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Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 16
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
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Ein grauer, blinder Tag.

Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewußtlos, wie ein Scheintoter.

Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.

Kalte Asche lag im Ofen.

Staub auf den Möbeln.

Der Fußboden nicht gekehrt.

Fröstelnd ging ich auf und ab.

Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel, meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.

Ich riß das Fenster auf, schloß es wieder: – der kalte, schmutzige Hauch von der Straße war unerträglich.

Spatzen mit durchnäßtem Gefieder hockten regungslos draußen auf den Dachrinnen.

Wohin ich blickte, mißfarbene Verdrossenheit. Alles in mir war zerrissen, zerfetzt.

Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl – wie fadenscheinig es war! Die Roßhaare quollen hervor aus den Rändern.

Man mußte es zum Tapezierer schicken – – ach was, sollte es so bleiben – noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerumpel zerfiel!

Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen an den Fenstern!

Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!

Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber – ein für allemal.

Ja! Das war das gescheiteste! Ein Ende machen.

Heute noch.

Jetzt noch – vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. – Ein ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In der nassen Erde liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu haben.

Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen wollte und ihre freche Lüge von der Freude des Daseins einem ins Herz funkeln.

Nein! ich ließ mich nicht mehr narren, wollte nicht länger der Spielball sein eines täppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann wieder in Pfützen stieß, bloß damit ich die Vergänglichkeit alles Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich längst wußte, was jedes Kind weiß, jeder Hund auf der Straße weiß.

Arme, arme Mirjam! Wenn ich ihr wenigstens helfen könnte.

Es hieß, einen Entschluß fassen, einen ernsten, unabänderlichen Beschluß, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln.

Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich des Unverweslichen?

Zu nichts, zu gar, gar nichts.

Nur dazu vielleicht, daß ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die Erde als unmögliche Qual empfand.

Da gab es nur noch eins.

Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen hatte.

Ja, nur so ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!

Alles, was ich besaß – die paar Edelsteine in der Schublade dazu, – zusammenschnüren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre wenigstens würde es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie stand mit dem »Wunder«.

Er allein konnte ihr helfen.

Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.

Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn ich jetzt auf die Bank ging – in einer Stunde konnte alles in Ordnung gebracht sein.

Und dann noch einen Strauß roter Rosen kaufen für Angelina! – – – – es schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. – Nur noch einen Tag, einen einzigen Tag möchte ich leben!

Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung mitmachen zu müssen?

Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie Befriedigung über mich, daß ich mir nicht nachgegeben hatte.

Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?

Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, – wollte sie fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon vorgenommen.

Ich haßte die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder geworden durch sie.

Wer kam mich denn da wieder stören?

Es war der Trödler.

»Nur en Augenblick, Herr von Pernath«, bat er fassungslos, als ich ihm bedeutete, daß ich keine Zeit hätte. »Nur en ganz en kurzen Augenblick. Nur ä paar Worte.«

Der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.

»Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich möcht' nicht, daß der – der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch lieber die Tür ab, oder geh'mer besser ins Nebenzimmer«, – er zog mich in seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.

Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser:

»Ich hab mir's überlegt, wissen Sie, – das von neilich. Es is besser so. Es kommt nix hereaus dabei. Gut. Vorüber is vorüber.«

Ich suchte in seinen Augen zu lesen.

Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne, solche Anstrengung kostete es ihn.

»Das freut mich, Herr Wassertrum,« sagte ich, so freundlich ich konnte, »das Leben ist zu trüb, als daß man es sich gegenseitig noch mit Haß verbittern sollte.«

»Rein, als ob man ein gedrücktes Buch reden hört,« grunzte er erleichtert, wühlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den verbogenen Sprungdeckeln hervor, »und damit Sie sehen, ich mein's ehrlich, müssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.«

»Was fällt Ihnen denn ein,« wehrte ich ab, »Sie werden doch wohl nicht glauben –«, da fiel mir ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und ich streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken.

Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiß wie die Wand, lauschte und röchelte:

»Da! Da! Hab' ich's doch gewußt. Schon wieder der Hillel! Er klopft.«

Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung die Verbindungstür hinter mir halb zu.

