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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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[Vorwort]

Haben wir ihn nicht alle einmal geschrieben? Kennen wir nicht alle jenen seelischen Druck und jene Angst, mit der nach längeren Ferien der Heimkehrende auf den Berg angestauter Post sieht? Und mit Seheraugen erkennt er sofort das, was ihm die Heimkehr vergällt, was ihm die Erinnerung an die Tage goldener Freiheit verwischt und bewirkt, daß der der Familie Wiedergegebene kaum ein zerstreutes Wort hat für Weib und Kind, weil im Augenblick das alles samt dem gestern noch geschauten Paradies des Ferienlandes versunken ist im grauen Schlamm des Ärgers?

Was geschah hier?

Ein Handwerker schickt eine Rechnung, die man längst beglichen glaubte, eine Behörde schreibt in saloppem Ton und wollte, das Recht auf Ferien nicht anerkennend, schon vor vier Wochen ›binnen dreier Tage und bei Vermeidung von zehnprozentigem Steueraufschlag‹ ein Formular mit dreiundsiebzig Einzelfragen ausgefüllt haben ...

Ein Bürokollege hat unsere Abwesenheit zu einer Intrige benutzt, die sich nun zu furchtbarem Gewitter zusammenzieht, ein gegnerischer Anwalt hat, wie wir glauben, Schwarz in Weiß verkehrt, und verlangt nun, an die Erfüllung der eigenen Forderung selbst nicht glaubend, binnen kürzester Frist eine Zahlung, die in Deinen Augen für immer den Wohlstand Deines Hauses vernichten würde. Und Du, der Du gestern noch in Malcesine platte Kiesel über das Wasser tanzen ließest und am letzten Deiner Biwakfeuer am kobaltenen Himmel die großen Lampions von Bär und Orion und Schwan sich entzünden sahst: Du bist dem Alltag wiedergegeben und beginnst zu rasen in Deiner Empörung. Der grobe Brief ist fällig. –

Gewiß, es gibt Weise von einer beinahe schon unirdischen Lebenskunst, die lächelnd sich abkehren von dem papierenen Arger, es gibt andere, die schreiben die bekümmerte Seele mit einer groben Antwort sich frei, und lasten sie dann ein paar Tage gut ablagern und zerreißen sie und reagieren stoisch und somit überhaupt nicht.

Der durchschnittliche Zeitgenosse freilich, der Mann mit den Großstadtnerven und gar der professionelle Schreiber aus Literatur und Kontor: er setzt sich sofort an die Schreibmaschine, antwortet der zum Abendessen rufenden Gattin mit einem zerstreuten ›Sofort‹, rast mit einem schwer zu verantwortenden Papiermißbrauch vier Stunden lang über die Tasten, beginnt Bogen auf Bogen, um ihn nach vier Zeilen wieder zu zerreißen, vergiftet von Mal zu Mal immer sorgfältiger die allzu eleganten Perioden, kommt schließlich mit graubleichem Gesicht, wenn auch einstweilen erleichtert, eine Stunde nach Mitternacht zum längst verdorbenen Abendessen ...

Und entdeckt erst am nächsten Tage, wenn er sein Kunstwerk sich besieht, daß er konfuses und vor Wut gleichsam stotterndes und keineswegs wirksames Zeug niedergeschrieben hat – überspitzte und würdelose Ergüsse, die der Gegner mit Hohnlachen lesen würde. Hat er aber wirklich so unrecht getan, dieser übertemperamentvolle Briefschreiber, als er so rasch reagierte, während seine Koteletts kalt wurden und die Kinder wehmütig und enttäuscht auf das Öffnen der Reisekoffer mit dem ›Mitgebrachten‹ warteten?

