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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Herzog Ludwig der Gebartete von Bayern-Ingolstadt und Friedrich I. von Hohenzollern Kurfürst von Brandenburg

1419

Es war ein Hader um eine unerfüllte Geldforderung, aus der dieser zwischen Fürsten einzigartige und hier zum ersten Male einer größeren Öffentlichkeit unterbreitete Briefwechsel entstanden war: Ludwig, der seinen Beinamen dem kurzgeschorenen und dazumal ungewohnten französischen Vollbart verdankte, war ein streitbarer und in manche Raufhändel jener Zeit verstrickter Herr. Unter Friedrichs Bürgschaft hatte er dem damals regierenden deutschen König Sigismund 23 000 Goldgulden geliehen und hielt sich, als Sigismund nicht zahlte, an den Bürgen, der bekanntlich der erste in der Mark regierende Zoller und eben erst zur Kurwürde aufgestiegen war. Da Friedrich den Wittelsbacher hinhielt, so hatte sich schon vorher im Hin und Her die Tonart der beiderseitigen Schreiben verschärft, bis schließlich im Februar 1419 der temperamentvolle Wittelsbacher den in seinen Augen als Emporkömmling figurierenden Hohenzollern zum Zweikampf herausgefordert hatte. Friedrich, der damals noch nicht in Berlin, sondern in Franken residierte, entzog sich dem Zweikampf und antwortete mit Beleidigungen, was Ludwig wieder dazu veranlaßte, den »neugemachten« Kurfürsten erst recht hart anzufassen, seine Treue gegen Sigismund zu bekritteln und in einem öffentlichen Aufruf »an alle Fürsten, Herren, Grafen, Freien, Ritter, Knechte und Städte« den Brandenburger an den Pranger zu stellen.

Damit wurde die Sache zum Reichsskandal, und die Beziehungen der beiden hohen Herren versteiften sich zu einem Grade, von dem als Auswahl unter zahllosen anderen die drei hier wiedergegebenen, ein wenig gekürzten und dem heutigen Sprachgebrauch angepaßten Briefe Zeugnis ablegen sollen.

*

Friedrich an Ludwig.

Hochgeborner Fürst, unredlicher, lügenhafter, schamloser Mann Ludwig, der sich Graf von Mortaigne nennt Ludwig, der in seiner Jugend zeitweilig in Paris gelebt hatte, war der Bruder jener aus Schillers ›Jungfrau von Orleans‹ bekannten Königin Isabeau und hatte selbst in zweiter Ehe Katharina von Alençon geheiratet, deren erster Mann, Peter von Evreux, zugleich Graf von Mortaigne gewesen war. Trotz dieses etwas weit hergeleiteten Anspruches nannte er sich seither unter anderem ›Graf von Mortaigne‹., obwohl Du Dich in Mortaigne nicht aufzuhalten oder Dich ihm auch nur zu nähern getrauen würdest! Wenn Du am Anfang Deines Briefes – so verlogen, boshaft neidlich und falsch, wie unredliche Leute Deines Schlages gemeinhin es tun – schreibst und behauptest, daß der Allerdurchlauchtigste, unser Herr und römisch Kaiser König Sigmund. uns unverdient zum Markgrafen von Brandenburg gemacht habe, so schreibst Du unwahr und lügst wissentlich. Fleißig, treulich und fromm haben wir unserem gnädigen Herrn gedient und wollens pflichtgemäß und untertänigst nach Kräften auch weiter tun. In Wahrheit kannst Du nie und nimmer Uns mit Wort oder Schrift eine Unredlichkeit unterstellen und müßtest erkennen, daß wir das Markgrafentum und die Mark rechtmäßig von demselben Herrn empfangen haben, wie Wir das mit guten, kräftigen und redlichen Urkunden belegen können. Erkläre Du erst einmal, wie Du von Frankreich die güldenen Heiligenbilder, Kronen und anders Gut gebracht hast Der französische Hof hatte für Ludwigs nicht voll ausbezahlten Mitgiftsanspruch eine Menge von Juwelen, Kunstgegenständen und Pretiosen – darunter auch das berühmte ›Goldene Rößl von Alt-Ötting‹ – an den ›Gebarteten‹ verpfändet. Ludwig hatte den gesamten, ihm rechtmäßig zustehenden Schatz nach Bayern gebracht und aus dem Erlös nicht nur den Unterhalt seiner sechshundert Pferde und seiner zahllosen Bastarde, sondern auch den Bau der großen Ingolstädter Marien-Kathedrale bestritten., über die Du jetzt zu Unrecht und frevelhaft und mutwillig verfügst. Und wenn Wir gleich oft zu Recht und kurzem Ende geschrieben haben, so bist Du doch allzeit darüber hinweg gegangen und hast mit Deinen listigen und lügenhaften Scheltworten den Leuten weis zu machen gesucht, Du wüßtest etwas über Uns, was Unseren Eid, Unsere Treue, Unseren Dienst an Unserem Gnädigen Herrn angehe. Klipp und klar haben wir Dich darauf gefragt, was es damit sei, Du aber hast die Frage nicht beschieden und kannst es auch nicht; denn wüßtest Du Arges von Uns, Du würdest in Deiner Uns bekundeten und verstockten Bosheit wahrlich nicht so lang verschweigen ...

