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Der gestohlene Raffael

Franz Roswalt: Der gestohlene Raffael - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titleDer gestohlene Raffael
publisherVerlag Ullstein
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid0578d8db
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4

Die gewaltige Maschine des Schnellzuges taucht jenseits der Spree auf.

Die Wagen fahren mit klirrendem Rasseln in die Halle des Bahnhofs Friedrichstraße ein; die überall unauffällig postierten Kriminalbeamten behalten jeden Ausgang der vorüberrollenden Wagenkette im Auge, London über Hoek van Holland – Amersfoort – Hannover nach Berlin.

Der Doktor geht unruhig hinter seiner Postenkette auf und ab. »Wenn uns da unser englischer Kollege nur keinen Strich durch die ganze Rechnung macht«, meint er zu seinem Assistenten, der neben ihm hergeht; »das einzige, was bis jetzt feststeht, ist, daß die Lee das Adlon verlassen hat; aber was besagt das! Achten Sie vor allen Dingen darauf, ob Sie sie nicht irgendwo entdecken können, sie geht immer ziemlich auffallend angezogen.«

Der Bahnsteig ist im Augenblick mit Menschen angefüllt, rollende Gepäckkarren versperren den Weg, in dem Gewühl ist es fast unmöglich, jemand zu entdecken.

»Wenn ich wenigstens den ganzen Bahnsteig hätte absperren lassen können!« murmelt der Doktor ärgerlich. Unverkennbar wird die Situation mit jeder Minute unangenehmer für ihn, denn inzwischen findet im Adlon Haussuchung statt, die Folgen muß er in jedem Fall auf sich nehmen. Er liebt keinen Skandal, besonders nicht den unnötigen.

Ein Beamter in der Verkleidung des harmlosen Passanten tritt zu ihm: »Herr Kommissar Morris hat eben angerufen; er läßt bestellen › allright!‹ Dr. Voß winkt ab: »Gut, gut!« Allright ist das vereinbarte Kennwort für den Fall, daß die Haussuchung belastendes Material zutage gefördert hat. Der Assistent will gerade etwas sagen, als ihn sein Chef am Arm packt und vorwärtsschiebt: »Vierter Wagen, Holl, die Dame im roten Ledermantel mit dem weichen blauen Hut, das ist sie – sofort zu mir!«

Holl bahnt sich im Laufschritt den Weg durch die vom Bahnsteig flutende Menge.

Inzwischen besetzen die Kriminalbeamten unauffällig die beiden Ausgänge des vierten Wagens. Im Innern wird er bereits durchsucht. Das alles vollzieht sich mit einer auf Sekunden abgestimmten Präzision.

Gerade als Ora Lee eine kleine winkende Handbewegung macht, tritt der Assistent neben sie und fordert sie auf, ihm zu folgen. Sie sieht ihn erstaunt an, keine Miene verändert sich in ihrem schönen Gesicht, sie tut, als verstünde sie nicht. Sie spricht nicht deutsch. Er wiederholt die Aufforderung auf englisch, die schmale weiße Hand in dem weißen, kostbaren Handschuh sinkt herab.

Sie hat verstanden und folgt ihm.

Der Bahnsteig hat sich inzwischen geleert, der Vorfall bleibt unbemerkt, niemand ahnt, was hier geschehen ist, nicht einer der vielen Menschen, die den Zug verließen, hat sich auch nur umgedreht.

Im Automobil bringt Holl die elegante Frau, die verdächtigt wird, Komplicin eines der berüchtigtsten Verbrecher zu sein, nach dem Polizeipräsidium, wo der Doktor sie erwartet. Es ist ein Prinzip des Kommissars, seine unterstellten Organe völlig selbständig arbeiten zu lassen, er selbst befindet sich im Augenblick der Aktion, wenn es sich ermöglichen läßt, nicht mehr am Schauplatz, sondern arbeitet vor. Dieses Prinzip hat ihm den Ruf eines »Verbrecherschrecks« eingebracht, denn dank der geradezu unheimlichen Präzision, mit der er seine Unternehmungen vorbereitet, bewährt es sich in den meisten Fällen.

Doch diesmal kämpft er mit einem Gegner, der sich – wie der Kommissar selbst – geschickt im Hintergrund zu halten weiß. Die Kriminalbeamten haben den Zug vom Packwagen bis zum letzten Abteil durchsucht, die Dächer erklettert, sie sind unter die Achsen gekrochen und haben die Garderobenschränke des Zugpersonals durchstöbert; der Unbekannte, den Ora Lee erwartet hat, ist nicht gefunden worden.

*

Das scharfe Verhör, dem sich die Amerikanerin unterziehen muß, beginnt mit einem aufregenden, an die Nerven greifenden Zwischenfall. Als nämlich Kommissar Morris das Zimmer betritt, in dem das Verhör stattfindet, sinkt die Frau totenbleich auf ihrem Stuhl zusammen, ihre ganze gespielte Ruhe und Selbstsicherheit ist verflogen, sie schluchzt krampfhaft und ist zuerst unfähig, ein Wort zu sprechen.

»Die Briefe!« lallt sie endlich. »Die Briefe – geben Sie mir meine Briefe zurück!« Sie richtet sich mühsam empor, ein erneuter Schwächeanfall schüttelt sie, sie beginnt plötzlich hysterisch gellend zu schreien: »Die Briefe! Die Briefe! Dieb! Dieb!« Morris zeigt sich bedeutend ruhiger und gleichgültiger als der Dolmetscher, der das Protokoll vom Englischen ins Deutsche zu übertragen hat und der anscheinend vor Aufregung die passenden Vokabeln vergessen hat.

Kommissar Edgar Morris lächelt und läßt sich – ein Ereignis – eine Zigarette geben.

»Wie Sie sehen, Doktor«, sagt er lächelnd, »bin ich dieser Dame nicht ganz unbekannt. Allerdings kein lieber Bekannter, wie man gemeinhin zu sagen pflegt!« Er betrachtet sie.

»Die Briefe!« ächzt die Frau, »– er hat mich bestohlen, ein Dieb, ein Betrüger!«

Der Dolmetscher ist ebenso weiß wie die Frau, die überführt werden soll; es ist vielleicht das erstemal, daß er einer derartigen Vernehmung beiwohnt.

Morris greift in die Tasche und holt ein verschnürtes Paket heraus. »Hier sind sie! Leider mußte ich sie – wie sie allerdings mit Recht sagen, aus ihrem Schrankkoffer stehlen, Sie hatten damals die Güte, so lange in der Bar zu warten, entsinnen Sie sich? In der American Bar in Paris am Nachmittag nach der Vermont-Auktion!« Sie blickt mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Haß auf den Kommissar.

