Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
projectidd388099b
Schließen

Navigation:

Der Zauberladen

Von weitem hatte ich den Zauberladen schon öfter gesehen; ein- oder zweimal war ich auch daran vorbeigekommen – ein Schaufenster voll von verführerischen kleinen Gegenständen – Zauberbällen, Zauberhennen, wundervollen Kegeln, Puppen, die bauchredeten, sämtlichem Zubehör zum Korbtrick, Kartenspielen, die aussahen, als wären sie ganz harmlos und all solchem Zeug. Aber nie war mir der Gedanke gekommen hineinzugehen, bis mich eines Tages Gip ganz unversehens am Finger zu dem Fenster hinlotste und sich derartig aufführte, daß ich ihn einfach hineinführen mußte. Ich hatte – aufrichtig gesagt – gar nicht daran gedacht, daß der Laden hier sein könnte – eine bescheidene Front in Regent Street, zwischen einer Kunsthandlung und einem Geschäft, wo Kücken, die eben aus ihren Patent-Brutapparaten gekrochen sind, herumlaufen –; aber es half nichts – er war da. Ich hatte immer geglaubt, er wäre weiter unten in der Nähe des Zirkus oder um die Ecke in Oxford Street oder gar in Holborn; jedenfalls hatte er mir immer ein bißchen aus dem Weg und nicht leicht zu erreichen geschienen – so eine Art von Fata-Morgana-Lage. Aber er war nun einmal hier – ganz unbestreitbar, und das dicke Ende von Gips Zeigefinger hämmerte gegen das Glas.

»Wenn ich reich wäre,« sagte Gip, mit dem Finger auf das ›Unsichtbare Ei‹ deutend, »so würde ich mir das kaufen. Und das da« – nämlich ›Das schreiende Wickelkind, völlig menschlich‹ – und das da« – ein geheimnisvolles Etwas, namens (wie ein sauberes kleines Schild besagte) ›Kaufe mich und überrasche deine Freunde!‹

»Und da,« sagte Gip, »unter den Rollen da verschwindet alles, einfach alles. Ich hab' es einmal in einem Buch gelesen.«

»Und dort, Väterchen, ist der ›Unsichtbare Groschen‹ – bloß daß sie es so 'rum hingelegt haben, und man nicht sieht, wie's gemacht wird.«

Gip, der liebe Junge, hat ganz die Wohlerzogenheit seiner Mutter geerbt; er machte nicht etwa den Vorschlag, wir wollten in den Laden gehen, oder quälte und quängelte; er lotste mich bloß so ganz instinktiv an einem Finger nach der Tür zu und zeigte sein Interesse recht deutlich.

»Das da,« sagte er und deutete auf die Zauberflasche ...

»Wenn du das hättest ...?« sagte ich, auf welche vielversprechende Frage hin er mit einem plötzlichen Aufstrahlen aufschaute.

»Dann könnt' ich es Jessie zeigen!« sagte er, wie immer auch an andere denkend.

»Es sind nicht einmal mehr ganz hundert Tage bis zu deinem Geburtstag, Gibbles,« sagte ich und legte meine Hand auf die Türklinke.

Gip antwortete nicht; aber er packte meinen Finger fester, und wir betraten den Laden.

Es war wirklich kein gewöhnlicher Laden; es war ein Zauberladen. Und all die großartige Überlegenheit, die Gip sonst, wo es sich einfach um Spielsachen handelt, zeigte, ließ ihn hier gänzlich im Stich. Er überließ die ganze Last der Konversation mir.

Es war ein kleiner, enger, nicht besonders glänzend erleuchteter Laden; die Glocke an der Tür gab einen jämmerlichen Ton von sich, als wir hinter uns zumachten. Einen Augenblick waren wir beide allein und konnten uns umsehen. Auf dem Glasdeckel, der den niederen Ladentisch bedeckte, stand ein Tiger in Papiermaché – ein ernsthafter, gutmütig aussehender Tiger, der unentwegt mit dem Kopf nickte; daneben ein paar Kristallkugeln, eine Porzellanhand, die Zauberkarten hielt, ein Satz Zauberfischgläser in verschiedenen Größen und ein recht aufdringlicher Zauberhut, der seine Federn schamlos preisgab. Auf dem Fußboden standen Zauberspiegel; einer, der lang und dünn machte, einer, in dem der Kopf aufquoll und die Beine gänzlich verschwanden, und wiederum einer, der einen ganz kurz und dick machte, wie eine Null. Und während wir uns noch daran belustigten, kam – so vermute ich wenigstens – der Ladeninhaber herein.

