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Der gestohlene Raffael

Franz Roswalt: Der gestohlene Raffael - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titleDer gestohlene Raffael
publisherVerlag Ullstein
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid0578d8db
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[5]

Für zehn Uhr morgens ist die Überführung Ora Lees ins Untersuchungsgefängnis angesetzt. Die Verdachtsmomente haben sich als derart belastend erwiesen, daß die Kriminalpolizei ihre Arbeit im Fall Lee zunächst einstellen kann. Jetzt entscheidet der Untersuchungsrichter.

Kurz vor der festgesetzten Zeit steht im Innenhof des Polizeipräsidiums das dunkel gestrichene Automobil bereit, wenig später führt ein Beamter die Frau aus ihrer Zelle zum Wagen, die Tür wird hinter ihr geschlossen, durch das Drahtgeflecht des Fensters sieht sie noch, wie ein anderer Begleitmann Platz nimmt.

Die schweren Tore öffnen sich, der Transportwagen rollt hinaus. Der Polizist in dem kleinen Vorraum des Automobils hat schon manchen Eingelieferten vom Präsidium nach dem Untersuchungsgefängnis transportiert, er hat heute seine eigenen Gedanken; flüchtig sah er die Frau, die er zu bewachen hat, sah das schöne wachsbleiche Gesicht, das sich unter einem Schleier vor den Blicken der Welt zu verbergen sucht – wie kam sie auf diesen Weg, der sie nun ins Gefängnis führt? Er blättert in den Akten, man kann es kaum glauben, was an Beweismaterial gegen sie zusammengetragen ist, aber die Frau hinter dem Gitterfenster hat es ja selbst eingestanden und mit ihrem Namen unterschrieben. Der Beamte blättert kopfschüttelnd weiter. Seltsam ist oft das Menschenschicksal, unbeständig und unfaßlich. Seine Gedankengänge werden jäh unterbrochen, ein heftiger, stoßartiger Ruck macht den Raum erzittern.

Plötzlich hält der Wagen.

Instinktiv faßt er nach seinem Revolver, draußen entsteht ein verworrener Lärm, erregte Stimmen poltern schimpfend. Der Beamte sieht einen Privatwagen dicht neben dem Transportautomobil, der andere ist ihnen mit ziemlicher Kraft in die Flanke gefahren, sie befinden sich in einer stillen, verkehrsarmen Seitenstraße, wahrscheinlich ist das fremde Auto zu schnell eingebogen oder in überschneller Fahrt aus der Nebenstraße herausgekommen – schon sammeln sich Neugierige um die Unfallstelle.

Der Begleitmann öffnet die Tür, vorn ist der Schofför in einen heftigen Streit mit dem Führer des schuldigen Autos geraten, der andere Mann verteidigt sich: »Was willst du überhaupt – du bist zu schnell gefahren! Könnt eure Leute nie schnell genug hinter die schwedischen Gardinen bringen – Halunken ihr!«

Der begleitende Polizist springt jetzt mit einem Satz heraus und eilt seinem bedrohten Kameraden zu Hilfe, denn er sieht, daß ihr Gegner Miene macht, tätlich zu werden.

Ein Haufen fragwürdiger Gestalten drängt sich in einem dichten engen Kreis um sie herum, die Situation wird bedrohlich.

Vorbereitet! erkennt der Beamte jetzt, man hat den Transportwagen überfallen, er greift schnell entschlossen nach der Polizeipfeife, aber ehe er das Signal geben kann, fällt ihm ein bärenstarker Mann in den Arm und dreht ihm die Hand auf den Rücken.

Das scheint das verabredete Zeichen für die Komplizen zu sein, der Kreis der Neugierigen, der bis jetzt durch Gemurmel und Gesten die Anklagen des Schofförs gegen die Polizei unterstützt hat, drängt gegen die Beamten vor, im Nu sind sie gegen die Wagenwände gedrängt, man entreißt ihnen die Revolver.

