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Der große Baum

Herbert von Hoerner: Der große Baum - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHerbert von Hoerner
titleDer große Baum
publisherEngelhornverlag
year1940
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderAndré Gebler
created20170811
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Drüben, jenseits des Moores, dort, wo umsäumt von dichtem Ellerngebüsch wieder der Hochwald beginnt, steht sie, die alte Kiefer, der Baum. Mann und Weib in einem, Ahn allen Kiefernwaldes ringsum, überragt sie mit ihrem Wipfel die anderen Baumhäupter. Weit verbreitet ist ihr Nachwuchs, und immer noch zeugt sie neuen. Längst sind Kinder und Kindeskinder, jedes Vater und Mutter zugleich, Ahnen geworden. Aber auch in dem Urahn ist noch die Kraft der Jugend. Auch von ihm noch stäubt es gelb, wenn im Frühling durch den hochzeitlichen Kiefernwald Wolken schweben des befruchtenden Staubes. Den Segen, maßlos verschwendet im Überfluss, empfängt an der Spitze des Zweiges die Blüte. Wohl jede bekommt davon ihr genügend Teil, und welcher es bestimmt ist, fruchtbar zu sein, die wird als Zapfen den Samen tragen. Rot war die Blüte. Der Zapfen ist grün, er bräunt sich, verholzt. Drei Jahre dauert die Reifung. Der Zapfen spreizt sich, die Schuppen klaffen. Heraus fallen, jedes einen Flügel am Leib, die Körner, jedes sucht sein Schicksal. Schicksal ist Fallen. Sie fallen dem Winde in die Hand. Er streut sie weit umher. Die Vögel oben in den Zweigen und die Ameisen unten am Boden helfen auch noch auf ihre Weise, dass der Keim in die Erde kommt. Es ist dafür gesorgt, dass das Geschlecht der Kiefern nicht ausstirbt. Der Baum, dessen Krone die anderen Kronen überragt, hat unter seinesgleichen keinen Altersgenossen. Er ist allein übriggeblieben von dem Walde seiner Jugend, seines Alters. Aufgewachsen ist er in dichtem Bestände. Darum ist sein Stamm so gerade, seine Krone so hoch. Kein Mensch kann sagen, wie alt der Baum ist. Da müsste man schon die Großväter der Großväter fragen, wann der Wald, von dem der Baum nur ein Bäumchen war, zu wachsen begann. Aber die Großväter der Großväter sind tot, und der Baum lebt noch. Wer ihn abschlüge, wer ihn fällte, ja, der könnte wohl unten an der Baumscheibe die Jahresringe zählen und dann wüsste er es. Aber wer wird denn einen solchen Baum fällen?

Laibe, der Holzhändler – Buschwächter Eglis kann ihn nicht leiden –, schleicht nicht zum erstenmal um den Baum herum, befühlt ihn, beklopft ihn, streichelt seine rauhe Rinde. – »Gutes Holz«, sagt der Holzhändler Laibe. »Astfreies Holz. Und gesund bis in die Wurzel. Das sieht man an der Krone. Da stirbt noch nichts ab. Ein schöner Baum. Könnte als Schiffsmast gehen oder als Mühlenwelle. Mühlenwellen sind gesucht. Wozu lässt man einen solchen Baum stehen, wenn man ihn kann verkaufen?«

»Ja, schauen Sie sich den Baum nur an«, sagte Eglis, der Buschwächter, der den Holzhändler nicht leiden kann. »Kriegen tun Sie ihn doch nicht. Sie denken immer noch an das Waldstück, wo vor drei Jahren der Herr Ihnen zu schlagen erlaubte. Da haben Sie viel zuviel daran verdient. Wäre das in meinem Walde gewesen, mich hätten Sie nicht übers Ohr gehauen mit Ihrem Maßstock, der um drei Ginger Breite zu lang war.« Laibe erwidert auf solche Anschuldigungen nichts. Eglis würde noch anders mit ihm reden und ihn ganz einfach aus seinem Wald beritt hinausjagen, wenn Laibe sich nicht darauf berufen könnte, er habe vom Baron die ganz ausdrückliche Erlaubnis bekommen, sich das Waldstück jenseits des Sumpfes anzusehen.

Gegen eine solche Erlaubnis seines Herrn ist der Buschwächter Eglis machtlos. Aber er lässt Laibe nicht aus den Augen, so als wäre dieser imstande, Bäume heimlich abzuschneiden und sich in die Tasche zu stecken. Den Weg zurück zur Buschwächterei Eglis', wo Laibe sein Pferd untergestellt hat, kürzen die beiden ab, indem sie über das Moor gehen. Das Moor ist gefroren, denn es ist Winter. Aber der Frost war noch nicht stark genug, um durch die Schneedecke hindurch tief in das Moor einzudringen. Eglis, der vorausgeht, hört hinter sich einen Schrei und sieht, wie Laibe sich angstvoll an eine der Zwergkiefern anklammert, die hier in spärlichem Bestände die festeren Stellen des Moores bezeichnen. Es ist kein Weg, der über das Moor hinüberführt, es ist nicht einmal ein Pfad. Aber wer sich nach dem Stande der Zwergkiefern zu richten weiß, kommt auch im Sommer hinüber. – Laibe natürlich, so ein Holzhändler, von Bäumen versteht er was, aber über ein Moor zu gehen versteht er nicht. Er ist mit einem Bein tief durch den lockeren Schnee in ein Moorloch getreten. Nun kriegt er den Fuß nicht aus dem Filzstiefel und diesen nicht aus dem Loch heraus und muss sich an die Zwergkiefer anklammern, um nicht auch noch mit dem zweiten Bein zu versinken. Eglis leistet ihm halb lachend, halb scheltend Beistand, indem er zuerst ihn aus dem Stiefel und dann den Stiefel, dessen Filzschaft gänzlich durchnässt und geschwärzt ist, aus dem Moorloch herauszieht. Laut jammernd fährt Laibe mit dem nassen Fuß in die nasse Umhüllung. Im Weitergehen hält er sich am Ärmel von Eglis' Pelz fest. Er möchte nicht zum zweitenmal ins kalte Unglück sinken.

Das Pferd wird angespannt. Eglis bekommt den von ihm erwarteten Rubel Trinkgeld, und Laibe fährt davon. – Ein dicker Mensch, ein mageres Pferd, ein schiefer Schlitten, denkt Eglis, dem Davonfahrenden nachblickend. Aber viel Geld! – Er wendet sich seinem Hause zu, aus dessen Schornstein Rauch aufsteigt. An Pfosten und Türschwelle tritt und klopft er sich den anhaftenden Schnee von den Füßen. Seine Fußbekleidung besteht aus drei Paar dicken wollenen Socken übereinander, von der Frau gestrickt aus der Wolle der eigenen Schafe. Darüber ist die Pastel gezogen. Das ist der Schuh, den schon der Mensch der Vorzeit trug: aus einem Stück Leder geschnitten und nass um den Fuß geformt. Er schmiegt sich um Sohle und Zehen und wird am oberen Rande durch feine Riemen zusammengezogen. Von der Pastel geht eine Verschnürung kreuzweise an der Wade hinauf. Drinnen im Hause wird die Frau schon das Mittagessen bereitet haben, und die Kinder werden auf den Vater warten. Dieser Laibe, der hat ihn so lange aufgehalten. Aber warum steht der Vater immer noch draußen vor der Tür, warum kommt er nicht herein? Laibe mit seinem schiefen Schlitten ist hinter der Biegung des Hügels verschwunden, aber von anderer Richtung her kommt jetzt ein anderes Gefährt. Aus dem Dunkel des Fichtenwaldes bewegt es sich heraus. Das Pferd, den Schlitten, den Fahrer, Eglis erkennt sie von weitem: es ist der Herr. Der Herr wird etwas mit ihm zu besprechen haben, vielleicht wegen der Eglis öffnet die Tür seines Hauses und ruft hinein: »Betet und esst!« Dann geht er dem mit leisem Schellengeläut sich nähernden Gefährt entgegen. Der Herr sitzt nicht allein im Schlitten. Zwischen den Knien hält er ein Kind. Der kleine Jungherr ist es, der Enkel des Herrn. Es schaut von ihm über die Schlittendecke nicht viel mehr als das Naschen hervor. Aber dieses Naschen guckt recht keck in die Welt, und dazu hat es auch allen Grund. Wälder, Wiesen, Äcker, Moor und nochmals Wald, alles, was es da erblickt, das Kind, über die Schlittendecke weg, gehalten von den Knien des Großvaters, das wird einmal ihm gehören. Es wird selber einmal ein Großherr sein. Herr des Gutes, Herr über viel Besitz und sehr viel Leute. Es weiß das auch schon. Die Eltern sind ihm beide gestorben, als es noch in der Wiege lag. Nun wächst es auf als das Kind seiner Großeltern, und man kann sich wohl denken, dass die es an nichts fehlen lassen. Es ist ja der einzige junge Spross der Familie, und das Gut ist Majorat.

Eglis begrüßt den Großherrn, wie es sich gehört, indem er ihm den Ärmel küsst. Auch auf den kleinen roten Kinderfäustling, der gnädig sich ihm entgegenstreckt, drückt er sein bärtiges Gesicht.

»Wir wollen da hinüber«, sagt der Herr. »Kann man schon über das Moor fahren?« »Über das Moor, mit dem Schlitten, das wird nicht gehen«, sagt Eglis. »Das Pferd könnte einbrechen. Laibe ist auch eingebrochen.« »Laibe, war der schon hier?« »Ja, gnädiger Großherr. Ich hätte ihn nicht in meinen Wald hineingelassen, aber er hat gesagt...«

»Schon gut«, nickt der Herr. Eglis seufzt. Es passt ihm nicht, dass der Herr offenbar die Absicht hat, im Walde drüben schlagen zu lassen. Schade ist es um jeden Baum und außerdem – es beunruhigt das Wild.

»Wir müssen dem Nachwuchs Luft schaffen«, sagt der Herr. Er sagt es so, als sei er seinem Buschwächter eine Erklärung dafür schuldig, dass er wieder mit Laibe verhandelt. Im Grunde ist es ihm selber nicht recht. Aber eine geordnete Waldwirtschaft verlangt ihren Hieb. Auch hat ja das Gut seinen beständigen Bedarf an Bauholz. Und da ist eben in diesem Jahre die Reihe an Eglis' Beritt. Eglis muss das ja schließlich auch einsehen. »Aber doch hoffentlich nicht den großen Baum?« fragt Eglis besorgt.

»Welchen meinst du?« »Die alte Kiefer, die hohe.« »Nein, den Baum nicht.« Zu Fuß über das Moor hinübergehen, wie er schon oft gegangen ist, das möchte der Herr heute nicht, des Kindes wegen. Auch wenn Eglis den Kleinen auf den Arm nähme und hinübertrüge – Laibe ist durch die Schnee decke durchgebrochen, ganz ungefährlich ist das Moor nie, und noch sind keine starken Fröste gewesen – es hieße das Kind einer Gefahr aussetzen, und das tut Großvater nicht. – Es ist ja sein Kind, sein Alexander, sein Nachwuchs, sein Einziger! Aber das bedeutet nun, einen weiten Umweg machen, um das Moor herum. Von der anderen Seite kann man in den Wald hineinfahren. Der Weg wird fahrbar sein. Eglis weiß das, denn er ist ja vorhin mit Laibe dort gegangen. Also wendet der Herr das Pferd. Eglis stellt sich hinten auf die Schlittenkufen und hält sich an der Rückenlehne fest. Seine drei Jungen sind aus dem Hause getreten. Sie stehen barfuß im Schnee, das macht ihnen nichts. Da fährt der Vater mit dem Herrn davon. Den Herrn sehen, und sei es auch nur von weitem, bedeutet für Eglis' Söhne immer ein Ereignis. So ist es mit den großen Herren in der Welt: sie nur zu sehen, bedeutet schon etwas.

