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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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Die Geschichte des † Mr. Elvesham

Ich zeichne diese Geschichte auf, nicht weil ich erwarte, daß man sie glauben wird, sondern um womöglich dem nächsten Opfer einen Weg zum Entrinnen zu bahnen. Ihm vielleicht wird mein Unglück Nutzen bringen. Mein eigener Fall, das weiß ich, ist hoffnungslos, und ich bin jetzt auch in gewissem Maße auf mein Schicksal gefaßt.

Mein Name ist Edward George Eden. Ich bin geboren in Trentham in Staffordshire, wo mein Vater Gartenbaubeamter war. Ich verlor meine Mutter mit drei und meinen Vater mit fünf Jahren. Mein Onkel, George Eden, nahm mich darauf an Kindesstatt an. Er war Junggeselle, hatte sich von unten heraufgearbeitet und war in Birmingham als unternehmender Journalist wohlbekannt. Er sparte nichts an meiner Erziehung, feuerte mich zum Ehrgeiz an, in der Welt vorwärtszukommen, und hinterließ mir bei seinem Tod, der vor vier Jahren erfolgte, sein gesamtes Vermögen, so ungefähr fünfhundert Pfund nach Ausbezahlung aller Abzüge. Ich war damals achtzehn. In seinem Testament riet er mir, das Geld zur Vollendung meiner Ausbildung anzuwenden. Ich hatte mir schon die Medizin zum Beruf erwählt, und dank seiner über das Grab hinausreichenden Großmut und dem Glück, das ich bei einer Bewerbung um ein Stipendium hatte, wurde ich Student der Medizin an der Universität in London. Zur Zeit des Beginns meiner Geschichte wohnte ich in University Street 11, in einer kleinen Dachstube, die sehr schäbig ausgestattet und zugig war und nach dem Hof zu ging. Der kleine Raum diente mir zum Wohnen und Schlafen, denn ich war entschlossen, meine Mittel bis zum letzten Pfennig möglichst nutzbringend zu verwerten.

Ich wollte eben ein Paar Schuhe zum Flicken nach einem Laden in Tottenham Court Road tragen, als ich zum erstenmal dem kleinen Mann mit dem gelben Gesicht begegnete, mit dem mein Leben jetzt so unentwirrbar verknotet ist. Er stand am Rand des Trottoirs und starrte, wie im Zweifel mit sich selbst, die Türnummer an, als ich öffnete. Seine Augen – es waren glanzlose, graue Augen mit roten Rändern – fielen auf mich, und sein Gesicht nahm sofort einen Ausdruck runzliger Liebenswürdigkeit an. »Sie kommen gerade im richtigen Moment!« sagte er. »Ich hatte die Nummer Ihres Hauses vergessen. Guten Tag, Mr. Eden!«

Ich war etwas erstaunt über diese vertrauliche Anrede, denn ich hatte den Mann mein Lebtag nicht gesehen. Ich ärgerte mich auch ein bißchen, daß er mich mit den Stiefeln unterm Arm überraschen mußte. Er bemerkte meinen Mangel an Herzlichkeit.

»Sie besinnen sich, wer zum Henker ich eigentlich bin, was? Ein Freund – seien Sie ganz versichert! Ich habe Sie schon früher gesehen, wenn auch Sie mich nicht gesehen haben. Kann ich irgendwo hier mit Ihnen reden?«

Ich zögerte. Die Schäbigkeit meines kleinen Zimmers droben war nicht für jeden ersten besten Fremden. »Vielleicht könnten wir die Straße entlanggehen,« sagte ich. »Ich bin leider verhindert –« Mit einer Handbewegung vollendete ich den unausgesprochenen Satz.

»Das trifft sich ausgezeichnet!« erwiderte er und wandte sich erst nach der einen, dann nach der andern Seite. »Nach welcher Richtung wollen wir gehen?«

Ich ließ meine Stiefel im Hausflur zu Boden gleiten. »Hören Sie mich an!« sagte er plötzlich. »Es handelt sich da um eine ganz langstielige Geschichte. Kommen Sie mit, Mr. Eden, und frühstücken Sie mit mir. Ich bin ein alter Mann und nicht besonders stark in Auseinandersetzungen; und bei meiner dünnen Stimme und dem Wagengerassel ...«

Dabei legte er überredend eine knochige, zittrige Hand auf meinen Arm.

Ich war noch nicht so alt, als daß ein alter Mann mir nicht hätte ein Frühstück anbieten dürfen. Trotzdem war ich nicht so ganz erfreut über die plötzliche Einladung »Ich möchte lieber –« begann ich. »Aber ich möchte lieber,« fiel er mir ins Wort. »Und eine gewisse Rücksicht dürfen meine grauen Haare ja wohl beanspruchen.« So willigte ich denn ein und ging mit ihm.

Er führte mich zu Blavitski. Ich mußte langsam gehen, um mich seinen Schritten anzupassen. Und bei einem Frühstück, wie ich es noch nie gekostet hatte, sah ich ihn mir, während er meinen einleitenden Fragen geschickt auswich, näher an. Sein glattrasiertes Gesicht war verfallen und runzlig, seine eingeschrumpften Lippen hingen über einem falschen Gebiß, und sein weißes Haar war dünn und ziemlich lang; er kam mir klein vor – freilich, die meisten Leute kamen mir klein vor – und seine Schultern waren rund und vorgebeugt. Während ich ihn beobachtete, mußte ich wohl oder übel bemerken, daß auch er mich musterte, indem er seine Augen, in denen ein sonderbarer Ausdruck von Gier lag, über mich hinlaufen ließ, von meinen breiten Schultern auf meine sonnverbrannten Hände und wieder hinauf zu meinem sommersprossigen Gesicht. »Und jetzt,« sagte er, als wir unsere Zigaretten ansteckten, »muß ich Ihnen sagen, um was es sich handelt.«

»Ich muß Ihnen vor allem sagen, daß ich ein alter Mann bin, ein sehr alter Mann.« Er hielt einen Moment inne. »Und der Zufall will, daß ich Vermögen besitze, das ich nun bald werde zurücklassen müssen, und daß ich kein Kind und niemand habe, dem ich es hinterlassen könnte.«

Mir kam der Gedanke an einen Vertrauenstrick, und ich beschloß, ein scharfes Auge auf den Rest meiner fünfhundert Pfund zu haben.

