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Der gestohlene Raffael

Franz Roswalt: Der gestohlene Raffael - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFranz Roswalt
titleDer gestohlene Raffael
publisherVerlag Ullstein
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
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1

Ein feiner Regen geht über Paris nieder. Die Seine hüllt sich in graue, dampfende Schleier, der Eiffelturm bricht jäh mit der zweiten Plattform ab inmitten ziehenden Dunstes.

Kein Festtag, kein Tag für Sensationen – oh, es ist ein häßlicher, verregneter Vorsommertag.

Den berühmten Auktionen in London und in Berlin folgt dennoch gerade an diesem ungemütlichen Tag die Vermont-Auktion. Die Avenue Montaigne, sonst in stiller Vornehmheit träumend, hallt wider von den Signalen der anrollenden Wagen, ein ganzer Haufen von Menschen steht um den Eingang von Nummer Einundzwanzig herum und glotzt und flüstert und zeigt. Die Polizisten gehen in regennassen schwarzen Mänteln hin und her, sie versuchen vergeblich den Eingang freizumachen.

Dann und wann sieht man, wie jemand aus einem der Fenster im ersten Stock auf die Straße blickt, die Gardine wird dann jedesmal etwas beiseite gerückt, und ein Gesicht erscheint. Um zehn Uhr sollte die Auktion beginnen, es ist bereits elf, ohne daß man drinnen Anstalten gemacht hätte. Immer noch treffen geladene Gäste ein, die Automobile rutschen das letzte Stück glitschigen Asphalts, ehe sie halten; der Ruck der quietschenden Bremsen beschwört jedesmal einen kleinen Wolkenbruch herauf, der von den Wagendächern strömt. Jedesmal auch ein Anlaß für die Umstehenden, sich fester einzuwickeln und zu brabbeln; ja, sie möchten wohl gern in einem dieser eleganten Wagen sitzen, vielleicht eine der unwahrscheinlich elegant gekleideten Damen hineinführen, an dem mächtigen Portier vorbei, vom Kontrolleur begrüßt, der die tausend Einladungen prüft, die Treppe weiter hinauf, deren Wände und Stufen aus echtem Marmor sind – und dann hineingehen in den großen Auktionssaal und bieten und kaufen. Mancher Mensch, der sich den Ankauf eines Zwanzig-Frank-Bildes hundertmal überlegen muß, mancher hochgebildete Professor steht draußen herum und denkt so und friert.

Träumereien! Phantastereien!

Zu Vermont kommt niemand herein, der nicht feierlich auf weißem Bütten mit großen wohlgeschwungenen Buchstaben eingeladen ist. Wir erinnern uns alle vergnügt an die Auktionen – zum Beispiel in der Berliner Friedrichstraße, wo jeder herumstehen darf, Witze machen und bieten. Manchmal stehen so viele dabei, die nur zusehen wollen, ob es wirklich Leute gibt, die Bilder kaufen, daß der ganze Laden voll ist und doch nichts verkauft wird. Dann sucht sich der Auktionator mit ausgesprochener Bosheit grade die Kleinsten und Mickrigsten aus, die, von denen er annimmt, daß sie sich erst einen Fahrschein suchen müssen für die Rückfahrt, und fordert sie mit konstanter Bosheit auf, zu bieten. Er schildert ihnen so lange die Vorzüge und Schönheiten des Objekts, bis sie verschämt und ängstlich lächelnd davonschleichen. Dann schreit der brave Mann: »Gottlob, daß sie raus sind!«, und beginnt dasselbe mit den anderen. Das dauert manchmal den ganzen Tag, bis der Raum endlich geräumt ist.

Und dann darf man nicht mehr auktionieren.

Bei Vermont ist das gesamte erste Stockwerk für diese einzige Auktion in einen großen Saal verwandelt worden. Die Gäste sitzen in bequemen Sesseln um kleine Tische herum. Als Al Brown eintritt, ist es bereits ganz still geworden, die Auktion hat schon begonnen. Al Brown sieht sich sehr geheimnisvoll um, er überzeugt sich dabei nur mit einem Blick, daß man erst bei dem Ostasienteil der Sammlung ist; Vasen, Dosen, Bronzen werden hochgehalten, die zierlichen Pinseleien scheinen im Lichtreflex zu vibrieren; als man einen ganzen Tisch mit Schöpfungen der Chien-Lung-Zeit aufstellt, hat Brown seinen Platz gefunden, einen reservierten Tisch in der ersten Reihe. Die kleine Französin, die man ihm als Sekretärin gestellt hat, setzt sich ehrfürchtig hinter ihn; ihr Stuhl knarrt etwas, sie wird rot vor Schüchternheit; um keinen Preis würde sie jetzt wagen, aufzublicken.

Brown tauscht einen heiteren Blick mit der Dame, die im anderen Sessel sitzt. Ora Lee ist eine Frau, die auf keiner dieser Auktionen fehlt. Auch wenn sie bestimmt nicht bietet. Sie könnte sicherlich alles mögliche hier kaufen, ihr verstorbener Mann hat ihr ein nettes Vermögen hinterlassen, Brown kannte ihn recht gut. Nein, Ora Lee ist hier, wie die Lenglen da ist und Poiret und Pola Negri und Dempsey – auf der Durchreise natürlich nur –, sie ist eben da und dabei, wie alles, was Geld hat und international ist. Kein Mensch verlangt ja auch von ihnen, daß sie zu bieten anfangen. Im Gegenteil, das würden ihnen die Händler und Kunstfreunde sehr übelnehmen, sie sollen ja später diese guten und teuren Sachen bei ihnen kaufen, wenn sie noch besser und noch teurer geworden sind. Inzwischen werden vor Kakemonos und Koromandels große Chinateppiche ausgelegt. Bei einem blauweiß gemusterten mit blaßrosa Fond grunzt Brown leise in sich hinein, ein andrer, dessen blauer Fond und lachsrosa Bordüre samtig aufleuchten, wird von ihm für ein paar Handvoll Dollar erstanden und von seiner Sekretärin in eine große weiße Liste eingetragen.

Nachdem die Versammlung noch einige kleine Vermögen in Servicen, Garnituren und dergleichen netten Sachen angelegt hat, beginnt – ja, nun beginnt die wirkliche Auktion, um derentwillen man hier ist.

»Sehen Sie, meine Damen und Herren«, beginnt der Auktionator freundlich, »ich habe natürlich heute Pech, ich weiß sehr wohl, daß wir heute keine Preise machen werden. Zu den Bildern, die ich Ihnen heute zunächst einmal zeigen möchte – nur zeigen –, gehört natürlich besseres Wetter. Es tut mir weh, Ihnen einen Rembrandt, einen Raffael oder den Botticelli, den Sie nun bald sehen werden, es tut mir wirklich weh, Ihnen so etwas bei Kunstlicht zeigen zu müssen. Es ist nicht das richtige!« Er macht eine Pause und blickt hinter sich. Die Saaldiener bringen das erste Bild herauf und nehmen die Hülle ab. Der Auktionator wird nervös, er trocknet sich die Stirn. Sein Blick fällt dabei auf Ora Lee, und er erinnert sich noch schnell einer Pointe, mit der er sein Publikum ein wenig leichter und heiterer stimmen kann. Er verneigt sich – »bei Ihnen, gnädige Frau, ist das natürlich ganz etwas anderes – Sie können bei keiner Beleuchtung einbüßen.« Er schwenkt sein Taschentuch seinem Witz nach wie eine flatternde Fahne. Hier und da dreht sich ein Gesicht Ora Lee zu. Nichts Besonderes für sie, sie weiß sehr wohl, daß sie auffällt. Das muß so sein, sie fühlt sich wohl dabei. Mit kühlem, höflichem Lächeln blickt sie um sich, eigentlich sieht sie mehr über den Raum hinweg, irgendwo hinein in ein Nichts. Browns kleine Sekretärin wagt hastig einen Blick von den Schultern bis zu den Knien dieser Dame. Ihr kleines Hirnchen zählt mechanisch die Monatsgehälter zusammen, die sie brauchte, um – nun, um vielleicht Oras Schuhe kaufen zu können. Bom, bom, bom!

