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Gutenberg > Gustav Meyrink >

Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 12
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
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Not

Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten die Schneesterne – winzige Soldaten in weißen, zottigen Mäntelchen – hintereinander her an den Scheiben vorüber – minutenlang – immer in derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders bösartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einemmal dick satt, schienen aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen und sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten neue feindliche Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel auflösten.

Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause Gerüchte über den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels verdächtigen können, das Opfer eines seelischen Dämmerzustandes gewesen zu sein.

Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach in schreienden Farben hervor, was mir Zwakh über den noch immer unaufgeklärten Mord an dem sogenannten »Freimaurer« erzählt hatte.

Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht abschütteln konnte, – fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu haben geglaubt, hatten wir den Burschen beim »Loisitschek« gesehen. Allerdings lag kein Anlaß vor, den Schrei unter der Erde, der überdies geradesogut eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu deuten. – – –

Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich und ich fing an, alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den bläulich leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. – Ich freute mich: es war ein angenehmer Zufall, daß sich etwas so Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende gab dem Stein gerade das richtige Licht und die Konturen paßten so genau, als habe ihn die Natur eigens geschaffen, ein bleibendes Abbild von Mirjams feinem Profil zu werden.

Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die den ägyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit auffallender Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte, regte mich künstlerisch stark an, aber allmählich entdeckte ich nach den ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit mit der Tochter Schemajah Hillels, daß ich meinen Plan umstieß. – – –

– Das Buch Ibbur! –

Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was in der kurzen Spanne Zeit in mein Leben getreten war!

Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare Sandwüste versetzt sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroßen Einsamkeit bewußt, die mich von meinen Nebenmenschen trennte.

Konnte ich je mit einem Freund – Hillel ausgenommen – davon reden, was ich erlebt?

Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nächte die Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all meine Jugendjahre – von früher Kindheit angefangen – ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm gekommen und erdrückte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.

Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das Geschehene in seiner vollen markverbrennenden Lebendigkeit als Gegenwart empfinden mußte.

Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß auskosten: Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!

Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüber zu gehen in mein Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das Geschenk der Unsichtbaren, lag!

Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berührt, als ich Angelinas Briefe dazuschloß!

Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut verschlang.

Ich wollte weiterarbeiten, – da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten die Gasse entlang, daß man's förmlich Funken sprühen sah.

Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen, war unmöglich: Muskeln aus Eis verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur Hälfte weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar ganz friedlich neben dem Trödler Wassertrum stand – sie mußten soeben ein Gespräch mitsammen geführt haben – sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der meinen Blicken entzogen war, anstarrten.

Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. – Sie selbst konnte es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren – in der Hahnpaßgasse! – vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn gewesen. – Aber was sollte ich zu ihrem Gatten sagen, wenn er's wäre und mich auf den Kopf zu fragte?

Leugnen, natürlich leugnen.

Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, – von Wassertrum – daß sie hier gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede gebraucht: wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir bestellt habe. – – – Da! wütendes Klopfen an meiner Tür und – Angelina stand vor mir.

Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied war aus.

Dennoch lehnte sich irgend etwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich brachte es nicht fertig, zu glauben, daß das Gefühl, ihr helfen zu können, mich belogen haben sollte.

Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und sie verbarg, todmüde wie ein Kind, ihren Kopf an meiner Brust.

Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie der rote Schein über die Dielen huschte, aufflammte und erlosch – aufflammte und erlosch – aufflammte und erlosch – – –

»Wo ist das Herz aus rotem Stein – – –« klang es in meinem Innern. Ich fuhr auf: Wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?

Und ich forschte sie aus, – vorsichtig, leise, ganz leise, daß sie nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht berühre.

Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es mir zusammen wie ein Mosaik:

»Ihr Gatte weiß – –?«

»Nein, noch nicht; er ist verreist.«

Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; – Charousek hatte es richtig erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war sie hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff ich.

Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.

Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?

Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, daß – – daß – er wollte, daß sich Dr. Savioli – – ein Leid antue.

Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums wildem besinnungslosem Haß: »Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den Tod getrieben.«

Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunterlaufen, dem Trödler alles verraten: daß Charousek den Schlag geführt hatte – aus dem Hinterhalt – und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war – – –. »Verrat! Verrat!« heulte es mir ins Hirn, »du willst also den armen schwindsüchtigen Charousek, der dir helfen wollte und ihr, der Rachsucht dieses Halunken preisgeben?« – Und es zerriß mich in blutende Hälften. – Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen die Losung aus: »Narr! Du hast es doch in der Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die Gurgel zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.«

Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.