Man beginnt das Verhör.

»Sie sind geboren, Mrs. Lee, am 23. Februar 1902 in Kansas City, Sie heirateten Ihren Mann, dessen Namen Sie heute noch führen, vor vier Jahren in Chikago. Soweit uns bekannt ist, waren Sie damals eine der Attraktionen des Empire Night Club, ihr Mann verliebte sich in Sie und bot Ihnen sofort die Ehe an; Sie nahmen seine Werbung an. Sie traten an dieser Bühne nicht unter Ihrem bürgerlichen Namen Elsie Lingner auf, sondern unter einem sogenannten Bühnennamen Ora Flowers – stimmt das alles, Mrs. Lee?!«

Sie nickt ganz mechanisch.

Der Doktor macht eine kleine Pause.

Morris setzt sich in einen Stuhl, er streichelt mit einer liebevollen Gebärde die Briefe und fragt: »Geben Sie zu, Mrs. Lee, daß diese Briefe, Liebesbriefe, verzeihen Sie, meine Dame, an Sie gerichtet sind?«

»O ja!«

Morris lächelt unentwegt. »Sie kennen natürlich den Schreiber nicht?«

»N – nein!«

»Sie können ihn uns in keiner Weise schildern, damit wir ihn ermitteln können?«

»Nein!« murmelt sie mit flimmernden Augen. Sie hält sich sehr tapfer und bekämpft mit bewundernswerter Energie die Schwäche, die sie immer wieder zu überwältigen droht. »Darf ich Ihnen ein Stärkungsmittel bringen lassen, gnädige Frau, eine Erfrischung?« fragt Dr. Voß behutsam. Er quält nicht gern, er ist im Grunde ein weicher, fast zartfühlender Mensch. Dabei kehrt er mit Vorliebe den Grobian heraus, man kennt das schon an ihm.

Sie sieht ihn nicht an. »Etwas Wasser, Eau de Cologne please

Der Assistent geht hinaus, um das Gewünschte zu beschaffen.

Er kehrt nicht allein zurück, hinter ihm steht eine blasse junge Frau. Es ist eine Stenotypistin, die im Polizeipräsidium arbeitet, – sie hält eine Flasche Kölnisches Wasser in der Hand und nähert sich, als ihr Dr. Voß winkt, verlegen der eleganten Dame, die apathisch auf ihrem Stuhl sitzt.

Mit einem Ausdruck von Grauen und Mitleid tritt sie zu Ora Lee und feuchtet ihr mit ungeschickten Strichen Stirn und Wangen an. Die Verhörte erwacht aus ihrer dumpfen Benommenheit, sie sieht nur verschwommen die einfache Frau vor sich stehen, sie mag in den Augen der anderen lesen, sie erfaßt wieder das Zimmer, die Kommissare – und die ganze gräßliche Situation muß ihr in diesem Moment wieder voll zu Bewußtsein kommen; sie beginnt krampfhaft zu weinen und sucht mit zitternden Händen nach ihrem Taschentuch. Die Stenotypistin reicht ihr die Tasche und öffnet sie. Aber statt sich die Augen zu trocknen, stiert die Frau auf dem Stuhl ihre Umgebung an. Man gibt der anderen ein Zeichen, sich zu entfernen; sie geht mit zögernden Schritten ganz leise hinaus. Manche Träume und vage Vorstellungen von Glück, von Geld, um das sie bisher andere Frauen beneidete, mögen vielleicht seit dieser Stunde für immer in ihr erloschen sein; sicherlich würde sie jetzt um keinen Preis ihren harten Sitz vor der Maschine mit dem der eleganten Dame da oben vertauschen wollen. Es ist seltsam, auf welche Weise der Mensch sehend wird und erkennt.

Kommissar Morris setzt das Verhör fort. »Sie geben also zu, Mrs. Lee, einen Geliebten zu haben, der sich Jane nennt, Sie wollen uns aber nicht seinen vollen Namen sagen? Das ist Ihr gutes Recht!«

Sie schweigt.

»Sie werden aber zugeben müssen, daß Sie gestern nachmittag den Besuch einer Mittelsperson empfangen haben, die Ihnen eine Nachricht dieses Jane überbrachte?«

Sie schüttelt den Kopf.

Morris nickt heiter: »Doch, doch!«

*

Ihre Augen sind starr und groß geöffnet über einem hart geschlossenen Mund. Ganz langsam scheint sie sich auf etwas zu besinnen. »Ich kann den Beweis erbringen«, sagt sie endlich leise mit einer fremden veränderten Stimme, »daß ich gestern nachmittag keinerlei Besuch empfing, außer dem des Commander Johnson vom amerikanischen Marineamt. Er ist augenblicklich in Berlin, und da er ein guter Freund meines Mannes war, ist er häufig mein Gast.«

Ihr Gesicht wird von Zuckungen überlaufen. Man sieht, daß sie sich mit aller Gewalt zwingt, Fassung zu bewahren. Sie muß den Unbekannten, der gesucht wird, sehr lieben, denn um seinetwillen erträgt sie das alles.

»Telefonieren Sie sofort Mister Johnson an!« sagt Morris zu dem Assistenten. »Wo erreichen wir ihn wohl, gnädige Frau?«

Sie muß erst eine geraume Zeit nachdenken.

»Vielleicht im Wellenbad, er ist ein großer Sportsmann, vielleicht zu Hause, vielleicht in der Botschaft; ich weiß es nicht.« Sie zuckt die Schultern.

Zufällig ist der Zeuge wirklich im Wellenbad, es dauert ein paar Minuten, bis er an den Apparat kommt. Er verspricht, sofort der Ladung Folge zu leisten.

»Jetzt wird's dramatisch!« sagt Morris gleichmütig und kneift die Lippen ein. Er spricht mit sich selbst oder mit der gegenüberliegenden Wand.

Wahrscheinlich mit der Wand.

*

»Sie sind Commander Johnson, entschuldigen Sie die Frage, es ist Vorschrift!« beginnt Morris, als der Zeuge eingetreten ist.

Der hagere, braungebrannte Yankee verbeugt sich zustimmend.

»Sie kennen diese Dame?«

Johnson blickt freundlich auf Ora Lee. »Gewiß habe ich die Ehre, Mrs. Lee zu kennen. Als Freund ihres Mannes und auch schon lange vorher, sie hieß damals noch Flowers und tanzte.«

»Aha«, sagt Morris überrascht, »so ist das!«

Die Frau senkt gequält den Blick. Sie schämt sich vor ihrem Bekannten.

