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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 23
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Arthur Schopenhauer an den Kommerzienrat A. L. Muhl in Danzig

Es war mit dem Manne, der in der zeitgenössischen Berliner Gesellschaft nur ›ein Konglomerat von Weibern mit ihren Theetischliteraten‹ sah, nicht gut Kirschen essen, und nicht ohne guten Grund schrieb ihm sein Verleger Brockhaus, er werde ›künftig Schopenhauers Briefe nicht mehr beachten, weil sie in ihrer göttlichen Grobheit und Rustizität eher auf einen Fuhrknecht als auf einen Philosophen schließen lassen möchten‹.

Es war mit ihm, den Brockhaus einmal ›einen wahren Kettenhund‹ genannt hat, wirklich nicht gut anbinden – am allerwenigsten in geschäftlichen Dingen ...

Im Jahre 1819 fallierte das Danziger Handelshaus A. L. Muhl & Co., bei dem die Schopenhauers, nämlich die Mutter und ihre Kinder Adele und Arthur, ihre unterschiedlichen Vermögensbestände angelegt hatten. Mutter und Tochter gaben sich mit einem Akkord von dreißig Prozent zufrieden, während der Verfasser der ›Welt als Wille und Vorstellung‹ auf voller Auszahlung seines Anteiles von achttausend Talern bestand und die Inhaber, nämlich den Kommerzienrat Muhl und seinen Kompagnon Abegg, so lange mit groben Briefen und angedrohter Strafanzeige malträtierte, bis sie mürbe wurden und nachgaben. Vergebens bot Muhl ihm schließlich achtzig Prozent und für den Rest eine Sicherheit auf seine Lebensversicherung und seine Merinoschafzucht an, vergebens lud er ihn, um Schopenhauer milder zu stimmen, auf sein Gut Uhlkau ein: Schopenhauer verlangte den vollen baren Betrag zurück und erhielt ihn schließlich nebst Zinsen auch voll ausbezahlt, nachdem er Muhls Vorschläge und Einladung mit dem folgenden, dem gröbsten seiner zahllosen groben Briefe, beantwortet hatte ...

Berlin, 22. Mai 1821.

Ich finde, daß, wenn ich mich zu Ihrem Vorschlag verstände, ich selbst ein Merinoschaf sein müßte, würdig, unter Ihren Herden zu werden.

Sie sprechen mir von ›Sicherheit‹, aber Sie zeigen mir keine. Ich kenne keine andere Sicherheit, als gute Hypotheken, und hätten Sie die, so könnten Sie leicht Geld daraus erhalten und mich los werden. Daß Sie leben und daß Sie mich bezahlen, sind zwei ganz verschiedene Dinge, was hilft mir die Lebensversicherung? Ich werde Sie ja doch nicht totschlagen, um bezahlt zu werden. Und kann ich wissen, mit wievielen Sie vielleicht, wie Sie ja auch mit mir wollten, heimlich zu siebenzig Prozent, in einigen Jahren zahlbar, abgemacht haben? Mit Ihnen würde ich dann in Kollision geraten, und es stünde dann wieder schlimm. Daß Sie sowohl wie Herr Abegg wieder prosperieren mögen, ist mein aufrichtiger Wunsch, und es sollte mich von Herzen freuen, es zu vernehmen, nur darf Ihr Glück nicht auf den Trümmern des meinigen erbaut sein. Ihre Kinder werden mir hier noch in brillanten Equipagen vorbeifahren, während ich als alter abgenutzter Universitätslehrer aus der Straße keuche. Glück und Segen dazu, sobald Sie mir nichts schuldig sind. Aber meine Befriedigung ist das letzte Opfer, das Sie zu bringen haben, ehe Sie Ihr neues Wohlsein begründen. Dann mögen Ihnen Himmel und Erde günstig sein.

Ihre gütige Einladung, nach Uhlkau zu kommen, muß ich daher mit Dank ablehnen, solange Sie mein Schuldner sind, denn sonst würde ich, je besser der Empfang wäre, den Sie mir machen, desto mehr mir vorkommen wie der Kaufmann, der den Don Juan im letzten Akt besucht.

Also nun zum Resultat: von der Bezahlung des am siebenundzwanzigsten August fälligen Wechsels können weder Menschen noch Götter Sie retten: das steht unwiderruflich beschlossen.

Ew. Wohlgeborn ergebener Diener
Arthur Schopenhauer.

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