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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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Ein Traum von Armageddon

Der Mann mit dem weißen Gesicht stieg in Rugby in den Zug ein. Er bewegte sich langsam, trotz des Drängens des Schaffners; und noch als er draußen auf der Plattform stand, bemerkte ich, wie krank er aussah. Mit einem Seufzer sank er in die Ecke mir gegenüber, machte einen matten Versuch, seine Reisedecke um sich zu schlagen und saß dann regungslos, mit leer vor sich hinstarrenden Augen, da. Bald aber fühlte er, daß ich ihn beobachtete; er sah mich an und streckte müde die Hand nach seiner Zeitung aus. Darauf sah er wieder zu mir herüber.

Ich tat, als läse ich. Ich fürchtete, ich hätte ihn unabsichtlich belästigt, und war erstaunt, als ich ihn gleich darauf sprechen hörte.

»Entschuldigung ... ich habe nicht verstanden ...« sagte ich.

»Ihr Buch,« wiederholte er und streckte einen hageren Zeigefinger aus, »handelt von Träumen.«

»Augenscheinlich!« erwiderte ich. Es waren Fortnum-Roscoes » Dream-States«, und der Titel stand auf dem Umschlag.

Eine Weile war er still, als suche er nach Worten. »Ja,« sagte er dann. »Aber erklären kann es doch keiner.«

Einen Augenblick vermochte ich ihm nicht zu folgen.

»Es weiß ja keiner ...« fügte er dann hinzu.

Ich betrachtete ihn mir ein bißchen aufmerksamer.

»Träume und Träume,« sagte er ... »das ist zweierlei.«

Auf Bemerkungen dieser Art lasse ich mich grundsätzlich nie ein.

»Ich glaube ...« er zögerte. »Haben Sie einmal geträumt? Ich meine lebendig?«

»Ich träume sehr selten,« entgegnete ich. »Ich glaube kaum, daß ich in einem Jahr auch nur dreimal lebhaft träume.«

»Ah!« sagte er. Einen Augenblick lang schien er seine Gedanken zu sammeln.

»Und Ihre Träume vermischen sich nie mit Ihren Erinnerungen?« fragte er plötzlich. »Es kommt Ihnen nie der Zweifel: hab' ich das eigentlich erlebt? Oder hab' ich es nicht erlebt?«

»Kaum. Höchstens ab und zu eine momentane Unsicherheit ... Ich glaube, bei den wenigsten Menschen kommt das vor.«

»Und was sagt er ...?« Er deutet auf das Buch.

»Er sagt, von Zeit zu Zeit käme es vor, und erklärt es in der üblichen Art: ganz besondere Sensibilität ... usw. ... Wodurch sich die Seltenheit der Erscheinung erklärt. Ich vermute, Sie kennen all diese Theorien mehr oder weniger ...«

»Nur wenig ... Ich weiß nur, daß sie falsch sind.«

Seine blutlose Hand spielte eine Weile mit dem Lederriemen des Fensters. Ich wollte schon wieder anfangen zu lesen. Augenscheinlich beschleunigte das seine nächste Bemerkung. Er beugte sich vor, so weit, daß er mich fast berührte.

»Gibt es nicht so etwas, wie logisches, fortschreitendes Träumen? – Was jede Nacht wiederkehrt?«

»Ich glaube wohl. Fast alle Bücher über Geistesgestörtheit führen derartige Fälle an.«

»Geistesgestörtheit! Na ja! Das wird es ja wohl sein. Dahin gehört es ja auch. Aber ich meine ...« Er besah sich seine spitzen Knöchel. »Ist das immer ein Traum? Ist es überhaupt ein Traum? Oder ist es etwas anderes? Könnte es nicht auch etwas anderes sein?«

Ich hätte die Unterhaltung kurz abgebrochen, wäre nicht dies hagere Bangen in seinem ganzen Gesicht gewesen ... Noch heut' seh' ich den Ausdruck seiner verblaßten Augen und die rotumränderten Lider vor mir. Wer kennt nicht diesen Blick?

»Es handelt sich ja bloß um eine Ansichtssache,« fuhr er fort.

»Aber ich ... geh' daran zugrunde!«

»Am Träumen?«

»Wenn Sie es Träume nennen wollen. Nachtaus, nachtein. Und wie lebendig ... so lebendig, daß das hier ... (er deutete auf die Landschaft, die an unserm Fenster vorüberflog) unwirklich scheint im Vergleich dazu. Ich weiß kaum mehr. Wer ich bin ... was ich tue ...«

Er brach ab. »Jetzt noch ...«

»Sie meinen ... es ist immer derselbe Traum?« fragte ich.

»Er ist zu Ende.«

»Sie meinen ...?«

»Ich bin tot. Gestorben.«

»Tot. Gestorben?«

»Zermalmt ... getötet ... Und mein ganzes Ich, so wie es in jenem Traum war, ist tot. Tot für immer! Ich träumte, ich wär' ein anderer Mensch ... wissen Sie ... der in einem ganz andern Teil der Welt und in einer ganz andern Zeit lebte. Nacht für Nacht hab' ich das geträumt. Immer neue Szenen und Ereignisse ... bis das Letzte kam ...«

»Bis Sie gestorben sind?«

»Bis ich gestorben bin.«

»Und seitdem ...«

»Nein!« sagte er. »Gott sei Dank! Das war das Ende meines Traumes ...«

Eins war klar: die Geschichte dieses Traums blieb mir nicht erspart. Schließlich ... ich hatte noch eine gute Stunde zu fahren, die Dämmerung sank immer schneller, und Fortnum-Roscoe ist just nicht besonders unterhaltend. »In einer andern Zeit?« fing ich wieder an. »Heißt das, in einem andern Zeitalter?«

»Ja.«

»In einem vergangenen?«

»Nein ... einem künftigen.«

»Einem künftigen? Also z. B. im Jahr dreitausend?«

»Ich weiß nicht, in was für einem Jahr. Wenn ich schlief ... d. h. wenn ich träumte, wußte ich's; aber nicht jetzt, nicht jetzt, wenn ich wach bin. Ich habe wer weiß wieviel vergessen, seit ich aus jenen Träumen aufgewacht bin ... so gut ich es damals wußte, damals, als ich ... träumte. Wie nannte sie's doch damals?« Er faßte sich mit der Hand an die Stirn. »Nein,« sagte er dann. »Ich hab's vergessen.«

Ein schwaches Lächeln überflog seine Züge. Einen Augenblick lang fürchtete ich wirklich, er würde mir seinen Traum überhaupt nicht erzählen. Für gewöhnlich hasse ich Leute, die ihre Träume erzählen. Aber das schien mir doch anders ... Ich versuchte, ihm sogar nachzuhelfen. »Also ... es fing an ...« sagte ich.

»Es war Leben ... von Anfang an. Es war, als wache ich ganz plötzlich auf. Und das Seltsame ist ... in den Träumen, von denen ich spreche, kam mir nie eine Erinnerung an das Leben hier, das ich jetzt lebe. Als ob das Traumleben, solang es währte, mich ganz ausfüllte. Vielleicht ... Aber ich will Ihnen erzählen, wie alles war ... so gut ich mich überhaupt erinnern kann. Klar weiß ich überhaupt nichts, bis ich auf einmal auf einer Loggia saß, die auf das Meer hinausging. Ich hatte geschlafen ... und wachte auf einmal auf ... frisch, lebendig ... keine Spur traumhaft ... weil das Mädchen mich nicht mehr fächerte.«

»Das Mädchen?«

»Ja, das Mädchen. Sie müssen mich nicht unterbrechen. Sonst verlier' ich den Faden.«

Er hielt jäh inne. »Sie halten mich nicht für verrückt, was?« fragte er.

»Nein,« erwiderte ich. »Sie haben geträumt. Erzählen Sie mir Ihren Traum.«

»Also – wie gesagt – ich wachte auf, weil das Mädchen mich nicht mehr fächerte. Ich war nicht etwa erstaunt, daß ich an jenem Ort war ... oder über irgend sonst etwas ... wissen Sie. Ich hatte gar nicht das Gefühl, als ob das alles plötzlich gekommen wäre. Ich nahm es ganz einfach, wie es war. Alle Erinnerung an dies Leben – das Leben des zwanzigsten Jahrhunderts – war einfach fort, als ich aufwachte ... vergangen wie ein Traum. Ich wußte genau, wer ich war, wußte, daß mein Name nicht mehr Cooper war, sondern Hedon, war mir meiner Stellung im Leben ganz bewußt. Später ... als ich aufwachte ... hab' ich vieles vergessen ... irgendwie fehlt da das Bindeglied ... Aber damals war alles klar und selbstverständlich.«

Wieder zögerte er, griff nach dem Fensterriemen, bog den Kopf vor und sah mich halb flehend an.

»Das kommt Ihnen blödsinnig vor?«

»Nein, nein!« rief ich. »Weiter! Erzählen Sie mir, wie Ihre Loggia aussah.«

»Es war keine eigentliche Loggia – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Es war ein Raum, der nach Süden ging. Klein. Alles lag im Schatten, außer dem Halbkreis über dem Balkon, der Himmel und Meer umfaßte ... und der Ecke, wo das Mädchen stand. Ich saß auf einem Ruhebett ... ein metallenes Ruhebett mit leichten, gestreiften Kissen ... Und das Mädchen lehnte über den Balkon ... den Rücken mir zugewandt. Der Schein des Sonnenaufgangs fiel auf ihr Ohr ... ihre Wange. Über ihrem hübschen, weißen Nacken, den kleinen Löckchen, die sich darauf kräuselten, ihren weißen Schultern lag die Sonne ... die ganze Anmut ihres Körpers stand im kühlen, blauen Schatten ... Ihre Kleidung war ... wie kann ich sie beschreiben? Leicht ... fließend ... Und wie sie so dastand, kam es plötzlich über mich, wie schön, wie reizend sie war ... als ob ich sie zum erstenmal sähe. Als ich schließlich mit einem Seufzer mich halb auf meinen Ellbogen erhob, wandte sie mir ihr Antlitz zu ...«

Er verstummte.