»Würden Sie nun die Güte haben, Mister Johnson, auf Ihr Ehrenwort! – mir zu sagen, ob zwischen Ihnen und dieser Dame Beziehungen bestehen oder jemals bestanden haben, die das, was man ›Freundschaft‹ zu nennen pflegt, überschreiten. Ich mache Sie pflichtgemäß darauf aufmerksam, daß Sie die Antwort verweigern können, ich überschreite mit dieser Frage meine Befugnisse, denn ich bin weder Richter noch Staatsanwalt. Indessen bedenken Sie, bitte, daß Mrs. Lee in schwerem Verdacht steht. Sie nützen ihr nicht durch ein unangebrachtes Taktgefühl! Sagen Sie also, was Ihnen beliebt. Wollen Sie uns Auskunft geben oder nicht?«

Der Commander sieht Ora Lee entsetzt an, es zeigt sich ganz deutlich in seinem ehrlichen Jungengesicht, daß er niemals daran gedacht hat, die Frau seines Freundes könnte irgendeiner Straftat beschuldigt werden, er scheint erst jetzt gewahr zu werden, wo er sich befindet; er muß angenommen haben, wegen einer nichtigen Paßformalität hierher gerufen zu sein.

Sie kann seinen Blick nicht ertragen, sie sinkt ganz in sich zusammen, ihre Schultern beben unter einem erneuten Weinkrampf. Der Offizier sieht sich ratlos um.

»Meine Herren – zwischen Mrs. Lee und mir besteht nichts weiter als Freundschaft, friendship im reinsten Sinne des Wortes!«

Morris nickt. »Das genügt uns vollkommen! Eine Frage noch – Sie nahmen gestern nachmittag den Tee bei Mrs. Lee?«

»Jawohl!«

»Ließ Mrs. Lee Sie nicht einmal allein, vielleicht zehn Minuten lang?«

Der Gefragte überlegt; dabei sieht er verständnislos in das erschrockene Gesicht der Frau. Er weiß nicht, warum sie bei dieser Frage so unruhig wird. Aber der Kommissar weiß es. »Ja, gewiß«, erinnert sich der Commander, »Mrs. Lee empfing im Nebenzimmer einen kurzen Besuch, so war es wohl.«

»Erinnern Sie sich zufälligerweise noch, was Mrs. Lee mit ihrem Besucher, einem Herrn, besprach?«

»Ich pflege nicht zu horchen!« sagt der Offizier mit scharfer Betonung.

»Ohne Absicht!« erwidert der Kommissar schlagfertig. »Sie mußten ja das Gespräch mit anhören, denn die Räume sind nur durch Portieren getrennt.«

»Es war ein ganz nebensächliches Gespräch über ein bestelltes Kostüm!« antwortet Johnson widerwillig.

»Sehen Sie! Was würden Sie nun davon halten, Commander, wenn Sie erfahren, daß, während im Nebenraum über ein Kostüm gesprochen wird, die Sprechenden sich mit dieser Beschäftigung hier die Zeit vertreiben?« Er reicht dem Bekannten Ora Lees ein Magazin, dessen Rand überall beschrieben ist: – morgen vormittag – nicht vergessen Bahnhof Friedrichstraße – er kommt aus London – alles vorbereitet – soll er bei mir wohnen? – wohin soll ich zuerst mit ihm? – besteht Gefahr? – mehr von dem verd. Kostüm sprechen, sonst merkt der drinnen etwas – war es so besser? – den Ausgang nach der Wilhelmstraße benutzen – allright!

Commander Johnson blickt erschrocken auf Ora Lee.

»Erkennen Sie die Handschrift Ihrer Gastgeberin?« fragt Morris beharrlich. Der Offizier wird blaß. Er sieht scheu auf das beschriebene Magazin – auf die gebrochene Frau – auf den Kommissar: »Ich bitte, mich jetzt gehen zu lassen!« sagt er gepreßt.

Nachdem Commander Johnson das Zimmer verlassen hat, entsteht ein bedrücktes Schweigen. Niemand wagt es zu unterbrechen, beide Kommissare haben sich an ihre Tische begeben und blättern in den Akten.

»Geben Sie zu, mit der Kolonne Pall in Verbindung zu stehen?« wendet sich Morris schroff an die Frau. Sie ringt nach Luft. »Nein«, schreit sie entsetzt auf, »nein – nein! Ich bin keine Verbrecherin, ich kenne keine Kolonne Pall!«

»Was ist das da?« fragt der Kommissar und hält ihr ein Stück Papier hin:

1476
phone Norden in these
days: w'are waiting for
fathers return.
I'm always living 108
Friedrichst.

»Haben Sie diese Annonce nicht verfaßt, Mrs. Lee?«

»Nein, nein!«

»Es ist aber Ihre Handschrift!«

Sie beißt sich auf die Lippen.

»Sie wissen nicht, wer diese Annonce, die Sie in englischer Sprache verfaßten, ins Deutsche übersetzt hat? Nun, ich will es Ihnen verraten. Es ist ein steckbrieflich verfolgtes Mitglied der Kolonne Pall – wir haben ihn heute am Bahnhof Friedrichstraße gefaßt – er hat schon gestanden, die Mittelsperson zwischen Ihnen und dem Mann zu sein, den Sie heute erwarteten! Kennen Sie eine Verbrecherkolonne, die unter dem Decknamen Pall arbeitet?«

»Ja – ich kenne sie.«

»Sie haben uns unnötig aufgehalten! Ich werde Sie bald Ihrem Komplicen gegenüberstellen, der übrigens auch die Annonce aufgab – er hatte zwar noch nicht ganz gestanden, aber ich glaube, er wird es jetzt tun; es ist auch das beste!«

Noch einmal fragt der Kommissar: »Wollen Sie uns nun Ihren Geliebten, der bestimmt ein Komplice Palls ist, näher bezeichnen?«

»Ich bitte, mich zu entlassen«, erwidert sie mit hoffnungsloser, müder Stimme.

Dr. Voß sieht sie sehr ernst an, er schüttelt langsam den Kopf.

»Nach den Ermittlungen des Herrn Kommissars Morris muß ich Sie leider in Haft nehmen – gnädige Frau!«

Er nennt sie noch immer so, obgleich sie überführt ist.

Nachdem die Frau hinausgeführt worden ist, tritt der Doktor auf seinen englischen Kollegen zu und schüttelt ihm die Hand. »Man kann getrost bei Ihnen in die Schule gehen, Morris!« sagt er anerkennend. »Das mit der Annonce ist geradezu unglaublich!«

»Frauen können sehr raffiniert sein«, meint der Mann von Scotland Yard gelassen, »aber sie vergessen meistens die Spuren zu verwischen, das Temperament geht mit ihnen durch.«

»Wen vermuten Sie hinter Jane?«

»Ich weiß es noch nicht. Bestimmt einer von den Pall-Leuten; wir werden ihn ermitteln!«

*

Als der Assistent am Abend dieses ereignisreichen Tages das Restaurant betritt, in dem er sich regelmäßig mit der jungen Dame aus Paris zu treffen pflegt, findet er Eddie Marchaud nicht; bis er in einer eleganten Dame, die über ihre große Abendtoilette einen Mantel geworfen hat, die Gesuchte erkennt.