Das Signal, das die nächste Polizeistreife alarmieren soll, wird nicht gegeben, denn der Mann, der die Pfeife an den Mund setzen wollte, stürzt schwer getroffen zu Boden, das Gejohle des wüsten Haufens übertönt sein ächzendes Stöhnen.

Inzwischen stürzt ein anderer in das Gefangenenauto hinein, er hat dem Überwältigten, der sich – noch am Boden – verzweifelt wehrt, die Schlüssel entrissen und schließt mit ganz schnellen gewandten Griffen die Tür auf, die in den Innenraum führt, er ergreift die Frau an der Hand und reißt sie heraus.

Ora Lee ist unfähig, einen Schrei auszustoßen, eine Frage zu stellen, Freude zu äußern, das Ganze kommt ihr anscheinend genau so unerwartet wie den Polizeibeamten, die immer noch der vielfachen Übermacht zu widerstehen suchen.

Doch hier kämpft das Gesetz gegen einen Feind, dessen Macht weitverzweigt durch all die unzähligen Kanäle der Unterwelt fließt, einen Feind, der in den Weltstädten der Kontinente seine Komplizen hat – hier hat seine gewalttätige Hand urplötzlich aus dem geheimnisvollen Dunkel heraus zugegriffen, hat den Gang der Dinge aufgehalten.

Ora Lee ist frei, ein bereitgestelltes Automobil rast mit ihr davon. Als die Polizeistreife herbeieilt, findet sie nur noch einen demolierten Transportwagen und zwei Beamte, die ein Haufen wüsten Gesindels, der inzwischen in alle Winde zerstoben ist, übel zugerichtet hat.

Alles ist unglaublich schnell vor sich gegangen, von langer Hand vorbereitet. Sogar die Akten sind während des Kampfes verschwunden, alle Arbeit der Kommissare ist umsonst gewesen, die so sorgsam geführte Beweisaufnahme des Kommissars Morris ist hinfällig, denn das Protokoll ist mit den anderen Akten geraubt worden.

»Warum habt ihr denn nicht gleich das Signal gegeben?« erregt sich der Offizier, der die Streife führt, »Sie wissen doch«, wendet er sich an den Begleitmann, der immer noch benommen an der Wagenwand lehnt, »daß Sie nicht nur den Gefangenen, sondern auch ständig den Weg zu beobachten haben, den Ihr Auto nimmt!«

Der Polizist wischt die Blutspuren ab, die von einem heftigen Schlag gegen das Nasenbein herrühren; anscheinend ist er fürs erste zufrieden, daß er noch am Leben geblieben ist.

»Ich begleite wohl den hundertsten Transport, Herr Leutnant, aber so was ist mir noch nie passiert. Einmal hatte ich die Brüder Basch drinnen, Sie erinnern sich sicherlich, daß wir damals auch angehalten wurden und uns ohne Hilfe herausgearbeitet haben – aber diesmal war es wirklich schon zu spät.« Er sieht den Schofför an, der zustimmend nickt. »Ich hatte kaum meinen Wagen zum Stehen gebracht, da sprang ja schon so'n Kerl auf mich zu und ging mit den Fäusten auf mich los!« verteidigte er sich erregt. »Ich verließ sofort meinen Platz im Wagen«, sagt der Transportbegleiter, »aber darauf hatten die Kerle wohl gewartet, denn sie fielen alle über mich her, ehe ich überhaupt die Pfeife heraushatte – wenn ich wenigstens noch einen Schreckschuß hätte abgeben können. Teufel nochmal, das ging alles so schnell, das hatten sie gut vorbereitet!«

Der Polizeileutnant, ein junger, schneidiger Kerl, seufzt bekümmert. Er ist stolz darauf, in seinem als übel berüchtigten Bezirk die größtmögliche Ordnung hergestellt zu haben – und jetzt kommt so eine dumme Sache dazwischen, ein überfallener Transport, eine befreite Gefangene und zwei mißhandelte Polizisten.

Er läßt fluchend den Wagen abschleppen und macht sich an die Berichterstattung.