»Dreiundfünfzig Jahre lang hab' ich in dieser Welt gelebt. Ich hab' eine Mutter gehabt ... Schwestern ... Freunde ... Ein Weib ... und Töchter ... Ich kenne all ihre Gesichter ... jeden Zug in ihren Gesichtern. Und doch ... das Gesicht jenes Mädchen ist weit lebendiger in mir. Ich kann es mir jederzeit zurückrufen ... just als säh' ich es. Ich könnt' es heute zeichnen ... oder malen. Und dennoch ...«

Wieder verstummte er. Und ich sagte kein Wort.

»Ein Traumgesicht ... ein Traumgesicht. Schön war sie. Nicht von der Schönheit, die beängstigt, die kalt ist, anbetungheischend, wie die Schönheit einer Heiligen. Auch nicht die Art von Schönheit, die heftige Leidenschaften erregt. Sondern etwas Durchleuchtetes, Strahlendes ... süße Lippen, die strahlend lächelten ... und tiefe, graue Augen. Und wie anmutig sie sich bewegte ... Sie war ganz Freude, ganz Anmut ...«

Er schwieg, das Antlitz, auf die Brust gebeugt, im Schatten. Dann blickte er wieder zu mir auf und fuhr ... ohne jeglichen weiteren Versuch, zu tun, als glaube er selber nicht an seine Geschichte ... fort:

»Sehen Sie ... all meine Pläne und mein Streben, meinen ganzen Ehrgeiz, alles, wofür ich gearbeitet, was ich gewollt, hatte ich aufgegeben, um ihretwillen. Ich war einer der Großen gewesen ... dort, im Norden ... einflußreich – festangesessen, mit großem Namen. Aber was war das alles ... im Vergleich zu ihr! Ich hatte mich mit ihr hierher, in die Stadt der sonnigen Freude, geflüchtet, mit ihr, und hatte alles andere ruhig seinem Schicksal und Verderben überlassen; bloß um wenigstens noch einen letzten Rest meines Lebens zu retten. Solang ich sie geliebt hatte, eh' ich wußte, daß sie sich überhaupt um mich kümmerte, eh' sich meine Phantasie so weit verstieg, daß sie einmal den Mut haben würde ... daß wir beide den Mut haben würden ... war mir mein ganzes Leben eitel und hohl, nichts als Staub und Asche gewesen. Es war auch Staub und Asche. Nacht für Nacht ... lange, lange Tage hatte ich mich gesehnt ... hatte nach ihr verlangt ... war meine ganze Seele um das Verbotene gekreist ...

»Aber wie kann ein Mann einem andern solche Dinge sagen! Es ist ein leises Regen ... ein Hauch ... ein Licht, das kommt und geht. Nur daß, solang es da ist, alles anders ist. Die Sache war ... ich ging während einer Krisis fort und überließ sie einfach ihrem Schicksal.«

»Wen – sie?«

»Die Menschen droben im Norden. Sehen Sie, ich war – wenigstens in meinem Traum – ein großer Mann gewesen, einer von denen, an die die Menschen glauben, um die sie sich scharen. Millionen Menschen, die mich nie gesehen hatten, waren bereit, alles zu tun, alles zu wagen, bloß für ihren Glauben an mich. Jahrelang hatte ich es gespielt, das große, schwierige Spiel, dies unsichere, ungeheuerliche politische Spiel von Intrigen und Verrat, von Worten und Taten. Es war eine Riesenwelt, eine Welt des Umsturzes; und ich hatte mir endlich eine Art Führerschaft erworben – der Meute gegenüber – man nannte es die Meute – so eine Art Kompromiß von schurkischen Plänen und gemeinem Ehrgeiz und einer leichtbeweglichen, gedankenlosen Menge von Schlagwörtern – die Meute, die die Welt in Lärm und Blindheit hielt ... Jahr um Jahr ... während sie immer weiter dahintrieb, rettungslos dahintrieb ... unseligstem Unheil zu. Aber ich weiß ja ... Sie können die Nuancen und Komplikationen jenes Jahres ... des Jahres soundso viel nach unserem ... nicht begreifen. Ich – in meinem Traum – wußte und sah es alles – bis auf die kleinste Einzelheit. Ich glaube, ich hatte eben, eh' ich aufwachte, davon geträumt, und der schwache Umriß irgendeiner neuen, seltsamen Weiterentwicklung, die meine Phantasie mir vorgespiegelt hatte, gespensterte noch um mich herum, während ich mir die Augen rieb. Es war irgendeine unsaubere Geschichte, und ich dankte Gott, als ich zur Sonne erwachte. Ich richtete mich auf ... blieb so sitzen, beobachtete das Weib ... und freute mich ... freute mich, daß ich all der Unruhe, der Torheit, der lärmenden Leidenschaft entflohen war, eh' es zu spät war. Ja – dachte ich – dies allein ist Leben! Liebe und Schönheit, Verlangen und Entzücken – – – sind sie nicht mehr wert als all das trostlose Ringen um nebelhafte, titanische Ziele? Und ich zürnte mir selbst, daß ich je den Ehrgeiz gehabt hatte, einer von den »Großen« zu sein, statt mein Leben der Liebe zu weihen. Aber wiederum – so dachte ich weiter – wenn nicht meine Jugend so streng und hart gewesen wäre, so hätte ich mich vielleicht an eitle und wertlose Weiber vergeudet; und bei dem Gedanken wand mein ganzes Sein sich in Liebe und süßer Zärtlichkeit um meine süße Geliebte, meine Herrin und Gebieterin, die endlich gekommen war und mich durch ihren unwiderstehlichen Zauber gezwungen hatte, jenem Leben Valet zu sagen.

›Ja, du bist es wert!‹ sagte ich – nicht in der Absicht, daß sie es hören sollte! – ›du wiegst es alles auf, du Geliebteste! Stolz – Ehrgeiz – Ruhm – alles! Liebe! Ach! Dich besitzen ist mehr wert als alles!‹

»Sie hörte mein Vor-mich-hin-Murmeln und wandte sich um.

›Komm und sieh ...‹ rief sie ... noch jetzt hör ich es ... ›komm und sieh den Sonnenaufgang auf dem Monte Solaro.‹

»Ich weiß noch, wie ich aufsprang und mich auf dem Balkon neben sie stellte. Sie legte ihre eine weiße Hand auf meine Schulter und deutete mit der andern nach den großen Steinmassen, die – so schien es, nach und nach langsam zum Leben erröteten ... Und ich sah ... Aber vor allem sah ich, wie das Sonnenlicht ihr Gesicht, die Linie ihrer Wange, ihren Nacken liebkoste. Wie soll ich Ihnen das Bild beschreiben, das vor uns lag? Wir waren in Capri ...«

»Ich bin dort gewesen,« sagte ich. »Ich habe den Monte Solaro erklettert und Vero Capri getrunken auf dem Gipfel, ein trübes Gesöff ... ungefähr wie Most.«

»Ah!« sagte der Mann mit dem weißen Gesicht. »Dann können Sie mir vielleicht sagen ... dann wissen Sie vielleicht, ob es wirklich Capri war. Denn ich bin ... in diesem Leben ... nie dort gewesen. Ich muß es Ihnen erst beschreiben. Wir waren in einem kleinen Raum – einem von ungeheuer vielen kleinen Räumen – sehr kühl und sonnig – der sehr hoch über dem Meer aus einer Art Kalksteinkap herausgehöhlt war. Die ganze Insel war ein einziges, großes Hotel, das irgendwie und unerklärlich miteinander zusammenhing ... Und auf der andern Seite waren meilenweit riesige schwimmende Hotels und riesige Gerüste, auf denen die Flugmaschinen landeten. Stadt der Freuden nannte man es. Zu Ihrer Zeit gab es das natürlich nicht. Oder vielmehr heutzutag gibt es das nicht. Natürlich! Heutzutag! Na ja!

»Also ... unser Zimmer lag an der äußersten Spitze des Vorgebirges, so daß wir den Ausblick nach Osten und Westen hatten. Nach Osten zu war eine große Felsenklippe ... etwa tausend Fuß hoch ... kalt und grau ... mit Ausnahme eines kleinen, schmalen Goldrands ... und dahinter die Sireneninsel und ein abfallendes Ufer, das im heißen Sonnenlicht verschwamm. Wandte man sich gen Westen, so war da eine kleine Bucht, ein Strand ... noch ganz im Schatten. Und aus diesem Schatten hob sich frank und groß der Solaro, rosig, goldgekrönt, gleich einer auf den Thron erhobenen Schönheit – und dahinter schwamm der weiße Mond durch die Luft ... Und vor uns – von Osten nach Westen – das tausendfarbene Meer mit tausend Pünktchen von kleinen Segelbooten.

