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Der gestohlene Raffael

Franz Roswalt: Der gestohlene Raffael - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titleDer gestohlene Raffael
publisherVerlag Ullstein
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid0578d8db
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[7]

Seit zwei Tagen regnet es ununterbrochen in London. Ein Heer von schwarzglänzenden Schirmdächern wandert durch die Straßen, quillt aus den Tubes, sitzt auf den Dächern der glitschenden Autobusse.

Am Charing Croß artet es aus zu einem gefährlichen rollenden, hupenden Getümmel.

Unter den vielen Gesichtern der Fußgängerströme, die in zwei entgegengesetzten Richtungen durch die Straßen fluten, taucht das des Assistenten Friedrich Holl auf. Sein Gesicht ist blaß, er scheint sehr ermüdet zu sein – von Strapazen, von einer anstrengenden, aufregenden Reise vielleicht.

Als er über Trafalgar Square geht, liest er Nelsons berühmte Worte:

England expects
every man will do his duty!

Es ist eine eigentümliche Sache um jemanden, der nicht seine Pflicht tut, der sie verletzt. Es läßt ihn nicht mehr los, es geht bergab mit ihm. Rasend schnell bergab.

Es ist noch nicht Zeit, zu Phil Nicholas zu gehen, Holl schlendert zum Embankment hinaus, die Themse spiegelt Lichter wider und rollende Züge und weite wimmelnde Brücken.

Rauchiger Nebeldunst steigt auf und weht herüber.

Das Laub der Bäume schlägt schwer und feucht zusammen und bespritzt ihn.

Er geht hin und her, von der Eisenbahnbrücke bis zu der Bank, immer wieder, als wüßte er nicht mehr, wohin er sich wenden sollte.

Längst verschwimmen die Lichter der Weltstadt in den Nebelschleiern, die Herbstnacht hat sich über London gesenkt.

Phil Nicholas erwartet Holl in seinem Arbeitszimmer, er sitzt in einem mächtigen Klubsessel vor dem breiten englischen Kamin, in dem die Scheite knallend und flammenzuckend verbrennen.

Übrigens die einzige Stelle in diesem Raum, die nicht von Regalen bedeckt ist, in denen unzählige Bücher aufgestapelt sind. »Ich freue mich, Sie bei mir zu sehen!« ladet er den jungen Mann ein, der zögernd in dem anderen Sessel am Kamin Platz nimmt. Einige Sekunden herrscht nach dieser Begrüßung Schweigen, Phil Nicholas starrt in die gelben Flammen, die dann und wann in die seltsamsten Farbtönungen übergehen.

»Rauchen Sie Pfeife?« fragt er zerstreut. Holl dankt. Er hat auch größere Sorgen im Augenblick, ihm ist nicht, wenn man so sagen darf, so gemütlich zumute, daß er den Wunsch hätte, mit Herrn Nicholas pfeiferauchend in den Kamin zu blicken; auch wenn dies eine außerordentlich beruhigende Tätigkeit ist.

»Ich stehe vor einem Rätsel!« sagt er dumpf und verzweifelt. Sein Gegenüber wirft ihm einen schnellen Blick zu, dann widmet er wieder seine ganze Aufmerksamkeit dem Tabak, den er sorgfältig in den Pfeifenkopf drückt.

Er lehnt sich mit sichtlichem Behagen tief zurück und beginnt zu rauchen.

»Ich verstehe, mein Lieber«, beginnt er wie ein Dozent hinter dem Vorlesungskatheder in seinem schönen klaren Deutsch, »daß Sie unruhig sind und daß Sie so schnell wie möglich meinem Freunde Dr. Voß Resultate mitteilen wollen – das kann ich verstehen. Nun – wenn Sie nicht ruhiger werden, dann werden Sie leider umsonst nach London gekommen sein, wie gefällt es Ihnen nebenbei hier, haben Sie sich die Stadt schon angesehen?«

Der Assistent schüttelt müde den Kopf.

»Das ist nicht recht von Ihnen«, doziert Nicholas weiter, »erstens ist hier vieles, was sehenswürdig genug ist, zweitens müssen Sie sich eine genaue Stadtkenntnis aneignen, wenn Sie Erfolg haben wollen.«

Er ist sichtlich mit seinem jungen Gast unzufrieden.

Holl räuspert sich. »Herr Nicholas – Sie dürfen nicht denken, daß ich gleichgültig gegen alle diese Dinge bin, keineswegs, zu anderer Zeit würde ich mir jedes Denkmal ansehen – aber jetzt! Dr. Voß hat mir eine Gnadenfrist gewährt, in der ich mich rehabilitieren kann, gelingt es mir nicht, ist meine ganze Karriere vernichtet – alles wegen eines dummen niederträchtigen Zufalls – –!« Er kann nicht weitersprechen, er bricht mitten im Satz ab und ballt verzweifelt die Hände zu Fäusten, die er gegen einen nicht vorhandenen Gegner schüttelt.