Es war diesmal nicht Hillel. Charousek trat ein, legte, wie zum Zeichen, daß er wisse, wer nebenan sei, den Finger an die Lippen und überschüttete mich in der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich sagen würde, mit einem Schwall von Worten:

»Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrücken, daß ich Sie allein und wohlauf zu Hause antreffe.« – – – Er sprach wie ein Schauspieler, und seine schwülstige, unnatürliche Redeweise stand in so krassem Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, daß ich ein tiefes Grauen vor ihm empfand.

»Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewiß schon des öfteren auf der Straße erblickt haben, – doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft huldreich die Hand gereicht.

Daß ich heute vor Sie hintreten kann mit weißem Kragen und in sauberem Anzug, – wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider – ach – meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt mich, wenn ich seiner gedenke.

Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch eine offene Hand für Arme und Bedürftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem Laden stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu treten und ihm stumm die Hand zu drücken.

Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen Anzug kaufen zu können.

Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltäter war? –

Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlägt: Es war – Herr Aaron Wassertrum!« – –

– – Ich verstand natürlich, daß Charousek seine Komödie auf den Trödler, der nebenan lauschte, gemünzt hatte, wenn mir auch unklar blieb, was er damit bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe Schmeichelei geeignet, den mißtrauischen Wassertrum hinters Licht zu führen. Charousek erriet offenbar aus meiner bedenklichen Miene, was ich dachte, schüttelte grinsend den Kopf, und auch seine nächsten Worte sollten mir wahrscheinlich sagen, daß er seinen Mann genau kenne und wisse, wie dick er auftragen dürfe.

»Jawohl! Herr – Aaron – Wassertrum! Es drückt mir fast das Herz ab, daß ich ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin, und beschwöre Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, daß ich hier war und Ihnen alles erzählt habe. – Ich weiß, die Selbstsucht der Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares – ach, leider nur zu gerechtfertigtes Mißtrauen in seine Brust gepflanzt.

Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, es ist am besten: Herr Wassertrum erfährt nie – auch aus meinem Munde nicht – wie hoch ich von ihm denke. – Es hieße das: Zweifel in sein unglückliches Herz säen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich für undankbar halten.

Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglücklicher und weiß von Kindesbeinen an, was es heißt, einsam und verlassen in der Welt zu stehen! Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein Mütterlein habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie muß frühzeitig gestorben sein –« Charouseks Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich, – »und war, wie ich bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen können, wie unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum gehört.

Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter – ich trage das Blatt beständig auf der Brust – und darin steht, daß sie meinen Vater, obschon er häßlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.

Dennoch scheint sie es nie gesagt zu haben. – Vielleicht aus ähnlichen Gründen, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen könnte – und wenn mir das Herz darüber bräche – was ich für ihn an Dankbarkeit fühle.

Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur erraten kann, denn die Sätze sind fast unleserlich vor Tränenspuren: mein Vater – sein Andenken möge vergehen im Himmel und auf Erden! – muß scheußlich an meiner Mutter gehandelt haben.«

– Charousek fiel plötzlich auf die Knie, daß der Boden dröhnte, und schrie in so markerschütternden Tönen, daß ich nicht wußte, spielte er noch immer Komödie oder war er wahnsinnig geworden:

»Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier auf meinen Knien liege ich vor Dir: verflucht, verflucht, verflucht sei mein Vater in alle Ewigkeit!«

Er biß das letzte Wort förmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang mit aufgerissenen Augen.

Dann feixte er wie der Satan. Auch mir schien es, als hätte Wassertrum nebenan leise gestöhnt.

»Verzeihen Sie, Meister,« fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft erstickter Stimme fort, »verzeihen Sie, daß es mich übermannt hat, aber es ist mein Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen, daß mein Vater, wer immer er auch sein möge, dereinst das gräßlichste Ende nehme, das sich ausdenken läßt.«

Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach mich rasch:

»Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen vorzutragen habe:

Herr Wassertrum besaß einen Schützling, den er über die Maßen ins Herz geschlossen hatte, – es dürfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heißt sogar, es sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn sonst hätte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hieß er: Wassory, Dr. Theodor Wassory.

Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe. Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hätte mich ein unmittelbares Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.«

Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit kaum weitersprechen.

»Ach, daß dieser Edeling von der Erde gehen mußte! – Ach! Ach!

