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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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Tiefsee-Piraten

I.

Bis zu der denkwürdigen Affäre von Sidmouth war die seltsame Spezies Haploteuthis ferox der Wissenschaft nur der Art nach bekannt – und zwar auf Grundlage eines in der Nähe der Azoren gefundenen halb verdauten Fangarms und eines in Verwesung übergegangenen, von Vögeln zerpickten und von Fischen zerfressenen Rumpfs, den Mr. Jennings im Frühjahr 1896 bei Lands End entdeckte.

Tatsächlich tappen wir in keinem Zweig der zoologischen Wissenschaft so im Dunkeln, als was die Tiefsee-Zephalopoden anbelangt. So war es z. B. ein bloßer Zufall, der im Sommer 1895 zur Entdeckung fast eines Dutzends neuer Formen durch den Fürsten von Monako führte, eine Entdeckung, in der der eben erwähnte Fangarm miteingeschlossen war. Ein Kaschelott wurde in der Nähe von Terceira von ein paar Pottwalen getötet und schnellte in seinem letzten Kampf beinahe in das Boot des Fürsten, verfehlte es aber, rollte wieder zurück und verendete kaum zwanzig Meter vom Steuer. Und in seiner Todesnot warf er eine Anzahl von großen Gegenständen aus, deren der Fürst, in der undeutlichen Vorstellung, daß sie fremdartig und bedeutungsvoll waren, durch einen glücklichen Einfall noch habhaft werden konnte, ehe sie untersanken. Er setzte nämlich seine Schrauben in Bewegung und ließ sie in dem dadurch entstehenden Wasserwirbel so lange arbeiten, bis ein Boot ausgesetzt werden konnte. Und diese Gegenstände erwiesen sich als ganze Zephalopoden und Bruchstücke von Zephalopoden, einige darunter von geradezu riesenhafter Größe, und fast alle der Wissenschaft noch unbekannt.

Es scheint tatsächlich, als ob diese großen, beweglichen Geschöpfe, die in den mittleren Tiefen des Meeres leben, uns zum größten Teil auf immer unbekannt bleiben sollen, da sie unter dem Wasser zu gewandt sind für Netze, und man nur durch derartige seltene Zufälle in den Besitz einzelner Exemplare gelangt. Was z. B. die Haploteuthis ferox anbelangt, so wissen wir noch immer gar nichts von ihrem Aufenthaltsort. Möglicherweise war es der Zwang eines Hungerstreifzugs, der sie aus der Tiefe hierhertrieb. Aber es ist vielleicht geratener, keine Fragen aufzuwerfen, die ja notgedrungen doch unentschieden bleiben müssen, und ohne weiteres zu unserer Erzählung überzugehen.

Das erste menschliche Wesen, dessen Augen eine lebende Haploteuthis erblickten – das heißt, das erste menschliche Wesen, das dabei mit dem Leben davonkam (denn es kann kaum mehr ein Zweifel darüber sein, daß die Kette von Badeunfällen und Bootsunglücken, die Anfang Mai die ganze Küste von Cornwall und Devonshire heimsuchte, diesen Ungetümen zuzuschreiben ist) –, war ein ehemaliger Teehändler namens Fison, der gerade zu jener Zeit in einer Pension in Sidmouth wohnte. Es war an einem Nachmittag, und er ging auf dem Klippenpfad zwischen Sidmouth und Ladram Bay spazieren. Die Klippen nach dieser Seite hin sind sehr hoch, aber an einer Stelle führt eine Art von Leitertreppe hinab. Er war ganz nahe bei dieser Treppe, als seine Aufmerksamkeit durch etwas angezogen wurde, was er zuerst für einen Schwarm von Vögeln hielt, die um ein Stück Beute stritten; auf letzteres schien gerade die Sonne, und es schimmerte weißlich-rosa. Es war zur Zeit der Ebbe, und der Gegenstand war nicht nur tief unter ihm, sondern auch weit draußen, hinter einer Wirrnis von Felsenriffen, die mit dunkelm Seetang bedeckt waren und zwischen denen silberglänzende Wassertümpel lagen. Zudem blendete ihn das Flimmern des Wassers draußen.