Phil Nicholas beugt sich zu ihm hinüber und klopft ihm wohlwollend auf die Schulter.

»Junger Freund, wenn der Doktor mir jemanden anempfiehlt, dann ist das mit der Galgenfrist nicht ganz so schlimm – und wenn er meint, daß der Fall auch für mich interessant sein dürfte, dann ist er nicht nur interessant – sondern auch lösbar.«

Er zieht seine Hand langsam zurück: »Erzählen Sie mir noch einmal den Hergang, ganz ruhig, nur Tatsachen, keine Vermutungen!«

Der Assistent beruhigt sich bei diesen vernünftigen Worten etwas und beginnt nachzudenken. »Wir hatten das Verbrechernest in Hamburg bombardiert und erstürmt – die Entflohene und ihr Komplize waren nicht mehr da, die Bilder fanden wir in einem Koffer versteckt.«

»Wer fand die Bilder?«

»Ich glaube, Herr Kommissar Morris.«

»Ah – Edgar Morris von Scotland Yard, ein tüchtiger Mensch, ein zuverlässiger Mann – raucht er noch immer nicht?«

Der Assistent kann trotz seines Kummers ein schwaches Lächeln nicht unterdrücken. »Nein, er kaut nur.«

Nicholas ist befriedigt, er will weiterhören.

»Dr. Voß ließ sich die Überlebenden der Bande in den Hof kommen, wo er sofort einen Lokaltermin abhalten wollte – ich sollte inzwischen die Bilder in demselben Koffer, in dem man sie gefunden hatte, nach Berlin bringen und im Polizeipräsidium abliefern.« Er beißt sich gequält auf die Lippe; denn er hat die Bilder nicht abgeliefert.

Nicholas sieht ihn nachdenklich an. »Können Sie sich auf einen gewissen Augenblick noch besinnen – ich denke jetzt an die Situation, als man Ihnen den Auftrag erteilte, die Bilder zu transportieren – können Sie mir das ganz genau, bis in die kleinste Einzelheit schildern?« Der Assistent überlegt.

»Ich kam mit Herrn Morris aus der ersten Etage in das Erdgeschoß. Hier war alles von den Explosionen vollkommen verwüstet. Herr Dr. Voß erwartete uns in einem einigermaßen unversehrten Nebenzimmer – der Koffer stand dort. Dann öffnete Herr Dr. Voß den Koffer und sagte: ›Ich habe hier eine kleine Überraschung‹, irgend etwas dergleichen sagte er.«

Nicholas fragt: »Halt! Wie sahen die Bilder aus, was für Bilder waren es – und wer war von dem Fund unterrichtet?«

»Es waren die Cowper-Madonna und der unechte Rembrandt aus Berlin; beide Bilder waren aus ihren Rahmen herausgenommen – nein, der Rembrandt war noch in seinem Originalrahmen – sie waren beide sehr sorgfältig und sachkundig verpackt – der Koffer bestand aus stabilen Rohrplatten.«

Er versucht, sich weiter an Einzelheiten zu erinnern.

»Herr Dr. Voß überreichte mir den Koffer und betonte, daß dieser Auftrag eine Art Auszeichnung, einen Vertrauensbeweis darstellte – ja, er sagte, außer ihm, Herrn Morris und mir wüßte niemand von diesem Transport.«

Phil Nicholas lacht. Er beginnt ohne ersichtliche Ursache herzlich und unbekümmert zu lachen, der Assistent sieht ihn verwirrt an. »Seit wann ist Morris Bilderliebhaber?« fragt Nicholas.

»Aber wieso denn?« fragt Holl, ohne zu begreifen.

»Na – wie Sie das eben erzählt haben – außer dem Doktor und Ihnen und Morris war der Transport niemandem bekannt – muß ich doch annehmen, daß Morris der Attentäter ist; denn der Doktor dürfte kaum in Frage kommen – und Sie wohl auch nicht!«

Holl gibt sich keine Mühe, seine offensichtliche Enttäuschung zu verbergen; wenn das alles ist, was der berühmte englische Gerichtssachverständige Nicholas, auf den sein Chef alle seine Hoffnungen setzt, herausbekommt, dann kann man getrost einen Strick kaufen und sich aufhängen; man kann auch in die Themse springen oder sich erschießen, jedenfalls wird man nicht mehr nach Berlin zurückkehren und sich dort bestrafen lassen.

»Machen Sie nicht so ein ernstes Gesicht!« tadelt Nicholas.

»Ich habe keinerlei Veranlassung, heiter zu sein!«

»Oho?«

Phil Nicholas scheint außerordentlich erstaunt zu sein, daß der junge Mann nicht geneigt ist, sich seiner Heiterkeit anzuschließen. »Wie ging es denn weiter?« fragt er wieder ernst.