Jedenfalls stand er auf einmal hinter seinem Tisch. Ein merkwürdiger, brünetter, fahler Mensch – ein Ohr länger als das andere und ein Kinn wie die Spitze eines Stiefels.

»Womit kann ich dienen?« sagte er, seine langen Zauberfinger auf der Glasplatte ausspreizend. Worauf wir zusammenfuhren. Wir merkten erst jetzt, daß er da war.

»Ich möchte,« sagte ich, »ein paar einfache Tricks für meinen Kleinen.«

»Handgeschicklichkeit?« fragte er. »Oder Mechanik? Für den Salon?«

»Irgendwas Lustiges,« sagte ich.

»Hm!« bemerkte der Ladenmensch und kratzte sich den Kopf, als überlegte er. Dann zog er – ganz deutlich sichtbar – eine gläserne Kugel aus seinem Kopf. »Etwas derart?« sagte er und hielt sie uns hin.

Es kam mir ganz unerwartet. Ich hatte ja das Kunststück oft genug bei Vorstellungen ausführen sehen – es gehört einmal zum allgemeinen Programm der Zauberkünstler. – Aber hier war ich nicht darauf gefaßt gewesen. »Bravo!« sagte ich lachend.

»Nicht?« sagte der Ladenmensch.

Gip streckte seine freie Hand aus, um den Gegenstand an sich zu nehmen, fand aber nichts als eine leere Handfläche.

»Es ist in deiner Tasche!« sagte der Mann. Wo es auch wirklich war!

»Wie hoch kommt das?« fragte ich.

»Glaskugeln berechnen wir nicht,« sagte der Mann höflich. »Wir beziehen sie« – er zog sich, während er sprach, eine aus dem Ellbogen – »gratis.« Darauf förderte er eine dritte aus seinem Nacken zutage und legte sie neben ihre Vorgängerin auf den Ladentisch. Gip besah sich seine Glaskugel aufmerksam, warf dann einen fragenden Blick auf die beiden andern auf dem Ladentisch und richtete hierauf seine rundäugige Aufmerksamkeit auf den Mann, der lächelte. »Du darfst die da auch nehmen,« sagte er, »und wenn du magst, noch eine dazu aus meinem Mund. Da!«

Gip befragte mich einen Augenblick stumm um Rat, schob dann unter tiefem Stillschweigen die vier Bälle ein, kehrte zu meinem rettenden Finger zurück und bereitete seine Kräfte auf das nächste Ereignis vor.

»Unsere kleineren Tricks beziehen wir alle nur auf die Weise,« bemerkte der Mann.

Ich lachte, wie man über einen alten Witz lacht. »Statt nach dem Hauptdepot zu gehen,« sagte ich. »Selbstverständlich. Es kommt billiger.«

»Auf eine Art,« sagte der Mann. »Obschon wir schließlich doch bezahlen. Aber nicht so viel, als die Leute meinen ... Unsere größeren Tricks und unsere Tagesbedürfnisse und was wir sonst brauchen beziehen wir hier aus dem Hut ... Sie müssen wissen, Herr – entschuldigen Sie die Freiheit! – es gibt kein Hauptdepot – nicht für echte Zauberartikel, Herr! Ich weiß nicht, ob Sie unser Firmenschild gesehen haben – ›Der echte Zauberladen‹ .« Er zog eine Geschäftskarte aus seiner Backe und händigte sie mir ein. »Der echte!« wiederholte er, mit dem Finger auf das Wort deutend, und fügte hinzu: »Kein Betrug – in keiner Weise, Herr!«

Der scheint den Scherz ja recht ernsthaft durchzuführen, dachte ich.