»Ist das alles meins?« fragt Alexander und zeigt mit dem Fäustling in der Gegend umher. Es ist die Herrschergebärde eines Fünfjährigen. »Nun«, antwortet der Großvater, »vorläufig wollen wir noch sagen, es ist unseres.«

Der Weg fuhrt eine Strecke weit über die Grenzen des Gutes hinaus durch nachbarliches Gebiet. Sie kommen an einer Reihe starker Eichen vorüber.

»Sind die Bäume auch unsere?« fragt Alexander. »Nein«, antwortet der Großvater, »die ganze Welt gehört uns nämlich nicht.« »Dann will ich diese Bäume auch gar nicht sehen«, sagt Alexander und hält sich die roten Fäustlinge vor die Augen. »Sag mir, wenn es wieder unsere sind.«

Im Walde halten sie an. Das Pferd bekommt die Schlittendecke über den Rücken gedeckt. Damit es sich im Stehen, da es allein gelassen wird, nicht langweilt, holt Eglis aus dem Inneren des Schlittens einen Arm voll Heu und wirft es ihm vor.

»Nimm nicht zu viel«, mahnt der Herr. »Es muss genug davon übrigbleiben, damit uns nachher unser Jungherr nicht erfriert.« »Ich erfriere nicht«, sagt Alexander. Er sagt es lettisch, weil ja der Großvater mit dem Buschwächter lettisch spricht. Wie alle Herrenkinder ist Alexander mit den zwei Sprachen aufgewachsen: dem Deutsch der Herrschaft und dem Lettisch der Dienerschaft.

Sie gehen kreuz und quer durch den Wald. Alexander findet es wenig unterhaltend, hinter den beiden großen Männern her, die sich Bäume ansehen, durch den Schnee zu stapfen. Er wird müde. Eglis will ihn auf den Arm nehmen.

»Nein, Schulterreiter!« befiehlt Alexander. Der Großvater weist ihn zurecht: »Ein Kind hat ›bitte‹ zu sagen.« Eglis begütigt. »Wird einmal ein richtiger Herr sein«, sagt er und nimmt ihn auf die Schulter. Es ist ein herrlicher Sitz, oben auf dem großen Mann. Eglis ist ein Riese. Und dass der Riese Eglis gehorsam tut, was er, der Alexander, befiehlt, das findet dieser Zwerg ganz selbstverständlich. Und ist es das nicht auch? Da müssten sich ja die Bäume im Walde vor Erstaunen biegen, wenn's anders wäre. Also – wozu erst »bitte« sagen? Alexander blickt triumphierend auf seinen Großvater herab. Der denkt: Er wird es schon noch lernen. Herr sein ist nicht nur befehlen.

Sie kommen zu dem großen Baume, der alten Kiefer. Hier verlangt Alexander, von seinem Reittier herabzusteigen, denn er hat im Schnee eine Spur entdeckt, die er untersuchen muss.

»Wie ein junger Jagdhund«, sagt der Großvater. »Kann kaum laufen und geht schon auf Spuren.« – Und es freut sich sein altes Jägerherz.

Der Baum steht im Walde und doch allein. Es ist Raum um ihn. Fast sieht es so aus, als hätten Menschen sich hier ein Plätzchen geschaffen, vielleicht als Tanzplatz für sommerliche Feste im Grünen. Aber dazu wäre die Stelle zu abgelegen und zu schwer zugänglich. Von drei Seiten her vom Moor umfasst, halbinselartig, hängt dieses Waldstück nur durch einen schmalen Streifen festeren Bodens mit dem Walde dahinter zusammen, und von dort aus ist es beträchtlich weit bis zu den nächsten menschlichen Wohnstätten. Die Natur, vielleicht der Wald selber, ist auf den Einfall gekommen, das Gedränge der jüngeren Bäume nicht bis dicht an den alten herantreten zu lassen. Es ist, als habe der Nachwuchs gerade zu Füßen des Ahns nicht siedeln wollen, während er sonst, weitum in der Runde, sich vermehrt und ausgebreitet hat. Nicht lauter Kiefern sind es. Auch der Wald hat seine natürliche Fruchtfolge, und so finden sich hier in buntem Gemisch auch Birken und Espen und Ellern, darunter vereinzelte Fichten. Und der Nussstrauch bildet ein dichtes Unterholz. Im Winter ist die gewachsene Wand durchsichtiger als im Sommer. Sie hat ihre Öffnungen und Unregelmäßigkeiten. Im ganzen aber ist es ein Kreis um den Baum in der Mitte. Wie eine Säule Gewölbe und Dach, so trägt der Stamm, machtvoll aufsteigend, die stolze Krone.

Eglis ist an den Stamm herangetreten und schaut an ihm empor. – »Solch ein Baum«, sagt er, »solch ein Baum!« Und er sucht nach einem Wort, darein er alle Ehrerbietungen legen könnte, die er dem Baume bezeigen möchte. – »Ein Kaiserbaum«, sagt er. Auch der Herr legt die Hand an den Stamm und schaut zur Krone hinauf. Und wie sie so dastehen, den Baum zwischen sich, ihn betrachtend und an ihn gelehnt, liegt in Blick und Haltung der beiden etwas Verbindendes, von Mensch zu Mensch ein Verstehen. Nicht wie von gleich zu gleich. Herr und Knecht, dabei bleibt es. Aber sie wissen beide, und eben darin verstehen sie sich, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Sie sind es auch vor diesem Baume.

»Wenn solch ein Baum«, sagt Eglis nachdenklich, »wenn solch ein Baum stürzt, und einmal muss er ja stürzen, dann bleibt das hier eine leere Stelle. Da wächst so bald nichts nach. Und bis die jungen Bäume«, damit meint er die Hundertjährigen in der Runde, »das Alter dieses Baumes erreicht haben werden, darüber wird eine lange Zeit vergehen. Und wer weiß, ob einer von ihnen das Alter erreicht, und wenn auch, wer weiß, ob es in unserem Walde je wieder einen solchen Baum geben wird, so alt und dabei so ohne Fehl, so gerade und so gesund von der Krone bis in die Wurzel und so voll Kraft. Ich meine, solche Bäume, die wachsen vielleicht überhaupt nicht mehr nach.« Er schweigt und zupft sich einen Eiszapfen aus dem Bart. Sein Herr sieht ihn gedankenvoll an.

»Ich meine«, sagt Eglis und blickt zur Seite, »aber nun weiß ich nicht, ob ich das sagen darf?«

»Sag's nur«, ermutigt ihn sein Herr. »Es gibt«, sagt Eglis, »es gibt auch solche Menschen. Kaisermenschen. Und«, die Worte kommen zögernd, »wenn unser gnädiger Großherr einmal stirbt, das wird so sein, wie wenn dieser Baum gestürzt wäre.«

Der Herr lächelt. »Wir haben unseren Nachwuchs«, sagt er, »wie der Baum den seinen hat. Und warum sollten nicht auch solche Bäume wieder nachwachsen?« »Die Zeiten können sich ändern«, sagt Eglis. »Vielleicht kommen Zeiten, in denen die Bäume nicht mehr so wachsen können wie dieser. Windbruch – oder die Axt.« »Ja«, sagt der Herr, »was dann für Zeiten sein werden, wenn die Hundertjährigen so alt sein werden wie dieser, das freilich wissen wir nicht. Gott weiß es. Und genug, wenn jeder zu seiner Zeit dort steht und standhält, wo Gott ihn hingestellt hat. Bis ein Sturm ihn wirft.«

»So ist es«, nickt Eglis. Aber er kommt noch nicht von dem Baum los. »Und solch einen Baum«, sagt er und lacht ingrimmig, »solch einen Baum möchte ein Laibe gern gefällt sehen, weil man ihn zu einer Mühlenwelle oder zu einem Mastbaum verarbeiten und darum gut verkaufen könnte. So ein Laibe!« Der Herr lacht. »Ein Holzhändler will auch leben«, sagt er.

»Da bin ich nur froh«, sagt Eglis, »dass Sie es mir schon versprochen haben, gnädiger Großherr, dass er den Baum nicht kriegt.«

»Nein, den kriegt er nicht«, bekräftigt der Herr. »Aber«, spricht er versonnen, »Eglis, was weißt denn du von den Gedanken des Baumes? Was wissen wir von den Gedanken Gottes? Vielleicht denkt der Baum, dass er gern eine Mühlen welle werden möchte, den Menschen ihr Brot zu mahlen, oder ein Schiffsmast, rund um die Erde zu fahren, er, der immer auf derselben Stelle gestanden hat, ein langes Baumleben lang. Vielleicht will Gott auch uns noch zu etwas verarbeiten. Und wenn der Baum stürzt, wenn er heute stürzt, was würden wir mit ihm machen? Würden wir ihn liegen lassen, bis er verfault? Da wären wir ja schlechte Waldwirte. Verarbeiten würden wir ihn, zu Balken oder Brettern, und wozu wir die gerade brauchen, dazu würden wir sie verwenden. Ist es nicht so, Eglis?« »Freilich ist es so«, gibt Eglis zu. »Aber dann bliebe er doch auf unserem Gut. Und anders, meine ich, kann der Baum es sich gar nicht wünschen. Nicht um die Erde rum. Das ist zu weit.«

»Darüber ließe sich streiten«, sagt der Herr. »Aber da streiten wir um den gestürzten Baum, und noch steht er ja.«

»Und wird noch lange stehen«, sagt Eglis, »länger als wir. Wir werden schon liegen, da wird er noch stehen.«

»Für mich mag das wohl zutreffen«, sagt der Herr. »Aber für dich, Eglis? Du bist noch jung.« – Er wendet sich plötzlich ab, und Eglis errät, woran den Herrn seine eigenen Worte schmerzlich erinnert haben: der Sohn. Eglis und der Sohn des Herrn, der junge Großherr, sie waren im selben Alter. Und Eglis lebt. Der Sohn ist tot. Der Baum steht noch. Es durchschauert beide, und sie treten vom Baume weg.

Alexander, dem das Gespräch, von welchem er nichts versteht, schon viel zu lange gedauert hat, gibt seine Ungeduld kund, zu Pferd und Schlitten zurückzukehren, und da es ihm nicht gelingt, sofort die gewünschte Beachtung zu finden, tröstet er sich mit dem Baume. An ihm macht er sich einen Zeitvertreib. Erst schreitet er um ihn herum, bis von seinen Füßen im Schnee ein kleiner Pfad entstanden ist, rund um den Stamm. Dann versucht er es, ihn zu messen. Aber da würden drei Alexander dazu nötig sein, um den Stamm herumzugreifen. Jetzt tätschelt er die rauhe Borke und stimmt dazu einen kleinen Gesang an. »O du mein Baum«, singt er, »du mein Baum.« – »Nicht wahr«, wendet er sich an den Großvater, »das ist mein Baum? Oder ist das auch bloß unserer? Ich möchte ihn aber allein haben. Schenkst du ihn mir ganz?« »Gut, er gehört dir«, sagt der Großvater.