»Rembrandt! Porträt des Mauritz Huygens!« Die kleinen wachen Augen des Auktionators schießen hinter den Brillengläsern hin und her, sehen alles und jeden im Saal, fassen jede Miene, die sich irgendwie interessiert zeigt. Jemand bietet, aber obgleich es sich nur um eine Zeichnung des Mijnheer Huygens handelt, scheint es dem Gestrengen zu wenig.

»Immerhin ein Rembrandt!« sagt er beleidigt und läßt das Bild fortstellen. Er merkt, daß er so diesen blasierten, skeptischen Leuten nicht beikommen kann, hier muß verblüfft werden, hier muß aus dem Hinterhalt geschlagen werden.

Er trinkt rasch einen Schluck Wasser, dann läßt er das nächste Bild aufstellen.

Er sagt zunächst gar nichts. Er stellt sich daneben, leckt sich die Lippen und grinst. Im Saal ist es plötzlich stillgeworden, eine beklommene Stille. Man starrt auf das Bild. Hier und da steht jemand halb auf, um besser sehen zu können.

Es ist eine Madonna. Eine Madonna von Raffael.

Der Mann auf dem Podium beginnt: »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß es sich einmalig und nie wiederkehrend um die Cowper-Madonna, ehemals im Besitz der Lady Desborough in London, handelt. Wir kennen noch etwas Ähnliches, die kleinere Cowper-Madonna, heute im Besitz der Kollektion Widener, hm, Philadelphia.« Er sieht Brown freundlich an. »Wir erzielten damals eine halbe Million zweihunderttausend Dollar!« Brown rückt wütend auf seinem Platz hin und her. Herr Schorrlach geht eben mit langsamen Schritten quer durch den Saal und tritt an die Staffelei heran. Er berührt mit dem äußersten Ende des Kleinfingernagels die äußerste Ecke des Bildes, kratzt das äußerste Stückchen Farbe ab – und schmeckt. »Ein Raffael!«

Die Augen der kleinen Sekretärin werden groß und unwahrscheinlich gespannt; ihr Herr und Gebieter lehnt halb über dem Tisch und knurrt: »Siebenhundertfünfzigtausend Dollar!«

Eine englische Herzogin fährt mit einem kleinen Ausruf hoch und dreht zwei Herren, die bei ihr sitzen, den Finger in die Rücken. Sie spricht so schnell auf sie ein, daß man nichts verstehen kann. Einer von ihnen steht auf, jeder Zoll ein feierlicher Lord. »Siebenhundertsiebzigtausend!« Er setzt sich wieder, ehern wie eine Bildsäule. Als man bei achthunderttausend Dollar angelangt ist, betrachtet Herr Schorrlach wehmütig seinen Nagel, an dem noch ein Atom Raffael klebt. Nichts mehr für Deutschland. Zu teuer. Einer der Lords erhebt sich und führt mit dem Auktionator ein geheimnisvolles Gespräch. Vergeblich. »Ich kann Ihnen leider keine Zeit geben, mit England zu sprechen, ich bedaure unendlich – wieviel bieten Sie?« Der Lord blickt von dem Bild auf den Mann vor ihm, vom Podium zu Brown, von der kleinen Sekretärin zur Herzogin, von der Herzogin zu Ora Lee. »Ich biete nicht mehr!« sagt er entschlossen. Bom! »Madonna Raffael aus dem Besitz der Lady Desborough, bisheriges Minimalgebot achthunderttausend Dollar! Wer bietet einen Preis?!« – Bom!

»Aber meine Damen und Herren, Sie verlangen doch nicht, daß ich einen Raffael verschenke?!« Er schickt die Diener mit dem Bild durch den ehrfürchtig staunenden Saal. Herr Schorrlach verschwindet traurig, er kann nicht mehr. »Meine Damen und Herren, lassen Sie sich von mir einen kleinen famosen Witz erzählen – aus New York. Ich versteigerte damals die Sammlung Morgan jun. in Mitchell Hall. Plötzlich treten Schutzleute herein, erklären mich für verhaftet, die Bilder für beschlagnahmt, niemand darf den Saal verlassen; die Bilder werden sofort verpackt und auf Lastwagen gebracht – erst als die Polizisten weg sind, merken wir, was los ist, besser was los war. Ein echt New-Yorker Verbrecherstückchen – was, Mister Brown? Also meine Damen und Herren, zur Sache – wer bietet mir einen anständigen Preis?«

»Schreiben Sie ein«, sagt Brown zu seiner Sekretärin, »ein Raffael ›Cowper-Madonna‹ für achthunderttausend Dollar.« Einen Augenblick lang schwebt die Stimme der Herzogin wie ein dünner heller Pfiff über dem Raum, dann erhebt sich der erste Direktor der Londoner Nationalgalerie und überbietet Brown. Doch bei achthundertfünfundsiebzigtausend verstummt er.

Bom, bom, bom!

»Raffael, die unter dem Namen ›große Cowper-Madonna‹ bekannte Madonna aus dem Besitz der Lady Desborough, wurde von Mister Al Brown aus New York für ...« »Ssss!« macht Brown ärgerlich. Es kann diesen Leuten nicht beigebracht werden, daß man nicht zu wissen braucht, für wen er kauft. Seine Mission ist beendet. Einen Rembrandt läßt er den Engländern. Er ist nicht mehr wert als eine Viertelmillion Dollar. Deswegen braucht niemand das Essen zu versäumen.

Unter einem riesigen Regenschirm warten sie einen Augenblick auf Browns Limousine. Der Guß hat nicht nachgelassen, auf den Kappen seiner Schuhe bilden sich sofort zwei kleine glänzende Seen. Er sieht nachdenklich in die Pfütze, die ihn lang und verzerrt widerspiegelt. Nein, es war keine rechte Auktion heute. Zu wenig Aufregung, zu wenig Geschrei, zu wenig Temperament. »Ich liebe Temperament«, meint er mit einem bedeutsamen Lächeln, »bei den anderen!«

Als er in sein Auto steigt, drängt sich die ehrfürchtige Zuschauermenge heran, um besser sehen zu können.

Die kleine Sekretärin sitzt gedrückt in ihrer Ecke. Sie hat ausgerechnet, daß sie einundeinhalbes Jahr arbeiten muß, um sich dieselben Schuhe wie Ora Lee kaufen zu können; vorausgesetzt, daß sie während dieser Zeit weder ißt noch trinkt, noch jemals ein Kino besucht. In letzterem Fall würde sie über drei Jahre zu warten haben.

