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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 25
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Hector Berlioz

An den Verlag Hoffmeister in Leipzig, der ein arg verkürztes und nach des Meisters Meinung auch arg verstümmeltes Klavier-Arrangement von Berlioz' Orchesterouvertüre ›Die Femerichter‹ herausgebracht hatte. Hier zum ersten Male in deutscher Ausgabe und gekürzt um die ins einzelne gehenden musikalisch-technischen Bemängelungen, mit denen Berlioz dem Verlage begegnet.

Paris, 8. Mai 1836.

Mein Herr,

letzthin haben Sie eine Ouvertüre für Klavier zu vier Händen veröffentlicht und mir nicht nur deren Komposition, sondern sogar deren Arrangement angedichtet. Peinlicherweise und pflichtgemäß muß ich unter Protest feststellen, daß ich dieser Veröffentlichung, die durchaus ohne mein Einverständnis vorgenommen wurde, völlig fern stehe. Der Klavierauszug ist keineswegs, wie Sie glauben machten, von mir, und das, was bleibt, kann ich unmöglich als mein Werk anerkennen.

Verschnitten, zerschnitzelt hat Ihr Arrangeur mein Werk und es dann wieder auf eine Weise zusammengeflickt, daß ich die Ehre der Verfasserschaft doch lieber ausschließlich ihm überlassen möchte. Hätte ein Beethoven oder Weber Ähnliches sich herausgenommen, so würde ich mich ohne Protest dem fügen, was mir gleichwohl als Demütigung erschiene, wobei eben nur vermerkt werden muß, daß weder Beethoven noch Weber mir derlei zugemutet hätten. Nun habe ich allerlei Grund zu der Annahme, daß mein Werk bei Ihnen nicht gerade einem Musiker von Rang in die Hände geraten ist. Ich spreche nicht von seiner Führung des Klavieres, die hier das Orchester ersetzen sollte und nachgerade den Eindruck hinterläßt, als sei er Klaviersonaten für Achtjährige entlehnt, ich spreche auch nicht von seiner Intelligenz, die er verrät, wenn er Nebenthemen zu Haupthemen macht und auf platte und üble Weise das verfälscht, was, um eine Vorstellung von Orchestereffekten zu geben, die Kräfte des ganzen Klaviers verlangt hätte ...

Was ich am meisten beklage, ist, daß Sie solchen Roßarzt betrauten, um mich amputieren zu lassen! Man schneidet doch als Chirurg nicht Glieder ab, ohne deren Funktion zu kennen, und nur ein Henker kann einem Unglücklichen den Daumen absäbeln, ohne sich über dessen Gelenke, Muskeln, Nerven und Blutgefäße klar zu sein.

Gerade aber das hat Ihr Arrangeur an mir vorgenommen, und es sind allenfalls Vatermörder, die man auf so grausame Weise zu Tode martert! Ganze Passagen, ja sogar Bruchstücke von Themen sind verschwunden, sodaß das Verbliebene zusammenhanglos und absurd wirkt. Ich will mich nicht mit jedem Schnitt seiner schartigen Schere beschäftigen, ich lege aber erneut Verwahrung ein und stelle fest, daß die einzige Ausgabe, die ich als mein Werk anerkenne, die bei Rignauld in Paris erschienene ist.

Jeder anderen Veröffentlichung entziehe ich meine Anerkenntnis und bitte Gott, diese hier Ihrem Arrangeur nicht als Sünde anzurechnen.

Hector Berlioz.

*

Derselbe an Louis Berlioz, seinen Sohn Trotz der heftigen Explosionen dieses Briefes hat Berlioz diesen Sohn, der kurz darauf einem auf der nächsten Überseereise erworbenen Tropenfieber erlag, zärtlich geliebt., Seekadett an Bord einer Korvette.

London, 3. Mai 1852.

Du sagst mir, Du würdest närrisch. Du bist es bereits. Man muß nämlich närrisch oder geistig minderwertig sein, um mir solchen Brief zu schreiben, wie den Deinigen. Das hat mir nachgerade noch gefehlt in all den Tag und Nacht sich häufenden Strapazen, die ich hier schon auf dem Halse habe! Von Havanna schreibst Du mir, Du brächtest noch hundert Franc mit, und jetzt brauchst Du mit einem Male vierzig!!! Wer hats Dir denn angeschafft, fünfzehn Franken Zoll für eine Kiste Zigarren zu zahlen – konntest Du sie denn nicht ins Wasser werfen?

Hier ist die eine Hälfte eines Bankzettels über hundert Franc. Die zweite erhältst Du, sowie Du mir den Empfang der ersten angezeigt hast: Du kannst beide dann zusammenleimen und das Ganze einlösen.

Das ist eine Vorsichtsmaßregel, die sich empfiehlt, sowie man Geld einem Briefe anvertraut. Jetzt erkundige ich mich bei Cor & Fournet nach dem Termin Deiner nächsten Ausreise. Du bildest Dir wohl ein, ich kümmerte mich nicht um alle die Narreteien und Dummheiten, die Du mir vorerzählst? Du hast einen selbsterwählten Beruf ergriffen, und dieser Beruf hat sein Schweres, ganz gewiß. Das Schwerste aber liegt hinter Dir, Du hast nur noch eine Reise von Monaten hinter Dich zu bringen, machst Deinen sechsmonatlichen Kurs in der Hydrographie durch und kannst Dir Deinen Lebensunterhalt dann selbst erwerben.

Ich arbeite, um Deinen Lebensunterhalt während dieser sechs Monate beiseite zu legen, und andere Mittel kann ich nicht einsetzen. Was erzählst Du mir da von zerrissenen Kleidern? Während der anderthalb Monate in Havanna hast Du sie in Grund und Boden ruiniert? Und Deine Hemden sind verfault? Brauchst Du also wirklich ganze Dutzende von Hemden in fünf Monaten? Machst Du Dich eigentlich lustig über mich?

Im Übrigen empfehle ich Dir Maß und Form für Deine an mich gerichteten Briefe. Wenn Du Dir nämlich noch immer einbildest, es sei der Weg des Lebens mit Rosen bestreut, so wirds Zeit, daß Du mit der gegenteiligen Erkenntnis Dich vertraut machst. In jedem Falle, und kurz und gut: ich denke nicht daran, Dich einen anderen Beruf ergreifen zu lasten, als den nun einmal von Dir erwählten. Dazu ists zu spät. In Deinem Alter muß man so weit sein, daß man ein anderes Leben führt, als das von Dir nun einmal für gut befundene.

Wenn Du mir in einem vernünftigen Brief den Empfang des halben Bankzettels bestätigst, bekommst Du die andere Hälfte und meine weiteren Instruktionen, und bis dahin bleibst Du in Le Havre.

Adieu!
Dein Vater.

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