Sie fahren durch den Wald zurück. Dem Herrn fällt es ein, noch einen Umweg zu machen . Es ist da eine Wiese, ein Graben und eine Schleuse. Der Herr will nachsehen, ob die Schleuse nicht unter dem Eis gelitten hat, findet alles in Ordnung und lenkt nun in einen näheren Weg nach dem Schlosse ein. Am Rande des Fichtenwaldes trennen sich ihre Wege. Noch einmal bis zur Buschwächterei zurückzufahren, um Eglis nach Hause zu bringen, das wäre jetzt zu weit. Der Wintertag ist kurz. Es hat begonnen, schummerig zu werden. Der Himmel ist bewölkt. Mit dem Kinde will der besorgte Großvater nicht so lange unterwegs sein, bis es ganz dunkel wird. Großmutter würde sich ängstigen. Darum muss Eglis nun das Stück nach Hause zu Fuß gehen. Eglis ist von den Schlittenkufen gestiegen, steht neben dem Gefährt. Die Pelzmütze mit den Ohrenklappen hat er vom Kopf gezogen. Er hält sie in den Händen. In seiner Haltung drückt sich nicht so sehr eine sklavische Unterwürfigkeit aus als vielmehr eine natürliche Ehrfurcht, die Ehrfurcht des Knechtes vor dem Herrn. Durch sie erniedrigt der Knecht sich nicht. Alles in der Welt hat seinen ihm von Gott zugewiesenen Platz, auch der Herr, auch der Knecht. Nun ist für heute weiter nichts zu bereden. Eglis küsst dem Herrn den Ärmel und dem Jungherrn den kleinen roten Fäustling. »Gott mit Ihnen!« sagt der Knecht. »Gott mit dir!« antwortet der Herr.

Eglis schaut nach dem Wetter. Bisher war der Tag grau bedeckt, aber windstill. Jetzt hat es angefangen zu wehen. Von den Tannen stäubt Schnee herab. Es wird in der Nacht ein Stümwetter aufkommen, denkt Eglis. Heute stümt es, morgen taut es. Das ist so die Wetterregel.

Eglis hat die Wetterregeln nicht im Kopf, aber er hat sie in den Gliedern. Mit dem Wetter will sich etwas machen. Das hat er schon den ganzen Tag gespürt. Man kann's noch nicht genau vorhersagen, was es wird. Auch der Wind scheint noch nicht recht zu wissen, von welcher Seite er blasen will. Zunächst einmal rührt er kleine Schneewirbel auf, lässt sie aber wieder fallen. Noch fegt er nicht langhin über die Fläche.

Vom Waldrande bis zur Buschwächterei Eglis' ist es zu Fuß nur eine Viertelstunde Weges. Während dieser Viertelstunde hat es sich mit dem Wetter entschieden. Es wird Sturm. Solche Entschlüsse fallen am Himmel manchmal so plötzlich, dass selbst Eglis von ihnen überrascht wird. Das letzte kleine Stück des Weges jagt ihn der Sturm nach Hause, als wäre der lange Eglis ein Schiffsmast und der Schafspelz mit dem hochgeschlagenen Kragen ein Segel. Er denkt mit Besorgnis an den Großherrn, der gegen diesen plötzlichen Schneesturm nach Hause fahren muss. Aber solange der Weg durch den Wald führt, ist das nicht so schlimm, und das Stück übers freie Feld bis zum Schloss ist zum Glück nicht lang. Der Großherr wird schon gut nach Hause kommen. Eglis sieht in Gedanken, wie der Kleine sich unter der Schlittendecke verkriecht. In Großvaters Obhut, da kann ihm nichts geschehen.

Eglis ist zu Hause angelangt. Da ist das Wohnhaus, da ist der Stall, da ist die Kleete und die kleine Riege, und dahinter steht die Scheune. Die Buschwächterei ist ja zugleich eine kleine Landwirtschaft, und die Nutzung des Landes, das ist die Löhnung, die Eglis als Buschwächter bezieht. Man steht sich gut dabei. Und wie das ganze große Gut, das dem Herrn gehört, Majorat ist, so haftet auch solchen kleinen Stellen etwas davon an. Immer gehen sie vom Vater auf den ältesten Sohn über. Das ist wie ein Gesetz, wenn auch ein ungeschriebenes. Es kommt selten vor, dass einmal ein Sohn, ein Ältester, die Überlieferung durchbricht. Vielleicht, weil er mehr werden wollte als der Vater. Aber was sind das schon für Söhne. Auf die wäre kein Verlass. Gott hat die Welt so eingerichtet, wie sie ist, und nun kann sie auch so bleiben. Nur, dass eben die einen sterben und die anderen geboren werden. So ist es auf Erden, und das ewige Leben haben wir nur im Himmel. Ehe Eglis, nun endgültig für diesen Tag, ins Haus gehen wird, um, spät genug, zu Mittagbrot und warmem Ofen zu gelangen, untersucht er, sich gegen die Stöße des Windes wehrend, ob auch an den Gebäuden alles in Ordnung ist. Vor den Stall wird der hölzerne Riegel geschoben, vor die Kleete auch. Der Holzstoß, ein runder Turm, Vorrat für den Winter, ist grad und fest geschichtet. Den wirft der Sturm nicht um. Das Dach? Eglis hat schon beizeiten, im Herbst, das Strohdach nachgesehen und, wo es nötig war, ausgebessert. Wenn der Wind im Strohdach ein Loch fände, hineinzugreifen, er wäre imstande, das Dach wie eine Mütze vom Hause abzuheben. Aber Eglis passt schon auf, dass er sein Dach über dem Kopf behält. Nun ist noch der Kettenhund von der Kette zu lösen und in den Stall zu den Schafen zu lassen. Es ist auch für einen Hund kein Wetter, im Freien zu übernachten. Den Schlitten, die Ragge, schiebt Eglis noch unter das Vordach der Kleete. Nun ist für diesen Tag alles getan. Rase dich aus, du Wetter! Wir sind vor dir geschützt. Es weht, fegt, schüttet Schnee von den Dächern herab. Gott habe Dank, der dem Menschen den Verstand gab, sich Häuser zu bauen und Herdfeuer zu entzünden. Drinnen in der Stube brennt schon der Kienspan.

Mit dem Großvater hat sich etwas begeben, was er selber nicht für möglich gehalten hätte: auf der freien Fläche, dem kleinen Stück vom Walde bis zum Schlosse, ist er vom Weg abgekommen. Im Nu hatte der Wind Weg und Graben und Feld verlöscht. Dass auch das Pferd so dumm war! Es musste doch spüren, dass es keinen Weg mehr unter den Hufen hatte. Wenn man sich schon auf eines Tieres Sinne nicht mehr verlassen kann! Sie sind eine Weile umhergeirrt. Der Großvater hat Alexander unter die Schlittendecke gesteckt und ihn mit Heu zugepackt. Und dann hat er nach dem Park gesucht. Das war zu toll, dass der ganze Park wie weggeblasen war. Einfach nicht zu finden. Er ist aufs Geratewohl weitergefahren, das Pferd gegen den Wind lenkend, der seine Richtung beibehielt. Endlich sind aus dem Gestöber ein paar Bäume sichtbar geworden. An ihnen hat der Großvater seinen Park wiedererkannt und auch einen der Wege gefunden, die in ihn hineinführen. Hier waren sie nun geborgen, denn durch die Bäume vermag der Wind den Schnee nicht so rasend zu treiben wie über das freie Feld. Aber fast schon ganz dunkel war es, als sie endlich vor dem Schlosse ankamen. Und was dann geschah, ja, da haben nachher wohl alle, hat jeder den anderen gefragt: »Wie war das möglich? Und wer war denn nun eigentlich schuld daran?«

Es ist so gewesen: der Großvater hielt vor dem Schlosse. Der alte Diener kam heraus. Er half dem Herrn aus dem Schlitten. Der Herr zog den Jungherrn unter der Schlittendecke hervor. Das Kindermädchen kam heraus. Der Herr ging ins Haus. Der Diener blieb bei dem Pferde, um auf den Kutscher zu warten, der erst vom Stall heraufkommen musste. Das Kindermädchen hatte aber noch. das Pferd streicheln wollen. Es ist ja ein gutes Pferd, da darf man es schon streicheln. Es hatte eine Weile gedauert, bis der Kutscher kam. Nun wollte der Jungherr auch noch mit dem Kutscher bis zum Stall mitfahren. Das Kindermädchen hatte es ihm nicht erlauben wollen. Aber so ein Jungherr, der hat schon seinen Willen. Was soll man da machen? Darf man ihn mit Gewalt zwingen, mit ins Haus zu kommen?

Ach, warum war auch gerade an diesem Tage Mining, die alte Kinderfrau, nicht da? Mining war auf Beerdigung fort. Mining kannte kein größeres Vergnügen, als Beerdigungen mitzumachen. Auf einem der Nachbargüter war jemand gestorben. Man hatte Mining erlaubt, hinzufahren. Davon war sie noch nicht zurück. – Bei Mining, nein, darin waren sich alle einig, bei Mining hätte so etwas niemals vorkommen können. Die Lawis war ja auch nur zur Aushilfe da. Lawis verstand es nicht, mit dem Jungherrn umzugehen. Er liebte sie auch nicht. Gegen Lawis war er gerne ungehorsam. Also setzte er seinen Kopf durch, sich noch einmal neben den Kutscher in den Schlitten zu setzen. Lawis hätte sich hinten auf die Schlittenkufen stellen und mitfahren sollen. Aber Lawis fror. Lawis war dünn angezogen. Lawis hatte gedacht: Ich laufe lieber zu Fuß hinter dem Schlitten her. Das Pferd ging aber schnell. Es freute sich auf den Stall. Bis zum Stall ist es nur ein kleines Stück, aber es genügte, um ein wenig früher anzukommen als Lawis. Nun ist sie am Schlitten. Der Kutscher spannt schon das Pferd aus. Wo ist der Jungherr?

