Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Meyrink >

Der Golem

Gustav Meyrink: Der Golem - Kapitel 10
Quellenangabe
titleDer Golem
authorGustav Meyrink
typefiction
year1916
publisherKurt Wolff Verlag
created20011208
senderserge@cosmos.phy.tufts.edu
copyright1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
firstpub1915
Schließen

Navigation:

Spuk

Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir das Gehirn zermartert, wie ich »ihr« Hilfe bringen könnte.

Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen, ihm zu erzählen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten. Aber jedesmal verwarf ich den Entschluß.

Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine Entweihung schien, ihn mit Dingen, die das äußere Leben betrafen, zu behelligen, dann wieder kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze Spanne Zeit zurücklag und doch so seltsam verblaßt schien, verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages.

Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich – ein Mensch, dem das Unerhörte geschehen war, daß er seine Vergangenheit vergessen hatte, – auch nur eine Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als einziger Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob?

Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in persönlicher Berührung gewesen!

Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, daß ein unsägliches Weh an meinem Herzen fraß?

Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich wieder los; ich sah voraus, was kommen würde: Hillel würde mir mild über die Augen fahren und – – – nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, Linderung zu begehren. »Sie« vertraute auf mich und meine Hilfe, und wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte, mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen mochte, – sie empfand sie sicherlich als riesengroß!

Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit – ich zwang mich, kalt und nüchtern zu denken; – ihn jetzt – mitten in der Nacht zu stören? – es ging nicht an. So würde nur ein Verrückter handeln.

Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es wieder sein: der Abglanz des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.

Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuzünden, nur um den Tag zu erwarten, – eine leise Angst sagte mir, der Morgen rücke dadurch in unerlebbare Ferne.

Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben – Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunklen Modergrüfte, diese »Wohnstätten«, darein sich das Gewimmel der Lebenden Höhlen und Gänge genagt.

Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein Ohr drang.

Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze Ächzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich.

Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens, zu hören. Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.

Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr eigener Verräter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.

Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, das drohende Gefühl in der Kehle, daß drüben einer stand, genauso wie ich und dasselbe tat.

Ich lauschte und lauschte:

Nichts.

Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.

Lautlos – auf den Zehenspitzen – stahl ich mich an den Sessel bei meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an.

Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang, die zum Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken.

Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht, das unter meinen Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlösser springen leicht auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder!

Und was würde dann geschehen?

Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, – vielleicht in Kästen wühlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu bekommen, legte ich mir zurecht.

Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischen trat?

Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare Warten auf den Morgen zerfetzen!

Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, drückte dagegen, schob vorsichtig den Haken ins Schloß und horchte. Richtig: Ein schleifendes Geräuch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.

Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.

Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem schwarzem Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, – eine Sekunde lang unschlüssig, wohin sich wenden, – eine Bewegung machte, als wolle er auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit sein Gesicht bedeckte.

»Was suchen Sie hier!« wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:

»Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg!« Die Stimme kam mir bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum.

Automatisch blies ich die Kerze aus.

Das Zimmer lag halbdunkel da – nur von dem schimmrigen Dunst, der aus der Fensternische hereindrang, matt erhellt – genau wie meines, und ich mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten, hektischen Gesicht, das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge des Studenten Charousek erkennen konnte.

»Der Mönch!« drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit einem Mal die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! Charousek! Das war der Mann, an den ich mich wenden sollte! – Und ich hörte seine Worte wieder, die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: »Aaron Wassertrum wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten, unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals will.«

Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte er ebenfalls, was sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde ließ fast darauf schließen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu richten.

Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die Gasse.

Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze wahrgenommen haben.

»Sie denken gewiß, ich sei ein Dieb, daß ich nachts hier in einer fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath,« fing er nach langem Schweigen mit unsicherer Stimme an, »aber ich schwöre Ihnen – –«

Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.

Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen gegen ihn hegte, in ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzählte ich ihm mit kleinen Einschränkungen, die ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem Atelier habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art zum Opfer zu fallen.

Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne mich mit Fragen zu unterbrechen, entnahm ich, daß er das meiste bereits wußte, wenn auch vielleicht nicht in Einzelheiten.

