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Der gestohlene Raffael

Franz Roswalt: Der gestohlene Raffael - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titleDer gestohlene Raffael
publisherVerlag Ullstein
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid0578d8db
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2

Berlin brütet in sommerlicher Glut. Die abendlichen Straßen der Innenstadt sind leer, wer es ermöglichen kann, flüchtet an die kühlen Ufer der Spree- und Havelseen. Längst hat die Öffentlichkeit den Pariser Bilderraub und den Rattenschwanz dazugehöriger Verbrechen vergessen.

Doch unablässig verfolgen die Kriminalisten des Kontinents jede neue Spur, die zur Aufklärung des geheimnisvollen Falles führen könnte.

In einem Zimmer des Berliner Polizeipräsidiums brennt Licht; noch Licht, denn es ist gegen zehn Uhr abends. Der gelbliche Schein blinkt ungehindert von Gardinen hinaus, betastet ein paar jammervolle Blattpflanzen und verliert sich unten auf der nachtstillen Straße. Kriminalkommissar Dr. Voß wandert nachdenklich hin und her, vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster.

Langsam rückt der Uhrzeiger vor, endlich, fast eine halbe Stunde später erst, schnarrt das Telefon. Der lange erwartete Anruf.

»Hier Voß!«

Am anderen Ende der Leitung spricht eine sonore Stimme, die die deutschen Worte breit auseinanderzieht, häufig mischt sich Slang dazwischen, ein Engländer wahrscheinlich. »Hier Morris! Verzeihen Sie, Doktor, mein Zug hatte Verspätung – was machen wir nun?« »Wo sind Sie denn, Herr Kommissar?« Der Londoner Kriminalkommissar antwortet nicht gleich. »Hallo, sind Sie noch dort?« ruft Voß kräftig hinein. Die Stimme des Engländers wird wieder vernehmbar: » Yes! Wollen Sie hierher kommen, ich bin noch im Bahnhof – oder kommen Sie in mein Hotel?!«

»Nein, das geht nicht, Herr Kommissar, unsere Unterhaltung darf auf keinen Fall von dritter Seite gehört werden – könnten Sie nicht gleich in mein Büro kommen? Ich schicke Ihnen das Dienstauto.« » Well, ich setze mich in den Wartesaal und esse inzwischen eine Kleinigkeit.« »Gut, wir holen Sie ab.« » Allright!«

Dr. Voß ist noch damit beschäftigt, die erforderlichen Akten zu ordnen, als er Schritte auf dem Gang hört, dann tritt Mister Edgar Morris, Kriminalkommissar und Leiter der Auslandsabteilung von Scotland Yard, ein. Während Voß seinem Besucher die Legitimation zurückreicht, die er schnell überflogen hat, mustert er gewohnheitsmäßig den anderen mit einem kurzen geschulten Blick.

Morris ist ein mittelgroßer Mann, kräftig, braun. Seine schwärzlich grauen Haare bilden einen starken Kontrast zu der Frische seines Gesichts.

»Rauchen Sie, Herr Morris?« »Danke, Kauer!«

Der Doktor zündet sich selbst eine Zigarre an, man sieht ihn niemals ohne Zigarre. »Also, Herr Morris, wollen Sie mich zunächst ungefähr aufklären; Ihre Behörde, die Sie uns schickt, ist ja sicher, daß nur durch gemeinsames Vorgehen – der Laden geschmissen werden kann, wie der Berliner so schön sagt.« Morris verzieht sein Gesicht ein wenig, ein Optimist könnte es als ein Lächeln deuten. »Leider, Herr Kollege, kann ich Ihre zuversichtliche Stimmung nicht teilen – die ganze Affäre ist so verwickelt, so undankbar – in England ist die Öffentlichkeit aufgebracht und nimmt gegen die Polizei Stellung; ich fürchte, wir werden noch einige Zeit zu arbeiten haben, bis die Aktion beendet ist.« »Aber, mein Lieber, Scotland Yard hat 1928 alle gemeldeten Morde glatt aufgeklärt; siebenundzwanzig Stück! Zwölf Mörder sind abgeurteilt worden, zehn haben Selbstmord begangen, einer ist irrsinnig geworden – ich bin im Bilde.«

»Sie haben unseren Polizeibericht gelesen«, sagt Morris höflich.

Er sieht einen Augenblick lang starr vor sich hin.

