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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 24
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Puschkin

Der Brief, der hier meines Wissens zum ersten Male in deutscher Übersetzung erscheint, ist an den in Petersburg accreditierten Königlichen Gesandten der Niederlande, Baron de Heekeren, und somit den Adoptivvater von Puschkins späterem Duellgegner, George d'Anthès, gerichtet. Der Brief selbst hat den Anlaß zum Duell und damit ureigentlich zu Puschkins Tode gegeben.

Frühzeitig, schon im Januar 1834, taucht in Puschkins Tagebüchern der Name d'Anthès auf, der, angeblich Heekerens natürlicher Sohn, von ihm adoptiert und durch seine Fürsprache und einen Gnadenakt des Zaren Nikolaus I. Offizier im Petersburger Regiment der Chevaliersgarden geworden war. D'Anthès selbst war ein etwas leichtsinniger, unbedeutender junger Mann. Um so boshafter hat, aus ziemlich rätselhaften Gründen, de Heekeren den Dichter, den er grimmig haßte, mit seinen Intriguen verfolgt. Wer sich eingehender mit dieser Tragödie beschäftigt, gewinnt nachgerade den Eindruck, als habe de Heekeren die Liebschaft seines Adoptivsohnes mit Puschkins Gattin gefördert, um die Lebenskatastrophe Puschkins heraufzubeschwören.

Sehr bald nach dem ersten Zusammentreffen mit Puschkins Gattin Natalja Nikolajewna begann d'Anthès seinen in den Endzielen eindeutigen Flirt, bei dem de Heekeren als Vermittler und Postillon d'amour mitwirkte. Die vielbesprochene Affäre wuchs sich aus zum öffentlichen Skandal, und im Spätherbst 1836 erhielt Puschkin neben zahllosen anderen anonymen Briefen von unbekannter Seite ein ›Ehrendiplom als Ehrenmitglied der Hahnreigilde‹ zugestellt. So schrieb er schon im November 1836 an de Heekeren, dessen Vermittlerrolle er durchschaute, den nachfolgenden Schicksalsbrief, behielt ihn aber zunächst zurück und ersetzte ihn durch eine Herausforderung zum Duell, das dann freilich zunächst durch seine Freunde, vor allem Joukowski hinausgeschoben wurde.

Trotzdem stellte d'Anthès Natalja Nikolajewna auch weiterhin nach, und im Januar 1837 erfährt Puschkin von einem erbetenen Rendezvous. Jetzt erst sandte er an de Heekeren den Brief, den er im November geschrieben, ab, ja er soll das Schreiben, das Heekeren, bedenklich geworden, ihm uneröffnet zurückreichte, seinem Todfeinde schließlich ins Gesicht geworfen haben.

Die Folge war das Duell, das am 27. Januar 1837 um einhalb fünf Uhr nachmittags stattfand. Durch einen Bauchschuß tödlich getroffen, hob der schon in den Schnee zurückgesunkene Puschkin nochmals die Pistole und verletzte seinen Gegner an Arm und Brust.

Am 29. Januar ist er, in unendlich edler Haltung, eines schweren und qualvollen Todes gestorben, nachdem ihm noch Nikolaus I. in einem Billett seine kaiserlichen Grüße gesandt hatte.

St. Petersburg, 21. November 1836.

Baron!

Erlauben Sie mir, in aller Kürze die Dinge, wie sie sich abgespielt haben, zu rekapitulieren. Längst war mir das Benehmen Ihres Sohnes bekannt geworden und nahm mir die Möglichkeit, gleichgiltig zu bleiben. In der Absicht, erst im Bedarfsfalle zu handeln, begnügte ich mich zunächst mit der passiven Rolle des Beobachters. Ein Zufall, wie man ihn sonst unter anderen Umständen als Unannehmlichkeit verzeichnet hätte, enthob mich dieser passiven Rolle: ich erhielt anonyme Briefe, sah ein, daß der Augenblick des Handelns gekommen sei und habe diesen Augenblick wahrgenommen. Das Übrige ist Ihnen wohl bekannt.

Ich habe Ihrem Sohne eine so jämmerliche Rolle aufgezwungen, daß meine Frau, erstaunt über die Abgeschmacktheit seines Benehmens, sich des Lachens nicht enthalten konnte. Die Aufregung, die sich angesichts dieser Raserei ihrer zunächst bemächtigt hatte, ist nun einer ganz ruhigen und wohlverdienten Verachtung gewichen. –

Sie gestatten, Baron, mir inzwischen die Feststellung, daß Ihre eigene Rolle in dieser Angelegenheit nicht übermäßig anständig gewesen ist. Sie, als beglaubigter Vertreter eines gekrönten Staatsoberhauptes waren der Kuppler Ihres eigenen Bastardes, und sein im Übrigen ziemlich ungeschminktes Benehmen dürfte von Ihnen selbst gelenkt worden sein. Sie haben ihm seine erbärmlichen Liebeserklärungen sowie alle seine schriftlichen Niederträchtigkeiten souffliert! Wie einem liederlichen Frauenzimmer haben Sie meiner Frau in allen Ecken aufgelauert, um ihr von der Liebe Ihres Sohnes zu erzählen, und noch während er zu Hause seine Geschlechtskrankheit auskurierte, machten Sie ihr weis, ›daß er aus Liebe zu ihr im Sterben läge‹ und murmelten ihr zu, ›Gib mir meinen Sohn zurück‹. Sie werden es wohl verstehn, daß ich nach Allem weitere Beziehungen zwischen meiner und Ihrer Familie nicht dulden konnte. Nur unter dieser Bedingung war ich bereit, diese schmierige Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen und Sie nicht, wie es wohl mein gutes Recht gewesen wäre und zunächst auch meine Absicht gewesen ist, bei Hofe bloszustellen. Ich will aber nicht, daß meine Gattin Ihren väterlichen Ermahnungen zuzuhören hat, ich kann nicht dulden, daß nach seinem ekelhaften Benehmen Ihr Sohn sich auch noch die Unverschämtheit leistet, weiterhin mit meiner Frau zu sprechen, ihr den Hof zu machen, ihr Kasernengeschichten und -witze zu erzählen und den zärtlich ergebenen und unglücklichen Verliebten zu spielen, während er doch nichts anderes, als ein Schurke und Taugenichts ist.

Ich sehe mich also gezwungen, Sie um Abstellung all dieser Praktiken zu bitten, wofern Sie einen Skandal, vor dem ich nie und nimmer zurückweichen werde, zu vermeiden wünschen.

Ich habe die Ehre, zu sein

Alexander Sergejewitsch Puschkin.

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