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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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Das Tal der Spinnen

Gegen Mittag gelangten die drei Verfolger plötzlich – an einer Biegung des Strombetts – zum Ausblick auf ein sehr breites, weites Tal. Der schwierige, gewundene Kiespfad, auf dem sie nun schon solang die Flüchtlinge verfolgt hatten, öffnete sich plötzlich zu einem breiten Hang, und wie auf Verabredung hin verließen die drei Männer den Pfad, ritten auf eine kleine, von dunkelgrünen Bäumen besetzte Anhöhe zu und hielten dort. Zwei von ihnen, wie es sich gebührte, ein bißchen hinter dem Mann mit dem silberbeschlagenen Zaum.

Eine Weile durchspähten sie die große Fläche unter sich mit heißen Augen. Ferner, immer ferner erstreckte sie sich. Bloß ein paar Gruppen dürrer Dornsträucher da und dort, und ein ferner Streifen wie von einer wasserlosen Schlucht, der die Öde des gelben Grases durchschnitt. Die purpurnen Ausläufer schmolzen dahin in die blauen Hänge ferner Hügel – grünerer Hügel, so schien es. Und darüber, auf unsichtbaren Trägern – schwebend im Blau – standen schneebekleidete Gipfel von Bergen, die immer kühner und größer wurden, je mehr gegen Nordwesten das Tal sich verengte. Gen Westen öffnete es sich auch, und ein fernes Dunkeln unter dem Horizont deutete beginnende Wälder an. Aber die drei Männer schauten weder nach Osten noch nach Westen, sondern stetig vorwärts, geradeaus über das Tal hin.

Der Hagere mit der narbigen Lippe war der erste der sprach.

»Nirgends!« sagte er, und ein Seufzer der Enttäuschung zitterte durch seine Stimme. »Aber freilich – sie haben einen ganzen Tag Vorsprung.« –

»Sie wissen ja nicht, daß wir hinter ihnen her sind,« sagte der Kleine auf dem Schimmel.

»Sie weiß es wohl!« sagte der Anführer bitter, als spräche er zu sich selbst.

»Aber sie kommen auch nicht schnell weiter. Sie haben nichts bei sich als ein Maultier, und heut', den ganzen Tag, hat der Fuß des Mädchens geblutet ...«

Der Mann mit dem Silberzaum blitzte einen wütenden Blick nach dem Sprecher. »Glaubst du, ich hätt' es nicht gesehen?« zischte er.

»Immerhin ... es ist eine Spur ...« flüsterte der Kleine vor sich hin.

Der Hagere mit der narbigen Lippe starrte gleichmütig gradaus. »Sie können das Tal noch nicht durchquert haben,« sagte er. »Wenn wir tüchtig zureiten ...«

Er blickte nach dem Schimmel und verstummte.

»Der Teufel hol' alle Schimmel!« sagte der Mann mit dem Silberzaum und drehte sich um, um das Tier, dem seine Verwünschung galt, näher zu betrachten.

Der Kleine heftete den Blick zwischen die melancholischen Ohren seiner Stute.

»Ich hab' getan, was ich konnte!« sagte er.

Wieder starrten die beiden anderen eine ganze Zeitlang über das Tal. Der Hagere fuhr sich mit dem Handrücken über die narbige Lippe.

»Vorwärts!« sagte der Mann mit dem Silberzaum plötzlich. Der Kleine fuhr zusammen und zog krampfhaft die Zügel an, und die Hufe der drei Pferde klapperten in raschen, schwachen Lauten über das dürre Gras, während sie nach der Fährte zurücktrabten ...

Vorsichtig ritten sie den langen Hang hinab und kamen so durch eine Wirrnis von dornigen, ineinander verwachsenen Sträuchern und seltsamen trockenen Ästen, die zwischen den Felsen wucherten, hinunter in das Flachland. Da wurde auf einmal die Spur immer schwächer; denn der Boden wurde immer trockener, und das einzige Wachstum war das versengte, dürre Gras, das überall auf der Erde lag. Trotzdem – durch unablässiges Suchen und Wittern, durch Anhalten der Pferde und vereintes Mühen – gelang es auch diesen Weißen, ihre Beute im Auge zu behalten.