Er fuhr fort, sich über seine Einsamkeit zu ergehen und die Sorge, die es ihm mache, eine geeignete Verwendung für sein Geld zu finden. »Ich habe ja diesen und jenen Plan erwogen – Wohltätigkeitsanstalten, Stiftungen, Stipendien, öffentliche Bibliotheken – und bin am Ende zu dem Entschluß gekommen« – er heftete seine Augen auf mein Gesicht –, »daß ich mir irgendeinen jungen Menschen suchen will – von hohem Streben und reiner Gesinnung – und arm, gesund an Leib und Seele, und ihn kurzerhand zu meinem Erben machen, ihm alles geben, was ich habe.« Er wiederholte: »Ihm alles geben, was ich habe. So daß er mit einem Male aus aller Sorge und allem Kampf, in denen die harmonischen Kräfte seiner Natur sich entwickelt haben, zu Freiheit und Macht erhoben werden soll.«

Ich versuchte, möglichst wenig Interesse zu zeigen. Mit sehr durchsichtiger Heuchelei sagte ich: »Und ich soll Ihnen, etwa in meiner Eigenschaft als Mediziner, helfen, diese Persönlichkeit zu finden?«

Er lächelte und blickte mich über seine Zigarette weg an; und ich lachte auch ein bißchen, wie er so stillschweigend meine erkünstelte Bescheidenheit entlarvte.

»Was für eine Karriere könnte solch ein Mensch haben!« sagte er.

»Es erfüllt mich mit Neid fast, wenn ich daran denke, wie ich aufgehäuft habe, damit ein anderer verbrauchen kann –«

»Aber es sind Bedingungen dabei, selbstverständlich, Lasten, die er auf sich nehmen müßte. Er müßte zum Beispiel meinen Namen annehmen. Man kann nicht alles erwarten, ohne selbst etwas zu geben. Und ich müßte einen Einblick haben in seine sämtlichen Lebensverhältnisse, ehe ich ihn annehmen könnte. Er muß durch und durch gesund sein. Ich muß seine Vorgeschichte kennen, muß wissen, wie sein Vater und Großvater gestorben sind, die genausten Erkundigungen über sein Privatleben müssen eingezogen werden –«

Dies dämpfte meine geheime Selbstbeglückwünschung ein wenig. »Und verstehe ich also recht,« begann ich, »daß ich –?«

»Ja!« sagte er fast heftig. »Sie! Sie!«

Ich erwiderte kein Wort. Meine Phantasie führte wilde Wirbeltänze auf, und mein angeborener Skeptizismus war nicht imstande, ihren Rausch zu dämpfen. Ich empfand auch nicht die geringste Spur von Dankbarkeit. – Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, oder wie ich es sagen sollte. »Aber weshalb gerade ich?« fragte ich schließlich. – – – Er hätte zufällig durch Professor Haslar von mir gehört, sagte er, als einem typisch gesunden und verständigen jungen Menschen, und er wünsche nach Möglichkeit sein Geld jemand zu hinterlassen, dessen Gesundheit und Unbelastetheit verbürgt seien.

Das war meine erste Begegnung mit dem kleinen, alten Mann. Mit sich selber tat er sehr geheimnisvoll; er wolle seinen Namen jetzt noch nicht nennen, sagte er. Und nachdem ich ihm noch einige Fragen beantwortet hatte, verließ er mich vor dem Eingang zu Blavitski. Ich bemerkte, daß er beim Bezahlen der Rechnung eine Handvoll Goldstücke aus der Tasche zog. Merkwürdig war es, wie er immer wieder die körperliche Gesundheit ganz besonders betonte. Wie wir es verabredet hatten, bewarb ich mich noch am selben Tag um eine hohe Lebensversicherung in einer ersten Versicherungsgesellschaft, und die ärztlichen Beiräte der Gesellschaft liefen mir in den nächsten acht Tagen fast das Haus ein. Aber auch das genügte ihm noch nicht, und er bestand darauf, ich müsse mich auch noch von dem berühmten Dr. Henderson untersuchen lassen. Es wurde Freitag in der Pfingstwoche, ehe er zu einer Entscheidung kam. Ganz spät am Abend – fast neun Uhr war es – rief er mich von den chemischen Gleichungen, über denen ich für mein Physikum büffelte, hinunter. Er stand im Hausflur unter der schwachen Gasflamme, und sein Gesicht war ein groteskes Durcheinander von Schatten. Er erschien mir noch zusammengefallener als das erstemal, und seine Wangen waren noch hohler.

Seine Stimme bebte vor Erregung. »Alles ist zu meiner Zufriedenheit ausgefallen, Mr. Eden,« sagte er. »Alles ist ganz und gar zu meiner Zufriedenheit ausgefallen. Und auf jeden Fall müssen Sie heute abend mit mir essen und Ihre – Thronbesteigung feiern.« Ein Hustenanfall unterbrach ihn. »Sie werden nicht lange zu warten brauchen,« fuhr er fort, sich mit dem Taschentuch die Lippen wischend, und griff mit seiner langen, knöchernen Klaue nach meiner Hand. »Ganz gewiß nicht mehr lange!«

Wir traten auf die Straße und riefen eine Droschke heran. Ganz deutlich besinne ich mich noch auf jede Einzelheit jener Fahrt – die rasche, angenehme Bewegung, der lebhafte Kontrast zwischen Gas- und Öllaternen und elektrischem Licht, das Menschengedränge in den Straßen, das Restaurant in Regent Street, zu dem wir fuhren, und das üppige Abendbrot, das uns serviert wurde. Anfänglich brachten mich die Blicke, die der Kellner auf meinen groben Anzug warf, ein bißchen aus der Fassung, und die Kerne der Oliven genierten mich; aber als der Champagner mein Blut erwärmte, lebte meine Zuversicht wieder auf. Erst sprach der alte Mann von sich selber. Seinen Namen hatte er mir schon in der Droschke genannt: er war Egbert Elvesham, der große Philosoph, dessen Name mir schon von meinen Schuljahren her vertraut war. Ich konnte es kaum glauben, daß der Mann, dessen Intellekt schon so frühzeitig den meinen beherrscht hatte, diese große Abstraktion, sich plötzlich in dieser gebrechlichen, vertrauten Erscheinung verwirklichen sollte. Ich denke mir, jeder junge Mensch, der plötzlich unter Berühmtheiten geraten ist, hat etwas von meiner Enttäuschung durchgemacht. Elvesham sprach mir jetzt von der Zukunft, die die schwachen Ströme seines Lebens in Bälde trocken zurücklassen würden – für mich –! Von Häusern, Autorrechten, Kapitalanlagen; nie hatte ich geahnt, daß Philosophen so reich sein könnten. Fast mit einem Anflug von Neid sah er mir zu, wie ich aß und trank. »Was für eine Fähigkeit zu leben Sie haben!« sagte er und fügte dann mit einem Seufzer – einem Seufzer der Erleichterung, kam es mir damals vor, – hinzu: »Lang' dauert es nicht mehr.«

»O ja!« sagte ich – der Kopf wirbelte mir schon vor Sekt – »ich habe ja vielleicht eine Zukunft vor mir – und zwar eine ganz besonders angenehme, dank Ihrer Güte! Ich werde von jetzt ab die Ehre haben, Ihren Namen zu tragen. Aber Sie haben eine Vergangenheit. Und eine Vergangenheit, die meine ganze Zukunft aufwiegt.«

Er schüttelte den Kopf und lächelte – wie es mir schien, mit einer halbtraurigen Anerkennung meiner schmeichelhaften Bewunderung. »Ihre Zukunft!« sagte er – »würden Sie sie – ganz ehrlich – wirklich eintauschen?« Der Kellner kam eben mit Likören. »Sie werden vielleicht nicht ungern meinen Namen, meine äußere Stellung annehmen; aber würden Sie tatsächlich – und gern – meine Jahre auf sich nehmen?«

»Mit all dem, was Sie geleistet haben – ja!« sagte ich artig.