»Es stimmt schon«, sagte er grübelnd, als ich zu Ende gekommen war. »Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die Gurgel fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug Material beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier immerwährend herumdrücken! Ich ging nämlich gestern, sagen wir mal: ›zufällig‹ durch die Hahnpaßgasse,« erklarte er, als er meine fragende Miene bemerkte, »da fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange – scheinbar unbefangen – vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als er sich unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der eisernen Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte. Natürlich gab er es augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls als Vorwand bei Ihnen an. Sie schienen übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es öffnete niemand.

Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich, daß jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier heimlich ein Absteigequartier besäße. Da Dr. Savioli schwerkrank liegt, reimte ich mir das übrige zurecht.

Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen«, schloß Charousek und deutete auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; »es ist alles, was ich an Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen Truhen und Schränken gestöbert, so gut das in der Finsternis ging.«

Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei dunkel, daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang führe von unten herauf ins Atelier.

Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.

»Wo sollen wir die Briefe aufheben?«, fing Charousek wieder an. »Sie, Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Getto, die Wassertrum harmlos vorkommen, – warum gerade ich, das – hat – seine – besonderen – Gründe«, – (ich sah, daß sich seine Züge in wildem Haß verzerrten, wie er so den letzten Satz förmlich zerbiß –) »und Sie halt er für – –« Charousek erstickte das Wort »verrückt« mit einem raschen, erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat mir nicht weh; das Gefühl, »ihr« helfen zu können, machte mich so glückselig, daß jede Empfindlichkeit ausgelöscht war.

Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir zu verstecken, und gingen hinüber in meine Kammer.

Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fühlte ich, aber was? was?

Einen Plan für den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hätte?

Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den Trödler sowieso nicht aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich an den Haß dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.

Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?

Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich verstand nicht.

Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel spürt und nicht weiß, welches Kunststück er machen soll, den Willen seines Herrn nicht erfaßt.

Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?

Jede Faser in mir verneinte.

Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer Zeit, das war gewiß: ich empfand es zu übermächtig, als daß ich auch nur den Versuch gemacht hätte, es wegzuleugnen.

Buchstaben zu empfinden, sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu lesen, – einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt, was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen, sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff ich.

»Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht«, fiel mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein.

»Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel«, wiederholten mechanisch meine Lippen, derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich plötzlich.

»Schlüssel, Schlüssel – –?« Mein Blick fiel auf den krummen Draht in meiner Hand, der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte, und eine heiße Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem Atelier führen könnte, peitschte mich auf.

Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und zog an dem Griffring der Falltüre, bis es mir schließlich gelang, die Platte zu heben.

Zuerst nichts als Dunkelheit.

Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.

Ich stieg hinunter.

Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang, aber es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, – Windungen, Ecken und Winkel, – Gänge geradeaus, nach links und nach rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen und dann wieder Stufen, Stufen, Stufen hinauf und hinab.

Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall.

Und noch immer kein Lichtstrahl. –

Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte!

Endlich flacher, ebener Weg.

Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich, daß ich auf trockenem Sand dahinschritt.

Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die scheinbar ohne Zweck und Ziel unter dem Getto hinführen bis zum Fluß.

Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften, und die Bewohner Prags hatten von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.

Das Fehlen jeglichen Geräuschs zu meinen Häupten sagte mir, daß ich mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie ausgestorben ist, befinden mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war. Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch fernes Wagenrasseln verraten.

Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise herumging!? In ein Loch stürzte, mich verletzte, ein Bein brach und nicht mehr weiter gehen konnte?!

Was geschah dann mit ihren Briefen in meiner Kammer? Sie mußten unfehlbar Wassertrum in die Hände fallen.

Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte mich unwillkürlich.

Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und hielt den Arm in die Höhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, falls der Gang niedriger würde.

Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an, und endlich senkte sich das Gestein so tief herab, daß ich mich bücken mußte, um durchzukommen.

Pötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.

Ich blieb stehen und starrte hinauf.

Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum merklicher Schimmer von Licht.

Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgendeinem Keller herunter?

Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um mich herum: die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert.

Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften Umrisse eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir, seine Stäbe zu erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen.

Ich stand jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.

Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte?

Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden konnte, dann klomm ich empor.

Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Mannshöhe über der andern.

Sonderbar: die Treppe stieß oben gegen eine Art horizontalen Getäfels, das aus regelmäßigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein herabschimmern ließ, den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!

Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung besser unterscheiden zu können, wie die Linien verliefen, und sah zu meinem Erstaunen, daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf den Synagogen findet, bildeten.

Was mochte das nur sein?

Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die an den Kanten Licht durchließ! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes.

Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drückte sie aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach, das von grellem Mondschein erfüllt war.

Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen Haufen Gerumpel in der Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.

Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben benützt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern immer wieder von neuem absuchte.

Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß ich den Kopf hätte durchstecken können, so viel aber sah ich:

Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks, denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer.

Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar, aber infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe Schlagschatten getaucht, die es mir unmöglich machten, Einzelheiten zu unterscheiden.

Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören, denn die Fenster drüben waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und nur im Getto kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken.

Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen was das wohl für ein sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.

Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge?

Die Umgebung stimmte nicht.

Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten Aufschluß gegeben hätte. – Die Wände und die Decke waren kahl, Bewurf und Kalk längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel, die verraten hätten, daß der Raum einst bewohnt gewesen.

Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als hätte ihn seit Jahrzehnten kein lebendes Wesen betreten.

Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es bestand.

Dem äußeren Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt.

Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?

Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer übers Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da langsam aufrollte.

Ein blitzender Punkt wie ein Auge!

Ein Metallknopf vielleicht?

Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem, altmodischem Schnitt hing da aus dem Bündel heraus.

Und eine kleine weiße Schachtel, oder dergleichen lag darunter, lockerte sich unter meinem Fuß und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten.

Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins Helle.

Ein Bild?

Ich bückte mich: ein Pagad!

Was mir eine weiße Schachtel geschienen, war ein Tarockspiel.

Ich hob es auf.

Konnte es etwas Lächerlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem gespenstischen Ort!

Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen mußte. Ein leises Gefühl von Grauen beschlich mich.

Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die Karten wohl hierhergekommen sein könnten, und zählte dabei mechanisch das Spiel. Es war vollständig: 78 Stück. Aber schon während des Zählens fiel mir etwas auf: Die Blätter waren wie aus Eis.

Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so erstarrt waren meine Finger. Wieder haschte ich nach einer nüchternen Erklärung:

Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den unterirdischen Gängen, die grimmige Winternacht, die Steinwände, der entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß: – sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in der ich mich die ganze Zeit befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht haben. –

Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die Haut. Schicht um Schicht drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Körper ein.

Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen Knochens bewußt wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch festfror.

Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Füßen und nicht das Schlagen mit den Armen. Ich biß die Zähne zusammen, um ihr Klappern nicht zu hören.

Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände auf den Scheitel legt.

Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden Schlaf des Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel einhüllen kam.

Die Briefe, in meiner Kammer – ihre Briefe! brüllte es in mir auf: man wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre Rettung in meine Hände gelegt! – Hilfe! – Hilfe! Hilfe! –

Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die öde Gasse, daß es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!

Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben, durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen Knochen schlagen sollte, um mich zu erwärmen.

Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich stürzte darauf zu und zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider.

Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von uraltmodischem, seltsamem Schnitt.

Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.

Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und spürte meine Haut langsam, langsam wärmer werden. Nur das schauerliche Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen. Regungslos saß ich da und ließ meine Augen wandern: die Karte, die ich zuerst gesehen, – der Pagad, – lag noch immer inmitten des Zimmers in dem Lichtstreifen.

Unverwandt mußte ich sie anstarren.

Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den hebräischen Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfränkisch gekleidet, den grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben, während der andere abwärts deutete.

Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ähnlichkeit mit meinem, dämmerte mir ein Verdacht auf? – Der Bart – er paßte so gar nicht zu einem Pagad, – – ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke zu dem Rest des Gerümpels, um den quälenden Anblick los zu sein.