Zertrampelte Grasplätze sahen sie – niedergetretene, geknickte Halme – ab und zu sogar eine verräterische Fußspur. Einmal entdeckte der Anführer einen braunen Blutfleck, den die Mestizendirne möglicherweise hinterlassen hatte ... Und leise ... unhörbar fluchte er ...

Der Hagere ritt dicht hinter dem Anführer; ihm folgte der Kleine auf dem Schimmel, traumverloren. So ritten sie – einer hinter dem andern. Der Mann mit dem Silberzaum voraus. Keiner sprach ein Wort. Nach einer Weile – auf einmal – fiel es dem Kleinen auf dem Schimmel auf, daß es so merkwürdig still war. Er fuhr auf aus seinem Traum. Mit Ausnahme der kleinen Geräusche, die die Pferde verursachten, lag über dem ganzen Tal die brütende Stille einer gemalten Szenerie ...

Vor ihm ritten sein Gebieter und sein Genosse; jeder leidenschaftlich nach links strebend; jeder unwillkürlich mit dem Tritt seines Pferdes sich bewegend. Und vor ihnen wandelten ihre Schatten ... stumme, lautlose, schwankende Begleiter. Und näher – dicht neben ihm – ein ineinander gekauertes, kaltes Etwas ... das war sein eigener. Er blickte sich um. Was war denn auf einmal weg? Der Widerhall aus der Schlucht – das unablässige Geräusch der aufspritzenden, knirschenden Kiesel fiel ihm ein. Na ... und was dann? Jetzt ging eben kein Wind. Das war das Ganze. Herrgott! Was für eine endlose, stille Gegend das war! Was für ein schweigender Nachmittagsschlaf! Und der Himmel so leer und weit ... mit Ausnahme eines düsteren Dunstschleiers, der sich über das obere Tal gezogen hatte ...

Er richtete sich straff auf ... zog die Zügel an ... spitzte die Lippen zum Pfeifen ... und seufzte. Dann wandte er sich im Sattel und starrte eine Weile nach dem Gebirgsschlund zurück, aus dem sie gekommen waren. Kahl! Kahl! Kahle Hänge – diesseits und jenseits! Nirgends die Spur eines Tieres – eines Baumes – – geschweige denn eines Menschen! Herrgott! So ein Land! So eine Wildnis! ... Und er sank wieder zurück in seine vorige Stellung.

Fast mit einer plötzlichen Freude erfüllte es ihn, als er – schlangengleich – einen purpurnen Blitz aufflammen und wieder im Dunkeln verschwinden sah. Also war dieses höllische Tal doch nicht ganz tot! Dann – zu seiner noch größeren Freude – strich plötzlich ein leiser Hauch über sein Gesicht – – ein Flüstern, das kam und schwand – das leise Wehen eines starren, dunkelknospenden Strauchs auf einer kleinen Anhöhe – die ersten Anzeichen lebendigen Atems ... Und langsam netzte er seinen Finger und reckte ihn in die Luft ...

Auf einmal hielt er an, um einen Zusammenstoß mit dem Hageren zu vermeiden, der plötzlich die Spur verloren hatte. Aber just in diesem schuldigen Moment begegnete er dem Blick seines Gebieters, der auf ihn gerichtet war ...

Eine Zeitlang zwang er sich zu einem Interesse an der Verfolgung. Dann ... während sie immer weiter ritten ... vertiefte er sich in das Studium von seines Gebieters Schatten und Hut und Schultern, wie sie auftauchten und verschwanden hinter der Silhouette des Hageren. Seit vier Tagen ritten sie so – jenseits der Grenzen der Welt – in dieser Einöde – – ohne Wasser – nichts als ein bißchen Büchsenfleisch unter dem Sattel – – über Fels und Gebirge, die sicherlich noch kein Fuß betreten hatte, außer dem der Flüchtlinge ... Und all das weshalb?

