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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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Jimmy Goggles, der Gott

»Nicht jeder ist mal ein Gott gewesen,« sagte der sonnverbrannte Mann.

»Aber mir ist's passiert. Unter anderem.«

Ich bemühte mich, ihm meine Erkenntlichkeit für seine Herablassung darzutun.

»Läßt nicht mehr viel übrig für den Ehrgeiz, was?« sagte der Sonnverbrannte.

»Ich war einer von den Geretteten vom ›Ocean Pioneer‹ . Herrjeh! Wie die Zeit vergeht! Zwanzig Jahre ist das her jetzt. Sie werden wohl kaum mehr was vom ›Ocean Pioneer‹ wissen?«

Der Name klang meinem Ohr nicht unbekannt, und ich versuchte, mir ins Gedächtnis zurückzurufen, wann und wo ich ihn wohl gehört haben konnte.

»Der ›Ocean Pioneer‹ ? – – Irgendwas mit Goldstaub war es!« sagte ich unsicher – »aber das Genauere ...«

»Ganz recht!« sagte er. »In so einem verdammten kleinen Kanal, wo er gar nichts zu schaffen hatte – hinter Piraten her! Es war noch, ehe sie dazu ihre eigenen Leute hatten. Es gab einmal Vulkane dort oder so was Ähnliches, denn alle Felsen waren übereinander geworfen. In der Nähe von Soona herum gibt es Stellen, wo man einfach den Felsen nachfahren und zusehen muß, wo es eben hingeht. Ehe man ein Spiel Karten hätte austeilen können, sank das Schiff auch schon – zwanzig Faden tief – mit Gold in jeder möglichen Gestalt und – so behaupteten sie – im Wert von vierzigtausend Pfund an Bord.«

»Waren Überlebende?«

»Drei.«

»Ich besinne mich jetzt wieder auf die Geschichte,« sagte ich. »Es handelte sich ja wohl um Bergung –«

Bei dem Wort Bergung brach der Sonnverbrannte jedoch in so über alle Begriffe schauderhafte Redewendungen aus, daß ich entgeistert verstummte. Schließlich ließ er sich wieder zu Flüchen der gewöhnlichen Sorte herab und faßte sich dann plötzlich. »Entschuldigen Sie!« sagte er. »Aber – Bergung!«

Er beugte sich zu mir herüber. »Ich war dabei! Hab' versucht, einen reichen Mann aus mir zu machen. Statt dessen haben sie einen Gott aus mir gemacht. Man hat so seine wunden Punkte – –«

»Ein Kinderspiel ist's gerade nicht, ein Gott zu sein –!« sagte der Sonnverbrannte. Eine Zeitlang führte er die Unterhaltung vermittels ähnlicher, zwar kernhafter, aber nicht gerade fördernder Aussprüche weiter. Schließlich nahm er seine Erzählung wieder auf.

»Also ich war dabei,« sagte er, »und ein Forschungsreisender namens Jacobs, und Always, der erste Steuermann des ›Ocean Pioneer‹ . Und der hat die ganze Geschichte angezettelt. Ich weiß noch heute, wie wir in unserem kleinen Boot beieinander hockten, und er durch ein paar kurze Worte uns alle auf den Gedanken brachte. Ganz merkwürdig verstand er sich darauf, die Leute immer auf Gedanken zu bringen. ›Vierzigtausend Pfund,‹ sagte er ›waren auf dem Schiff, und wenn einer, so muß ich die Stelle, wo es gesunken ist, kennen ...‹ Besonders viel Grütze gehörte nicht dazu, weiter zu denken ... Und er nahm die ganze Geschichte von A bis Z in die Hand. Er sicherte sich die Sanders und ihre Brigg; es waren zwei Brüder, und die Brigg war die ›Pride of Banya‹ ; er kaufte auch den Taucheranzug – einen zweiter Güte – mit einem komprimierten Luftapparat statt Pumpen. Er hätte auch das Tauchen selber gemacht, wenn ihm beim Sinken nicht übel geworden wäre. Und in Starr Race, hundertundzwanzig Meilen weiter weg, wirtschaftete die eigentliche Bergungsmannschaft in höchster Feierlichkeit herum – nach einer Karte, die er selber zusammengebraut hatte!

