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Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 14
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
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Trieb

Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, daß ich mir Zeit zu den Mahlzeiten ließ.

Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit hatte mich von früh bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.

Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind darüber gefreut.

Auch der Buchstabe »I« in dem Buche Ibbur war ausgebessert.

Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse der heutigen Stunden an mir vorüberziehen:

Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu mir ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in der Nacht eingestürzt. –

Seltsam: – Eingestürzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die Körner – – – nein, nein, nicht daran denken; es könnte einen Anstrich von Nüchternheit bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein zu lassen, bis es von selbst wieder erwachte, – nur nicht daran rühren.

Wie lange war's her, da ging ich noch über die Brücke, sah die steinernen Statuen – und jetzt lag sie, die Brücke, die Jahrhunderte gestanden, in Trümmern.

Es stimmte mich beinahe wehmütig, daß ich nie mehr meinen Fuß auf sie setzen sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr die alte, geheimnisvolle, steinerne Brücke.

Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme schnitt, darüber nachdenken müssen, und so selbstverständlich, als hätte ich es nie vergessen gehabt, war es lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind und auch in spätern Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern, aufgeblickt.

Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste – und meinen Vater und meine Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern.

Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.

Die Empfindung, daß sich mit einemmal alles natürlich und einfach in mir abwickelte, war so behaglich.

Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, – es war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen, daß es aussah, nun, wie eben ein altes, mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch aussieht – schien es mir ganz selbstverständlich.

Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt hatte!

Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen unverständlich für mich.

Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen wurde?

Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen wollten.

Rasch nahm ich Angelinas Bild – ich hatte die Widmung, die darunter stand, abgeschnitten – und küßte es.

Es war das alles so töricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von – Glück träumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran freuen, wie über eine Seifenblase?

Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen, was mir da die Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmöglich, daß ich über Nacht ein berühmter Mann wurde? Ihr ebenbürtig, wenn auch nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig? Ich dachte an die Gemme Mirjams: wenn mir noch andere so gelangen wie diese – kein Zweifei, selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas Besseres geschaffen.

Und nur einen Zufall angenommen: der Gatte Angelinas stürbe plötzlich?

Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall – und meine Hoffnung, die verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dünnen Faden, der stündlich reißen konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß fallen müßte.

War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge, von denen die Menschheit gar nicht ahnte, daß sie überhaupt existierten?

War es kein Wunder, daß binnen weniger Wochen künstlerische Fähigkeiten in mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit über den Durchschnitt erhoben?

Und ich stand doch erst am Anfang des Weges!

Hatte ich denn kein Anrecht auf Glück?

Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?

Ich übertönte das: »Ja« in mir: – nur noch eine Stunde träumen – eine Minute – ein kurzes Menschendasein!

Und ich träumte mit offenen Augen:

Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von allen Seiten mit farbigen Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft.

Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der Bäche, die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.

Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten und Blumen, und machte mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen, Seidelbast – – –

Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild. – Mich dürstete.

Das waren die Qualen des Paradieses.

Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen.

Es roch nach kommendem Frühling – – –

Mirjam!

Ich mußte an Mirjam denken.

Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte halten müssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein Wunder sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt. – – –

Ich griff nach meiner Börse. – Hoffentlich war es heute nicht schon zu spät, und ich kam noch zurecht, ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern!

Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfüllt war sie von dem »Wunder« gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewühlt und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich ohne äußern Grund – nur unter dem Einfluß ihrer Erinnerung – totenblaß geworden war bis in die Lippen, schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken, ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren Tragweite bis ins Grenzenlose ging.

Und wenn ich mir die letzten, dunklen Worte Hillels ins Gedächtnis rief und in Zusammenhang damit brachte, überlief es mich eiskalt.

Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich, – der Zweck heiligt die Mittel nicht, das sah ich ein.

Und was, wenn überdies das Motiv: »helfen zu wollen« nur scheinbar »rein« war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge dahinter verborgen?: der selbstgefällige, unbewußte Wunsch, in der Rolle des Helfers zu schwelgen?

Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.

Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar.

Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen.

Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch törichte Weise in ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch über meinem eigenen stand!

Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich warnen müssen.

»Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein«, hatte ich irgendwo einmal gelesen. – Wie richtig! Wie richtig!

Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, daß ich es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte?

Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.

Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen.

Das »Wunder« irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken, es auf die Treppenstufe zu legen, daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes würde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete ich mich.

Ja! Das war das Richtige.

Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die Schamröte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, wenn alle andern Mittel versagten.

Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen!

Ein guter Einfall kam mir: Ich mußte Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem bewegen, sie für ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen, daß sie andere Eindrücke bekam.

Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte uns denn, wenn wir das Judenviertel mieden?

Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke zu besichtigen?

Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen sollte mit ihr fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden würde, daß ich mit dabei sei.

Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen. – – –

An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe über den Haufen.

Wassertrum!

Er mußte durchs Schlüsselloch hereingespäht haben, denn er stand gebückt, als ich mit ihm zusammengestoßen war.

»Suchen Sie mich?«, fragte ich barsch.

Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmöglichen Jargon; dann bejahte er.

Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.

Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe gesehen. Seine grauenhafte Häßlichkeit war es nicht, die einen so abstieß; (sie machte mich eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fuß ins Gesicht getreten hatte) – etwas anderes, Unwägbares, das von ihm ausging, trug die Schuld daran.

Das »Blut«, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.

Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem Eintritt gereicht hatte.

So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben, denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des Hasses in seinen Zügen zu unterdrücken.

»Hübsch ham Se's hier«, fing er endlich stockend an, als er sah, daß ich ihm nicht den Gefallen tat, das Gespräch zu beginnen.

Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die Augen, vielleicht, um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, daß es seinem Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen würde?

Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er sich gab, hochdeutsch zu reden.

Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was er weiter sagen würde.

In seiner Verlegenheit griff er nach der Feile, die – weiß Gott wieso – noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber unwillkürlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte innerlich über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit.

»Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man's fein hat,« raffte er sich auf, zu sagen, »wenn man – so noble Besuche bekommt.« Er wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht und schloß sie schnell wieder.

Ich wollte ihn in die Enge treiben: »Sie meinen die Dame, die neulich hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!«

Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und zerrte mich ans Fenster.

Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen hatte.

Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:

»Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch was machen?«

Es war eine goldene Uhr mit so stark verbeulten Deckeln, daß es fast aussah, als hätte sie jemand mit Absicht verbogen.

Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte abgerissen und innen – stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. Langsam entzifferte ich:

K–rl Zott–mann.

Zottmann? Zottmann? – Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann? Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?

Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:

»Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehäuse, da stinkt's.«

»Braucht man nur gerade zu klopfen – höchstens ein paar Lötstellen. Das kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum.«

»Ich leg' doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit wird. Was man so sagt: künstlerisch«, unterbrach er mich hastig. Fast ängstlich.

»Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt –«

»Viel daran liegt!« Seine Stimme schnappte über vor Eifer. »Ich will sie doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemandem zeig', will ich sagen können: schauen Sie mal her, so arbeitet der Herr von Pernath.«

Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwärtigen Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.

»Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.«

Wassertrum wand sich in Krämpfen: »Das gibt's nicht. Das will ich nicht. Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche is Zeit genug. Das ganze Leben möcht' ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt hab'.«

Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? – Ich machte einen Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu – für den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte.

Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt hatte.

Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht sofort fallen: Unmöglich! Er konnte nichts gesehen haben.

»Also, dann vielleicht nächste Woche«, sagte ich, um seinem Besuch ein Ende zu machen.

Er schien mit einemmal keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und setzte sich.

Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf.

Pause.

»Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen machen, wenn's heraus kommt. Waas?« sprudelte er plötzlich ohne jede Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er von einer Sprechweise in die andere übergehen – von Schmeicheltönen blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr wahrscheinlich, daß die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten, wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besaß.

Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war mein erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen.

»Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;« – ich bemühte mich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen – »Duksel? Was ist das: Duksel?«

»Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?«, fuhr er mich grob an. »Die Hand werden Sie aufheben müssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht. Verstehen Sie mich?! Das sag ich Ihnen!« – Er fing an zu schreien: »Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören, daß ›sie‹ von da drüben« – er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier – »zu Ihnen heribber geloffen is mit en Teppich an und – sonst nix!«

Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und schüttelte ihn:

»Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?«

Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte:

»Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch bloß.«

Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.

Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die Sache, soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins reine zu bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu verschießen.

Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf den Kopf zu, daß Erpressungen irgendwelcher Art – ich betonte das Wort – mißglücken müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit Beweisen erhärten könnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es wäre überhaupt im Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen käme) – bestimmt zu entziehen wissen würde. Angelina stünde mir viel zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde der Not retten würde, koste es, was es wolle, sogar einen Meineid!

Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis zur Nase auseinander, er fletschte die Zähne und kollerte wie ein Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein: »Will ich denn was von die Duksel? So hören Sie doch zu!« – Er war außer sich vor Ungeduld, daß ich mich nicht beirren ließ. – »Um den Savioli is mir's zu tun, um den gottverfluchten Hund, – den – den –«, fuhr es ihm plötzlich brüllend heraus.

Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefaßt und fixierte wieder meine Weste.

»Hören Sie zu, Pernath;« er zwang sich, die kühle, abwägende Sprechweise eines Kaufmanns nachzuahmen, »Sie reden fort von der Duk – – von der Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem – mit dem jungen Lauser. Was hab' ich damit zu tun?« Er bewegte die Hände vor meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als hielte er eine Prise Salz darin – »soll sie sich das selber abmachen, die Duksel. – Ich bin e Weltmann und Sie sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen. Verstehen Sie, Pernath?!«

Ich horchte erstaunt auf:

»Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?«

Wassertrum wich aus:

»Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.«

»Sie wollen ihn ermorden!« schrie ich.

Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.

»Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen!« Ich deutete auf die Tür. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.«

Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie für fähig gehalten hätte:

»Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht. Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn Sie gescheit gewesen wären –: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg?! Jetzt – mach – ich – mit – Ihnen allen dreien« – er deutete mit einer Geste des Erdrosselns an, womit er es meinte – »Preßcolleeh«.

Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus und er schien seiner Sache so sicher zu sein, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. Er mußte eine Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die auch Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter mir wanken.

»Die Feile! Die Feile!« hörte ich es in meinem Hirn flüstern. Ich schätzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch – zwei Schritte bis zu Wassertrum – – ich wollte zuspringen – – – da stand wie aus dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle.

Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.

Ich sah nur – wie durch Nebel –, daß Hillel unbeweglich stehen blieb und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich.

Dann hörte ich Hillel sagen:

»Sie kennen doch, Aaron, den Satz: Alle Juden sind Bürgen füreinander? Machen Sie's einem nicht zu schwer.« – Er fügte ein paar hebräische Worte hinzu, die ich nicht verstand.

»Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnüffeln?« geiferte der Trödler mit bebenden Lippen.

»Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kümmern!« – wieder schloß Hillel mit einem hebräischen Satz, der diesmal wie eine Drohung klang. Ich erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen Augenblick und ging dann trotzig hinaus.

Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen. Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf den Gang hinaus. Ich wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück.

Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des Trödlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und machte ihm Platz.

Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war, dann knurrte er mich verbissen an:

»Geben Se mer meine Uhr zorück.«

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