Einer Dirne willen ... eines eigensinnigen Kindes willen! Und dieser Mann! Ganze Städte voll von Leuten hatte er, die jeden, aber auch jeden seiner Wünsche erfüllten! Mädchen ... Weiber! Weshalb ... in aller Heiligen Namen ... gerade die eine? fragte sich der Kleine. Und der Reiter runzelte die Stirn und verwünschte die ganze Welt und leckte sich mit ausgedörrter Zunge die trockenen Lippen. Der Gebieter wollte es so ... das war alles, was er wußte. Einzig und allein, weil sie sich ihm versagte ...

Ein Streifen dichtgefiederten Schilfs tauchte vor ihm auf; ihre seidigen Wedel neigten sich, beugten sich ... sanken ... Der Wind ward stärker. Er nahm den Dingen ihre starre Stummheit – und das war gut.

»Halloh!« sagte der Hagere.

Alle drei hielten scharf an.

»Was denn?« fragte der Herr. »Was?«

»Dort drüben!« erwiderte der Hagere und deutete das Tal hinauf.

»Was?«

»Etwas kommt auf uns zu.«

Und während er sprach, hob sich auf einer Anhöhe ein gelbes Tier ab, das gleich darauf auf sie zukam. Es war ein großer wilder Hund, der vor dem Wind lief, mit heraushängender Zunge, und so stetig und zielbewußt, daß er die Reiter, denen er sich näherte, gar nicht zu sehen schien. Er hielt die Nase hoch, und es war klar, daß er weder Fährte noch Beute verfolgte. Als er näher kam, griff der Kleine nach seinem Säbel. »Er ist toll!« sagte der Hagere.

»Rufen!« sagte der Kleine und stieß einen Ruf aus.

Der Hund kam heran. Dann, als der Kleine schon mit bloßer Klinge bereit hielt, bog er ab und lief keuchend an ihnen vorüber und weiter. Die Augen des Kleinen folgten ihm. »Er hatte keinen Schaum!« sagte er. Eine Weile starrte der Mann mit dem silberbeschlagenen Zaum das Tal hinauf. »Ach was, vorwärts!« rief er schließlich. »Was soll das?« Und spornte sein Pferd wieder an.

Der Kleine ließ das unerklärliche Rätsel eines Hundes, der vor nichts floh als vor dem Wind, ungelöst und versank in tiefes Sinnen über den menschlichen Charakter. »Vorwärts!« flüsterte er vor sich hin. »Wieso hat ein Mensch die Macht, mit solch wunderbarer und plötzlicher Wirkung ›Vorwärts!‹ zu sagen. Immer, sein ganzes Leben lang, hat der mit dem silbernen Zaum das gesagt. Wenn ich es sagte – –« dachte der Kleine. Aber alle wunderten sich, wenn einmal jemand dem Herrn nicht gehorchte – Und wäre es in den unsinnigsten Dingen. Diese junge Mestizendirne kam ihm und jedermann geradezu verrückt – gotteslästerlich vor! Dann – wie zum Vergleich – dachte der Kleine über den Hageren mit der narbigen Lippe nach: der war so kraftvoll wie sein Gebieter, ebenso tapfer, ja, tapferer vielleicht; und doch gab es für ihn nur Gehorsam, fraglosen, selbstverständlichen Gehorsam ...

Gewisse Empfindungen in Händen und Knien riefen den Kleinen zu näherliegenden Dingen zurück. Etwas fiel ihm auf. Er ritt an die Seite seines hageren Genossen. »Merkst du es? Die Pferde – –!« sagte er leise.

Das hagere Gesicht sah ihn fragend an.