Keineswegs – da es wohl am besten ist, daß jeder nach seiner Fasson fertig werde mit dem Arger, und da selbst der alternde Goethe, der angeblich doch Generalpächter aller abgeklärten Lebensweisheit war, irgendwo und irgendwann geäußert haben soll, daß ein Verhalten des Ärgers sinnlos sei und sogar das Leben verkürze. Balzac hat den groben Brief ›das Sicherheitsventil des berufsmäßigen Schreibers‹ genannt. Verstopfe es, und es platzt der Kessel, und in anderweitigen Katastrophen des Leibes und der Seele wird der Arger zu Tage schnauben. In Schlagberührung, Gallensteinkolik oder auch nur in der tagelangen Nörgelei an Wetter und Essen. An der Haartracht der Gattin und am Tapetenmuster, das dem verhalten Grollenden nun so vorkommt, als habe es ein berühmter Spezialist für Masern, Scharlach und andere bösartigen Hautkrankheiten entworfen.

Trösten wir uns immerhin: fast alle Großen der Weltgeschichte – Kaiser und Staatsmänner und Künstler – haben sich einmal Luft schaffen müssen auf diese Weise. Wohl haben die Empfänger solcher Schriftstücke sie aus erklärlichen Gründen nur in seltenen Fällen anderen gezeigt, wohl haben die Herausgeber von Briefsammlungen die groben meist unterschlagen, wohl wäre der Jahrhundertwende die etwaige Existenz grober Goethe-Briefe unvereinbar vorgekommen mit dem papierenen Olympierbild, neben dem damals ein anderes und menschlicheres kaum geduldet wurde.

Und doch haben sie fast alle einmal vom Leder gezogen und mit grober Haubitze geschossen, und freilich sind dann hier und da und oft aus sehr erlauchtem Munde Worte gefallen, die den Zartbesaiteten nachträglich vom Stuhl stürzen und ihm das Blut erstarren lassen. Wollen wir aber inmitten einer Weltenwende wirklich so mimosenhaft reagieren, und trübt es uns etwa Michelangelos Bild, weil auch er im Zorn jenes schlichte Wort gebrauchte, das Goethes zweites Drama so populär gemacht hat und inzwischen zum großen Kampfgeschrei der Deutschen geworden ist? Schrieb Beethoven eine weniger aristokratische Musik, weil er seinen Kopisten einen ›aufgeblasenen Esel‹ und den Mentor seines Neffen einen ›Pferdeerzieher‹ genannt hat, und sind Männer wie Luther und Friedrich Wilhelm von Preußen und Peter von Rußland überhaupt denkbar ohne diese Vulkanausbrüche?

Selten – und deswegen erschien diese Sammlung notwendig – liegt die Zeit und die Persönlichkeit des Verfassers so bloß, wie eben im groben Brief. In den schier unfaßlichen beiden Schreiben, die ein Unbekannter mit Luthers gefälschter Unterschrift ins Nissauer Kloster schickte, brüllt schon die Wut der bäuerlichen Massen von 1525 auf, und der nicht minder hanebüchene Brief, den am Neujahrsmorgen 1931 ein Rebell von damals einer weiblichen ›Prominenz‹ des Kurfürstendamms schickte, ist in seinem penetranten Zynismus immerhin beflügelt von dem Protest gegen eine unerträglich gewordene Welt, die jede Leidenschaft und jeden Instinkt auflöste in Intellekt und Snobismus.

So hat der grobe Brief freilich seine Geschichte, seine Hochperiode und seine Abwandelung ins Geistvoll-Bissige und schließlich seine Entartung ins Literatenhaft-Gehässige. Der gotische Mensch schleudert wohl grobe Brocken, und wenn um 1420 die alteingesessenen Wittelsbacher und die ›neulich erst emporgemachten Hohenzollern‹ sich gegenseitig Betrüger und Parvenüs nennen, so hat man deswegen doch nie den Eindruck peinlichen Gezeters, und man sieht tief hinein in eine Zeit ungebrochener Wappenfarben und ungebrochener Ehrbegriffe, und es ist eben ein homerischer Hader, der durch die menschenarmen und dämonenerfüllten Räume des mittelalterlichen Deutschlands schallt. So noch bei dem großen Peter, so bei Friedrich Wilhelm, so selbst noch bei Maria Theresia, wenn sie ihren Sohn zu fürstlicher Haltung mahnt und hinter den barocken Vorhängen doch immer noch die gotische Frau erscheint mit ihrer Welt von unverrückbaren Begriffen.