*

Die kleine Sekretärin empfängt Dr. Voß und seinen Assistenten in Abwesenheit ihres Chefs Brown im Arbeitszimmer des Kunsthändlers, das zu seinem eleganten Appartement in dem luxuriösen Cityhotel gehört.

»Sie entschuldigen die kleine Störung«, leitet Dr. Voß äußerst höflich und vorsichtig ein, »wir wollen Sie nicht länger als unbedingt nötig aufhalten, nur ein paar kleine nebensächliche Fragen – ich muß sie stellen. Sie wissen ja, die Pflicht geht vor!« Kein Mensch würde ihm ansehen können, daß er in der vergangenen Nacht nicht eine Stunde zum Schlafen gekommen ist, daß er sofort beim Erhalt der Hiobsbotschaft von Ora Lees gewaltsamer Befreiung sich aufs neue in das Gewirr von Vermutungen und Spuren gestürzt hat. Holl bewundert im stillen die unerschöpfliche Ausdauer und den Elan seines Chefs, ein Mißerfolg, der ja bekanntlich keinem Menschen und besonders nicht einem Kriminalisten erspart bleibt, scheint Dr. Voß eher anzuspornen als irgendwie zu erschüttern.

» Keep smiling!« pflegt er zu sagen. »Immer lächeln! Immer gute Miene zum bösen Spiel machen, einmal klappt's doch, und dann haben wir sie!«

»Bitte, setzen Sie sich doch, Herr Doktor«, fordert die Sekretärin mit ihrem arglosesten Gesicht auf; niemand könnte jetzt auch nur für den Bruchteil einer Sekunde an eine etwaige Mitschuld dieses Mädchens glauben. Man sieht doch, daß sie nichts zu fürchten hat. »Setzen Sie sich doch auch, Herr Holl!« wiederholt sie ihre Aufforderung noch einmal – und fügt mit einem etwas verschämten Niederschlagen ihrer Augen, was sie übrigens ausnehmend anziehend macht, hinzu: »Setz dich doch, bitte!«

»So ist's recht«, meint der Doktor sehr zufrieden, »ich sehe, daß Sie meinem Besuch Verständnis entgegenbringen, verehrtes Fräulein Marchaud – und daß Sie meinen lieben Holl gut behandeln; ich freue mich für ihn mit.«

Der sonst so gewandte Assistent setzt sich ziemlich verlegen seiner Freundin gegenüber, diese Aussprache ist ihm recht unangenehm, man weiß wahrhaftig nicht, wie man sich verhalten soll. Und zu allem dieser dumme nagende Verdacht, man kann ihn doch nicht ausschalten, wie man an irgendeine andere Sache einfach nicht mehr denkt; er muß immer darüber nachdenken. Dr. Voß scheint weder seine Befangenheit zu bemerken noch die verstohlenen Blicke, die ihm Fräulein Marchaud zuwirft, wenn sie die Augen des Kommissars auf das Fenster gerichtet glaubt; aber man braucht nicht unbedingt aus dem Fenster zu sehen, es befindet sich ganz in der Nähe ein sehr hübscher Wandspiegel – eigentlich ist der Kommissar nicht gerade als ein eitler Mann zu bezeichnen, aber heute sieht er häufig in den Spiegel.

Und stellt hin und wieder eine belanglose Frage.

»Können Sie uns nicht ein bißchen über das Nachtfest erzählen, Fräulein Marchaud, wir möchten doch auch mal gern hören, was es da alles Gutes zu essen gab – Holl schwärmt so für Eis, na und ich, sprechen wir gar nicht davon!«

Sie blinzelt den neugierigen Kommissar freundlich an: »Ich kann mich kaum an etwas erinnern«, bedauert sie, »wir wollten gerade die Tafel aufheben, da bemerkten einige Gäste den Qualm, der von draußen hereinzog – wir hatten gar nichts davon bemerkt!« Sie beißt sich auf ihre kleine, sehr rote Unterlippe, als hätte sie jetzt schon viel zu viel gesagt.