Er lächelte wieder. »Kümmel – zwei!« befahl er dem Kellner und wandte dann seine Aufmerksamkeit einem kleinen Papierpäckchen zu, das er aus der Tasche gezogen hatte. »Solche Stunden,« sagte er, »solche Nach-Mahlzeits-Stunden sind die Stunden der kleinen Dinge des Lebens. Da hab' ich ein Stückchen unveröffentlichter Weisheit.« Er öffnete das Päckchen mit seinen zitternden, gelben Fingern und zeigte mir ein kleines, mattrosa Pulver.

»Das –« fuhr er fort – »nun, Sie sollen selber raten, was es ist. Aber Kümmel – wenn man bloß die Spur von dem Pulver hier dareinstäubt – ist der reine Himmel!« Und seine großen, blaßgrauen Augen beobachteten mich mit einem unergründlichen Ausdruck.

Fast hatte es für mich etwas Verletzendes, daß dieser große Meister seinen Geist mit dem Aroma von Likören beschäftigen konnte. Trotzdem tat ich, als interessiere ich mich sehr für diese seine kleine Schwäche; ich war schon betrunken genug für solch kleine Kriechereien.

Er verteilte das Pulver in die kleinen Gläser, und indem er plötzlich mit seltsamer und unerwarteter Würde sich erhob, streckte er mir seine Hand entgegen. Ich tat es ihm nach, und die Gläser klangen zusammen. »Auf eine baldige Thronfolge!« sagte er und hob das Glas an die Lippen.

»Nicht darauf!« sagte ich hastig. »Nicht darauf!«

Er hielt inne. Das Glas war ungefähr in der Höhe seines Kinns, seine Augen flammten in meine.

»Auf ein langes Leben!« sagte ich.

Er zögerte. »Auf ein langes Leben!« wiederholte er dann mit einem plötzlichen bellenden Lachen; und – die Blicke ineinandergebohrt, leerten wir die kleinen Gläschen. Seine Augen hafteten fest in den meinen, und während ich das Zeug hinunterschluckte, hatte ich ein merkwürdig durchdringendes Gefühl. Der erste Tropfen auf meiner Zunge brachte mein Hirn in wütenden Aufruhr; es war, als empfände ich ein tatsächliches physisches Regen in meinem Schädel, und ein zischendes Brausen füllte meine Ohren. Ich fühlte nichts von dem Geschmack auf meiner Zunge, dem Aroma in meiner Kehle. Ich sah bloß die graue Eindringlichkeit seines Blicks, der in dem meinen brannte. Der Trank selbst, die Verwirrung meines Geistes, das Lärmen und Regen in meinem Kopf – – alles schien eine endlose Zeit zu dauern. Seltsame unklare Eindrücke von halbvergessenen Dingen wirbelten und schwanden an der Grenze meines Bewußtseins. Schließlich brach er den Bann. Mit einem plötzlichen hallenden Seufzer setzte er sein Glas nieder. »Nun?« sagte er.

»Wundervoll!« sagte ich, obschon ich das Zeug gar nicht geschmeckt hatte.

Mein Kopf wirbelte. Ich setzte mich. Mein Gehirn war ein Chaos. Dann ward mein Beobachtungsvermögen klar und scharf, als sähe ich alles in einem Konkavspiegel. Elveshams Benehmen hatte auf einmal etwas Nervöses, Hastiges. Er riß seine Uhr heraus und sah mit verzerrtem Gesicht darauf. »Sieben Minuten nach elf. Und ich muß heut' nacht ... – – sieben – fünfundzwanzig – Waterloo! Ich muß augenblicklich fort!« Er rief nach der Rechnung und kämpfte mit seinem Überzieher. Dienstbeflissene Kellner eilten herbei. Im nächsten Augenblick drückte ich ihm über dem Schutzleder einer Droschke zum Abschied die Hand – noch immer mit einem absurden Gefühl, als sei alles außergewöhnlich deutlich und scharf und einzeln ausgeprägt – so etwa – ja, wie soll ich es ausdrücken? – als sähe ich nicht bloß, sondern fühlte durch ein umgekehrtes Opernglas.

»Ah bah – – dies Zeug!« sagte er und preßte die Hand gegen die Stirn. »Ich hätt' es Ihnen nicht geben sollen. Sie werden morgen ein rasendes Kopfweh haben! Warten Sie einen Augenblick. Da!« Er händigte mir einen kleinen, flachen Gegenstand ein, der aussah wie ein Brausepulver. »Nehmen Sie das in Wasser, eh' Sie zu Bett gehen. Das andere war ein Narkotikum. Erst wenn Sie zu Bett gehen, hören Sie! Das wird Ihnen den Kopf wieder klar machen. So! Und nun ein letztesmal Ihre Hand – Futurus!«

Ich ergriff seine verschrumpften Finger. »Leben Sie wohl!« sagte er. Und nach der Art, wie er dabei die Lider senkte, dachte ich, er stehe ebenfalls ein bißchen unter der Wirkung seines hirnverdrehenden Mittels.