Darauf wandte er sich mit einem Lächeln von auffallender Beflissenheit an Gip. »Junge, weißt du, du bist von der rechten Sorte!« Ich war überrascht ob seiner Sachkenntnis. Denn im Interesse der Disziplin halten wir das sogar bei uns zu Hause ziemlich geheim. Gip dagegen nahm es mit unerschütterlichem Stillschweigen auf und sah ihn nur unentwegt fest an.

»Bloß Jungens von der rechten Sorte kommen überhaupt durch die Tür da!«

Und als eine Art Illustration zu diesem Ausspruch vernahmen wir im selben Augenblick ein Rütteln an der Tür und hörten eine schwächliche, piepsende, kleine Stimme: »'rein! Ich will aber 'rein, Väterchen, ich will 'rein! 'rein!« und darauf Töne eines mißhandelten Vaters, der tröstete und beschwichtigte.

»Es ist geschlossen, Eduard!« klang es.

»Aber es ist doch nicht,« sagte ich.

»Doch, Herr!« entgegnete der Ladenbesitzer, »immer – für die Sorte von Kindern;« und während er das sagte, tauchte draußen flüchtig ein kleines, weißes, von Süßigkeiten und Überfütterung aufgedunsenes und von schlechten Neigungen verzogenes, fahles Gesichtchen auf – der andere Junge, ein trotziger, kleiner Egoist, der gegen die verzauberte Ladenfensterscheibe hämmerte. »Hilft nichts, Herr!« sagte der Mann, als ich, von meiner angeborenen Menschenfreundlichkeit getrieben, auf die Tür zuging. Gleich darauf hörten wir, wie das verzogene Kind heulend abgeführt ward.

»Wie bringen Sie denn das zuwege?« fragte ich aufatmend.

»Zauberei!« sagte der Mann mit einer gleichmütigen Handbewegung; und siehe da! Funken farbigen Feuers sprühten aus seinen Fingern und entschwanden im Dunkel des Ladens.

»Hast du nicht gesagt,« wandte er sich darauf an Gip, »eben eh' du hereinkamst, du möchtest gerne eine Schachtel ›Kaufe mich und überrasche deine Freunde‹ ?«

Gip, nach einer tüchtigen Kraftanstrengung, sagte: »Ja.«

»Es ist in deiner Tasche.«

Und sich über den Ladentisch beugend – der Kerl hatte wirklich einen ganz außergewöhnlich langen Körper – förderte der erstaunliche Mensch den genannten Gegenstand zutage – ganz auf die Art des üblichen Zauberkünstlers. »Papier!« sagte er dann und holte einen Bogen aus dem leeren Hut mit den Federn. »Bindfaden!« Und siehe da, sein Mund war ein Bindfadenbeutel, aus dem er ein endloses Stück Schnur zog, das er schließlich, nachdem er das Paket zugebunden hatte, abbiß und worauf er – so wenigstens erschien es mir – den Bindfadenknäuel verschluckte. Darauf steckte er an der Nase einer Bauchrednerpuppe eine Kerze an, streckte den einen Finger (der rot wie Siegellack aussah) in die Flamme und versiegelte damit das Paket. »Dann war da noch das ›Unsichtbare Ei‹ ,« fuhr er fort, zog eins aus meiner Brusttasche und packte es ein; ebenso das ›Schreiende Wickelkind, völlig menschlich‹ . Und ich reichte jedes Paket, sobald es fertig war, Gip, der es innig an sich drückte.

Sagen tat er ja wenig; aber um so beredter waren seine Augen. Auch die Art, wie er mich anfaßte, war recht beredt. Er war der Spielball unaussprechlichster Erregungen. Man bedenke: echte Zauberei!

Gleich darauf machte ich einen Luftsprung: ich entdeckte, daß sich in meinem Hut etwas bewegte – etwas Weiches, Flatterndes. Ich riß ihn vom Kopf und eine zerzauste Taube – zweifellos eine Mitverschworene – fiel heraus und lief über den Ladentisch, um – wie ich glaube – in einer Pappschachtel hinter dem Papiermachétiger zu verschwinden.