»Ich sag' Ihnen – wir waren eine fidele Bande an Bord unserer Brigg – tranken und ulkten und waren voll der schönsten Hoffnungen jeden Tag, den Gott gab. Die ganze Geschichte sah ja auch so klipp und klar und tadellos aus – einfach ›bombensicher‹ , wie man so sagt. Wie oft haben wir uns ausgemalt, was die anderen Kerle, die eigentliche Bergungsmannschaft, die zwei Tage vor uns ausgezogen waren, trieben, bis uns rein der Bauch weh tat vor Lachen. Wir aßen alle miteinander in der Kajüte der Sanders – eine komische Besatzung war es, lauter Offiziere und keine Mannschaft. Der Taucheranzug stand dabei und harrte seiner Bestimmung. Der jüngere Sanders war ein Witzbold – wirklich, es hatte auch was Lachhaftes – der große, dicke Kopf des verfluchten Dings – und seine Glotzaugen. Und er führte uns das auch immer wieder zu Gemüte. ›Jimmy Goggles‹ nannte er das Ding, und oft unterhielt er sich mit ihm wie mit einem Christenmenschen. Fragte, ob er verheiratet wäre, und wie es Mrs. Goggles ginge und all den kleinen Goggleses. Einfach zum Wälzen. Und jeden Tag, den Gott gab, tranken wir Jimmy Goggles' Gesundheit – in Rum – und schraubten eins von seinen Augen auf und schütteten ein Glas Rum in ihn hinein, bis er – an Stelle der scheußlichen Gummistoffigkeit – so vergnüglich roch in seinem Innern wie ein Faß Rum. Famose Tage waren das, ich kann Ihnen sagen! Wir ahnten ja nicht, wir armen Teufel, was kommen sollte!

»Nichts lag uns ferner, wissen Sie, als unsere Chancen durch allzu großen Eifer aufs Spiel zu setzen. Einen ganzen Tag brachten wir damit zu, uns zu der Stelle durchzuwinden, wo der ›Ocean Pioneer‹ gesunken war – gerade zwischen zwei dünnen, gewundenen, grauen Lavafelsen, die fast senkrecht aus dem Wasser aufstiegen. Wir mußten eine halbe Meile weit davon liegenbleiben, um einen sicheren Ankerplatz zu finden; und es gab einen ordentlichen Krach darum, wer an Bord bleiben sollte. Und da lag der ›Ocean Pioneer‹ – genau so, wie er gesunken war – man sah noch ganz deutlich die Spitzen der Maste, die noch aufrechtstanden. Der Krach endete damit, daß alle mit ins Boot kamen. Freitag morgen, sobald es hell wurde, stak ich im Taucheranzug und ließ mich hinunter.

»Was für eine Überraschung das war! Noch heute seh' ich es ganz deutlich vor mir. Es war eine seltsam aussehende Gegend – die Dämmerung brach eben herein. Die Menschen hier bei uns denken, in den Tropen sei überall flache Küste und Palmen und Brandung. Du lieber Gott! Die Gegend zum Beispiel war keine Spur so! Keine gewöhnlichen, vom Wasser unterminierten Felsen; sondern große, seltsam gebogene Felsbänke, wie Aschenhaufen aus Schmiedeeisen – mit grünem Schlamm am Fußende und stachligen Sträuchern und so was, die da und dort darüber hingen; und das Wasser glasstill und klar, mit einer Art schmutzigen, schwarzgrauen Schimmers und mit riesigen flammend-rotbraunen Wasserpflanzen, die regungslos dalagen und durch die allerhand Dinge hindurchkrochen oder -schossen. Und ganz in der Ferne – hinter den Tümpeln und Felshaufen und Senkungen – an der Flanke des Gebirges ein Wald, der nach den Flammen und Aschenschauern des letzten Ausbruchs wieder emporwuchs. Auf der anderen Seite ebenfalls Wald und eine Art – ja, wie nennt man es? – zerrissenen Amphitheaters von schwarzer, rostiger Asche, das sich über dem allem erhob, und in der Mitte – wie eine Art Bucht – das Meer.

»Wie gesagt – die Morgendämmerung brach eben herein, alles war noch ziemlich farblos. Und den ganzen Kanal, auf und ab, kein lebendes Wesen zu sehen, außer uns. Außer der ›Pride of Banya‹ , die jenseits von einem Felsklumpen nach der See zu lag.

»Kein lebendes Wesen zu sehen,« wiederholte er und verstummte.

»Was weiß ich, woher sie eigentlich kamen,« fuhr er dann fort. »Keine Ahnung. Und wir fühlten uns so sicher, daß wir allein waren, daß der arme junge Sanders noch laut sang. Ich steckte in Jimmy Goggles – vollständig – bis auf den Helm. ›Vorsicht!‹ sagt Always. ›Da ist der Mast!‹ Ich gucke noch einmal über die Brüstung, packe die Leine und wäre fast hinausgefallen, während der ältere Sanders das Boot drehte. Nachdem man die Fenster zugeschraubt und alles in Ordnung gebracht hatte, schloß ich die Öffnung des Luftgürtels, damit ich sinken konnte, und sprang über Bord – die Füße nach unten – eine Leiter hatten wir nicht. Das Boot lag auf der Seite, und alle starrten sie hinter mir drein ins Wasser, während mein Kopf zwischen Seetang und Nacht, die den Mast umgaben, hinabsank. Kein Mensch, glaub' ich, der allervorsichtigste nicht – hätte sich an einem solchen Ort die Mühe gemacht, Ausschau zu halten. Es stank geradezu nach Einsamkeit.

