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Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 17
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
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Qual

Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett, mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen.

Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber rissen die Fenster auf, drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften hinter mir drein.

Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen:

»Die strafende Gerechtigkeit ist die Beschirmung aller Braven.«

Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach Küche stank.

Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und -mütze, barfuß und die Beine in langen, um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen, stand auf, stellte die Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und befahl mir, mich auszuziehen.

Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand, und fragte mich, ob ich – Wanzen hätte.

Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es sei gut, ich könnte mich wieder ankleiden.

Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen vereinzelt große, graue, verschließbare Kisten in den Fensternischen standen.

Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten, über jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang.

Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter – das erste ehrliche Gesicht seit Stunden – sperrte eine der Türen auf, schob mich in eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung und schloß hinter mir ab.

Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.

Mein Knie stieß an einen Blechkübel.

Endlich erwischte ich – der Raum war so eng, daß ich mich kaum umdrehen konnte – eine Klinke, und stand in – einer Zelle.

Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern.

Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.

Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand ließ den matten Schein des Nachthimmels herein.

Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte den Raum.

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß auf drei der Pritschen – die vierte war leer – Menschen in grauen Sträflingskleidern saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die Gesichter in den Händen vergraben.

Keiner sprach ein Wort.

Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.

Eine Stunde.

Zwei – drei Stunden!

Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte, fuhr ich auf:

Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter vorzuführen.

Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die Schritte auf dem Gang.

Ich riß mir den Kragen auf – glaubte, ersticken zu müssen.

Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte.

»Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?«, fragte ich voll Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner eigenen Stimme.

»Es geht net«, antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber.

Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett in Brusthöhe lief quer hin – – – zwei Wasserkrüge – – – Stücke von Brotrinden.

Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und preßte das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu atmen.

So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, schwarzgrauer Nachtnebel vor meinen Augen.

Die kalten Eisenstäbe schwitzten.

Es mußte bald Mitternacht sein.

Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu können: er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal halblaut auf.

Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.

Ich zählte mit bebenden Lippen:

Eins, zwei, drei! – Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mußte die Dämmerung kommen. Es schlug weiter:

Vier? fünf? – Der Schweiß trat mir auf die Stirn. – Sechs!! – Sieben – – – es war elf Uhr.

Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen hören.

Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht:

Wassertrum hat mir die Uhr des vermißten Zottmann zugespielt, um mich in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. – Er mußte also selbst der Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt haben, hätte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die für die Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren. – Das konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch immer an den Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis gesehen hatte. – – –

Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war klar.

Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhör wegen Savioli?

Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum Angelinas Briefe noch nicht in Händen hatte.

Ich grübelte nach – – –

Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte, – konnte sie nicht sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug, und war – – – vielleicht gerade jetzt daran, sie in seiner Höhle aufzubrechen.

In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte –

Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß er Savioli wenigstens rechtzeitig warnen ging!

Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung müsse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein, und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen seine infernalische Schlauheit kam der Trödler nicht auf; »Ich werde ihn genau in der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will«, hatte Charousek schon einmal gesagt.

In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles, und eine wilde Angst packte mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam?

Dann war Angelina verloren. – – –

Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; – – – ich schwor es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.

Ob ich von eigener Hand starb oder am Galgen – was lag mir daran!

Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzählte, – keinen Augenblick zweifelte ich daran.

Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest würde das Gericht auch Wassertrum wegen Mordverdachts verhaften lassen.

Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten; starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst.

Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch die Zeiger fehlten; – neuerliche Qual.

Dann schlug es fünf.

Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in böhmischer Sprache führten.

Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett herunter und – sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche, gegenüber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.

Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und musterten mich geringschätzig.

»Defraudant? Was?«, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

Der Gefragte brummte irgend etwas verächtlich, kramte in seinem Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.

Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder, bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die Stirn.

Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und versteckte es wieder unter der Pritsche.

»Pan Pernath, Pan Pernath«, murmelte Loisa dabei beständig mit aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.

»Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö«, sagte der Ungekämmte, dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung: »Erlaubens mich vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze Vóssatka. – Brandstiftung«, setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.

Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:

»Einbruch.«

Ich schwieg.