»Nach Osten zu waren die kleinen Boote natürlich grau und ganz deutlich und klar, aber im Westen waren es kleine Boote aus Gold – glänzendem Gold – fast wie kleine Flammen. Und gerade unter uns war ein Fels, durch den die Wellen einen Bogen gehöhlt hatten. Rings um den Felsen brach sich das Wasser in Schaum und Grün, und unter dem Bogen vor kam ein Nachen geglitten.«

»Ich kenne den Felsen,« sagte ich. »Ich bin beinahe ertrunken dort. Man nennt ihn die Faraglioni.«

»I Faraglioni? Ja, so nannte sie ihn,« antwortete der Mann mit dem weißen Gesicht. »Eine Geschichte knüpfte sich daran – aber die – –«

Er preßte die Hand wieder gegen die Stirn. »Nein!« sagte er dann, »die Geschichte hab' ich vergessen.

»Also das ist das erste, woran ich mich erinnere, der erste Traum, den ich hatte – jener kleine schattige Raum und die wundervolle Luft und der Himmel und meine süße Herrin mit ihren leuchtenden Armen und ihrem anmutigen Gewand, und wie wir saßen und halb flüsternd miteinander sprachen. Wir redeten im Flüsterton, nicht weil jemand da war, der uns hätte hören können, sondern weil unsere Seelen einander noch so neu waren, daß unsere Gedanken fast erschraken, sich als Worte zu hören ... Darum gingen sie auf leisen Sohlen.

»Nach einer Weile waren wir hungrig; wir verließen unser Zimmer und kamen durch einen seltsamen Korridor mit einem Boden, der sich selbst fortbewegte, nach einem großen Frühstückszimmer mit einem Springbrunnen und Musik. Es war ein heiterer, freudiger Ort – mit Sonnenlicht und Wassergeplätscher und dem Murmeln gezupfter Saiten. Und wir saßen und aßen und lächelten einander an; und ich wollte mit Absicht einen Mann nicht bemerken, der mich von einem benachbarten Tisch herüber beobachtete ...

»Später gingen wir weiter – in die Tanzhalle. Aber ich kann diese Halle nicht beschreiben. Es war ein Riesenraum – größer als jedes Gebäude, das Sie je gesehen haben. Und an einer Stelle war in die Wand einer Galerie – hoch oben – das alte Tor von Capri eingelassen. Leichte Säulenträger, Stengel und Fäden von Gold quollen aus den Pfeilern gleich Springbrunnen, strömten wie Morgenschein über die Decke, wirrten sich ineinander wie – wie Verschwörerpläne. Rings um die große Arena für die Tanzenden standen schöne Figuren, seltsame Drachen – verschlungene Groteskgestalten, als Lichtträger. Der ganze Raum war überflutet von einem künstlichen Licht, vor dem der junge Tag erröten mußte. Und wie wir so durch die Menge schritten, wandten die Menschen sich um und blickten uns nach; denn alle Welt kannte meinen Namen und mein Gesicht und wußte, wie ich mit einem Male Ehrgeiz und Kampf von mir geworfen hatte, um hierher zu kommen. Sie blickten auch nach der Dame an meiner Seite; obgleich die Geschichte, wie sie mein geworden, zur Hälfte unbekannt war oder falsch berichtet wurde. Und ich weiß – nur wenige gab es unter den Männern, die hier waren, die mich nicht glücklich priesen – trotz aller Schmach und Schande, die über meinen Namen gekommen war.

»Die Luft war voll von Musik, voll von harmonischen Düften, voll vom Rhythmus schöner Bewegung. Tausende von schönen Menschen schwärmten durch die Halle, drängten sich auf den Galerien, saßen in unzähligen Nischen. Sie waren in prächtige Farben gekleidet und mit Blumen bekränzt. Tausende tanzten um die große Arena unter den weißen Bildern antiker Götter, und herrliche Reigen von Jünglingen und Mädchen kamen und gingen. Auch wir beide tanzten ... nicht die trübsinnigen Monotonien eurer – – ich meine, unserer Tage – sondern Tänze, die schön waren, berauschend! Noch jetzt seh' ich sie, meine süße Herrin, wie sie tanzt ... wie sie tanzt in Freuden. Sie tanzte mit Ernst in den Mienen; sie tanzte mit einer ernsten Würde; und dennoch lächelte sie mir zu und ihre Augen liebkosten mich – Sie lächelte – und ihre Augen liebkosten mich.

»Auch die Musik war anders,« murmelte er. »Etwa ... nein, ich kann es nicht beschreiben. Aber sie war unendlich viel reicher und voller und abwechslungsreicher als irgendeine Musik, die ich im Wachen gehört habe.

»Und dann – – grade nachdem wir aufgehört hatten zu tanzen – kam ein Mann auf mich zu und sprach mich an. Es war ein hagerer, energisch aussehender Mensch, merkwürdig nüchtern gekleidet für jenen Ort. Ich hatte schon im Frühstückssaal gesehen, daß er mich beobachtete, und war später, während wir nach der Tanzhalle gingen, seinem Blick ausgewichen. Aber jetzt, als wir in der kleinen Nische saßen und uns lächelnd freuten an der Freude all der Menschen, die auf dem glänzenden Boden kamen und gingen, trat er herzu, berührte meinen Arm und redete mich an, so daß ich ihn anhören mußte. Er wünschte, mich ein paar Minuten lang unter vier Augen zu sprechen.

›Nein,‹ sagte ich. ›Ich habe keine Geheimnisse vor dieser Dame. Was wünschen Sie mir zu sagen?‹

Er erwiderte, es sei etwas, was einer Dame recht langweilig oder zum mindesten trocken vorkommen müsse.

›Mir vielleicht auch!‹ sagte ich.

Er sah sie an, fast hilfeflehend. Dann fragte er mich plötzlich, ob ich von der großen Fehde-Erklärung gehört hätte, die Evesham erlassen hätte. Evesham – müssen Sie wissen – war früher neben mir der Nächste in der Führerschaft jener großen Partei im Norden gewesen. Er war ein gewalttätiger, harter und taktloser Mensch; und der einzige, der ihn hatte zügeln und besänftigen können, war ich. Ich glaube, mehr noch um seinet- als um meinetwillen hatten die andern meine Fahnenflucht so schwer empfunden. Darum weckte auch diese Frage mein altes Interesse an dem Leben, das ich auf einen Augenblick beiseite geschoben hatte.

›Ich habe seit vielen Tagen mich überhaupt um nichts mehr bekümmert,‹ sagte ich. ›Was hat Evesham gesagt?‹

»Und daraufhin begann der Mann, in vollem Eifer; und ich muß gestehen, sogar mich überraschte Eveshams rücksichtsloses Draufgängertum in der wilden herausfordernden Rede, die er vom Stapel gelassen hatte. Der Bote, den sie mir gesandt hatten, erzählte mir nicht bloß von Eveshams Rede, sondern ging weiter – – er fragte mich um Rat und deutete an, wie notwendig sie mich daheim brauchten. Und während er sprach, saß meine süße Herrin – vorgebeugt – und beobachtete sein Gesicht – und meines.

»Meine alte Gewohnheit, Pläne zu schmieden, zu organisieren, behauptete ihr Recht. Ich sah mich selber, wie ich auf einmal wieder nach dem Norden zurückkehrte – sah die ganze dramatische Wirkung meiner Handlungsweise vor mir. Alles, was der Mann mir gesagt hatte, sprach dafür, daß die Partei zwar in sich selbst verwirrt, aber doch nach außen hin noch nicht geschädigt war. Wenn ich zurückging, würde ich stärker sein, als wie ich sie verließ ... Und dann dachte ich an meine süße Herrin. Sie verstehen ... wie soll ich Ihnen das sagen? Es waren da gewisse Punkte in unseren Beziehungen ... so wie die Dinge stehen, brauch' ich Ihnen das ja nicht näher auseinanderzusetzen ... die es unmöglich machten, daß sie bei mir blieb. Ich mußte sie verlassen; noch mehr, ich mußte offen und anerkanntermaßen auf sie verzichten, wenn ich alles, was überhaupt in meiner Macht stand, droben im Norden erreichen wollte. Und der Mann, während er zu mir und ihr sprach, wußte das, wußte so gut wie sie, daß der Weg zurück zu meiner Pflicht erst Trennung – – und dann völligen Verzicht bedeutete. Und vor diesem Gedanken zerflatterte der Traum an eine Umkehr. Eben, als der Mann anfing, sich zu schmeicheln, daß seine Beredsamkeit mich anfing gefangenzunehmen, wandte ich mich plötzlich nach ihm um.

›Was hab' ich mit all dem zu schaffen ... jetzt?‹ sagte ich. ›Damit bin ich fertig ... Glauben Sie, ich sei hierhergekommen, um mit euch und euren Leuten zu kokettieren?‹ ›Nein,‹ erwiderte er. ›Aber –‹

›Weshalb könnt ihr mich denn nicht in Frieden lassen! Ich bin fertig mit all solchen Dingen! Ich bin nichts mehr – als ein Privatmann!‹

›Ja!‹ entgegnete er. ›Aber haben Sie auch bedacht ...? All dies Kriegsgeschrei ... die rücksichtslosen Herausforderungen ... die wilden Angriffe ...‹

»Ich erhob mich.

›Nein!‹ rief ich. ›Ich will Sie nicht anhören! Ich hab' mir all diese Dinge überlegt ... ich habe sie gewogen ... Und ich bin gegangen!‹

»Es schien, als überlege er, ob er noch weiter in mich dringen könne. Er blickte von mir zu der Frau, die dasaß und uns beobachtete.

›Also Krieg!‹ sagte er, als spräche er zu sich selber ... Dann wandte er sich langsam ab und entfernte sich.

»Ich stand in einem Wirbel von Gedanken, den seine Botschaft in mir erregt hatte.

»Dann hörte ich die Stimme meiner süßen Herrin.