»Sehen Sie, Herr Doktor, Sie sind ein alter erfahrener Kriminalist. Ich brauche Ihnen nur das Stichwort ›Charles Pall‹ zu geben.« »Richtig, dieser ehemalige Kellner aus Plymouth, ein Menschenjäger übelster Sorte – und gefährlich, verdammt gefährlich!«

Der Engländer verzieht wieder sein Gesicht zu dem eigenartigen Lächeln, das ihm etwas Verzerrtes, Starres gibt. Derselbe Ausdruck wie auf seinem Paßfoto – starr, unheimlich starr.

»Bewundere Ihre Kenntnis, Doktor! Zweifellos sind Sie dann auch über die ganze Angelegenheit ebenso informiert, wegen der ich die Ehre habe hier zu sein?«

»Jawohl!«

»Durch die Presse, Herr Doktor, oder durch Polizeibericht?«

Dr. Voß schlägt leicht auf den blauen Aktendeckel vor sich: »Durch Aktenauszug. Ich wiederhole: auf der Vermont-Auktion kauft Brown die Cowper-Madonna für 875 000 Dollar, fliegt im Separatflugzeug in Begleitung seiner Sekretärin nach London, wird zwischen Cambrai und Arras angeblich überfallen, kommt aber mitten in der Nacht völlig unversehrt mit der ohnmächtigen Dame zur Polizeistation Blangy.«

Der Engländer nickt zustimmend. »Ich sehe, Herr Doktor, Sie sind vollkommen informiert, Sie wissen auch, wie die Untersuchung verlief?«

»Ergebnislos.«

» Yes! Durchaus unbefriedigend. Brown mußte aus der Haft entlassen werden, da sich ein lückenloser Beweis seiner Mitschuld nicht erbringen ließ, er hat natürlich die Polizei verklagt, die Vereinigten Staaten haben in Paris Beschwerde eingelegt – die Sekretärin hat man selbstverständlich ebenfalls freigelassen!«

Dr. Voß lächelt nachsichtig: »Ja, gottlob, jetzt sind sie alle frei. Wissen Sie überhaupt, daß sich Brown in Begleitung ebenderselben Sekretärin zur Zeit in Berlin befindet?«

Morris sieht ihn erstaunt an. »In Berlin? Das gibt zu denken! Haben Sie ihn gesprochen, lassen Sie ihn beobachten?«

Dr. Voß reibt sich befriedigt die Hände. »Er wird beobachtet – und zwar habe ich die Möglichkeit, ihn unauffällig kontrollieren zu lassen, einem ganz eigenartigen Zufall zu verdanken. Sie werden morgen meinen jungen Assistenten kennenlernen: Friedrich Holl, sehr begabter, zuverlässiger Mensch, sicherlich eine zukünftige Stütze der Polizeibehörden. Einen Fehler hat er natürlich auch: der Junge bummelt ein bißchen viel. Wissen Sie, er macht das, was so viele junge Leute heute tun, er gibt mehr Geld aus, als er einnimmt, besucht Lokale, in die ein junger Beamter eigentlich noch nicht gehört. – Na, das sind seine Privatangelegenheiten, im Dienst leistet er Außerordentliches. Und jetzt hat er die Bekanntschaft der kleinen Marchaud gemacht, heute abend sind sie wieder verabredet, er hat mich natürlich sofort unterrichtet, als er von dem Fall, den wir zu bearbeiten haben, hörte.«

Morris sieht nachdenklich aus dem Fenster.

Auf dem Geleise, das unten vorüberführt, rollt ein Stadtbahnzug. Die Abteile sind leer, nur hin und wieder sieht man jemanden sitzen – wie einen schwarzen Strich.

»Es wird mich außerordentlich interessieren, den jungen Mann näher kennenzulernen. Auf jeden Fall sollte man Brown im Auge behalten – seine Anwesenheit muß etwas zu bedeuten haben!«

»Das Alibi und dann der Umstand, daß in dem später aufgefundenen Flugzeug tatsächlich eine ganze Mappe frisch geschriebener Briefe gefunden wurde, die wirklich erst während des geheimnisvollen Fluges entstanden zu sein scheinen, wirkt auch auf mich nicht befriedigend«, wirft der Doktor eifrig ein.