Dort lag sie jetzt und schimmerte – ein grauweißer, unbestimmter Fleck – zu mir herüber aus dem Dunkel.

Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu beginnen hätte, um wieder in meine Wohnung zu kommen:

Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen, damit sie mir von außen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne heraufbrächten! – Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gänge zurückzufinden, würde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende Gewißheit. – Oder, falls das Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom Dach mit einem Strick – –? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich war: Ein Zimmer ohne Zugang – nur mit einem vergitterten Fenster – das altertümliche Haus in der Altschulgasse, das jeder mied! – schon einmal vor vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um durchs Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und – Ja: ich war in dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!

Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkämpfen konnte, lähmte jedes Weiterdenken und mein Herz fing an, sich zu krampfen.

Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da so eisig aus der Ecke herüberwehte, sagte es mir vor, schneller und schneller, mit pfeifendem Atem – es half nicht mehr: dort drüben der weißliche Fleck – die Karte – sie quoll auf zu blasigem Klumpen, tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurück in die Finsternis. – Tropfende Laute – halb gedacht, geahnt, halb wirklich – im Raum und doch außerhalb um mich herum und doch anderswo, – tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer – erwachten: Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze im Holz stecken bleibt!

Immer wieder: Der weißliche Fleck – – – der weißliche Fleck – –! Eine Karte, eine erbärmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie ich mir ins Hirn hinein – – – umsonst – – jetzt hat er sich dennoch – dennoch Gestalt erzwungen – der Pagad – und hockt in der Ecke und stiert herüber zu mir mit meinem eigenen Gesicht.

Stunden und Stunden kauerte ich da – unbeweglich – in meinem Winkel, ein frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! – Und er drüben: ich selbst.

Stumm und regungslos.

So starrten wir uns in die Augen, – einer das gräßliche Spiegelbild des andern. – – –

Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter Trägheit über den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und fahler werden? –

Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, daß er sich auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam.

Ich hielt ihn fest.

Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben – um das Leben, das mein ist, weil es nicht mehr mir gehört. – –

Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in sein Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinüber zu ihm und steckte ihn in die Tasche – den Pagad.

Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer.

Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein Flaschenhals. Tote Dinge und doch so merkwürdig bekannt.

Und auch die Mauern – wie die Risse und Sprünge dann deutlich wurden! – wo hatte ich sie nur gesehen?

Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand – es dämmerte mir auf: hatte ich die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?

Es war ein uraltes Tarockspiel. Mit hebräischen Zeichen. – Nummer 12 muß der »Gehenkte« sein, überkam's mich wie halbe Erinnerung. – Mit dem Kopf abwärts? Die Arme auf dem Rücken? – Ich blätterte nach: Da! Da war er.

Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte ein Bild vor mir auf: Ein geschwärztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mürrisches Hexengebäude, die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus verwachsen. – – – Wir sind mehrere halbwüchsige Jungen – ein verlassener Keller ist irgendwo – – –

Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre: Der altmodische Anzug war mir völlig fremd.

Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch als ich hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen an einem Eckstein.

Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!

Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet, und ich zwängte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.

Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich. Aber als sie mich sahen, stießen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.

Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich.

Und ich erwartete, daß ein Zusammenlauf von Menschen entstehen würde, denen ich mich verständlich machen könnte, aber wohl eine Stunde verging, und nur hie und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren.

Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen Polizisten kamen – die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?

Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gänge ein Stück weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.

Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von Licht hinab?

Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern gekommen war, fort – über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene Keller – erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich – – im Hausflur des schwarzen Schulhauses, das ich vorhin wie im Traum gesehen.

Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bänke, bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plärrender Gesang, ein Junge, der Maikäfer in der Klasse losläßt, Lesebücher mit zerquetschten Butterbroten darin und der Geruch nach Orangenschalen. Jetzt wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. – Aber ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim.

Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische Gebete herunter.

Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los. Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser, entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen.

Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: – ich trug noch immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem Anzug, und die Leute glaubten, den »Golem« vor sich zu haben.

Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen Fetzen vom Leibe.

Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden Mäulern schreiend an mir vorüber.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.