›Lieber,‹ sagte sie ... wenn du ihnen nötig bist ...‹

»Sie vollendete ihren Satz nicht. Ich blickte in ihr süßes Gesicht ... Und die Wagschale meiner Stimmung schwankte ... und fiel.

›Sie brauchen mich nur, damit ich tue, was sie selber zu tun sich nicht getrauen,‹ sagte ich. ›Wenn sie Evesham mißtrauen, so müssen sie das mit ihm abmachen.‹

»Sie blickte mich zweifelnd an.

›Aber Krieg ...‹ sagte sie.

»Ich sah in ihrem Gesicht einen Zweifel, den ich schon öfter gesehen hatte – Zweifel an mir, an sich selber ... der erste Schatten der Entdeckung, die uns ... wenn sie sich völlig und ganz enthüllte, ... auf immer auseinandertreiben mußte.

»Aber mein Geist war älter als der ihre; und noch konnte ich sie dieser oder jener Überzeugung beugen.

›Liebste,‹ sagte ich, ›du sollst dich nicht kümmern um solche Dinge. Es gibt keinen Krieg. Es wird kein Krieg sein. Ganz sicher wird kein Krieg sein. Die Zeit der Kriege ist vorbei. Vertrau' auf mich ... ich weiß, wie der Fall liegt. Sie haben kein Recht auf mich, Liebste. Niemand hat ein Recht auf mich. Ich war frei, mein Leben zu wählen. Und ich habe gewählt.‹

›Aber ... Krieg ...‹ sagte sie.

»Ich setzte mich neben sie. Ich legte den Arm um sie; ich nahm ihre Hand in meine. Ich bemühte mich, ihre Zweifel zu verjagen ... Ich bemühte mich, sie wieder auf Frohes, Heiteres zu bringen. Ich belog sie ... und während ich sie belog, belog ich mich selber. Und sie war nur zu geneigt, mir zu glauben, nur zu geneigt, zu vergessen.

»Sehr bald war der Schatten wieder verjagt, und wir eilten nach unserem Badeplatz in der Grotta del Bovo Marino, wo wir jeden Tag badeten. Wir schwammen und spritzten einander, und mir war, als würde ich in dem übermütigen Wasser etwas, was leichter, stärker war als ein Mensch. Schließlich stiegen wir triefend ans Land und sprangen voller Lust zwischen den Klippen umher. Dann zog ich einen trockenen Badeanzug an, und wir setzten uns in die Sonne und ließen uns rösten, und ich nickte ein, den Kopf an ihre Knie gelehnt, und sie strich mir ganz leise mit der Hand übers Haar ... und ich schlief ein. Und plötzlich ... als ob eine Violinsaite spränge ... wachte ich auf ... und war in meinem Bett in Liverpool ... im Alltagsleben von heut' ...

»Bloß, daß ich eine Weile lang nicht glauben konnte, daß all dies lebendig Erlebte nichts gewesen sein sollte als ein Traum ...

»Tatsächlich ... ich konnte nicht glauben, daß es ein Traum war, trotz aller ernüchternden Wirklichkeit der Dinge um mich her. Ich nahm mein Bad, ich zog mich an, gewohnheitsmäßig, und während ich mich rasierte, überlegte ich, weshalb ich ... grade ich ... die Frau, die ich liebte, verlassen sollte, um zu der phantastischen Politik im harten, kampfeifrigen Norden zurückzukehren? Und wenn auch Evesham die Welt wieder rückwärts zwang ... zum Krieg ... Was ging das mich an? Ich war ein Mann und hatte das Herz eines Mannes! ... Weshalb sollte ich die Verantwortlichkeit eines Gottes fühlen für das Schicksal der Welt?

»Natürlich ... wissen Sie ... ganz so denk' ich sonst nicht ... wo sich's um Geschäft handelt. Ich meine, um meine handgreiflichen Geschäfte. Ich bin Rechtsanwalt ... müssen Sie wissen ... und weiß, was ich will ...

»Aber die Vision war so lebendig, so gar nicht wie ein gewöhnlicher Traum, daß mir fortwährend kleine belanglose Einzelheiten ins Gedächtnis kamen ... ein Ornament auf einer Buchhülle, die im Frühstückszimmer auf der Nähmaschine meiner Frau lag, erinnerte mich schmerzlich lebhaft an den vergoldeten Streifen, der um die Bank in der Nische lief, wo ich mit dem Abgesandten meiner ehemaligen Partei gesprochen hatte. Haben Sie je von einem Traum gehört, der so war?«

»So ...?«

»So, daß einem nachher noch alle möglichen kleinen Einzelheiten einfallen, die man vergessen hatte.«

Ich dachte nach. Ich hatte mir das früher nie überlegt. Aber es war ganz richtig, was er sagte.

»Nein,« sagte ich. »Grade das, glaub' ich, kommt bei Träumen nie vor.«

»Nein,« erwiderte er. »Aber grade das war bei mir der Fall. Sie müssen wissen ... ich bin Rechtsanwalt ... in Liverpool ... Und ich konnte nicht anders – ich mußte mich manchmal selber fragen, was die Klienten und Geschäftsleute, mit denen ich auf meinem Bureau sprach, denken würden, wenn ich ihnen plötzlich erzählen wollte, ich sei verliebt in ein Mädchen, das etwa zwei Jahrhunderte später geboren werden würde, und daß ich mich mit der Politik meiner Ururururenkel herumquäle. Ich war an diesem Tag hauptsächlich damit beschäftigt, einen neunundneunzigjährigen Baukontrakt abzuschließen. Es handelte sich um einen überhastigen Privatarchitekten, und wir wünschten, ihn auf jede nur mögliche Weise festzumachen. Ich hatte eine Besprechung mit ihm, und er zeigte sich dabei von einer Ungeduld, daß ich noch höchst gereizt zu Bett ging. In jener Nacht hatte ich keinen Traum. Ebensowenig die folgende Nacht, wenigstens keinen, dessen ich mich entsinnen könnte.

»Etwas von der lebhaften Wirklichkeit der Überzeugung schwand. Ich fing an, ganz bestimmt zu fühlen, daß es ein Traum war. Und dann kam es wieder.

»Als der Traum – vier Tage später – wieder kam, war er ganz anders. Ich glaube bestimmt, daß auch im Traum vier Tage verstrichen waren. Vieles hatte sich inzwischen im Norden ereignet, und die Schatten der Ereignisse lagen wieder zwischen uns und ließen sich diesmal nicht so leicht verjagen. Ich weiß – – ich fing an zu grübeln. Weshalb sollte ich denn – allem zum Trotz – zurückgehen, wieder zurückkehren für den ganzen Rest meines Lebens zu Mühe und Arbeit, zu Beleidigung und fortwährendem Unbefriedigtsein, bloß um Hunderte von Millionen ganz gewöhnlicher Leute, die ich nicht liebte, die ich nur zu oft verachten mußte, vom Unheil und Verderben des Kriegs und fortwährender Mißregierung zu retten? Schließlich – überhaupt – wer weiß, ob es mir gelingen würde? Sie liefen ja alle auch nur ihren eigenen, engen Zielen nach. Weshalb sollte nicht auch ich – ich als Mensch leben? Und aus solchen Gedanken riß mich ihre Stimme; ich hob die Augen auf.

»Ich war wach, und ich war draußen und ging. Wir waren über die Stadt der Freuden emporgestiegen, waren schon fast auf dem Gipfel des Monte Solaro und blickten hinunter auf die Bucht. Es war Spätnachmittag und sehr klar. Fern zur Linken hing Ischia in goldenem Dunst zwischen Himmel und Erde ... Neapel stand kalt und weiß gegen die Hügel, und vor uns war der Vesuv, mit einer langen, schlanken Rauchfeder, die gen Süden wehte, und die Ruinen von Torre dell Annunziata und Castellamare glitzerten ganz nah ...«

Ich unterbrach ihn plötzlich: »Sie sind natürlich in Capri gewesen?«

»Nur im Traum,« sagte er, »nur in meinem Traum. Auf der ganzen Bucht – jenseits Sorrent – schwammen Paläste der Freudenstadt – angekettet und verankert. Und gen Norden waren die breiten, schwimmenden Stationen, wo die Aeroplane landeten. Aeroplane fielen jeden Nachmittag aus der Luft und brachten Tausende von Vergnügungslustigen von allen Enden der Erde nach Capri und seinen Freuden. All das also dehnte sich unten vor unseren Blicken. Aber wir sahen das nur so nebenbei. Denn der Abend brachte ein ungewöhnliches Schauspiel. Fünf Kriegsaeroplane, die lange nutzlos in den fernen Arsenalen der Rheinmündung geschlafen hatten, manövrierten heute am östlichen Himmel. Evesham hatte sie – als Überraschung für die Welt – nebst andern bauen lassen und an alle möglichen Orte zum Kreuzen ausgesandt. Sie waren sein Drohungsmaterial in dem großen und rücksichtslosen Spiel, das er spielte ... Und das überraschte sogar mich. Er war eine von den unglaublich rücksichtslosen, energievollen Persönlichkeiten, die augenscheinlich bloß vom Himmel gesandt sind, um Unheil anzurichten. Seine Energie machte auf den ersten Blick ganz wundervollerweise den Eindruck von Kapazität. Aber er hatte weder Phantasie noch Erfindungsgabe ... nichts als eine leere, gedankenlose, vorwärtsstrebende Kraft des Willens und einen besessenen Glauben an sein törichtes, blödsinniges »Glück«, das ihm immer folgen würde. Ich weiß noch, wie wir auf dem Vorgebirge standen und das Geschwader beobachteten, das in der Ferne kreuzte, und wie ich in mir die volle Bedeutung dieses Schauspiels abwog; denn ich sah ja deutlich, wohin das alles führen mußte. Ja, auch jetzt noch war es nicht zu spät. Auch jetzt noch konnte ich zurückkehren und die Welt retten ... Die Völker des Nordens würden mir folgen – das wußte ich – wenn ich bloß in einem einzigen Punkt ihren moralischen Maßstab respektierte. Der Osten und der Süden würden sich mir anvertrauen ... wie sie sich noch keinem andern Nordländer anvertraut hatten. Und ich wußte – ich brauchte ihr den Fall bloß vorzulegen ... und sie würde mich gehen lassen ... Nicht, weil sie mich nicht liebte!