Der Doktor lächelt ihr freundlich zu, er beißt gerade langsam die Spitze seiner Zigarre ab, in diesem Augenblick ist er immer mit sich und aller Welt zufrieden, auch wenn diese Welt aus nichts als aus Bosheit und Verstocktheit besteht, aus nichts als aus Rätseln und unverständlichen Dingen.

Aber er liebt ja das Rätselraten, dieser Doktor!

»Gestatten Sie, daß ich rauche?« fragt er gelassen.

»Oh – bitte sehr; hier ist Feuer!«

»Hier wird man verwöhnt, mein Lieber!« bemerkt er zu seinem Assistenten, der seine Unruhe kaum zu verbergen vermag.

»Ach, ich vergaß, Fräulein Marchaud, sehen Sie, ich vergaß – Sie saßen also bei Ausbruch des Brandes an der Tafel – und dann sprangen wohl die ersten auf und schrien ›Feuer!‹ – und was taten Sie in diesem kritischen Augenblick?«

»Ich – oh, ich kann mich nicht besinnen, Herr Doktor!«

Sie zieht ein reizendes Schmollmündchen, zu häßlich, sie ausfragen zu wollen; aber aus ihr wird man nichts heraushorchen.

»Besinnen Sie sich, bitte!« sagt er mit einiger Schärfe.

Es ist merkwürdig, wie sich manche Menschen durch eine scheinbare Freundlichkeit einlullen lassen – und wie sie dann, wenn man plötzlich mit ihnen »deutsch« zu sprechen beginnt, wie es so schön heißt, erschrocken von ihrem kleinen törichten Hochmut lassen. Die Sekretärin wird sichtlich noch blasser, als sie ohnehin schon ist, und zittert. Sicherlich ist ihr jetzt dieser Doktor der unsympathischste Mensch in der Welt – er hat sie ja geradezu angefahren. ›Besinnen Sie sich, bitte!‹ sagte er, aber es klang wie: ›Ich kann auch anders sein, mein kleines Fräulein!‹

»Oh – ich – ich sprang mit auf, und wir begaben uns an Deck – dann brannte es immer stärker, überall schlugen die Flammen heraus – es war ja schrecklich!« Sie blickt die beiden Männer Mitleid heischend an.

Dr. Voß saugt nachdenklich an seiner Zigarre. »Da blieben Sie nun an der Reling – hm, und warteten?«

Sie bemerkt anscheinend nicht, daß der Assistent gespannt zu ihr hinüberblickt, daß er geradezu an ihren Lippen hängt, es sieht fast aus, als wollte er ihr die Antwort in den Mund legen.

Sie übersieht das alles und antwortet mit verblüffender Sicherheit: »Ja!«

Der Kommissar lacht herzlich, sein junger Assistent zuckt bei diesem Ton nervös zusammen. »Ach, Holl – wo holten Sie Ihre kleine Freundin heraus – sie stand doch an der Reling, wie?«

Der junge Mann sieht verzweifelt zu der Sekretärin hinüber.

»Na, besinnen Sie sich etwa auch schon nicht mehr?« ermuntert sein Vorgesetzter mißbilligend.

»Doch, jawohl – ich fand Sie unten neben der Bar, Fräulein Marchaud!«

Der Doktor wendet ihr langsam den Blick zu.

»Oh!« ruft sie erschrocken aus, »ja, sehen Sie, Herr Doktor, ich vergaß – nachher ging ich hinunter, ich wollte etwas holen – meine Tasche, meine Handtasche.«

Der Assistent verfolgt ihre Rechtfertigungsversuche mit hoffnungsloser Miene; er kennt seinen Chef und weiß nun, wie dieses scheinbar so harmlose Verhör enden wird, – sie werden die kleine Marchaud mitnehmen, alle Zukunftsträume dürften als begraben gelten; er seufzt.

