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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 30
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Hans von Bülow

Die zarte und edle Seele, die in ihm wohnte, ist im Vorwort gedeutet worden, und es möge das Gesagte diese seltsamen und oft burlesken Ausbrüche erklären. Die Anlässe waren, wie man sehen wird, Streitigkeiten um Programme und Konzertlokalitäten, und sie zeitigten Spitzenleistungen dort, wo der Gegner, wie im Falle des Berliner Intendanten f. Hülsen, ein Standesgenosse war.

Der erste hier wiedergegebene Brief legt Zeugnis ab von den Zwistigkeiten, die der Einbruch der neuen Musik auslöste. Hans von Bronsart, im Grunde Bülows Freund, war an dem Ausbruch um so weniger schuld, als er ihm nur die Stellungnahme des sabotierenden Konzertkomitees mitgeteilt hatte.

Berlin, 26. November 1860.

Verehrter Freund.

Dein Brief hat mich in eine Stimmung versetzt, die mir nichts anderes erlaubt, als ganz entschiedene Grobheiten. Sei so gut und sage Brendel, Kahnt Brendel (nicht zu verwechseln mit dem weiter unten erwähnten Pianisten Bendel) gehörte nebst Kahnt zu dem Konzertkomitee. und der weiteren Sippe, sie könnten mich gefälligst im Anfang loben ›Sie könnten mich gefälligst im Anfang loben.‹ Die nicht weiter mißverständliche Wendung ist im Brief dick unterstrichen.. Ich habe keine Lust, weiterhin diese Vermittelungskolik zu riechen und empfehle mich für den vierten Dezember Datum des Bülow-Konzertes. aus der Ferne. Etwas Conzerterfahrung besitze ich, wenigstens mehr als der Rliche ›der Rliche Brendel‹, so im Original für ›der ehrliche Brendel‹. Brendel, und wenn man mein Programm nicht acceptiert, soll mans gefälligst bleiben lasten. Diese Hin-und Herschreiberei, diese ewige Mäkelei, die heute das, morgen jenes bemäkelt, habe ich gründlich satt. Was ist denn das für eine Art!

Ich werde gebeten, ein Programm vorzuschlagen, ich tue es – man findet alles schlecht, polemisiert wie jüdische Kritiker gegen Werke, die man nicht kennt (Sonate von Raff!), spricht den Wunsch aus, die Lisztsche Sonate zu hören und verschreit mich fast als einen Feigling, daß ich es nicht für praktisch gehalten, dieses Werk des Anstoßes bei dem Philister zu wählen. Gut, ich will die Sonate mit Vergnügen spielen, studiere sie neu ein, freue mich, daß man sie praktisch gefunden. Plötzlich neuer Brief: man hat die Sonate von Brendel Zeitgenössischer Pianist und Komponist. eben gehört, und findet sie höchst gefährlich. Zu gleicher Zeit schreibt man, daß man die Soiréen für Kammermusik speziell deshalb instituiert, um Liszts Sonate und Lieder zu Gehör zu bringen. Pfui Teufel über solche Unlogik, über solchen wahrhaft ewig weiblichen Gedanken – und Geredekot! Man überlegt ferner nichts. Das neue Programm ist monoton, weil mehrere Sonaten darauf figurieren. Was heißt denn Sonate? Ist denn nicht alle Instrumentalmusik Sonate? Ist die Lisztsche gebaut wie die Raffsche und Beethovens Opus 96?

Seit Wochen wird mit meinem guten Willen und mit meinen Nerven wahrhaftig Schindluder getrieben! Himmelsakrament, das nennt man Affenschande! Dabei soll ich Damrosch Bekannter Dirigent jener Tage. den Kopf zurechtsetzen und ihm deutlich machen, daß Spohrsches Leder zum Schutz des eigenen Breies zu wählen unstatthaft und albern ist! Merci!

Entschuldige, daß ich Dich zum Sack mache, den Eselrattenkönig meinend ›Man schlägt den Sack, meint aber den Esel.‹. Aber es wird mir zu bunt! Emancipiere Dich und zeig den Herrn.

Verfluchtes anitimpernialistisches, malapartistisches Germanentum ›Malapartistisches Germanentum.‹ Für diese auf den ersten Blick rätselhafte Stelle gibt Fräulein Helene Raff, die in München lebende Tochter des im Briefe erwähnten Komponisten, die Bülow noch persönlich gekannt hat, eine ebenso einleuchtende wie überraschende Erklärung, die sich aus Bülows Rolle als Vorkämpfer Richard Wagners und aus einem hier vorliegenden Wortspiel ›Malapartistisch/Bonapartistisch‹ ergibt. Für Napoleon III. war Bülow begeistert, seit auf des Kaisers persönliche Anordnung in Paris der ›Tannhäuser‹ einstudiert worden war. Seither war ihm im Gegensatz zur wagnerfreundlichen Partei (der ›Bona parte‹) alles, was sich Wagner und Liszt entgegenstellte, ›malapartistisch‹. Das ›Germanentum‹ bezieht sich auf gewisse Teile des zeitgenössischen Publikums, die, unter dem Einfluß der späten Romantik, an Liszts ungarischer und ›undeutscher‹ Abstammung Anstoß nahmen.; Erbärmliche Parlamentiererei mit lauter ›Wenns, Abers, Dochs‹.

Adieu, Glück auf, keine ›Wandlung‹.

Dein Dir ergebener
Hans von Bülow.

Auch der folgende Brief dreht sich um die Trias: Programm, Lokal, Agenten. Bülows Abneigung, in einem und demselben Konzert als Pianist wie als Dirigent aufzutreten, entsprach seiner zarten Konstitution, seiner hieraus sich ergebenden Furcht vor körperlicher Überanstrengung und der oft in seinem Jargon bekundeten Abneigung gegen ›öffentlich zu nehmende Schwitzbäder‹.