Ich forschte weiter:

»Und Dr. Savioli?«

Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn nicht aus den Augen, hatten ihn mit Morphium betäubt, aber vielleicht erwacht er plötzlich – vielleicht gerade jetzt – und – und – nein, nein, sie müsse fort, dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, – sie wolle ihrem Gatten schreiben, ihm alles eingestehen, – solle er ihr das Kind nehmen, aber Savioli sei gerettet, denn sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe aus der Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe.

Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es verraten könne.

»Das werden Sie nicht tun, Angelina!« schrie ich und dachte an die Feile und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude über meine Macht.

Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest.

»Nur noch eins: Überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trödler so ohne weiteres glauben?«

»Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht auch ein Bild von mir, – alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier versteckt war.«

Briefe? Bild? Schreibtisch? – ich wußte nicht mehr, was ich tat: ich riß Angelina an meine Brust und küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn, auf die Augen.

Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.

Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit fliegenden Worten, daß der Todfeind Wassertrums – ein armer böhmischer Student – die Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in meinem Besitz seien und fest verwahrt.

Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Küßte mich. Rannte zur Tür. Kehrte wieder um und küßte mich wieder.

Dann war sie verschwunden.

Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an meinem Gesicht.

Ich hörte wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein Grab.

Auch in mir.

Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek stand im Zimmer:

»Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen es nicht zu hören.«

Ich nickte nur stumm.

»Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit Wassertrum versöhnt habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?« – Charouseks hohnisches Lächeln sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. – »Sie müssen nämlich wissen: Das Gluck ist mir hold; die Kanaille da unten fängt an, mich in ihr Herz zu schließen, Meister Pernath. – – Es ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme des Blutes«, setzte er leise – halb für sich – hinzu.

Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte etwas überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in mir.

»Er wollte mir einen Mantel schenken«, fuhr Charousek laut fort. »Ich habe natürlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut genug. – Und dann hat er mir Geld aufgedrängt.«

»Sie haben es angenommen?!«, wollte es mir herausfahren, aber ich hielt noch rasch meine Zunge im Zaum.

Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:

»Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.«

Mir wurde ganz wirr im Kopf!

»– an – genommen?«, stammelte ich.

»Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so reine Freude empfinden kann!« – Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze. – »Ist es nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur ›Mütterchens Vorsehung‹ ökonomischen Finger allenthalben in Weisheit und Umsicht walten zu sehen!?« – Er sprach wie ein Pastor und klimperte dabei mit dem Geld in seiner Tasche, – »wahrlich, als hehre Pflicht empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzuführen.«

War er betrunken? Oder wahnsinnig?

Charousek änderte plötzlich den Ton:

»Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum sich die – Arznei selber bezahlt. Finden Sie nicht?«

Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg, und mir graute vor seinen fiebernden Augen.

»Übrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die laufenden Geschäfte. Vorhin, die Dame, das war ›sie‹ doch? Was ist ihr denn eingefallen, hier öffentlich vorzufahren?«

Ich erzählte Charousek, was geschehen war.

»Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Händen«, unterbrach er mich freudig, »sonst hätte er nicht heute morgen abermals das Atelier durchsucht. – Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine volle Stunde lang war er drüben.«

Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm.

»Darf ich?« – als Erklärung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch, zündete sie an und erläuterte: »Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tür öffnen, bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den Tabakrauch aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für alle Fälle hat er in der Straßenmauer des Ateliers – das Haus gehört ihm, wie Sie wissen – eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art Ventilation, und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun jemand das Zimmer betritt oder verläßt, das heißt: die Zugtür öffnet, so merkt es Wassertrum unten an dem heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings weiß ich es ebenfalls,« setzte Charousek trocken hinzu, »wenn's mir drum zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch vis-à-vis, in dem zu hausen ein gnädiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. – Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent des würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren geläufig.«

»Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn haben müssen, daß Sie so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie sagen!« warf ich ein.

»Haß?« Charousek lächelte krampfhaft. »Haß? – Haß ist kein Ausdruck. Das Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst geschaffen werden. – Ich hasse, genaugenommen, auch gar nicht ihn. Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen fließt, – und« – er biß die Zähne zusammen – »das kommt ›zuweilen‹ vor hier im Getto.« Unfähig weiter zu sprechen vor Aufregung lief er ans Fenster und starrte hinaus. – Ich hörte wie er sein Keuchen unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile.

»Hallo, was ist denn das?« fuhr er plötzlich auf und winkte mir hastig: »Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?«

Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter:

Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot, soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine Höhle zurück.