Sie lacht geschmeichelt.

In dem oft unfreiwillig drolligen Deutsch, das sie bereits gelernt hat und mit dem sie zu gern brilliert, fragt sie stolz: » Alors Fred –« sie hat längst aus Friedrich Fred gemacht –, »wie findest du mich? Gefalle ich dir, wage es nicht zu widersprechen – ich bin heute Grand-Dame

Sie hebt ihr Teeglas behutsam an den Mund und trinkt einen ganz winzigen Schluck. »Sekt«, seufzt sie und verdreht die Augen wie jemand, der etwas außerordentlich Kostbares trinken darf, »ah, dieser Sekt hier ... wundervoll!«

»Du hast wohl einen reichen Freund gefunden?« fragt der junge Mann mißgestimmt, »natürlich ... während ich den ganzen Tag arbeiten muß, macht die junge Dame noble Bekanntschaften!«

Sie läßt sich ihre gute Laune keineswegs verderben, sie gibt immer noch einem nicht vorhandenen Kellner Anweisungen, ein erlesenes Menu zusammenzustellen. » Garçon, bringen Sie den Hummer!«

»Was belieben?« fragt der biedere Kellner erstaunt, der in diesen Räumen amtiert und nur den Unterschied zwischen »Stamm« und à la carte kennt.

»Was ißt du heute?« fragt Holl ärgerlich. »O – pas du ›Stamm‹«, wehrt sie vornehm ab. Der in zwanzig Jahren hier ergraute Betreuer notiert schmunzelnd »einmal« und hetzt davon.

»Willst du mir nun vielleicht endlich sagen, was das alles zu bedeuten hat?« fragt er nach einiger Zeit von neuem.

Sie faßt seine Hand und lacht. Sie freut sich, daß er eifersüchtig ist. »Wir geben eine Gesellschaft, Fred!«

Er entzieht seine Hand ihren schmalen weißen Fingern: » Wer?« – » Mon Chef ... Brown. Und ich helfe ihm die Honneurs machen!« Sie wiegt sich in den Hüften, zu gern würde sie jetzt den Mantel abwerfen, aber sie würde in dieser Umgebung zu sehr in ihrer kostbaren Toilette auffallen. Er sieht sie stumm an. »Woher hast du eigentlich soviel Geld – für das da?!« Er deutet auf die wertvolle Spitze, die er sehen kann.

Eine kleine senkrechte Falte – die sie übrigens vorzüglich kleidet – gräbt sich in ihre Stirn: »Du darfst nicht so fragen! Aber du kannst es ruhig wissen, Brown hat mir alles ausgesucht und geschenkt – ich sagte dir doch, daß er heute abend einen Empfang veranstaltet.«

Er ist augenscheinlich immer noch nicht beruhigt.

»Da, lies selbst!« Sie hält ihm eine Abendzeitung hin.

 

Aus der Gesellschaft

Wie uns mitgeteilt wird, gibt heute der bekannte Kunsthändler Al Brown einen Empfang, auf dem sich die gesamte Kunstwelt Berlins sowie die Spitzen der Gesellschaft und des Diplomatischen Korps zwanglos vereinigen werden.

Der Empfang, der auf einem eigens für diesen Zweck gecharterten Hausboot auf dem Wannsee stattfindet, verspricht ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges zu werden, über das wir noch ausführlich berichten werden.

 

Er reicht ihr das Blatt zurück. Es ist schwer, diese dumme, kleinliche Eifersucht zu unterdrücken; er fühlt mit Erstaunen, wie sehr er sich an die scharmante Pariserin gewöhnt hat. Er will ihr etwas Liebes sagen, will das Vorhergegangene vergessen machen; doch gerade in diesem Augenblick ertönt draußen die Hupe des großen Reisewagens, den Brown fährt. Sie wird abgeholt.

Sie küßt ihn flüchtig. » Au revoir, Fred, adieu

*

Rrrrrrrrr! Rrrrrrrrrrr!

Das Telefon schrillt.

Holls Wirtin klopft verzweifelt gegen die Tür ihres Mieters, der junge Mann hat einen äußerst gesunden Schlaf. Endlich regt er sich.

»Was ist denn los, Frau Schulze?« fragt er schläfrig.

»Ach, Herr Holl – machen Se man bloß, daß Se an' Apparat kommen!« ruft sie draußen in ihrem unverfälschten Berlinisch, »die bimmeln sich ja reine tot!«

Der Assistent hört noch, wie die Alte davonschlurft, während er mit einem Fluch auf alle Telefone aus dem Bett springt. Ohne sich zu übereilen, geht er auf den Korridor hinaus ans Telefon; Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!

Als er sich gemeldet hat, vernimmt er die erregte Stimme seines Chefs: »Können Sie sofort in meine Privatwohnung kommen, Holl? Es hat sich etwas ganz Unglaubliches ereignet – auf dem Fest, das Brown gegeben hat – ein furchtbares Unglück!«

Der junge Mann fühlt, wie ihm irgend etwas die Kehle zuschnürt, seine Knie beginnen heftig zu zittern. »Die Sekretärin?« fragt er hastig.

»Ich weiß selbst noch nichts Genaues, wir fahren nach Wannsee hinaus. Ich erwarte Sie!«

Er hängt mechanisch an, bemerkt gar nicht, daß seine Wirtin neugierig in der Tür erscheint: »Is's Sternickeln oder Großmann, Herr Pinkerton?« will sie wissen; sie hat eine eigenartige Vorliebe für Beamten. Ihr voriger Mieter war bei der Straßenbahn, dann kam ein Fräulein vom Amt – aber die wollte immer ihr Abendbrot in der Küche kochen – und dann kam Friedrich Holl, geladen von guten Vorsätzen und Pflichteifer.

Er hat jetzt gar keine Zeit für sie.

Er stürzt in sein Zimmer zurück, die Hose an – den Schlafanzug zieht er in der Eile nicht erst aus, das Hemd, die Jacke darüber, den Kragen wird er im Auto umbinden.

Wie lange es manchmal dauert, ehe ein Taxi in Sicht kommt, endlich erwischt er ein uraltes Gefährt, das nur da zu sein scheint, um seine Verzweiflung zu erhöhen. Endlich langt er vor dem Hause des Doktors an, der Dienstwagen wartet schon, der Kommissar winkt ihm zu: »Schnell, schnell!«

Dann geht es in rasender Fahrt nach Wannsee hinaus.