Alexander hat sich hinter einem Baum versteckt. Lawis sucht ihn in falscher Richtung. Darüber freut sich Alexander. Er kriecht unter einem Strauche durch. Schnee fällt auf ihn herab, aber er ist heute schon so viel mit dem Schnee in Berührung gekommen, dass er ihn kaum noch fühlt. Jetzt will er auf den Weg zurück. Und er findet ihn auch. Aber da steht die Buche, an der er immer herumklettert, auf der falschen Seite des Weges. Der Baum steht falsch. Auch die Bank, die er kennt, hat die Lehne vorn statt hinten. Auch die Bank steht falsch. Das kann ihn aber nicht irre machen, richtig zu gehen, richtig, das heißt auf das Schloss zu. Das Schloss kommt nicht in Sicht. Man müsste die hellerleuchteten Fenster sehen, aber sie sind nicht zu erblicken. Warum haben sie alle Lichter im Hause ausgelöscht? denkt Alexander. Der Weg müsste ein wenig bergauf gehen, aber er geht bergab. Alexander bleibt stehen. Er merkt, dass er falsch gegangen ist. Er geht zurück. Die Fenster bleiben unsichtbar. Es wird fast alles ganz unsichtbar. Nur dicke Stämme sieht man noch. Und es bläst und bläst und treibt Schnee vom Himmel herab durch die Bäume. Alexander geht weiter, aber er weiß schon nicht mehr, wohin es richtig ist und wohin falsch. Lawis, sie ist hin und her gelaufen, rechts des Weges, links des Weges. Sie hat auch hinter den Stall geschaut. Gerufen hat sie: »Jungherr! Jungherrchen! Alexander!« Und ein langgezogenes »Uuhuu!« Es hat nichts geantwortet. Wäre es nicht schon so dunkel gewesen, man hätte Spuren gefunden. Am Tage kann ja ein Kind sich nicht verstecken, man findet die Spur, und dann findet man das Kind. Aber es ist von Spuren nichts mehr zu sehen gewesen. Und dann hat sie gedacht: Er wird, während ich nach der einen Seite suchte, von der anderen auf den Weg herausgekommen sein. Gewiss ist er schon nach Hause gegangen. Sie ist ins Schloss zurückgelaufen, hat die Leute gefragt. Keiner von den Leuten hat den Jungherrn gesehen. Aber sie hat nicht gesagt, wo sie ihn verloren hat, und so haben alle gedacht, sie sucht ihn im Hause. Im Hause, nun, das wäre ja nicht schlimm. Aber sie hat ihn erst noch mal und noch mal draußen gesucht. Es ist wohl mehr als eine halbe Stunde vergangen, ehe sie sich der alten Köchin anvertraut: »Ich habe das Kind verloren, den Jungherrn, er ist fort.«

Da gibt es bestürzte Gesichter. Nun suchen schon viele. – »Uuhuu, uuhuu«, hallt's um das Haus. Aber in dem Winde flattern die Rufe davon. Wer weiß, ob das Kind sie vernimmt. Darüber vergeht wohl eine weitere halbe Stunde. Und dann steht man vor der Frage: »Wer wird es dem Herrn sagen?« Es ist nicht möglich, dem Herrn noch länger nichts davon zu sagen. Er muss es wissen. Wer übernimmt es, ihm die Mitteilung zu machen?

Aber um Gottes willen, dass nur die gnädige Frau nichts davon erfährt! Die gute alte Herrin, die gnädige große Frau Mutter, sie stürbe vor Angst um das Kind. Es muss dem Herrn so gesagt werden, dass die gnädige Frau nichts davon merkt. – Robert, der alte Diener, geht, es dem Herrn zu sagen.

Dem Herrn fällt vor Schreck die Pfeife, die er sich eben gestopft hatte, aus der Hand. Er läuft vors Haus. Er sieht, was es inzwischen für ein Wetter geworden ist und wie dunkel. Er erkennt vom ersten Augenblick an die Gefahr. Laternen! befiehlt er, Fackeln! Das Jagdhorn! Allerlei Lärmgerät! Den Hund! – »Hierher, Treff!« – Alles raus! Warm anziehen! Nur die Jungfer der gnädigen Frau hat bei der Herrin zu bleiben und für sie irgendeine Ablenkung zu erfinden. Die gnädige Frau hat schon dreimal nach dem Kleinen gefragt. Man hat ihr geantwortet, er würde gebadet. Wenn sie noch einmal fragt, solle man ihr antworten, der Herr sei mit dem Kleinen irgendwo hingegangen, sie kämen gleich wieder.

Es ist nicht die erste Treibjagd, die der Herr leitet, aber es ist die erste bei Nacht und im Schneesturm. Man bildet in lockeren Abständen eine Kette. Die linke Hand der Kette bleibt nah am Hause, die rechte bewegt sich in größerem Kreise durch den Park und über den Rasenplatz um das Haus herum. Der Wind löscht die Windlichter aus, eins nach dem anderen. Die Fackeln, Kienspäne in Teer getaucht, hatte er sofort ausgeblasen. Die Abstände müssen enger genommen werden, damit die Kette nicht reißt und man sich nicht gegenseitig verliert. Verstärkung trifft ein. Alles, was von Leuten in erreichbarer Nähe wohnt, ist benachrichtigt worden. Um den ersten Kreis wird ein zweiter gezogen, um ihn ein dritter. Immer geht nun die linke Hand dort, wo vorher die rechte ging. Es ist schon fast nichts mehr zu sehen. Man sucht nicht mit den Augen allein, man sucht mit Händen und Füßen. Man geht nach Gefühl. Selbst wenn da etwas läge, vom Schnee schon zugeweht, man würde es mit den Füßen finden. Nun gibt man das Kreisen auf. Die Umgrenzung des Parks erfordert, dass man in geschlossener Kette vorwärts geht, einschwenkt, nach rechts, nach links. Auch das an den Park anschließende kleine Waldstück ist schon durchsucht. Es bleibt nur noch das freie Feld ringsum. Im Sommer sind es Äcker und Wiesen. Jetzt ist es nichts als eine gestaltlose Fläche, aufgewühlt, eiskalt kochend, über sich selbst hinwegrasend, sich nah schon in ein Nichts verlierend. Wo der Park aufhört, da hört auch bald die Welt auf, in der man sich noch zurechtfinden kann. Anders ist es, ob man aus dem schützenden Stande der Bäume hinaustritt auf die Fläche gegen den Wind, anders nach der Seite des Windschattens. Aber auch der Windschatten reicht nicht weit. Über die Bäume, die unter seinem Druck sich biegen, kommt der Wind herabgestürzt, fällt unter sie, überschlägt sich, schaufelt, Schnee mengend von oben mit Schnee von unten, gegen sich selbst gekehrt, einen Wall, springt an ihm hoch, wirbelt sich in die verlorene Richtung zurück und jagt weiter. Stellen des Feldes fegt er so glatt, dass er das Gras kämmt und die nackte Erde blank schleift. An anderen Stellen häuft er Hügel, die in Bewegung bleiben wie wandernde Dünen.

Wenn doch nur mehr zu sehen wäre! Die Wangen brennen, die Augen schmerzen, der Atem wird einem vom Munde gerissen. Es wird schwer zu atmen, und man muss die Augen schließen. Bald ist es schon nicht viel anders, als hätte man zum Suchen Blinde ausgeschickt. Man muss acht darauf geben, zum Nachbarn rechts, zum Nachbarn links den Anschluss nicht zu verlieren. Besser, man fasst einander an der Hand und hält sich fest. So suchen sie weiter, die Blinden, und finden nichts.

Der Herr ist immer allen voran. Er bläst auf dem Jagdhorn Signale. Befindet man sich zu ihm unter dem Winde, so hört man das Signal. Gegen den Wind dringt der schmetternde Laut nicht bis zum anderen Ende der Kette. Man wird nicht nur blind von dem Wetter, man wird davon auch taub. Der Hund – man hatte große Hoffnungen auf den Hund gesetzt. Der Herr hat ihn Witterung nehmen lassen von einem Kleidungsstück des Jungherrn, damit der Hund weiß, was er suchen soll. Der Hund hat nur einen einzigen, sehr scharfen Sinn. Das ist der Geruchssinn. Aber im Schneesturm nützt auch die beste Hundenase nichts. Der Hund wird müde und verliert alle Lust, sich noch irgendwie zu betätigen. Es ist eine Jagd, die ihm nicht zusagt. Der Herr ist unvernünftig, bei solchem Wetter auf die Jagd zu gehen. Er hält sich nur noch in der Nähe des Herrn, matt und zu nichts zu gebrauchen.

Der Herr merkt, wie die Leute müde werden. Er weiß, sie würden bis zum Umfallen seinen Befehlen gehorchen. Er schickt mehrere nach Hause. Es bestünde die Gefahr, dass, übermüdet, der eine und andere liegen bliebe. Dann müsste man den wieder suchen. Noch einmal umschreitet der Herr mit der Kette in breitem Ring den Park. Dann gibt er es auf. Im Windschatten sammelt er die Leute. Man hat die Zahl nicht festgestellt, wie viele es waren, die zum Suchen ausgegangen sind. Nun sind schon etliche nach Hause geschickt worden. Hoffentlich fehlt keiner. Wortlos und mit verstummten Lärmgeräten begibt sich der Zug ins Schloss zurück. Dort sind alle Fenster hell erleuchtet. Unablässig wehen an den hellen Fenstern vorüber die fliegenden Schleier des über das Dach herabtreibenden Schnees.

Die gnädige Frau hat auf ihrem Zimmer, wo die Jungfer ihr aus einem Buche vorlas, den Lärm ums Haus gehört. Sie hat gefragt, was das zu bedeuten habe. Die Jungfer hat geantwortet, die jungen Burschen machten sich einen Spaß mit den Mägden. Sie wollen sie erschrecken. Die gnädige Frau hat gesagt, dass das ungehörig sei. Der Lärm solle aufhören. Die Jungfer ist hinausgegangen und erst nach einer Weile wiedergekommen. Der Lärm hat sich entfernt und ist dann nicht mehr zu hören gewesen. Die gnädige Frau hat noch einmal nach dem Jungherrn gefragt. Ob das Bad noch nicht beendet sei? Es wäre Zeit für das Kind, sein Abendbrot zu bekommen. Aber vorher möchte sie es noch sehen. Die Jungfer ist hinausgegangen und eine noch längere Zeit fortgeblieben. »Nun«, hat die gnädige Frau gefragt, »was dauert das so lange?« Die Jungfer hat gesagt: »Der gnädige Herr ist mit dem Jungherrn fortgegangen.« »Fortgegangen? Wohin?« »Ich weiß es nicht«, hat die Jungfer gesagt. »Vielleicht ist er hinausgegangen mit ihm, spazieren.«

»Meine Liebe«, hat die gnädige Frau gesagt, »ich glaube, du bist verrückt geworden. Spazieren, mit dem Kleinen? Jetzt bei der Nacht? Höre doch, was das für ein Sturm ist!« Da hat die Jungfer angefangen zu weinen. Die gnädige Frau hat gefragt: »Was ist denn geschehen?«

»Ich darf es nicht sagen«, hat die Jungfer geantwortet. – Da ist die gnädige Frau von dem Lehnstuhl, in dem sie immer sitzt, aufgestanden, ist aus dem Zimmer gegangen und hat gesehen, dass niemand im Hause ist. Sie hat danach ein Tuch um die Schultern genommen und ist vors Haus gegangen. Die Jungfer hat ihr müssen die Tür öffnen. Der Wind hat gegen die Tür gedrückt, sie ist schwer aufgegangen. Und "wie sie aufwar, ist der Schnee hereingeweht. Die gnädige Frau hat eine Weile in dem Schneesturm draußen vor dem Hause gestanden. Man hat ganz weit und leise das Jagdhorn gehört. Sonst hat man nur das Rauschen der Bäume gehört und das Heulen des Windes ums Haus. Der Sturm hat die gnädige Frau fast umgeweht. Zu sehen ist nichts gewesen außer dem Lichtschein, der durch die Tür fiel. Die gnädige Frau hat eine ganze Weile dagestanden, hat sich auch nicht umwehen lassen vom Sturm. Die Jungfer hat ihr wollen einen Pelz bringen, weil sie ja nur das Tuch umhatte. Sie hat gesagt, es sei nicht nötig, und ist ins Haus zurückgegangen. Da lag im Vorhaus der Fußboden schon voll Schnee, weil ja die Tür aufgestanden hatte, während die gnädige Frau draußen war.