»Der Wind beunruhigt sie!« fuhr der Kleine fort und fiel dann, als der Mann mit dem Silberzaum sich nach ihm umwandte, wieder zurück.

»Schon recht!« sagte der Hagere.

Eine Zeitlang ritten sie schweigend weiter. Die beiden Vordermänner hielten den Blick auf den Weg gesenkt, der hinterste Mann beobachtete den Dunst, der die Weite des Tals herunterkroch, immer näher und näher, und merkte, wie der Wind von einem Moment zum andern an Stärke zunahm. Ganz fern zur Linken sah er eine Reihe dunkler Klumpen – wilde Schafe vielleicht – das Tal heruntergaloppieren; aber er sagte nichts; er machte auch keine weitere Bemerkung mehr über die Unruhe der Pferde.

Und dann sah er zuerst eine, darauf eine zweite große, weiße Kugel – eine große, glänzende, weiße Kugel, wie der Riesenkopf einer Wolldistel, vor dem Wind her über den Pfad treiben. Die Kugeln flogen hoch in der Luft, fielen und stiegen wieder, stießen einen Augenblick lang zusammen und flogen dann weiter, vorüber; aber die Unruhe der Pferde nahm zu bei ihrem Anblick.

Dann, gleich darauf sah er noch mehr von diesen treibenden Bällen – und bald noch viele, viele, die das Tal herab auf ihn zuwehten.

Ein Gequieke tönte an ihr Ohr. Über den Pfad stürzte ein riesiges Wildschwein, das nur einmal hastig den Kopf nach ihnen wandte und dann weiter das Tal hinabsauste. Jetzt hielten alle drei an und saßen ganz still und starrten in den immer dichter werdenden Nebel, der auf sie zukam.

»Wenn nicht dies Wolldistelzeug wäre – –« begann der Anführer.

Eben trieb eine große Kugel kaum ein paar Schritt weit von ihnen vorüber. Es war in Wirklichkeit gar kein gleichmäßig runder Ball, sondern ein ungeheures, weiches, zerfetztes, halb durchsichtiges Etwas, wie ein an den Ecken zusammengefaßtes Tuch, eine Art Luftqualle, die sich aber, während sie näher kam, unaufhörlich um sich selber drehte und lange, spinnwebartige, schwimmende Fäden und Fühler hinter sich herschleifte.

»Das ist keine Distelwolle!« sagte der Kleine.

»Das Zeug gefällt mir nicht!« sagte der Hagere.

Und sie blickten einander an.

»Zum Henker!« rief der Anführer. »Die Luft ist ganz voll davon da droben. Wenn das noch lange so weitergeht, wird's uns ganz und gar den Weg abschneiden!«

In einem instinktiven Gefühl, wie es das Wild beim Nahen einer Gefahr zeigt, wandten sie ihre Pferde gegen den Wind, ritten ein paar Schritte seitwärts und starrten die herantreibende Menge der schwebenden Massen an. Mit einer Art geschmeidiger Schnelligkeit flogen sie vor dem Wind daher, lautlos steigend und fallend, zur Erde sinkend, wieder hoch in die Lüfte schnellend, schwebend – alle in einer einzigen großen Geschlossenheit, in einem stummen, sicheren Zielbewußtsein ... Schon kamen die Pioniere dieser seltsamen Armee rechts und links von den Reitern vorüber. Vor einem, der am Boden entlang rollte und zu einer formlosen Masse auseinanderbrach, die sich widerstrebend in lange, zuckende Fasern und Bänder auflöste, fingen alle drei Pferde an zu scheuen und zu steigen. Den Anführer überfiel plötzlich eine ganz unvernünftige Ungeduld. Er stieß heftige Verwünschungen gegen die treibenden Kugeln aus. »Weiter!« rief er. »Weiter! Was macht denn das überhaupt? Was kann das machen? Zurück auf den Weg!« Und fluchend sägte er seinem Gaul das Gebiß durchs Maul. Er brüllte fast vor Wut. »Und ich werde die Fährte verfolgen!« schrie er. »Wo ist sie, die Fährte?«