»Sicherlich hatten Sie wichtige Dokumente in dieser Tasche oder einen Haufen Geld, Fräulein Marchaud?« forschte der Kommissar weiter. Schritt für Schritt drängte er sie jetzt zurück, Widerspruch auf Widerspruch muß sie zugeben. Sie sucht unruhig nach ihrem kleinen Spiegel und fährt sich ein paarmal heftig mit einer winzigen Puderquaste übers Gesicht. Ihre Augen blicken hin und wieder scheu diesen gefährlichen Menschen an, der doch das erfährt, was er von ihr erfahren will: Oh, sie haßt ihn! Sie haßt ihn, wie sie ihn jetzt fürchtet.

»Sie geben mir wohl zu«, ermahnt er sie väterlich, »daß Sie zuerst merkwürdigerweise von Ihren Exkursionen in das Schiffsinnere nichts erwähnt haben, sondern ruhig behaupteten, Sie hätten mit den anderen an Deck gestanden – das ist der erste Widerspruch. Und jetzt kommt hinzu, daß Sie – nach Ihrer Behauptung – Ihrer gewiß sehr schönen und wertvollen Handtasche wegen den gefährlichen Ausflug in das Innere des brennenden Schiffes wagten – da muß doch diese kleine Tasche eigentlich recht große Werte enthalten haben, glauben Sie nicht auch?!«

Sie sieht verlegen zur Seite.

»Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich über diesen Punkt ein wenig aussprächen, Fräulein Marchaud!«

»Es waren doch die Bilder darin!« stößt sie endlich hervor und preßt ihre kleinen schmalen weißen Hände ineinander.

»Welche Bilder?« fragt der Doktor ungläubig.

»Von ihm!«

»Von wem sprechen Sie jetzt, Fräulein Marchaud?«

Sie antwortet nicht. Sie sucht schüchtern das Gesicht des jungen Mannes, der kerzengerade neben seinem Vorgesetzten sitzt. Er hält den Stenogrammblock in der Hand und ist bereit, alles, auch das Tollste, aufzunehmen. Er ist zu allem bereit, dieser Assistent! Der Doktor denkt einen Augenblick lang nach, dann drückt er den Zigarrenstummel energisch aus, wirft dabei einen raschen Blick auf seinen Gehilfen und auf diese hübsche junge Dame ihnen gegenüber, die er soeben vernommen hat und der er einige recht erhebliche Widersprüche nachweisen kann. Diese interessante junge Dame, die, um die Fotos seines Assistenten für sich retten zu können, in ein Meer von Flammen hineingeht, wo sie eben dieser junge Mann wieder herausholen muß.

»Ich beneide Sie, Holl!«

Der Assistent klappt verständnislos den Block zu, ist die Vernehmung etwa mit diesem Tollhausstückchen beendet – es scheint fast so; dann nehmen sie die kleine Marchaud bestimmt mit.

Aber der Doktor erhebt sich mit seinem liebenswürdigsten Gesicht und macht der Sekretärin eine Verbeugung: »Ich danke Ihnen, Fräulein Marchaud, ich hoffe auch, daß Sie die Unannehmlichkeit, die ich Ihnen bereitet habe, verzeihen können!«

Sie scheint selbst über die unerwartete Wendung der Dinge erstaunt, sie findet keine ihrer gewandten nichtssagenden Entgegnungen, sie nickt nur stumm. Bestimmt ist sie froh, ihren Besucher los zu sein. Beim Hinausgehen fällt dem Kommissar noch etwas ein.

»Darf ich noch schnell telefonieren, Fräulein Marchaud?«

»O bitte, Herr Doktor!« Sie hat bereits ihr übliches argloses Lächeln wiedergefunden, das ihrem Gesichtchen den Reiz des Kindlichen gibt. Der Kommissar verlangt das Sanatorium, wo Brown untergebracht ist.

»Sie werden von Herrn Brown nichts erfahren können«, entfährt es ihr, »ich hörte, daß er mit niemand sprechen darf!«

»Macht nichts, macht gar nichts«, winkt er ab.