Gleich darauf stürzte er wieder hervor – totenblaß – und packte Jaromir an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. – Mit einem Mal ließ Wassertrum los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick zu uns herauf und zog dann Jaromir am Arm friedlich in seinen Laden.

Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig werden zu können mit ihrem Handel.

Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging seines Weges.

»Was halten Sie davon?«, fragte ich. »Es scheint nichts Wichtiges zu sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand versilbert.«

Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den Tisch.

Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:

»Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. – Unterbrechen Sie mich, Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder – oder ein Dichter. – Seit die Welt steht, wär's niemand eingefallen, vor Leid die ›Hände zu ringen‹, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als besonders ›plastisch‹ ausgetüftelt hätten.«

Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe zu bekommen.

Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab, faßte alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an ihren Platz.

Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:

»Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die ›ihm‹ ähnlich sehen und als seine gelten, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme – man kann mich nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory sein Sohn ist, aber ich habe es – ich möchte sagen – gerochen.

Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen Beziehungen Wassertrum zu mir steht,« – sein Blick ruhte eine Sekunde forschend auf mir, – »besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an meinem Körper gibt, die nicht wüßte, was rasender Schmerz ist, – hat mich hungern und dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich peinigten. Ich konnte einfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir für Haß. – Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit.

Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan – ich will damit sagen, daß er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb: ich weiß das genau, – und doch richtete sich alles, was an Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!

Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustür versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde.

Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen und wie er Sachen anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußt auswendig gelernt haben, bis sich's mir in die Seele fraß, daß ich überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstücke erkennen kann.

Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände von mir, bloß weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt haben, – andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie Freunde, die ihm Böses wünschten.«

Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem Tisch.

»Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich Philosophie und Medizin studierte – auch nebenbei selbst denken lernte –, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist:

Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von uns selbst ist.

Und wie ich später dahinter kam, – nach und nach alles erfuhr: was meine Mutter war – und – und noch sein muß, wenn – wenn sie noch lebt, – und daß mein eigener Leib« – er wendete sich ab, damit ich sein Gesicht nicht sehen sollte, – »voll ist von seinem eklen Blut – nun ja, Pernath, – warum sollen Sie's nicht wissen: er ist mein Vater! – da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. – – – Zuweilen kommt's mir sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß ich schwindsüchtig bin und Blut spucken muß: mein Körper wehrt sich gegen alles, was von ›ihm‹ ist, und stößt es mit Abscheu von sich.

Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht mit Geschichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich ›ihm‹ zufügen durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden Beigeschmack des – Unbefriedigtseins in mir hinterließen.

Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muß, daß es so gar niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, – ja nicht einmal als antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer ›ihn‹ und seinen Stamm, – beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte das sein, was man einen ›guten Menschen‹ nennt. Aber zum Glück ist es nicht so. – Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.

Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal mich verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies erst in späteren Jahren) – ich habe einen Freudentag erlebt, der weit in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße Frömmigkeit ist, – ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt – als ich aber an jenem Tage, an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und sah, wie ›er‹ die Nachricht bekam, – sie ›stumpfsinnig‹, wie ein Laie, der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, – hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die Zähne gezogen als sonst und den Blick so gewiß – – so – so – so eigenartig nach innen gekehrt, – – – – da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen des Erzengels. – – Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder und die Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.« –

– – – Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, träumerischen Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen.

Charousek fuhr fort:

»Die äußeren Umstande, die meinen Haß ›rechtfertigen‹ oder in den Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen könnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: – Tatsachen sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der Protzen, das nur der Schwachsinnige für das Wesentliche eines Gelages hält. – Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln, die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu Willen zu sein, – wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann – – nun ja – und dann hat er sie an – ein Freudenhaus verkauft, – – – so etwas ist nicht schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, – aber nicht etwa, weil er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel seines Herzens: an dem Tage hat er sie verkauft, wo er sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den Zwang des ›Hergebenmüssens‹. Er möchte den Begriff ›haben‹ am liebsten in sich hineinfressen und könnte er sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär's das, sich dereinst in den abstrakten Begriff ›Besitz‹ aufzulösen. – –

Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen bis zu einem Berg von Angst: »seiner selbst nicht mehr sicher« zu sein, – nicht: etwas an Liebe geben zu wollen, sondern geben zu müssen: die Gegenwart eines Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er möchte, daß es sein Wille sein sollte, heimlich in Fesseln schlug. – So war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht mechanisch zubeißen muß, – ob er will oder nicht – wenn ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.

Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. – – – Verzeihen Sie, Meister Pernath,« – Charouseks Stimme klang plötzlich so hart und nüchtern, daß ich erschrak, – »verzeihen Sie, daß ich so furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände; unwillkürlich verfällt man dann in eine teppenhafte Ausdrucksweise.« –

Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte.

Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.

»Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek«; sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, – »machen Sie bald Ihr Doktorat?«

»Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat's ja keinen, denn meine Tage sind gezählt.«

Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er doch wohl zu schwarz sehe, aber erwehrte lächelnd ab:

»Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den Heilkomödianten zu mimen und sich zu guterletzt noch als diplomierter Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. – – Andererseits«, setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, »wird mir leider jedes weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Getto ein für allemal abgeschnitten sein.« Er griff nach seinem Hut. »Jetzt will ich aber nicht langer stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum wurde sofort Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. – Ich bin übrigens sehr neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird, spielen Sie eben den Rabiaten.«

Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die Treppen hinunter. – Hillel erwartet mich«, log ich.

Er stutzte:

»Sie sind mit ihm befreundet?«

»Ein wenig. Kennen Sie ihn? – – Oder mißtrauen Sie ihm«, – ich mußte unwillkürlich lächeln – »vielleicht auch?«

»Da sei Gott vor!«

»Warum sagen Sie das so ernst?«

Charousek zögerte und dachte nach:

»Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie trägt. – Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z. B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und ist doch unsagbar arm.«

Ich fuhr entsetzt auf: »arm?«

»Ja, womöglich noch armer als ich. Das Wort ›nehmen‹ kennt er, glaub' ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus dem ›Rathaus‹ kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon, weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später – samt seiner Tochter selber verhungern. – Wenn's wahr ist, was eine uralte talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn verflucht sind und zwei hellig, so verkörpert er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn andern zusammen. – Haben Sie noch nie bemerkt, wie Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorüber geht? Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, solches Blut kann sich gar nicht vermischen; da kamen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. – Hillel ist übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; – er weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet. Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabballsten.«

Wir gingen bereits die Stiegen hinab.

»Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabballsten gibt – daß überhaupt an der Kabbala etwas sein konnte?«, fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.

Ich wiederholte meine Frage.

Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus Kistendeckeln zusammengenagelt war:

»Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im ›Gesang‹, wie er es nennt, damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, – das heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer seines Seelenzustandes für – preußische Schlachthymnen oder dergleichen hält.«

Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen sangen dazu:

»Frau Pick,

Frau Hock,

Frau Kle – pe – tarsch,

se stehen beirenond

und schmusen allerhond – –«

Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen hellaut auflachen.

»Schwiegersohn Schaffranek – seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend – läuft den ganzen Tag in den Büros herum«, fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf manchmal fast einen – Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die Prager jüdischen Großindustriellen dahinter – und machen es jetzt selber. Sie schöpfen den Rahm ab.«

»Würden Sie Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld hätten?« fragte ich rasch. – Wir standen vor Hillels Tür und ich klopfte an.

»Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben können, ich täte es nicht?«, fragte er verblüfft zurück.

Mirjams Schritte kamen näher, und ich wartete, bis sie die Klinke niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:

»Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich müßten Sie für gemein halten, wenn ich's unterließe.«

Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich, was er tun würde.

Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich am Geländer halten muß. – – –

Es war das erste Mal, daß ich Hillels Zimmer besuchte.

Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden. – – –

Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem Modellierwachs.

»Muß man denn ein Gesicht vor sich haben, um die Ähnlichkeit zu treffen?«, fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.

Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube, und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht längst darum gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.

Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!

»Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob man innerlich auch richtig gesehen hat«, – ich fühlte, noch während ich sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst, seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, – die Gabe, die sie alle zu haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.

Wie konnte ich auch nur von der Möglichkeit sprechen, die unfehlbare Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins nachmessen zu wollen!

Mirjam schien Ähnliches zu denken, nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu schließen.

»Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen«, entschuldigte ich mich.

Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form vertiefte.

»Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu übertragen?«

»Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.«

 

Pause.

 

»Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie.

»Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.«

»Nein, nein; das geht nicht, – – das – das – –«, – ich sah, wie ihre Hände nervös wurden.

»Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?«, unterbrach ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.«

Hastig wandte sie das Gesicht ab.

Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.

Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?

Ich nahm einen Anlauf:

»Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. – Ich schulde Ihrem Vater so unendlich viel, – Sie können das gar nicht ermessen – –«

Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.

