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Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 20
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
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Frei

Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.

»Hahnpaßgassä, gnä' Herr?«

»Ja, ja, nur rasch.«

Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter. Wieder blieb er stehen.

»Um Himmels willen, was gibt's denn?«

»Hahnpaßgassäü, gnä' Herr?«

»Ja, ja. Ja doch.«

»In die Hahnpaßgassä kann me doch nicht fahrrähn!«

»Warum denn nicht?«

»Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch assaniert.«

»Also fahren Sie eben, soweit Sie können, aber jetzt rasch gefälligst.«

Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann gemächlich weiter.

Ich ließ die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die Nachtluft ein.

Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Häuser, die Straßen, die geschlossenen Läden. Ein weißer Hund trabte einsam und mißgelaunt auf dem nassen Trottoir vorüber. Ich sah ihm nach. – Wie sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz vergessen, daß es solche Tiere gab. – Vor Freude kindisch rief ich ihm nach: »Aber, aber! Wie kann man nur so verdrossen sein.« – – –

Was Hillel wohl sagen würde!? – Und Mirjam?

Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich aufhören, an ihre Tür zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben.

Jetzt war ja alles gut – all der Jammer dieses Jahres vorüber! –

Würde das ein Weihnachten werden!

Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.

Einen Augenblick lahmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des Sträflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte Gesicht – der Lustmord – aber nein, nein! – Ich schüttelte es gewaltsam ab: nein, nein, es konnte, es konnte nicht sein. – Mirjam lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders Mund gehört.

Nur noch eine Minute – eine halbe – – und dann –

Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden aus Pflastersteinen überall!

Rote Laternen brannten darauf.

Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.

Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte umher, versank bis ans Knie.

Das hier, das mußte doch die Hahnpaßgasse sein?!

Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.

Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?

Die Vorderseite war eingerissen.

Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief ein schwarzer, gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie riesige Bienenzellen hingen die bloßgelegten Wohnräume nebeneinander in der Luft, halb vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen.

Das dort oben, das mußte mein Zimmer sein – ich erkannte es an der Bemalung der Wände.

Nur noch ein Streifen davon war übrig.

Und daranstoßend das Atelier – Saviolis. Mir wurde plötzlich ganz leer im Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! – Angelina! – – So weit, so unabsehbar fern lag das alles hinter mir!

Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen, die Kellerwohnung Charouseks – – – alles, alles.

»Der Mensch geht dahin wie ein Schatten« – fiel mir ein Satz ein, den ich einmal irgendwo gelesen.

Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar Schemajah Hillel kenne.

»Nix daitsch«, war die Antwort.

Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch, konnte mir aber keine Auskunft geben.

Auch von seinen Kameraden niemand.

Vielleicht, daß beim »Loisitschek« etwas zu erfahren wäre?

Der »Loisitschek« sei gesperrt, hieß es, das Haus würde renoviert.

Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! – Ging das nicht?

»Weit a breit wohnt sich keine Katz,« sagte der Arbeiter; »weil ise behärdlich verbotten. Von wägen Typhus.«

»Der ›Ungelt‹? Der wird doch offen haben?«

»Ungelt ise sich geschlossen.«

»Bestimmt?«

»Bestimmt!«

Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Höcklern und Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt hatten; dann die Namen Zwakh, Vrieslander, Prokop – –

Bei allen schüttelte der Mann den Kopf.

»Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwáßnitschka?«

Der Arbeiter horchte auf.

»Jaromir? Ise sich taubstumm?«

Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.

»Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?«

»Schneid 'e sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?«

»Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?«

So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcaféhaus in der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.

Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte über schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Straßen versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört.

Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus.

Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.

»Cafe Chaos« stand darüber geschrieben.

Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend Platz ließ für die paar Tische, die an die Wände gerückt waren.

In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und schnarchte.

Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, saß in der Ecke und nickte über einem Glase Caj.

Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich wünschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich vom Kopf bis zu Fuß musterte, kam mir erst zum Bewußtsem, wie abgerissen ich aussehen mußte.

Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes, blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und wirrem, langem Haar starrte mir entgegen.

Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und bestellte schwarzen Kaffee.

»Woaß net, wo er so lang bleibt«, war die gegähnte Antwort.

Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.

Ich nahm das »Prager Tagblatt« von der Wand und – wartete.

Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten, und ich begriff nicht ein einziges Wort von dem, was ich las.

Die Stunden vergingen, und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das verdächtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendämmerung für ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt.

Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden Federbüschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder weiter.

Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein.

Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps.

Endlich, endlich: Jaromir.

Er hatte sich so verändert, daß ich ihn anfangs gar nicht wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzähne ausgefallen, das Haar schütter und tiefe Höhlen hinter den Ohren.

Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen, daß ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand faßte.

Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte immerwährend nach der Türe. Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen, daß ich mich freute, ihn getroffen zu haben. – Er schien es mir lange nicht zu glauben.

Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.

Wie konnte ich mich nur verständlich machen?!

Halt! Eine Idee!

Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.

»Was? Alle nicht mehr in Prag?«

Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebärde des Geldzählens, marschierte mit den Fingern über den Tisch, schlug sich auf den Handrücken. Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie mit dem vergrößerten Marionettentheater durch die Welt.

»Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?« – Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus dazu und ein Fragezeichen.

Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; – er konnte nicht lesen, aber er begriff, was ich wollte, – nahm ein Streichholz, warf es scheinbar in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.

Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?

Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf.

Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf.

»Hillel ist also nicht mehr dort?«

»Nein!« (Kopfschütteln.)

»Wo ist er denn?«

Wieder das Spiel mit dem Streichholz.

»Er meint halt, daß der Herr weg ist, und niem'd weiß nicht, wohin«, mischte sich der Straßenkehrer, der uns die ganze Zeit über interessiert zugesehen hatte, belehrend ein.

Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! – Jetzt war ich ganz allein auf der Welt. – – Die Gegenstände im Zimmer fingen vor meinen Augen an zu flimmern.

»Und Mirjam?«

Meine Hand zitterte so stark, daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich zeichnen konnte.

»Ist Mirjam auch verschwunden?«

»Ja. Auch verschwunden. Spurlos.«

Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, daß die drei Soldaten einander fragend anblickten.

Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich, mir noch etwas anderes mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf auf den Arm, wie jemand, der schläft.

Ich hielt mich an der Tischplatte: »Um Gottes Christi willen, Mirjam ist gestorben?«

Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens.

»War Mirjam krank gewesen?« Ich zeichnete eine Medizinflasche.

Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. – – –

Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.

Ich gab es auf. Dachte nach.

Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe auf das jüdische Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit Mirjam gereist sein könne.

Ich mußte ihm nach. – – –

Wortlos saß ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.

Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, daß er mit einer Schere an einer Silhouette herumschnitt.

Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt über den Tisch herüber, legte die Hand auf die Augen und – weinte still vor sich hin. – –

Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus.

Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen, denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener Zeit, hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt. Das war alles, was ich erfahren konnte.

Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.

Auf der Bank hieß es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag belegt, man erwarte aber täglich den Bescheid, es mir auszahlen zu dürfen.

Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den Amtsweg gehen, und ich wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles aufzubieten, Hillels und Mirjams Spur zu suchen.

Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt, und mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstoßende Dachkammern in der Altschulgasse – die einzige Gasse, die von der Assanierung der Judenstadt verschont geblieben, – gemietet.

Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage ging, der Golem sei einst darin verschwunden.

Ich hatte mich bei den Bewohnern – zumeist kleine Kaufleute oder Handwerker – erkundigt, was denn Wahres an dem Gerücht von dem »Zimmer ohne Zugang« sei, und war ausgelacht worden. – Wie man einen derartigen Unsinn denn glauben könne!

Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefängnis die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, – strich sie aus dem Buch meiner Erinnerungen.

Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hörte, als säße er mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir, bestärkten mich darin, daß ich rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem greifbare Wirklichkeit geschienen.

War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarockspiel, Angelina und sogar meine alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop! – – –

Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem Wachs.

Ehe das Jahr noch zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und suchte in Städten und Dörfern, oder wohin es mich innerlich ziehen würde, nach Hillel und Mirjam.

Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle Furcht, Mirjam könne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wußte ich, ich würde sie beide finden.

Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir, und wenn ich meine Hand auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus. Die Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfüllte mich auf ganz sonderbare Weise.

Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum Weihnachtsabend zu mir zu holen. – Er habe sich nie mehr blicken lassen, erfuhr ich, und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam ein alter Tabulettkrämer herein und bot kleine, wertlose Antiquitäten zum Kauf an.

Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, kleinen Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand, und ich erkannte es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem Schloß geschenkt hatte.

Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als sähe ich in einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. –

Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine, rote Herz in meiner Hand. – – –

Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln, wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen begann.

»Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo in der Welt seinen ›Marionettenweihnachtsabend‹«, malte ich mir aus, – »und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines Lieblingsdichters Oskar Wiener«:

Wo ist das Herz aus rotem Stein?

Es hängt an einem Seidenbande.

O du, o gib das Herz nicht her;

Ich war ihm treu und hatt' es lieb,

Und diente sieben Jahre schwer

Um dieses Herz, und hatt' es lieb!«

Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute.

Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch. Rauch ballte sich im Zimmer.

Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich um und:

Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgänger. In einem weißen Mantel. Eine Krone auf dem Kopf.

Nur einen Augenblick.

Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür, und eine Wolke erstickenden heißen Qualms schlug herein:

Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!

Ich reiße das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.

Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.

Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.

Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie die Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das Feuer.

Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern.

Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Straße liegt voll davon, Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.

In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich weiß nicht warum. Das Haar sträubt sich mir.

Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die Flammen greifen nach mir.

Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt.

Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des Hauses hinab. –

Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:

Drin ist alles blendend erleuchtet.

Und da sehe ich – – – da sehe ich – – – mein ganzer Körper wird ein einziger hallender Freudenschrei:

»Hillel! Mirjam! Hillel!«

Ich will auf die Gitterstäbe losspringen.

Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.

Einen Augenblick hänge ich, Kopf abwärts, die Beine gekreuzt, zwischen Himmel und Erde.

Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.

Ich falle.

Mein Bewußtsein erlischt.

Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein Halt:

der Stein ist glatt.

Glatt wie ein Stück Fett.

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