»Los«, sagt Brown, »heute abend fliegen wir nach London. Ich habe noch eine Kleinigkeit zu erledigen, ehe ich zurückreise. Sie haben die Liebenswürdigkeit, mich zu begleiten. Oder haben Sie Angst, zu fliegen?«

»Nein«, sagt die Kleine mutig, »ich habe niemals Angst, Mister Brown!« Aber ihr Gesicht ist ganz weiß vor Schreck. Sie hat gehört, daß neben jedem Sitz im Flugboot kleine diskrete Tüten hängen – sie fühlt sich schon jetzt luftkrank.

» Well«, fährt Brown fort und schnaubt sich geräuschvoll, »ich muß Ihnen diese kleine Unannehmlichkeit bereiten. Ich kann meine Madonna nicht im Zug mitnehmen, die Welt ist voller Diebe. Könnte ihnen so passen!«

»Achthundertfünfundsiebzigtausend Dollar!« – murmelt die Sekretärin benommen. Sie wagt gar nicht, in Franken umzurechnen.

*

Nach dem regnerischen Tag sieht ein lauer, verführerischer Abend ganz Paris auf den Boulevards.

Ora Lee hat ihren Wagen fortgeschickt, sie macht einen kleinen Spaziergang in die American Bar hinüber. Überflüssig, etwas über sie zu sagen, sie ist eine internationale Erscheinung, die blendend schöne Witwe des Chikagoer Konservenfabrikanten R. William Lee; wer hätte noch nicht seine Steaks in Tomatensauce gegessen? – Anscheinend ist sie unbeeinflußt von dem Zauber dieses milden sommerlichen Abends, vielleicht, wenn sie nicht Ora Lee wäre, sondern ein deutscher Phantast, dann würde sie die Augen schließen, die Luft tief einatmen und seufzen: »Hah! Paris!«

Aber sie ist verflucht dazu, Ora Lee zu sein und zu bleiben. Sie geht langsam, in Gedanken versunken weiter.

Von den Parks zieht ein betäubender Duft durch die Straßen, stärker als Gasoline, stärker als die Ausdünstungen der vielen Menschen. Vollgepackt schliddern die Omnibusse um die Kurven, die langen schweren Fremdenautomobile dazwischen. Rasselt ein solches Ungetüm vorüber, tönt es amerikanisch und englisch und deutsch und russisch – manchmal sogar ein paar französische Brocken. Alle Plätze vor den Cafés sind besetzt, Ora Lee wandert vorüber an knisternden Zeitungen, klappernden Tellern, klingenden Tassen, an einer Welt von heiteren, schwatzenden Menschen, ohne im geringsten von dem Leben um sie herum Notiz zu nehmen.

Im Begriff, die Bar zu betreten, bleibt sie plötzlich stehen. Sie sieht ihr eigenes Spiegelbild in den großen rechteckigen Türspiegeln des Eingangs, und – sie sieht dahinter, einige Schritte entfernt, den Mann, der sie nun den dritten Tag verfolgt.

Schnell entschlossen geht sie hinein, sie hört kaum die Worte des Empfangsherrn, sie übersieht den Pagen. Erst als sie in ihrem Sessel sitzt, das lärmende Orchester ihr gegenüber, besinnt sie sich wieder. Ihr Gesicht drückt immer noch diese unruhige Hilflosigkeit aus, mechanisch durchblättert sie die Karte.

Noch ist die Bar fast leer, sie ist viel zu früh gekommen, die meisten Lampen brennen noch nicht, ein einziges Tänzerpaar, nur zu diesem Zweck engagiert, tanzt einen monotonen, einsamen Tanz. Die Stimmen der Neger lärmen in aufdringlicher Fröhlichkeit.

I love a girl
my sweetheart, my honey
my honeygirl I love ...

Der fette schwarze Neger von der Jazzband reißt den Lautsprecher an den Mund, er trompetet in hemmungsloser Freude unzählige Strophen vom Honiggirl in den Saal, vielleicht hält er das sogar für schön. Gott – verzeihe es ihm bei seinem Tode. Ein einsamer amerikanischer Offizier betrinkt sich und seinen Kummer, in eine dämmrige Ecke drückt sich ein Pärchen. Ihre Köpfe verkriechen sich hinter der Blumenvase und lösen sich nur in unruhigen Abständen, wenn jemand vorüberkommt. Sonst ist es leer und lautlos – und ganz still und verlassen. Ora Lee zieht angewidert die Mundwinkel herunter, sie würde jetzt aufstehen und flüchten – aber in diesem Augenblick betritt ihr Verfolger den Saal, er hat sie schon entdeckt. Er kommt, ohne zu schnell und ohne zu langsam zu gehen, an ihren Tisch, er verbeugt sich und fragt, ob sie es verzeihen würde, wenn er bei ihr Platz nähme.

Sie nickt und betrachtet ihn schweigend.

Es ist ein Herr von vielleicht vierzig Jahren, an den Schläfen ergraut, sein schmales, längliches Gesicht, seine Zähne, sein Akzent verraten sofort den Engländer.

Er kommt ihr seltsam bekannt vor und doch ganz fremd; im übrigen weder gefährlich noch geheimnisvoll. Sie lacht. Es klingt ein bißchen hart. »Erlauben Sie mir eine Frage, bitte – warum verfolgen Sie mich eigentlich?« Er lächelt ein wenig. Er antwortet höflich und mit einer sehr sanften Stimme: »Ich habe Sie niemals verfolgt, gnädige Frau. Sie irren sich bestimmt!«

Sie wird verwirrt und stößt ärgerlich hervor: »Aber Sie laufen mir doch auf Schritt und Tritt nach, seit drei Tagen – sogar heute auf der Auktion waren Sie hinter mir her! Was soll das bedeuten?« Und sie fügt hinzu: »Es ist mir unangenehm – ich habe nichts zu fürchten, aber ich dulde nicht, daß man mich belästigt!«

Er schüttelt wie verwundert den Kopf – soso – du hast nichts zu fürchten?! Sie sieht ihn erschrocken an. »Ja, auf der Auktion heute«, sagt er jetzt; »übrigens fand ich den Abbé Scaglia reichlich überbezahlt, nicht?«

Ihr Erstaunen wächst. Sie sieht ihn sich noch einmal genauer an. »Ich habe in Ihnen eigentlich nicht – einen Kunstfreund erwartet!« sagt sie unruhig.

Er lacht jetzt etwas zu laut. »Haha. Nicht!« Er schließt die Augen und streicht sich über die Stirn. Dann blickt er sie freundlich, wie verzeihend an: »Ich glaube, gnädige Frau, Sie sind diesmal von Ihrer Menschenkenntnis betrogen worden. Wenn Sie mir eine Viertelstunde Urlaub geben würden, dann würde ich aus meinem Hotel ein paar Schmucksachen holen – ich handle damit. Ich würde gern Ihr Urteil hören, Mrs. Lee.«

Ihr Gesicht dreht sich ihm rasch zu: »Sie kennen, ja woher wissen Sie denn meinen Namen?!«

Er macht eine Handbewegung – »Das ist doch selbstverständlich, daß man Sie kennt.« Er erhebt sich und küßt ihr die Hand. »In fünfzehn Minuten, Mrs. Lee?!«

Sie sieht ihm nach, bis er im Vorraum verschwunden ist. Um sie herum toben die Neger in einem wilden »Houllahouh«, jetzt tanzen schon drei, vier Paare; der Eintänzer ihr gegenüber erhebt sich, sie winkt gleichgültig, rücksichtsloser, als es eigentlich ihre Art ist, ab. Zum Tanzen fehlt ihr wirklich jede Lust, die Wahrheit ist: Ora hat Angst, gemeine, erbärmliche Angst – warum, wovor? Sicherlich ist es falsch, hier sitzen zu bleiben und zu warten, bis dieser Herr zurückkehrt – sie weiß nicht einmal seinen Namen, er hat sich nicht vorgestellt! Man müßte aufstehen, etwas unternehmen, ehe es zu spät ist. Statt dessen bleibt sie mit einem gequälten Lächeln sitzen und wartet geduldig wie ein Kind.