Wenn Du Uns nun beschuldigst, so ist kein wahres Wort dran, sondern es ist alles gelogen. Du hast Uns damit so gekränkt und gereizt, daß Wir Dich auf alle Punkte und auf all Deine Schuld und Bosheit klar und deutlich hingewiesen haben. Solch Schande und Beschämung hast Du ruhig hingenommen, kannst in Wahrheit Dich nicht verantworten, bleibst aber verhärtet und verstockt, und so lassen Wir Dich denn in Deiner Schande, Deiner Unehre und Deinen Lastern, und so Gott will, sollst Du Uns nichts abzwingen in Deiner verlogenen Bosheit, was Wir von Rechts wegen Dir nicht schuldig sind.

In Deinem Schreiben bekennst und glaubst Du, Du seist Unsere Briefe vorzuweisen nicht schuldig und brauchtest nur in Deiner schändlichen und unehrlichen Gepflogenheit Deine Briefe und nicht die Unseren zeigen. In den Unseren nämlich erwiese sich die Wahrheit, und es würde Dein offenbarlich und wissentlich Lügen erkannt und von Deiner Ehre nichts darin gemerkt werden. Obwohl man nun Unser beider Wesen und Herkommen kennt, wollen Wir, wo wir inne werden, daß Du Deine Briefe hinsendest, die Unseren auch hinschicken. Wir hoffen aber, hättest Du Deiner frommen Freunde Rat und wolltest ihnen folgen, so sollten sie Dich wohl von solch gefährlicher List und bösen Lügen abbringen und Dir zu so solchem Recht, kurzem End und Auftrag, wie Wir Dir erboten haben, raten.

Willst Du aber nicht, so müssen Wir Dich also bleiben lassen, und besteh dann als unredlicher, verlogener, schamloser, gefährlicher, listiger, böser und verstockter Mann, und weil Du also daran bist, so soll noch mag Uns weder Dein Loben noch Dein Schelten, weder Ehre noch Unehre zu kränken oder zu schwächen.

Gegeben zu Nürnberg, mit Unserem aufgedruckten Siegel, am Montag nach Sonntag Trinitatis anno 1419.

Friedrich,
Von Gottes Gnaden Markgraf zu
Brandenburg, des Heiligen Römischen
Reiches Erzkämmerer und Burggraf
zu Nürnberg.

*

Ludwig an Friedrich.

Du neuerhöhter, unredlicher Edelmann und lügenhafter Markgraf von Brandenburg!