Noch einmal fiel ihm – mit einem Ruck – etwas ein. Er faßte in seine Brusttasche und zog ein zweites Paket heraus, diesmal eine Rolle von der Größe und Gestalt eines Rasierbestecks. »Da!« sagte er. »Fast hätt' ich es vergessen. Öffnen Sie es nicht, eh' ich komme morgen; aber nehmen Sie es jetzt mit.«

Es war so schwer, daß ich es fast hätte fallen lassen. »Schon recht!« lallte ich, und er grinste mir durch das Droschkenfenster zu, während der Kutscher sein Pferd durch einen Peitschenflitz weckte. Es war ein weißes Paket, das er mir gegeben hatte, an beiden Enden und mitten herunter rot versiegelt. »Wenn das nicht Geld ist,« dachte ich, »so ist es Platina oder Blei.«

Ich steckte es mit vieler Sorgfalt in die Tasche und wanderte mit wirbelndem Kopf durch die Regent Street-Bummler und die dunkeln Seitenstraßen hinter Portland Road nach Hause. Ich entsinne mich noch ganz deutlich meiner Gefühle während dieser Wanderung, so seltsam sie auch waren. Ich war immerhin noch so weit ich selbst, daß ich meinen sonderbaren Geisteszustand merkte und mich fragte, ob das Zeug, das ich getrunken hatte, vielleicht Opium gewesen sei – ein Gift, das außerhalb des Bereichs meiner Erfahrungen lag. Es ist jetzt schwierig zu erklären, inwiefern dieser geistige Zustand so ganz besonders eigentümlich war; am ehesten könnte man es so ungefähr als eine Art geistiger Kreuzsprünge bezeichnen. Während ich Regent Street hinaufwanderte, hatte ich in mir eine sonderbare Überzeugung, als müsse es Waterloo Station sein, und zugleich einen unerklärlichen Impuls, ins Polytechnikum zu gehen, just als ob ich in einen Zug einstiege.

Ich rieb mir die Augen, und es war Regent Street. Wie soll ich es beschreiben? Ein geschickter Schauspieler sieht einen ganz ruhig an; er schneidet eine Grimasse – und plötzlich – ein ganz anderer Mensch! Ich weiß nicht, ob es zu übertrieben klingt, wenn ich sage, daß mir in jenem Augenblick Regent Street just so vorkam? Nachdem ich mich schließlich überzeugt hatte, daß es wirklich Regent Street war, verwirrten mich allerlei phantastische Reminiszensen, die auf unerklärliche Weise auftauchten. »Hier war es,« dachte ich, »wo vor dreißig Jahren ich und mein Bruder Streit hatten.« Worauf ich, zum Erstaunen und Wohlgefallen einer Gruppe von Nachtschwärmern, in Lachen ausbrach. Vor dreißig Jahren existierte ich gar nicht, und eines Bruders hatte ich mich mein Lebtag nicht rühmen können. Das Zeug mußte ganz einfach flüssiger Wahnwitz sein; denn ein stechender Schmerz um diesen verlorenen Bruder wollte und wollte mich nicht loslassen. In Portland Road nahm die Verrücktheit wieder eine andere Form an. Ich fing an, mich auf Geschäfte zu besinnen, die längst verschwunden waren, und die Straße von heute mit der, wie sie ehedem gewesen war, zu vergleichen. Wirres und verstörtes Denken läßt sich ja gewiß wohl erklären nach alledem, was ich getrunken hatte; aber was mich beunruhigte, waren diese seltsam lebendigen Fatamorganaerinnerungen, die sich da in meinen Geist eingeschlichen hatten. Und nicht bloß die, die sich eingeschlichen hatten, sondern auch die, die verschwunden waren. Ich blieb vor der Tierhandlung von Stevens stehen und geißelte mein Hirn geradezu, um herauszufinden, in welcher Beziehung er eigentlich zu mir stand. Ein Omnibus fuhr vorüber; es klang auf und nieder wie das Rattern eines Zugs. Es war, als müßte ich diese Erinnerung aus einem fernen, tiefen, dunkeln Schacht herausgraben. »Aber natürlich!« sagte ich endlich. »Er hat mir ja zu morgen drei Frösche versprochen! Komisch, daß ich das habe vergessen können!«

Ich weiß nicht, ob man den Kindern heutzutage noch sogenannte Nebelbilder zeigt? Bei denen – das weiß ich noch – tauchte immer ein Bild auf, wie ein undeutliches Gespenst, und wuchs, bis es das vorhergehende verdrängt hatte. Genau so – schien es mir – kämpfte eine ganze Reihenfolge von neuen Empfindungen mit denen meines altgewohnten Ich.

Verwirrt und ein bißchen beängstigt ging ich über Euston Road nach Tottenham Court Road und bemerkte kaum, was für einen ungewohnten Weg ich da machte; denn sonst kürzte ich immer ab durch das dazwischenliegende Netzwerk von Seitenstraßen. Ich bog in die University Street ein und entdeckte, daß ich meine Hausnummer vergessen hatte. Nur mit großer Mühe rief ich mir meine »11« ins Gedächtnis zurück, und auch dann kam es mir vor, als sei es etwas, das irgendein längst vergessener Mensch mir gesagt hatte. Ich versuchte, meine Gedanken zu festigen, indem ich mir die Einzelheiten des Diners zurückrief; aber ums Leben konnte ich mir kein Bild von dem Aussehen meines Gastgebers machen. Ich sah ihn bloß als schattenhaften Umriß, ungefähr wie man sein eigenes Bild in einem Fenster, durch das man schaut, sehen würde. An seiner Stelle sah ich dagegen wie in einer seltsamen Vision mich selber, erhitzt, mit glänzenden Augen und sehr redselig, an einem Tisch sitzen.

»Ich muß das andere Pulver nehmen,« sagte ich. »Das wird ja immer unmöglicher!«

Ich suchte meine Kerze und die Streichhölzer – auf der falschen Seite des Flurs – und war im Zweifel, auf welchem Stockwerk mein Zimmer eigentlich lag. »Ich bin betrunken,« dachte ich. »So sicher wie was!« Und ich stolperte ganz unnötigerweise auf der Treppe, um diese Behauptung möglichst zu bestätigen.

Auf den ersten Blick kam mir mein Zimmer ungewohnt vor. »Blödsinn!« sagte ich und starrte umher. Es schien, als ob dies Aufraffen mir mein eigenes Ich zurückbrächte, und als ob das seltsame Fatamorganagefühl wieder zu dem konkreten, vertrauten würde. Da war noch immer der alte Spiegel, in dessen Rahmen meine Notizen über Eiweiß steckten. Mein vertragener Werktagsanzug lag auf dem Fußboden umher. Und trotzdem – so recht wirklich war es nicht. Ich fühlte, wie sich in meine Gedanken ein ganz seltsames Empfinden schleichen wollte, als säße ich in einem Eisenbahnwagen, in einem Zug, der eben anhielt, und als ob ich durchs Fenster auf irgendeine unbekannte Station hinausblickte. Ich umklammerte energisch den Bettpfosten, um mich meiner selbst zu vergewissern. »Wer weiß – es ist vielleicht eine Art Hellsehen!« sagte ich. »Ich muß an die Gesellschaft für Psychische Forschung schreiben.«

Ich legte die Rolle auf meinen Waschtisch, setzte mich aufs Bett und begann, mir die Stiefel auszuziehen. Es war, als wäre das Bild meiner jetzigen Empfindungen über ein anderes Bild gemalt, das immer wieder darunter hindurchkam. »Verflucht!« dachte ich. »Verlier' ich denn den Verstand? Oder bin ich an zwei Stellen zu gleicher Zeit?« Halb entkleidet schüttete ich das Pulver in ein Glas und stürzte es hinunter. Es gärte und zeigte eine kalkig-gelbe Farbe. Noch eh' ich recht im Bett war, hatten meine Gedanken sich beruhigt. Ich fühlte noch das Kissen an meiner Wange; und gleich darauf muß ich eingeschlafen sein.