Meiningen, ultimo Dezember 1881.

An die Konzertdirektion Hermann W., Berlin.

Was soll ich denn mit dem naiv-unverschämten Brief des Festcommis? Beantworten? Ich? Habe ich das ominöse Lokal proponiert? Zum Krauts Der Scharfrichter jener Tage. mit dergleichen! Behelligen Sie mich gütigst nicht auch noch mit solchen Dingen. Meine Minimum-Portion guter Laune, wie sie zu der ganzen Tournée indispensable, darf mir nicht limitiert werden. Ich spiele nicht, wenn ich dirigiere. Ich huste (leider auch niese!) auf Alle, die das verlangen, wozu ich jeden Schein von Berechtigung bestreite!

Oh Publikum! Babys!

Bülow.

Im Winter 1884 dirigierte Bülow mit dem Berliner Philharmonischen Orchester unter anderem in Berlin auch ›Populäre Konzerte‹, bei denen das Publikum an kleinen Tischen saß und nur das Rauchen verpönt war – auch dieses wollte Bülow gestatten, wofern er selbst beim Dirigieren eine Zigarette rauchen dürfe.

Am vierten März brachte er unter anderem ein Orchesterwerk, das er, nicht gerade zu seiner Zufriedenheit gespielt, kurz vorher in der damals von Hülsen geleiteten Königlichen Oper gehört hatte. Als er unter tosendem Beifall geendet hatte, ließ er sich, nicht zuletzt aus seiner alten Antipathie gegen Hülsen, dessen Theater er schon vorher mit einer ›Kaserne‹ verglichen hatte, zu einer seiner berühmten und gefürchteten Reden hinreißen, bei der er meinte, ›das Stück habe doch etwas anders geklungen, als letzthin im Cirkus Hülsen, wo es jämmerlich massakriert worden sei‹.

Der Skandal war fertig. Das Publikum raste zwar Beifall, Hülsen aber ließ im Kgl. Opernhaus eine Verlautbarung der Intendanz anschlagen, in der er von den ›Expektorationen eines extravaganten Herrn‹ sprach und die Frage aufwarf, ob jene Szene wohl mit Bülows Eigenschaft als Herzoglich-Meiningenscher Hofbeamter Bülow leitete damals die Herzoglich-Meiningensche Hofmusik. vereinbar sei. In der Tat beschwerte sich der Berliner Hof in Meiningen und erreichte es auch, daß der Herzog, angesichts der ihn mit Bülow verbindenden Freundschaft in denkbar milder Form, eine amtliche Rüge und einen Strafbefehl über hundert Mark ergehen ließ. Bülows Antwort aber ließ nicht lange auf sich warten, und am 14. März brachte die ›Allgemeine Musikzeitung‹ den folgenden, ›Paliodie‹ überschriebenen Offenen Brief ...

Mit tiefer Betrübnis habe ich erfahren, daß einige von mir wegen ihrer sachverständigen Tüchtigkeit hochgeachtete Männer, wie die Herren Herzog, Renz und Salamonsky Bekannte Zirkusdirektoren jener Jahre. und Andere durch die bekannte öffentliche Äußerung in der Philharmonie am 4. März empfindlich sich verletzt gefühlt haben sollen. Da diese Herren überdies den gentilen Takt bewiesen haben, mich nicht ›bei Muttern‹ zu verklagen (unter den Müttern dürften hier die Lohnlakaien einer gewissen Presse zu verstehn sein!), so stehe ich nicht an, ihnen hiermit eine Ehrenerklärung zu geben und sie um Genehmigung meiner ergebensten Entschuldigung zu bitten.

Für den › Lapsus linguae‹, der mir neulich entschlüpft ist, darf ich Loyalitätsrücksichten als mildernden Umstand geltend machen. Mußte ich doch bei der Bezeichnung des Tummelplatzes der Grabesschändung wie der Vivisektion berühmter Opernkomponisten Gemeint ist mit diesem ›Tummelplatz‹ das Kgl. Opernhaus. vor Allem Bedacht darauf nehmen, dasjenige übliche Prädikat zu vermeiden, das bereits genügend durch jenes Gebühren faktisch zu herabgewürdigt ist, um noch verbaliter exponiert werden zu dürfen. So feierlich, als es der Leser wünschen mag, nehme ich hiermit den von mir angewendeten Ausdruck Nämlich den Ausdruck ›Circus Hülsen‹. zurück und ersuche hierdurch ganz ergebenst diejenigen meiner Zuhörer vom 4. März, welchen diese Zeilen zu Augen kommen sollten, dem inculpierten Ausdruck ein vielleicht weniger prägnantes Wort, z. B. ›Antiwalhalla‹ ›Antiwalhalla‹ dürfte sich auf die nicht übermäßig wagnerfreundliche Haltung der damaligen Opernintendanz beziehen. oder auch ›falsche Walhalla‹ substituieren zu wollen.

Dresden, 9. März 1684.

v. Bülow.

Das hieß freilich, wie Marie von Bülow in der Ausgabe seiner Briefe richtig bemerkt, ›zum Bösen das Schlimmste hinzufügen‹. Bülow wurde (was den Weltberühmten natürlich sehr kühl ließ) der Titel eines ›Königlich Preußischen Hofpianisten‹ entzogen. Dem Grafen Hülsen antwortete er auf seine Weise in einem seiner nächsten populären Orchesterkonzerte. Er spielte nämlich unter frenetischem Beifall zu Beginn aus Mozarts Figaro ›Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen‹ ...

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