Die Jungfer hat gefürchtet, die gnädige Frau könnte sich erkältet haben. Darum hat sie gefragt, ob sie ihr etwas Heißes zum Trinken machen dürfe, vielleicht einen Tee. Aber die gnädige Frau hat gesagt, die Jungfer solle in die Küche hinuntergehen und zusehen, dass auf dem Herd nichts anbrennt. Und dann solle sie im ganzen Hause alle Lichter anzünden, damit die Fenster hell sind. Die Jungfer hat getan, was ihr befohlen war, und dann ist sie zur gnädigen Frau zurückgegangen. Sie hat an der Tür geklopft, hat auch gemerkt, dass die gnädige Frau drin ist. Die gnädige Frau hat aber nicht »Herein« gerufen. Die Jungfer hat auf die Klinke gedrückt, aber die Tür ist nicht aufgegangen. Die gnädige Frau hat sich in dem Zimmer, wo sie immer sitzt, eingeschlossen gehabt.

Nun muss ich es ihr doch sagen, denkt der Herr. Aber da weiß sie es schon. Sie fragt ihn nach den Einzelheiten. Er berichtet. Er hat sich bisher gehalten, als der Starke. Die Schwäche der Frau, wenn er es ihr wird sagen müssen, das war es, was er fürchtete. Auf einmal merkt er, dass sie die Stärkere ist. Sie ist gefasst, nicht er. Da bricht es in ihm zusammen. Er fährt sich mit den Händen in das graue Haar. Seine Klagen zu Gott hinauf sind Lästerung. Er flucht, er weint, er betet. Sie sagt: »Das ist nicht richtig gebetet. Es muss heißen: Herr, Dein Wille geschehe!«

»Lawis!« – »Lawis!« –Ja, warum ist denn nun die Lawis nicht da? Erst sucht sie einen und ruft, und nachher ist sie selber weg. »Lawis!« – Dienstboten haben da zu sein, wenn man nach ihnen ruft. Alexander weiß, dass Lawis eine Dienstbotin ist. Sie ist zu seiner Bedienung da. Und jetzt hätte sie da zu sein, um ihn nach Hause zu führen, wenn er doch allein das Haus nicht finden kann. Warum sind auch alle Fenster dunkel? Warum hat man alle Lichter ausgelöscht? – Baum, Baum, Strauch. Etwas wie ein Weg. »Dummer Wind!« sagt Alexander. »Dummer Schnee, dummer dunkler Himmel!« – Strauch, Strauch, Baum. Wieder etwas wie ein Weg. – Es schüttet, es schüttet von oben herab. Der Schnee wird tiefer. Alexander ist müde. O wie gerne ließe er sich jetzt von Lawis an der Hand nehmen. Er wird auch gewiss den ganzen Abend artig gegen sie sein. Er wird sich geduldig waschen lassen. Er wird brav sein Breichen essen. Oh, er hat schon großen Hunger danach. Er wird auch gleich zu Bett gehen und nicht erst mit der Katze spielen. Und dann wird Großmama an sein Bett kommen und mit ihm beten. Und morgen wird Mining wieder da sein. Wäre doch Mining jetzt schon hier bei ihm! – Dann brauchte er die dumme Lawis gar nicht. Jetzt ist es aber bestimmt der richtige Weg. Nur noch zwischen den beiden dicken Bäumen durch, dann kommt man auf den Rasenplatz vor dem Hause. Es ist ein Wall aus Schnee davor. Alexander versinkt in ihm, rudert, stampft, strampelt und kommt durch. – Richtig, da ist der Rasenplatz. Warum nur vom Hause noch immer nichts zu sehen ist? Aber der Rasenplatz ist es. Alexander läuft. Die Müdigkeit ist vergangen. Nur noch über den Rasenplatz, und dann wird es da sein, das Haus. Aber wie groß ist der Rasenplatz. Alexander läuft und läuft. Es läuft sich gar nicht schwer, wenn der Wind einen im Rücken schiebt. Aber manchmal stößt der Wind zu heftig. Man kann gar nicht so schnell laufen, wie der Wind schiebt. Der Rasenplatz ist zu groß. Und der Wind schiebt und stößt immer stärker. Wenn man so schnell laufen will, wie der Wind schiebt, dann fällt man. Das Fallen wäre nicht so schlimm, man steht schon wieder auf. Aber warum ist das Haus nicht mehr da? Das Haus ist weg. – War es vielleicht doch nicht der richtige Rasenplatz? – Ganz weit von irgendwoher tönt ein Hörn. Erschöpfte Menschen brauchen Kräftigung. In der Küche wird allerlei bereitet an Speis und Trank. Man weiß, dass bei Morgengrauen das Suchen von neuem beginnen wird. Für diese Nacht wäre jeder weitere Versuch nutzlos. Was in menschlicher Macht stand, ist getan worden. Morgen früh wird das ganze Gut benachrichtigt sein. Über hundert Menschen werden sich an dem Suchen beteiligen. Aber das Tageslicht muss abgewartet werden.

Manche von den Suchern, die von nahe gelegenen Gehöften geholt worden sind, getrauen sich nicht nach Hause, solange es so dunkel ist und der Schneesturm anhält. Ein Bauer erzählt, wie es ihm selber vor Jahren ergangen ist. Ein Wetter war es wie heut. Er war mit Pferd und Schlitten in der Mühle gewesen, sein Mehl abzuholen. Auf der Heimfahrt überraschte ihn der Schneesturm. Er ist umhergeirrt, umhergeirrt. Es wurde dunkel. Das Pferd konnte schon nicht weiter. Er steigt aus dem Schlitten, tappt umher. Da ist eine Scheune. Das Tor ist nicht verschlossen. Es ist auch Platz in der Scheune. Er führt Pferd und Schlitten hinein, macht sich im Heu ein Lager zurecht. Nur gut, dass Heu in der Scheune war. Da hatte auch das Pferd zu fressen. Und alles im Dunkeln. Wie ein Blinder. Hat im Heu geschlafen. Wird wach, wie der Tag durch die Ritzen schimmert. Wind ist nicht mehr viel. Er macht das Scheunentor auf. Es schneit nicht mehr. Und wo war er? – Auf seinem eigenen Hof, in seiner eigenen Scheune, keine zwanzig Schritte von seinem Wohnhaus entfernt.

Dem ersten Erzähler schließen sich weitere an. Jeder möchte ein Beispiel bringen von einem Schneesturm, den er erlebt oder von dem er erzählen gehört hat. Da vernimmt man die abenteuerlichsten Dinge, von Pferd und Schlitten und Fahrer, die erst im Frühjahr gefunden wurden, als der Schnee wegschmolz, und von Menschen, die verschollen sind, aber auch von wunderbaren Rettungen, von überstandenen Gefahren und Hilfe in der Not. Es mag nicht alles streng der Wahrheit entsprechen, was da erzählt wird. Je schauriger, umso schöner ist es. Umso geborgener fühlt man sich hier, wo man warm beieinandersitzt auf den langen Bänken um den Esstisch der Leute in dem großen Speiseraum neben der Küche. Die leeren Schüsseln werden abgetragen und durch volle ersetzt. Auch an Getränk fehlt es nicht. Mag das nun am Herrschaftstisch oder am Leutetisch sein, es ist im Herrenhause noch niemals Mangel eingetreten, auch wenn noch so viele unerwartete Esser kamen. Am riesigen Ofen trocknen, über Schnüre gehängt, die vom Schnee durchnässten Kleidungsstücke.

Ein Gefühl der Behaglichkeit beginnt sich auszubreiten, das fast schon einer Heiterkeit gleicht. Aber Gespräch und aufkommende Heiterkeit verstummen, als der Wind mit neuen Stößen, bei denen die Fenster knacken, den Schneestaub durch die mit Papier verklebten Fugen treibt und es aus dem Ofen zu qualmen beginnt, als sei ein Teufel durch den Schornstein herabgefahren. Es ist ein altes, festes Haus, aus Stein gebaut. Aber man glaubt, es zittern zu spüren, so ungeheuer stößt der Wind dagegen. Man glaubt, draußen etwas brechen und krachen zu hören. Fallen Bäume? Welche Verwüstungen wird der Wind im Park angerichtet haben? Werden nicht auch Gebäude beschädigt sein? Draußen das Toben des Windes. Drinnen beklommene Stille. – »Das arme Kind.« – Alle haben es gedacht. Die alte Köchin hat es ausgesprochen: »Das arme Kind! Unser kleiner Jungherr, unser Kind.« – Die Seufzer werden zu Gebeten. Und niemand erzählt mehr Geschichten.

Robert, der alte Diener, hat dem Herrn den Stuhl vor den Kamin gerückt und ein Tischchen mit rotem Wein und leichtem Gebäck daneben gestellt. Im Kamin brennen Kiefernkloben, harzig, hell flammend. Flamme spiegelt sich in rotem Wein. Der Großvater und die Großmutter sind an diesem Abend nicht zusammengeblieben, sie, die sonst immer zusammen sind, einen ganzen Lebensabend lang. Es ist, als fürchteten sie sich, einer vor den Gedanken des anderen. Die Großmutter hat sich in Kleidern aufs Bett gelegt. Nur die Schuhe ließ sie sich ausziehen. Die Jungfer schläft im Zimmer nebenan. Robert hält sich in der Nähe seines Herrn, in Rufweite.

Von den Leuten im Hause hat einer zum anderen gesagt: »Geh, leg dich schlafen. Es hat ja doch keinen Zweck, dass wir alle aufbleiben.« – Keiner hat schlafen gehen wollen. Wer kann den schlafen mit solchen Gedanken: »Das arme Kind!«

Aber der Schlaf, der Schlaf ist ein starker Mann. Die Menschen sind ermüdet. Lawis, das Kindermädchen, mit vor Weinen geschwollenem Gesicht, ist die erste, die einschläft. Die beiden anderen Mägde, die das Zimmer mit ihr teilen, haben es bemerkt, ehe sie selber einschliefen. Die Jungfer schläft. Vielleicht schläft sogar sie, die gnädige Frau. Das leiseste Geräusch im Hause, das anders ist als das Heulen des Windes draußen, wird sie wecken. Auch Robert, auf einem Stuhl im Esszimmer sitzend, schläft. Der Herr hört es an seinem Schnarchen. Der Herr schläft nicht. »Herr, Dein Wille geschehe!« O Gott, wie schwer die Worte sind. Ist alles geschehen, was von Menschen getan werden konnte? In Gedanken schreitet er noch einmal den ganzen Ablauf des Suchens ab, wie es nach seinen Anordnungen vor sich ging. Ist da nichts versäumt worden? Hätte nicht auf irgendeine Weise gründlicher, klüger gesucht werden können? Wenn jemand eine Schuld trifft, trifft sie ihn. Er hätte nicht ins Haus gehen dürfen, ohne sich davon zu überzeugen, dass Alexander ihm an der Hand des Kindermädchens auch wirklich folgte. Die Fahrt zum Stall hinunter hätte er nicht erlaubt. Das Kind war ohnehin schon zu lange in der kalten Luft. Er hat schlecht aufgepasst. Dem Kutscher ist kein Vorwurf zu machen. Er sah das Kindermädchen hinterhergelaufen kommen. Seine Aufgabe war es, sich um das Pferd zu kümmern. Da ist noch Robert, der das Pferd gehalten hat, bis der Kutscher kam. Aber da war ja schon das Kindermädchen zur Stelle. Sie hat dem Kleinen erlaubt, das Pferd zu streicheln. Dann hat der Kutscher das Pferd übernommen, und Robert ist ins Haus gegangen, um dem Herrn beim, Umkleiden behilflich zu sein. Wo das Kindermädchen mit dem Kleinen geblieben war, konnte Robert nicht wissen. Das Kindermädchen hätte sofort sagen sollen, dass sie Alexander draußen verloren hat. Als die anderen Leute es erfuhren, hätten sie gar nicht erst selber suchen, sondern sofort den Herrn benachrichtigen sollen. Aber beides ist verständlich. Leute sind so: sie wollen der Herrschaft einen Schreck ersparen, besonders dann, wenn etwas von eigenen Schuldgefühlen dabei ist. Die hat das Kindermädchen gehabt, und die anderen sind für sie eingetreten. Die Lawis kann nichts dafür, dass Alexander ihr nicht folgt. Sicherlich war ein Ungehorsam dabei.