»Ei, ei!« sagte der Ladenbesitzer, mir gewandt meinen Hut aus der Hand nehmend. »Leichtsinniger Vogel! Und hat – so wahr ich lebe – gebrütet!«

Er schüttelte meinen Hut und schüttete in seine ausgestreckte Hand zwei oder drei Eier, einen großen Schusser, eine Uhr, ungefähr ein halbes Dutzend der unvermeidlichen Glaskugeln und zuletzt zerknittertes, zusammengeknülltes Papier, immer mehr und mehr und mehr, wobei er die ganze Zeit darüber redete, wie nachlässig die Menschen ihre Hüte innen und außen ausbürsteten – höflich natürlich, aber doch mit einer gewissen persönlichen Anzüglichkeit. »Alle möglichen Dinge sammeln sich an, Herr ... Ich meine nicht Sie im besondern ... aber fast bei jedem Kunden ... Ganz erstaunlich, was sie alles mit sich herumschleppen ...« Das zerknitterte Papier wogte und stieg auf dem Ladentisch, immer höher und höher, bis der Mann fast ganz verschwunden war, bis es ihn ganz und gar verdeckte; und immer noch ertönte die Stimme – fort und fort: »Keiner von uns weiß, was der äußere Schein eines menschlichen Wesens verbergen kann, Herr! Sind wir nicht alle nur glattgebürstete Außenseiten, weiße Grabmäler – –« Seine Stimme verstummte – genau wie wenn man mit einem wohlgezielten Backstein nach dem Grammophon seines Nachbars wirft – dasselbe plötzliche Verstummen; das Rascheln des Papiers hörte auf und alles war still ...

»Sind Sie fertig mit meinem Hut?« sagte ich nach einer Pause.

Es kam keine Antwort.

Ich starrte Gip an und Gip starrte mich an; und in den Zauberspiegeln standen unsere Zerrbilder und sahen ganz sonderbar und ernsthaft und still aus ...

»Ich denke, wir gehen jetzt,« sagte ich. »Wollen Sie mir sagen, was ich schuldig bin?«

»Hören Sie?« sagte ich in etwas stärkerem Ton, »ich möchte die Rechnung; und meinen Hut, bitte!«

Hinter dem Papier vor kam etwas wie ein Schnuppern ... »Wir wollen hinter dem Ladentisch nachsehen, Gip,« sagte ich. »Er hält uns zum Narren.«

Ich führte Gip um den kopfnickenden Tiger herum. Und was glauben Sie, daß hinter dem Ladentisch war? Überhaupt niemand! Nichts als mein Hut auf dem Boden und ein gewöhnliches stutzohriges, weißes Zauberkaninchen, das in tiefe Betrachtung versunken dasaß und so dumm und zerzaust aussah, wie bloß ein Zauberkaninchen aussehen kann. Ich hob meinen Hut auf, und das Kaninchen setzte mit einem kleinen, trägen Satz mir aus dem Weg.

»Väterchen!« sagte Gip in schuldbewußtem Flüsterton.

»Was gibt's, Gip?« sagte ich.

»Der Laden gefällt mir, Väterchen!«

»Mir auch,« sagte ich zu mir selbst, »wenn bloß nicht der Ladentisch auf einmal so lang würde, daß er einen von der Tür absperrt.« Aber hierauf machte ich Gip nicht weiter aufmerksam. »Pussy!« sagte er und streckte eine Hand nach dem Kaninchen aus, das an uns vorüberhopste. »Pussy, mach' uns ein Zauberkunststückchen vor!« Und er verfolgte es mit den Blicken, während es sich durch eine Tür zwängte, die ich einen Augenblick zuvor noch gar nicht bemerkt hatte. Die Tür öffnete sich weiter und der Mann mit dem einen Ohr größer als dem andern erschien wieder. Er lächelte noch immer, aber sein Auge begegnete dem meinen mit einem Ausdruck, der zwischen Belustigung und Herausforderung schwankte. »Vielleicht würde es Ihnen Spaß machen, unser Magazin zu sehen, Herr!« sagte er mit einer Art harmloser Beflissenheit. Gip zerrte meinen Finger vorwärts. Ich sah nach dem Ladentisch und begegnete wieder dem Auge des Mannes. Ich fing an, den Zauber ein bißchen zu echt zu finden! »Sehr viel Zeit haben wir nicht,« sagte ich. Aber noch eh' ich das ausgesprochen hatte, waren wir schon irgendwie im Magazin drin.