»Aber ich wollte nicht! Mein Wille drängte nach dem geraden Gegenteil. So kurz vorher erst hatte ich die Last der Verantwortung von mir geworfen; ein so neuer Renegat der Pflicht war ich noch, daß dies taghelle, nüchterne »Muß« mein Wollen überhaupt nicht berührte. Mein Wollen war – Leben! Freuden genießen! Meine süße Herrin glücklich machen! Aber obgleich dies Gefühl, große, breite Pflichten versäumt zu haben, keine Macht über mich hatte, machte es mich doch stumm und gedankenvoll ... es raubte den Tagen, die ich verlebte, ihre halbe Helle und stürzte mich des Nachts in düsteres Sinnen. Und während ich stand und Eveshams Aeroplane – diese Vögel endlosen Unheils – kreisen sah, stand sie neben mir und beobachtete mich mit fragenden Augen, mit von Bangen überschattetem Ausdruck ... und sah alles ganz genau! Ihr Gesicht war grau; denn die Sonne verblaßte am Himmel. Es war nicht ihre Schuld, daß sie mich hielt. Sie hatte mich gebeten, von ihr zu gehen; und in der Nacht bat sie mich wieder, in Tränen, zu gehen.

»Der Gedanke an sie riß mich endlich aus meinem Brüten: Ich wandte mich hastig zu ihr und forderte sie auf zu einem Wettlauf, den Berghang hinab. ›Nein‹ , sagte sie, als ob dies wie ein Mißton in ihrem Ernst klänge. Aber ich war entschlossen, diesen Ernst zu brechen und riß sie mit – kein Mensch, der außer Atem ist, kann wirklich trüb und traurig sein – und als sie stolperte, schob ich meine Hand durch ihren Arm und so liefen wir weiter. So liefen wir abwärts, an zwei Männern vorüber, die sich umwandten, starr vor Staunen über mein Benehmen – sie mußten mein Gesicht erkannt haben. Als wir halbwegs den Hang unten waren, ertönte in der Luft ein Tumult – Klang-Kling – Klang-Kling –; wir blieben stehen, und gleich darauf kamen über den Gipfel des Hügels jene Kriegsdinger geflogen – eins hinter dem andern.«

Der Erzähler zögerte; er wollte sie augenscheinlich beschreiben und wußte nicht recht wie.

»Wie sahen sie aus?« fragte ich.

»Sie waren noch nie im Kampf gewesen,« sagte er. »Sie waren grau wie unsere Panzerschiffe von heut': sie hatten noch nie im Kampf gestanden. Kein Mensch wußte, niemand wußte, was sie würden leisten können – mit leidenschaftlich erregten Männern in ihrem Innern – die wenigsten dachten überhaupt darüber nach. Es waren große, treibende Dinger, ungefähr wie Speerspitzen ohne Schaft, und an Stelle des Schafts ein Propeller.«

»Stahl?«

»Nicht Stahl.«

»Aluminium?«

»Nein, nein, nichts Derartiges. Eine Mischung, die ganz gang und gäbe war – etwa wie Blech zum Beispiel. Man nannte es – warten Sie – –!« Er preßte die Finger seiner einen Hand gegen die Stirn.

»Ich vergesse auch alles!« sagte er.

»Und sie führten Kanonen?«

»Kleine Kanonen, mit Explosiven. Die Kanonen feuerten nach rückwärts, aus dem untern Ende des Schafts sozusagen, und mit dem Schnabel rammten sie. So wenigstens war die Theorie der Geschichte, verstehen Sie; aber sie hatten noch nie gekämpft. Kein Mensch konnte mit Sicherheit sagen, wie es eigentlich vor sich gehen würde. Und mittlerweile mochte es – das stellte ich mir vor – recht schön sein, dies Durch-die-Luft-Wirbeln – rasch und leicht, wie ein Flug junger Schwalben. Wahrscheinlich versuchten die Kapitäne überhaupt gar nicht, allzu genau auszudenken, wie es in Wirklichkeit sein würde. Und diese fliegenden Kriegsmaschinen, verstehen Sie, waren bloß ein kleiner Teil all der Kriegszurüstungen, die während des langen Friedens erfunden und einstweilen sozusagen noch unerprobt waren. Auf alle möglichen Dinge verfielen die Menschen, teuflische, sinnlose Dinge; Dinge, die nie eine Probe bestanden hatten; riesige Maschinen, fürchterliche Explosive, ungeheuerliche Kanonen. Sie wissen ja, wie diese Art von genialen Menschen arbeitet: sie erzeugen ihre Produkte, wie der Biber seine Dämme baut ... ohne sich um ein Haar mehr Gedanken zu machen über die Flüsse, die sie aus ihrer Bahn lenken, oder über das Land, das sie bewässern!

»Während wir im Zwielicht den Serpentinenpfad zu unserm Hotel hinabgestiegen, sah ich alles ganz deutlich vor mir: sah, wie leidenschaftlich und unausweichbar alles auf Krieg drängte – in Eveshams heftiger, gedankenloser Hand; ahnte auch, was Krieg bedeuten mußte unter solchen neuen Bedingungen. Aber auch jetzt noch – obgleich ich wußte, daß ich mir vielleicht die letzte Gelegenheit entschlüpfen ließ, vermochte ich meinen Willen nicht zur Rückkehr aufzuschwingen.«

Er seufzte.

»Es war meine letzte Chance.

»Wir gingen erst in die Stadt, als der Himmel voller Sterne stand. Dann wanderten wir die hohe Terrasse auf und ab, und sie riet mir wieder zurückzugehen.

›Liebster!‹ sagte sie, und ihr süßes Gesicht blickte zu mir auf, ›dies ist Tod! Das Leben, das du hier lebst, ist Tod! Geh' zurück zu ihnen, geh' zurück zu deiner Pflicht –‹

»Und sie fing an zu weinen, und unter Schluchzen, und während sie sich fest an meinen Arm anklammerte, sagte sie noch immer: ›Geh' zurück! Geh' zurück! –‹

»Plötzlich verstummte sie. Und als ich sie ansah, las ich in einem Nu auf ihrem Gesicht den Gedanken, der ihr durch den Kopf schoß. Es war einer von den Augenblicken, in denen man sieht!

›Nein!‹ sagte ich.

›Nein?‹ wiederholte sie überrascht, und ich glaube ein bißchen erschrocken über diese Antwort auf ihren stummen Gedanken.

›Nichts,‹ fuhr ich fort, ›nichts wird mich mehr zurückführen. Ich habe gewählt. Ich habe gewählt, Liebste; und die Welt – – laß fahren dahin! Was auch wird ... dies Leben will ich leben ... für dich will ich leben! Nichts soll mich davon abwenden; nichts, du Liebste. Und solltest du sterben – ja, solltest du sterben – – –‹

›Ja?‹ murmelte sie leise.

›So würd' ich sterben – mit dir!‹

»Und eh' sie noch etwas sagen konnte, fing ich an zu sprechen – mit aller Beredsamkeit. – Damals – – in jenem Leben konnt' ich das! – Ich sang das Hohelied der Liebe – ich hüllte, das Leben, das wir lebten, in einen Mantel von Heroismus, von Ruhm. Ich stellte das, von dem ich abgefallen war, dar als etwas Hartes, etwas Unedles, dem gegenüber Fahnenflucht ein Schönes war. All meine Kraft setzte ich daran, einen Nimbus darum zu breiten; denn ich wollte ja nicht nur sie überzeugen – sondern mich selber. Und so redeten wir, und sie klammerte sich an mich – hin und her gerissen zwischen einer Welt, deren Größe sie ahnte, und einer Welt, deren Süße sie kannte. Schließlich ward ich heroisch – machte aus all dem drohenden Unheil der Welt nichts als eine Art wunderbaren Rahmen für unsere einzig dastehende Liebe; und so berauschten wir zwei armseligen, in unserem wundervollen Irrtum befangenen, oder besser, von unserem erhabenen Irrtum trunkenen Geschöpfe uns – unter den stillen Sternen.

»Und der Augenblick der Entscheidung ging vorüber.

»Es war die letzte Chance, die sich mir bot. Schon während wir hier auf und ab schritten, faßten die Regierungen des Südens und des Ostens ihren Entschluß, und die feurige Antwort, die Eveshams rücksichtslose Politik auf immer vernichten sollte, nahm Form und Gestalt an ... Und wartete ... Über ganz Asien, über den ganzen Ozean, über den ganzen Süden hin zuckten Luft und Draht im einen großen Aufruf: Zu den Waffen!