»Selbstverständlich müssen Sie sich klar machen, daß ich ein Neuling war im Tauchen. Keiner von uns verstand sich aufs Tauchen. Wir mußten allerhand Experimente machen mit dem Ding, damit wir überhaupt damit zustande kamen; und es war das erstemal, daß ich tiefer tauchte. Scheußliches Gefühl. Die Ohren tun ganz widerlich weh. Ich weiß nicht, ob es Ihnen je vorgekommen ist, daß Sie sich beim Gähnen oder Niesen ausgerenkt haben – so ist es; bloß zehnmal schlimmer. Und ein Schmerz gerade über der Stirn – hier – und im Kopf ein Gefühl wie bei Influenza. Und auch sonst – in der Lunge und überall – ist einem nicht gerade paradiesisch zumute. Wenn man sinkt, hat man ein Gefühl wie in einem Aufzug – bloß daß es immer weitergeht. Man kann nicht den Kopf heben und sehen, was über einem ist – und kann sich nicht vorbeugen und sehen, was unter einem passiert, ohne daß es weh tut. Und weil es tief war, war es sehr dunkel – ganz abgesehen von der Schwärze der Asche und des Schlamms, die den Grund bildeten. Es war, als ob man aus der Dämmerung wieder in die Nacht versänke, sozusagen.

»Der Mast kam wie ein Gespenst aus dem Dunkel empor – dann ein Haufen Fische – dann eine Masse roten, fließenden Seetangs – und dann landete ich – bums! – mit einer Art dumpfen Krachs auf dem Deck des ›Ocean Pioneer‹ , und die Fische, die sich an den Leichen darauf gütlich taten, stiegen wie ein Schwarm von Fliegen zur Sommerszeit auf der Landstraße um mich empor. Ich ließ wieder komprimierte Luft zu – denn der Taucheranzug war doch ziemlich dumpfig und gummimantelähnlich, trotz des Rums – und stand einen Augenblick still. Ziemlich kühl war es drunten, das milderte die Dumpfigkeit ein bißchen.

»Als ich anfing, mich zu erholen, begann ich Umschau zu halten. Es war ein merkwürdiger Anblick. Sogar die Beleuchtung war merkwürdig – eine Art rötlichfarbenes Dämmerlicht von den Ranken des Tangs, die zu beiden Seiten des Schiffes flossen ... Und hoch oben ein mondscheinhaftes, tiefes Grünblau. Das Deck des Schiffes stand, bis auf eine schwache Neigung steuerbordwärts, eben und lag dunkel und lang zwischen dem Tang – klar, außer, wo die Maste abgebrochen waren, als es seitwärts rollte; das Vorderkastell verlor sich im Dunkel. Tote waren nicht auf dem Verdeck; die meisten mochten zu beiden Seiten im Tang hängen; später entdeckte ich zwei Skelette, die der Tod in den Kabinen überrascht hatte. Ganz sonderbar war es, auf dem Deck zu stehen und so Schritt um Schritt alles wiederzuerkennen: eine Stelle an der Reling, wo ich im Sternenschein ganz besonders gern meine Zigarre geraucht hatte – die Ecke, wo ein alter Kerl aus Sydney immer mit einer Witwe flirtete, die wir an Bord hatten. Ein recht rundliches Paar waren sie gewesen, die zwei; und jetzt – kein junger Krebs hätt' sich mehr satt fressen können an ihnen!

»Ich bin immer ein bißchen philosophisch veranlagt gewesen; und ich glaube, ich habe mindestens fünf Minuten mich derartigen Gedanken hingegeben, ehe ich hinunterging, um nachzusehen, wo der verwünschte Goldstaub lag. Es war ein mühseliges Suchen – fast immer nur ein Tasten – stichdunkel – mit plötzlichen, bläulichen Lichtern, die die Kajütentreppe herunterkamen. Und allerhand bewegte sich um einen her – da stieß etwas gegen meine Gläser – und dort zwickte mich etwas am Bein. Krebse wahrscheinlich. Ich stolperte fortwährend über Dinge, die herumlagen, und aus denen ich nicht klug werden konnte, und bückte mich schließlich und hob etwas auf – lauter Knollen und Spitzen ... Was meinen Sie, daß es war? Rückenwirbel! Aber ich hab' mich nie besonders aufregen können über Knochen. Wir hatten die Sache ziemlich genau durchgesprochen, und Always wußte, wo die Ladung lag. Da fand ich sie denn auch. Ich hob sogar eine von den Kisten fast einen Zoll hoch auf.«

Er brach ab. »Ich hab' es hochgehoben!« sagte er dann. »So hoch! Vierzigtausend Pfund reinen Goldes! Gold! Ich schrie in meinem Helm auf – eine Art Hurra! daß mir die Ohren weh taten. Ich war nach und nach doch verdammt müde geworden und benommen – mußte etwa fünfundzwanzig Minuten oder noch länger drunten gewesen sein – und dachte, das sei genug fürs erstemal. Ich stieg die Kajütentreppe wieder hinauf; und just als meine Augen in gleicher Höhe mit dem Verdeck standen, machte ein unerhört großer Krebs eine Art hysterischen Satz und schob sich seitwärts davon. Ordentlich einen Schreck versetzte es mir. Dann stand ich wieder auf dem Verdeck und schloß die Schraube hinter dem Helm, daß die Luft sich ansammeln konnte, die mich wieder hinauftragen sollte. Ich fühlte von oben etwas wie ein dumpfes Aufschlagen, etwa so, als ob das Wasser durch ein Ruder bewegt würde. Aber ich blickte gar nicht auf. Ich dachte, es wäre ein Signal zum Aufsteigen.