Morris streicht sich über die Stirn: »Scotland Yard erklärt, daß es sich um eine planmäßige Arbeit oder Zusammenarbeit des bewußten Charles Pall handelt, entweder hat er den Überfall mit seiner Bande allein ausgeführt, oder Brown und Pall stecken unter einer Decke. Deshalb beunruhigt mich die Anwesenheit Browns. Glauben Sie, daß zwischen ihm und seiner Sekretärin irgendwelche Beziehungen bestehen könnten?«

Der Doktor kann ein kleines Lachen nicht unterdrücken: »Wenn – dann bin ich überzeugt, daß Holl ihn bald aussticht; der Junge hat überall Glück!«

»Hm! Nun nehmen wir an, daß sich die Bande nach Berlin gewandt hat, sei es um Käufer zu finden oder um mit hiesigen Verbrecherkreisen Fühlung zu nehmen ...«

Dr. Voß macht eine ungeduldige Handbewegung. »Woraus wollen Sie das schließen?«

»Das Flugzeug wurde von dem falschen Piloten oder Monteur bis in die Nähe von Abbéville gesteuert. In Abbéville ging es nieder, anscheinend bekamen die Kerle da Zuzug; dann drehten sie ostwärts – Richtung Berlin, behaupte ich!«

»Das ist mir zu kühn«, sagt Dr. Voß zweifelnd. »Ich weiß schon, worauf Sie hinaus wollen: Das Flugzeug ist beim Start verunglückt, man hat es gefunden, Kopf ostwärts.« Er denkt angestrengt nach. »Das kann mich absolut nicht überzeugen, nein, eher könnte ich mir vorstellen, daß die Kerle nach Amerika flüchten wollen, als uns zu beehren. Wer kann hier derartige Preise für Bilder anlegen?!«

»Bestimmt nicht nach Amerika!« widerspricht Morris verbissen.

»Woher wissen Sie das?«

»Es ist meine Ansicht – ich habe noch keine Gründe dafür!«

»Damit kann ich nicht operieren, mit Ansichten, verzeihen Sie.«

Der Doktor entzündet sich ruhig eine frische Zigarre; der Fall beginnt ihn in seiner Verworrenheit und Undurchdringlichkeit zu interessieren, er enträtselt leidenschaftlich gern. »Sie haben nun die Abdrücke überall mit den entsprechenden verglichen«, nimmt er die Unterhaltung wieder auf, »und da haben Sie die Identität mit Pall herausgefunden?«

Morris nickt zustimmend. »Mit Charles Pall aus Plymouth, Kellner in Edinburg, als Mister Wilson zwei Jahre in Sing-Sing, Hafenarbeiter in Sidney, Feuerwehrmann in Boston, Schaubudenbesitzer in Hamburg, St. Pauli – ein interessanter Verbrecher!«

»Man sollte sich nur um interessante Verbrecher bemühen«, meint der Doktor genußvoll rauchend, »die einfachen muß der Schutzmann von der Straße weg arretieren. Übrigens, ich muß Ihnen jetzt etwas Ruhe gönnen, Sie haben eine Reise hinter sich, und es ist immerhin zwei Uhr geworden.«

Wenige Minuten später verlassen die beiden Herren den gewaltigen roten Bau, der wie eine trotzige, drohende Burg seine Konturen in die Nacht zeichnet.

*

Auto auf Auto rollt vor das Eingangsportal des Luna-Parks, des » Coney Island« der Berliner.

Seit ungefähr zehn Minuten geht Friedrich Holl ungeduldig auf und ab, es ist nicht schön von dieser kleinen Pariserin, ihn gleich beim ersten Wiedersehen warten zu lassen. Noch fünf Minuten darf man ihr zugestehen – aber nicht mehr. Es ist verkehrt, länger als eine Viertelstunde auf eine Frau zu warten, auch wenn man noch so verliebt ist. Während der junge Mann diesen tiefsinnigen Betrachtungen nachhängt, hört er hinter sich die wohlbekannte Stimme, die in ihrem entzückenden Kauderwelsch alle möglichen Entschuldigungen heraussprudelt. Er dreht sich erfreut um und blickt in das erhitzte Gesicht der kleinen Eddie Marchaud.

»Diese soir zu lange zu arbeiten mit Herrn Brown, nicht böse sein, bitte!«

Holl zückt seine Eintrittskarten. Man kann ihr ja gar nicht böse sein, und wenn sie eine Stunde zu spät käme. Gleich darauf befinden sie sich inmitten einer lärmenden Menschenschlange, die sich langsam vorwärtsschiebt.