»No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier, Herr Graf?« fragte der Wiener nach einer Pause.

Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«.

Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie riefen fast wie aus einem Munde:

»Räschpäkt, Räschpäkt.«

Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander.

Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund zurück.

»Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu haben?« fragte ich Loisa unauffällig.

Er nickte. »Ja, schon lang.«

Wieder vergingen einige Stunden.

Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend.

»Herr Pernath. Herr Pernath!« hörte ich plötzlich ganz leise Loisas Stimme.

»Ja?« – – – Ich tat, als erwachte ich.

»Herr Pernath?, bitte entschuldigen Sie, – bitte – bitte, wissen Sie nicht, was die Rosina macht? – Ist sie zu Hause?«, stotterte der arme Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte.

»Es geht ihr gut. Sie – sie ist jetzt Kellnerin beim – – alten Ungelt«, log ich.

Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.

Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heißem Wurstabsud stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich zum Untersuchungsrichter.

Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab schritten.

»Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen werde?«, fragte ich den Aufseher beklommen.

Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. »Hm. Heute noch? Hm – – Gott, – möglich ist ja alles.« –

Mir wurde eiskalt.

Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen:

KARL FREIHERR VON LEISETRETER

Untersuchungsrichter

Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen Aufsätzen.

Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, schwarzem Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.

»Sie sind Herr Pernath?«

»Jawohl.«

»Gemmenschneider?«

»Jawohl.«

»Zelle Nr. 70?«

»Jawohl.«

»Des Mordes an Zottmann verdächtig?«

»Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter – –«

»Des Mordes an Zottmann verdächtig?«

»Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber – –«

»Geständig?«

»Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch unschuldig!«

»Geständig?«

»Nein.«

»Dann verhänge ich Untersuchungshaft über Sie. – Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«

»Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, – ich muß unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen – –«

Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.

Der Herr Baron schmunzelte. –

»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«

Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch saß ich in der Zelle.

Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis herumgehen auf der nassen Erde.

Miteinander zu reden, war verboten.

In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.

An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß.

Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute.

Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und Wurstabsud und sonntags zu faulenden Linsen.

Erst einmal war ich wieder vernommen worden:

Ob ich Zeugen hätte, daß mir »Herr« Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt habe?

»Ja: Herrn Schemajah Hillel – – das heißt – nein« (ich erinnerte mich, er war nicht dabei gewesen) – – »aber Herr Charousek« – (nein, auch er war ja nicht dabei).

»Kurz: also niemand war dabei?«

»Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.«

Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:

»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!« – – –

Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich mir.

Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.

Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich das Wunder erneuere, – wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, – wie sie vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.

Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein Wunder.

Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir die Brust fast zersprang, – um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.

Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben: Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu erscheinen. – – –

Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!

Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine Zellengenossen.

Sie wußten es nicht.

Sie hätten noch nie welche bekommen – allerdings wäre auch niemand da, der ihnen schreiben könnte, sagten sie.

Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen.

Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert, denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.

Auch kein Wasser zum Waschen.

Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz. – – Eine Gefängnisvorschrift, um dem »Überhandnehmen des Geschlechtstriebs vorzubeugen.«

Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.

Drehte sich wie im Kreis wie ein Rad der Qual.

Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und nieder lief wie ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten – zu warten – zu warten.

Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein Ungeziefer hätte.

Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung fremder Insektenrassen entstehen?

Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.

Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er – Zinksalbe zum Einreiben der Brust.

Einmal kam auch der Landgerichtspräsident mit – ein hochgewachsener, parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob – alles in Ordnung sei: »ob sich noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte ausdrückte.

Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. – »Was ich denn wolle«, schrie er mich an.

Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch den Türausschnitt: – ich solle lieber den Mord gestehen. Eher bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.

Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.

Zwei der Gefangenen hatten schon einige Male gewechselt, aber ich achtete nicht darauf. Diese Woche waren es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt wurden.

Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.

Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußeren Begebenheiten.

Nur ein Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt – es verfolgte mich zuweilen als Zerrbild bis in den Traum:

Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.

Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.

Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte.

Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock tiefer unterzubringen.

Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt.

Aus ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen, sich mit Hilfe der Feile zu befreien.

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