»Dann – auf einmal – schoß etwas an mir vorüber – etwas Schweres – und blieb zitternd in den Planken stecken. Ich sah hin – es war ein langes Messer, das ich oft in der Hand des jüngeren Sanders gesehen hatte. Er hat es fallen lassen, denk' ich – und geb' ihm allerhand nicht gerade schmeichelhafte Namen – denn er hätte mich ganz ernstlich verletzen können –, während ich auch schon steige und dem Tageslicht entgegentreibe. Ich war schon etwa in gleicher Höhe mit den Mastspitzen des ›Ocean Pioneer‹ – da – bums! – stieß ich gegen etwas, das sank, und ein Stiefel stieß vorn gegen meinen Helm. Dann noch etwas – was furchtbar um sich schlug ... Irgendeine schwere Last war gerade über mir – und bewegte sich – und kämpfte – wäre nicht der Stiefel gewesen, so hätte ich es für ein großes Tier oder so was Ähnliches gehalten. Aber Tiere haben keine Stiefel an. All das dauerte natürlich bloß einen Augenblick. Ich fühlte, wie ich wieder sank – ich streckte die Arme vor, um mich im Gleichgewicht zu halten – und das Ding rollte über mich weg und schoß in die Tiefe, während ich wieder in die Höhe stieg – –«

Er machte eine Pause.

»Ich sah das Gesicht des jüngeren Sanders über einer nackten, schwarzen Schulter. Ein Pfeil stak mitten in seiner Kehle, aus seinem Mund und seinem Hals drang es wie blaßrote Rauchwolken ins Wasser. Abwärts sanken sie – in krampfhafter Umklammerung ... Sie waren alle beide schon viel zu weit hinüber, als daß sie sich noch hätten loslassen können. Einen Augenblick darauf stieß mein Helm mit einem Bums, als sollte er platzen, gegen das Kanoe der Neger. Ja, es waren Neger! Zwei Kanoes voll!

»Augenblicke waren das – ich kann Ihnen sagen! Always kam über Bord – von drei Pfeilen durchbohrt. Um mich her im Wasser zappelten die Beine von drei oder vier Schwarzen. Ich konnte nicht viel sehen – aber das sah ich doch – es war aus! Ich drehte wie unsinnig an meiner Schraube und sank in einem Strudel wieder abwärts – hinter dem armen Kerl, dem Always her – – in was für einem Zustand von Bestürzung und Schrecken, das können Sie sich denken! An dem jungen Sanders und dem Schwarzen, die noch immer rangen und wieder nach oben kamen, strich ich vorüber, und gleich darauf stand ich wieder im Dämmerlicht auf dem Deck des ›Ocean Pioneer‹ .

»Herrgott! denk ich. Das nenn' ich mir einen Reinfall. Schwarze? Zuerst konnt' ich überhaupt keinen anderen Ausweg finden als entweder ersticken – unten – oder umgebracht werden – oben. Ich wußte nicht genau, wie viel Luft ich noch hatte; aber ich hatte so das Gefühl – allzulang konnt' ich's drunten nicht mehr aushalten. Mir war heiß und wirr im Kopf – ganz abgesehen von der bösen Klemme, in der ich da saß. Wir hatten überhaupt gar nicht mit den ekelhaften Eingeborenen – diesen scheußlichen Papuas, gerechnet! Aufsteigen – hier – an Ort und Stelle – das hatte keinen Sinn; aber irgend etwas mußte geschehen. Also kletterte ich – unter dem Zwang des Augenblicks – über die Reling der Brigg hinaus in den Tang und machte mich so schnell als möglich davon. Bloß einmal noch hielt ich inne und kniete nieder und drehte mühsam meinen Kopf im Helm aufwärts und blickte nach oben. Droben herrschte ein ganz merkwürdig helles Grünblau – die zwei Kanoes und die Boote schwammen drin in Form eines verzerrten H. Ganz übel wurde mir, während ich hinaufblickte, bei dem Gedanken, was das Schwanken und Drehen der drei bedeutete ...