Bei dem ersten Anblick des Parks stößt die kleine Französin einen Schrei der Überraschung aus, sie bleibt fasziniert stehen; so etwas gibt es selbst nicht in Paris.

Die Terrassen umschließen mit vielen Lichtern den Hauptplatz, auf dem im Schein starker weißer Lichtkegel ein Ballett zu den Klängen des Gartenorchesters tanzt. Rechts von dem stillen reflektierenden See türmt sich die Stadt der Vergnügungen auf.

Es lockt von allen Seiten mit heißen Wienern und Schokoeis, ein Zirkus wartet mit unerhörten Sensationen auf, beim Spiel könnte man Millionär werden, wenigstens nach den Versicherungen des Veranstalters. Holl und seine Begleiterin entscheiden sich zuerst für die Berg- und Talbahn – man fährt da mitunter durch lange dunkle Tunnels. »Setzen Se sich man richtig rin, sonst jehn Se verloren, Fräuleinchen!« warnt der Betreuer des Zuges. Sein geschultes Auge erkennt in langjähriger Übung sofort Liebespaare und solche, die es werden wollen. Heutzutage fahren Verliebte immer Berg- und Talbahn, seltsam, aber es ist so.

Als sie später diese Stätte halsbrecherischer Zerstreuung verlassen, ziellos an Buden und Ständen vorüberbummeln, treffen sie plötzlich auf einen Herrn, einen breiten großen Mann, der sofort seinen lichtgrauen Hut lüftet: »Fräulein Marchaud?!«

»Oh, Herr Brown?!« antwortet sie ein wenig erschrocken.

»Warum haben Sie mir nicht gleich gesagt, daß Sie etwas vorhaben, dann hätten wir eher Schluß gemacht, vielleicht nehmen Sie jetzt einen alten einsamen Junggesellen ins Schlepptau?«

Sie stellt ihren Bekannten Herrn Brown vor, etwas verlegen, Fräulein Marchaud ist immer verlegen, allerdings macht sie diese Verlegenheit besonders reizend.

»Ah, Mister Holl«, sagt Brown jovial und reicht dem jungen Mann die Hand, »Brown, Al Brown.« Er spricht nicht das Deutsch, das sich wie bei seiner Sekretärin aus tausend hilflosen verdrehten Brocken zusammensetzt, sondern kurze verständliche Sätze in der breiten rollenden Aussprache des Amerikaners. Ungefähr so wie sein Feind Morris von der Polizei, der ihn gern verhaften würde, wenn er Beweise gegen ihn hätte.

Aber er hat sie noch nicht.

Der Kunsthändler ladet das Pärchen in eines der eleganten Tanzlokale ein. Holl ist die Einladung nicht allzu willkommen, er würde lieber mit der kleinen Marchaud den Abend allein verbringen, aber immerhin, man ist nicht alle Tage mit Al Brown zusammen. Dr. Voß würde ihm Vorwürfe machen, ließe er sich diese Chance, interessante Neuigkeiten zu erfahren, entgehen.

Der Sekt perlt in den langgestielten Gläsern auf ... die berühmte Kapelle geht von einem rhythmischen Tango in die »Kleine Liebelei« über.

»Eine sehr schöne Melodie«, bemerkt Brown melancholisch; er hat eine seiner großen dunklen Zigarren im Mund und schlotet wie ein Pflanzer.

»Wie gefällt es Ihnen in Berlin, Herr Brown?« fragt der junge Mann diplomatisch. Man kann diesen Herrn nicht gleich fragen: »Was beabsichtigen Sie hier?«

Brown wendet ihm sein breites, feistes Gesicht zu: »Ich warte hier noch die Auktion Hohberg ab, und dann muß meine Pariser Angelegenheit geregelt sein, eher kann ich nicht zurückfahren.«

Holl kann sich einer leichten Unsicherheit nicht erwehren, es ist als habe der andere seine Gedanken erraten. Um Zeit zum Überlegen zu gewinnen, fordert er Eddie zum Tanz auf, sie blickt schon die ganze Zeit sehnsüchtig zum Parkett hinüber. Der junge Mann stellt angenehm überrascht fest, daß sie eine ausgezeichnete Tänzerin ist. Er ist darin kompetent, er hatte sie nach ihrem bescheidenen, schüchternen Auftreten noch für ein wenig unbeholfen gehalten. Aber er bemerkt auch mit einigem Mißvergnügen, daß sie jedesmal, wenn sie an Brown vorüberkommen, ein hastiges kleines Lächeln hinübersendet. Sollte sie das Zusammentreffen mit ihrem Chef absichtlich herbeigeführt haben?

