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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
projectidd388099b
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Die Triumphe eines Ausstopfers

Die Kunst des Ausstopfens hat ihre Geheimnisse. Hier ein paar wenige, die mir der Ausstopfer einmal in gehobener Stimmung erzählte. Er erzählte sie mir zwischen dem ersten und vierten Glas Whisky, in der Zeit, wo der Mensch nicht mehr vorsichtig und doch noch nicht betrunken ist. Wir saßen zusammen auf seiner Bude; es war sein Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer und war – wenigstens für den Sinn des Gesichts – durch einen Perlenvorhang von der stinkenden Höhle getrennt, in der er seinem Handwerk oblag.

Er saß auf einem Liegestuhl, und seine Füße – an denen er, in der Art von Sandalen, die heiligen Reliquien von einem Paar Zeugpantoffeln trug – lagen auf dem Kaminsims, zwischen den Glasaugen, – wenn sie nicht damit beschäftigt waren, herumliegende Kohlenstücke zu zertrampeln. Seine Hosen, nebenbei – die allerdings mit seinen Triumphen nichts zu schaffen haben –, waren aus einem unglaublich scheußlichen, gestreiften Wollstoff, so wie man ihn machte zur Zeit, als unsere Großväter Backenbärte trugen, und die Krinoline Mode war. Ferner hatte er schwarzes Haar, ein rötliches Antlitz und feurig braune Augen; und sein Rock bestand in der Hauptsache aus Fettflecken – auf einer Unterlage von Baumwollsamt. Seine Pfeife endete in einem Porzellankopf, auf dem die Grazien prangten, und seine Brille saß immer schief, so daß das linke Auge einen unverhüllt, klein und durchdringend anfunkelte, während das rechte undeutlich, vergrößert und milde durch das Brillenglas schimmerte. Und seine Worte lauteten folgendermaßen: »Auf der ganzen Welt ist kein Mensch, der ausstopft wie ich, Bellows! Kein Mensch! Ich habe Elefanten ausgestopft und Motten ausgestopft, und die Dinger waren nachher lebendiger und schöner als vorher. Ich habe auch menschliche Lebewesen ausgestopft – hauptsächlich Amateur-Ornithologen. Aber einmal hab' ich einen Nigger ausgestopft.

»Nein, es gibt kein Gesetz, das es verbietet. Ich stellte ihn mit allen zehn Fingern von sich gespreizt auf und benützte ihn als Hutständer; der Schafskopf von Homersby fing einmal spät nachts eine Keilerei mit ihm an und verdarb ihn. Das war vor Ihrer Zeit. Es ist schwierig, Häute zu kriegen; sonst würd' ich mir einen neuen machen.

»Widerwärtig? Kann ich nicht finden. Mir scheint, die Ausstopferei ist ein ganz vielversprechender Geschäftszweig. Nr. 3 neben Beerdigung und Verbrennung. Man könnte alle seine Lieben um sich behalten. Derartiger Krimskram im Haus herum wäre mindestens ebensoviel wert wie jede andere Gesellschaft und weit weniger kostspielig. Man könnte sie als Automaten herrichten, daß sie dies oder jenes tun könnten.

»Natürlich müßt' man sie firnissen; aber darum brauchten sie auch nicht mehr zu glänzen, als massenhaft Menschen es von Natur tun. Der alte Manningtree mit seinem kahlen Schädel ... Und jedenfalls – man könnte mit ihnen reden, ohne daß man unterbrochen würde. Sogar mit Tanten. Die Ausstopferei hat eine große Zukunft, verlassen Sie sich drauf. Es gibt da Ausgrabungen ...«

Er verstummte plötzlich.

»Nein, ich glaube, das darf ich Ihnen nicht erzählen.« Er zog nachdenklich an seiner Pfeife. »Ja, bitte! Nicht zuviel Wasser!