»Ich fuhr mit der nächsten Taxe zum Hauptbahnhof, bis zum fahrplanmäßigen D-Zug hatte ich noch zehn Minuten Zeit etwa.«

»Wo verbrachten Sie diese zehn Minuten?«

»Ich trank an einem Ausschank Kaffee, dann begab ich mich sofort in den Zug, den Koffer legte ich ins Netz über mir – er konnte nicht berührt werden, ohne daß ich es bemerken mußte!« Er senkt den Kopf und beginnt erbittert zu grübeln; denn hier ist der Punkt, an dem sich alle seine Gedanken und Überlegungen brechen – er weiß nicht mehr weiter.

Nicholas klopft seine Pfeife aus.

»Mindestens fünf Minuten hatten Sie also noch zu warten – falls Sie nicht während des Kaffeetrinkens mit irgend jemandem sich unterhalten haben, sprachen Sie nicht doch mit irgendeiner Person, oder wurden Sie angesprochen?«

»Nein! Ich hatte meine ganze Aufmerksamkeit auf den Koffer gerichtet und auf meinen Auftrag, ihn unbemerkt und unversehrt nach Berlin zu bringen!«

»Der Hamburger Hauptbahnhof ist sehr belebt – stiegen nicht in letzter Minute Mitreisende ein, waren überhaupt noch keine im Abteil?«

»Nein! Ich hatte absichtlich ein leeres Abteil gewählt. Und zwar ein sogenanntes Halbabteil, Sie wissen, ein Abteil, das am Gangende liegt und nur für drei Personen berechnet ist.«

Nur die Scheite im Kamin knallen, sonst ist es ganz still; die Wohnung Nicholas' liegt draußen am Kensington Garden, ganz entfernt flattern dann und wann die Signale einer Autohupe vorüber.

»Das war Ihr Fehler«, sagt Nicholas gedankenvoll, »daß Sie durchaus allein reisen wollten – ich kenne das gut, immer dasselbe, man träumt da vor sich hin – von diesem und jenem. Sie sind jung, vielleicht dachten Sie an Ihre Braut, wenn Sie eine haben – ich wünsche es Ihnen nicht, bleiben Sie Junggeselle wie ich, es ist das beste – es ist nichts mit diesen Bräuten, sie lenken einen ab!«

Der Assistent wird tiefrot, seine Hände zittern.

»Ich muß Ihnen noch – eine Vermutung mitteilen, Herr Nicholas!«

»Los, los!«

»Ich glaube – aber ich weiß es nicht bestimmt, wirklich nicht! – daß ich Fräulein Marchaud auf dem Bahnsteig vorübergehen sah, es war für mich eine große Überraschung, sie dort zu sehen, ich vermutete sie in Berlin – ich sprang von meinem Platz auf und lief auf den Gang hinaus – ich sah, ich glaubte sie zu sehen, wie sie ein paar Schritte entfernt bei einem Kofferkarren lehnte – und da verließ ich auf einen ganz kurzen Augenblick noch einmal den Wagen und suchte sie – sie war plötzlich verschwunden, wenn sie überhaupt jemals dagewesen war.«

»Warum nicht?« meint Nicholas zuversichtlich. »Warum soll sie nicht in Hamburg gewesen sein. Der Doktor schreibt mir über sie, sie muß ein ganz charmantes Mädelchen sein – aber Sie sehen wieder, es ist nichts mit den jungen Mädchen, sie lenken einen ab!«

»Sie hat mir den Koffer gestohlen!« knirscht der Assistent.

»Nicht so hastig!« macht der Sachverständige, er scheint überhaupt nicht für Übereilungen zu sein, alles muß seinen geregelten Gang gehen. »Sie betraten dann wieder Ihr Abteil – sagen wir nach zwei Minuten, Sie werden nicht nach der Uhr gesehen haben, diese jungen Mädchen machen einen ja ganz verwirrt – und da fanden Sie dann die ganze Bescherung vor, der Koffer war verschwunden mit der echten Madonna und dem unechten Mynheer van Huygens – Sie erstatteten sofort Ihrem Chef Bericht, das einzig Richtige nebenbei, und der Doktor tat wiederum das, was man von einem Manne wie er ist, annehmen darf, er riß Ihnen nicht den Kopf ab, sondern versah Sie schleunigst mit Geld und Paß und riet Ihnen in Ihrem eigensten Interesse, Ihren Fehler unverzüglich wieder gutzumachen – na, so kommt man wenigstens zu einer Reise nach London, ich hätte mich als junger Mann sehr gefreut, wenn man mich nach Berlin geschickt hätte.«

»Glauben Sie denn, daß ich gerade hier die Spur entdecken werde?« fragt Holl beklommen. »Warum gerade London, wie kommt Herr Dr. Voß auf London?«

»Nur London!« sagt Nicholas überzeugt, »aber Sie müssen sich beeilen, in zwei, drei Tagen gehen große Überseedampfer ab, wenn wir sie bis dahin nicht haben, ist es aus«; er spricht sich nicht weiter darüber aus, ob er mit »sie« die Bilder oder die Geflüchteten meint.