»Sie müssen sich klarmachen, daß kein Mensch damals wußte, was Krieg war; daß keiner – bei all diesen neuen Erfindungen, sich die Greuel vorstellen konnte, die der Krieg mit sich führen konnte. Ich glaube, die meisten glaubten noch immer, er würde in der Hauptsache aus blitzenden Uniformen, aus lärmenden Kommandorufen, aus Triumphgeschrei und Bannern und Musikkapellen bestehen ... Und das zu einer Zeit, in der die halbe Welt ihre Lebensmittel zehntausend Meilen weit her bezog ...«

Der Mann mit dem weißen Gesicht hielt inne. Ich blickte ihn an; er starrte zu Boden. Ein kleiner Bahnhof, eine Reihe von Gepäckwagen, ein Signalhäuschen und die Hinterwand des kleinen Hauses hasteten am Waggonfenster vorüber; dann kam mit rasselndem Rattern und Dröhnen eine Brücke, die den Lärm des Zugs widerhallte.

»Von da ab,« fuhr er fort, »hab' ich oft geträumt. Drei Wochen lang war jener Traum mein Leben. Das Schlimmste waren die Nächte, in denen ich nicht träumen konnte, wenn ich in diesem verfluchten Leben mich auf meinem Bett wälzte; und irgendwo – dort – in einem Land, in einer Zeit, die ich verloren hatte ... Dinge vor sich gingen ... denkwürdige, schreckliche Dinge ... Ich lebte überhaupt nicht mehr; mein Tag, meine Tage, meine wachen Tage, das Leben, das ich jetzt lebe, ward ein blasser, ferner Traum – ein grauer Rahmen, der Einband des Buchs ...«

Er verfiel in Sinnen.

»Alles könnt' ich Ihnen erzählen, alles, jede kleinste Einzelheit des Traums; aber was ich tagsüber tat ... nein! Davon kann ich nichts sagen ... davon weiß ich nichts mehr. Mein Gedächtnis ist dahin. Die Tatsachen des Lebens lassen mich im Stich ...«

Er beugte sich vor und preßte die Hand gegen die Augen. Lange schwieg er so.

»Und dann?« fragte ich endlich.

»Der Krieg brach aus wie eine Windsbraut.«

Er starrte vor sich hin ... wie auf unaussprechliche Dinge ...

»Und dann?« drängte ich weiter.

»Bloß ein Hauch von Unwirklichkeit – – und alles wär' ein Nachtgespenst gewesen,« sagte er leise, wie einer, der mit sich selber redet. »Aber es waren keine Nachtgespenster ... es waren keine Nachtgespenster ... Nein!«

Er schwieg so lang, daß es mir schwante, ich könnte vielleicht den Schluß der Erzählung überhaupt verlieren. Aber nach einer Weile sprach er weiter, immer in demselben Ton eines zögernden unsicheren Selbstbekenntnisses.

»Was blieb uns übrig als Flucht? Ich hatte nie gedacht, daß der Krieg Capri berühren würde ... Mir war immer gewesen, als stünde Capri ganz außerhalb ... wäre ein Gegensatz zu dem allem; aber zwei Abende später hallte die ganze Insel wider von Geschrei und Lärm, jede Frau und fast jeder zweite Mann trug ein Abzeichen – Eveshams Abzeichen – und man hörte keine andere Musik mehr als einen schrillen Kriegsgesang. Überall meldeten sich Freiwillige; in den Tanzhallen wurde exerziert. Die ganze Insel war ein großes Durcheinander von Gerüchten; immer wieder hieß es, die ersten Schlachten seien schon geschlagen. Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte zu wenig Erfahrung vom Leben der Vergnügungen, als daß ich mit der leidenschaftlichen Hitze aller Anfänger hätte rechnen können. Was mich selber betrifft, so stand ich ganz außerhalb. Ich war wie ein Mensch, der das In-die-Luft-Sprengen eines Pulvermagazins hätte verhüten können. Aber es war zu spät. Ich war niemand mehr; jeder eingebildete Gelbschnabel mit einem Abzeichen zählte mehr als ich. Die Menge stieß und drängte uns und brüllte uns in die Ohren; der verfluchte Kriegsgesang betäubte uns; ein Weib schrie meiner süßen Herrin Hohnworte nach, weil sie kein Abzeichen trug. Und wir beide gingen zurück in unsere Wohnung, geschmäht, verstört – meine Liebste weiß und stumm – ich zitternd vor Wut. So empört war ich – ich hätte mit ihr Streit anfangen können, wenn ich auch nur den Schatten einer Anklage in ihren Augen hätte entdecken können.

»All' meine Herrlichkeit war von mir abgefallen. Ich wanderte in unserer Felsenzelle auf und ab; draußen war das dunkelnde Meer und gen Süden ein Licht, das aufflammte und verschwand und wiederkehrte.

›Wir müssen fort von hier!‹ sagte ich wieder und wieder. ›Ich habe meinen Standpunkt gewählt – und ich will keinen Teil haben an diesen Widerwärtigkeiten. Ich will nichts zu tun haben mit diesem Krieg. Wir haben unser Leben abgesondert von all diesen Dingen. Hier ist kein Zufluchtsort mehr für uns. Wir wollen gehen.‹

»Schon am nächsten Tag waren wir auf der Flucht vor dem Krieg, der die ganze Welt durchraste.

»Und von da an war alles nur noch Flucht – alles nur noch Flucht!«

Er versank in tiefe Gedanken.

»Wie lange dauerte es noch?«

Er antwortete nicht.

»Wie viele Tage?«

Sein Gesicht war weiß und verzerrt, seine Hände ballten sich. Er nahm gar keine Notiz von meiner Frage.

Ich versuchte, ihn durch Fragen wieder auf seine Geschichte zu bringen.

»Wohin sind Sie dann gegangen?« sagte ich.

»Wann?«

»Als Sie Capri verließen.«

»Nach Südwesten,« sagte er und blickte mich sekundenlang an. »In einem Boot.«

»Ich hätte gedacht, eher in einem Aeroplan?«

»Sie waren alle in Feindeshand.«

Ich fragte nicht weiter. Und bald darauf fing er von selbst wieder an – in einer Art monotoner Auseinandersetzung:

»Wozu dann aber? Wenn dieser Kampf, dies Morden und Toben wirklich Leben ist – wozu haben wir dann dies Verlangen nach Schönheit und Genuß? Wenn es überhaupt keine Zufluchtsstätte gibt – wenn nirgends eine Stätte des Friedens ist – wenn alle unsere Träume von stillen Orten nichts sind als Torheit – Fallstrick, – – weshalb haben wir dann solche Träume? Es war doch wahrhaftig kein unedles Sehnen, kein gemeines Verlangen, das uns so weit gebracht hatte! Liebe war es. – Liebe hatte uns von den andern gesondert. Liebe war zu mir gekommen – mit ihren Augen, im Gewand ihrer Schönheit – herrlicher als alles im Leben; in des Lebens eigenster Gestalt und Farbe, und hatte mich gerufen. Und ich hatte alle Stimmen zum Schweigen gebracht – hatte eine Antwort gehabt auf alle Fragen – und war zu ihr gegangen. Und nun plötzlich war da nichts als Krieg und Tod.«

Eine Eingebung kam mir. »Schließlich,« sagte ich, »war es vielleicht doch nur ein Traum!«

»Ein Traum!« flammte er mich an – »Ein Traum – wenn sogar jetzt noch –«

Zum erstenmal wurde er lebendig. Ein schwaches Rot schlich sich in seine Wangen. Er streckte die flache Hand aus und ballte sie und ließ sie schwer auf sein Knie niederfallen. Dann sprach er, ohne mich anzusehen; die ganze Zeit über sah er mich nicht mehr an. »Wir sind nichts als Phantome,« sagte er, »und Phantome von Phantomen, Wünsche gleich Wolkenschatten, mit Willen wie Streu, die der Wind verweht; die Tage vergehen und Brauch und Gewohnheit tragen uns hindurch, so wie ein Zug den Schatten seiner Lichter mit sich trägt – nicht so? Aber eins ist wirklich und gewiß, eins ist kein Traumgebilde, sondern ewig und von Dauer. Es ist der Kern meines Lebens, und alles andere darum herum ist untergeordnet oder völlig eitel. Ich habe sie geliebt, dies Weib eines Traums! Und sie und ich, wir sind beide tot!

»Ein Traum! Wie kann es ein Traum sein, wenn es ein lebendiges Leben mit unstillbarem Kummer durchtränkte? Wenn es alles, wofür ich gelebt, wofür ich gearbeitet habe, wertlos und sinnlos macht?

»Bis zum letzten Augenblick, eh' sie getötet wurde, glaubte ich noch, es wäre möglich, zu entkommen,« fuhr er fort. »Die ganze Nacht, den ganzen Morgen, als wir von Capri nach Salerno segelten, redeten wir von Rettung. Voller Hoffnung waren wir, und bis zum Ende verließ sie uns nicht – Hoffnung auf das Leben, das wir zusammen leben würden – fern von allem, von Schlacht und Kampf, von den wilden und eiteln Leidenschaften, von dem leeren Willkürgesetz: ›Du sollst!‹ und ›Du sollst nicht!‹ der Welt. Wir schwebten darüber, als wäre unser Kreuzzug ein heiliger, als wäre die Liebe eines Menschen zum andern eine heilige Mission ...