»Selbstverständlich – was ich Ihnen jetzt erzähle, bleibt unter uns! Sie wissen, daß ich ein paar Dronten und einen großen Alk gemacht habe. Nicht? Man sieht, daß Sie Amateur in der Kunst des Ausstopfens sind. Lieber Freund, die Hälfte von allen großen Alken, die existieren, sind ungefähr ebenso echt wie das Schweißtuch der heiligen Veronika oder der heilige Rock zu Trier. Wir machen sie aus Mövenfedern und dergleichen. Und die großen Alkeneier ebenfalls.«

»Großer Gott!«

»Ja. Wir machen sie aus feinem Porzellan. Ich sage Ihnen – es lohnt sich. Sie bringen ... eins hat erst neulich 300 Pfund eingebracht. Das war übrigens wirklich echt, glaub' ich; aber natürlich, sicher ist man da nie. Sie werden sehr fein gearbeitet, und nachher muß man sie staubig machen; denn keiner, der eins von diesen kostbaren Eiern besitzt, hat je die Kühnheit, das Ding zu reinigen. Das ist das Schöne dran. Sogar wenn ihnen ein Ei verdächtig vorkommt, so mögen sie es nicht gern zu genau untersuchen. Es ist unter allen Umständen ein zerbrechliches Kapital!

»Das haben Sie nicht gewußt, daß die Kunst des Ausstopfens sich zu solchen Höhen versteigt! Bester Junge, sie versteigt sich noch viel höher. Ich habe die Natur selber nachgeahmt. Einer von den echten, großen Alken« – seine Stimme sank zu einem Flüstern herab – »einer von den echten, großen Alken ist von mir hergestellt! »Nein. Sie müssen Ornithologie selber studieren und dann herausfinden, welcher es ist. Und – noch mehr – ein ganzer Ring von Händlern hat mir angetragen, eins von den noch unerforschten Klippengebieten nördlich von Island mit meinen Exemplaren auszustaffieren. Vielleicht – später einmal. Vorläufig hab' ich eben jetzt ein anderes kleines Geschäft vor. Haben Sie je was vom Dinornis gehört?

»Das ist einer von den großen Vögeln, die seit einiger Zeit in Neuseeland ausgestorben sind. Man nennt ihn gewöhnlich ›Moa‹ – eben weil er ausgestorben ist; weil kein ›Mo–a‹ da ist. Was? Na, also von dem hat man Knochen gefunden, und in ein paar Sumpfgegenden sogar Federn und vertrocknete Stücke Haut. Und ich werde also – na, ich brauch' mir wirklich kein Gewissen draus zu machen – einen vollständigen, ausgestopften Moa fälschen! Ich kenn' da draußen einen Burschen, der vorgeben wird, er hätte das Ding in einer Art antiseptischem Sumpf gefunden und es gleich ausgestopft, weil es sonst auseinandergefallen wäre. Die Federn sind etwas Besonderes, aber ich hab' auf eine einfach großartige Weise entdeckt, wie man versengte Straußenfedern zurechtmachen kann. Jawohl, das ist der neue Geruch, den Sie vorhin bemerkten. Sie können die Fälschung bloß mit dem Mikroskop herausfinden, und es wird ihnen kaum dran liegen, darum ein gutes Exemplar zu zerschneiden.

»Auf die Art, sehen Sie, tu' auch ich ein bißchen das meinige für den Fortschritt der Wissenschaft.

»Aber all das heißt schließlich nur die Natur nachahmen. Ich habe meinerzeit noch mehr getan. Ich hab' sie übertrumpft!« Er nahm seine Füße vom Kaminsims herunter und beugte sich vertraulich zu mir herüber. »Ich habe Vögel erschaffen!« sagte er leise. »Neue Vögel. Verbesserungen. Wie noch kein Vogel je dagewesen ist!«

Während einer eindrücklichen Pause nahm er seine frühere Stellung wieder ein.