Warum musste auch gerade in diesen Tagen der Mensch auf dem Nachbargut sterben, dass Mining zur Beerdigung fuhr? Seiner Mining folgt Alexander. Mining befiehlt nicht, Mining schilt nicht, Mining zwingt nie zu irgend etwas. Aber Minings Liebe ist unwiderstehlich. O Gott, wenn Mining zurückkommt, wie wird man es ihr sagen? Mining wird sich anders dazu verhalten als die Großmutter. Mining wird sprechen: »Du, Großherr, bist schuld daran.« Und sie wird recht damit haben. Er ist schuld. Er, der Herr. Niemand sonst.

Aber das ist nun nicht so wichtig. Wichtiger ist, darüber nachzudenken: was hat morgen zu geschehen, sobald der Tag graut? Solch ein Sturm dauert nicht lange. Morgen wird Tauwetter sein und wenig Wind. Aber bis dahin ist der Kleine längst erfroren, wenn er es nicht jetzt schon ist. Dass auch der Hund so vollständig versagte! – »Du dummes Luder!« murmelt der Herr zum Hunde hin, der sich behaglich in die strahlende Wärme des Kamins gelegt hat und ruhig schläft. Aber das wäre ja nun verkehrt, die Schuld beim Hunde zu suchen.

Es gibt einen Menschen, auf dessen Sinne kann man sich verlassen, fast mehr noch als auf die Sinne irgendeines Tieres. Das ist der Eglis-Buschwächter. Man könnte nach ihm schicken. Er wohnt nicht allzu weit. Man könnte ihn holen lassen. Aber da ist vom Park bis zum Walde das Stück, die freie Fläche, über die der Schneesturm rast. Ihm, dem Herrn selber, ist der Weg unter den Kufen des Schlittens weggeglitten, und er hat sich verirrt und verfahren. Und das war nur der Anfang, und es war auch noch nicht dunkel. Wie würde das jetzt erst sein! – Ich schicke den Kutscher hin, denkt der Herr. Mag der Kutscher sehen, wie er bis zum Eglis-Buschwächter hingelangt. Zurück gelangt er sicher, denn dann bringt er ja den Eglis-Buschwächter mit, und der findet sich durch jeden Schneesturm durch. Der Eglis-Buschwächter muss morgen früh als erster zur Stelle sein. Er muss mir helfen, das Suchen zu leiten. – Nein, ich kann auf ihn nicht bis zum Morgen warten. Eglis, er sieht, er hört, er spürt mehr als andere Menschen. Er muss mir einen Rat wissen.

Vielleicht ist mir etwas nicht eingefallen und Eglis kommt darauf. – »Gnädiger Herr«, wird der Eglis sagen, »wir müssen –«

»Was müssen wir, Eglis?« Robert, der den Herrn laut hat reden hören, erscheint in der Tür. »Geh zum Stall, Robert, hol mir den Kutscher herauf!« Robert geht.

Der Herr überlegt: Robert weckt den Kutscher. Der Kutscher ahnt sogleich, dass der Herr ihn ausschicken will, jemand zu holen. Wen wird der Herr holen lassen? Es wird der Eglis-Buschwächter sein. Man kennt das unbedingte Vertrauen, das der Herr zu Eglis hat. Er hat auch vorhin schon gesagt: Wenn doch der Eglis hier wäre! – Aber der Weg dahin! Es geht ums Leben. Der Kutscher begreift, dass sein Leben eingesetzt werden soll, um das Leben des Jungherrn zu retten. Er wird sich nicht weigern, Eglis zu holen, jetzt, sofort. Er wird tun, was ihm befohlen wird. Und weiter überlegt der Herr: Ein Leben für das andere. Und warum nicht meines? Weil, wenn ich bis zum Eglis-Buschwächter nicht hinfinde, morgen früh niemand da ist, der das Suchen leiten kann. Es werden über hundert Menschen kommen, die wollen geleitet sein, sonst wird aus dem Suchen nichts. Aber die Überlegung gefällt dem Herrn nicht. Er sagt sich: Wer voranzugehen hat, darf sich selbst nicht schonen. Und wenn ich es dem Kutscher zutraue, dass er bis zum Eglis-Buschwächter hinfindet, so muss ich es mir selber wohl auch zutrauen. Also fahre ich selbst. Ich werde dem Kutscher sagen, welches Pferd er vor welchen Schlitten zu spannen hat. Vielleicht auch nehme ich ihn mit. – Und in Gedanken ist er schon unterwegs zum Eglis-Buschwächter. Er hat hingefunden. Eglis, aus dem Schlafe geweckt, hörte, was der Herr ihm erzählt. Eglis denkt eine Weile nach, und dann sagt er: Gnädiger Herrn, wir müssen – Was müssen wir, Eglis? – Wir müssen das Tageslicht abwarten, gnädiger Herr.

Und da wird es ihm, dem qualvoll Grübelnden, klar, dass er von Eglis etwas erwartet, was von keinem Menschen zu erwarten ist, was nur von Gott erwartet, erhofft, erbetet werden kann: das Wunder. Als Robert mit dem Kutscher zurückkommt, sagt der Herr: »Verzeih mir. Ich habe dich unnütz wecken lassen. Es war nicht nötig. Wie ist das Wetter jetzt?«

»Der Wind, so scheint es, lässt etwas nach«, antwortet der Kutscher. »Gut«, sagt der Herr. »Geh, schlafe noch eine Weile. Ich werde dich, wenn der Wind weiter nachlässt, nachher noch einmal wecken lassen. Sind die beiden großen Laternen in Ordnung?«

»Ja, gnädiger Herr.«

Der Herr nickt mit dem Kopf. Der Kutscher geht. Robert setzt sich wieder auf den Stuhl im Esszimmer und schläft.

»Herr, Dein Wille geschehe!« – Die Worte sind noch nicht leichter geworden, als sie waren. – Da liegt ein Kind im Schnee. Zugeweht, erfroren. Vielleicht findet man die kleine Leiche erst im Frühjahr, wenn der Schnee wegtaut. – Aber ein Gedanke, so grässlich wie noch keiner, packt des Herrn Herz. Er stöhnt laut auf. Robert wird wach. »Gnädiger Herr?« »Nichts, Robert. Schlaf weiter.« Der Gedanke ist: die Füchse! – Die Füchse haben eine feine Witterung. Wo ein Wild, ein angeschossenes oder sonst auf irgendeine Weise verunglücktes, im Schnee verendet, die Füchse finden es bald. Sie schneiden es an, wie es in der Jägersprache heißt. Die Füchse werden Alexander »anschneiden«. Man findet im Frühjahr nur noch die abgenagten Knöchelchen.

»Nein, Herr! Wenn das Dein Wille ist, geschehe er nicht!«

Der alte Mann ist aufgesprungen, am ganzen Körper zitternd. Der Hund fährt in die Höhe. – »Kusch dich, Treff!« – Er will den Hund nicht mitnehmen. Er will sich nicht auf eines Tieres Sinne verlassen. Das Tier könnte ihn irreleiten. Er will von nichts geleitet sein als von etwas, von etwas in seinem Inneren. Da muss etwas sein, was ihm den Weg weist. Von Mensch zu Mensch, von ihm zu Alexander, von Alexander zu ihm her. Eine innere Stimme muss es sein. Vielleicht ruft Alexander eben jetzt in diesem Augenblick: »Großpapa!« – »Ja, ja, ich komme!« Robert erreicht ihn noch an der Tür. Der Herr will hinauslaufen, im Stubenrock, ohne Mantel. Robert wirft ihm den Pelz über die Schultern. Ohne dass der Herr etwas sagt, weiß Robert, dass er nicht mitzugehen hat. Wohin ist der Herr gegangen? Nun wird Robert auf seinem Stuhl im Esszimmer nicht wieder einschlafen können.

Eglis hat sich, da es so früh schon dunkel wurde, bald nachdem er gegessen hat, zur Ruhe begeben. Er richtet sich aufs Schlafen ein. Wozu erst unnütz lange Kienspan brennen? Schläfrig sieht er die Frau noch eine Weile am Herde hantieren, dessen Glut sie mit Asche deckt. Die Kinder atmen. Ein traulicher Ton neben dem untraulichen draußen des Windes. Im Winter muss man sich einen tüchtigen Vorrat sammeln von Schlaf, für den Sommer. Im Sommer sind die Tage lang. Wer kann schlafen, solange die Sonne am Himmel steht! Dazu ist der Winter da. – Wie der Schnee an den Fenstern schleift. Der Schnee kann nicht herein. Der Wind fährt durch den Schornstein herab. – »Frau, schließe die Ofenklappe!« – Was bellt der Hund im Stall? Es kann doch jetzt bei dem Wetter niemand mehr draußen sein. – Gott sei Dank, der uns den Verstand gab, Häuser zu bauen zum Wohnen und Öfen zum Heizen! – Eglis schläft ein.