»Konnte leider Morris nicht erreichen«, sagt Doktor Voß, »nehme an, daß ihn die Angelegenheit riesig interessieren muß – ach, Sie wissen ja noch gar nicht, das ganze Hausboot steht in Flammen!« Er sieht zum Fenster hinaus, draußen rauschen schon die Büsche vorüber, die die Avus flankieren, dunkel stehen Stamm an Stamm die Bäume des Grunewalds.

So entgeht ihm die entsetzte Bewegung seines Assistenten.

»Nach dem, was ich bis jetzt gehört habe, scheint Brandstiftung vorzuliegen. Wenn Sie sich vergegenwärtigen, unter welchen seltsamen Umständen damals der Überfall im Flugzeug geschah, werden Sie über diese Brandkatastrophe vielleicht ebenso denken wie ich!«

»Glauben Sie, daß Brown das Hausboot in Brand gesetzt hat – warum nur?« fragt der junge Mann atemlos vor Aufregung.

Sein Vorgesetzter zuckt die Achseln.

»Das muß die Untersuchung ergeben!«

Je mehr sie sich dem Wannsee nähern, desto belebter wird es, trotz der späten Nachtstunde; Scharen von Anwohnern und im Freien gebliebenen Ausflüglern halten die Ufer besetzt, besonders Neugierige haben die Bäume erklettert, um besser sehen zu können. Als das Auto in schnellster Fahrt die Brücke passiert, können sie die Unglücksstelle sehen.

Mitten im See schwimmt das Hausboot, noch immer eine gewaltige, lodernde Feuersäule. Man kann die Motorboote erkennen, die in einem gewissen Abstand um das brennende Wrack herumfahren; es ist unmöglich, heranzukommen.

Am Pavillon erwartet sie ein Polizeiboot, das sie nahe an das brennende Boot heranbringt. Jetzt unterscheiden sie die grausigen Einzelheiten der Tragödie, die sich an Bord abspielt.

Die ganze rechte Seite steht in Flammen, es ist eine Frage von Minuten, bis auch die linke Seite von dem Feuer ergriffen wird. Schutzsuchend drängen sich dort befrackte Herren, Damen in großer Toilette, man hört sie laut um Hilfe rufen, doch die im Nachtwinde schwirrenden Funken machen eine Annäherung oder ein Anlegen unmöglich.

Die Motorboote, die es wagen, dicht heranzufahren, müssen sämtlich unverrichteter Sache wieder umkehren, eins erleidet neben dem Brandherd einen Motordefekt und treibt nun selbst hilflos dem Feuer entgegen; die Insassen versuchen sich zu retten, indem sie ins Wasser springen, im Licht des Scheinwerfers, der auf dem Polizeischiff unablässig gedreht wird, gelingt es, sie zu retten.

Nach diesem Versuch wird kein neuer mehr unternommen, jemand nimmt das Megaphon an den Mund und brüllt den Hilferufenden zu, sie sollten versuchen auszuhalten, bis das Löschboot käme.

»Das kann man nicht mitansehen!« sagt Dr. Voß entsetzt. »Wir müssen die Menschen aus den Flammen retten – los, nach Backbord hinüber!«

»Aber das kann ich nicht verantworten, Herr Kommissar!« widerspricht der Steuermann, »das ist ja Wahnsinn, das brennende Boot entwickelt eine solche Hitze, daß wir selbst Feuer fangen!«

Der Doktor sieht geradeaus auf die Flammen, die näher und näher rücken. Er antwortet gar nicht. Die nächsten Minuten vergehen damit, daß sie sich langsam Meter um Meter heranarbeiten, jetzt können sie schon die Gesichter unterscheiden. Alles, was an Bord ist, hat sich vor den Flammen auf die linke Seite hinüber geflüchtet, sie winken ihnen verzweifelt zu, Frauen schreien gellend auf. Der Assistent hat nur einen Gedanken, der ihn fast irre macht – die kleine Eddie Marchaud, die ihm noch vor wenigen Stunden beglückt ihr kostbares Kleid gezeigt hat, ist dort drüben, irgendwo mag sie kauern zwischen schreienden Frauen und verzweifelten Männern – vielleicht versucht sie sich zu retten, indem sie ins Wasser springt; vielleicht verschlingt sie die Dunkelheit! –

»Was machen Sie, Holl?« ruft sein Chef ihm nach, aber der Assistent hat seine Kleider abgeworfen, er schwimmt schon auf das Hausboot zu.

»Weiterfahren!« kommandiert Dr. Voß.

»Können wir nicht, Brandgefahr!« antwortet der Bootsführer ruhig. Der Kommissar muß sich fügen, der andere ist hier zuständig. Fern ertönt die ersehnte Glocke des Löschbootes, auch von Spandau her blendet jetzt der Scheinwerfer der Feuerwehr auf.

Als Holl an der Bordwand emporklimmt, hat eine Stichflamme die Feuerwerkskörper erreicht, die auf dem Hinterdeck aufgestapelt sind. Ein einziger gelöster Kanonenschuß dröhnt auf, mit ohrenbetäubendem Krachen zerspringt eine Riesengarbe feuriger Schlangen in den Nachthimmel, eine Riesenrakete wächst zerrend in kobaltblauer Farbe und fällt als flimmernder Sternenstaub auf die Masse der gefangenen Menschen, die in hilfloser Panik hin und her laufen.

Der Assistent befindet sich plötzlich inmitten eines Knäuels von Herren, die die weißen Frackwesten mit zitternden Händen herunterreißen, von eleganten Damen, die jammernd ihre Männer umklammern.

Holl schafft sich rücksichtslos Platz, er rennt ein paarmal durch den Menschenhaufen hindurch, den hemmungslose Panik hin und her jagt; Eddie Marchaud ist nirgends zu entdecken.

Er versucht, sich zur Ruhe zu zwingen – von beiden Seiten nähern sich ja die Feuerwehrboote, sehen denn die Menschen hier nicht, daß im Licht der Scheinwerfer jetzt der Ring der umliegenden Motorboote langsam aber stetig heranrückt – sind denn hier alle wahnsinnig vor Angst geworden?

Über ihnen zerplatzt eine neue Raketengarbe mit pfeifendem Huiii. Er sucht noch einmal das Deck ab, der helle Lichtschein erleuchtet jeden Winkel. Die Gesuchte ist nirgends zu entdecken.

