel: der hetzt und bläst auch allenthalben hinein [ins Feuer]. Aber im besonderen betreibt er, was das Gewissen und geistliche Sachen betrifft: dass man nämlich beides, Gottes Wort und Gottes Werk, in den Wind schlage und verachte. So will er uns von Glauben, Hoffnung und Liebe wegreißen und zu Missglauben, zu falscher Vermessenheit und Verstockung oder umgekehrt zu Verzweiflung, Verleugnung und Lästerung Gottes und zu unzähligen anderen gräulichen Stücken bringen. Das sind nun die »Stricke und Netze«, ja die rechten »feurigen Pfeile«, die nicht Fleisch und Blut, sondern der Teufel aufs allergiftigste ins Herz schießt.

Diese dreifache Versuchung soll uns zu ständigem Beten veranlassen

Das sind wahrlich große, schwere Gefahren und Anfechtungen, schon wenn jede für sich allein wäre, und sie muss jeder Christ ertragen. Solange wir in dem schändlichen Leben sind, wo man uns von allen Seiten zusetzt, uns jagt und treibt, sollen wir dadurch immer angetrieben werden, alle Stunden zu rufen und zu bitten, Gott möge uns nicht matt und müde werden und nicht wieder in Sünde, Schande und Unglauben zurückfallen lassen. Denn sonst ist's unmöglich, auch nur die allergeringste Anfechtung zu überwinden.

Wir können nicht verhindern, dass wir den Versuchungen verfallen

Das »Nicht-in-Versuchung-führen« heißt nun soviel, dass Gott uns Kraft und Stärke gibt, um zu widerstehen, ohne dass jedoch die Anfechtung weggenommen und aufgehoben würde. Denn Versuchung und Reizung kann niemand umgehen, solange wir im Fleische leben und den Teufel um uns haben; und da wird nichts anders: wir müssen Anfechtung erleiden, ja sogar darin stecken. Aber dafür bitten wir, dass wir nicht hineinfallen und darin ersaufen. Darum ist es etwas ganz anderes, Anfechtung zu fühlen, als in sie einzuwilligen oder Ja dazu zu sagen. Fühlen müssen wir sie alle, wenn sie auch nicht bei allen von derselben Art, sondern bei einigen größer und schwerer ist: die Jugend vor allem vom Fleisch; sodann, was erwachsen ist und älter wird, von der Welt; die andern aber, die mit geistlichen Sachen umgehen, d.h. die starken Christen, vom Teufel. Aber solange solches Fühlen gegen unseren Willen ist und wir es lieber los wären, kann es niemand schaden; denn wenn man es nicht fühlte, könnte es keine Anfechtung heißen. Einwilligen aber bedeutet, dass man ihm den Zaum [und Zügel] überlässt, nicht widersteht noch betet.

Niemand wiege sich in Sicherheit, als käme er ohne Versuchungen aus. Nur das Gebet kann sie abschrecken

Deshalb müssen wir Christen darauf gerüstet und täglich dessen gewärtig sein, dass wir ohne Unterlass angefochten werden. Es darf also niemand so sicher und unachtsam hingehen, als sei der Teufel weit von uns, sondern wir müssen allenthalben der Streiche gewärtig sein und sie parieren. Denn wenn ich jetzt gerade auch keusch, geduldig, freundlich bin und in festem Glauben stehe, kann der Teufel mir noch in dieser Stunde einen solchen Pfeil ins Herz dringen lassen, dass ich kaum bestehen bleibe. Denn er ist ein solcher Feind, der niemals ablässt und müde wird; wenn eine Anfechtung aufhört, erheben sich immer andere und neue. Darum gibt es keinen Rat und Trost, als hierher zu laufen, um das Vaterunser zu ergreifen und von Herzen mit Gott zu reden: »Lieber Vater, du hast mich beten heißen, lass mich nicht durch die Versuchung zurückfallen.« Du wirst dann sehen, dass sie ablassen und sich schlussendlich überwunden geben muss. Sonst, wenn du es unternimmst, mit deinen Gedanken und eigenem Rat dir zu helfen, wirst du's nur ärger machen und dem Teufel mehr Raum geben. Denn er hat einen Schlangenkopf; wenn der eine Lücke findet, in die er schlüpfen kann, so geht der ganze Leib unaufhaltsam hinterher. Aber das Gebet kann ihm wehren und ihn zurücktreiben.