Ich erwachte ganz plötzlich aus einem Traum von seltsamen Tieren. Ich lag auf dem Rücken. Jeder kennt ja wohl dieses schwere, aufgeregte Träumen, aus dem man zwar wach, aber seltsam niedergedrückt ersteht. Ich hatte einen sonderbaren Geschmack im Mund, ein müdes Gefühl in den Gliedern, ein Unbehagen über die ganze Haut. Ich ließ meinen Kopf regungslos auf dem Kissen liegen, in der Erwartung, daß dies Gefühl von Sonderbarkeit und Entsetzen wahrscheinlich bald wieder verschwinden, und daß ich wieder einschlafen würde. Statt dessen nahm das unheimliche Empfinden nur immer zu. Anfänglich bemerkte ich nicht, daß in meiner Umgebung irgend etwas nicht stimmte. Ein schwaches Licht war im Zimmer, so schwach, daß es sich kaum vom Dunkel unterschied, und die Möbel hoben sich als verschwommene Kleckse völligen Dunkels davon ab. Ich starrte, die Augen dicht über der Bettdecke, um mich.

Erst kam mir der Gedanke, es sei jemand ins Zimmer gedrungen, um mir meine Rolle Geld zu stehlen; aber nachdem ich ein paar Minuten still, regelmäßig atmend, um Schlaf zu simulieren, dagelegen hatte, erkannte ich, daß das bloße Einbildung war. Trotzdem ließ mich die unbehagliche Überzeugung nicht los, daß irgend etwas nicht stimmte. Mit einer Anstrengung hob ich den Kopf vom Kissen und spähte um mich ins Dunkel. Was es war, das begriff ich nicht. Ich blickte auf die undeutlichen Formen um mich her, die größeren und kleineren Finsternisse, die Vorhänge, Tisch, Kamin, Bücherständer usw. bezeichneten. Dann fing ich an, etwas Unvertrautes in diesen Formen der Dunkelheit zu entdecken. Hatte das Bett sich umgedreht? Dort drüben mußten doch die Bücherständer stehen; und etwas Verhülltes, Fahles erhob sich da, etwas, das unmöglich ein Bücherständer sein konnte, mochte ich es ansehen, wie ich wollte. Mein über einen Stuhl geworfenes Hemd konnte es nicht sein; dazu war es viel zu groß.

Ich überwand ein fast kindisches Grauen, warf die Betttücher zurück und fuhr mit dem einen Bein aus dem Bett. Anstatt von meinem Feldbett auf den Boden zu kommen, merkte ich, daß mein Fuß kaum den Rand der Matratze erreichte. Ich machte sozusagen einen zweiten Schritt und setzte mich am Rand des Bettes auf. Neben meinem Bett mußte auf dem zerbrochenen Stuhl die Kerze mit den Streichhölzern stehen. Ich streckte die Hand aus – – Nichts! Ich fuhr mit der Hand im Dunkeln herum, und sie schlug gegen ein Etwas von weichem, dickem Stoff, das bei der Berührung ein leises Rauschen ertönen ließ. Ich packte es und zog daran; es schien ein vom Kopfende meines Bettes herabhängender Vorhang zu sein.

Ich war jetzt völlig wach und fing an zu begreifen, daß ich in einem fremden Zimmer lag. Das verwirrte mich. Ich versuchte, mich der Umstände des vorhergehenden Abends zu entsinnen, und fand auf einmal, sonderbarerweise, daß sie mir ganz lebhaft in Erinnerung standen: wie wir zu Abend aßen, wie ich die kleinen Pakete in Empfang nahm, wie ich mich selber fragte, ob ich eigentlich betrunken sei, wie ich mich langsam auszog, wie kühl das Kissen sich gegen mein erhitztes Gesicht anfühlte. Ein plötzliches Mißtrauen überkam mich. War das gestern nacht gewesen oder die Nacht vorher? Jedenfalls – dies Zimmer war mir fremd, und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich hierhergeraten war. Der undeutliche, fahle Umriß ward blasser, und ich bemerkte, daß es ein Fenster war, vor dem sich die dunkle Form eines ovalen Toilettenspiegels von der schwachen Andeutung von Morgendämmern, die durch die Gardine sickerte, abhob. Ich erhob mich; ein sonderbares Gefühl von Schwäche und Unsicherheit überraschte mich. Mit ausgestreckten, zitternden Händen ging ich langsam auf das Fenster zu, stieß aber trotzdem unterwegs mit dem Knie gegen einen Stuhl. Ich tastete hinter dem Spiegel, der groß und mit schönen Bronzeleuchtern versehen war, nach der Vorhangschnur. Aber ich fand keine. Zufällig kam mir schließlich die Quaste in die Hand, eine Feder schnappte, und die Gardine rollte in die Höhe.

Ich blickte auf eine Landschaft, die mir vollkommen fremd war. Der Himmel war bedeckt, und durch das fedrige Grau der Wolkenmassen sickerte ein schwaches, dämmeriges Halblicht. Ganz am Rand des Himmels zeigte die Wolkendecke einen blutroten Saum. Unten war alles undeutlich und verschwommen, dunkel; in der Ferne ineinanderlaufende Hügel, eine nebelhafte Masse von Gebäuden, die gleich Zinnen emporragten, Bäume – wie verschüttete Tinte – und unter dem Fenster ein Geschnörkel von schwarzen Büschen und bleichgrauen Wegen. So gar nicht vertraut war es mir, daß ich im Augenblick glaubte, ich träume noch. Ich befühlte den Toilettentisch; er schien aus irgendeinem polierten Holz gearbeitet und war ganz üppig ausgestattet – kleine Fläschchen aus Kristall und eine Bürste lagen darauf. Auch ein sonderbarer kleiner Gegenstand war da – hufeisenförmig fühlte er sich an, mit glatten, harten Vorsprüngen –, der auf einem Teller lag. Streichhölzer oder eine Kerze konnte ich nicht finden.

Ich wandte meine Augen wieder aufs Zimmer. Nun, da die Gardine aufgezogen war, traten die Möbel gleich bleichen Gespenstern aus dem Dunkel hervor. Ein riesiges Himmelbett stand da, und der Kamin an seinem Fußende hatte eine große, weiße Verkleidung, die wie Marmor schimmerte.