Ein furchtbarerer Gedanke kommt ihm, sollte sie etwa noch im Innern des Bootes sein, niedergestoßen vielleicht, vergessen, ohnmächtig? Ein paar Herren, die noch nicht den letzten Rest von Ruhe und Besinnung verloren haben, stellen sich ihm in den Weg und versuchen ihn festzuhalten, er reißt sich mit aller Kraft los und läuft die Treppe hinunter.

Stickender Qualm.

Er hört wie von ferne seine eigene rufende Stimme »Eddie – Eddie!« In dem großen Speisesaal, an dessen Wänden hie und da schon knisternde Flämmchen züngeln, stürzt er über ein Hindernis; es ist der Konzertflügel, der vom Podium gerollt sein muß, der ganze Raum steht schief, anscheinend ist das Boot leck und sinkt langsam.

Er taumelt von Raum zu Raum.

»Eddie – Eddie, bist du hier – Eddie?!«

Es ist merkwürdig, trotzdem er sie nicht findet, keine Stimme auf seine Rufe antwortet, weiß er doch, daß sie hier sein muß.

Einmal verfängt sich sein Fuß in einem losgerissenen Läufer, er greift mit der Hand vor, um nicht hinzufallen – die Hand greift in die weiche Seide eines Kleides, faßt einen Körper. »Eddie?« keucht er entsetzt, »Eddie, bist du hier?«

Er erhält keine Antwort, aber ein ganz zarter Duft nach Parfüm sagt ihm, daß dieser wie leblos am Boden liegende Körper die kleine Eddie Marchaud ist.

Man hat sie vergessen – oder es ist ein Verbrechen an ihr begangen worden – oder sie selbst wußte mehr, als er ahnen konnte! Alle Gedanken verwirren sich in seinem Hirn.

Der grelle weiße Lichtkegel des Suchers wandert auf und ab über die zischenden Trümmer des Wracks. Das vollkommen ausgebrannte Boot liegt jetzt am Landungssteg eines Gartenlokals – die Löschboote, die es bis hierher gezogen haben, lösen die Taue. Das Polizeischiff fährt ganz dicht heran.

Den dunklen glänzenden Schutzhelm noch auf dem Kopf, steht ein Feuerwehroffizier vor Dr. Voß und erstattet Bericht.

»Was ich vor allen Dingen feststellen will«, sagt der Kommissar, »ist: liegt Verbrechen vor oder Unglücksfall?«

Sie gehen langsam auf dem verkohlten Deck auf und ab.

Ein Pressefotograf meldet sich, ob er Aufnahmen machen kann. »Sowie der Sachverständige hier war, steht Ihnen alles zur Verfügung«, bedeutet ihm der Doktor liebenswürdig.

Er schätzt die Mitarbeit der Tagespresse, denn er hat längst den ungeheuren Wert erkannt, der darin liegt, wenn ein aufmerksam gemachtes Publikum der Polizeibehörde nützliche Winke gibt. Millionen Augen und Ohren finden mehr als einige.

Der Fotograf setzt sich zu anderen Kollegen auf einen umgestürzten Stuhl, sein Gehilfe schleppt inzwischen den Apparat und die Materialtasche heran. »Warten, Mickey!« sagt der Kurbelmann und steckt sich in unerschütterlicher Ruhe eine Zigarette an.

Der Sachverständige kommt endlich, von allen Beteiligten sehnlichst erwartet. Den Sommermantel hat er über den Smoking gezogen, ohne in die Ärmel hineinzufahren; sie baumeln hin und her, der steife Hut sitzt ihm schief auf dem Kopf – man hat ihn mitten aus einer Gesellschaft weggeholt.

»'n Tag, Doktor, hat man denn gar keine Ruhe mehr vor Ihnen? Wo brennt's denn?« Der Kommissar faßt ihn unter den Arm und geht mit ihm beiseite. »Ich hätte Sie natürlich nicht mitten in der Nacht bemüht, wenn es nicht unbedingt nötig gewesen wäre.« Er sieht sich um. »Es ist möglich, daß hier ein ganz infames Verbrechen vorliegt – ich möchte fast daran glauben, ehe Sie mir ihr Urteil gesagt haben. Bitte, untersuchen Sie, soweit es möglich ist, ob Brandstiftung vorliegt. Ich werde Ihnen auch den Beamten rufen, der die Löscharbeiten geleitet hat.«

Während der Feuerwehroffizier, der persönlich die Aufräumungsarbeiten überwacht, herankommt, nimmt er den schweren Schutzhelm ab. Sein Gesicht wirkt jetzt in dem weißen Schein der Lampe unnatürlich gelblich bleich. Er wischt sich müde mit der Hand über die Stirn.

Der Sachverständige schnuppert in die laue Nachtluft, die noch immer von Schwaden ziehenden Qualmes durchsetzt ist.

»Benzin!«

»Ja«, sagt der Feuerwehroffizier, »als wir ankamen, sagte ich gleich zu meinen Leuten: ›Kinder – hier haben sie doch den ganzen Kasten mit Benzin übergossen!‹ Es brannte lichterloh. Von Zeit zu Zeit brachen auffällig starke, gelbe Stichflammen durch.«

Sie gehen zu dritt in den verwüsteten Speisesaal, ein trostloser Anblick. Der Konzertflügel schwelt, ein kleiner Schutthaufen für sich, über den zusammengebrochenen Tischen.

Überall flattern Fetzen von Decken, Kleidungsstücken. Zerbrochenes Geschirr bedeckt den Boden. Die Wandleuchter sind geschmolzen und krümmen sich in bizarren Verrenkungen. Die Kreise der Taschenlampen huschen über die durchgebrannten Wände, von denen die Tapete in jämmerlichen Fahnen herabhängt.

Hie und da hebt der Sachverständige etwas auf, besieht es, riecht daran. Er schüttelt den Kopf.

Die Bar, die mit tiefen, behaglichen Sesseln eingerichtet war, bildet jetzt einen schwimmenden Trümmerhaufen; der Fuß des Doktors stößt an etwas Stählernes, er bückt sich und hebt eine kleine Stahlkassette auf. »Das werden wir bald haben!« meint er. »Das Boot wurde mit einem Motor betrieben, Benzinmotor, nicht wahr?« fragt der Sachverständige. »Ja, ich glaube!« antwortet der Feuerwehroffizier. Der Sachverständige klettert eine kleine Treppe hinunter und beginnt eingehend den Motor zu untersuchen. Auf Deck rennt indessen der kleine Mickey hin und her; er baut den Apparat auf und setzt den Film ein. Der Operateur spricht mit den Feuerwehrleuten. Sie sollen mit aufs Bild.

»Nehmen Sie das Beil in die Hand – so – und Sie die Hacke – und den Helm etwas schief!«

»Soll ich den Rauchhelm aufsetzen, Herr Fotograf?« fragt ihn einer.