Sie sitzen sich noch ein paar Minuten gegenüber, dann erhebt sich Nicholas: »Mein lieber Holl – jetzt muß ich Sie leider entlassen, nehmen Sie's mir nicht übel; ich bekomme noch Besuch, und Sie würden sich sicherlich langweilen, denn es ist eine ganz alte Dame, die nur von Bronzen spricht. Ich bin außerdem dafür, daß Sie sich ein wenig mit der Stadt bei Nacht vertraut machen, Sie werden's vielleicht gebrauchen können – wir wollen doch in drei Tagen alles in Ordnung gebracht haben! Ich erwarte Sie morgen zum Mittagessen – wenn nichts dazwischenkommt bei Ihnen, man weiß das niemals, also: Bye, bye!«

Gerade als der Assistent das Gartentor hinter sich schließt, fährt ein Auto vor, dem eine Dame entsteigt. Es ist der Besuch, den der alte Junggeselle da oben erwartet; im Vorübergehen sieht er einen Moment ihr Gesicht – es ist das Gesicht einer jungen, außerordentlich schönen Frau, man könnte eine Schauspielerin oder dergleichen vermuten.

Na warte, alter Junge, denkt er bei sich, so einer bist du!

*

Einsam ragt die Nadel der Kleopatra in den Nachthimmel, der Regen hat etwas nachgelassen, von Zeit zu Zeit treibt ein Windstoß Graupelschauer herab.

Vor den Eingängen der großen Hotels halten noch immer die Automobile, langsam schieben sich die Ketten blinkender Wagenlichter weiter, die exklusive Gesellschaft verläßt die Bälle und Galaabende und begibt sich nach Haus.

Holl geht langsam auf einen dieser hellen Paläste zu, jetzt kann er schon die Menschen erkennen, die in die Wagen steigen, ein Portier läuft mit einem riesigen Schirm hin und her, obgleich es gar nicht mehr regnet, im Vorraum wartet eine Herrengruppe, die Frackhemden leuchten weiß, die kostbaren Abendtoiletten der Damen glitzern im schimmernden Schmuck.

Gerade geleitet der Portier wieder eine Dame zu ihrem Auto, eine zierliche junge Dame, die sich fröstelnd in das Cape hüllt – der Assistent stutzt, er tritt etwas näher heran – kennt er nicht dieses mächtige Automobil – diese elegante junge Dame – kennt er sie nicht?!

Eddie Marchaud will gerade einsteigen, als sie sich flüchtig umdreht, vielleicht ein Zufall, vielleicht hat sie die brennenden Augen des jungen Mannes irgendwie gespürt; sie sieht ihn jetzt, er steht dicht neben ihr und starrt sie an: »Eddie – Fräulein Marchaud?!« » Mon dieu!« ruft sie aus und bleibt stehen. »Wo kommen Sie her – was machst du hier, mein armer Junge – wie siehst du aus, du siehst schrecklich aus, Fred!« Sie sprudelt immer noch in ihrer bestrickenden Unbekümmertheit alles heraus, was ihr gerade durch den Kopf geht; als sei nichts geschehen, als hätte niemals ein Dr. Voß in Berlin sie verhört.

Als sei alles wie früher, sie die kleine schüchterne Sekretärin und er der junge tüchtige Kriminalbeamte, dem man bedenkenlos Millionenwerte anvertraut, weil man sie bei ihm am sichersten glaubt. Holl bemüht sich, ruhig zu bleiben, er gibt sich selbst das Stichwort: Ruhe, nur Ruhe bewahren, sonst ist alles verloren! Er bringt kein Wort heraus, das Wiedersehen ist zu unerwartet gekommen, er ist zu sehr verblüfft von der großartigen Aufmachung dieser kapriziösen – Frau; die kleine Eddie ist ohne Zweifel eine Grand'-Dame geworden, sie ist nicht mehr das kleine verschüchterte Geschöpf wie früher – oder war das alles nur Mache, verstellte sie sich nur geschickt? In seine Überlegungen hinein hört er ihre Stimme: »Weißt du, Fred, wir gehen noch einmal in die Hall zurück, du mußt mir erzählen, du weißt doch, mich interessiert es so, was du treibst, wie es dir geht, komm, kein Widerspruch, bitte!« Sie gibt sehr selbstsicher Anweisung, daß der Wagen nach Hause fahren könne, sie käme später nach, der Herr würde sie begleiten.

In der großen eleganten Hall sitzen nur noch wenige Gäste, es ist schon sehr spät – oder noch sehr früh, wie man will.

»Zwei Cocktails!« bestellt sie. »Ich hoffe, Fred, du trinkst mit mir zur Gesellschaft, ich bin entsetzlich durstig, und allein schmeckt's mir nicht.« Ihre Hand kommt schmeichlerisch über die Marmorplatte des Tisches und berührt ganz wenig die seine; er kann gerade einen Hauch dieser kleinen kühlen Hand spüren. Wie in Abwehr zieht er die seine zurück.

Sie blickt ihn erstaunt an, erst jetzt scheint sie die Veränderung ganz zu sehen, die auch mit ihm vorgegangen ist.