»–ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.«

»Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig waren? Das war doch selbstverständlich.«

Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er ihr verschwieg.

»Weit höher als äußere Hilfe, dachte ich, ist die innere zu stellen. – Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den andern überstrahlt. – Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? – Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.«

»Und das hat – –?«

»Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« – ich faßte sie an der Hand, – »begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht, wie Sie, irgendeine Freude zu bereiten? – Haben Sie nur ein ganz klein wenig Vertrauen zu mir! – Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?«

Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?«

»Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen abnehmen konnte? Sie sind verpflichtet – hören Sie! – verpflichtet, mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der finstern traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung, Mirjam, und – –«

»Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath«, unterbrach sie mich lächelnd, »was fesselt Sie an das Haus?«

Ich stutzte. – Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. – Dann stand ich plötzlich entrückt irgendwo hoch oben – in einem Garten – roch den zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, – sah herab auf die Stadt – – –

»Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?«, kam Mirjams Stimme von weit, weit her zu mir.

Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins Gesicht.

Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.

Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes Herz aus.

Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein ganzes Leben beisammen war und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um mich stand und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit beraubt worden war, – wie in letzter Zeit Bilder in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich von neuem zerreißen würde.

Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: – meine Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg ich ihr.

Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen atemlosen Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.

Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. – Gewiß wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.

Ich sagte es ihr und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er ihr Vater war.

Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm – »und doch bin ich wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. – Wenn ich ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der Brust, und blaue leuchtende Strahlen gingen von seinen Schläfen aus. – Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. – Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn sprachen.« – – Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb – nur ich weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen, – glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelähmt war in mir – und – und da – – – – mir lauft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke – sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. – – – – Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise und ich fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«

»Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?«, fragte ich leise.

Mirjam schüttelte freudig den Kopf:

»Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. – Als Sie mich vorhin fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte und warum wir hier wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? – Und das bißchen Not und – und – und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und das Warten.«

»Das Warten?«, fragte ich erstaunt.

»Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber ein ganz, ganz armer Mensch. – Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie, das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen – Jüdinnen natürlich, wie ich –, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es mir war und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, – hätten sie mich am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich ›überspannt‹.

Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame – das Wesentliche – für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das Wunder und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen, – so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn sie das Wort ›Wunder‹ nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.

Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen zu verlieren!

Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich einmal meinen Vater sagen, – dann, dann erst fängt das Leben an. – Ich weiß nicht, was er mit dem ›Leben‹ meinte, aber ich fühle zuweilen, daß ich eines Tages so wie: ›erwachen‹ werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke ich mir immer.

›Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?‹ fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können Sie solche Herzen verstehen? Daß ich doch Wunder erlebt habe, wenn auch nur kleine, – winzig kleine –«, – Mirjams Augen glänzten, – »wollte ich ihnen nicht verraten, – – –«

Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.

»– aber Sie werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate«, – Mirjam wurde ganz leise – »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich: jetzt ist die Stunde da! – Und dann saß ich hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und – und dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und – und jedesmal fand ich Geld. Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darüber, aber keiner bemerkte ihn. – Das machte mich zuweilen so übermütig, daß ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen sei.«

– Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude darüber lächeln. –

Sie sah es.

»Lachen Sie nicht, Herr Pernath«, flehte sie. »Glauben Sie mir, ich weiß, daß diese Wunder wachsen werden und daß sie eines Tages –«

Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's – wir rufen in solchen Fallen: Gott sei Dank! – einmal anders kommt.«

Sie streckte mir die Hand hin:

»Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir – oder uns – helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?«

Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.

Da ging die Tür und Hillel trat ein.

Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«.

Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu lasten. – Oder irrte ich mich?

Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.

»Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen«, fing er an, als Mirjam uns allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft – –?«

Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:

»Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß – Sie ihm Geld geschenkt haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:

»Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet – und – und in diesem – Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet, aber –,« er dachte eine Weile nach, – »aber manchmal schafft man sich und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlösen. – Oder glauben Sie nicht?«

»Geben Sie denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, Hillel?«, fragte ich.

Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da ist freilich schwer streiten.«

Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.

»Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen«, fuhr er in verändertem Tone fort, »ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling – ich meine die Dame – augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es heißt zwar: ›der kluge Mann baut vor‹, aber der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß dann von ihm ausgehen, – ich tue keinen Schritt, er muß herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig – und dann will ich mit ihm reden. An ihm wird's sein, sich zu entscheiden, ob er meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.

»Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns«, fielen mir Mirjams Worte ein.

Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und – gehen.

Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen möchte und nicht kann.

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