»Ich glaube, fürchterlichere zehn Minuten habe ich mein Lebtag nicht erlebt, als wie ich da in der Dunkelheit herumstolperte ... Ein scheußlicher Druck – als wär' ich in Sand begraben ... und vor Angst ganz krank ... und wenn ich Atem holte nichts als ein Geruch von Rum und Gummi. Nach einer Weile merkte ich erst, daß ich einen ziemlich steilen Hang hinaufkletterte. Ich drehte noch einmal den Kopf, um zu sehen, ob von den Kanoes oder dem Boot etwas zu sehen war, und kletterte dann weiter. Als mein Kopf etwa einen Fuß unter der Oberfläche war, stand ich still und versuchte, eine Richtung ausfindig zu machen; sah aber natürlich nichts als den Widerschein des Grundes. Und dann stieß ich meinen Kopf heraus – wie durch einen Spiegel ... Sobald ich meine Augen aus dem Wasser hatte, sah ich, daß ich an einer Art flachen Strandes in der Nähe des Waldes herausgekommen war. Ich blickte mich um; aber die Schwarzen und die Brigg lagen beide hinter einem hügeligen Haufen von ineinander gegossener Lava. Als geborener Dummkopf, der ich nun einmal bin, kam mir der Gedanke, dem Wald zuzulaufen. Den Helm nahm ich nicht ab, sondern machte bloß eins von den Fenstern auf und stieg dann aus dem Wasser. Wie frisch und leicht die Luft schmeckte – das kann man sich gar nicht vorstellen.

»Nun ja – selbstverständlich –, wenn man vier Zoll Blei in den Sohlen und um den Kopf eine Kupferkugel so groß wie ein Fußball hat, so taugt man just nicht zum Wettläufer. Ich lief wie ein Ackerknecht bei seiner Arbeit. Auf halbem Weg zum Wald sah ich ein Dutzend Neger oder mehr, staunend, mit offenem Mund, mir entgegenkommen ...

»Ich stand stockstill und verwünschte meine Dummheit von ganzem Herzen. Wieder ins Wasser zurückgehen – das konnt' ich so wenig wie eine gebackene Schildkröte. Also schraubte ich eben mein eines Fenster wieder zu, damit ich wenigstens die Hände frei hatte, und wartete. Es blieb mir gar nichts anderes übrig.

»Sie hatten es freilich nicht besonders eilig mit dem Herankommen. Und nach und nach ging es mir auf, warum. ›Aha,‹ sagte ich – ›das hab' ich deiner Schönheit zu verdanken, Jimmy Goggles!‹ Ich glaube, ich wurde ordentlich ein bißchen leichtsinnig durch all die Gefahren ringsumher – und dazu der verdammte Luftdruckwechsel! ›Was starrt ihr mich an?‹ sagte ich, als ob die Wilden mich verstehen könnten. ›Für was haltet ihr mich denn? Wartet nur – ich werd' euch was – da könnt ihr glotzen!‹ Und ich schraubte den Luftbehälter auf und trieb die komprimierte Luft aus dem Gürtel, bis ich aufgeblasen war wie ein Frosch. Muß wirklich ganz imposant gewesen sein! Und wahrhaftig – auch nicht einer kam näher. Und so nach und nach warfen sie sich alle auf die Erde – auf Händen und Knien. Sie wußten nicht, was anfangen mit mir, und waren darum ganz besonders liebenswürdig ... was schließlich das Klügste und Vernünftigste war, was sie tun konnten. Ich wäre noch immer am liebsten wieder umgedreht und nach dem Meer zu gelaufen; aber die Geschichte sah doch zu hoffnungslos aus. Also fing ich an – aus purer Verzweiflung – ihnen entgegenzugehen – mit langsamen, schweren Schritten – und schwenkte dabei meine aufgeschwollenen Arme so auf recht feierliche Art. In meinem Innersten freilich war ich so klein – so klein wie ein Zwerg ...

»Aber nichts hilft einem Menschen besser über jede Schwierigkeit fort, als ein eindrucksvolles Äußere. Oft habe ich das gefunden – vorher und nachher. Unsereiner, der von Jugend auf an Taucherapparate gewöhnt ist, kann sich kaum vorstellen, wie das auf die harmlosen Wilden wirken mußte. Ein paar von den Negern liefen einfach davon. Die andern versuchten in möglichster Hast sich die Hirnschale auf der Erde zu zerschmettern. Und ich marschierte immer voran – langsam und feierlich und blödsinnig und theatralisch wie ein alter Dachdecker. Eins war sicher: sie hielten mich für ganz was Unerhörtes.

»Dann auf einmal sprang einer auf und deutete mit dem Finger – machte ganz merkwürdige Gebärden nach mir hin – und alle die anderen fingen an, ihre Aufmerksamkeit zwischen mir und dem Meer zu teilen. ›Nanu – was soll das heißen?‹ sagte ich. Langsam – in Betracht meiner Würde – wandte ich mich um und sah – eben um eine Felsspitze biegend – die arme alte ›Pride of Banya‹ – im Schlepptau von ein paar Kanoes. Der Anblick machte mich ganz krank. Aber da sie augenscheinlich auf irgendein Wiedererkennungszeichen von mir lauerten, schwenkte ich meine Arme auf eine recht nachdrückliche, abwehrende Art. Dann machte ich kehrt und stapfte wieder auf die Bäume zu. Ich weiß noch, daß ich in diesem Augenblick betete wie ein Verrückter, wieder und wieder: ›Herrgott! Hilf mir durch! Herrgott! Hilf mir durch!‹ Bloß Dummköpfe, die nichts von Gefahr wissen, können sich's leisten, über das Beten zu lachen!