»Was hast du, Fred?« fragt sie leise.

»Nichts!« entgegnet er rauh. »Dir scheint's ja gut zu gehen, das ist die Hauptsache!« Er mustert mit offensichtlichem Hohn ihre kostbare Toilette; von Assistentengehältern kann man so was natürlich nicht kaufen! Sie wird unter diesem Blick etwas verwirrt. »Brown braucht eine Gesellschafterin – er geht nicht gern allein aus, vous savez –, deshalb wünscht er, daß ich ihn begleite. Und ich kann doch nicht in meinen schlechten alten Sachen hierherkommen!«

Er lacht bitter auf.

Sie fährt zusammen, ihre Augen bekommen einen bösen, flimmernden Glanz, er hat früher diesen Ausdruck in ihrem Gesicht nicht bemerkt. »Fred, wenn du so zu mir bist, gehe ich und lasse dich allein!« Sie nimmt hastig ihre Tasche und sucht irgend etwas, das Tuch, den Puder, vielleicht will sie Tränen vortäuschen.

Der Kellner bringt die Cocktails.

Holl hat plötzlich einen neuen Gedanken: »Wie war's in Hamburg?« fragt er lauernd und beobachtet sie scharf. Sie trinkt ruhig.

Dann stellt sie das Glas wieder zurück und läßt den Strohhalm zurückgleiten. »Ich weiß nicht, was du von mir willst.«

Er beugt sich vor.

»Was ich von dir will? – Was ich von dir will, weißt du nicht? Du hältst mich wahrscheinlich für blind und für so vertrottelt, daß ich mir von dir irgendwie imponieren lasse – daß ich dir jetzt sogar glaube, daß du niemals in Hamburg warst, sag's doch gleich, du warst niemals in Hamburg und hast mich niemals im Zuge gesehen und hast niemals darauf gewartet, daß ich aussteige und den Koffer ohne Aufsicht lasse!«

Jemand dreht sich gelangweilt nach ihnen um – der junge Mann scheint dieser charmanten kleinen Frau eine Eifersuchtsszene zu machen! Sie schüttelt ratlos den Kopf.

»Ich war nicht in Hamburg – welchen Koffer meinst du nur?«

Er sinkt müde in seinen Sessel zurück. Auf diese Weise wird man nichts aus ihr herausbekommen. Aber er muß alles erfahren, sofort, noch diese Nacht muß er hinter das Geheimnis kommen. Er überlegt einen Augenblick.

»Gut, du warst nicht in Hamburg – warum sollte ich dir eigentlich nicht glauben; was macht ihr jetzt in London, ich meine, weshalb ist dein Chef mit dir hierhergefahren? Nur, um dir diese großartigen Abendkleider zu kaufen?«

»Man sollte dir überhaupt nicht antworten, Fred«, sagt sie gereizt und macht sich zum Gehen fertig, »es lohnt sich nicht. Früher, als ich dich kennenlernte, warst du ein netter Junge – jetzt bist du schrecklich; bessere dich!« Sie steht auf. Er winkt hastig den Kellner an den Tisch und zahlt. »Wohin willst du jetzt?«

Sie verzieht den Mund.

»Ich kann gehen, wohin ich will, aber wenn du es durchaus wissen mußt, ich fahre in unser Hotel!« Sie ist schon ein paar Schritte vorausgegangen, als er sie wieder einholt. Sie sieht ihn nicht an, als sie sagt: »Du brauchst mich nicht zu begleiten, danke.«

»Aha – du gehst also nicht nach Haus?«

Sie wartet auf die Taxe, die der Portier herangepfiffen hat. Ohne zu antworten steigt sie ein.

Ich darf sie jetzt nicht aus den Augen verlieren, überlegt er schnell, sie weiß schon zu viel, ich habe mich durch meine Aufgeregtheit verraten. Er zwingt sich mit aller Gewalt zur Ruhe. »Schließlich wirst du doch nichts dagegen haben, daß dich ein alter Bekannter nicht nachts allein in London sitzen läßt – wo darf ich dich hinbringen?«

Sie sieht ihn unter fast geschlossenen Lidern an: »Ins Mayfair.«

»Mayfair!« ruft er dem Schofför hastig zu und steigt ein.

Während der kurzen Fahrt sprechen sie kaum miteinander. Holl versucht ein paarmal an das Vorhergegangene anzuknüpfen, doch Eddie Marchaud zeigt nicht die geringste Lust, auf seine Fragen einzugehen; sie scheint ernstlich verstimmt zu sein.

In die Wagenecke gedrückt, preßt sie das schmale Gesicht, das er hin und wieder beim Schein vorüberhuschender Lampen erkennen kann, gegen das weiche Polster des Fonds.