Ich lehnte mich gegen den Toilettentisch, schloß die Augen, öffnete sie wieder und versuchte zu denken. Das alles war viel zu wirklich, als daß es ein Traum hätte sein können. Fast neigte ich zu der Annahme, daß irgendwo in meinem Gedächtnis noch eine Lücke sein müsse – eine Folge jener seltsamen Flüssigkeit, die ich getrunken hatte. Vielleicht hatte ich meine Erbschaft schon angetreten und hatte die Erinnerung verloren an das, was zwischen heut' und dem Tag lag, an dem mir mein Glück verkündet worden war. Vielleicht, wenn ich noch ein bißchen wartete, würden die Dinge von selbst wieder klarer werden. Und doch – mein Abendessen mit dem alten Elvesham stand jetzt ganz merkwürdig lebendig und frisch in meiner Erinnerung. Der Sekt, die beflissenen Kellner – das Pulver – die Liköre. – – Ich hätte meine Seele darauf wetten können, daß all dies sich erst vor wenigen Stunden ereignet hatte.

Und dann geschah etwas – etwas so Alltägliches und doch für mich so Entsetzliches, daß mich noch heute beim bloßen Gedanken an jenen Moment schaudert. Ich sprach laut. Ich sagte: »Wie des Teufels bin ich denn hierhergeraten?«

... Und die Stimme war nicht meine Stimme.

Es war nicht meine Stimme! Die Artikulation war verwischt – die ganze Resonanz meiner Schädelknochen war anders ... Um mich meiner selbst zu vergewissern, strich ich mit der einen Hand über die andere ... Ich fühlte lose Hautfalten, die knöcherne Schlaffheit des Alters ... »Ganz gewiß –« sagte ich in der fürchterlichen Stimme, die sich da irgendwie meiner Kehle bemächtigt hatte, »ganz gewiß – – es ist nur ein Traum!« Plötzlich, als täte ich es unwillkürlich, fuhr ich mir mit den Fingern in den Mund. Meine Zähne waren weg. Meine Fingerspitzen glitten über eine welke Oberfläche ebenen, verschrumpelten Zahnfleisches. Mir ward übel vor Ekel und Entsetzen ... Ich empfand den leidenschaftlichen Wunsch, mich selber, mein eigenes Ich zu sehen, die unheimliche Veränderung, die mit mir vorgegangen war, auf einmal und in ihrem vollen Grauen mir klarzumachen. Ich wankte nach dem Kamin und tastete auf dem Sims nach Streichhölzern. Während ich dahinstolperte, überfiel mich ein bellender Husten, und ich packte das dicke Flanellnachthemd, das um mich schlotterte. Streichhölzer waren auch da keine. Und ich merkte plötzlich, daß ich kalte Hände und Füße hatte. Pustend und hustend und vermutlich auch leise vor mich hingreinend tastete ich mich zu meinem Bett zurück.

»Es ist ja doch ein Traum!« wimmerte ich vor mich hin, während ich wieder ins Bett kletterte. »Ganz gewiß – nur ein Traum!« So recht nach Greisenart wiederholte ich das immer wieder. Ich zog mir die Bettücher über die Schultern – über die Ohren – Ich schob die Hand unters Kissen – fest entschlossen: ich wollte schlafen. Natürlich war es ein Traum. Mit dem Morgen würde der Traum vorüber sein, und ich würde aufwachen wie immer – stark und gesund – – erwachen – zu meiner Jugend und meinen Studien. Ich schloß die Augen, atmete regelmäßig, und – da ich merkte, es ging nicht – fing ich an, das Einmaleins herzusagen.

Aber das Gewünschte wollte sich nicht einstellen. Ich konnte nicht einschlafen. Und eine Überzeugung von der unerbittlichen Wirklichkeit der Veränderung, die mit mir vorgegangen war, wuchs immer mehr in mir. Bald lag ich mit weit offenen Augen da – das Einmaleins war vergessen – und meine knöchernen Finger fuhren an meinem verschrumpelten Zahnfleisch herum. Es war so – ich war plötzlich – unvermittelt – ein alter Mann geworden. Ich war auf irgendeine unbegreifliche, unerklärliche Art gleichsam durch mein Leben durchgerutscht und zum Greis geworden – ich war irgendwie betrogen um alles Beste im Leben – um Liebe, um Kampf, um Kraft und Hoffnung. Ich verkroch mich in die Kissen und versuchte, mir selber vorzureden, daß derartige Halluzinationen ja vorkämen ... Fast unmerklich, stetig ward die Dämmerung heller ... Schließlich, als ich am Weiterschlafen verzweifelte – setzte ich mich im Bett auf und sah mich um. Ein kaltes Zwielicht erhellte das ganze Zimmer. Es war geräumig und gut ausgestattet – besser als je ein Zimmer, in dem ich bisher geschlafen hatte. Auf einem kleinen Gestell in einer Nische erblickte ich bald auch eine Kerze und Streichhölzer. Ich warf die Laken zurück und stand – schaudernd vor der rauhen Morgenluft, obschon es Sommer war – auf und zündete die Kerze an. Darauf wankte ich – mit einem Zittern, so daß das Lichthütchen gegen den Leuchter klapperte – nach dem Spiegel und erblickte – Elveshams Gesicht! Es war nicht weniger schrecklich, weil ich das schon gefürchtet hatte. Er war mir immer schwächlich und jämmerlich elend vorgekommen; aber wie ich ihn jetzt – – so – – bloß mit einem groben Flanellhemd bekleidet, das über der Brust offen stand und den sehnigen, dürren Hals enthüllte – – so – an Stelle meines eigenen Körpers – – sah – – Ich kann diese jämmerliche Verfallenheit gar nicht beschreiben! Die hohlen Wangen, die vereinzelten Strähne schmutzig-grauen Haars, die triefenden, trüben Augen, die zitternden, verschrumpften Lippen, über denen immer ein Streifchen Rosa auftauchte, und hinter denen man immer das scheußliche schwärzliche Zahnfleisch sah! Wer ganz ist – ein Mensch, dessen Körper und Seele eins sind – so wie es die Natur seiner Jahre mit sich bringt – der kann sich nicht vorstellen, was dies teuflische Gefangensein für mich bedeutete! Jung sein und voll von Wünschen und voll von Energie der Jugend – – Und dabei gefangen und bald darauf zermalmt in dieser wankenden Ruine von einem Menschen ...!

Aber ich verliere den Faden meiner Erzählung ...