Er packte den Zügel seines sich bäumenden Pferdes und suchte im Gras nach. Ein langer, klammernder Faden fiel ihm über das Gesicht, ein grauer Fühler legte sich um den Arm, der den Zügel hielt, etwas Großes, Bewegliches, mit vielen Beinen, lief ihm über den Hinterkopf. Er blickte auf und entdeckte eins von den grauen Dingern, das sich sozusagen auf diese Weise über ihm verankert hatte, und dessen Außenränder sich fortwährend wellig bewegten, wie ein Segel, wenn das Boot zum Stillstand kommt – bloß lautlos.

Er hatte einen Eindruck wie von vielen Augen, von einer dichtgedrängten Mannschaft von plattgedrückten Körpern, von langen, vielgliedrigen Armen und Beinen, die Ankertaue aufwanden, um das Ding auf ihn herabzusenken ... Eine Weile starrte er in die Höhe, sein sich bäumendes Pferd mit dem Instinkt jahrelangen Reitertums zügelnd. Dann fühlte er an seinem Rücken die flache Klinge eines Schwerts, Stahl blitzte auf über ihm und durchschnitt den schwebenden Spinnwebballon, und die ganze Masse oben stieg sachte in die Höhe und schwebte und trieb davon.

»Spinnen!« rief die Stimme des Hageren. »Die Dinger sitzen voll von großen Spinnen! Da seht, Herr!« Der Mann mit dem Silberzaum blickte noch immer der Masse nach, die da davontrieb.

»Seht, Herr!«

Und plötzlich starrte der Anführer ein rotes, zerquetschtes Etwas auf der Erde an, an dem, trotz teilweiser Vernichtung, noch einzelne Glieder zappelten und sich wanden. Dann, als der Hagere auf eine zweite Masse deutete, die sich ihnen näherte, zog er hastig sein Schwert. Das ganze Tal aufwärts war jetzt eine einzige, in Fetzen gerissene Nebelbank. Er versuchte, sich die Situation klarzumachen.

»Zurück!« schrie der Kleine. »Zurück! Das Tal hinunter!«

Was dann geschah, war wirr, wie ein Schlachtgetümmel. Der Mann mit dem Silberzaum sah den Kleinen an sich vorüberstürmen, wild nach unsichtbaren Spinnweben schlagen, sah ihn in das Pferd des Hageren hineinsausen und es samt seinem Reiter über den Haufen reiten. Sein eigenes Pferd stürmte ein Dutzend Schritte vorwärts, ehe er es wieder im Griff hatte. Darauf blickte er in die Höhe, nach unsichtbaren Gefahren aus – und wieder rückwärts. Er sah ein Pferd, das sich auf der Erde wälzte, und den Hageren, der daneben stand und in eine zerrissene, zuckende, graue Masse einhieb, die über die beiden hereinflutete und sich um sie schloß. Und dicht und rasch wie Distelflaum an einem windigen Julitag über die Heide wehten die Spinnweben heran.

Der Kleine war vom Pferd gestiegen; aber er wagte es nicht loszulassen. Er versuchte, das widerstrebende Tier mit einem Arm rückwärts zu zerren, während er mit dem andern blindlings zuhieb. Die Fühler einer zweiten grauen Masse hatten sich in diesen Kampf verschlungen und sich verankert – – und die zweite graue Masse ließ sich langsam hernieder ...