Der Rasenplatz, der Rasenplatz, der nimmt kein Ende. Aber war das nicht ein Graben? Und ist das nicht ein Weg? Der Wind hat von dem Wege fast allen Schnee weggeblasen. Es geht sich da gar nicht schlecht. Und immer drängt und drückt und schiebt der Wind. Wenn man nur so schnell laufen könnte, wie der Wind läuft, da wäre man bald zu Hause. Die Beine, die sind so komisch. Man ist sehr müde. Aber die Beine scheinen davon nichts zu wissen. Die Beine gehen ganz von selbst. Und man spürt es kaum mehr, dass man Füße hat. Der Weg ist lang. Er ist aber nicht gar zu lang. Denn da steht schon ein Baum. Und weiter sind viele Bäume. Ist das nun der Park? Es wäre gut, wenn es der Park wäre. Man geht den Weg gerade in den Park hinein. Dann kommt man zum Stall. Und vom Stall den Weg zum Schloss hinauf, den kann man ja gar nicht verfehlen. Alexander wird sich auch nicht erst wieder hinter dem Baum verstecken und unter dem Strauche durchkriechen. Er wird vom Stall gerade zum Schlosse hinaufgehen. Auch nicht erst wieder über den Rasenplatz, der so entsetzlich groß ist. Der Schnee jagt nicht mehr so toll vorbei. Aber in den Bäumen oben, da rauscht es, rauscht es. Die Bäume biegen sich. Irgendwo kracht es. Solange man unter den Bäumen ist, merkt man das Schieben des Windes nicht so sehr. Nun wollen die Beine doch nicht mehr. Alexander möchte sich hinsetzen, ein wenig auszuruhen. Aber da steht plötzlich Mining neben ihm und sagt so streng, wie sie sonst niemals spricht: »Nicht hinsetzen, Jungherrchen! Weitergehen!« – Mining, die sonst niemals etwas befiehlt. Mining muss man gehorchen. – »Liebe Mining!«

Wald, Wald, Wald, Wald. Und Weg unter den Füßen. Die Augen sind auch nicht mehr so dumm, wie sie waren. Es ist deutlich zu spüren, dass es ein Weg ist, auf dem man geht. Nur kommt man darauf niemals zum Stall. Also war es doch wohl nicht der Park. Waldrand. Feld. Ein Graben, eine Brücke. Aber da drüben ist wieder Wald. Weiter! Neuer Wald, neuer Weg. Weiter!

So oft Alexander sich hinsetzen will, um doch ein wenig auszuruhen, steht Mining neben ihm und sagt: »Nicht ausruhen! Weitergehen!« – Da ist nichts zu machen. Man muss ihr gehorchen. Ein Hund bellt. Wo war das? Eglis hat einen Kettenhund. – Weiter! Ist das hier Moor? Das sind Krüppelkiefern. Großvater hat gesagt, man darf nicht über das Moor gehen. Aber der Wind schiebt, und Mining hat nichts dagegen, dass man über das Moor geht. Einmal tritt man mit einem Fuß ein bisschen zu tief in den Schnee und ins Wasser. Aber ein alter grauer Mann hält einem einen Stock hin, an dem kann man sich hinaufziehen. – Weiter! – Die Krüppelkiefern sind alte Männer mit langen grauen Bärten. Man sieht in der Nacht nicht viel davon. Die Männer sind gar nicht böse. Man kann sich an ihnen festhalten, wenn der Fuß wieder einsinken will. Mining und die alten Männer sind Freunde. Der Wind schiebt. Davon fällt man zu oft um. Sicherer läuft es sich, wenn man auch die Hände dazu nimmt. So laufen die Tiere. Nur die können es besser. – »Nicht hinlegen! Nicht liegenbleiben!« ruft Mining. – »Weiterkriechen!« – Unter Füßen und Händen fühlt man durch den Schnee den Boden wieder fester werden. Da kann man auch wieder aufrecht gehen. Und was ist das für ein Wald? Oder ist das nun endlich doch der Park? – Wenn Mining nur ein einziges Mal erlauben wollte, sich hinzusetzen und auszuruhen! – »Liebe Mining, bitte erlaube es!«

Warum schweigt die innere Stimme? Warum ist da nichts, das den Weg weist? – »Alexander! – Alexander!« – Warum antwortet nichts dem verzweifelten Ruf? – Schlägt das Kinderherz nicht mehr? Oder ist das Herz des alten Mannes so taub, dass es jenes nicht schlagen hört? Sind alle Sinne stumpf? Ist da nicht noch ein Sinn, ein feinerer, auf den man sich verlassen könnte? Das Pferd hat versagt, der Hund hat versagt. Die innere Stimme versagt auch.

Höre auf zu heulen, du verfluchter Wind! Schnee, höre auf zu wehen! Nacht, sei nicht so dunkel! – Alles ist feindlich. Ach, ach, ach, nicht einmal feindlich. Gleichgültig ist es dem Winde, gleichgültig der Nacht. Sie bemerken nicht einmal, dass mitten in ihnen ein alter Mann nach seinem Einzigen sucht. Ob das ein Kind ist oder ein alter Mann, ein Reh, ein Hase, ein kleiner Vogel, ob das ein Herr ist oder ein Knecht – vor Gott sind alle Menschen gleich –, aber vor dem Winde, dem Schnee und der Dunkelheit sind alle Wesen gleichgültig.

Da ist etwas Namenloses. Das hat eine große Macht. Der Wind, der Schnee, die Dunkelheit, sie sind nur darum mächtig, weil sie im Dienste jenes Namenlosen stehen, vor dem alles gleichgültig ist. Darum erschüttert es den Wind nicht, dass ein alter Mann ihm flucht. Der Schnee hört nicht auf zu wehen. Die Nacht wird nicht heller. – Alter Mann, fluche Gott nicht!

Sich hinsetzen, dort, wo am Rande des Parks der Schneewall immer noch höher sich häuft. Sich einschneien lassen. Erfrieren. Ei, da hätten ja die Füchse ihren Fraß und könnten den armen kleinen Leichnam ungeschändet lassen. Warum geht auch das nicht? Es ist da noch etwas anderes. Das ist auch namenlos. Und vor dem ist nichts gleichgültig. Die innere Stimme weiß etwas davon. Sie sagt: »Das Reh, der Hase, der kleine Vogel, sie sind nicht gleichgültig. Der alte Mann, das kleine Kind, der Herr, der Knecht, nicht gleichgültig sind sie. Es ist nicht gleichgültig, was du tust, alter Mann. Der Knecht hat seinen Platz. Der Herr hat seinen Platz. Sie haben ihre Aufgabe, jeder die seine. Die Aufgabe ist nicht gleichgültig. Deine Aufgabe, alter Mann, ist es, dafür zu sorgen, dass Alexander gefunden wird, und ob auch als Leiche. Sobald der Tag graut, kann mit dem großen Suchen begonnen werden. Wer soll es leiten? Eglis? Gewiss, Eglis wird benachrichtigt werden, und er wird dir helfen, wie nur ein Mensch dem andern helfen kann. Es ist gut, einen solchen Gehilfen zu haben. Aber mehr als du kann er auch nicht. Wenn ihr am nächsten Tage nichts findet, werdet ihr am nächsten weitersuchen, im ganzen Wald, auf dem ganzen Gut, auch auf den Nachbargütern. Ihr werdet suchen, bis zum Frühjahr, bis der Schnee schmilzt. Die Füchse werden nicht dazu kommen, Alexander anzuschneiden. Sie werden kaum den Schnee von der kleinen Leiche fortgescharrt haben, so werdet ihr sie schon finden. Sie wird noch erhalten sein. Es ist deine Aufgabe, alter Herr, dafür zu sorgen, dass Alexanders Leiche wohlerhalten aufgefunden wird. Als der Herr ins Haus zurückkehrt, findet er seine Frau vor dem Kamin sitzend. – »Ich war in Sorge um dich«, sagt sie. »Herr, Dein Wille geschehe!« antwortet er.

»Mining, ich kann nicht mehr. Du musst es erlauben, dass ich mich hinsetze. Was ist das hier für ein Plätzchen im Walde? Und in der Mitte, was ist das für ein großer Baum? Ist das nicht die alte Kiefer, die Großpapa mir heute geschenkt hat? Bin ich so weit gelaufen? Aber weiter lauf ich nun nicht mehr. Ach, dass noch immer so furchtbar Wind ist! Oben biegt er die Bäume alle nach der einen Seite weg und hier unten dreht er sich, dreht sich rundum. Ich bin um den Baum rundrum gelaufen, jetzt macht das der Wind. Ich mag aber nicht mehr. Der Baum schwankt. Ich mag das nicht, wenn es so schaukelt. Im Boden unter meinen Füßen knackt etwas. Ich mag auch das Knacken nicht. Ach, Mining! – Die kleine Tanne – da lief die Spur im Schnee darunter hin. Aber das war nur ein Eichhörnchen, sagte der Großpapa, und ich hatte geglaubt, es sei ein Marder gewesen. Alle Spuren weg. Die kleine Tanne hat so hübsche breite Äste. Ich will unter die kleine Tanne kriechen, und dort lege ich mich hin. Jetzt darf ich doch, Mining? Und wenn ich auch nicht darf.. .Ach, Mining, lass!«

»Wer bin ich? Ich bin der Wind. Du bist der große Baum. Du hast mir standgehalten, hast mir getrotzt, länger als alle die anderen Bäume deiner Jugend, deines Alters. Ich bin älter als du. Ich bin so alt wie die Welt. Ich werde auch nicht vor ihr aufhören. Du stehst. Aber wenn du fällst, dann liegst du und kannst nicht wieder aufstehen. Ich lege mich. Aber ich erhebe mich wieder. Das ist der Unterschied zwischen uns. Du wurzelst. Ich schweife. Niemand kann mir etwas nehmen, was ich nicht habe. Ich habe keine Stätte zum Ruh'n. Jage ich fort, komme ich wieder, bin nirgends zu Hause und überall. Rund um die Erde, der Weg ist für mich nicht weit. Ich dreh mich im Kreise. Darum bin ich unendlich. Wie kurz ist alles Leben auf Erden! War deines nicht schon zu lang? – Ich liebte dich. Du warst mir ein edles Instrument, darauf zu spielen. Heute heule ich. Aber du weißt, dass ich auch säuseln kann. Wenn ich dir zart durch die Krone strich, war da nicht jedes Nadelpaar an dir eine kleine schwingende Stimmgabel? Oh, das war wohl ein feiner Gesang, vielstimmig und doch so leise, dass, wer uns hören wollte, den Atem anhielt. Das Säuseln, ja, das hat uns beiden gefallen. Und wenn ich den Blütenstaub von dir forttrug und nachher die geflügelte Saat, war das nicht wonnevoll? – Heute spiele ich kräftiger. Ich bin der Bogen. Du bist die Saite. Beide zusammen machen erst die Musik. Heute spiele ich nicht auf deinen Nadeln und Zweigen, heute geige ich auf deinem ganzen Leibe. Du schwingst. Wenn eine ganze Kiefer schwingt, das gibt einen tiefen Ton. Keines Menschen Ohr vermöchte den Ton in seiner Tiefe zu erfassen. Ich wiege dich. Es ist ein Schlummerlied. Du wirst dabei einschlafen. Hin und her, hin und her. Brechen kann ich dich nicht, biegen kaum, aber ich kann dich wiegen. Schwinge, schwinge! Ich kann dich entwurzeln. Das ist die schwache Stelle! Es ist nicht Fels, auf dem du stehst, es ist Sand und Geröll und Lehm. Der Gletscher trug es her. Damals war Eiszeit. Es ist auch heute wieder Eiszeit. Aber nur die kleine. Der Gletscher, ah, das war wohl ein Grabstein von einiger Schwere. Die Sonne hat ihn weggewälzt. Da gab es ein Auferstehungsfeiern. Das wird noch alle Jahre wiederholt. Der Schnee ist nur ein leichtes Leichentuch. Morgen komme ich als Tauwind wieder und blase es fort. Der Boden ist noch nicht tief durchgefroren. Der Sand, an den du dich klammerst, gibt nach. Durch deine Wurzeln geht ein Zerren und Knicken. Die feineren reißen schon. Die Pfahlwurzel hält am längsten. Aber auf der Pfahlwurzel allein wirst du dich nicht aufrecht halten können. Jetzt schwingst du schon sehr. Und immer stärker nach der einen Seite hinüber. Es gelingt dir nicht mehr, dich in die aufrechte Haltung zurückzuschwingen. Du neigst dich, neigst dich noch mehr, neigst dich ganz. Es bricht der Boden um deine Wurzeln. Du fällst.«