Eine Zeitlang muß ich geradezu betäubt gewesen sein über die Veränderung, die über mich hereingebrochen war. Der Tag schien hell, als ich mich endlich so weit zusammenraffte, um denken zu können. Ich war – auf irgendeine unerklärliche Art – verwandelt. Obschon – wie das – wenn nicht Hexerei im Spiel war – hatte zugehen können das wußte ich nicht. Und während ich darüber nachdachte, ward mir das teuflische Genie Elveshams klar. Es kam mir ganz selbstverständlich vor: so wie ich in seinem Körper steckte, so war er jetzt Herr des meinen, das heißt, meiner Kraft, meiner Zukunft. Aber wie das beweisen? Dann – als ich weiter darüber nachdachte, erschien mir selber das alles so unglaublich, und meine Gedanken wirbelten so durcheinander, daß ich mich selber kneifen, meine zahnlosen Gaumen befühlen, mich im Spiegel betrachten, die Dinge um mich berühren mußte, eh' ich wieder den Tatsachen nüchtern gegenüberstand. War alles Leben Halluzination? War ich wirklich Elvesham? Und Elvesham ich? Hatte ich einfach einmal nachts von Eden geträumt? Existierte überhaupt ein Eden? Aber – wenn ich Elvesham war, so müßte ich mich doch am nächsten Morgen darauf besinnen, wo ich war, – auf den Namen der Stadt, in der ich lebte – auf das, was geschehen war, eh' ich anfing zu träumen ... Ich kämpfte mit meinen Gedanken. Ich rief mir die seltsame Zweiheit meiner nächtlichen Erinnerungen zurück. Aber mein Geist war jetzt ganz klar. Auch nicht die Spur einer Erinnerung außer der aus meinen Edentagen wollte noch in mir aufsteigen.

»Es ist einfach zum Verrücktwerden!« rief ich in meiner dünnen Greisenstimme. Ich stolperte auf vom Bett, schleppte meine schwächlichen, bleiernen Glieder zum Waschtisch und steckte mein graues Haupt in eine Waschschüssel voll kalten Wassers. Dann – während ich mich abtrocknete, versuchte ich es aufs neue ... Es half nichts. Ich fühlte – – es war ganz fraglos: Ich war Eden, nicht Elvesham! Aber Eden in Elveshams Körper!

Hätte ich in irgendeinem andern Jahrhundert gelebt – ich hätte eben mein Schicksal auf mich genommen und mich als Verhexten betrachtet. Aber in unsern skeptischen Tagen gelten Wunder nicht mehr. Es war einfach ein psychologischer Trick. Und was ein Mittel und ein festes Anstarren angerichtet hatten, das konnte irgendein anderes Mittel und ein anderes festes Anstarren oder irgendeine derartige Behandlung auch wieder zurechtbringen. Es war ja nicht das erstemal, daß ein Mensch die Erinnerung verlor. Aber Erinnerungen vertauschen – verwechseln, wie man Regenschirme verwechselt – –! Ich mußte lachen. Ach! es war kein gesundes Lachen! Es war ein greisenhaft-winselndes Gekicher. Ich hatte auf einmal die Vorstellung, wie der alte Elvesham mich auslachte, und ein Taumel kleinlichen Zorns, wie ich ihn sonst gar nicht kannte, überfiel mich plötzlich. Ich fing hastig an, mir die Kleidungsstücke anzuziehen, die überall auf dem Boden herumlagen, und erst als ich angezogen war, merkte ich, daß ich im Gesellschaftsanzug war. Ich öffnete den Schrank und fand darin einige Straßenanzüge, ein paar karierte Hosen und einen altmodischen Schlafrock. Die letzteren Stücke zog ich an, stülpte ein ehrwürdiges Hauskäppchen auf mein Haupt und wankte – ein bißchen hustend von der Anstrengung – auf den Korridor hinaus.

Es war ungefähr dreiviertel auf sechs; die Läden waren noch alle geschlossen; das Haus war ganz still. Es war ein geräumiger Flur, eine breite Treppe mit üppigem Läufer führte in die dunkle Tiefe der unteren Halle; und durch eine halbgeöffnete Tür gerade vor mir erblickte ich ein Schreibpult, einen drehbaren Bücherständer, den Rücken eines Schreibsessels und Reihen auf Reihen von gebundenen Büchern ...

»Mein Arbeitszimmer!« murmelte ich und ging über den Flur. Dann – beim Klang meiner Stimme – durchzuckte mich ein Gedanke. Ich ging zurück ins Schlafzimmer und schob mein Gebiß in den Mund. Leicht und gewohnheitsmäßig schlüpfte es an seinen Platz. »So ist's besser!« sagte ich, kauend und fletschend, und kehrte zum Arbeitszimmer zurück.

Die Schiebladen des Schreibtischs waren verschlossen. Auch der Pultdeckel war geschlossen. Nirgends bemerkte ich etwas von Schlüsseln; und auch in meinen Hosentaschen waren sie nicht. Ich stolperte wieder in mein Schlafzimmer, suchte in meinem Gesellschaftsanzug nach und überhaupt in allen Kleidungsstücken, deren ich habhaft werden konnte. Ich war voller Eifer; man hätte glauben können, Einbrecher hätten in meinem Zimmer gehaust, als ich endlich fertig war. Nicht nur, daß nirgends Schlüssel waren – – aber auch kein Stück Geld – keinen Fetzen Papier fand ich – – mit Ausnahme der Quittung vom vorhergehenden Abend.

Eine seltsame Müdigkeit überfiel mich plötzlich. Ich setzte mich und blickte starr auf das Kleiderzeug, das herumlag – hier – dort – mit umgedrehten Taschen. Von Sekunde zu Sekunde ward mir mehr und mehr klar, wie klug mein Feind seine Minen gelegt hatte, begann ich mehr und mehr einzusehen, wie hoffnungslos meine Lage war. Mit einer Kraftanstrengung erhob ich mich wieder und humpelte in das Arbeitszimmer zurück.

Auf der Treppe öffnete eben ein Hausmädchen die Läden. Sie sah mich starr an ... Ich glaube, wegen des Ausdrucks auf meinem Gesicht ... Ich machte die Tür meines Arbeitszimmers hinter mir zu, ergriff einen Feuerhaken und hieb damit auf das Schreibpult ein. Und so haben sie mich gefunden. Der Deckel des Pults war zersplittert, das Schloß zertrümmert – die Briefe aus den Fächern gerissen und übers ganze Zimmer verstreut. In meiner senilen Wut hatte ich die Federn und all derartiges Schreibmaterial im Zimmer herumgeschleudert und die Tinte umgeworfen. Eine große Vase auf dem Kaminsims war auch zerbrochen – ich weiß nicht wie. Ich fand nirgends ein Scheckbuch – nirgends Geld – nirgends irgendwelche Anhaltspunkte, die mir zur Wiedererlangung meines eigenen Ich hätten dienen können. Wie ein Verrückter hämmerte ich auf die Schiebladen los, als der Hausdiener, gefolgt von zwei Hausmädchen, eintrat.

