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Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma

Fritz Reck-Mallaczewen: Der grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFritz Reck-Malleczewen
titleDer grobe Brief von Martin Luther bis Ludwig Thoma
publisherSchützen-Verlag
printrun6.-10. Tausend
year1940
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170306
projectidc74a7813
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Kaiserin Maria Theresia an ihren Sohn Erzherzog Ferdinand, Generalgouverneur von Mailand

Es ist nicht richtig, daß die Kaiserin, die letzte große Repräsentantin eines müde werdenden Geschlechtes, diesen Sohn nicht habe leiden können. Er, dem die meisten ihrer Briefe gewidmet sind, war ihr Sorgenkind, und immer sind ihre Schreiben voller Instruktionen und Ermahnungen, die seiner Nachlässigkeit, seiner Neigung zu Müßiggang und spätem Aufstehen, seiner Vorliebe für das Theater und seiner religiösen Indolenz gelten. ›An Deinem Hofe‹, schreibt sie besorgt, ›sehe ich nur Kniebeuger und Kreaturen‹, und es folgt, geboren aus dem Erfahrungsschatz einer resoluten großen Frau, eine wahre Kasuistik von Lebensregeln, Anweisungen für den täglichen Tag, für die Stunde des Aufstehens, für den Gang der Toilette, für die Mahlzeiten und die Arbeitsstunden.

Auf den ersten Blick mag die hier folgende Philippika gegen die Theaterpassionen des prinzlichen Sohnes den Menschen von heute fremd berühren. Man vergesse nicht, daß sie geschrieben wurde von einer Fürstin des Barocks, daß die damalige Stellung des Fürsten in der Tat die hier geforderte Reserve verlangte und daß wir mit diesem Briefe eine Zeitwende berühren, in der die strenge und fast noch mittelalterliche Darstellungswelt der Mutter zu der schon gelockerten des Sohnes den Weg nicht mehr fand. –

14. Mai 1779.

... Du berichtest mir von einer nächtlichen Exkursion, die Du unternommen hast, um ein neues Theater zu sehn und die Oper zu hören.

Was die letztere angeht, so willst Du als mein Gouverneur Dich offenbar dem italienischen Geschmack anpassen, und ich will, da davon nun einmal Dein ganzes Glück abzuhängen scheint, nichts dazu sagen.

Was ich aber ganz und garnicht wünsche, ist, daß Du so viel Aufhebens machst von Deinen Theaterbauten. Mit dem von Mailand verschwendest Du schon allzuviel Geld und Zeit und scheinst mir mehr Theaterdirektor als Gouverneur zu sein. Man sagt mir, daß Du Dich allzuoft in dem zu Deiner Bequemlichkeit neban errichteten Neubau aufhälst, man sieht Dich dort arbeiten und soupieren, und nicht selten selbst außerhalb der Theaterzeit. In Zukunft wirst Du es vermeiden, Dich dortselbst außerhalb der Theaterstunden aufzuhalten – es ist anstößig und schickt sich nicht. Wie Du sehr genau weißt, wünsche ich es überhaupt nicht, daß Du Dich außerhalb der Theatervorstellungen mit diesen Leuten und ihren mannigfachen Intriguen beschäftigst und gar ihren Proben beiwohnst! Wie man mir sagt, steckst Du in jede Kleinigkeit Deine Nase, was doch nur dann möglich ist, wenn man den Kopf mit diesen Dingen, die meist anstößig sind, voll hat. Dann freilich ist es unausbleiblich, daß man verludert und daß Deine Gleichgiltigkeit gegen jede Lektüre, daß Dein sinnloses Lotterleben und diese höchst freien und doppelsinnigen Unterhaltungen und die ewigen Skandalgeschichten des Theaters bei Deiner großen Neugier Dir den Geist verderben und das Herz lasterhaft machen. Man erzählt mir, daß Du mutterseelenallein zu Fuß durch die Stadt läufst und Dich allenfalls von einem jungen Kammerherrn begleiten läßt, da Diejenigen, die Dein Vertrauen verdienen würden, nicht mehr da sind. Ich bin darüber einigermaßen erstaunt! Derlei ist nicht gute Sitte in Italien, und allenfalls sind es Gassenbuben, die derlei tun.

Welch ein Benehmen für einen Gouverneur! Du wirst in Zukunft das unter allen Umständen bleiben lassen und Dich der Tatsache erinnern, daß Du mein Sohn und mein Statthalter bist. Ich kann Dir garnicht sagen, wie diese Streiche, diese Frivolitäten, diese rechte Unförm Die gesperrte Wendung ›rechte Unförm‹ in dieser Form deutsch inmitten des französischen Originales. mich verdrießen. Du solltest den Ton in Mailand angeben und benimmst Dich so! Beim Publikum, das uns stets nach unseren Taten mißt, gewinnst Du damit nichts, und ist erst die Achtung verloren, so ists bald auch um die Zuneigung geschehn und Du gehst traurigen Zeiten entgegen. Die Schmeichler bleiben nur solange sie ein Interesse verfolgen und die Vernünftigen, die Du vor den Kopf stößt, halten sich fern ...

Ich kenne mich gut aus auf der Welt, habe mich stets mit ehrbaren Leuten umgeben und auf diese Weise das Glück gehabt, Hilfe auch in den dunkelsten Stunden meines Lebens zu finden. Amüsiert habe ich mich auch gehörig und vielleicht sogar zu viel, immer aber in gehöriger Ordnung und Haltung. Nie habe ich mich in der Öffentlichkeit mit einem Kammerherrn gezeigt, der jünger war, als ich selbst, und niemals mit einem von jener Sorte, die zu allem Ja und Amen sagt. Du aber verstehst es vortrefflich, von Dir die anderen fern zu halten, die sich zu solchen Streichen nicht herleihen würden ohne zu erröten oder die selbst übers Gesicht die Schamröte zu jagen. Das aber sind die Dinge, die Dich beschäftigen und die Dir zu Ernsterem nicht Zeit lassen ... Ich hoffe, Du liest diesen Brief im Gedenken daran, daß Deine Mutter und Deine zärtlich Dich liebende Freundin ihn schreibt, die eben nur entsetzt ist über Deine Seitensprünge, Deine Nachlästigkeit und Deinen unordentlichen Wandel und Dir eine bittere Medizin reicht, um Deine üblen Gewohnheiten zu brechen und Dir herauszuhelfen.

Gott bitte ich um Erleuchtung für Dich und um die Erhörung meiner Gebete.

Leb wohl.

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