Der liebe Gott ist vom Himmel heruntergefallen. Es hat furchtbar gekracht. Alexander hat es gesehen und gehört. Erschrocken ist er unter seiner kleinen Tanne hervorgekrochen, unter der er eingeschlafen war. Der liebe Gott hat ihn mit seinem Herunterfallen aufgeweckt. Und nachher lag die alte Kiefer da. – Mein Baum ist umgefallen, denkt er. Großpapa muss mir einen neuen schenken. – Aber was ragt da auf wie ein Ungetüm mit drohend verkrümmten Armen und Beinen? Die Wurzelscheibe des Baumes ist es, aus der Erde herausgebrochen. Ein großes Loch ist entstanden. Alexander findet das Loch unheimlich, aber hineingucken muss er doch. Mit dem Fuß versucht er, wie tiefes sei. Da fällt er hinein. »Drinbleiben!« ruft Mining, die oben am Rande des Loches steht. »Nicht herauskrabbeln! Drinbleiben! Hinlegen! Schlafen!« – »Nun siehst du, Mining, jetzt erlaubst du es doch! O wie ist das gut, wenn man schlafen darf.« – Und Mining leiht sich vom Winde einen Besen und fegt den Schnee draußen um das Loch zusammen. Sie fegt ihn so, dass seitlich nur eine Öffnung frei bleibt. Es wird eine Höhle daraus, und drinnen ist es viel wärmer als unter den Ästen der kleinen Tanne, wo immer noch der Wind drunter durchstrich. Hier durch die Höhle streicht kein Wind. Kein Wind mehr. O wie gut, dass kein Wind mehr ist!

Eglis hat einen unruhigen Schlaf gehabt. Er ist wach geworden, ein ums andere Mal. Es ist ihm bange geworden um sein Haus aus Holz, um sein Dach aus Stroh, so sehr hat der Wind dagegen gestoßen. Der Hund im Stall hat gebellt. Was bellt denn der Hund? hat Eglis gedacht. Es kann doch jetzt niemand mehr draußen sein, bei dem Wetter! Und einmal, aber das war noch lange vor Mitternacht, hat er einen dumpfen Laut gehört. Der kam wie aus der Erde heraus, auf der sein Haus steht. – War das ein Baum? hat Eglis gedacht. Eglis lebt ohne Uhr. Aber er hat die Zeit im Gefühl, auch in der Nacht, auch unterbrochen von Schlaf. Als er wieder einmal wach wird, fühlt er, dass es nicht mehr weit bis zum Morgen sein kann. Der Wind hat nachgelassen. Es schleift auch kein Schnee mehr an Fenster und Wand. Und auch das erwartete Tauwetter ist nicht mehr fern. – Windbruch, denkt Eglis. Das wird viel Windbruch gegeben haben im Walde. Laibe kann sich freuen. Aber gebrochenes Holz ist nicht so viel wert wie geschlagenes. – Der Gedanke an den Windbruch lässt ihn nicht wieder einschlafen. Er wartet den ersten, allerblassesten Schein des Morgens ab, erhebt sich leise, geht vors Haus. Nach dem Fichtenwalde schaut er. Da ist von Windbruch nicht viel zu bemerken. Ist nicht so arg gewesen, denkt Eglis. Er schaut nach dem Walde jenseits des Moores hinüber. Dunkel, zackig stehen die Wipfel gegen den blassen Morgenschein. Aber was ist es mit dem Walde? Er sieht anders aus als sonst. Etwas fehlt.

Eglis reibt sich die Augen. Schläft er noch? Sieht er nicht recht? Die Helligkeit am Morgenhimmel wächst. Aus der dunklen Masse des Waldes heben sich, schon deutlicher erkennbar, einzelne Bäume ab. Eglis kennt jeden Baum. Einer fehlt. Die hohe Krone fehlt. Kein Zweifel: der überragende Wipfel ist nicht mehr.

Eglis überlegt: Sag ich's der Frau? Wecke ich meinen Ältesten und nehme ihn mit? Er unterlässt es. Nur den Kettenhund befreit er aus dem Schafstall. Der Hund soll ihn begleiten, sonst niemand. Von den Vorgängen dieser Nacht, von dem, was um das Schloss geschah, weiß Eglis nichts. Er denkt an den dumplen Laut, den er gehört hat, lange vor Mitternacht. – Das war er, denkt er, der große Baum. Der hat mich wach gemacht mit seinem Fall. Aber ich bin wieder eingeschlafen. Er ahnt auch nichts von dem Boten, der unterwegs ist zu ihm und der eben jetzt, irgendwo hinter dem Fichtenwalde, mit dem umgekippten Schlitten in einer Schneewächte steckt, durch die das Pferd sich nur mit Anstrengung hindurcharbeitet. Eglis denkt an nichts als an den Baum, der gestürzt sein muss, da ja sein Wipfel fehlt. Er geht über das Moor.

Schwärzlich quillt Nässe von unten herauf durch den Schnee. Er kommt zum Walde. Da liegt der Baum. Eglis faltet die Hände und spricht ein kurzes Gebet wie über einen Toten. – Jungherrchens Baum, denkt er. Der Großherr hat ihn gestern dem Kleinen geschenkt. Eglis hat Verständnis für das Bedeutungsvolle einer solchen Handlung. – Macht nichts, denkt er. Wird ja einmal Herr über alle unsere Bäume sein.

Er ist am Stamme entlang geschritten, bewundert die noch im Liegen herrliche Krone. Und was die im Fallen alles mitriss und zerschlug! Auch von ihrem eigenen Nachwuchs hat sie etliche erschlagen. – Wenn solch ein Baum stürzt, denkt Eglis. Er horcht. War das nicht ein Ruf? Er kam übers Moor aus der Richtung von seinem Hause her. Eglis erkennt die hohe helle Stimme seiner Frau. Auch eine Männerstimme ist dabei. Was rufen die? Nach ihm? Eglis wendet sich, vom Baume fort, den Rufen zu, die offenbar ihm gelten. Er pfeift dem Hunde. Aber was hat der Hund? Der Hund schnüffelt an dem Loch herum, das die Wurzelscheibe aus dem Boden gebrochen hat. Da liegen Steine nackt zutage. Aber der Schnee hat das Loch zum Teil wieder ausgefüllt. Von den Wirbeln des Windes zusammengefegt und geformt, hat sich vom Rande her eine Wächte gebildet. Seitlich ist eine Öffnung. Die Wächte ist hohl. Vor der Öffnung steht der Hund. Der Hund gibt Laut.

Eglis kennt seinen Hund. Umsonst bellt der nicht. Er zieht den Hund von der Öffnung zurück, schaut hinein. Drinnen ist es dunkel. Das Tageslicht ist noch schwach. Der Hund beginnt aufgeregt zu scharren. Eglis erlaubt es ihm. Licht fällt in die Höhlung. Liegt ein Tier darin? Nein, es ist kein Tier. Eglis erkennt, in die Knie sinkend, die kleinen roten wollenen Kinderfäustlinge.

Nun hat er ihn doch auf den Arm nehmen dürfen. Alexander hat nicht wieder »Schulterreiter« befohlen. Nur etwas weinerlich ist er, weil man ihn aus dem Schlafe geweckt hat. Drüben, bei der Buschwächterei, stehen zwei und winken. Eglis' Frau ist es und ein Mann. Der Mann ist der Kutscher vom Schloss. Sie rufen, sie winken. Eglis solle sich beeilen. Eglis beeilt sich nicht. Ruhig, sicher trägt er die leichte Bürde, trägt sie in seinen starken Armen über das auftauende Moor. Der Hund läuft in vorsichtigen Sprüngen nebenher. Und die beiden, die auf Eglis warten, strengen die Augen an, um zu erkennen, was es sei, das er in den Armen trägt. Und erkennen es und wollen doch den Augen nicht trauen, dass es wirklich das ist, das Gesuchte. Bis es ganz nahe bei ihnen ist, so nahe, dass man es anfassen und ihm liebe Worte sagen und es von Arm zu Arm nehmen kann. – »Ein Wunder«, sagen sie. Nur ist das kleine Wunder eben jetzt nicht sehr gnädig. Es weint. Und Eglis' drei Jungen stehen barfuß im Schnee und staunen.

Mining kehrte von der Beerdigung erst spät am Nachmittag zurück. Es war sehr schön gewesen. Sie begann der alten Köchin davon zu erzählen. Man unterbrach sie. Sie erfuhr, was vorgefallen war. Ein Arzt sei auch schon zur Stelle.

Alexander lag in seinem Bett, nicht ohne Genuss alle Besorgnis um ihn als eine große Huldigung gnädigst entgegennehmend. Mining schob, als sie an Alexanders Bett trat, alle anderen beiseite, den Arzt, den Großherrn, die vom Weinen immer noch verschwollene Lawis. »Dummheiten!« murmelte sie, »was für Dummheiten!«, ohne dass es recht klar wurde, wem diese Bemerkung galt. »Aber das will ich euch sagen: niemand ist schuld, niemand als ich allein. Jawohl, ich bin schuld. Man soll nicht Vergnügungen nachjagen, wenn man ein Kind zu hüten hat.« »Liebe Mining«, sagte Alexander.

Einige Wochen danach ging Laibe, von Eglis geleitet und bewacht, durch den Wald, um die Stämme, die geschlagen werden durften, noch einmal genau zu betrachten und zu messen, wobei es Eglis gelang, ihm etliche, die der Herr schon bezeichnet hatte, doch noch vorzuenthalten. Als sie vor den gestürzten Riesen kamen, sagte Laibe: »Ah!« »Nichts da von Ah!« Eglis machte eine Bewegung mit der Hand, die deutlich ausdrückte: Gib dich keinen falschen Hoffnungen hin. Den kriegst du nicht.

»Was will denn der Herr mit dem Baume machen?« fragte Laibe.

Eglis antwortete: »Der Herr hat bestimmt, dass aus diesem Baum Bretter gesägt werden.«

»Bretter?« rief Laibe entsetzt. »Aus einem solchen Stamm Bretter? Das ist eine Mühlenwelle, das ist ein Schiffsmast.« »Bretter«, wiederholte Eglis gelassen. »Und die Bretter sollen sorgsam getrocknet und gut aufgehoben werden. Damit sie nicht mit anderen Brettern verwechselt werden und ihre Bestimmung nicht mit der Zeit in Vergessenheit gerät, werden wir sie auf dem Dachboden der Kirche niederlegen.« »Und was soll denn mit den Brettern?« »Aus den Brettern sollen, sooft daran Bedarf ist, Wiegen und Särge gemacht werden. Nichts als Wiegen und Särge.« »Und dazu nimmt man einen solchen Baum?« »Ja, gerade einen solchen«, antwortete Eglis.

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