»Alle unsere Ware ist von ein und derselben Qualität,« sagte der Mann, seine geschmeidigen Hände aneinander reibend, »nämlich von der besten. Wir haben in diesem ganzen Raum nichts, was nicht echte Zauberei ist und für dessen Originalität wir nicht garantieren. Bitte um Entschuldigung, mein Herr!«

Ich fühlte, wie er an etwas zog, das an meinem Rockärmel hing; und dann sah ich ihn einen kleinen, sich krümmenden, roten Dämon am Schwanz halten – das kleine Wesen fauchte und schlug um sich und versuchte ihn in die Hand zu beißen – im nächsten Augenblick schleuderte er es gleichmütig hinter einen Tisch. Ohne Zweifel war das Ding ja nichts weiter als eine kleine Gummipuppe; aber so im Augenblick ...! Und das ganze Gebaren des Mannes war genau so, als ob er ein ekles, bissiges, kleines Stück Ungeziefer in der Hand hielte. Ich blickte nach Gip, aber Gip besah sich eben ein Zauberschaukelpferd. Ich war froh, daß er das Ding nicht gesehen hatte. »Hören Sie mal,« sagte ich leise, mit meinen Augen auf Gip und den kleinen roten Teufel weisend, – »Sie haben wohl nicht viel Derartiges hier, was?«

»Das war keiner von unsern! Wahrscheinlich haben Sie ihn mitgebracht!« sagte der Mann, ebenfalls leise und mit strahlenderem Lächeln als je. »Ganz erstaunlich, was die Leute immer mit sich herumschleppen, ohne daß sie's merken!« Dann zu Gip: »Siehst du hier irgendwas, was dir gefällt?«

Es waren recht viele Dinge da, die Gip gefielen.

Er wandte sich mit einem Gemisch von Zutraulichkeit und Respekt zu dem erstaunlichen Ladenmann. »Ist das ein Zauberschwert?« fragte er.

»Ein hölzernes Zauberschwert. Biegt sich nicht, bricht nicht, schneidet einen nicht in den Finger. Macht seinen Träger unbesiegbar in jedem Kampf gegen alle Menschen unter achtzehn Jahren. Von einer halben Krone bis zu sieben Schilling und Sixpence – je nach Größe. Die Pappdeckelrüstungen hier sind für jugendliche fahrende Ritter – äußerst praktisch – ein Sicherheitsschild – Siebenmeilenstiefel – ein Tarnhelm.«

»O, Väterchen!« stieß Gip atemlos heraus.

Ich versuchte, ausfindig zu machen, was diese Gegenstände kosteten; aber der Mann beachtete mich gar nicht. Er hatte jetzt Gip glücklich erwischt; hatte ihn von meinem Finger weggelotst und hatte sich Hals über Kopf in die Vorführung all seiner verwünschten Herrlichkeiten gestürzt; ich vermochte ihn nicht aufzuhalten. Bald bemerkte ich mit einem angstvollen Gefühl des Mißtrauens und mit etwas, was ganz verteufelt wie Eifersucht aussah, daß Gip den Finger dieses Menschen gepackt hatte, so wie er sonst meinen packt. Na, ja, interessant war der Kerl ja, dachte ich, und er hatte auch einen ganz interessant aufgemachten Haufen von Waren, wirklich gut aufgemachte Ware; immerhin – –

Ich wanderte hinter den Beiden drein, sagte fast gar nichts, behielt aber den gauklerischen Kerl immer im Auge. Schließlich – Gip hatte sein Vergnügen daran. Und wenn es Zeit war zu gehen, so konnten wir zweifellos auch ohne Schwierigkeit fort.