Was ist sie? zerquält sich der junge Mann das Hirn: eine große Verstellungskünstlerin, die uns alle an der Nase herumführt, eine Komplizin Palls oder wenigstens der Leute, die mit ihm in Verbindung stehen? Oder rede ich mir das alles ein? Sind ihre Widersprüche etwa doch erklärlich, war sie wirklich nicht in Hamburg, war alles das Zufall, der mysteriöse Überfall im Flugzeug, ihr Verhalten bei dem Bootsbrand und die Zeitungsannonce – warum las sie gerade am selben Morgen, als wir sie entdeckt hatten, eben diese Annonce, die für den Komplizen Ora Lees bestimmt war. Warum? Dann wieder erinnert er sich ganz vage des ersten Abends, an dem sie zusammen einen harmlosen netten Bummel machten – auch damals wieder trafen sie zufälligerweise Brown, immer der Zufall! Wirklich immer Zufall, gab es so viele Zufälle?

Er erwägt die Chancen, die er noch hat. Man wird sie nicht aus den Augen lassen dürfen, und wenn er die ganze Nacht vor dem Hotel wachen muß, vor allen Dingen muß Brown auf Schritt und Tritt verfolgt werden – hier ist vielleicht der große Unbekannte zu finden, vielleicht ist Brown Pall, vielleicht ist er nur sein Hehler – vielleicht!

Wenig später erreichen sie das Mayfair.

Hier erwartet den Assistenten eine neue Überraschung, die alle seine Erwägungen zunichte macht, seine Vermutungen über den Haufen wirft. Denn es ist inzwischen etwas ganz Unerwartetes geschehen!

*

»Er hat ja noch Licht!« ruft Eddie Marchaud aus, als sie den Wagen verlassen haben. Holl folgt ihrer Hand, die auf mehrere Fenster im zweiten Stock zeigt; sie sind hell erleuchtet.

Sie bleibt unentschlossen stehen.

»Was kann nur sein? Hat er mich etwa erwartet – ist etwas nicht in Ordnung?« Ihre Stimme hat plötzlich wieder den Klang jener kindlichen Erschrockenheit und Unsicherheit, die sie so rührend macht. Unwillkürlich muß Holl an die kleine Eddie Marchaud denken, mit der er einmal einen herrlichen Abend verlebt hat – in einem großen, leeren, ausgestorbenen Vergnügungspark; zum Teufel mit diesen Erinnerungen! Er wendet ihr wieder den Blick zu: »Findest du dabei etwas?« bemüht er sich möglichst kühl und gleichgültig zu fragen. »Ich würde mich sogar wundern, wenn dich Brown nicht erwarten würde – vielleicht hat er ein Anrecht darauf!«

Sie überhört scheinbar diese Andeutung.

»Fred – lassen wir jetzt all das von vorhin, tue mir doch einen einzigen Gefallen, bitte, tue ihn mir!«

»Und das wäre?«

»Warte hier auf mich – ich – ich fürchte mich so – wer weiß, was inzwischen dort oben geschehen ist, Brown war in letzter Zeit so seltsam, immer hatte er Nervenanfälle – und dann diese schrecklichen Angstzustände! Mon dieu, wenn er mir nicht leid täte, ich hätte mir längst eine andere Stellung gesucht!«

Er nickt. »Gut, ich warte hier.«

Er begleitet sie bis zum Lift. Als der Boy mit ihr hinaufgefahren ist, setzt er sich in einen der Sessel. Man mußte abwarten; was sie ihm eben erzählt hatte, konnte seinen wachen Argwohn noch lange nicht zerstreuen, hier war irgendwo die Lösung des Rätsels zu finden, sie hatte soviel Beweise von Verstellungskunst gegeben, daß dies hier nur ein weiterer zu sein brauchte. Aber diesmal sollte sie ihn auf dem Posten finden.

Ungefähr eine Viertelstunde vergeht, bis er ihre Stimme plötzlich leise seinen Namen rufen hört: »Fred – Fred!« Wahrhaftig, er war inzwischen eingenickt. Wenn sie sich ihm hätte entziehen wollen, sie hätte es ganz bequem tun können. Man soll nicht, wenn man todmüde ist, kriminalistische Experimente machen.

Sie steht in dem offenen Lift und winkt ihm lebhaft zu, der kleine Boy neben ihr grinst diskret zur Seite. »Fred, bitte komm herauf, Brown will dich sehen – er sagt, er muß mit dir sprechen!«

Er fährt mit ihr hinauf.

Sie können sonst etwas anstellen, diese beiden, weder Brown noch diese junge Dame, die vorgibt, seine Sekretärin zu sein, werden ihn bluffen. Er fühlt sich wieder ganz wach, die Müdigkeit ist wie fortgeblasen, die Spannung seiner Nerven hält ihn aufrecht.

Während sie zu der Tür des Appartements gehen, in dem der Kunsthändler wohnt, flüstert sie ihm noch erregt zu: »Erst wollte er dich nicht sprechen, ich habe ihm so lange zugeredet, bis er die Einwilligung dazu gab, daß ich dich holte – er weiß gar nicht mehr, was er will und was er nicht will!«

Rede nur, denkt der Assistent ingrimmig bei sich, verstelle dich, mache mir weiter diese alberne Komödie vor; es rührt mich nicht mehr.