»Sogar als wir von unserem Boot aus das helle Antlitz des großen Caprifelsens – schon durchnarbt und zerrissen von Schanzen und Geschützlagern, die es zu einer Festung umwandeln sollten – erblickten, ahnten wir nichts von dem bevorstehenden Gemetzel, obgleich die ganze Wut der Vorbereitungen in Wolken von Rauch und Staub an hundert verschiedenen Punkten im Grau hing. Sondern – im Gegenteil, ich erging mich noch in allerhand poetischen Wendungen darüber. Da stand der Fels – noch immer schön, trotz all seiner Narben, mit seinen zahllosen Fenstern und Säulenbogen und Gängen, Galerie auf Galerie, tausend Fuß hoch, ein riesiges graues Schnitzwerk, dazwischen rebenumsponnene Terrassen, Zitronen- und Orangenhaine, Massen von Agaven und Feigen und Tuffs von Mandelblüten. Unter dem Torbogen über Piccola Marina kamen weitere Boote; und als wir um das Vorgebirge bogen und das Festland vor uns sahen, sahen wir eine weitere Reihe kleiner Boote, die vor dem Wind nach Südwesten trieben. In kurzer Zeit waren es eine ganze Menge ... die entfernteren lagen wie kleine Kleckse Ultramarin im Schatten der östlichen Klippe.

›Liebe und Vernunft,‹ sagte ich, ›die vor dem Wahnsinn des Krieges flüchten! ...‹

»Obgleich wir bald darauf ein Geschwader von Aeroplanen über den südlichen Himmel fliegen sahen, beachteten wir es gar nicht. Da war es – eine Linie von kleinen Punkten am Himmel – dann noch mehr Punkte – am südöstlichen Horizont – und noch mehr, bis das ganze Himmelsviertel vollständig bedeckt war von blauen Punkten. Einmal waren es bloß dünne kleine Streifen Blau – dann wieder ein großer Klecks – dann schwenkten ein paar um, und die Sonne fiel darauf und sie wurden zu kurzaufzuckenden Blitzen. So kamen sie heran, steigend, fallend, immer größer und größer, wie ein riesiger Flug Möwen oder Krähen oder ähnlicher Vögel ... immer in derselben wunderbaren Einheit der Bewegung –; und je näher sie kamen, desto breiter ward die Himmelsfläche, die sie einnahmen. Der südliche Flügel schwang sich in einer pfeilköpfigen Wolke vor die Sonne. Dann – plötzlich – schwenkten sie um – – – strömten gen Osten ... wurden kleiner und kleiner und klarer und klarer, bis sie vom Himmel verschwanden. Und jetzt bemerkten wir gen Norden – hoch oben, über Neapel, Eveshams Kriegsmaschinen, gleich einem Abend-Mücken-Schwarm.

»Aber das schien uns nicht weiter zu berühren als ein Flug Vögel ...

»Sogar das Grollen der Kanonen – fern im Südosten – schien uns ohne Bedeutung ...

»Und an jedem Tag ... in jedem Traum ... von da an ... schwebten wir noch immer gleich über der Welt ... und suchten wir den Gottesfrieden, wo wir leben durften ... und lieben. Denn so staubig und befleckt wir auch waren durch das mühsame Wandern ... halbverhungert ... voll Entsetzen ob der Toten, die wir gesehen hatten ... erschüttert ob der Landleute, die vor uns her geflüchtet waren ... denn es dauerte nicht lange, bis ein wahres Schlachtenunwetter hinzog über die Halbinsel ... ja, so tief sich auch all dies uns einprägte ... das Resultat war bloß ein immer energischeres Entschlossensein, uns selber zu retten ... Oh! Wie tapfer sie war! Wie geduldig! Sie, die noch nie die Härten des Lebens gekostet hatte – sie hatte Mut für zwei – für sich und für mich! Wir gingen und gingen ... dahin ... dorthin ... auf der Suche nach einem Ausschlupf – – wanderten durch ein Land, das von Kriegshorden schon völlig überschwemmt und ausgeplündert war. Immer zu Fuß. Zuerst trafen wir noch auf andere Flüchtlinge. Aber wir hielten uns abseits. Einige entkamen ... gen Norden ... andere gingen unter in dem Strom von Landleuten, der die Landstraßen überflutete; viele ließen sich einfach anwerben und wurden gen Norden spediert. Vielen imponierte das Ganze auch. Aber wir hielten uns abseits. Wir hatten kein Geld bei uns, mit dem wir uns hätten den Weg nordwärts erkaufen können; und das Herz tat mir weh bei dem Gedanken, daß meine süße Herrin einfach den Händen jener Freibeuter anheimgegeben sein sollte. Wir waren in Salerno gelandet; von Cava waren wir zurückgeschickt worden; dann hatten wir den Versuch gemacht, auf einem Paß über den Monte Alburno nach Taranto zu kommen; aber der Mangel an Nahrung hatte uns wieder zurückgetrieben; und so waren wir endlich bis zu den Sümpfen von Pästum gelangt, wo die großen Tempel einsam stehen. Ich hatte die unklare Idee, daß wir vielleicht in Pästum ein Boot finden und uns wieder auf die See hinauswagen könnten. Und hier überfiel uns die Schlacht.

»Ich war wie von einer Art Seelenblindheit besessen. Ich sah ja gut, daß wir gefangen waren; daß das große Netz des Weltkriegs uns in seinen Maschen hatte. Wie oft hatten wir die Heere des Nordens kommen und gehen, hatten sie – aus der Ferne – die Berge wegbar machen sehen für den Transport der Munition, für das Auffahren der Geschütze. Einmal dachten wir sogar, sie hätten nach uns gefeuert – hätten uns für Spione gehalten ... jedenfalls war ein Schuß über uns hingefahren. Mehrere Male hatten wir uns auch schon vor über uns schwebenden Aeroplanen im Wald versteckt.

»Aber was hat all das heut' noch zu sagen? All diese Nächte der Flucht, des Schmerzes? ... Wir waren endlich auf einem offenen Platz in der Nähe der großen Tempel von Pästum angelangt. Es war ein öder, steiniger, mit Dornbüschen bewachsener Platz ... leer und einsam und so flach, daß eine Gruppe von Eukalyptus ganz in der Ferne sich fast bis zur Wurzel abhob. Wie ich das noch heute vor mir sehe! Meine süße Herrin saß unter einem Busch, um ein bißchen zu ruhen; denn sie war sehr müde und schwach. Und ich stand neben ihr und versuchte zu berechnen, wie weit oder wie nah wohl das Feuern, das unaufhörlich ertönte, sein mochte. Sie verstehen ... die Kämpfenden waren noch ganz weit auseinander und fochten mit den furchtbaren neuen Waffen, die seither noch nie in Gebrauch gewesen waren: Geschütze, die viel weiter trugen, als das Auge reichte ... und Aeroplane, die ... Ja, was die Wirkung der Aeroplane sein würde, wer könnte das voraussagen?

»Ich wußte – wir waren zwischen zwei Armeen, die sich stetig einander näherten. Ich wußte, wir waren in Gefahr; unsres Bleibens war nicht hier! Wir durften nicht rasten.

»Obgleich all diese Gedanken in mir ganz lebhaft und deutlich waren, waren sie doch eigentlich im Hintergrund. Als ob sie uns im Grunde eigentlich gar nichts angingen. Vor allem dachte ich an meine süße Herrin. Und eine schmerzvolle Trauer erfüllte mich. Zum erstenmal hatte sie sich besiegt erklärt ... war in Weinen ausgebrochen. Ich hörte ihr Schluchzen hinter mir ... Aber ich drehte mich absichtlich nicht um; ich wußte, sie mußte einmal weinen! Zu lang hatte sie sich aufrechterhalten – um meinetwillen. Es war das Beste für sie, dachte ich: sie sollte weinen und sich ausruhen, und dann würden wir unsern beschwerlichen Weg fortsetzen. Ich hatte ja keine Ahnung von der nahen Gefahr. Noch heute ... noch jetzt seh' ich sie, wie sie da vor mir saß ... ihr weiches Haar wirr um die Schultern hängend ... seh' die immer schmaler werdenden blassen Wangen.

›Wenn wir auseinander gegangen wären!‹ sagte sie. ›Wenn ich dich hätte gehen lassen!‹

›Nein,‹ sagte ich. ›Auch jetzt noch bereu' ich nicht. Ich will nicht bereuen. Ich habe gewählt. Und ich will aushalten ... bis ans Ende.‹

»Und dann – –«

»Über uns in der Luft blitzte etwas auf und zerbarst ... und ringsumher hörte ich Geschosse, die ein Geräusch machten, etwa, als ob man plötzlich eine Handvoll Erbsen auf die Erde würfe. Sie rissen Splitter ab von den Steinen, zwischen denen wir saßen, schlugen gegen die Felsblöcke ... Dann war es vorüber ...«

Er preßte die Hand auf den Mund und feuchtete darauf seine Lippen an.

»Bei dem Aufblitzen hatte ich mich umgedreht ...

»Wissen Sie – – sie stand aufrecht da – – –

»Sie stand aufrecht da, wissen Sie, und machte einen Schritt auf mich zu – –

»Als ob sie mich erreichen möchte – –

»Und sie war durchs Herz geschossen.«

Er verstummte und starrte mich an. Ich fühlte die ganze törichte Hilflosigkeit, die man in solchen Fällen empfindet. Einen Moment begegnete ich seinem Blick; dann starrte ich zum Fenster hinaus. Eine lange Weile schwiegen wir beide. Als ich ihn endlich wieder ansah, saß er zurückgelehnt, mit verschränkten Armen, in seiner Ecke und nagte an seinen Knöcheln.

Plötzlich biß er sich auf einen Nagel und starrte darauf hin.

»Ich trug sie,« sagte er, »in meinen Armen hinüber nach den Tempeln. Als ob noch etwas darauf ankäme! Ich weiß nicht, warum. Sie waren mir wie eine Art Heiligtum, wissen Sie – wahrscheinlich, weil sie schon solange dastanden.

»Sie muß fast augenblicklich gestorben sein. Aber – – ich redete mit ihr – den ganzen Weg.«

Neues Schweigen.