Als er nach einer Minute wieder hinsah, bemerkte er, daß seine Annahme irrig gewesen war; denn über dem Kampf da draußen kreiste eine ganze Anzahl von Vögeln, meist Krähen und Möven, deren Flügel, wenn die Sonne auf sie schien, blendend auffunkelten; und alle schienen winzig im Vergleich dazu. Mr. Fisons Neugier war vielleicht um so stärker erregt, weil seine erste Deutung eine unzureichende war. Da er nichts Besseres zu tun hatte, als seinem Vergnügen nachzugehen, so beschloß er, statt Ladram Bay, diesen Gegenstand, was es auch immer sein mochte, zum Ziel seines Nachmittagsspaziergangs zu machen; er dachte, es könnte vielleicht irgendein großer, durch Zufall hier gestrandeter Fisch sein, der da in seiner Not herumzappelte. Er kletterte also eiligst die Leitertreppe hinunter, wobei er in Zwischenräumen von etwa dreißig Fuß innehielt, um Luft zu schöpfen und nach der geheimnisvollen Bewegung draußen auszuspähen.

Am Fuß der Klippe war er natürlich seinem Ziel näher als oben; dafür aber erschien es jetzt – unter der Sonne – gegen den weißglühenden Himmel – dunkel und undeutlich. All das Blaßrote daran war nun durch einen Wall tangiger Steine verdeckt. Aber er bemerkte, daß das Ding aus sieben runden Körpern bestand – getrennt oder zusammenhängend – und daß die Vögel unaufhörlich krächzten und kreischten, sich aber zu fürchten schienen, ihm zu nah zu kommen.

Mr. Fison, von Neugier gefoltert, begann, sich einen Weg über die von den Wellen zerwaschenen Felsblöcke zu suchen; und da er merkte, daß der nasse Tang, der sie dicht überdeckte, sie außerordentlich schlüpfrig machte, blieb er stehen, zog Schuhe und Strümpfe aus und rollte seine Beinkleider bis über die Knie herauf. Natürlich bezweckte er damit, sich vor dem Ausglitschen in die felsigen Tümpel ringsumher zu bewahren; vielleicht auch ergriff er – wie alle Männer – mit Freuden einen Vorwand, sich wieder einmal – und sei es auch nur für einen Moment – in die Gefühle seiner Knabenjahre zurückzuversetzen. Jedenfalls ist es außer Zweifel, daß er diesem Umstand sein Leben verdankt.

Er näherte sich seinem Ziel mit der ganzen Zuversicht, die die absolute Gesichertheit dieses Landes gegen jegliche Form animalischen Lebens den Einwohnern verleiht. Die runden Körper bewegten sich hin und her; aber erst nachdem er den Wall von Steinen erklommen hatte, den ich vorhin erwähnte, ward ihm klar, was er da Fürchterliches entdeckt hatte. Es überwältigte ihn mit ziemlicher Plötzlichkeit.

Als er über dem Grat sichtbar ward, wichen die runden Körper auseinander, und es zeigte sich, daß das blaßrötliche Ding der halbaufgefressene Leichnam eines menschlichen Lebewesens war; ob Mann oder Weib – das vermochte er nicht zu entscheiden. Und die runden Körper waren neue, gespenstisch aussehende Geschöpfe, von Gestalt etwa wie ein Oktopus, und mit riesigen, sehr langen und biegsamen Fangarmen, die massenhaft auf dem Grund durcheinandergerollt waren. Die Haut war glatt und glänzend, widerlich anzusehen – wie Glanzleder. Das abwärts gebogene, von Fangarmen umgebene Maul, der sonderbare Auswuchs an seiner Biegung, die Fangarme und die großen, intelligenten Augen verliehen den unheimlichen Geschöpfen fast so etwas wie ein groteskes, menschliches Gesicht. Der Rumpf hatte ungefähr den Umfang eines großen Schweins, und die Fangarme waren – wie es Mr. Fison schien – viele Fuß lang. Mindestens sieben oder acht waren, seiner Ansicht nach, da versammelt. Zwanzig Meter hinter ihnen tauchten im Gischt der zurückkehrenden Flut noch zwei weitere aus dem Meer auf.