Was auch der Grund gewesen sein mag, – ich habe ihn nie erfahren, – er hat sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe gerufen wurden – – ach, ach, zu spät – zu spät – zu spät! Und als ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit Küssen bedeckte, da – warum soll ich es nicht eingestehen, Meister Pernath? – es war ja doch kein Diebstahl – da nahm ich eine Rose von der Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen an, mit dessen Inhalt der Unglückliche seinem blühenden Leben ein schnelles Ende bereitet hatte.«

Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:

»Beides lege ich hier auf Ihren Tisch, die verdorrte Rose und die Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen Freund.

Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod herbeiwünschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir einen seligen Trost, zu wissen: ich brauchte nur die Flüssigkeit auf ein Tuch zu gießen und einzuatmen und schwebte schmerzlos hinüber in die Gefilde, wo mein lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen unseres Jammertales.

Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, – und deswegen bin ich hergekommen – nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.

Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt hätten, nie zu nennen, – vielleicht von einer Dame.

Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures Andenken für mich war.

Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird jetzt ihm gehören, und dennoch ahnt er nicht, daß ich der Geber bin.

Es liegt darin zugleich auch für mich etwas unendlich Süßes.

Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus vieltausendmal bedankt.«

Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, als ich noch immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu.

»Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen hinunterbegleiten«, sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von seinen Lippen las, und ging mit ihm hinaus.

Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und ich wollte mich von Charousek verabschieden.

»Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt haben. – – Sie – Sie wollen, daß sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet!« Ich sagte es ihm ins Gesicht.

»Freilich«, gab Charousek aufgeräumt zu.

»Und dazu, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?«

»Durchaus nicht nötig.«

»Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie vorhin!«

Charousek schüttelte den Kopf:

»Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß er sie bereits eingesteckt hat.«

»Wie können Sie das nur annehmen?«, fragte ich erstaunt. »Ein Mensch wie Wassertrum wird sich niemals umbringen, – ist viel zu feig dazu – handelt nie nach plötzlichen Impulsen.«

»Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht«, unterbrach mich Charousek ernst. »Hätte ich in alltäglichen Worten geredet, würden Sie vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze hätte ich Ihnen hinzeichnen können. – Kein ›Kitsch‹ wie es die Maler nennen, ist niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark verlogenen Menge Tränen entlockte – sie ins Herz trifft! Glauben Sie denn, man hätte nicht längst sämtliche Theater mit Feuer und Schwert ausgetilgt, wenn es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man die Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, da wird nicht geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Buhne, als Bauerntrampel verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde. – – Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat, was ihm soeben noch – Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt. – In solchen Momenten des großen Misereres bedarf es bloß eines leisen Anstoßes, – und für den werde ich sorgen – und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es muß nur zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst, wenn ich's ihm nicht so bequem gemacht hätte.«

»Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch«, rief ich entsetzt. »Empfinden Sie denn gar kein – – –«

Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische!

»Still! Da ist er!«

Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die Stiege herunter und wankte an uns vorüber.

Charousek schüttelte mir fluchtig die Hand und schlich ihm nach. – –

Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, daß die Rose und das Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr des Trödlers auf dem Tisch lag.

»Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen könne; es sei das die übliche Kündigungsfrist«, hatte man mir auf der Bank gesagt.

Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter Eile und gedächte in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.

Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch nichts ändern, hieß es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit mir an den Schalter getreten war, hatte darüber gelacht.

Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!

Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. – – –

Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und nieder geschritten sein mochte.

Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer in meiner Nähe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden herumsuchte, als habe er etwas verloren.

Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze, speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf seinem linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck aufgesteppt, daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf der Zehe.

Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und ließ sich an einem Nebentisch nieder.

Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem Portemonnai, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen Metzgerfingern aufblitzen.

Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehaus und glaubte vor innerer Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, – aber wohin sollte ich gehen? Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das andere.

Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das trockene, unaufhörliche Gerausper eines halbblinden Zeitungstigers mir gegenüber, ein storchbeiniger Infanteneleutnant, der abwechselnd in der Nase bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafter, verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke, die bald unter gellem Gekreisch ihre Trumpfe mit dem Faustknochel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog mir langsam das Blut aus den Adern. –

Es wurde allmählich dunkel und ein plattfußiger, knieweicher Kellner tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich kopfschüttelnd zu überzeugen, daß sie nicht brennen wollten.

So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die langst ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte.

Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, daß ihm die Ohren fast waagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.