Währenddessen geht der Mann, der eben mit ihr gesprochen hat, durch das Vestibül des Hotels, in dem Ora Lee wohnt. Er winkt dem Liftboy ab und geht die Treppe hinauf. An der Einmündung der Korridorflucht bleibt er einen Augenblick stehen; seine Haltung verändert sich, wird geduckt, lauernd, er geht nicht mehr aufrecht und gelassen, er schleicht sehr schnell und sehr leise den Gang hinunter. Vor einer der Türen verharrt er lauschend, für Sekunden versteckt er sich vor einem Kellner, der eilig vorüberkommt, im nächsten Waschraum; endlich ist es wieder still, kein Mensch. Er geht zu der Tür zurück, holt einen Nachschlüssel aus der Tasche, öffnet und zieht seinen Körper gleichsam hinein.

Die Tür des Salons steht nach dem angrenzenden Schlafzimmer auf, weiter nach dem Badezimmer. Eine ganze Zimmerflucht.

Eine nervöse Hand muß hier hastig regiert haben, Flakons liegen herum, eine Modepuppe steht auf dem Tisch, die nur angelehnte Tür eines Ankleideschrankes geht langsam und knarrend auf, ein paar Kleidungsstücke fallen herunter. Einen Augenblick zuckt der Eindringling zusammen, springt zur Tür zurück und lauscht. Nichts. Er geht schnell ins Nebenzimmer, und während durch das geöffnete Fenster verworrener Straßenlärm hupend und singend heraufschallt, reißt er Schränke und Koffer auf und durchsucht sie. Er findet nicht das, was er wohl vermutet hat, er flucht leise vor sich hin und sucht, schneller und hastiger. Jetzt bleibt nur noch ein Koffer undurchsucht, ein großer hellgrauer Schrankkoffer, wie ihn elegante Frauen auf Reisen bei sich führen. Er betrachtet mit abwesendem Ausdruck das große schwarzlackierte Monogramm: O. L. – Ora Lee.

Mit den Fäusten stemmt er sich gegen die Kofferplatten, es dauert Minuten, bis er das Schloß erbrochen hat. Ein paar Kostüme hängen drinnen an den Haken, ein betäubender Parfümduft schlägt ihm entgegen. Ganz am Grund sieht er ein Paketchen; er nimmt es hastig zu sich. Als er schnell das Zimmer verlassen will, muß ihm plötzlich noch etwas einfallen, er stutzt. Er beginnt das Paket abzutasten, er scheint noch nicht sicher zu sein, er reißt es hastig auf – Briefe, Briefe, Briefe in den verschiedensten Formaten, in kleinen und großen Kuverts, vom schmutzigen gelben, wie man es auf den Bahnhöfen für zehn Pfennig kauft, bis zum weißen abweisenden Bütten des Luxushotels.

Alle diese Briefe sind von derselben Hand geschrieben, von einem Jane, der seinen Namen groß und geschwungen ausschreibt. Briefe, die nichts weiter darstellen als Verabredungen auf dem ganzen Kontinent, Briefe, jedesmal in größter Eile hingeschrieben, jedesmal beginnend und endend mit Worten der Liebe – einer Liebe, die sehr groß und sehr stark, sehr innig sein muß. Zu oberst liegt der Brief, dessen Datum nicht älter ist als zwei Tage: Jane erinnert Ora noch einmal daran, daß sie sich in Berlin treffen wollen.

»– – – Ory, Liebste, wenn diese Sache erledigt ist, gehört das Leben endlich uns, dir und mir allein!«

Das Knistern des Papiers schreckt den einsamen Mann hoch, er hat den Brief in Gedanken versunken gepreßt, als sollte kein Fetzen Papier übrigbleiben.

Der Chorus der Neger grölt das Lied vom Menschen, der glücklich sein wollte. Die Münder blecken weiße Zahnreihen hinter Lippenwülsten, das Saxophon schmettert quarrend und hackend, die Geige fiedelt ganz hell dazwischen, und die gestopfte Trompete dröhnt: »Wutta dada, wutta wutta!«

Ora sitzt noch immer an ihrem Platz. Ihre Augen blicken ein wenig verständnislos auf das Treiben vor ihr, auf dieses blödsinnige Aufputschen von Gefühlen, die nicht echt sind – die eben ein paar Franken Eintritt kosten, dann kann jeder daran teilhaben. Endlich erinnert sie sich an den seltsamen Menschen, der an ihrem Tisch Platz nahm, er wollte in einer Viertelstunde zurückkehren. Sie ist nicht im geringsten erstaunt, daß er nicht gekommen ist. Sie erhebt sich müde, was soll sie hier noch – ihre Gedanken sind weit fort. Während der Lärm der Jazzband hinter der Frau verklingend abebbt, sitzt der Mann, der in der Zwischenzeit bei ihr einbrach, in einer versteckten Kneipe und liest ganz langsam und mit voller Aufmerksamkeit die Briefe, die ein gewisser Jane an Ora Lee schrieb.

*

Ein paarmal geht die Klinke nieder, eine häßliche, glatte eiserne Türklinke, dann wird jäh der Türflügel weit aufgestoßen, ein Mann steht in der Öffnung, keuchend, mit dem einen Arm hält er eine Frauengestalt fest an sich gepreßt. Der Gendarm hat hinter dem Tisch geschlafen, schwer mit herabhängendem Kopf. Er springt auf und greift ein-, zweimal leer über die Tischplatte, bis er seinen Revolver findet.

Das Hemd steht ihm auf der Brust offen.

Draußen, hinter der Tür, die sich irgendwo festgeklemmt hat und nicht wieder geschlossen wird, ist die Landstraße.

Die nächtliche verödete Straße. Baumzweige malen im schwachen Lichtschein ziehende, wehende Schattenfahnen, eine Katze huscht lautlos über die Treppenstufe – von fern strömt der kühle, herbe Geruch des Waldes.

Es ist still, totenstill.

Der Mann macht einen Schritt auf den Gendarmen zu, gerade so weit, daß er die Frau auf eine Bankecke niedergleiten lassen kann. Ein großer, breiter Mensch in einem weiten braunen karierten Reiseulster. An der Schulter ist der Mantel zerrissen, die Schuhe sind mit Schmutz klumpig bedeckt. Das ergraute Haar hängt in verklebten Strähnen über die Stirn.

Er sieht glasig auf die Ohnmächtige – zu dem Beamten hinüber. »Wasser!« sagt Al Brown in seinem schwer verständlichen Französisch, »geben Sie ihr Wasser!« Der Gendarm geht zur Wasserleitung und spült ein Glas aus. Während er ablaufen läßt, fährt er sich durchs Haar und knöpft das Hemd zu. Ein schriller Ton, der fern hinter Wäldern und Wiesen verhallt, läßt ihn zusammenfahren; er dreht sich schnell um, als werde er sich erst jetzt bewußt, daß er dem Unbekannten die ganze Zeit den Rücken gekehrt hat.

