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Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 13
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
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Angst

Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, – wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.

Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, daß ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst tun sollte: Licht anzünden, hinter mir abschließen, mich niedersetzen oder auf und ab gehen.

Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt? War's die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich ansteckte? War Wassertrum vielleicht hier?

Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, tat einen Blick ins Nebenzimmer: – niemand.

Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz.

Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen, um ein für allemal die Sorge um sie los zu sein?

Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche – aber mußte es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh.

Erst Licht machen!

Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.

War die Tür abgesperrt? – Ich ging ein paar Schritte zurück. Blieb wieder stehen.

Warum mit einemmal die Angst?

Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: – die Gedanken blieben stecken. Mitten im Satz.

Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: rasch, rasch auf den Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und »dem« den Schädel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch, – – wenn – wenn es in die Nähe kam.

»Es ist doch niemand hier,« sagte ich mir laut und ärgerlich vor, »hast du dich denn je im Leben gefürchtet?«

Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dünn und schneidend wie Äther.

Wenn ich irgendetwas gesehen hätte: das Gräßlichste, was man sich vorstellen kann, – im Nu wäre die Furcht von mir gewichen.

Es kam nichts.

Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:

Nichts.

Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, die Lampe, das Bild, die Wanduhr – leblose, alte, treue Freunde.

Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund geben, eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu finden.

Auch das nicht. – Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr für das herrschende Halbdunkel, als daß es natürlich gewesen wäre.

»Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst«, fühlte ich. »Sie trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.«

Warum tickt die Wanduhr nicht? –

Das Lauern ringsum trank jeden Laut.

Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören konnte.

Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! – Nicht einmal das! Oder das Holz im Ofen aufknallen wollte: – das Feuer war erloschen.

Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft – pausenlos, lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.

Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich verzweifelte daran, es je überdauern zu können. – Der Raum voll Augen, die ich nicht sehen, – voll von planlos wandernden Händen, die ich nicht greifen konnte.

»Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm Denken die Grenzen zerfrißt«, begriff ich dumpf.

Ich stellte mich steif hin und wartete.

Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ »es« sich verleiten und schlich von rückwärts an mich heran – und ich konnte es ertappen?!

Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.

Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das nicht war und doch das Zimmer mit seinem grausigen Leben erfüllte.

Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?

»Es würde mit mir gehen«, wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit. Auch, daß es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich ein, – dennoch suchte ich so lange nach dem Feuerzeug, bis ich es gefunden hatte.

Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben, und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war die Dunkelheit noch besser.

Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei – vier ... bis tausend, und immer von neuem – Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der Erleichterung.

Auch nicht eine einzige.

Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge kamen: »Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« – und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P–r–i–n–z? – B–u–ch?

War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? – Ich tastete an mir herum.

Aufstehen!

Mich in den Sessel setzen!

Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.

Wenn doch endlich der Tod käme!

Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! »Ich – will – nicht – ich will – nicht!«, schrie ich. »Hört ihr denn nicht?!«

Kraftlos fiel ich zurück.

Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte.

Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor mich hin.

»Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?«, ebbte ein Gedanke auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück. Kam wieder.

Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand – vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte – und mir die Hand hinstreckte:

Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe eines gedrungen gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus weißem Holz gestützt.

Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus fahlem Dunst unterscheiden.

Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der Erscheinung aus.

Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung. Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht, drängte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen zur Form geronnen.

Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, – warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren – und doch zog es mich wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.

Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wußte ich, daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.

Sie zerrannen auch stets – fast in derselben Sekunde, in der ich sie geschaffen hatte.

Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten bestehen.

Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit, zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen den Boden, von denen das Fleisch – grau und blutleer – auf Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war.

Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin.

Kleine Körner lagen dann. Bohnengroß, von roter Farbe und mit schwarzen Punkten am Rande.

Was sollte ich damit?!

Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir – eine Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, – wenn ich jetzt nicht das Richtige tat.

Zwei Waagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes, schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich – auf welche von beiden ich ein Stäubchen warf: die sank zu Boden.

Das war das furchtbare Lauern ringsum!, verstand ich. »Keinen Finger rühren!«, riet mir mein Verstand, – »und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht kommen sollte und mich erlösen aus dieser Qual.« –

Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest die Körner abgelehnt, raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurück.

Hilfesuchend blickte ich um mich, ob mir denn kein Zeichen wurde, was ich tun sollte. Nichts.

Auch in mir kein Rat, kein Einfall – alles tot, gestorben.

Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem furchtbaren Augenblick, erkannte ich. – –

Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wände meines Zimmers nicht mehr unterscheiden.

Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, daß jemand Schränke rückte, Schubladen aufriß und polternd zu Boden warf, glaubte Wassertrums Stimme zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde Fluche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos wie das Rascheln einer Maus. – Ich schloß die Augen:

Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider zugedrückt – starre Totenmasken: – mein eigenes Geschlecht, meine eigenen Vorfahren.

Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so stand es auf aus seinen Grüften, – mit glattem gescheiteltem Haar, gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe gezwängten Schöpfen – durch Jahrhunderte heran, bis die Züge mir bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht zusammenflossen: – das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner Ahnen abbrach.

Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.

Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:

Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die des anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von hohem, unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden Tüchern verborgen.

Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der Zeitpunkt der Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: – und da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises ging. –

Sollte ich die Körner zurückweisen?: Das Zittern ergriff den bläulichen Kreis; – ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da – in derselben Stellung: regungslos wie früher.

Sogar sein Atem hatte aufgehört.

Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich tun sollte, und – schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, daß die Körner über den Boden hinrollten.

Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das Bewußtsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen, – dann stand ich fest auf den Füßen.

Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen Kreises.

Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet; sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm – es sah aus wie ein Schwur – zwischen Zeigefinger und Daumen die roten Körner in die Hohe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte.

Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und brüllender Donner die Luft zerriß:

Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte im Licht der ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so schwach, daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte.

»Sei ruhig,« sagte deutlich eine Stimme neben mir, »sei ganz ruhig, es ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschützung.« –

Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende Lärm ging über in das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dacher.

Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, daß ich nur mehr mit stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:

Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:

»Den ihr suchet, der ist nicht hier.«

Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.

Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, dann kam der Name

»Henoch«

vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug das Stöhnen der berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber.

Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die Hieroglyphen auf seiner Brust – sie waren dieselben Buchstaben wie die der übrigen – und fragte mich, ob ich sie lesen könne.

Und als ich – lallend vor Müdigkeit, – verneinte, streckte er die Handfläche gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf meiner Brust in Lettern, die zuerst lateinisch waren:

CHABRAT ZEREH AUR BOCHER

und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. – – – Und ich fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, in der Hillel mir die Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte.

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