Ihre Rümpfe lagerten platt auf den Felsen; und ihre Augen beobachteten ihn voll boshaften Interesses. Aber es scheint, daß Mr. Fison weder Angst hatte noch sich überhaupt klarmachte, daß ihm irgendeine Gefahr drohe. Vermutlich flößte die ganze Knochenlosigkeit ihrer Erscheinung ihm dies Zutrauen ein. Aber er war natürlich entsetzt und furchtbar aufgeregt und empört darüber, daß solche scheußlichen Geschöpfe über Menschenfleisch herfielen. Er dachte, sie wären zufällig auf den Leichnam eines Ertrunkenen gestoßen. Er schrie sie an, in der Idee, sie würden sich dadurch vertreiben lassen; und als er sah, daß sie nicht vom Fleck wichen, blickte er sich um, ergriff einen großen, runden Stein und warf damit nach einem von ihnen.

Und da begannen sie, langsam ihre Fangarme ausrollend, sich auf ihn zu zu bewegen ... erst vorsichtig kriechend und sich gegenseitig leise anschnurrend ...

In einem Nu merkte Mr. Fison, daß er in Lebensgefahr war. Er stieß einen zweiten Schrei aus, warf seine Stiefel weg und wandte sich mit einem Satz der Küste zu. Er lief, er sprang, er rutschte aus, er watete über die unebene Fläche zwischen ihm und dem Strand. Die großen roten Klippen schienen plötzlich so merkwürdig fern; als wären es Geschöpfe einer andern Welt, sah er zwei winzige Arbeiter, die mit der Ausbesserung des Treppenpfads beschäftigt waren und nichts ahnten von der Jagd auf Leben und Tod, die da unter ihnen begann. Einmal hörte er die Tiere kaum ein Dutzend Schritt hinter sich im Wasser plätschern; einmal rutschte er aus und wäre fast gefallen ...

Sie verfolgten ihn bis dicht an den Fuß der Klippen und ließen erst ab, als die Arbeiter am Fuß der Treppe zu ihm gestoßen waren. Alle drei Männer warfen eine Zeitlang mit Steinen nach ihnen und eilten dann die Klippen hinauf und nach Sidmouth, um Hilfe und ein Boot zu holen und den geschändeten Leichnam den Krallen der scheußlichen Geschöpfe zu entreißen ...

 

II.

Und – als wäre er an jenem Tag noch nicht genügend in Gefahr gewesen, fuhr Mr. Fison mit dem Boot aus, um den Leuten genau die Stelle zu zeigen, wo er sein Abenteuer gehabt hatte.

Da jetzt die Flut einströmte, so mußten sie einen beträchtlichen Umweg machen, um zu jener Stelle zu gelangen, und als sie schließlich der Leitertreppe gegenüber hielten, war der Leichnam verschwunden. Das Wasser rauschte jetzt herein und begrub eine schleimige Felsplatte um die andere, und die vier Männer in dem Boot – das heißt, der Bootsmann, die beiden Arbeiter und Mr. Fison – wandten ihre Aufmerksamkeit von der Küste dem Wasser unter ihrem Kiel zu.

Erst sahen sie unten nur wenig, außer einer dunkeln Dschungel von Meeralgen, durch die ab und zu ein Fisch schnellte. Sie hatten sich auf ein Abenteuer gefreut und sprachen ihre Enttäuschung höchst unverhohlen aus. Aber bald darauf sahen sie eins der Ungetüme durch die Flut meerwärts schwimmen, mit einer sonderbaren, rollenden Bewegung, die Mr. Fison an das wirbelnde Rollen eines Fesselballons gemahnte. Fast augenblicklich darauf zeigte sich ein außergewöhnliches Schaukeln und Zerren in den Algen – sie teilten sich einen Moment, und die Männer erblickten, wenn auch undeutlich, drei der Tiere, die um irgend etwas – vermutlich einen Teil des Ertrunkenen – kämpften. Im nächsten Augenblick hatten die dichten, olivgrünen Bänder sich wieder über der zappelnden Gruppe geschlossen.

Daraufhin fingen alle vier Männer, höchst aufgeregt, an, ihre Ruder ins Wasser zu schlagen und zu schreien; und gleich darauf sahen sie, wie der Tang sich überall heftig bewegte. Sie hielten inne, um besser sehen zu können, und sobald das Wasser wieder klar war, sahen sie – so wenigstens schien es ihnen – den ganzen Meeresgrund zwischen dem Tang mit lauter Augen besetzt ...