Aber Al Brown steht immer noch an der Tür und starrt ins Leere.

Unter den unsicheren Händen des Gendarmen nimmt das Gesicht der kleinen Sekretärin einen feuchten, glänzenden Schimmer an. Sie atmet tief und dreht sich halb mit geschlossenen Augen dem Licht zu. Ihr tiefes, stöhnendes Atmen weckt den Mann an der Tür aus seinem Vorsichhinstarren, er kommt näher, dabei sucht er nervös in seinen Taschen, er holt eine zerknüllte Zigarettenpackung heraus. Er flucht und wirft sie fort. Sie ist leer.

Der Gendarm steht jetzt am Telefon, aber so, daß er die ganze Zeit über den andern im Auge behält.

»Hier St. Laurent Blangy – Arras dort? Ja, hier ist ein Mann in meinem Dienstzimmer mit einem ohnmächtigen Mädchen – wie? – nein, sie sind mitten in der Nacht gekommen, jetzt, vor einer halben Stunde – ja, jawohl, Herr Inspektor, ich warte, jawohl.«

Er hängt ein.

»Bitte, setzen Sie sich, mein Herr – ich habe schon die Polizei in Arras verständigt –, können Sie mir jetzt sagen, was geschehen ist?« setzt er vorsichtig hinzu. Offenbar hält er seinen nächtlichen Besucher für einen Verrückten oder einen ganz schweren Jungen und geht deshalb diplomatisch vor. Aber der große Mann mit dem leeren, glasigen Blick hört ihn gar nicht.

Es ist still, die kühle Nachtluft streicht ins Zimmer.

Der Gendarm wickelt sich in seine Jacke – brrr.

*

Endlich schnaubt draußen ein Motor. Schritte klappen rasch über holpriges Pflaster, vor der Tür blendet es hell auf, allmählich rücken die beiden Lampen eines Automobils vor. Der Gendarm springt auf und macht Meldung. »Aha«, sagt einer der Beamten aus Arras, »das ist er wohl? – Darf ich Sie bitten, mein Herr?!«

Der Raum, in dem bis jetzt bleierne Müdigkeit wob, wird jäh aufgestört aus seiner schläfrigen Ruhe, jemand rückt Stühle zurecht, Stenogrammblocks werden glattgestrichen, man setzt sich.

Das Mädchen taumelt benommen zwischen Wand und Bank hin und her. »Ist sie verletzt?« fragt der Inspektor. Das Seltsame geschieht, daß sich alle ansehen, mißtrauische Blicke streifen den Begleiter des Mädchens; keiner weiß, was eigentlich los ist.

»Also – sofort einen Arzt aus Arras kommen lassen!« befiehlt der Inspektor ungeduldig, er rückt seinen Stuhl heran, so daß er dicht neben Al Brown sitzt. »Wie heißen Sie, mein Herr?!« Brown schüttelt langsam den Kopf und sieht den anderen verständnislos an. »Ich verstehe nicht!« sagt er mit leeren Augen auf englisch.

»Vorhin hat er französisch gesprochen!« sagt der Gendarm verwundert vom Telefon her. –

»Was soll das heißen – halten Sie uns nicht auf! Nennen Sie Ihren Namen!« Der Gendarmerieinspektor horcht nervös hinaus, draußen läuft rasselnd der Motor lauter und leiser.

»Sprechen Sie Französisch?«

Er wartet vergeblich auf Antwort, wendet sich achselzuckend zu den anderen. »Spricht hier jemand Englisch?« » Well, how are you?« sagt einer von den Leuten, die mit müden, harten Gesichtern herumstehen; er hat das im Kriege gelernt und lacht jetzt über seine erstaunlichen Sprachkenntnisse.

Brown hebt den Kopf, ganz langsam – als erwache er. Sein Blick ist auf einmal wieder da und scheint zu erkennen.

»Ich heiße Brown, Al Brown aus New York.«

»Aha – sehen Sie! Und was sind Sie, Herr Brown?«

»Ich bin Kunsthändler!« Er sieht dabei gedankenvoll um sich.

Der Inspektor kneift die Lippen ein. »Und woher kommen Sie, Herr Brown?«

»Ich komme aus Paris.«

»Ah – ich begreife –, jetzt begreife ich.« Der Beamte sieht sich überlegen um. »Sie kommen mit der Nordbahn, Sie sind vermutlich aus dem Zug gesprungen; daher Ihr zerrissener Mantel!« Er lacht katzenfreundlich. »Warum nicht aus dem Zug springen, mein Lieber?!«

Brown schüttelt heftig den Kopf. Er bemüht sich, zu erklären. »Ich bin nicht mit dem Zug gekommen, nein!«

»Aha – nicht? Mit dem Auto vielleicht? Sicherlich sind Sie nicht zu Fuß gelaufen – das wäre auch wohl für diese junge Dame zu anstrengend gewesen?!« Der Inspektor blinzelt seinem Assistenten zu, der Fall liegt ja ganz klar, der Mann simuliert, will sie vom Tatbestand ablenken.

»Ich bin geflogen!« erklärt Brown nach einer Pause, in der er sichtlich nach den passenden französischen Ausdrücken sucht. »Wir wollten nach England, in Croydon erwartet man mich schon!«

Der Beamte sieht ihn etwas ungläubig an. »Sie wollen damit sagen, Sie haben ein Unglück gehabt; Sie sind abgestürzt, Herr Brown?« Der Gefragte nickt.

»Dann können Sie uns vielleicht die Absturzstelle zeigen – es muß doch hier in der Nähe sein? Übrigens sind Sie ja noch ganz gut davongekommen – ist der Pilot tot?«

Diese Frage wird nicht beantwortet, denn in diesem Augenblick stöhnt das Mädchen auf; sie beginnt sich zu regen. Brown wird unruhig. Er spricht jetzt schneller, geläufiger, jeder bemerkt es. »Ich glaube doch nicht, daß wir abgestürzt sind – gelandet eher, denke ich.« Der Inspektor lächelt skeptisch. Jetzt weiß er alles. »Hm – gelandet, notgelandet wohl, hm.« Er faßt sich ans Kinn. »Dann können Sie uns doch wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie gelandet sind? Vielleicht ist auch das Flugzeug noch da!« Er sieht ihn fest an.

Der Kunsthändler ist verwirrt. Er zuckt die Schultern, »ich weiß nicht, ich verstehe nicht.«

»Wir werden uns bald verstehen!« sagt der Inspektor mit einer gewissen Schärfe.

*

St. Laurent Blangy ist ein kleines Dorf vor Arras. Zweimal hat es der Krieg dem Erdboden gleichgemacht, jetzt hat man es wieder aufgebaut; hier und da stehen noch Ruinen, die Nacht liegt dunkel in den Fensterhöhlen der ausgebrannten Gießerei. Ein Hund jault, ein anderer antwortet.

Das Automobil ist über das Holperpflaster der Ortschaft hinausgehüpft, knirschend gewinnen die Pneus die Landstraße.

Browns Hand zeigt über die Felder, der Wagen macht einen Satz und klettert in die Dunkelheit hinein. Weiter, immer weiter, nur noch ein winziges, verlassenes Licht glimmt fern in der Wachtstube des Gendarmeriepostens.

