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Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 9
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
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Schnee

»Mein lieber und verehrter Meister Pernath!

Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, – oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. – Ich hätte keine Ruhe sonst.

Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen geschrieben habe. Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden!

Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir – »neulich« – (Sie werden durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen Namen darunter zu setzen) – so viel Vertrauen eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, – alles das gibt mir den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann, zu wenden.

Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche auf dem Hradschin.«

Eine Ihnen bekannte Dame.

Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt den Brief in der Hand. Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, – weggeweht von dem frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam lächelnd und verheißungsvoll – ein Frühlingskind – auf mich zu. Ein Menschenherz suchte Hilfe bei mir. – Bei mir! Wie sah meine Stube plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute, die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarock spielen.

Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum und Glanz.

So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?

Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher schlafen gelegen in mir – verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.

Und ich wußte so gewiß, wie ich den Brief in der Hand hielt, daß ich würde helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab mir die Sicherheit.

Wieder und wieder las ich die Stelle: »und weiter, daß Ihr lieber seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat – – –«; – mir stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheißung: »Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein?« Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: die Rückerinnerung, nach der ich dürstete, – würde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!

»Ihr lieber seliger Vater« – –, wie fremdartig die Worte klangen, als ich sie mir vorsagte! – Vater! – Einen Augenblick sah ich das müde Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner Truhe auftauchen – fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt; – – dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.

Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf.

Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunklen Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer von ihnen aufstiegen: »Wir lassen dich nicht, – du bist unser, – wir wollen nicht, daß du dich freust – das wäre noch schöner, Freude hier im Haus!«

Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an Hillels Tür.

Sollte ich eintreten?

Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders heute, – so, als dürfe ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb mich die Hand des Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. – –

Die Gasse lag weiß im Schnee.

Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich erinnere mich nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob ich den Brief auch bei mir trüge:

Es ging eine Wärme von der Stelle aus. – –

Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf dem Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter voll Eiszapfen hing, hinüber über die steinerne Brücke mit ihren Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.

Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente.

Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten Sandstein der heiligen Luitgard mit »den Qualen der Verdammten« darin: dicht lag der Schnee auf den Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend erhobenen Händen.

Torbogen nahmen mich auf und entließen mich, Paläste zogen langsam an mir vorüber, mit geschnitzten, hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe in bronzene Ringe bissen.

Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie das Fell eines riesigen Eisbären.

Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten teilnahmslos zu den Wolken empor.

Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war.

Als ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um Schritt die Stadt mit ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn. – – –

Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, da trat ich auf den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der Engel.

Fußstapfen – die Ränder mit Krusten aus Eis – führten hin zum Nebentor.

Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der Schwermut fielen sie in die Verlassenheit.

Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle niedersank. Funken sprühten aus roten, gläsernen Ampeln.

Welker Duft von Wachs und Weihrauch.

Ich lehnte mich in eine Bank. Mein Blut ward seltsam still in diesem Reich der Regungslosigkeit.

Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum – ein heimliches, geduldiges Warten.

Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.

Da! – Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen gedämpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte näher kommen und verstummte.

Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt. – – –

Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine zarte, schmale Damenhand hatte leicht meinen Arm berührt.

»Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt mir, hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen sagen muß.«

Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag hatte mich plötzlich angefaßt.

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, daß Sie mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht haben.«

Ich stotterte ein paar banale Worte.

»– – Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich sicherer vor Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns gewiß niemand nachgegangen.«

Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.

Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete. Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anderen erwartet.

Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt hatte.

»Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, – wenigstens solange wir hier sind – die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben«, sprach sie gepreßt weiter, »ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche Dinge denken – –«

»Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben war ich so vermessen, daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen«, war das einzige, was ich hervorbrachte.