»Eklige Schweine!« rief einer von den Männern. »Herrgott – das sind ja Dutzende!«

Und schon begannen die Dinger durch das Wasser um sie her emporzusteigen. Mr. Fison hat mir noch unlängst diesen plötzlichen Ausbruch aus den fließenden Tangwiesen beschrieben. Ihm kam es damals vor, als dauerte es ziemlich lange; in Wirklichkeit war es vermutlich eine Affäre von wenigen Sekunden. Eine Zeitlang nichts als Augen ... dann spricht er von Fangarmen, die plötzlich von allen Seiten einherströmten und den Tang zerteilten. Und immer größer wurden die Dinger, bis schließlich der ganze Meeresboden unter ihren ineinander geschlungenen Formen verschwand, und die Enden ihrer Fangarme da und dort über dem Schwall der Wasser sich dunkel in die Luft reckten.

Eines kam kühn bis dicht an das Boot, klammerte sich mit drei seiner mit Saugern besetzten Fangarme daran an und reckte vier andere über den Bootsrand, als wolle es entweder das Boot umstürzen oder hineinklettern. Mr. Fison ergriff sofort einen Bootshaken und zwang es, wütend auf die weichen Fangarme einhauend, loszulassen. Er erhielt einen Schlag auf den Rücken und ward fast über Bord geschleudert durch den Bootsmann, der mit seinem Ruder einen ähnlichen Angriff auf der andern Seite des Boots abwehrte. Aber die Fangarme ließen nun auf beiden Seiten gleichzeitig los, glitten herab und klatschten in das Wasser zurück.

»Wir machen besser, daß wir fortkommen!« sagte Mr. Fison, der heftig zitterte. Er ging ans Steuer, während der Schiffer und einer der Arbeiter zu den Rudern griffen. Der zweite Arbeiter stellte sich mit dem Bootshaken vorn ins Boot, bereit, nach jedem Fangarm zu schlagen, der sich etwa zeigen sollte. Es scheint, daß weiter kein Wort fiel. Mr. Fison hatte ausgesprochen, was alle als einzige Rettung empfanden. Stumm, verängstigt, mit bleichen, verzerrten Gesichtern, versuchten sie, der Gefahr zu entrinnen, in die sie sich so unvorsichtigerweise selbst gestürzt hatten.

Aber kaum waren die Ruder ins Wasser gefallen, als auch schon dunkle, dünne, schlangengleiche Seile sie banden und sich um das Steuer wanden; und an den Seiten des Boots empor kamen ringend die Sauger wieder gekrochen. Die Männer packten die Ruder fester und zogen, aber es war, als wolle man ein Boot in einem fließenden Wald von Tang vorwärtsbewegen. »He! Hilfe!« schrie der Schiffer, und Mr. Fison und der zweite Arbeiter stürzten hin zu ihm und halfen an dem Ruder zerren.

Jetzt sprang der Mann mit dem Bootshaken – sein Name war Ewan oder Ewen – mit einem Fluch auf und fing an, über den Rand des Boots weg, so weit er reichen konnte, auf die Bank von Fangarmen einzuhauen, die sich dick unten am Boot festzusetzen begann. Zu gleicher Zeit standen die beiden Ruderer auf, um mit größerer Gewalt ihre Ruder wieder an sich reißen zu können. Der Schiffer gab seines Mr. Fison, der verzweifelt zerrte, während jener ein großes Klappmesser öffnete und, über den Bootsrand gelehnt, anfing, auf die Arme, die um das Ruder emporwuchsen, einzuhacken.

Mr. Fison, fast taumelnd vor dem zitternden Schwanken des Boots, die Zähne zusammengebissen, die Adern an den Händen, die am Ruder zerrten, dick aufgequollen, blickte auf einmal seewärts. Und dort – keine fünfzig Meter von ihnen, kam mit den langen Rollwellen der einströmenden Flut ein großes Boot mit drei Frauen und einem Kind darin auf sie zu. Ein Schiffer ruderte, und ein kleiner Mensch in einem rosabebänderten Strohhut und weißem Anzug stand im Stern und winkte ihnen zu.