»Aber die Schwarzen waren keineswegs gewillt, mich so davonspazieren zu lassen. Sie fingen an, eine Art von Verbeugungstanz um mich aufzuführen, und drängten mich gewissermaßen auf einen Pfad; der durch die Bäume lief. Eins war mir klar – für einen britischen Untertanen hielten sie mich nicht – was sie auch sonst von mir denken mochten; und ich wiederum war weniger als je darauf erpicht, mich zu meinem Vaterland zu bekennen!

»Wenn Sie nicht an den Umgang mit Wilden gewöhnt sind, so werden Sie's vielleicht kaum glauben – aber die armen, unwissenden, irregeleiteten Geschöpfe führten mich geradeswegs zu einer Art Tempelplatz, um mich ihrem alten, schwarzen Steinfetisch dort vorzustellen. Ich fing schon an, so nach und nach die ganze Tiefe ihrer Unwissenheit zu begreifen; und sobald ich die Gottheit erblickte, wußte ich, was ich zu tun hatte. Ich gab ein Baritongeheule – wau-wau – möglichst lang und in einem Ton – von mir und begann meine Arme zu schwenken; und dann wälzte ich, sehr langsam und zeremoniös, ihren Götzen um und setzte mich darauf. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich zu setzen; Taucheranzüge taugen nicht viel für die Tropen. Oder vielmehr – zu viel taugen sie. Es benahm ihnen geradezu den Atem, das sah ich wohl, wie sie mich auf ihrem Fetisch sitzen sahen; aber noch ehe eine Minute vergangen war, hatten sie sich gefaßt und beteten mich eifrigst an. Ich kann Ihnen sagen – es war mir eine rechte Erleichterung, als ich sah, daß alles gut ging – trotz des Gewichts auf meinen Schultern und Füßen.

»Angst hatte ich bloß davor, was die Kerle in den Kanoes von der Sache halten würden, wenn sie zurückkamen. Wenn sie mich im Boot gesehen hatten, ehe ich ins Wasser sprang – ohne Helm – denn wer weiß, vielleicht hatten sie schon die ganze Nacht auf der Lauer gelegen und uns ausspioniert – so würden sie die Sache doch vermutlich mit etwas anderen Augen ansehen als die übrigen. Mir war wirklich ganz verteufelt zumute – stundenlang, so schien es mir – bis das Ankunftsgetümmel begann.

»Aber sie schluckten's – wahrhaftig, das ganze Dorf schluckte es! Um den Preis, daß ich starr und steif, möglichst ähnlich den sitzenden ägyptischen Bildwerken, die man da und dort sieht, mindestens zwölf Stunden lang, glaub' ich, dahockte, schaffte ich's. Was das sagen wollte in der Hitze und dem Gestank, das können Sie sich schwerlich vorstellen. Ich glaube, keiner von ihnen hatte eine Ahnung, daß ein Mensch inwendig steckte. Ich war einfach ein wunderbarer, riesiger Lederfetisch, der durch einen Glücksfall aus dem Wasser emporgestiegen war. Aber die Müdigkeit! Und die Hitze! Die scheußliche Dumpfigkeit! Und der Gummigeruch und der Rum! Und das ganze Getue! Auf einer Art Lavaplatte, die vor mir lag, zündeten sie ein stinkendes Feuer an und schleppten einen Haufen blutigen Unrats herbei – ekelhafter Abfall von Dingen, woran sie sich draußen gütlich taten, die Bestien! – und verbrannten das alles mir zu Ehren! Ich war so nach und nach ein bißchen hungrig geworden; aber ich verstehe jetzt, wie Götter sich ohne Essen behelfen können – bei dem Geruch der Opfer, die um sie her verbrannt werden! Sie schleppten auch einen Haufen Dinge herbei, die sie von der Brigg mitgebracht hatten, darunter – zu meiner großen Erleichterung – eine Art pneumatischer Pumpe, die zu dem komprimierten Luftapparat gehörte; und dann tanzte ein Trupp von jungen Burschen und Dirnen irgend etwas Unanständiges vor mir. Wirklich nicht zu glauben, auf was für verschiedene Weise die Menschen ihre Frömmigkeit dartun! Hätt' ich ein Beil gehabt, losgegangen wär' ich auf sie – so wild machten sie mich! Und die ganze Zeit über saß ich steif wie in einem Salon, einfach, weil ich mir nicht anders zu helfen wußte. Schließlich, als die Nacht hereinbrach, und der umzäunte Fetischplatz ein bißchen zu schattenhaft wurde für ihren Geschmack – wissen Sie, all diese Wilden fürchten sich vor der Dunkelheit –, und ich anfing, eine Art »Muh!« von mir zu geben, errichteten sie außerhalb des Flechtwerks große Scheiterhaufen und ließen mich in meiner dunklen Hütte allein und in Frieden, so daß ich endlich meine Fenster ein bißchen aufschrauben und meine Lage überdenken und mich so jämmerlich fühlen konnte, als ich nur wollte. Herrgott! Scheußlich war mir zumute!