Das – in aller Einfachheit – ist die Geschichte meiner Verwandlung. Niemand schenkt meinen verzweifelten Versicherungen Glauben. Ich werde als Geistesgestörter behandelt; während ich dies niederschreibe, überwacht man mich. Aber ich bin geistig gesund – vollkommen gesund. – Und zum Beweis hab' ich diese Geschichte niedergeschrieben, genau so, wie alles sich zugetragen hat. Ich wende mich an den Leser: Ist irgendwo auch nur eine Spur von Verrücktheit in Stil oder Methode der Geschichte, die er da gelesen hat? Ich bin ein junger Mann – der in den Körper eines alten Mannes eingeschlossen ist. Aber diese einfache Tatsache ist für jedermann unverständlich. Natürlich werd' ich allen, die mir nicht glauben, verrückt vorkommen; natürlich kenn' ich die Namen meiner Sekretäre, der Ärzte, die mich besuchen, meiner Dienerschaft, der Nachbarn, der Stadt (wo sie auch liegen mag) in der ich jetzt lebe, nicht. Natürlich verirre ich mich in meinem eigenen Haus und habe Unannehmlichkeiten aller Arten. Natürlich frage ich die seltsamsten Fragen. Natürlich wein' ich oder schrei' ich und habe Anfälle von Verzweiflung. Ich habe kein Geld und kein Scheckbuch. Die Bank erkennt meine Unterschrift nicht an; ich vermute, dank der schwachen Muskeln, die ich jetzt habe, ist meine Handschrift noch die Edens. Die Menschen wollen mich nicht selber nach der Bank gehen lassen. Das heißt, es scheint wirklich, daß hier in der Stadt überhaupt keine Bank ist, und daß ich irgendwo in London mein Konto habe. Es scheint, daß Elvesham den Namen seines Bankiers ganz geheim gehalten hat. – – – Ich kann es nicht ergründen. Elvesham war ja berühmt als Forscher auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten, und alle meine Auseinandersetzungen der Tatsachen dienen bloß dazu, die allgemeine Annahme zu bestätigen, daß meine Geisteskrankheit eine Folge übermäßigen Studiums psychologischer Probleme ist. Träume von persönlicher Identität! Ach Gott! Vor zwei Tagen noch war ich ein gesunder, junger Mensch, vor dem das Leben offen dalag. Heute kriech' ich – – ein übellauniger, alter Mann – ingrimmig – verzweifelt – jammervoll – in einem großen, luxuriösen, fremden Haus herum – von jedermann als Irrsinniger angesehen – beobachtet – gefürchtet – gescheut ... Und in London fängt Elvesham sein Leben aufs neue an – in einem kraftvollen Körper – mit all dem Wissen und den Erfahrungen von siebenzig Jahren! Er hat mir mein Leben gestohlen.

Was eigentlich geschehen ist, weiß ich nicht genau. Im Studierzimmer sind Bände voll geschriebener Notizen, die sich hauptsächlich auf die Psychologie des Gedächtnisses beziehen – teilweise in Zahlen oder symbolischen Ziffern, die mir ganz und gar fremd sind. Ab und zu finden sich auch Anzeichen, daß er sich mit der Philosophie der Mathematik beschäftigt hat. Ich fasse es so auf: er hat die ganze Last seiner Erinnerungen, alles, was seine eigene Persönlichkeit ausmacht, von seinem alten, verbrauchten Gehirn auf das meine übertragen und hat – gleicherweise – meines in seinen verbrauchten Körper gelockt. Das heißt – er hat einfach die Körper vertauscht. Aber wie so etwas möglich sein kann – das steht außerhalb der Grenzen meiner Philosophie. Ich bin – solange ich zurückdenken kann – Materialist gewesen. Aber dies hier ist – unzweifelhaft – ein Fall von Loslösbarkeit des Menschen von der Materie ...

Ein verzweifeltes Experiment will ich noch versuchen. Ich schreibe dies nieder, eh' sich die Sache entscheidet. Heut' morgen gelang es mir – mit Hilfe eines Messers, das ich beim Frühstück heimlich beiseite geschmuggelt habe, ein im übrigen ziemlich in die Augen fallendes Geheimfach des Schreibpults aufzubrechen. Ich fand darin nichts als ein kleines, grünes Glasfläschchen mit einem weißen Pulver. Um den Hals der Flasche lief eine Etikette, darauf stand das eine Wort: »Erlösung«. Das bedeutet ja wohl – – ist wahrscheinlich – Gift! Ich kann gut verstehen, daß Elvesham mir Gift in die Hände gespielt hat ... Und ich wäre ja auch ganz überzeugt von seiner Absicht, sich auf diese Weise des einzigen Menschen zu entledigen, der gegen ihn zeugen könnte – – wenn er es nicht so sorgfältig versteckt hätte ... Ja, der Mann hat das Problem der Unsterblichkeit in der Praxis gelöst. Wenn nicht grade der Zufall ihm besonders übel mitspielt, so wird er in meinem Körper weiterleben, bis er alt ist, und wird dann – unter Beiseiteschiebung des alten – sich wieder der Jugend und Kraft eines neuen Opfers bemächtigen. Wenn man seine Herzlosigkeit bedenkt, so ist es geradezu grauenhaft, sich seine immer wachsende Erfahrung vorzustellen, mit der er ... Wie lang er wohl schon so von Körper zu Körper übergesprungen ist – –? Aber ich bin müde des Schreibens. Das Pulver scheint in Wasser auflösbar zu sein ... Der Geschmack ist nicht unangenehm ...

Hier endet die auf Mr. Elveshams Schreibtisch aufgefundene Erzählung.

Sein Leichnam lag zwischen Tisch und Stuhl ... Der letztere war zurückgeschoben – vermutlich im letzten Krampf des Sterbenden. Die Geschichte war in einer ganz verrückten Handschrift geschrieben – ganz verschieden von seiner gewohnten, peinlich sauberen Schrift. Bloß zwei seltsame Tatsachen bleiben noch zu erwähnen. Eine Beziehung zwischen Eden und Elvesham existierte ganz fraglos; denn das gesamte Vermögen Elveshams war dem jungen Mann vermacht. Bloß daß dieser sein Erbe nie antrat. Denn als Elvesham Selbstmord beging, war Eden – merkwürdigerweise – schon tot. Vierundzwanzig Stunden vorher war er – im Gedränge der Kreuzung von Gower Street und Euston Road, von einer Droschke überfahren und auf der Stelle getötet worden. So daß das einzige menschliche Wesen, das Licht in diese phantastische Erzählung hätte bringen können, außerhalb des Bereichs aller Fragen steht ... Ich überlasse also diese außergewöhnliche Angelegenheit ohne weiteren Kommentar dem persönlichen Urteil des Lesers ...

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