Die Sucher erfassen Kreuze, die zu Wäldern werden – Soldatenfriedhöfe.

»Halt!« ruft der Inspektor. »Halt! Sagten Sie etwas, Herr Brown?« Brown antwortet nicht, er sieht hinüber, grade dort, wo die weißen Lichter einen blendenden Kegel werfen – dort sind ein paar Kreuze zerknickt, umgerissen. Niedergefahren.

Die Beamten springen heraus und laufen auf die Stelle zu. Der Boden ist zerfurcht, eine doppelte Radspur zieht sich durch die weiche Erde, über gebrochene Kreuze und zerwühlte Hügel. Ein Gendarm zieht seine Taschenlampe und leuchtet. »Hier ist anscheinend das Flugzeug gelandet«, bemerkt er, »man kann die Breite der Tragflächen erkennen, es muß tatsächlich ein Flugzeug gewesen sein!« Der Inspektor wendet sich zu Brown: »Wo ist denn nun dieses mysteriöse Flugzeug, Verehrter, von dem Sie uns erzählen? Anscheinend ist es inzwischen wieder aufgestiegen?!« Der Mann zuckt die Achseln. »Ich verstehe das alles nicht.«

Der Scheinwerfer, der am Auto angebracht ist, wird ein paarmal hin und her gedreht, sein Licht zuckt blaß und fahl über den Horizont. »Ich kann nichts sehen, keine Spur von einem Flugzeug«, sagt der Inspektor und sieht alle an. »Aber da ist eins gewesen, sicherlich«, bemerkt der Beamte, der die Fahrbahn abgeleuchtet hat, »es muß weitergeflogen sein.«

Während der Rückfahrt verhört der Inspektor den Kunsthändler noch einmal. Allmählich scheint Brown aus seiner Apathie zu erwachen.

»Warum sind Sie geflogen?«

»Ich wollte das Bild nach England bringen.«

»Welches Bild?«

»Die Madonna!«

Keiner der Wageninsassen hat eine Ahnung, welche Madonna gemeint ist, man beschäftigt sich hier draußen auf dem Lande nicht allzuviel mit Kunstdingen.

»War es so wertvoll?« fragt der Inspektor ahnungslos. Brown starrt vor sich hin, seine Unterlippe zittert leicht: »Achthundertfünfundsiebenzigtausend Dollar Auktionspreis!« Die Beamten sehen sich vielsagend an, alle haben im Augenblick denselben Gedanken. »Sie waren natürlich versichert?« meint der Inspektor leichthin.

» Yes«, murmelt der Verhörte, »auf eine Million Dollar, Gott sei Dank – aber das Bild ist überhaupt nicht zu ersetzen!« Der Inspektor ist anderer Meinung. Er findet, daß das Geschäft noch durchaus lohnend ist, daß der Beraubte im übrigen seinen Verlust ziemlich gelassen trägt – warum hat er nicht gleich den Verlust gemeldet, wenn er so unersetzlich ist? Ist er wirklich so groggy, so benommen, daß er noch nicht so weit denkt – oder simuliert er? Wie überhaupt dieser ganze »Überfall« fingiert zu sein scheint?!

Als sie die Wachtstube passieren, halten sie einen Augenblick, die kleine Sekretärin wird hereingeführt, in den Wagen gehoben, dann geht es weiter.

Nach Arras!

Die Zeitungsverkäufer rasen mit ihren Packen über die Boulevards und schreien mit heiseren Stimmen: »Sensationelles Ende der Vermont-Auktion! Cowper-Madonna gestohlen! Nachtflugzeug Paris – London überfallen! Opfer Al Brown schildert Überfall.«

Die Masse greift gierig nach den verworrenen Meldungen über das geheimnisvolle Verbrechen.

Gegen Mittag findet die Vernehmung des Kunsthändlers Brown und seiner Sekretärin statt, über deren dramatischen Verlauf die Abendpresse spaltenlang berichtet.

Alle an dieser aufregenden Affäre Beteiligten haben sich im Dienstzimmer des Kriminalkommissars versammelt, der von Paris aus die Untersuchung leitet. Brown gegenüber hat ein kleiner, unscheinbarer Herr Platz genommen, man ist zuerst versucht, ihn für einen harmlosen Weinreisenden aus der Provinz zu halten – es ist Browns erbittertster Gegner, Eugen Fabre, Inspektor der Unitas, Vereinigte Versicherungsgesellschaften in Paris und London. Vor achtundvierzig Stunden hat Brown ihn die geraubte Madonna auf eine Million Dollar versichern lassen.

Der Inspektor kämpft für seine Gesellschaft um eine Million Dollar. Seine Augen wandern unruhig hinter den Brillengläsern; er blickt von Brown zu der Sekretärin, die blaß und elend in ihrem Stuhl lehnt. »Darf ich an Herrn Brown und die junge Dame einige Fragen richten, Herr Kommissar?« fragt er den Kriminalkommissar, der Akten und Fotos, die vor ihm liegen, durchblättert.

Die Erlaubnis wird erteilt.

Bevor der Inspektor zu fragen beginnt, nimmt er seine Brille ab, seine eigentümlich glanzlosen Augen scheinen ohne Blickkraft zu sein, man hat das Gefühl, daß er kaum ein Meter weit sehen kann. Als ob er sich ganz auf den Klang der Stimmen der Befragten konzentrieren will. Der Kunsthändler läßt nervös die Hand aufs Knie fallen, er räuspert sich heftig: »Herr Kommissar, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich amerikanischer Staatsbürger bin – ich werde gegen diese Behandlung meines Falles Beschwerde einlegen, ich habe keine Lust, Angestellten einer Gesellschaft, die mir gegenüber Verpflichtungen hat, Rede und Antwort zu stehen!« Er spricht ziemlich schnell und erregt in dem mangelhaften Französisch, das er mit vielen englischen Wortteilen zu durchsetzen pflegt; dann zündet er sich eine frische Zigarette an, den Rauch bläst er in kleinen rücksichtslosen Wolken dem Inspektor ins Gesicht, der Mann existiert gar nicht für ihn! »Würden Sie die Güte haben, Fräulein –?« Der Inspektor blickt hilfesuchend auf den Kommissar, er weiß den Namen dieser blassen, verängstigten jungen Dame nicht.

»Marchaud, Eddie Marchaud!«

»Fräulein Marchaud, bitte schildern Sie uns noch einmal kurz den Hergang der Affäre – Sie saßen in Ihrem Sessel, sicherlich waren Sie ein wenig müde, wollen Sie noch einmal berichten, wie Sie es für die Zeitungen taten!«

Die Sekretärin blickt schüchtern um sich; das Interesse, das sich jetzt auf sie richtet, macht sie noch verwirrter und verlegener, als sie ohnehin ist, sie streicht mit den Händen über die Armlehnen des Stuhles und sieht ihren Chef fragend an.