Der Anführer biß die Zähne zusammen, griff in die Zügel, senkte das Haupt und gab seinem Gaul die Sporen. Das Pferd, das dort am Boden lag, wälzte sich auf den Rücken; Blut und ein lebendiges Regen und Tasten war auf seinen Flanken ... Und plötzlich drehte der Hagere ihm den Rücken und rannte auf seinen Gebieter zu ... vielleicht zehn Schritt weit. Seine Beine waren ganz von Grau umsponnen und behindert; ziellos fuchtelte er mit seinem Säbel hin und her. Graue Fäden hingen überall an ihm herum. Ein dünner, grauer Schleier lag über seinem Gesicht. Er schlug mit der Linken nach etwas, das an seinem Körper klebte; und auf einmal stolperte er und fiel. Er versuchte aufzustehen und fiel aufs neue, und plötzlich begann er grauenvoll zu heulen: »Oh! – – o–oh! O–o–o–oh!«

Sein Herr sah deutlich auf ihm die großen Spinnen ... und andere ... überall auf der Erde ...

Während er versuchte, sein Pferd zu dieser wild gestikulierenden, schreienden, grauen Gestalt, die da auf und ab kämpfte, hinzulenken, kam Hufgeklapper, und der Kleine, halb wieder auf sein Pferd gesprungen, ohne Säbel, auf dem Bauch über dem Schimmel hängend und an die Mähne angekrampft, wirbelte vorüber. Und wieder streiften klammernde graue Fäden das Gesicht des Anführers. Rings um ihn her, über ihm, überall schien dieses treibende, lautlose Spinnennetz sich zusammenzuziehen, ihn einzuschließen ... Noch auf seinem Sterbebett hätte er nicht sagen können, was in jenem Augenblick eigentlich geschah. Wandte er selber sein Pferd? Oder galoppierte es von selbst hinter seinem Gefährten her? Jedenfalls – in der nächsten Sekunde raste er Hals über Kopf, mit wütend über dem Haupt geschwungenen Schwert, das Tal hinab. Und um ihn – im flatternden Wind – schien alles, die Spinnenluftschiffe – die Luftballen und Luftfetzen – in bewußter Verfolgung hinter ihm herzustürmen.

Kling-klang – – bumm-bumm-bumm – Der Mann mit dem Silberzügel ritt – ritt – ohne der Richtung zu achten – das schreckensvolle Antlitz jetzt zur Rechten – jetzt zur Linken starrend – der Schwertarm immer bereit zuzuhauen ... Und ein paar hundert Schritte vor ihm, mit einem Schweif zerfetzten Spinnwebs, der hinter ihm herschleifte, ritt der Kleine auf seinem Schimmel – immer noch halb im Sattel hängend. Das Schilf neigte sich vor ihnen ... der Wind blies frisch und stark ... Über seine Schulter weg sah der Anführer die Spinnweben, die hinter ihm herhasteten ...

So ganz und gar waren seine Gedanken darauf gerichtet, den Spinnweben zu entgehen, daß er erst, als sein Pferd zum Sprung ansetzte, die Schlucht vor sich gewahrte. Und als er es merkte, war es zu spät zum Einhalten. Zu spät beugte er sich vor auf den Hals des Pferdes ... zu spät strammte er sich zurück ...

Aber ... wenn in der Erregung auch der Sprung mißlang – – wie ein Reiter fallen muß, das hatte er nicht vergessen. Er flog durch die Luft –. Und er selber trug weiter nichts davon als eine Schramme an der Schulter, während sein Pferd sich in wilder Todesangst überschlug und bald darauf ganz stillag. Das Schwert fuhr in den harten Erdboden und brach ab, als ob das Glück ihn endgültig aus seinen Reihen stieße. Kaum einen Zollbreit spritzte die scharfe Spitze an seinem Gesicht vorbei.

Es währte keine Sekunde, und er stand wieder auf den Füßen – atemlos den einherwirbelnden Spinnweben entgegenblickend ... Einen Augenblick lang kam ihm der Gedanke an Flucht. Aber dann fiel ihm die Schlucht ein ... Und er wandte wieder um. Einmal bog er aus in seinem Lauf, um einem der treibenden Greuel zu entgehen. Dann – gedankenlos – kletterte er die Felsen hinab – – aus dem Bereich des Sturms ... Dort – im Schutz der steilen Ufer des ausgetrockneten Stromes konnte er sich hinkauern und in Sicherheit die seltsamen, grauen Erscheinungen vorüberziehen sehen, bis der Sturm sich legte, und es möglich war, zu fliehen ... Und so hockte er da, lange, lange ... und sah zu, wie die unheimlichen, grauen, zerfetzten Massen ihre Fäden über seinen engen Horizont zogen.