Bei ihrem großen Zeitgenossen Friedrich ist's, sowie erst der Nationalismus sein Werk getan hatte und Voltaires Saat allenthalben aufgegangen war, anders. Hier ist's kein homerisch Schelten mehr, hier blitzen die eleganten und vergifteten Klingen tödlicher und oft diabolischer Ironien. Der Zorn der Urriesen ist es nicht mehr, und was gar im XIX. Jahrhundert dem Erdensohn als Schutz gegen die mannigfache Kränkung seines Lebens verbleibt, das ist das siebenfache Erz der Satire, die er um sein Herz legt.

Ach und wie oft um ein an sich zartes, ein weiches und sehnsuchtsvolles Herz! Man lese Hans von Bülows Briefe: auf den ersten Blick berühren sie fast unsympathisch, diese Clownerien und Bocksprünge, und ratlos fragt man sich, ob dies wirklich der unvergeßliche Beethoven-Dirigent, der Kämpfer und Ritter ohne Furcht und Tadel war. Man schaue nur tiefer hinein: je angewiderter dieses in einem letzten Sinne edle Blut sich fühlte vom Geschäftsbetrieb des damaligen Konzertwesens, je mehr er litt unter der wachsenden Formlosigkeit der Zeit und je unerträglicher es ihm wurde, vor einem Parkett von Börsianern und Suppenwürfelhändlern Bachs heilige Paramente auszubreiten: desto lauter überschrie er seinen geheimen Schmerz. Unter der Gafferperspektive des Konzertsaales litt er so, daß er gewissermaßen Rad schlug, um ja nicht des alten einsamen Herzens Qual laut werden zu lassen. – Das ist der Fall Bülow, und er kann wohl auch für die brieflichen Abwehraktionen eines Liliencron und eines Menzel herangezogen werden. Je mehr das unselige Jahrhundert in Formlosigkeit und Entgeistigung versinkt, desto weiter entfernt auch der grobe Brief sich von der ursprünglichen Quelle des verletzten Ethos und wird entweder zur Trutzwaffe der einsamen Zarten, die sich in ihrer Einsamkeit nicht wollen stören lassen ...

Oder er versprüht und verknattert mangels eines überzeugenden Pathos in den sorgfältig vergifteten Briefen des professionellen Schreibers. In der verletzten Eitelkeit des abgewiesenen Dramatikers, der auch ein Kleist unterlag, in dialektischen Bosheiten, in verbitterter Zanksucht, im Protest der Bohême gegen den brüchig gewordenen Staat des XIX. Jahrhunderts.

Bis in dem schon erwähnten letzten dieser Briefe, der an der Schwelle des Schicksalsjahres 1931 geschrieben wurde, hinter einem beinahe schon militant gewordenen Zynismus etwas Neues zu hören ist: die helle Wut über das snobistische Berlin jener Jahre. Der Ekel vor jenem intellektualistischen Typ, den man damals mit Fug und Recht den ›Ulllsteindeutschen‹ genannt hat.

Mit der großen, schließlich ja doch den ganzen Planeten erfassenden Wende unserer Tage bricht mit Fug und Recht die Reihe ab. Inzwischen schüttelt die Welt Haarspalterei und Dialektik von sich und sehnt auch in ihrem letzten Winkel ›einen neuen und gewissen Geist‹ herbei, und Begriffsicherheit für Recht und Unrecht, Ehre und Unehre: jene klaren und unverrückbaren Formeln, aus denen einst das Pathos des ›klassischen‹ groben Briefes sich ergab. Mit Dialektik nämlich und mit Ironie den Gegner töten – das alles ist viel weniger schwer, als der Unkundige sichs denkt, und am Ende gehört, wie der alte weise Fontane feststellt, dazu nur ein wenig Respektlosigkeit und etwas Fingerfertigkeit auf der Klaviatur des Schreibwerkzeuges. Wer die schweren Brocken eines wirklichen Ingrimms schleudern will, muß beides haben: Glaube an sich selbst, Glaube an das fremde Recht und an die heilige Grenze zwischen beiden. Und nur der, der diese Grenze respektiert, wird im rechten Augenblick die rote Posaune eines eifernden Zornes blasen können.

Gut Poing im Chiemgau,
Frühling 1939.

Dr. Fritz Reck-Malleczewen.

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