»Ich habe die Welt bereichert; jawohl! Einige von den Vögeln, die ich gemacht habe, waren Kolibris, schöne kleine Dinger! Aber ein paar waren einfach famos. Das Famoseste war die Anomalopteryx jejuna. – Jejunus-a-um – leer – so benannt, weil tatsächlich nichts drin war; ein vollständig leerer Vogel – bis auf das Ausstopfmaterial. Der alte Javvers hat das Ding jetzt, und ich glaube, er ist fast ebenso stolz darauf wie ich. Ein Meisterstück, Bellows! Es hat die ganze dumme Plumpheit des Pelikans, den ganzen feierlichen Mangel an Würde des Papageis, die ganze schlottrige Unbeholfenheit des Flamingos und das ganze chromatische Durcheinander der chinesischen Ente. Nein, was für ein Vogel! Ich machte ihn aus den Skeletten eines Storchs und eines Tukans und einem Mischmasch von allerhand Federn. Wissen Sie, Bellows, diese Art von Ausstopferei ist eine wahre Freude für den wahren Künstler in seiner Kunst.

»Wie ich darauf kam, es zu machen? Einfach genug, wie alle großen Erfindungen. Eins von den jungen Genies, die wissenschaftliche Notizen für unsere Zeitungen schreiben, erwischte eine deutsche Abhandlung über die Vögel von Neuseeland und übersetzte einen Teil davon mit Hilfe eines Wörterbuchs und seines Mutterwitzes – er muß der Sohn einer sehr großen Familie und einer sehr kleinen Mutter gewesen sein! – und verhedderte sich zwischen der lebenden Apteryx und der ausgestorbenen Anomalopteryx – redete von einem fünf Fuß hohen Vogel, der im Busch der nördlichen Insel vorkomme und sehr selten und scheu und nur schwer zu erlangen sei usw. Javvers, der sogar für einen Sammler ein ganz wunderbarer Ignorant ist, las die Paragraphen und schwor, er würde sich das Ding um jeden Preis verschaffen. Belagerte sämtliche Händler mit seinen Nachfragen. Man sieht, was ein Mensch durch Beharrlichkeit und Willenskraft erreicht. Ein Vogelsammler, der schwört, er würde sich ein Exemplar eines Vogels verschaffen, der nicht existiert, der nie existiert hat, der einfach, weil er sich seiner eigenen ruchlosen Scheußlichkeit schämte auch jetzt nicht existieren würde – wenn er nicht müßte. Und er bekam ihn! Er bekam ihn!«

»Noch ein Glas Whisky?« fragte der Ausstopfkünstler, sich aus einer flüchtigen Betrachtung der Geheimnisse der Willenskraft und der Sammlerwut emporraffend. Und er fuhr, neugestärkt, fort, mir zu erzählen, wie er eine entzückende Nixe zusammengebraut hatte, und wie ein Wanderprediger, der ihretwegen keinen Zulauf hatte, sie in Burslem Wakes zertrümmerte, weil das Götzendienerei oder noch schlimmer sei. Aber da alle drei bei dieser Geschichte beteiligten Parteien – der Schöpfer, das Publikum, das das Nixlein gern erhalten hätte, und der Zerstörer – sich in Worten ausdrückten, die gänzlich ungeeignet für die Veröffentlichung sind, so muß dieses fröhliche Ereignis vorläufig darauf verzichten, gedruckt zu werden.

Der Leser, dem die dunkeln Wege des Sammlers unbekannt sind, mag vielleicht geneigt sein, an meinem Ausstopfkünstler zu zweifeln. Aber soweit es sich um die Eier des großen Alk und die gefälschten ausgestopften Vögel handelt, können – wie ich weiß – hervorragende ornithologische Gelehrte seine Worte bestätigen. Und die Notiz über den neuseeländischen Vogel ist tatsächlich in einer Tageszeitung von tadellosem Renommee erschienen; der Ausstopfer hat noch eine Nummer und hat sie mir gezeigt.

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