»Ich war ganz schwach und hungrig, und mein Gehirn war ungefähr wie ein Insekt, das auf eine Stecknadel aufgespießt ist – fieberhaft tätig – und doch kam schließlich nichts dabei heraus. Immer wieder war ich auf demselben Punkt wie zuvor. Der Kummer um die Kameraden – wüste Trunkenbolde, freilich! – aber ein solches Schicksal hatten sie doch nicht verdient. Und das Bild des jungen Sanders, mit dem Pfeil durch den Hals, konnte und konnte ich nicht los werden! Dann der Schatz drunten im ›Ocean Pioneer‹ – und wie man den heben und ihn irgendwo in Sicherheit bringen und dann fortgehen und ihn wieder holen könnte. Und die schwierige Frage – wo kriegte man was zu essen her? Wie im Fieber war ich – das kann ich Ihnen sagen. Durch Zeichen Nahrung zu fordern – davor fürchtete ich mich. Ich hatte Angst, ich könnte mich allzu menschlich benehmen; so blieb ich eben sitzen und hungerte, bis fast zur Morgendämmerung. Dann wurde es im Dorf ein bißchen still, und ich hielt's nicht länger aus und ging hinaus und fand auch etwas, ähnlich wie Artischocken, in einem großen Topf, und ein bißchen sauere Milch. Was übrig blieb, legte ich zu den Opfergaben, damit sie so ein bißchen meinen Geschmack erkennen sollten. Am Morgen kamen sie wieder – zum Gottesdienst – und fanden mich – steif und ehrbar auf ihrem ehemaligen Götzen thronend, genau so, wie sie mich in der Nacht verlassen hatten. Mit dem Rücken lehnte ich gegen den mittleren Pfeiler der Hütte – und schlief. Und so ward ich ein Gott unter den Heiden – na ja, ein falscher und gotteslästerlicher – freilich! Aber man kann sich's nicht immer auswählen!

»Na – ich will mich nicht über Verdienst selber loben als Gott; aber das muß ich schon sagen – solange ich Gott war für die Leute, haben sie wirklich ganz außergewöhnliche Erfolge gehabt. Verstehen Sie mich recht – ich behaupte nicht, daß ich etwa daran glaube ... Sie gewannen eine Schlacht gegen einen Nachbarstamm – das brachte mir ein ganz Teil Opfer ein, nach denen mich wahrhaftig nicht gelüstete – ihre Fischzüge waren wunderbar glücklich und ihre Ernte ganz besonders reich. Sie rechneten mir auch die Überrumpelung der Brigg als eine der Guttaten an, die ich ihnen gebracht hatte. Und ich muß schon sagen – für einen, der so ganz neu im Handwerk war, sind das gar keine so üblen Leistungen. Sie werden es vielleicht kaum glauben – aber fast vier Monate lang war ich der Stammgott jener entsetzlichen Wilden ...

»Was blieb mir denn anderes übrig, Mensch? Aber den Taucheranzug habe ich nicht die ganze Zeit über getragen. Ich ließ mir so eine Art Allerheiligstes errichten von ihnen – und wahrhaftig – es war verteufelt schwierig, ihnen klarzumachen, was ich eigentlich wollte. Das war überhaupt die große Schwierigkeit – ihnen meine Wünsche klarzumachen. Ihre Sprache radezubrechen – dazu konnte ich mich natürlich nicht herablassen. Und ebenso wenig konnte ich bloß immerfort ihnen einen Haufen Gesten an den Kopf werfen. Also zeichnete ich Bilder in den Sand und setzte mich daneben und schrie und brüllte wie ein Besessener. Manchmal machten sie alles ganz recht so, wie ich's wollte – und manchmal ganz verkehrt. Aber das muß ich sagen – am guten Willen fehlte es nie. Und die ganze Zeit über zerbrach ich mir den Kopf, wie ich eigentlich die Geschichte zu Ende führen sollte. Jede Nacht, vor Tagesanbruch, begab ich mich in voller Ausrüstung nach einer Stelle, von wo aus ich den Kanal sehen konnte, in dem der ›Ocean Pioneer‹ lag; einmal, in einer Mondnacht, versuchte ich sogar hineinzuwaten; aber der Tang und die Klippen und die Dunkelheit machten es unmöglich. Ich kam erst zurück, als es hellichter Tag war, und da fand ich all die Dummköpfe von Schwarzen am Ufer, wo sie beteten, ihr Meergott möchte doch zu ihnen zurückkehren! Ich war von all dem Herumstreifen und Suchen und Auf und Ab so müde und verärgert, daß ich, als ich ihr freudiges Getümmel sah, sie am liebsten alle miteinander geohrfeigt hätte. Hol's der Henker! Ich kann nun einmal all solche Zeremonien nicht leiden!