»Los, los!« brummt Brown gereizt, »sagen Sie doch dem Herrn, was Sie wissen, wir haben keine Zeit zu verlieren!«

Der Inspektor putzt geflissentlich seine Augengläser. »Berichten Sie doch, Fräulein Marchaud – hier tut Ihnen niemand etwas zuleide –, warum sehen Sie immer Herrn Brown an, erzählen Sie uns doch, was Sie wissen!«

Der Kommissar faltet die Hände und beugt sich vor: »Es ist sehr wichtig, daß Sie uns den Hergang noch einmal schildern, Fräulein Marchaud – ich will allerdings nicht unterlassen, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie Ihre Aussagen vielleicht später einmal unter Eid wiederholen müssen – also halten Sie sich an die Wahrheit – wenn Sie nicht sprechen können oder wollen – wenn vielleicht zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Chef – irgendwelche Beziehungen bestehen sollten?! – Auch dann, Fräulein Marchaud, bedenken Sie, was ich Ihnen eben sagte.« Es dauert einige Zeit, bis Brown den Sinn der Worte erfaßt, das Gesicht des großen selbstsicheren Mannes rötet sich, seine Ader zeichnet sich bedrohlich, er tritt dicht an den Kommissar heran. »Was wollten Sie damit sagen, Herr Kommissar?« Der Kommissar versucht ihn zu beruhigen, er setzt sein verbindlichstes Lächeln auf. »Aber, Herr Brown, Sie müssen mich doch als Beamten betrachten, ich bin verpflichtet, diese Fragen zu berühren – das bedeutet noch gar nichts, absolut nichts, machen Sie es doch sich und uns nicht schwer!« Der Kunsthändler zittert vor Wut.

»Ich protestiere gegen diese skandalöse Art, Fragen zu stellen – ich bringe das alles in die Presse, ich werde Beschwerde einlegen! In Arras hat man mich wie einen Schwerverbrecher behandelt, hier bringt man mir Mißtrauen und Argwohn entgegen, man versucht, meine Angestellten in heikle Fragen zu verwickeln, um Belastungsmomente zu erfinden – reden Sie doch endlich, zum Teufel, Fräulein Marchaud, was haben Sie denn?!« Das junge Mädchen blickt erschrocken auf den tobenden Mann, sie ist kreideweiß, schluckt krampfhaft; ihr Chef verstummt bei ihrem bejammernswerten Anblick, läßt sich schwer in seinen Sessel fallen und starrt vor sich hin. Die Kleine nimmt einen Anlauf, die zitternde kleine Hand tilgt ein paar verräterische Tränenspuren in dem blassen Gesichtchen, in einem verzweifelten Trotz berichtet sie, ihre Stimme ist klanglos, kaum vernehmbar: »Herr Brown diktierte mir Geschäftsbriefe – ich wollte gerade einen neuen Bogen einspannen, als wir fürchterlich durcheinandergerüttelt wurden – Herr Brown sagte irgend etwas wie ›Verflucht, was macht denn der Kerl!‹, dann wurde es merkwürdig still, der Motor schien abgestellt zu sein.«

Sie hält wieder inne und heftet ihre verängstigten Augen auf den Kommissar, sie macht einen ganz verstörten, unsichern Eindruck. »Weiter, weiter, Fräulein Marchaud!«

»Herr Brown ließ ein Fenster herunter, es war stockdunkel draußen – erst allmählich konnten wir die Umgebung unterscheiden – die Kreuze und Grabhügel!« Sie zittert unter dem Eindruck der schauerlichen Erinnerung. »Dann bemerkten wir ein Licht, als es näher kam, konnte man erkennen, daß es ein großer Autoscheinwerfer war – und dann holte man uns heraus.«

Der Kommissar hebt beschwichtigend die Hand, nicht so schnell! Er hat jetzt ganz die Leitung der Vernehmung übernommen, der Inspektor ist nur noch aufmerksamer Zuhörer; nichts darf ihm entgehen, die Unitas zahlt eine große Prämie, wenn es ihm gelingt, sie ihrer Verpflichtungen gegen Brown zu entheben.

»Einen Augenblick, Fräulein Marchaud – erzählen Sie bitte jetzt ganz genau, wie der Überfall vor sich ging – wer wurde zuerst aus der Kabine geholt – fand nicht ein Kampf statt, wehrte sich denn ihr Chef nicht?!« Brown macht eine wütende Handbewegung, er kann kaum an sich halten. Die Sekretärin senkt den Kopf. »Herr Brown faßte, glaube ich, nach seinem Revolver, aber man hielt ihm wohl die Hände fest – ich kann mich nicht mehr daran erinnern!«

»Sie müssen versuchen, sich darauf zu besinnen!«

Sie denkt geraume Zeit nach.

»Doch – man hielt ihm die Hände fest – ich schrie sogar laut, ja, jetzt erinnere ich mich, ja, ich schrie, und gleich darauf hielt man mir den Mund zu – ich bekam ja kaum Luft!«

Der Kommissar wiegt den Kopf hin und her, er blickt sie zweifelnd an. »Hm, Sie bekamen kaum Luft, und dann, ich meine, was taten Sie darauf, blieben Sie in der Nähe des Flugzeugs, entfernten Sie sich, wo war Ihr Chef?!«

»Er rannte mit mir nach dem Wald hinüber!« Sie will noch weitersprechen, aber der Kommissar schneidet ihr das Wort ab, er sieht nachdenklich vor sich hin, seine Hand ergreift ein Aktenstück, ohne hinzusehen schlägt er es auf: »Auf irgendwelche Einzelheiten kann ich mich nicht besinnen – das Flugzeug setzte hart auf, weiter weiß ich nichts mehr – ich muß dann ohnmächtig geworden sein, ich kam erst auf der Polizeistation wieder zu mir!« Der Kommissar legt das Aktenstück fort, und seine Augen fixieren scharf die Sekretärin, sie kann seinem Blick nicht standhalten und läßt den Kopf sinken.

»Ihre protokollierte Aussage, die Sie in Arras machten, mein Fräulein, danach wurden Sie angeblich ohnmächtig und konnten sich an nichts erinnern, jetzt erzählen Sie uns einen ganzen Roman! Wollen Sie nicht endlich die Wahrheit sagen, Fräulein Marchaud?«

Sie beginnt zu schluchzen.

»Was wollen Sie denn von der Kleinen?« grollt Brown, »sie ist eben ohnmächtig geworden, ihre erste Aussage stand noch zu sehr unter dem Eindruck des Erlebten, es ist doch keine Kleinigkeit, so ein Überfall –!«

»Eine Million Dollar«, flüstert der Versicherungsinspektor vor sich hin, »gewiß keine Kleinigkeit.« Der Kommissar wirft ihm einen mißbilligenden Blick zu. »Ich muß um Ruhe bitten! Wir wollen diese Fragen der Zukunft überlassen«, beginnt der Kommissar erneut, »ich möchte jetzt ein paar Fragen an Sie selbst richten, Herr Brown – wie ist eigentlich Ihr richtiger Name?!« Die Wirkung dieser leicht hingeworfenen Frage ist verblüffend, aus dem selbstbewußten Beherrscher der internationalen Kunstauktionen wird mit einem Schlage ein unsicherer Mensch, der erschrocken den Kommissar anstaunt. Alles sieht gespannt auf den Verblüfften, jeder murmelt im stillen ein Stoßgebet, daß er nie diesem Teufel von Kommissar in die Hände fallen möge.

»Ich will es Ihnen verraten, Herr Brown«, sagt der Kommissar gelassen, »Sie hießen eine Zeitlang Braun, später nannten Sie sich Blanwith und bis zuletzt Brown. Warum eigentlich?!«

»Herr Kommissar« – jedem fällt es auf, wie verändert die Stimme des Händlers ist – »Herr Kommissar, ich bitte dringendst, zu veranlassen, daß die Presse über diese Dinge nicht berichtet!«

Seine Stimme bricht heiser ab.

