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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 27
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Die Comtesse Solms geborene ›Bonaparte-Wyse‹ an die Gräfin Schulenburg

Zitiert nach den Erinnerungen des Grafen Viel-Castel, Direktors des Louvre-Museums in der Frühzeit des zweiten Kaiserreiches.

Paris, März 1852

Die Verfasserin, die sich in der Rolle einer gebürtigen Kaiserlichen Prinzessin gefiel, war, wie übrigens auch die Empfängerin des Briefes, in Wirklichkeit eine der großen abenteuernden Halbkokotten, die, geheiratet von einem abgelebten Träger eines großen Namens, zum weiblichen Stabe des späteren zweiten Kaiserreiches gehörten. Der etwas phantastisch klingende Mädchenname ›Bonaparte-Wyse‹ gründet sich denn auch lediglich auf die Tatsache, daß ihre Mutter, eine geborene Wyse, die uneheliche Tochter des alten Prinzen Canino gewesen war ...

Sie selbst war damals ebenso jung und hübsch, wie die Schulenburg verblüht, angejahrt und korpulent war. Als beide Damen sich um die Gunst des Herrn v. Pommereux, eines bekannten Dandys jener Tage, stritten und die Schulenburg stundenlang auf ihn vor dem Hause der Solms wartete, wo er eben Tee trank, da erhielt sie von ihrer jüngeren Rivalin eben dieses Handschreiben, das freilich das Muster eines ›sorgfältig vergifteten‹ Frauenbriefes darstellt ...

*

An die Gräfin Schulenburg,

die so freundlich war, in einem Wahnsinnsanfall in schauderhaftem Regen fünf Stunden lang vor meinem Hause auf den Aufbruch ... ich weiß nicht von wem zu warten, alle fünf Minuten zu mir schickte und mich schließlich mit ihrem unerwarteten Besuch selbst beehrte ...

Madame, Sie haben sich heute einen Schritt erlaubt, über den ich unmöglich mit Stillschweigen hinweggehn kann! Eine solche Ausführung widerspricht so sehr den guten Sitten der Gesellschaft und ist selbst Frauen der niederen Stände so fremd, daß es mir nun obliegt, Sie aufs Ernsteste zu rügen, nachdem nun einmal mein Haus als Vorwand und Objekt Ihrer Narreteien hat herhalten müssen ...

So muß ich Sie, Madame, bitten, mich und mein Haus in Zukunft aus Ihrem Spiel zu lassen, wofern es Ihnen zum zweiten Male einfallen sollte, unter freiem Himmel und zum größten Gefallen der Pariser ein Spektakelstück zum Besten zu geben.

Welche Beziehungen Sie, Madame, mit Herrn von Pommereux, einem meiner guten Freunde, verbinden, weiß ich nicht – sie sind mir auch vollkommen gleichgiltig. Da Sie nun aber ein wenig gewaltsam meine Aufmerksamkeit auf dieses Kapitel gelenkt haben, so kann ich nur, ohne mich allzu sehr mit der Sache selbst zu beschäftigen, Ihnen wiederholen, daß seine Familie und alle seine Freunde oft genug die Unannehmlichkeiten und diejenigen Extravaganzen beklagen mußten, durch die Sie kraft Ihres excentrischen Benehmens ihn seit zwanzig Jahren behelligt haben.

Ich schreibe Ihnen, Madame, diesen Brief aus keinem anderen Grunde, als um Ihnen zu sagen, daß ich mit Ihnen absolut nichts will zu schaffen haben und Ihnen tief verbunden wäre, wenn Sie mir in Zukunft Ihre Bedienten nicht mehr ins Haus schicken wollten – ich würde sonst nämlich gezwungen sein, sie hinauszusetzen! Es liegt meinen Leuten außerordentlich wenig daran, herausgeklingelt zu werden, um sich dann mit den Extravaganzen und Nervositäten einer wunderlichen und überreizten Frau zu befassen. Beunruhigten mich nämlich alle meine Freunde auf die gleiche Weise, so wäre mein Haus ein Narrenhaus! Alle diese Kindereien nehmen sich entzückend aus bei einer Achtzehnjährigen, solange sie noch das Diadem ihrer Jugendfrische trägt, sie sind aber – Sie werden das doch zugeben müssen – höchst lächerlich, sowie von diesem Diadem nicht übrig geblieben ist, als ein halbes Jahrhundert voller Ruinen. Es gibt eben im Leben eine Epoche, wo man auf rosenfarbene Frisiermäntel, Nervenzufälle, Eifersuchtszenen, Romanzen und Elegieen verzichten muß. Andernfalls spielt man seine lächerliche Rolle einem Menschen vor, der schwach genug ist, sie sich gefallen zu lassen – eine Rolle wohlgemerkt, in der man seine besten Freunde langweilt und für die man eben nicht mehr anmutig und jung genug ist.

›Dicker werden heißt alt werden‹ sagt der geistreiche Bequet, und Altern heißt für manche nichts anderes, als Sterben. Der gute Geschmack erforderts, diesem Sterben die am wenigsten abstoßende Form zu geben und sich mit jedwedem Reiz von Verstand, Freundlichkeit und Geist zu schmücken. Vertrauen Sie also, Madame, meinem guten Rat: neben vielen anderen Dingen, die ich studiere, habe ich mich auch ein wenig mit der medizinischen Wissenschaft befaßt und weiß sehr wohl, daß es im Leben jeder Frau eine kritische Phase gibt, wo sie von Fieber verzehrt wird. Dieses Fieber macht einige Frauen zu Furien ( furor amoris!) und erst nach ihren allerletzten Excessen werden sie dann wieder zahm und erträglich. Andere wieder bescheiden sich und werden keusch und sogar fromm, vergessen ihre Rosentage und verstehn es, sich von der Welt zu lösen, ehe die Welt ihnen ihren Laufpaß gibt. Ich bin zu gutherzig, Ihnen Ihre Lebensdiätetik vorzuschreiben, und es ist dazu wohl auch schon ein wenig zu spät! Aber der Furor ist bei Ihnen nun einmal auf dem Höhepunkte angelangt, und oft beklage ich Sie und empfinde auch zuviel Mitleid mit Herrn von Pommereux, als daß ich nicht unter allen Umständen Ihre Überführung nach Charenton Bekanntes Irrenhaus bei Paris. verhüten möchte. Das ist nun freilich ein unbehaglicher Aufenthaltsort – man trägt dort dunkle schmutzige und hochgeschlossene Kleider, und die Runzeln und Krähenfüße, umrahmt von einer schrecklichen weißen Haube, sind dort viel sichtbarer. Außerdem speist man dort miserabel, und viel Umstände würde es kosten, einen unserer gemeinsamen Freunde – Herrn von Pommereux zum Beispiel – hinauszuschicken, um nach Ihrem Befinden zu fragen. Denn ich interessiere mich nun einmal – ich schwöre es Ihnen – für Ihre Gesundheit und erfände wohl allzugern jenes berühmte Elixier ewiger Jugend, deren Verlust Sie nun beklagen. Eine dunkle Frage aber steht mir da im Wege, und Sie haben wohl die Gewogenheit, meine Zweifel zu beheben: Waren Sie denn überhaupt je schön, Madame?

Genug des Geschwätzes! Ich habe diese wohlverdiente Lektion in anmutige Formen gekleidet und hoffe, daß es die letzte ist, die Sie von mir empfangen.

In dieser Erwartung bitte ich Sie, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung zu genehmigen.

Comtesse de Solms,
geborene Bonaparte-Wyse.

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