Einmal fiel eine aus der Reihe verirrte Spinne dicht neben ihn in die Schlucht – einen vollen Meter lang war sie von Bein zu Bein – und der Rumpf fast halb so groß wie eine Manneshand – – und nachdem er eine Zeitlang ihr leidenschaftliches Angreifen und Flüchten, und ihre Versuche, in sein zerschmettertes Schwert zu beißen, beobachtet hatte, hob er seinen nägelbeschlagenen Stiefel und zertrat sie. Flüche entfuhren ihm, während er das tat ... Und eine ganze Weile blickte er das Tal auf und ab ... nach einer zweiten ...

Bald darauf, an einem Ort, wo er sicher war, daß die Spinnenschwärme ihn nicht überfallen konnten, suchte er sich einen Platz aus in der Schlucht, wo er ruhen konnte. Da saß er und überlegte – – und nagte – wie das so seine Gewohnheit war – – an seinen Fingerknöcheln und Nägeln. Die Ankunft des Mannes auf dem Schimmel rüttelte ihn auf.

Er hörte ihn – lang ehe er ihn sah – – Hufgeklapper – – stolpernde Schritte – eine beschwichtigende Stimme ... Und darauf tauchte der Kleine auf ... ein Ritter von der traurigen Gestalt ... mit einem Schwanz weißer Spinnweben hinter sich her. Ohne zu reden, ohne Gruß starrten sie einander an. Der Kleine war müde und beschämt, fast bis zu hoffnungsloser Bitterkeit. Schließlich – Auge in Auge mit seinem Herrn, der da saß, hielt er an ... Der duckte sich unmerkbar unter dem Blick seines Untergebenen. »Na?« sagte er endlich. Es lag nichts Gebieterisches mehr in seiner Stimme.

»Ihr habt ihn preisgegeben?«

»Mein Pferd ging durch.«

»Ich weiß. Meines auch.«

Er lachte – ein unfrohes Lachen.

»Ich sage ja ... mein Pferd ging mit mir durch!« sagte der Mann, der einst einen silbernen Zaum geführt hatte.

»Feiglinge sind wir beide!« sagte der Kleine.

Der andere knabberte ein paar Sekunden lang nachdenklich an seinen Knöcheln, während er seinen Untergebenen starr anblickte.

»Feig sollst du mich nicht nennen!«

»Ein Feigling seid Ihr – wie ich auch.«

»Feig ... nun ja, vielleicht. Aber es gibt eine Grenze, über die kein Mensch hinauskann. Das hab' ich endlich gelernt. Aber anders als du! Darin liegt der Unterschied ...«

»Das hätt' ich mir nie träumen lassen, daß Ihr ihn im Stich lassen würdet! Keine zwei Minuten vorher hat er Euch das Leben gerettet ... Wieso eigentlich seid Ihr unser Gebieter?«

Wieder nagte der Anführer an seinen Knöcheln, und sein Antlitz war düster.

»Noch nie hat mich einer einen Feigling geheißen!« sagte er. »Noch nie ... Ein zerbrochenes Schwert ist immer noch besser als keines ... Ein spatiger Schimmel kann nicht zwei Männer vier Tage lang tragen! Ich hasse Schimmel! Aber es hilft nichts ... diesmal! Ich sehe – – du verstehst mich! Und ich weiß schon, du möchtest nur zu gern – aus dem, was du gesehen hast ... und aus dem, was du dir einbildest – meinen Namen anschwärzen! Männer deines Schlags entthronen Könige! Ja! Und außerdem – – ich hab' dich nie leiden können! ...«

»Herr!« sagte der Kleine.