»Ich habe die Tempel gesehen,« sagte ich unvermittelt. Er hatte mir das Bild jener stillen, sonnbeglänzten Säulengänge aus verwittertem Sandstein merkwürdig lebendig vor Augen gezaubert.

»Der braune war es, der große braune. Ich setzte mich auf eine umgestürzte Säule und hielt sie in meinen Armen. Stumm – nachdem dies erste, zusammenhanglose Gestammel vorüber war ... Nach einer Weile kamen die Eidechsen wieder hervor und huschten umher, als wäre gar nichts Außergewöhnliches – als sei nichts anders geworden ... Es war eine ungeheure Stille. Die Sonne so hoch, und die Schatten so still; sogar die Weidenschatten auf dem Säulengebälk lagen still – trotz des dumpfen Donnerns und Krachens, das über den ganzen Himmel lief.

»Mir ist, als entsänne ich mich noch, daß die Aeroplane von Süden emporkamen, und daß die Schlacht sich nach Westen zog. Ein Aeroplan wurde getroffen und kenterte und fiel. Ich weiß das noch – obgleich es mich nicht im mindesten interessierte. Es schien so bedeutungslos. Wie eine verwundete Möwe sah er aus, die noch eine Zeitlang auf dem Wasser flattert. Ich sah ihn durch den Säulengang des Tempels – ein schwarzes Ding im leuchtenden, blauen Wasser.

»Drei- oder viermal detonierten Geschosse die Küste entlang; dann hörte das auf. Jedesmal huschten dann alle Eidechsen davon und versteckten sich für eine Weile. Weiteres Unheil richteten sie nicht an, außer daß einmal eine Kugel den Stein dicht neben mir streifte und einen frischen, hellen Riß über seine Oberfläche zog.

»Als die Schatten länger wurden, schien die Stille noch größer.

»Das Sonderbare,« bemerkte er mit dem Gebaren eines Mannes, der nichtssagende Konversation macht – »ist, daß ich nicht dachte ... Daß ich überhaupt nicht dachte. Ich saß da, und hielt sie in den Armen – zwischen den Steinen – in einer Art von Lethargie – von Leblosigkeit.

»Ich weiß auch nichts mehr von meinem Erwachen. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich ankleidete an jenem Tag. Ich war auf einmal auf meinem Bureau; vor mir ein Haufe geöffneter Briefe; und ich weiß nur, wie absurd und unwirklich es mir vorkam, daß ich da war, weil ich doch in Wirklichkeit, betäubt – mit einem toten Weib im Arm – in jenem Tempel in Pästum saß. Ich las meine Briefe ganz mechanisch. Ich habe vergessen, wovon sie handelten.«

Er verstummte, und ein langes Schweigen trat ein.

Plötzlich bemerkte ich, daß wir die Senkung von Chalk Farm nach Euston hinabfuhren. Ich war erstaunt, wie rasch die Zeit vergangen war. Und ich wandte mich zu ihm mit einer brutalen Frage – mit einem Ton von »Jetzt oder Nie!«

»Und haben Sie noch einmal geträumt?«

»Ja.«

Es schien, als müsse er sich zwingen, zu Ende zu erzählen. Seine Stimme klang ganz leise.

»Einmal noch ... und bloß ein paar Augenblicke lang. Es war, als sei ich plötzlich aufgewacht aus einer großen Apathie – – als hätte ich mich zu einer sitzenden Stellung aufgerichtet; und ihr Körper lag neben mir auf den Steinen. Ein langgestreckter, hagerer Körper. Gar nicht sie, wissen Sie ... So bald schon ... war es gar nicht mehr sie ...

»Ich glaube, ich hörte Stimmen. Ich weiß nicht. Ich weiß nur noch ganz deutlich, daß Menschen in unsere Einsamkeit eindrangen ... und daß das die letzte, schimpfliche Vergewaltigung war ...

»Ich erhob mich und ging durch den Tempel; und da sah ich erst einen, mit einem gelben Gesicht, in einer schmutzigweißen, mit Blau besetzten Uniform ... und dann mehrere die alte Mauer der toten Stadt erklimmen und oben niederkauern. Kleine, helle, in der Sonne blitzende Gestalten ... Und da hingen sie, die Waffe in der Hand, und spähten vorsichtig um sich.

»Dann – weiter hinten – sah ich andere, und noch andere an einem andern Punkt der Mauer. Eine lange, unregelmäßige Reihe von Soldaten in einer offenen Linie ...

»Gleich darauf erhob sich der, den ich zuerst gesehen hatte, und erteilte ein Kommando; und seine Leute hasteten über die Mauer herab und in die hohen Weidengebüsche ... dem Tempel zu. Er kletterte – ihnen voraus – mit herunter. So kam er geradeswegs auf mich zu; und als er mich sah, blieb er stehen.

»Erst hatte ich diese Leute aus bloßer Neugier beobachtet; aber als ich sah, daß sie beabsichtigten, sich dem Tempel zu nähern, kam mir eine Regung, ihnen das zu verbieten. Ich schrie dem Offizier entgegen:

›Was wollen Sie hier! Hier bin ich! Hier bin ich – mit meiner Toten!‹

»Er starrte mich an und rief mir dann in einer mir unbekannten Sprache etwas zu.

»Ich wiederholte, was ich gesagt hatte.

»Wieder rief er etwas, und ich kreuzte die Arme und stand still. Gleich darauf sagte er etwas zu seinen Leuten und näherte sich mir. Er trug ein bloßes Schwert in der Hand.

»Ich bedeutete ihn, wegzubleiben, aber er kam näher und näher. Dann sagte ich ihm wieder – sehr deutlich – sehr geduldig: Sie dürfen nicht hierherkommen. Das sind alte Tempel, und ich bin hier mit meiner Toten.

»Bald war er so nah, daß ich sein Gesicht deutlich sah. Es war ein schmales Gesicht, mit stumpfen grauen Augen und schwarzem Schnurrbart. Auf der Oberlippe hatte er eine Narbe; und er war schmutzig und ungewaschen. Fortwährend rief er mir alle möglichen unverständlichen Worte – wahrscheinlich Fragen – zu.

»Ich weiß jetzt, daß er Angst hatte vor mir; aber damals kam mir der Gedanke nicht. Als ich versuchte, ihm zu erklären, unterbrach er mich mit herrischer Stimme; ich vermute, er befahl mir, den Weg freizugeben.

»Dann versuchte er, einfach an mir vorbeizugehen; aber ich packte ihn am Arm.

»Ich sah, wie sein Gesichtsausdruck plötzlich wechselte ...

›Du Narr!‹ schrie ich. ›Siehst du denn nicht? Sie ist tot!‹

»Er zuckte zurück. Sah mich an ... mit grausamen Augen. Ich sah, wie ein flammender Entschluß aufblitzte darin – eine Lust – Und mit einer finstern Grimasse zückte er sein Schwert – erst rückwärts – so – und dann vor ...«

Er verstummte jäh.

Ich fühlte einen Wechsel im Rhythmus des Zugs. Bremsen kreischten – – der Wagen ratterte und stieß. Die Welt der Wirklichkeit erhob ihre lärmende, durchdringende Stimme. Ich sah durch die dampfbeschlagenen Fenster riesige elektrische Lichter von ihren hohen Masten in den Nebel niederleuchten, sah Reihen von leeren Wagen vorübergleiten, sah eine Zentralweiche ihre roten und grünen Augen in das düstere Londoner Zwielicht bohren ... Und dann blickte ich wieder auf das hagere Gesicht mir gegenüber.

»Er stieß mir sein Schwert ins Herz. Wie eine Art Erstaunen war es – weder Furcht noch Schmerz – einfach Verwunderung, als ich fühlte, wie es mich durchbohrte – fühlte, wie das Schwert durch meinen Körper drang. Es tat gar nicht weh, müssen Sie wissen. Gar nicht weh tat es.«

Jetzt sah man die gelben Lichter des Bahnhofs vorübergleiten – erst rasch, dann langsamer – und endlich mit einem Ruck stillstehen. Nebelhafte Gestalten eilten draußen hin und her.

»Euston!« rief eine Stimme.

»Sie wollen also sagen ...«

»Nein – kein Schmerz ... kein Stich ... kein Brennen. Einfach Verwunderung ... und dann Dunkelheit, die alles überflutete. Das erhitzte, brutale Gesicht vor mir, das Gesicht des Mannes, der mich getötet hatte, wurde immer kleiner ... entfernter ... Und schließlich war es gar nicht mehr ...«

»Euston!« lärmte und schrie es draußen. »Euston!«

Die Waggontür ward aufgerissen. Ein Strom von mannigfachem Lärm drang herein. Der Schaffner sah uns an ... Das Geräusch ins Schloß fallender Türen, klappernder Pferdehufe, und – mehr in der Ferne – das monotone, unaufhörliche Brausen des Londoner Pflasters drang an meine Ohren. Eine Reihe von Güterwagen und Lichtern flammten vorüber.

»Eine Flut von Dunkel, die ausbrach ... sich über alles ausbreitete ... alles überströmte ...«

»Gepäck, Herr?« sagte der Schaffner.

»Und das Ende?« fragte ich.

Er schien zu zögern. Dann – fast unhörbar – erwiderte er:

»Nein

»Das heißt ...?«

»Ich konnte sie nimmer erreichen. Sie war dort – auf der andern Seite des Tempels – – Und – –«

»Was?« drängte ich. »Was denn?«

»Nachtgespenster!« rief er. »Ja, Nachtgespenster! O Gott! Riesige Vögel ... die zerfleischten ... und kämpften ...«

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