»Ich danke Ihnen, Meister Pernath«, sagte sie warm und schlicht. »Und jetzt hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können.« – Ich fühlte, wie eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme zittern. – »Damals – – im Atelier – – – damals brach die schreckliche Gewißheit über mich herein, daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt hat. – Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, wohin ich auch immer ging, – ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit – – – mit – mit Dr. Savioli, – stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals!

Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte – schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen weiß, wenn der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hält mir etwas geheim, um mich zu beruhigen, – irgend etwas Furchtbares, was ihn oder mich das Leben kosten kann.

Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: daß ihn der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat! – Ich weiß es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange. – Was hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht länger mit an; ich muß etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.«

Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich nicht zu Ende sprechen.

»Und in den letzten Tagen nahm der Alp, der mich zu erwürgen droht, immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, – ich kann mich nicht mehr mit ihm verständigen – darf ihn nicht besuchen, wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe zu ihm entdeckt wird –; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich erkunden konnte, ist, daß er sich im Fieber von einem Scheusal verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: – Aaron Wassertrum!

Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher – können Sie sich das vorstellen? – wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.

Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu Dr. Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe –: alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber –« sie schrie es förmlich heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, – »ich kann nicht! – Ich hab' doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mädel! Ich kann doch mein Kind nicht hergeben! – Glauben Sie denn, mein Mann ließe es mir?! Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath« – sie riß im Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und Edelsteinen – »und bringen Sie es dem Verbrecher; – ich weiß, er ist habsüchtig – er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind soll er mir lassen. – Nicht wahr, er wird schweigen? – So reden Sie doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen wollen!«

Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie sich auf eine Bank niederließ.

Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre, zusammenhanglose Sätze.

Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich selbst kaum verstand, was mein Mund redete, – Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum daß sie geboren waren.

Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in der Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die Züge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor.

Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine Pulse schlugen zu laut.

Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte still.

Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.

»Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe, Meister Pernath«, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. »Es waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben – und die ich nie vergessen konnte die vielen Jahre hindurch – –«

Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.

»– – Sie nahmen Abschied von mir – ich weiß nicht mehr, weshalb und wieso, ich war ja noch ein Kind, – und Sie sagten so freundlich und doch so traurig:

›Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, daß ich es dann sein darf, der Ihnen hilft.‹ – Ich habe mich damals abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen, damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals trug, aber ich schämte mich, weil das gar so lächerlich gewesen wäre.« – – –

Erinnerung!

– Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich – unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von alten Ulmen umsäumt. Deutlich sah ich es wieder vor mir. – –

Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie fortfuhr: »Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und – und ich danke Ihnen dafür.«

Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück.

Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der Balsam für meinen wunden Geist geworden.

Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte die Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.

Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der Hufe. – – –

Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.

Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus geschichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest.

Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die alten Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren Rosenkranz.

Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines Marionettentheaters.

Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und daran an der Schnur einen Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem Schimmel über die Bretter.

In Reihen fest aneinander gedrängt starrten die Kleinen – die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen – mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund Zwakh da drinnen im Kasten sprach:

»Ganz vorne schritt ein Hampelmann,

Der Kerl war mager wie ein Dichter

Und hatte bunte Lappen an

Und torkelte und schnitt Gesichter.« – – –

Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete. Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem Anschlagzettel.

Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich konnte einige Zeilen bruchstückweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar Worte auf:

Vermißt!

1000 fl Belohnung

Älterer Herr... schwarz gekleidet...

......... Signalement:

... fleischiges, glattrasiertes Gesicht......

...... Haarfarbe: weiß.........

.. Polizeidirektion... Zimmer Nr....

Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein in die lichtlosen Häuserreihen.

Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen Himmelsweg über den Giebeln.

Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den Dom, und die Ruhe meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz herüber, schneidend klar – als stünde sie dicht an meinem Ohr – die Stimme des Marionettenspielers durch die Winterluft:

»Wo ist das Herz aus rotem Stein?

Es hing an einem Seidenbande

Und funkelte im Frührotschein.« – – –

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