Es war ein langer, unregelmäßig gebauter Raum, dies Magazin – eine Art von Galerie, die voll von Tischen und Schränken und Buden und Pfeilern war, mit schmalen Gängen, die wieder in andere Abteilungen führten, in denen sehr seltsam aussehende Gehilfen herumlungerten und einen anstarrten, und mit einer verwirrenden Menge von Spiegeln und Vorhängen. So verwirrend, daß ich in der Tat bald nicht mehr imstande war, die Tür zu erkennen, durch die wir hereingekommen waren.

Der Mann zeigte Gip Zauber-Eisenbahnzüge, die ohne Dampf oder Federmechanismus hierhin und dahin fuhren, je nachdem die Signale aufgezogen wurden, und dann ein paar ganz außerordentlich wertvolle Schachteln mit Bleisoldaten, die, sobald man den Deckel abhob, alle lebendig wurden und sagten: ... Ich selber habe kein so besonders scharfes Gehör, und es klang geradezu zungenbrecherisch, was sie sagten – aber Gip (der das Gehör seiner Mutter hat) verstand es augenblicklich.

»Bravo!« sagte der Ladenmensch, indem er die Soldaten ohne weiteres in ihre Schachtel zurückpackte und diese Gip überreichte. »Na – also?« Und in einem Nu hatte Gip sie sämtlich wieder lebendig gemacht.

»Sie nehmen die Schachtel?« fragte der Mann.

»Wir nehmen sie,« sagte ich, »aber nur, wenn Sie den vollen Preis berechnen. In dem Fall müßten Sie uns freilich unbeschränkten Kredit geben – –«

»Du liebe Zeit! Bitte!« Und der Mann warf die kleinen Männchen wieder in ihre Schachtel, klappte den Deckel zu, schwenkte das Ganze einmal durch die Luft – und siehe da! Er überreichte es uns, in braunes Papier gewickelt, verschnürt und mit Gips vollem Namen und voller Adresse auf dem Papier!

Der Mann lachte ob meinem Erstaunen.

»Das ist echte Zauberei,« sagte er. »Das Wahre!«

»Ein bißchen zu echt für meinen Geschmack!« sagte ich.

Darauf begann er Gip allerhand Kunststücke vorzuführen – seltsame Kunststücke, die noch seltsamer wurden durch die Art, wie er sie machte. Er erklärte sie – er zeigte ihren ganzen Mechanismus – und mein lieber, kleiner Kerl stand daneben und nickte wer weiß wie weise und verständnisinnig mit seinem kleinen, eifrigen Köpfchen dazu.

Ich kann nicht sagen, daß ich so besonders gut aufgepaßt hätte. »Hei! Presto!« sagte der Zaubermann – und gleich darauf kam dann das kleine, helle »Hei! Presto!« des Jungen. Aber meine Aufmerksamkeit ward durch andere Dinge abgelenkt. Immer mehr kam es mir zum Bewußtsein, wie ganz ungewöhnlich seltsam der ganze Raum doch war. Geradezu durchtränkt von einem Gefühl der Seltsamkeit. Sogar über der Architektur – der Decke, dem Fußboden – über den wie zufällig verteilten Stühlen lag etwas Seltsames. Ich hatte eine sonderbare Empfindung – als ob sie, sobald ich sie nicht fest ansah, umtaumelten und sich bewegten und hinter meinem Rücken ein lautloses Blindekuhspiel trieben. Und die Wandbekleidung wies ein Schlangenmuster mit Larven auf, die bei weitem ausdrucksvoller waren, als es für Gip gut war.

