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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 42
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Ludwig Thoma an den Herausgeber des Simplicissimus Albert Langen

Thoma war damals ständiger Mitarbeiter des von Langen herausgegebenen ›Simplizissimus‹. Als solcher hatte er Langen gebeten, die Buchausgabe seines Bühnenwerkes ›Die Wittwen‹ zu übernehmen, hatte jedoch eine Absage erhalten. Bemerkenswert ist, daß Thoma späterhin diesem seinem Werke selbst kühl gegenüberstand.
Der Brief ist wie der folgende der Hofmillerschen Sammlung von Thoma-Briefen (München, 1927) entnommen und wie der folgende gekürzt.

München, 28. Juli 1900.

Ihre Frage nach der Ursache meines Zornes will ich kurz und bündig beantworten. Ich bin von verschiedenen Seiten koramiert worden, warum mein Stück noch nicht bei Ihnen erschienen ist. Die Leute waren des Glaubens, daß sich das von selbst verstehe ...

Muß ich Ihnen erst sagen, was in der Abweisung Verletzendes liegt? Der Ton macht nicht immer die Musik, Herr Langen, der höflichste Brief gilt mir den Teufel, wenn der Inhalt nichts taugt.

Die Rolle des Supplikanten liegt mir absolut nicht. Sie versichern mir mündlich und schriftlich, was Ihnen daran liegt, wenn wir hier stramm für Sie arbeiten ... in dem Augenblicke aber, wo ich eine verdammt kleine Förderung meiner Interessen wünsche, weisen Sie das ab, ganz ruhig, wie etwas, was man eben kurz abtut. Ist Ihnen wohl nicht der Mühe wert, lange davon zu reden. Ich bin abgefahren und kann schauen, ob ich bei Wohlverhalten und gutem Betragen ein anderes Mal mehr Gnade finde ...

Sie gewähren mir huldvoll den Bühnenvertrieb, aber die kläglichen Mehrkosten eines Druckes verweigern Sie. Hierfür gibt es kein Prinzip. Das sind Dinge, welche man fühlt und nicht bespricht. Die schönsten Worte verkleistern nicht die Tatsache, daß Ihr Interesse an meinem Vorwärtskommen in dem Momente versagt, wo Sie nicht 1-200 Mark mehr bezahlen, sondern lediglich riskieren sollen ...

Für mich bleibt der Kern eine verletzende Abweisung; ein Hindernis, wo ich es billigerweise nicht finden durfte.

Raufen Sie sich einmal zehn Jahre lang für sich und Ihre Angehörigen mit dem Leben herum und erzwingen Sie sich schrittweise die Anerkennung, dann will ich sehn, was Sie sagen, wenn Ihnen aus kleinlichen Gründen Knüppel zwischen die Füße geworfen werden.

Nur die Lumpen sind bescheiden; wer etwas auf sich hält, der mag Geringschätzung nicht dulden. Und wenn ich vier Wochen die Wut in mir herumgetragen habe, dann ist es um so mehr geraten, klipp und klar zu sagen, daß Ihr Verhalten mich gekränkt hat.

Nicht viel weniger der kurze Brief Ihrer Frau. Ich bin über die Jahre hinaus, wo man Reprimanden einsteckt. Wenn ich das Verbrechen beging, von ›Papa‹ Björnson zu reden Langens Gattin war eine Björnson-Tochter. Thoma hatte, was Frau Langen scheinbar übel vermerkte, in einem vorhergegangenen Briefe sich der Wendung ›Papa Björnson‹ bedient., so habe ich nötig zu sagen, daß darin nichts Verletzendes liegen konnte. Ich begehe keine Respektlosigkeiten gegen ältere Leute, auch dann nicht, wenn sie viel weniger berühmt sind, als Björnson. Sie sind der Meinung, daß ich mit meinem Eintritt in den Simplizissimus die Rolle eines Untergebenen übernahm und weniger Anspruch auf respektvolle Behandlung als in meiner vorherigen Stellung habe?

Ich nicht.

Wenn Sie die unzweideutige Bezeichnung von Dingen und Meinungen für grob nehmen, muß es so gelten. Ich lasse mir nicht auf die Hühneraugen treten.

Ihr Wort vom ›freundschaftlichen‹ Verkehr in Ehren. Ich habe vielleicht zu altmodische Ideen von der Freundschaft; ich sehe ihren Wert in gegenseitiger Förderung; wenn Sie von mir erwarten, daß ich Ihre Sache so gut und besser wie die meinige vertrete, dann ist es Ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, wo Sie können, auch die meinige zu fördern.

*

An den Nämlichen.

München, 6. November 1902.

... Die Kritiken über ›Lokalbahn‹ sind mir, wie immer, wurscht. Jeder Kritiker hat ein durchgefallenes Stück geschrieben oder will noch eins schreiben. Was geht mich die Meinung der Schnorralisten an? Zehn haben neun verschiedene, und ich habe lange genug zugesehn, um genau zu wissen, wie es gemacht wird ...

Und auf den Beifall sch... ich. Den kriegt jede Drahtseilkünstlerin und A...verrenkerin genau so und noch mehr ...

*

Derselbe an den Direktor des Langen-Verlages, Herrn Korfiz Holm, als die Schiller-Gedächtnisstiftung in Hamburg beim Langen-Verlag angefragt hatte, ob sie einige Werke Thomas, der in Norddeutschland fälschlich totgesagt worden war, aus dem Oberbayerischen ins Hochdeutsche übersetzen dürfe ...

Über die sehr charakteristische Entstehungsgeschichte dieses Briefes berichtet sein gegenwärtiger Besitzer, Herr Peter Scher: ›Bei unserer gemeinsamen Arbeit in der Redaktion des ›Simplizissimus‹ zeigte Thoma mir eines Tages ein Schreiben der Schiller-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg, das an den Langen-Verlag gerichtet war und das merkwürdige Angebot enthielt, einige Dialektgeschichten Thomas ›in hochdeutscher Übersetzung‹ in der Bücherei der Stiftung zu veröffentlichen. Den Herren von der Schiller-Stiftung war zudem auch noch der kleine Irrtum unterlaufen, daß sie von Thoma wie von einem eben Verstorbenen sprachen – was ein starkes Stück genannt werden muß, denn er stand eben damals auf dem Höhepunkte seiner Volkstümlichkeit.
Ich fragte Thoma, was er auf den Brief zu antworten gedenke, und er fragte zurück, ob er auf so etwas überhaupt antworten solle. Ich sagte mit Arglist (denn ich versprach mir eine seiner lapidaren Kundgebungen), daß ich es schon für richtig halten würde, wenn er zumindest ein Lebenszeichen von sich gäbe. Er knurrte, setzte sich hin und schrieb an den literarischen Leiter des Langen-Verlages Korfiz Holm diesen Brief ... ‹

15. August 1917.

Lieber Holm,

schreibe Du der Gedächtnisstiftung, sie soll mich am A... lecken. Dann wird sie schon merken, ob ich tot oder lebendig bin. Nicht ein Wort lasse ich verhochdeutschen. Entweder, sie drucken das Original ab oder sie verzichten.

Sag ihnen, dies sei meine Stimme aus dem Grabe.

Beste Grüße Dein

L. Thoma.

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