Einen Moment lang, natürlich, dachte Mr. Fison an Hilfe; dann dachte er an das Kind ... Er ließ sofort sein Ruder fallen, schwenkte mit einer verzweifelten Gebärde die Arme und schrie den Leuten in dem Boot zu, um Gottes willen wegzubleiben. Es spricht für die Bescheidenheit und den Mut Mr. Fisons, daß er überhaupt gar nicht zu ahnen schien, daß in seiner Handlungsweise unter jenen Umständen etwas von Heldenmut lag. Das Ruder, das er hatte fallen lassen, wurde sofort unter Wasser gezogen und tauchte gleich darauf – etwa zwanzig Meter weit weg, wieder auf den Wellen auf.

Im selben Augenblick fühlte Mr. Fison, wie das Boot heftig unter ihm kippte, und ein heiserer Ausruf, ein langandauernder Schrei des Entsetzens von Hill, dem Bootsmann, ließ ihn die Ausflügler in dem andern Boot vollständig vergessen. Er wandte sich um und sah Hill auf der vorderen Ruderbank kauern, das Gesicht vor Schreck verzerrt, den rechten Arm tief über die Bootswand hinabgezogen. Dann folgte eine Reihe von kurzen, schrillen Schreien – – »oh! oh! oh! – oh!« Mr. Fison nimmt an, daß er unter dem Wasser nach den Fangarmen gehauen haben und von ihnen gepackt worden sein muß; aber es ist natürlich unmöglich, jetzt genau zu sagen, was eigentlich geschehen war. Das Boot legte sich auf die Seite, so daß der Rand kaum zehn Zoll über Wasser stand, und Ewan und der andere Arbeiter schlugen zu beiden Seiten Hills mit Ruder und Bootshaken ins Wasser. Instinktiv stellte Mr. Fison sich so, daß er halbwegs das Gleichgewicht hielt ...

Jetzt machte Hill, der ein derber, kräftiger Mensch war, eine ungeheure Anstrengung und erhob sich, bis er fast aufrecht stand. Er brachte auch wirklich seinen Arm vollständig aus dem Wasser. Ein dichtes Gewirr von braunen Fäden hing daran; und die Augen einer der Bestien, die ihn gepackt hatten, tauchten einen Moment mit einem pfeilgraden, entschlossenen Starren über der Oberfläche auf. Das Boot neigte sich mehr und mehr, und das grünbraune Wasser stürzte schon schäumend über den Rand. Hill glitschte aus und fiel mit den Rippen halb über den Bootsrand, und sein Arm und die Masse von Fangarmen daran klatschten ins Wasser zurück. Er überschlug sich; sein Stiefel stieß gegen Mr. Fisons Knie, als dieser herbeistürzte, um ihn zu halten; im nächsten Augenblick hatten neue Fangarme sich um seinen Hals und seinen Leib geschlungen, und nach kurzem, verzweifeltem Kampf, in dem das Boot beinahe gekentert wäre, ward Hill über Bord gerissen. Das Boot schnellte in die Höhe – mit einem heftigen Ruck, der Mr. Fison ums Haar auf der andern Seite hinausgeschleudert hätte und den Kampf im Wasser seinen Augen entzog.

Einen Augenblick versuchte er taumelnd, sein Gleichgewicht wieder zu gewinnen, und als ihm dies gelungen war, bemerkte er, daß der Kampf und die einströmende Flut sie wieder bis dicht an die tangigen Felsblöcke getrieben hatten. Keine vier Schritt weit hob eine Felsplatte sich noch in rhythmischen Bewegungen über dem Eindringen der Flut. In einem Nu hatte Mr. Fison Ewan das Ruder entrissen, führte einen gewaltigen Schlag, ließ es dann fallen, rannte nach dem Bug und sprang. Er fühlte, wie seine Füße auf dem Felsen ausglitten, und sprang mit einer verzweifelten Kraftanstrengung nach dem nächsten Stein. Dort stolperte er, sank in die Knie, erhob sich wieder ...

»Achtung!« schrie jemand, und ein großer, graubrauner Körper stieß gegen ihn. Er ward von einem der Arbeiter flach in einen der stehenden Wassertümpel gestoßen, und während er umfiel, hörte er gurgelnde, erstickte Schreie. Erst glaubte er, sie rührten von Hill her. Dann merkte er, wie er sich darüber wunderte, daß Hills Stimme so schrill und so ungleich klang. Jemand sprang über ihn weg, und eine Sturzwelle schäumenden Wassers strömte über ihn hin und lief weiter. Er richtete sich triefend wieder auf, und ohne seewärts zu blicken, rannte er, so rasch sein Entsetzen es ihm gestatten wollte, strandwärts. Vor ihm, über die niedere Fläche von zerstreuten Felsen weg, stolperten die beiden Arbeiter – der eine ein Dutzend Schritte vor dem andern.