Plötzlich ward meine Aufmerksamkeit von einem der sonderbar aussehenden Gehilfen gefesselt. Er stand ein Stück weit von mir und wußte augenscheinlich nichts von meiner Gegenwart – ich erblickte so ungefähr drei Viertel seiner Länge durch einen Säulenbogen über einem Stapel von Spielsachen – er lehnte augenscheinlich an einem Pfeiler und machte die scheußlichsten Dinge mit seinem Gesicht. Ganz besonders scheußlich war, was er mit seiner Nase trieb. Und er machte es so ganz einfach, als hätte er eben nichts anderes zu tun und amüsiere sich bloß ein bißchen. Zuerst war es eine ganz kurze Kartoffelnase; dann plötzlich schoß sie heraus wie ein Teleskop, schoß und schoß und wurde dünner und dünner, bis sie aussah wie eine lange, rote, biegsame Gerte. Wie ein Alpdrücken war es! Und er fuhr mit ihr herum und schwang sie, wie ein Angler seine Rute.

Mein erster Gedanke war, daß Gip das nicht sehen dürfte. Ich wandte mich um; Gip war völlig in Anspruch genommen von dem Ladenbesitzer und ahnte nichts Böses. Sie redeten leise miteinander und blickten dabei auf mich. Gip stand auf einem kleinen Sessel, und der Mann hielt eine Art großer Trommel in der Hand.

»Versteckspielen, Väterchen!« rief Gip. »Du bist dran!«

Und eh' ich es hindern konnte, hatte der Mann seine große Trommel über ihn gestülpt.

Ich sah sofort, was los war. »Weg mit dem Ding!« rief ich. »Aber sofort! Sie erschrecken den Jungen ja! Weg damit, sage ich!«

Der Mann mit den ungleichen Ohren gehorchte ohne ein Wort zu sagen und hielt mir den großen Zylinder entgegen, um mir zu zeigen, daß er leer war. Und auch der kleine Sessel war leer. War wirklich in diesem einzigen Augenblick mein Junge ganz und gar verschwunden? ...

Fast jedermann kennt wohl das unheimliche Etwas, was manchmal wie eine Hand aus dem Unsichtbaren kommt und einem das Herz packt. Es löscht das eigentliche, gewöhnliche Ich aus und macht einen durch und durch gespannt und zielbewußt. Weder schwerfällig noch überrascht, weder zornig noch furchtsam. So war es mit mir.

Ich ging zu dem grinsenden Kerl hin und stieß mit dem Fuß seinen Stuhl beiseite.

»Hören Sie auf mit Ihrem Unsinn!« sagte ich. »Wo ist mein Junge?«

»Sie sehen,« sagte er, mir noch immer das Innere der Trommel hinhaltend, »es ist kein Betrug dabei ...«

Ich streckte die Hand aus, um ihn zu packen; aber mit einer geschickten Bewegung wich er meinem Griff aus. Ich faßte wieder nach ihm, und er wandte sich ab und stieß eine Tür auf, um zu entwischen.

»Halt!« sagte ich, und er lachte und verschwand. Ich machte einen Satz – hinter ihm drein – in schwarze Finsternis ... Bumm!

»Donnerwetter! Ich hab' Sie gar nicht kommen sehen, Herr!«

Ich war in Regent Street und war eben mit einem anständig aussehenden Arbeiter zusammengeprallt. Einen Schritt davon – ein bißchen verwirrt und unsicher aussehend, stand Gip. Ich stammelte irgendeine Entschuldigung, und gleich darauf hatte Gip sich umgedreht und kam auf mich zu, mit einem sonnigen, kleinen Lächeln, als ob er mich einen Augenblick lang verloren gehabt hätte.

Und er trug vier Pakete im Arm!

Er bemächtigte sich sofort meines Fingers.

Einen Moment lang fand ich mich nicht zurecht. Ich starrte um mich – auf der Suche nach der Zauberladentür. Sie war nirgends zu sehen. Keine Tür, kein Laden, nichts, bloß der gewohnte Pfeiler zwischen dem Laden, wo sie Kunstgegenstände verkaufen, und dem Fenster mit den Kücken! ...

Ich tat das einzige, was in diesem innerlichen Aufruhr zu tun war: ich stellte mich an den Rand des Trottoirs und hielt den Schirm in die Höhe, um eine Droschke herbeizuwinken.

»Fahren!« sagte Gip im Tone höchsten Frohlockens.