Al Brown erwartet sie in dem mittelsten Raum der Zimmerflucht, er sitzt, mit einem seidenen Schlafrock bekleidet, hinter dem mächtigen Schreibtisch und starrt vor sich hin.

In jeder Ecke brennt Licht, alle Beleuchtungskörper des Appartements sind angedreht vom Lüster im Arbeitszimmer bis zu der kleinen Seidenschirmlampe neben dem Bett.

Als sie eintreten, schreckt er ein wenig zusammen, er erhebt sich mit steifen Gliedern und streckt Holl die Hand hin: »Sie wundern sich, junger Mann, well – man wundert sich manchmal über seine Mitmenschen!« Er macht eine Handbewegung, die auf die freien Stühle weist. Der Assistent nimmt langsam Platz; Brown macht in der Tat einen ganz merkwürdigen Eindruck – eigentlich nicht den eines Verbrechers, das erkennt das geschulte Auge Holls sofort.

»Was führt Sie nach London?« fragt Brown gleichgültig, er verstellt sich gar nicht, ein Kind kann merken, daß diese Frage bloße Höflichkeit ist.

Holl überlegt, was er vortäuschen soll. »Ich mache eine kleine Studienreise, Herr Brown.«

Eddie Marchaud betritt in diesem Augenblick wieder das Zimmer, sie setzt sich sehr leise in einen Sessel.

»Ah, eine Studienreise!« wiederholt Brown sinnlos, »eine Studienreise, soso!«

»Und Sie, Herr Brown? Ist Ihre Versicherungsangelegenheit endlich erledigt – zu Ihrer Zufriedenheit?«

Er empfängt einen kurzen, mißtrauischen Blick ... »Geht jetzt in Ordnung«, brummt Brown, »so weit in Ordnung; es hätte sich beinahe wieder hinausgezögert, weil in der Presse Meldungen verbreitet wurden, die Berliner Kriminalpolizei hätte eine großangelegte Aktion auf den Schlupfwinkel einer Verbrecherkolonne unternommen. Diese Aktion brachte man auch verschiedentlich in Zusammenhang mit meiner Madonna, aber wie Sie ja wissen, hat man gar nichts gefunden, – außer ein paar Rowdies, die jetzt im Gefängnis sitzen.«

Der Assistent sieht ihn aufmerksam an; was wollte der Mann? Denn daß er irgendeine ganz bestimmte Absicht damit verband, daß er ihn mitten in der Nacht heraufkommen ließ, war außer Zweifel. Holl fühlt zur Sicherheit nach seinem Revolver, er steckt griffbereit.

Brown macht eine Geste, die besagt, ach lassen wir doch das alles! Er sieht an dem Assistenten vorüber zu Fräulein Marchaud, sie nimmt seinen fragenden Blick auf und nickt kaum merklich mit dem Kopf. Entschlossen faßt Brown in seine Hosentasche – unwillkürlich greift Holl nach dem Revolver, aber er kommt nicht mehr dazu, ihn zu ziehen, der andere hat ein Stück Papier aus der Tasche herausgeholt, ein einfaches, zerknittertes Briefpapier; er wirft es vor sich auf den Tisch und winkt den jungen Mann heran. »Lesen Sie!«

Herrn Brown, Mayfair!

Sie finden sich am 23. Oktober morgens 6 Uhr im Hause 14, Corfieldst., ein. Sie händigen uns einen Scheck über Pfund 250 000. – aus und werden nach Einlösung wieder freigelassen. Sie werden gewarnt, unserer Aufforderung in irgendeiner Weise entgegenzuhandeln oder die Polizei zu benachrichtigen! Wir beobachten Sie!

Holl legt den mysteriösen Drohbrief wieder zurück; er sagt kein Wort, denn diese ganze Angelegenheit scheint ihm zu plump darauf angelegt zu sein, ihn zu bluffen. Er lächelt sogar.

»Was haben Sie,« fragt Brown gereizt, »haben Sie denn nicht gelesen?«

»Ich habe alles gelesen!« nickt Holl.

Der Kunsthändler nimmt nervös den Brief an sich. »Ja, aber – was sagen Sie denn dazu, was halten Sie denn davon – begreifen Sie denn nicht, man bewacht mich, man will mir ans Leben – man erpreßt mich!« Er blickt wild um sich.

»Sie nehmen doch das hoffentlich nicht ernst?« sagt der Assistent gemessen.

Brown lacht schrill auf. »Nicht ernst – junger Mann – wenn man Sie erst mal aus dem Flugzeug herausgeholt hat, mitten in der Nacht herausgeholt, dann werden auch Sie so was ernst zu nehmen lernen, glauben Sie mir! Die Kerle müssen außerordentlich genau informiert sein, sie bestimmen gerade den Tag nach dem Termin, an dem ich meine Police honoriert erhalte – Sie wissen, daß man mir ungefähr die Summe von 250 000. – Pfund zahlt, und auf die Summe haben sie es abgesehen – und ich bin wehrlos, ich bin machtlos, ich bin schutzlos!« Er bricht wieder in ein verzweifeltes, grauengeschütteltes Lachen aus.