Es war nicht mehr auszuhalten.

Ich zahlte und ging.

Als ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die Klinke aus der Hand – Ich drehte mich um:

Wieder der Kerl!

Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt zu, da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.

»Da hört denn doch alles auf!« schrie ich ihn an.

»Nach rechts geht's,« sagte er kurz.

»Was soll das heißen?«

Er fixierte mich frech:

»Sie sind der Pernath!«

»Sie wollen wahrscheinlich sagen: Herr Pernath?«

Er lachte nur hämisch:

»Alsdann keine Faxen jetz! Sie gah'n Sie mit!«

»Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?«, fuhr ich auf.

Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.

Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.

»So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?«

»Sie werden sich's schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt«, erwiderte er grob. »Alla marsch jetz!«

Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.

»Nix da!«

Wir gingen zur Polizei.

Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.

ALOIS OTSCHIN

Polizeirat

las ich auf der Porzellantafel.

»Sie kännen sich einträtten«, sagte der Gendarm.

Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander gegenüber.

Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.

Das Bild des Kaisers an der Wand.

Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.

Sonst nichts im Zimmer.

Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen Hosen hinter dem linken Schreibpult.

Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf und trat vor mich hin.

Er war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der in grelles Sonnenlicht schaut.

Dabei kniff er die Augen hinter den Brillenglasern zusammen, was ihm den Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.

»Sie heißen Athanasius Pernath und sind« – er blickte auf ein Blatt Papier, auf dem nichts stand – »Gemmenschneider.«

Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch: er wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer Schreibfeder.

Ich bejahte:

»Pernath. Gemmenschneider.«

»No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr – – – Pernath, – jawohl Pernath. Ja wohl ja.« – Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicher Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide Hände entgegen und bemühte sich in lächerlicher Weise, die Miene eines Biedermannes aufzusetzen.

»Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was treiben Sie so den ganzen Tag?«

»Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin«, antwortete ich kalt.

Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr blitzschnell los:

»Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli?«

Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der Wimper.

Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse schlug, ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß ich den Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von meinem Vater her befreundet sei, und daß sie schon öfter Kameen bei mir bestellt habe.

Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn belog, und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu können.

Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich, deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte mir ins Ohr:

»Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin. – Hören Sie: alles.«

Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. »Was meinen Sie damit: Sie wollen mich retten?«, fragte ich laut.

Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde aschgrau im Gesicht vor Haß. Zog die Lippe empor. Wartete. – Ich wußte, daß er gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem erinnerte mich an Wassertrum) und wartete ebenfalls, – sah, daß ein Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfußes, lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte – – dann schrie mich der Polizeirat plötzlich gellend an:

»Mörder«.

Ich war sprachlos vor Verblüffung.

Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück.

Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe, versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich aufforderte, Platz zu nehmen.

»Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu geben, Herr Pernath?«

»Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und dann bin ich felsenfest überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.«

»Sind Sie bereit, das zu beeiden?«

Mir stockte der Atem. »Ja! Jederzeit.«

»Gut. Hm.«

Eine längere Pause entstand, während der Polizeirat angestrengt nachzugrübeln schien.

Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter Zug von Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich mußte ich an Charousek denken, wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing:

»Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, – mir, dem alten Freund Ihres Vaters – mir, der Sie auf den Armen getragen hat –« ich konnte das Lachen kaum verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich – »nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?«

Das Bocksgesicht erschien abermals.

»Was war Notwehr?«, fragte ich verständnislos.

»Das mit dem – – – Zottmann!« schrie mir der Polizeirat einen Namen ins Gesicht.

Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.

Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf mich zu lenken.

Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zähne und kniff die Augen zusammen:

»Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?«

»Das ist alles ein Irrtum. Ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklären, Herr Polizeirat – –!«, schrie ich.

»Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin«, unterbrach er mich rasch: »ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre Lage damit.«

»Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Gräfin ist unschuldig.«

Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:

»Schreiben Sie: – Also, Pernath gesteht den Mord an dem Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein.«

Mich packte eine besinnungslose Wut.

»Sie Polizeikanaille!« brüllte ich los, »was unterstehen Sie sich?!«

Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.

Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir Handschellen angelegt.

Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:

»Und die Uhr da?«, – er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand, – »hat der unglückliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder nicht?«

Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu Protokoll: »Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum – geschenkt.«

Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie der Klumpfuß und der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch aufführten.

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