Das, was die Sekretärin vorausgesagt hat, entspricht den Tatsachen; die Sanatoriumsleitung bedauert, Herrn Brown den Aufregungen eines Verhörs keinesfalls unterziehen zu dürfen, beachte man diese Warnung nicht, so sei das Allerschlimmste für den Patienten zu befürchten, die Nerven seien in einem derartig mitgenommenen Zustand – der Herr Kommissar müßte einige Zeit Geduld haben.

Dr. Voß beendet das Gespräch ohne das geringste Zeichen von Unmut oder Enttäuschung, die kleine Marchaud kann sich trotzdem einen triumphierenden Blick nicht versagen.

»Sehen Sie, meine kleine Dame«, sagt der Doktor gemütlich zu ihr, »diesmal haben Sie wieder recht gehabt – wünsche gute Erholung.«

Als er mit dem Assistenten wieder im Dienstauto sitzt, fragt er: »Nun, was halten Sie von den Aussagen dieser reizenden jungen Dame, hm?« Er sieht seinen Gehilfen listig von der Seite an, es macht ihm anscheinend viel Spaß, wie sich Holl windet und aus der Verlegenheit, in die ihn die Beantwortung dieser Frage versetzt, zu ziehen sucht. »Man kann es natürlich nicht so ohne weiteres sagen, Herr Doktor«, erwidert er endlich äußerst vorsichtig, »ich persönlich – vielleicht bin ich hier nicht ganz objektiv!«

Dr. Voß sieht vergnügt vor sich hin.

»Bestimmt nicht, Bester! Bedenken Sie doch – sie hat sich in die Flammen gestürzt, um Ihre Bilder herauszuholen, ich rate Ihnen, junger Freund, rühren Sie niemals eine Spielkarte an, wenn Sie sich meine Freundschaft zu erhalten wünschen; denn Sie würden unweigerlich Ihr ganzes Gehalt verspielen, Sie haben zuviel Glück in der Liebe!«

Holl schüttelt den Kopf; etwas bedrückt ihn, er druckst an einer Antwort herum, er findet sie nicht. Statt dessen fragt er endlich: »Glauben Sie, Herr Doktor, daß ich mit Fräulein Marchaud weiterhin verkehren darf – ich wollte schon lange darüber mit Ihnen sprechen.«

»Hätten Sie!« entgegnet sein Chef besorgt. »Jetzt kann ich Ihnen nicht mehr raten, jetzt sind Sie rettungslos verliebt, alle beide, denke ich annehmen zu dürfen, ohne meinen Scharfblick sonderlich anstrengen zu müssen!«

»Ja, aber!« machte der junge Mann ratlos.

»Ich glaube«, fährt der Doktor fort, »daß sie uns irgendwie etwas verschweigt, ich weiß allerdings noch nicht was, und warum sie es tut; sollte sie tatsächlich in Verbindung mit den Leuten stehen, die wir suchen – dann ist ja noch lange nicht gesagt, daß sie mitschuldig ist; sie könnte eine Art Opfer sein! Und dann müßte man versuchen, sie für die Gemeinschaft, die innerhalb der Gesetze lebt, wieder zu retten. Denn sie ist ein reizendes Mädel!«

*

Der gesamte Fahndungsdienst ist alarmiert. Ohne öffentliche Bekanntmachungen, ohne überflüssige und störende Aufmerksamkeit zu wecken, arbeitet die komplizierte Maschinerie geheimnisvoll und verblüffend schnell. Schon kurze Zeit nach der geglückten Befreiung Ora Lees entdecken die Behörden eine Spur, die nach Hamburg führt, bald hat man festgestellt, daß sich die Flüchtlinge bei Komplizen in einem berüchtigten Hause im Hafenquartier verborgen halten.

Sofort nehmen die Berliner Kriminalkommissare in aller Stille diese neuen Spuren auf und gehen ihnen bis ins kleinste nach. In weniger als vierundzwanzig Stunden wird der entscheidende Schlag gegen die Kolonne Pall vorbereitet.

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