»Ja, großartig! Setzen Sie sich einen Rauchhelm auf! ... Jetzt sieht er aus, wie'n Mann mit'n Kopp«, sagt er zu seinem Gehilfen, der das Ungetüm anstarrt. Der Sachverständige kommt wieder aus dem Maschinenraum heraus, er kratzt sich mißmutig den Kopf. »Sieht dumm aus, Doktor, wir werden wahrscheinlich überhaupt nichts feststellen können. Der Motor ist ein bißchen demoliert, die Decke ist durchgedrückt worden und Balken sind heruntergefallen – Benzin ist natürlich überall ausgeflossen, die Vorräte sind explodiert. Aber das ist ganz selbstverständlich und in keiner Weise anormal. Und was ist das hier?« Er hält einen unversehrten Feuerwerkskörper hoch.

»Was ist das hier?«

»'n hüpfender Frosch!« sagt der Kommissar schlecht gelaunt.

»Damit hüpft uns die letzte Möglichkeit, die Ursache jemals aufzuklären, fort!« antwortet der andere. Er schiebt energisch den Hut zurück.

»Wieso?«

»Das ganze Boot ist ja übersät mit diesen Dingern. Braucht bloß jemand unvorsichtig damit hantiert zu haben, schrumm! Ich garantiere Ihnen, wenn so'n Frosch unglücklicherweise auf ein Benzinfaß gefallen ist, vielleicht in einen kleinen Behälter zunächst nur – schon ist das Unglück da!« Er dreht sich im Kreis herum. »Jedenfalls sind die Mannschaften bestimmt nicht vorsichtig genug gewesen – aber ich kann natürlich jetzt auch nicht mehr sagen, ob die Klappen zum Maschinenraum geschlossen waren; vielleicht haben die Leute mitgetrunken, ist doch möglich.«

Der Doktor geht nachdenklich auf und ab.

»Also Sie glauben, daß das Unglück durch Fahrlässigkeit hervorgerufen worden ist? Unbeabsichtigt natürlich?!«

Der Sachverständige wiegt den Kopf hin und her, er zögert und überlegt. »Man kann das natürlich auch nicht so ohne weiteres sagen. Fahrlässigkeit oder nicht, Verbrechen oder nicht – möglich ist beides! Ich möchte Fahrlässigkeit annehmen, falls nicht ein ganz neues Verdachtsmoment auftaucht!«

Sie begeben sich an Deck zurück. Die beklemmende stickige Atmosphäre hat ihre Stirnen mit feinen hellen Schweißtropfen bedeckt. Oben ist die Aufnahme in vollem Gang, ehe sie sich retten können, sind sie bereits im Bilde.

»Sie entschuldigen doch, Herr Doktor?« sagt der Operateur verbindlich; sein Gehilfe grinst dazu mit allen seinen breiten gelben Zähnen.

»Der Teufel soll Sie holen, dieses und das nächste Mal!« antwortet Dr. Voß freundschaftlich und bietet ihm von seinen Zigarren an.

Ein Beamter ruft den Kommissar in das Gartenlokal, wo eine erste Vernehmung stattfinden soll; der leere Pavillon wird seit langer Zeit nicht mehr benutzt, man hat ihn notdürftig mit ein paar Lichtern erhellt, die trübe in das aufdämmernde Tagesgrau brennen. Zwei Matrosen sitzen da, ein paar Kellner von dem Hausboot; der Oberkellner steht vor dem Tisch, hinter dem der Doktor Platz genommen hat.

»Also, Sie können gar nichts aussagen, wie es zu der Katastrophe gekommen ist! Sie haben doch die Oberaufsicht geführt?«

Der Gefragte ist ein älterer Mann, seine Hände zittern noch ein wenig im Nachhall des ausgestandenen Schreckens, seine wasserblauen Augen sind starr und groß und leer.

»Nein, Herr Kommissar!« Er zuckt hilflos die Schultern. »Ich kann da wirklich nichts sagen.«

»Haben die Leute zu trinken bekommen – wo sind denn überhaupt die anderen hin?«

Die letztere Frage bleibt zunächst ohne Antwort, statt dessen sagt der Verhörte im Brustton der Überzeugung: »Zu trinken? Nein! Bestimmt nicht!« Der Doktor sieht hinüber zu dem einen Matrosen, der schief, mit rotem gedunsenen Gesicht auf seinem Stuhl eingeschlafen ist. »Das können Sie doch nicht beschwören!«

Der Befragte windet sich hin und her, er zuckt – eine Angewohnheit wohl – ein paarmal die Schultern. »Nein – nein – natürlich. Das kann man nicht. Ich konnte doch auch darauf nicht so – so aufpassen; nicht wahr?« Er blickt sich erschrocken um.

»Vorhin haben Sie es aber noch behauptet!« sagt der Kommissar gereizt. »Überlegen Sie sich, bitte, in Zukunft, was Sie sprechen! ... Und wo sind die anderen? Ich habe doch ausdrücklich angeordnet, daß niemand von der Besatzung, mit Ausnahme des einen Verletzten, sich entfernen darf. Wo sind die denn alle, es waren doch viel mehr, soviel ich weiß?!«

Ein Beamter tritt zu ihm heran: »Sie wurden zum Teil von den Löschbooten an Bord genommen, Herr Kommissar, es war nicht möglich, sie zusammenzuhalten, sie haben sich sofort zerstreut; vermutlich sind sie, wie die Gäste, nach Haus gefahren, um sich zu erholen, die meisten hatten ja klatschnasse Sachen an.« Er blickt auf die paar schlafenden grauen Gesichter.

»Der Teufel soll hier untersuchen!« brummt Doktor Voß wütend. Dabei scheint er gar nicht so unzufrieden, wie er vorgibt.

*

Der große Zeiger der Hoteluhr rückt gegen die fünfte Morgenstunde, als der Lift mit leisem Tacken hält und einen ziemlich ermüdeten Herrn herausläßt. Morris geht, ohne sich umzusehen, in sein Appartement, die Schlüssel klirren kurz, dann schlägt die Tür hinter ihm zu.

Sowie er das Licht angedreht hat, fällt ihm der Schatten auf, der aus einem Sessel lang und schmal über den hellen Teppich fällt. »Ah – guten Morgen, Doktor!« sagt er nach einer Weile, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hat. Er läuft immer noch in Hut und Mantel hin und her, offenbar sucht er etwas, was er seinem unerwarteten Besucher anbieten kann.