Der Kommissar nickt zustimmend.

»Herr Kommissar«, fährt der Verhörte fort, »ich war zu diesen Namensänderungen aus geschäftlichen Gründen gezwungen, ich hatte keinerlei Protektion im Anfang, ich kam mittellos aus Rußland nach England, meine erste Firma ging in Konkurs; drüben in Amerika änderte ich dann meinen Namen zum zweitenmal aus Blanwith in Brown – ich bin ja jetzt längst amerikanischer Staatsbürger, jedes Kind kennt da drüben den Namen Al Brown von den großen Auktionen her!« Er streicht hastig ein Zündholz, vergeblich, es zündet nicht, seine zitternde Hand ist nicht dazu imstande.

Nicht einen Augenblick wendet der Kommissar seinen Blick von ihm. »Aus geschäftlichen Gründen, so? Sie haben eine recht bewegte geschäftliche Vergangenheit hinter sich, Herr – Brown?!« Der Gefragte macht eine Handbewegung, die ungemein hilflos wirkt, er kann es nicht leugnen, daß seine Geschäftspraktiken manchmal Aufregungen verschiedenster Art mit sich brachten.

Er kann nicht mehr leugnen.

»Fräulein Marchaud«, fragt der Kommissar ganz unvermutet, »wie saßen Sie, während Sie die Briefe schrieben, die Ihnen Herr Brown diktierte – saßen Sie nicht mit dem Gesicht zu dem kleinen Fenster, das unterhalb des Pilotensitzes angebracht ist, Sie saßen doch so?!«

Sie nickt müde. »Ich saß nach dem Fenster hin.«

Der Kommissar sieht seine Beamten, die schweigend neben ihm sitzen, bedeutsam an.

Es entsteht eine kleine Pause.

Browns Zigarette brennt nicht mehr, er scheint es gar nicht zu bemerken; die kleine Marchaud öffnet in völliger Verwirrung den Reißverschluß ihrer Handtasche und sucht darin herum, ohne etwas herauszunehmen.

Der Kommissar beginnt wieder zu sprechen; ganz ruhig und sachlich, fast ohne Interesse an der ganzen Angelegenheit, könnte man glauben. »Ich wiederhole also noch einmal, Sie, Fräulein Marchaud, saßen während des Fluges in Fahrtrichtung. Konnten Sie eigentlich etwas von dem Piloten sehen, ich meine, seinen Schatten vielleicht oder irgend etwas – oder hatte man den Ledervorhang vor das Fenster gezogen?«

»Ich – ich weiß es nicht mehr!«

»Aha – Sie sind also vermutlich eine sehr eifrige Sekretärin und achten während des Diktates nur auf Ihre Maschine und auf den Diktierenden – das wollen Sie damit sagen, wie? Antworten Sie!«

Sie nickt stumm.

»Gut! Wir wissen nun zufällig, daß das Flugzeug, das Herr Brown gemietet hatte, ein kleines Kabinenflugzeug älterer Bauart gewesen ist; hier liegt der Pilotensitz ziemlich tief, und wenn das Verbindungsfenster nicht verhangen ist – und es war nicht verhangen aus dem einfachen Grund, weil bedauerlicherweise dieser Ledervorhang fehlte, dann kann man ganz gut von der Kabine aus den Piloten beobachten. Sie haben dies nicht getan, sondern sich nur mit Ihrer Maschine und Ihrer Arbeit beschäftigt, so sagten Sie doch, Fräulein Marchaud?!«

»Ja – das heißt nein – doch, doch, ja!«

»Sehr sicher scheinen Sie Ihrer Sache nicht zu sein?!« bemerkt der Kommissar ironisch. »Ich bedenke nun, daß Sie einerseits in Arras die Aussage machten, Sie wären im Augenblick der Notlandung ohnmächtig geworden, andererseits haben Sie uns recht interessante Beobachtungen mitgeteilt, die man eigentlich nicht in ohnmächtigem Zustand machen kann. Ich will Ihnen jetzt aber sagen, Fräulein Marchaud, wann und warum Sie ohnmächtig wurden – Sie wurden in dem Augenblick ohnmächtig, als Ihr Chef mit Hilfe des neben dem Piloten sitzenden Mechanikers den Piloten ermordete! In diesem Moment – das will ich zu Ihren Gunsten annehmen – verloren Sie vor Schreck die Besinnung!« Brown ist aufgesprungen, er ringt nach Luft: »Was sagen Sie da – der Pilot ist ermordet worden – und von mir – haben Sie denn Beweise – sind denn hier alle verrückt geworden!? – Fräulein Marchaud, haben Sie denn irgend etwas Verdächtiges bemerkt? So reden Sie doch nur, Sie sehen, worum es geht, sprechen Sie doch endlich!«

»Machen Sie kein Theater, Herr Brown!« sagt der Kommissar kalt, »im übrigen – wir haben die Leiche des Piloten drei Kilometer von Cambrai entfernt aufgefunden, und Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie und Ihre Begleiterin von dem Kampf, der zwischen dem Piloten und dem falschen Mechaniker stattgefunden haben muß, nichts bemerkt haben!«

»Es hat ein Kampf stattgefunden?!« fragt Brown in fassungslosem Entsetzen. Der Kommissar beobachtet ihn scharf. »Allerdings! Es läßt sich niemand gern über Bord werfen – also lassen wir doch diese zwecklose Komödie, sagen Sie nun, was Sie wissen!« »Aber ich schwöre – wahrhaftig, ich weiß nichts davon, ich habe nichts gesehen – das – das muß sich doch irgendwie beweisen lassen!« Er versucht mit zitternden Händen eine Zigarette anzustecken. Der Kommissar reicht ihm liebenswürdig ein Streichholz. »Beruhigen Sie sich doch, Herr Brown – im übrigen haben Sie und Fräulein Marchaud reichlich Zeit, uns diesen Beweis zu erbringen!«

Brown knickt zusammen wie das Streichholz, das zwischen seinen Fingern langsam verkohlt. »Was, was meinen Sie damit, Herr Kommissar?« »Ich werde Sie und Ihre Begleiterin leider zunächst hierbehalten müssen, bis alles geklärt ist, Herr Brown!«

»Aber das geht doch nicht, ich muß doch meine Geschäfte versehen – ich muß doch abreisen, ich kann ja eine Kaution stellen!« »Ich bedaure, Herr Brown, ich muß Sie in Haft nehmen, die Widersprüche, in die Sie und Fräulein Marchaud sich verwickelt haben, sind so schwerwiegend, daß ich annehmen muß – dieser ganze Überfall könnte fingiert sein!«

Der Versicherungsinspektor kann nicht länger zurückhalten, er springt voller Erregung auf: »Das ist ja der klarste Versicherungsbetrug, Herr Kommissar, ich bitte, das sofort zu protokollieren!« »Ich bitte auch Sie zunächst um Ruhe, Herr Fabre!« unterbricht ihn der Kommissar korrekt, »wir werden ja sehen, was uns Herr Brown zu sagen hat – zunächst wohl noch nichts, Herr Brown? – Nun, vielleicht heute abend, morgen, übermorgen – man wird abwarten!«

»Es muß sich beweisen lassen!« wiederholt Brown dumpf.

Der Kommissar erhebt sich.

»Ich bin davon überzeugt.«

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