Endlich blickte er über die Schulter zurück, und da er sah, daß er nicht verfolgt wurde, drehte er sich um. Staunen packte ihn. Vom Augenblick an, als die Zephalopoden aus dem Wasser aufstiegen, hatte er zu rasch gehandelt, als daß er seine Handlungen einzeln völlig hätte übersehen können. Jetzt schien es ihm, als wäre er plötzlich mit beiden Füßen aus einem bösen Traum herausgesprungen.

Da war der Himmel, wolkenlos, flammend in der Abendsonne, die See, die unter seiner erbarmungslosen Helle sich dehnte, der weiche, milchige Schaum der brandenden Wasser und die langen, dunkeln, niederen Felsgrate. Das Boot schwamm aufrecht, sachte auf den Wogen steigend und fallend, etwa zehn Schritte vom Strand. Hill und die Ungeheuer, die ganze Gewalt und Aufregung jenes wütenden Kampfes auf Leben und Tod waren verschwunden, als wären sie nie gewesen.

Mr. Fisons Herz schlug heftig; sein Blut pochte bis in die Fingerspitzen, sein Atem ging schwer.

Er vermißte irgend etwas. Ein paar Sekunden lang vermochte er nicht klar auszudenken, was es sein konnte. Sonne, Himmel, Meer, Felsen ... was war es? Dann fiel ihm das Boot mit den Ausflüglern ein. Es war verschwunden. Er fragte sich, ob es nur ein Phantasiegebilde gewesen sein konnte? Er wandte sich um und sah die zwei Arbeiter nebeneinander unter den vorspringenden Massen der hohen, hellroten Klippen stehen. Er zögerte, ob er noch einen letzten Versuch machen sollte, Hill zu retten. Aber seine physische Anspannung schien ihn plötzlich zu verlassen; Er fühlte sich hilflos ... ziellos ... Und er wandte sich strandwärts und stolperte und watete auf seine beiden Gefährten zu.

Noch einmal schaute er zurück. Zwei Boote schwammen jetzt dort, das eine, weiter draußen im Meer, jämmerlich umgekippt, mit dem Kiel nach oben ...

 

III.

Das war das Erscheinen der Haploteuthis ferox an der Küste von Devonshire. Bis jetzt war dies ihr bedeutungsvollster Beutezug. Mr. Fisons Bericht, im Verein mit der Kette von Boots- und Badeunfällen, die ich bereits erwähnt habe, und dem gänzlichen Fischmangel an den Küsten von Cornwall in jenem Jahr, weist deutlich darauf hin, daß ein Schwarm dieser raubgierigen Tiefseeungeheuer langsam – mit Steigen und Fallen der Flut – die Küstenlinie abplünderte. Man hat – wie ich weiß – angenommen, daß ein Hungerstreifzug sie hierhergetrieben hat; aber ich, meinesteils, neige mehr dazu, an eine zweite Theorie – die Hensleys, zu glauben. Hensley ist der Ansicht, daß ein Schwarm oder ein ganzes Volk dieser Geschöpfe, zwischen die zufällig ein untergegangenes Schiff geraten war, auf den Geschmack an Menschenfleisch gekommen und auf der Suche darnach aus seiner gewohnten Zone ausgewandert ist; daß sie erst Schiffen aufgelauert und sie verfolgt haben und auf diese Weise, in den Kielwassern des atlantischen Verkehrs, an unsere Küsten gelangt sind. Auf Hensleys überzeugende und mit bewundernswerter Klarheit aufgestellte Argumente kann hier nicht näher eingegangen werden.

Es scheint, daß die Gier des Schwarms durch die Erbeutung von elf Personen gestillt war – denn soweit sich feststellen läßt, waren in dem zweiten Boot zehn Menschen; jedenfalls gaben die Tiere an jenem Tag kein weiteres Zeichen ihrer Anwesenheit in Sidmouth von sich. Die Küste zwischen Seaton und Rudleigh Salterton wurde den ganzen Abend und die ganze Nacht von vier Rettungsbooten abpatrouilliert, deren Mannschaft mit Harpunen und Hirschfängern bewaffnet war; als der Abend vorrückte, gesellte sich zu ihnen noch eine ganze Anzahl mehr oder weniger gleich ausgestatteter, von Privatleuten organisierter Expeditionen. Mr. Fison nahm an keiner derselben teil.