Bei der zweiten Flasche kommt Brown vorsichtig auf das Thema, das auch Holl in Gedanken unablässig beschäftigt, auf die geraubte Madonna. »Ich finde«, beginnt er langsam, »daß die Methoden der Kommissare in Paris unglaublich rigoros sind!« Er sieht dabei nachdenklich auf seine Sekretärin, die zusammenzuckt; sie hat gar nicht zugehört, die Musik macht anscheinend einen starken Eindruck auf sie, wie auf so viele Frauen, sie vergißt alles um sich herum. » Mariquilla, pobre Mariquilla«, summt die Kapelle träumerisch.

Der junge Mann spielt nachdenklich mit dem Stiel seines Sektglases.

»Sie dürfen niemals vergessen, Herr Brown, daß die Polizeibehörden immer das Bestreben haben müssen, möglichst schnell aufzuklären. Und dabei lassen sich leider hin und wieder Härten nicht vermeiden.« Brown schüttelt abweisend den Kopf. »Aber warum mir – uns gegenüber, will ich sagen? Warum stellt man mit der Kleinen ein Kreuzverhör an, das einen hartgesottenen Verbrecher überführen müßte, warum habe ich jetzt diese Scherereien mit den Versicherungsleuten, es ist doch mein gutes Recht und meine Pflicht, mich zu versichern, wie hoch ist ja gleichgültig, sie haben's ja damals akzeptiert!« Er trinkt einen Schluck. Holl blickt an ihm vorüber ins Leere, als suche er dort das Geheimnis zu ergründen, das den Mann ihm gegenüber umgibt. »Ganz objektiv, Herr Brown, muß ich gestehen, daß Sie – sicherlich in der Erregung des Augenblicks – manche Dinge aussprachen, die später widerlegt wurden.«

Brown macht eine ärgerliche Handbewegung, ach was! Er wird plötzlich unruhig und sieht auf die Uhr.

»Ich habe Ihnen jetzt lange genug meine Gesellschaft aufgedrängt, Herr Holl, nun will ich Ihnen den Abend nicht weiter mit meinen Angelegenheiten verderben. Sie werden sicher einmal ein tüchtiger Kommissar werden – doch, doch, das sehe ich schon! Aber Ihre Ansichten können mich noch nicht überzeugen; Sie werden verstehen, ich denke ein wenig anders über diese Dinge!«

Er winkt den Kellner heran und zahlt, gleich darauf verabschiedet er sich von seinen beiden jungen Gästen.

»Sie haben sich einen angenehmen Chef ausgesucht«, meint Holl zu der kleinen Marchaud.

Sie errötet, wie immer, wenn sie plötzlich angeredet wird. »Herr Brown ist sehr zuvorkommend, immer. Ich verstehe gar nicht, wie er in diesen Verdacht kommen konnte. Und ich soll ihm geholfen haben.«

Der junge Mann streichelt ihre kleine weiße Hand. Diese Hand, die so rührend zart ist und doch so tüchtig; sie muß manchmal viele Stunden lang unzählige Anschläge in der Minute machen, endlose Diktate aufnehmen. Wenn man sich vorstellt, daß sie das eines Tages nicht mehr zu tun brauchte – wenn man Geld hätte, brauchte sie es bestimmt nicht mehr zu tun!

Ziemlich spät verlassen sie das Palais, der Park liegt mit wenigen Lichtern in der stummen, lauen Sommernacht. Sie gehen langsam die Terrasse hinunter, bis sie am Seeufer stehen, das Wasser ist jetzt dunkel und ruhig, der knatternde Sprühregen der Raketen ist längst verloschen – fern ruft ein Vogel, ein zweiter antwortet.

»Du hast ihm nicht geholfen, kleine Eddie«, sagt er leise und legt den Arm um ihre schmale, bebende Schulter.

Ihre weichen Lippen schließen die seinen.

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