»Und dann kam der Missionar. Ach, dieser Missionar! Es war eines Nachmittags, und ich paradierte im äußeren Tempelhof auf dem alten, schwarzen Stein als er kam. Ich hörte Lärm und Geschrei draußen und dann seine Stimme, die zu einem Dolmetscher sprach. ›Sie beten Holz und Stein an!‹ sagte er. Und mit Blitzesschnelle wußte ich auch, was die Glocke geschlagen hatte. Ich hatte eins von meinen Fenstern offen, um mir's ein bißchen gemütlich zu machen, und ohne mich zu besinnen, platzte ich auch schon heraus: ›Holz und Stein!‹ sag' ich. ›Bitte nur näherzutreten!‹ sag' ich, ›ich werd' Ihnen schon den Kopf zurechtsetzen!‹ Erst war es einen Augenblick ganz still, dann mehr Gemurmel und Geschrei, und darauf kam er wirklich herein – die Bibel in der Hand, wie sie das so an sich haben – ein kleiner, sandfarbener Mensch mit einer Brille auf der Nase und einem Tropenhelm auf. Ich darf mir wohl schmeicheln, daß ich, wie ich da im Schatten saß, in meinem Kupferhelm und den Riesenglotzern, ihm doch ein bißchen imponierte. ›Na,‹ sag' ich, ›wie steht's mit dem Baumwollhandel?‹ Denn aufs Missionieren lass' ich mich nicht ein.

»Einen Ulk hab' ich getrieben mit diesem Missionar! Es war ein ganz ungebildeter Bursche und wußte sich einem Menschen wie mir gegenüber überhaupt nicht zu benehmen. Er fragte – fast atemlos – wer ich wäre – und ich sagte ihm, wenn er das wissen wollte, möchte er doch die Inschrift zu meinen Füßen lesen. Er hockt sich auch wirklich auf die Erde, um sie zu entziffern, und sein Dolmetscher, der natürlich ebenso abergläubisch war wie alle anderen, hielt das für einen Akt der Anbetung und fiel wie ein Mehlsack neben ihm nieder. Meine Schwarzen stießen ein großes Triumphgeheul aus, und von da ab war in meinem Dorf für ihn und seinesgleichen kein Geschäft mehr zu machen!

»Natürlich war ich ja ein Narr gewesen, daß ich ihn so kurzerhand abgewimmelt hatte. Wenn ich auch nur halbwegs bei Verstande gewesen wäre, so hätte ich ihm von dem Schatz erzählt und ihm ein Kompagniegeschäft angeboten. Er hätte es angenommen – daran zweifle ich gar nicht. Jedes Kind wäre, wenn man ihm bloß ein bißchen Zeit gelassen hätte, hinter den Zusammenhang zwischen mir und dem ›Ocean Pioneer‹ gekommen. Acht Tage, nachdem er fort war, ging ich eines Morgens aus und sah die ›Motherhood‹ , das Bergungsschiff von Starr Race, den Kanal heraufkommen und sondieren. Damit war die ganze verdammte Sache zu Ende, und meine ganze Mühe umsonst! Donnerwetter! Wild war ich! Und dabei so als Vogelscheuche – in dem alten, stinkigen Narrenanzug! Vier Monate lang!«

Und wiederum degenerierte die Erzählung des Sonnverbrannten ...

»Denken Sie bloß!« sagte er, als er sich wieder einigermaßen zu sprachlicher Reinheit emporgeschwungen hatte – »Vierzigtausend Pfund Gold!«

»Ist der kleine Missionar noch einmal gekommen?« fragte ich.

»Jawohl! Hol' ihn der Henker! Er schwor Stein und Bein, in dem Gott müsse ein Mensch stecken, und schickte sich unter großen Zeremonien an, es zu beweisen. Aber nein – es steckte keiner drin – und er konnte wieder mit einer langen Nase abziehen. Mein Lebtag hab' ich Szenen und lange Auseinandersetzungen gehaßt; und lang eh' er ankam, hatte ich mich aus dem Staub gemacht und war auf dem Wege heim – nach Banya; tagsüber im Strauchwerk versteckt – nachts stahl ich mir meine Nahrung aus den Dörfern, die am Wege lagen. Meine einzige Waffe – ein Speer. Kein Geld – keine Kleider. Nichts. Nichts, als meine schönen Augen! Und dabei mit knapper Not einen Fünftelsanteil von achttausend Pfund Gold. Aber die Schwarzen haben's ihm heimgezahlt – Gott sei Dank! Sie dachten natürlich, er hätte sie um ihr Glück gebracht ...«

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