 

Die siebte Bitte

Sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen

Mit dem Bösen ist in dieser Bitte der Teufel gemeint, der alles verhindern will, was im Vaterunser erbeten wird

Im Griechischen heißt das Sätzchen so: »Erlöse oder behüte uns von dem Argen oder Bösen«, und es sieht gerade so aus, als rede [das Vaterunser hier] vom Teufel, wie wenn alles zusammengefasst werden sollte: dass der gesamte Inhalt des ganzen Gebetes wider diesen unseren Hauptfeind gehe. Denn dieser ist's, der all das, was wir bitten, unter uns verhindern will: Gottes Namen oder Ehre, Gottes Reich und Willen, das tägliche Brot, das fröhliche, gute Gewissen usw. Darum fassen wir das zum Schlusse zusammen und sagen: »Lieber Vater, hilf doch, dass wir dieses Unglück alles los werden.«

Der Teufel hindert nicht nur das Gute, er bringt Böses

Nichtsdestoweniger ist darin aber auch mit eingeschlossen, was uns Böses unter des Teufels Reich widerfahren kann: Armut, Schande, Tod, und kurz, all der unselige Jammer und Herzeleid, das es auf Erden so unzählig viel gibt. Denn weil der Teufel nicht bloß ein Lügner, sondern auch ein Totschläger ist, trachtet er ohne Unterlass auch nach unserem Leben und kühlt sein Mütlein, wo er uns zu Unfall und Schaden am Leben bringen kann. Daher kommt's, dass er manchem den Hals bricht oder ihn von Sinnen bringt, einige im Wasser ersäuft und viele dahin treibt, dass sie sich selbst umbringen, und zu vielen andern schrecklichen Fällen verleitet. Darum haben wir auf Erden nichts zu tun, als ohne Unterlass gegen diesen Hauptfeind zu beten. Denn wenn uns Gott nicht erhielte, wären wir keine Stunde vor ihm sicher.

Die vorhergehenden Bitten sind Vorraussetzung dieser letzten Bitte

Daraus siehst du, wie Gott für alles, was uns auch leiblich anficht, gebeten sein will, dass man nirgends eine Hilfe suche und erwarte als bei ihm. [Diese Bitte] aber hat er an die letzte Stelle gerückt. Denn sollen wir vor allem Übel behütet und erlöst werden, so muss vorher sein Name in uns geheiligt werden, sein Reich bei uns sein und sein Wille geschehen. Darnach, am Ende, will er uns vor Sünde und Schande behüten, und daneben vor allem, was uns wehe tut und schädlich ist.

Im »Amen« des Vaterunsers drückt sich die Erhörungsgewissheit des Betens aus

So hat uns Gott aufs kürzeste alle Not vorgelegt, die uns jemals treffen kann, und so haben wir jedenfalls keine Entschuldigung, [nicht] zu beten. Aber daran liegt alles, dass wir auch »Amen« dazu sagen lernen, d.h. nicht zweifeln, dass es gewiss erhört sei und geschehen werde. Denn [»Amen«] ist nichts anderes als das Wort eines nichtzweifelnden Glaubens, der nicht auf gut Glück betet, sondern der weiß, dass Gott nicht lügt, nachdem er's verheißen hat, zu geben. Wo nun ein solcher Glaube nicht ist, da kann auch kein rechtes Gebet sein. Darum ist's ein schädlicher Wahn bei denen, die so beten, dass sie sich nicht getrauen, von Herzen Ja dazu zu sagen und das Gebet mit der Gewissheit zu schließen, dass Gott sie erhört, sondern im Zweifel bleiben und sagen: »Wie sollte ich so kühn sein und rühmen, dass Gott mein Gebet erhöre? Bin ich doch ein armer Sünder usw.« Das rührt daher, dass sie nicht auf Gottes Verheißung, sondern auf ihre Werke und eigene Würdigkeit sehen; damit aber verachten sie Gott und strafen ihn Lügen. Deshalb empfangen sie auch nichts, wie der hl. Jakobus sagt: »Wer da betet, der bete im Glauben und zweifle nicht. Denn wer da zweifelt, der ist gleich einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und bewegt wird; ein solcher Mensch denke nur nicht, dass er etwas von Gott empfangen werde.« Sieh, soviel ist Gott daran gelegen, dass wir dessen gewiss sein sollen, wir bitten nicht umsonst und in keiner Weise unser Gebet verachten.

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