»Nein!« erwiderte der Anführer. »Nein!«

Straff richtete er sich auf, während der Kleine eine Bewegung machte. Eine Minute lang etwa standen sie sich Aug' im Auge gegenüber. Über ihnen trieben die Spinnenkugeln ... Ein plötzliches Rattern der Kiesel ... hastende Füße ... ein Schrei der Verzweiflung ... Ein Aufstöhnen ... ein Hieb ...

Als die Nacht einbrach, legte sich der Wind. In ruhiger Erhabenheit sank die Sonne. Und der Mann, der dereinst mit silbernem Zaum geritten war, kam vorsichtig über einen leichten Hang aus der Schlucht emporgestiegen. An der Hand führte er den Schimmel, der dem Kleinen gehört hatte. Er wäre gern wieder zurückgegangen und hätte sich von seinem Pferd den Silberzaum geholt; aber er fürchtete, die Nacht und neuer Wind möchten ihn hier, im Tal, noch überfallen. Und außerdem ... der Gedanke, daß er etwa sein Pferd ganz in Spinnweb eingesponnen, halb aufgefressen vielleicht, vorfinden würde, ängstigte ihn und war ihm widerlich ...

Und wie er so an die Spinnwebe dachte, und an all die Gefahren, denen er entgangen, und wie er heute wieder vor dem Schlimmsten bewahrt worden war, tastete seine Hand nach einer kleinen Reliquie, die ihm am Hals hing; einen Augenblick ergriffen seine Finger sie in aufrichtiger Dankbarkeit. Und dabei schweiften seine Augen über das Tal.

»Leidenschaft hat mich verblendet,« sagte er. »Und auch sie ist ihrem Schicksal nicht entgangen. Auch sie sind zweifellos ...«

Und siehe da! Fern, aus den waldigen Hängen jenseits des Tals, und doch in der Klarheit des Sonnenuntergangs deutlich und unverkennbar, sah er eine kleine Rauchsäule ...

Der Ausdruck ruhiger Resignation in seinem Antlitz wandelte sich in Staunen und Grimm. Rauch? Er warf den Kopf des Schimmels herum und zögerte. Und während er das tat, strich durch das Gras, das ihn umgab, eine leichte Brise. Dort hinten, über ein paar Schilfrohren – zitterte ein undeutlicher Fetzen Grau ... Er blickte nach den Spinnweben ... Er blickte nach dem Rauch ...

»Na ja ... wer weiß ... vielleicht sind sie es gar nicht!« sagte er schließlich.

Aber er wußte es besser ...

Nachdem er eine Zeitlang nach dem Rauch hinübergestarrt hatte, stieg er auf den Schimmel ...

Und so ... vorwärtsschreitend ... bahnte er sich seinen Weg durch Massen von gefallenen Spinnweben. Viele tote Spinnen lagen herum, und die überlebenden saugten – blutschänderisch – die Gefallenen aus. Beim Geklapper seiner Hufe flohen sie ...

Ihre Zeit war um. So – auf dem Erdboden, ohne einen Lufthauch, der sie trug, oder wirbelnden Sturm – was konnten ihm diese Dinger, all ihrem Gift zu Trotz, anhaben?

Er schlug mit seinem Gürtel nach einzelnen, die ihm, seiner Meinung nach, allzu nahe kamen. Einmal, als eine ganze Anzahl dicht aneinander gedrängt über eine flache Wegstelle huschte, war er drauf und dran, abzusteigen und sie zu zertreten; aber er zügelte sein Verlangen ... Von Zeit zu Zeit wandte er sich um und blickte zurück nach dem Rauch.

»Spinnen!« murmelte er wieder und wieder. »Spinnen! ... Na ja! Na ja! ... Nächstesmal spinne ich ein Netz ...«

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