Des Sitzenden müder Blick folgt ihm aufmerksam überall hin. »Lassen Sie doch, lassen Sie doch, Morris! Ich bitte Sie, die Störung zu entschuldigen. Wenn es nicht so dringend wäre, hätte ich mich bestimmt nicht hier eingeschlichen – legen Sie doch, bitte, ab, ich halte Sie nicht lange auf, gewiß nicht.« Er streicht sich matt über die Stirn, seine Stimme ist ganz farblos; und doch ist er irgendwie sehr wach und sehr aufmerksam.

»Jetzt fällt es mir erst ein«, bemerkt Morris, während er hastig Hut und Mantel ablegt, »die Zimmertür war doch verschlossen, Sie sind durch die andere hereingekommen?«

Sein Kollege nickt. »Vermutlich – was haben Sie denn an den Händen, hat man Sie angegriffen?«

»Wir haben eine Autopartie gemacht und Panne gehabt«, sagt Morris gleichgültig. »Ich habe mich dabei gerissen, ich glaube, die Innenflächen der Hände sind ganz zerschnitten.«

»Besser als verbrannt – na, Sie hätten heute nacht etwas erleben können, schade, daß Sie nicht dabei waren! Wissen Sie schon, daß auf dem Wannsee ein Hausboot unter seltsamen Umständen verbrannt ist – explodiert vielleicht?! Ob sich Feuerwerkskörper entzündet haben oder ob jemand eine Höllenmaschine gelegt hat – das wissen wir noch nicht, jedenfalls brannte der Kasten ab, als ob man ihn in Benzin gebadet hätte!«

Er macht eine nachdenkliche Pause.

»Das ist ja schrecklich!« sagt Morris in das Schweigen hinein, »das ist ja entsetzlich – Verletzte, Tote?«

Der Doktor winkt mit der Hand ab.

»Glücklicherweise ist ein Wunder geschehen, geradezu ein Wunder! Außer ein paar Brandverletzungen ist nichts passiert – unser junger Assistent hat übrigens ein Mädchen unter Lebensgefahr gerettet – und wissen Sie, wer diese junge Dame ist?«

Morris macht ein sehr neugieriges Gesicht.

»Die Sekretärin unseres Schmerzenskindes Brown!«

»Brown – immer wieder Brown!« murmelt der Engländer nachdenklich. Während einer geraumen Zeitspanne ist nur das Ticken der kleinen Kaminuhr vernehmbar, ab und zu lärmt unten auf der Straße eine Autohupe vorüber.

»Was mich jetzt beschäftigt«, überlegt Dr. Voß, »ist die Frage – was hat wer mit diesem neuerlichen mysteriösen Verbrechen beabsichtigt? Glauben Sie mir, Morris, wenn auch der Sachverständige zehnmal der Ansicht ist, daß ein normaler Unglücksfall vorliegt, ich fühle, daß es kein Unglücksfall ist oder wenigstens ein sehr beabsichtigter; wenn Sie sich das Wrack ansehen, werden Sie zu der gleichen Überzeugung gelangen. Nun wäre es sehr verführerisch, an unseren Freund Brown zu denken, denn unter seinen Gästen befanden sich auch einige Versicherungsleute, sogar sein alter Feind Fabre aus Paris war zufällig anwesend – aber ich traue ein Verbrechen dieses Ausmaßes dem Mann einfach nicht zu! Ich halte ihn für einen gewiegten Kunsthändler, für einen ganz gerissenen Geschäftemacher – aber nicht für einen Verbrecher! Und warum auch? Die Versicherungen müssen doch über kurz oder lang zahlen, die Prozesse stehen nicht ungünstig für ihn; soviel ich erfahren habe, wartet er hier nur noch ein verbindliches Urteil ab und will einige wichtige Auktionen besuchen. Und ich glaube auch, daß diese Angaben den Tatsachen entsprechen – was haben Sie für einen Eindruck davon, Morris?«

Morris sieht aus zusammengekniffenen Augen in eine Zimmerecke. Als warte eine Katze auf die Beute, so sieht er aus.

»Ich kann Ihnen noch nicht folgen, Doktor – wenigstens nicht in allen Punkten! Ich halte es nun wiederum doch für möglich, daß wir in Brown einen Verbrecher allergrößten Ausmaßes vor uns haben, der Kerl könnte zum Beispiel diesen Brand, oder was es war, arrangiert haben, um mit einem Schlage alle seine Gegner loszuwerden – Sie wissen ja selbst, wie schwer die Ursache solcher Katastrophen nachher festzustellen ist.«

Dr. Voß wehrt ab. »Nein, nein! Dann wäre er ja schlimmer als der gefährlichste Massenmörder, der je gelebt hat! Halten Sie wirklich Brown für eine solche Bestie?«

Morris wiegt den Kopf hin und her. »Man kann sich irren! Solange ich nichts beweisen kann, bevor ich nicht das Boot gesehen habe, und bevor ich nicht Brown einem eingehenden Verhör unterziehen konnte, ist es natürlich für mich unmöglich, irgendwie Stellung für oder gegen ihn zu nehmen!«

»Sie können Brown gar nicht sprechen, er hat einen Nervenzusammenbruch erlitten und ist bereits in ein Sanatorium übergeführt worden.«

Morris zeigt sich wenig erstaunt.

»Sie haben recht«, spricht der Doktor des anderen Gedanken aus, »das beweist auch noch nichts – dieser Nervenzusammenbruch. Denn wenn Brown der Verbrecher ist, für den Sie ihn zu halten scheinen, dann muß es für ihn eine Kleinigkeit sein, die Ärzte zu täuschen.«

»Er wird uns nicht täuschen können«, brummt der Engländer, »Sie nicht und mich wohl auch nicht!«

Sie grübeln noch eine Zeitlang nach, endlich richtet sich der Doktor ein wenig steif auf, – die Nacht ist ihm doch etwas in die Glieder gefahren. »Ich werde noch ein paar Stunden zu schlafen versuchen und mich dann mit einem starken schwarzen Kaffee wecken lassen. Machen Sie's ebenso, Morris«, sagt er, als ihn sein Kollege hinausbegleitet, »wir haben noch eine Menge zu tun in diesen Tagen!«

»Immer zu Ihrer Verfügung, verehrter Doktor!« sagt der andere mit einer kleinen Verbeugung.

Während er sich – alleingeblieben – entkleidet und Wasser in das Bad einläßt, geht er in kurzen Abständen ans Fenster und sieht hinaus. Der Doktor tritt gerade aus dem Hotelportal, anscheinend ist er unentschlossen, ob er noch einen kleinen Frühspaziergang machen soll oder ob es nicht doch richtiger ist, endlich seine Wohnung aufzusuchen. Er geht langsam die Straße entlang. Als eine Taxe vorüberkommt, winkt er, geht aber in Gedanken vorüber und vergißt einzusteigen.

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