Du hast uns Dein unwahrhaftiges Schreiben gesandt, das doch ganz und gar erlogen ist, soviel unsere Ehre, Würde und Ruf berührt sind. Mit Deinem argen, bösen und hinterhältigen Gerede glaubst Du die lautere Wahrheit, Deine Unterschrift, End und Dienst und Treue gegen Deinen Herrn zu verdrücken, damit die Wahrheit nicht an den Tag komme, wie Wir das gerne sähen. Alles, was Du Uns Unsere Ehre und Würde betreffend geschrieben hast, ist erfundene Lüge, und mit Schalk und Scham willst Du Uns in Deinem Schreiben Recht und Billigkeit zuwider um Unser Geld bringen, wie das einem neuerhöhten Edelmann, wie Du einer bist, wohl ansteht. Wenn Du Dich lobst, wie Du Unserem Gnädigen Herrn, dem Römischen König, getreulich gedient hast, so haben Wir Dir dazu schon geschrieben ... und wenn Du dann schreibst, wie Wir aus Frankreich die Goldene Krone und wie Wir sie und alle Kleinodien in Unsere Gewalt gebracht haben, darüber haben Wir gute Briefe mit der Majestät von Frankreich Insiegel. Doch sind Wir nicht schuldig, Dir darüber zu schreiben, sondern schreiben es nur für den Fall, daß Du frommeren Leuten, als Du einer bist, den Brief zeigest, daß man dann doch höre, wie leicht Du mit Lügen Uns Unsere Ehre beschränkst. Da Du Dich aber so bös, so unredlich und verlogen zeigst und bleibst bei Deiner unergründlichen Bosheit, um das Haus Bayern zu schmähen, so soll männiglich wissen, daß Wir in dieser Sache zu End und kurzem Austrag kommen. Wenn Du Uns Unser Geld gibst, so wollen Wir Unsern Gnädigen Herrn, den Römischen König, gern um Schirm für Dich bitten mit dem gleichen Briefe, wie die beigelegte Copie ihn aufweist ...

Willst Du das aber nicht tun, so versteht männiglich, daß auf Unser Seite das Recht, auf Deiner aber die Bosheit ist, und daß Du hinfort von allen frommen Leuten wärest zu meiden, damit hinfort Niemand an Dir unehrlichen und lügenhaften Manne sich verunreinige noch an Dein verlogen Schreiben sich kehre, und wollen Wir das dann auch allen frommen Fürsten, Rittern, Herren, Knechten und Anderen von Dir schreiben nach unserer Notdurft.

Gegeben zu Lauf, am Freitag nach Gottes Leichnam unter Unserem aufgedrückten Siegel und unterzeichnet mit Unserer Hand, nach Christi Geburt tausend Jahr und danach im neunzehnten.

Ludwig,

Von Gottes Gnaden Pfalzgraf bei
Rhein, Herzog von Bayern und Graf
zu Mortaigne.

*

Ludwig an Friedrich, als nach einem weiteren Jahre des Hin und Her die 23 000 Goldgulden noch immer nicht bezahlt waren ... Hier angesichts der zahllosen Wiederholungen gekürzt wiedergegeben.

Du emporgekommener, unehrlicher und verlogener Edelmann, treuloser Burggraf von Nürnberg, Glossierer der Wahrheit zur Lüge und die Lüge in Wahrheit zu verdrehen!

Du schreibst, Wir sollten nicht so oft in Neid melden, daß Unser Gnädige Herr Dich mit der Mark Brandenburg begnadet und erhöhet hat. Er mag an Namen und Gut Dich erhöhen und begangene Schandtat Dir nachsehn. Aber an Deiner Ehre Dich schamlosen Mann zu erhöhen, das liegt an Dir selbst, und der selige Kaiser und Er verschwendeten Papier, Brief und Tinte an Dir. So haben Wir auch einen bösen Hund gesehn, der ›Roland‹ hieß. Aber falsch und bös war er dennoch, und wegen seines stolzen Namens nicht besser. Genau so ists mit Dir, weil Du zu handgeschlagener Treu und Unterschrift nicht stehst, so bist Du weder um Deine Ehre, noch um Leib und Mut zu beneiden und hast so viel Ehre nicht, um damit einen Pelz Wörtlich in der spätgotischen Urkunde ›ain polcz zu gefiederen‹, einen Armbrustbolzen mit Federn zu versehen. zu füttern.

Ludwig,
Von Gottes Gnaden Herzog in Bayern.

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