Gegen Mitternacht hörte man aufgeregte Rufe von einem Boot, das etwa zwei Meilen weit draußen, südöstlich von Sidmouth, lag, und man sah, daß eine Laterne auf eigentümliche Weise hin und her und auf und ab geschwenkt wurde. Die in der Nähe befindlichen Boote eilten auf das Alarmzeichen sofort herbei. Die waghalsigen Insassen des Boots, ein Seemann, ein Pfarrer und zwei Schuljungen, hatten wirklich die Ungetüme unter ihrem Boot vorüberziehen sehen. Es scheint, daß die Tiere, wie die meisten Tiefseeorganismen, phosphoreszent, und daß sie, etwa fünf Faden tief, gleich Geschöpfen aus Mondschein, durch die Nacht des Wassers geschwommen waren, mit eingezogenen Fangarmen und wie im Schlaf, indem sie sich fortwährend um sich selber rollten und langsam, in Keilformation, gen Südosten fortbewegten.

Die Leute brachten ihre Erzählung, wie so nach und nach ein Boot ums andere anlangte, in halb hervorgestikulierten Bruchstücken vor. Zuletzt war eine kleine Flotte von acht oder neun Booten beieinander, aus denen ein Lärm, ähnlich dem Durcheinander bei einem Jahrmarkt, in die Stille der Nacht aufstieg. Niemand oder nur ganz wenige zeigten irgendwelche Lust, den Schwarm zu verfolgen; die Leute besaßen weder die Waffen noch die Erfahrung für eine derartige zweifelhafte Jagd –; und bald darauf – wer weiß, sogar mit einer gewissen Erleichterung – wandten sich die Boote wieder der Küste zu.

Und jetzt noch etwas, was vielleicht die wunderbarste Tatsache an diesem ganzen wunderbaren Raubzug ist. Wir wissen auch nicht das geringste von den ferneren Bewegungen des Schwarms, obgleich die ganze Südwestküste jetzt auf der Lauer lag darauf. Aber es ist vielleicht nicht ohne Bedeutung, daß am 3. Juni bei Sark ein Kaschelott ans Land trieb. Siebzehn Tage nach der Affäre von Sidmouth strandete bei Calais eine lebendige Haploteuthis. Es war noch Leben in ihr, denn verschiedene Augenzeugen sahen, wie ihre Fangarme sich krampfhaft bewegten. Aber es ist anzunehmen, daß sie in den letzten Zügen lag. Ein Herr namens Pouchet ließ sich ein Gewehr geben und erschoß sie.

Das war das letztemal, daß eine lebende Haploteuthis sich zeigte. Keine weitere ward mehr gesehen an der französischen Küste. Am 15. Juni trieb in der Nähe von Torquay ein fast vollständig erhaltener Kadaver an Land, und wenige Tage später holte ein Boot von der marine-biologischen Station, das hinter Plymouth mit dem Schleppnetz draußen war, ein in Verwesung übergegangenes Exemplar, das eine tiefe Stichwunde aufwies, an Bord. Wie das erstere Exemplar umgekommen war, läßt sich nicht feststellen. Und am letzten Juni warf Mr. Egbert Caine, ein Maler, der in der Nähe von Newlyn badete, plötzlich die Arme in die Luft, stieß einen Schrei aus und wurde in die Tiefe gezogen. Ein Freund, der mit ihm badete, machte keinen Versuch, ihn zu retten, sondern schwamm sofort dem Strand zu. Das ist das letzte, was von diesem merkwürdigen Überfall aus der Tiefe der See zu berichten ist. Ob es wirklich damit ein Ende hat mit diesen entsetzlichen Ungetümen – – – wer könnte das jetzt schon sagen? Auf jeden Fall ist zu hoffen, daß sie jetzt – und zwar auf immer – zurückgekehrt sind in die sonnenlosen Tiefen der mittleren Wasser, aus denen sie auf so seltsame und geheimnisvolle Weise emporgestiegen sind.

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