Ich setzte ihn in die Droschke, rief mit einer gewissen Anstrengung mir meine eigene Adresse ins Gedächtnis zurück und stieg ebenfalls ein. Etwas Ungewohntes ward plötzlich in meiner Rocktasche fühlbar. Ich sah nach und entdeckte eine Glaskugel. Übellaunig warf ich sie auf die Straße.

Gip sagte nichts.

Eine ganze Weile redete keiner von uns ein Wort.

»Väterchen,« sagte schließlich Gip, »das war ein famoser Laden!«

Damit brachte er mich zu der Frage, wie sich eigentlich die ganze Geschichte ihm dargestellt hatte. Er sah einstweilen gänzlich unversehrt aus. Er war weder bestürzt noch verwirrt; er war ganz einfach ungeheuer befriedigt von seinem Nachmittagsausflug; und in seinen Armen hielt er die vier Pakete.

Zum Donnerwetter! Was mochte drin sein?

»Hm!« bemerkte ich. »Kleine Jungens können wirklich nicht jeden Tag in solche Läden mitgenommen werden!«

Er nahm meine Worte mit gewohntem Stoizismus auf, und einen Augenblick tat es mir wahrhaftig leid, daß ich sein Vater war und nicht seine Mutter; sonst hätt' ich ihn, hier in der Droschke, coram publico abgeküßt. Na, jedenfalls, dachte ich, so schlimm ist die Geschichte nicht!

Aber ganz beruhigt war ich doch erst, als wir die Pakete aufgemacht hatten. Drei davon enthielten Schachteln mit Soldaten, ganz gewöhnlichen Bleisoldaten, aber so gut gemacht, daß Gip darüber gänzlich vergaß, daß eigentlich in den Paketen Zauberkunststücke, echte Zauberkunststücke sein sollten; und im vierten war ein Kätzchen, ein kleines, lebendiges, weißes Kätzchen von ausgezeichnetem Wohlbefinden und Temperament ...

Ich sah diesem Auspacken in einer Art provisorischer Erleichterung zu ... Ich trieb mich wer weiß wie lang immer wieder in der Nähe des Kinderzimmers herum ...

Das war vor sechs Monaten. Und jetzt fang' ich wirklich an zu glauben, daß alles in Ordnung ist. Das Kätzchen hatte lediglich den Zauber, der allen jungen Katzen eigen ist, und die Soldaten bilden eine so zuverlässige Truppe, wie nur je ein Oberst sie sich wünschen kann. Und Gip?

Der erfahrene Vater wird begreifen, daß ich mit Gip sehr vorsichtig sein muß.

Aber soweit hab' ich mich eines Tages doch einmal verstiegen: Ich sagte: »Was würdest du dazu sagen, Gip, wenn deine Soldaten auf einmal lebendig würden und von selber marschierten?«

»Das tun meine!« sagte Gipp. »Ich brauch' nur ein einziges Wörtchen zu sagen, eh' ich die Schachtel aufmache.«

»Dann marschieren sie von selber?«

»Aber natürlich, Väterchen! Wenn sie das nicht könnten, möcht' ich sie gar nicht!«

Ich bezeugte keinerlei unziemliches Erstaunen und habe mir seither angewöhnt, so hie und da ganz plötzlich im Kinderzimmer zu erscheinen, wenn er mit seinen Soldaten spielt. Aber einstweilen hab' ich sie noch nie bei irgendeiner auch nur im entferntesten an Zauberei erinnernden Vorführung ertappt ...

Es läßt sich da schwer was sagen ...

Dann ist da auch noch die finanzielle Frage. Ich habe eine unheilvolle Angewohnheit, meine Schulden zu bezahlen. Ich bin wer weiß wie oft durch Regent Street gegangen, auf und ab, und hab' nach dem Laden gesucht. Und ich bin nun geneigt zu denken, daß der Ehre in dieser Angelegenheit Genüge getan ist, und daß ich – da Gips Name und Adresse den Leuten bekannt sind – es ruhig ihnen überlassen kann – wer sie auch sein mögen! – mir die Rechnung zu schicken – wenn es ihnen paßt!

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.