»Ja, aber«, fragt der Assistent erstaunt, »warum nehmen Sie denn nicht die Polizei in Anspruch – das ist doch selbstverständlich, heutzutage läßt man sich doch nicht mehr erpressen – und um eine solche Summe!«

Brown winkt resigniert ab. »Glauben Sie mir nur – die Kerle haben mich aus der Luft heruntergeholt, sie werden mich auf der Erde auch zu finden wissen – und die spaßen nicht, die bringen mich um, damned, die machen ganz kurzen Prozeß mit mir!«

»Ich würde an Ihrer Stelle erst recht zur Polizei gehen!« antwortet der Assistent kalt. »Gerade was Sie eben äußerten, muß Sie dazu bestimmen; wenn es sich tatsächlich so verhält, wie Sie sagen, dann wird man Sie zu schützen wissen, verlassen Sie sich darauf!« Er zuckt verächtlich die Mundwinkel, wie klar er diese Komödie durchschaut. Und gerade Fräulein Marchaud, die er früher einmal geliebt hat, gerade sie muß diese Komödie mitspielen!

Brown durchwandert die hell erleuchtete Zimmerflucht mit großen, unruhigen Schritten, seine Hände machen abgehackte fahrige Bewegungen: »Polizei – mir hilft keine Polizei der Welt – was meinen Sie, wenn ich damit ankomme – man mißtraut mir, man hilft mit, mich zu ruinieren – ich bin schon halb verrückt über dieses verfluchte Madonnenbild geworden – hätte ich's nie gesehen – sie werden mich umbringen, jetzt geht's mir ans Leben – damned!« Er sinkt erschöpft in einen Sessel, furchtbare Nervenzuckungen überlaufen ihn wellenartig, der ganze Körper zittert.

Holl sieht den Kunsthändler erschrocken an, das kann doch keine Komödie mehr sein, das sieht doch verdammt echt aus – sollte sein Verdacht unbegründet sein, bereitete sich hier vielleicht unter den Augen der Polizei ein neues, entsetzliches Verbrechen vor – und niemand half?!

Er erhebt sich. »Ich würde Ihnen auf jeden Fall raten, Herr Brown, sofort die Behörden zu verständigen!«

Al Brown blickt ihn hilflos an: »Ich kann es ja nicht – ich kann es ja nicht!« murmelt er.

Der Assistent wendet sich zur Tür. »Ich muß Sie jetzt verlassen, Herr Brown, soll ich die geeignete Dienststelle für Ihre Affäre interessieren?«

Der Kunsthändler kommt langsam auf ihn zu. »Wie wollen Sie das machen?« fragt er unschlüssig, »komme ich dadurch nicht noch mehr in Gefahr – werden auch diese Banditen nicht davon erfahren?«

Holl kann sich noch nicht in die Angstzustände des anderen hineinfinden – er beruhigt ihn indessen: »Niemand wird etwas davon erfahren!«

Brown reicht ihm dankbar zum Abschied die Hand. »Bitte, lassen Sie sich öfter sehen, Herr Holl, kommen Sie jeden Tag vorüber, ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar.«

Eddie Marchaud begleitet den Assistenten hinunter. »Ist das nicht entsetzlich, Fred?« sagt sie leise. »Glaubst du mir, daß es für mich eine starke Nervenprobe bedeutet, bei diesem Menschen aushalten zu müssen – man weiß niemals, wann die Wirklichkeit aufhört und der Verfolgungswahn beginnt. Wir waren schon bei den verschiedensten Nervenärzten, sie können nicht helfen.«

»Der Brief ist kein Verfolgungswahn«, antwortet er düster, »der ist Tatsache, eine höchst unangenehme Wirklichkeit, mit der man zu rechnen hat!« Sie stehen sich in der leeren prunkvollen Halle gegenüber, der Nachtportier döst in seiner Loge, zwei Pagen sitzen verschlafen neben der Eingangstür.

Er ergreift behutsam ihre Hand. »Hast du Angst, hinaufzugehen, Eddie, fürchtest du dich vor ihm?« Er fühlt ihren schlanken, zarten Körper zittern bis in die bebenden Schultern.

»Ja! Aber ich bemitleide ihn zu sehr, als daß ich ihn jetzt verlassen könnte – oft klingelt er mich mitten in der Nacht in sein Zimmer, er hat mitunter Halluzinationen, dann schreit er: ›Man will mich umbringen!‹«

»Wir wollen uns morgen mittag treffen, Eddie – wie früher. Ich hole dich ab – wirst du auf mich warten?«

»Ja, Fred, ich werde warten.«

Ohne sich um die Pagen zu kümmern, die neugierig zu ihnen hinübersehen, nimmt er die kleine Marchaud in seine Arme und küßt sie.

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