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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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In der Tiefe

Der Leutnant stand vor dem stählernen Globus und nagte an einem Stückchen Fichtenholz. »Was halten Sie davon, Steevens?« fragte er.

»Es ist immerhin eine Idee ...« erwiderte Steevens im Ton eines Menschen, der sich nach keiner Seite hin kompromittieren möchte.

»Ich glaube, das Ding wird plattgedrückt – einfach platt!« sagte der Leutnant.

»Er scheint die Geschichte im ganzen ziemlich gut berechnet zu haben,« sagte Steevens, seine unparteiische Haltung beibehaltend.

»Aber bedenken Sie bloß den Druck!« meinte der Leutnant.

»Auf der Oberfläche des Wassers beträgt er vierzehn Pfund auf den Quadratzoll; dreißig Fuß tiefer das Doppelte; sechzig – das Dreifache; neunzig – das Vierfache; neunhundert – das Vierzigfache; fünftausenddreihundert – also eine Meile – macht es zweihundertundvierzigmal vierzehn Pfund; also – warten Sie mal – dreißigmal Hundertgewicht – anderthalb Tonnen, Steevens! Anderthalb Tonnen auf den Quadratzoll. Und der Ozean – an der Stelle, wo er sich hinunterläßt, ist fünf Meilen tief. Macht sieben einhalb – –«

»Es klingt freilich wer weiß wie viel!« sagte Steevens. »Aber der Stahl ist immerhin ziemlich stark ...«

Der Leutnant erwiderte nichts mehr, sondern kaute an seinem Fichtensplitter weiter. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung war eine riesige Stahlkugel von ungefähr neun Fuß Durchmesser. Sie sah aus wie das Geschoß eines ungeheuerlichen Artilleriegeschützes. Sie war sorgfältig eingebettet in ein Riesengerüst, das in das Rahmenwerk des Schiffs eingebaut war, und die titanenhaften Krane, die sie binnen kurzem über Bord schleudern sollten, verliehen dem Stern des Schiffs ein Aussehen, das die Neugier jedes anständigen Seglers – vom Hafen von London an bis zum Wendekreis des Steinbocks – erregt hatte. An zwei übereinanderliegenden Stellen befanden sich zwei kreisförmige Fenster von unerhört dickem Glas in der Stahlwand; eins davon, – von einem äußerst soliden Stahlrahmen umgeben, war momentan zum Teil aufgeschraubt. Die beiden Männer hatten diesen Morgen zum erstenmal das Innere des Globus gesehen. Er war sorgfältig ausgepolstert mit Luftkissen; zwischen den schwellenden Polstern waren kleine Knöpfe angebracht, vermittels derer der einfache Mechanismus des Apparats zu handhaben war. Alles war so sorgfältig gepolstert – sogar der Myer-Apparat, der die Kohlensäure aufsaugen und den vom Insassen des Globus aufgeatmeten Sauerstoff ersetzen sollte, nachdem jener durch die Glasluke hineingekrochen und in den Globus eingeschraubt war. So sorgsam war alles ausgepolstert, daß sich ein Mensch ganz ruhig und unbeschadet aus einer Kanone hätte hineinfeuern lassen können. Und das war auch notwendig genug. Denn in kurzer Zeit wollte ein Mann sich durch das halbaufgeschraubte Fenster hineinzwängen und sich dicht einschrauben ... sich über Bord werfen lassen ... und in die Tiefe sinken ... tief ... tief ... ganze fünf Meilen tief ... wie der Leutnant sagte ... Dem hatte es sich geradezu aufs Gehirn gesetzt! Die ganze Offiziersmesse ödete er damit an. Und Steevens, der eben erst an Bord gekommen war, erschien ihm rein vom Himmel gesandt, nur damit er mit ihm darüber sprechen konnte.

»Meiner Meinung nach,« sagte der Leutnant, »wird das Glas sich unter einem derartigen Druck einfach nach innen biegen und schwellen und zerkrachen. Daubrée hat ganze Felsen unter ungeheurem Druck vor sich hergetrieben wie Wasser. Und glauben Sie mir –«

»Und wenn das Glas zerspränge?« sagte Steevens. »Was dann?«

»Das Wasser würde hineinschießen wie ein Strahl von Eisen. Haben Sie jemals einen kerzengraden Strahl Wasser unter Hochdruck gefühlt? Wie eine Kugel würd' es gegen ihn prallen. Es würd' ihn glatt zerschmettern und plattdrücken. Es würd' ihm durch die Gurgel und in die Lungen stürzen; es würd' ihm die Ohren zerreißen – –«

»Was für eine ins einzelne gehende Phantasie Sie haben!« wehrte Steevens, der immer alles lebendig vor sich sah, ab.

»Es ist einfach ein Konstatieren des Unvermeidlichen,« sagte der Leutnant.

»Und der Globus?«

»Würde einfach ein paar kleine Blasen werfen und würde sich dann ganz gemütlich im Schlamm und Lehmboden des Meeresgrundes ansiedeln und da liegen bis zum jüngsten Tag, mit dem armen Elstead über die zerfetzten Polster hingeschmiert – wie Butter auf Brot.«

Er wiederholte den Satz noch einmal, als gefiele er ihm ganz ausnehmend, »Wie Butter auf Brot!«

»Na, beschauen Sie sich meinen Kreisel, was?« sagte eine Stimme, und Elstead stand hinter ihm, tadellos, in Weiß, eine Zigarette zwischen den Zähnen, mit Augen, die aus dem Schatten seiner breiten Hutkrempe hervorlächelten. »Was war das eben – mit Brot und Butter, Weybridge? Sie schimpfen wohl mal wieder, wie gewöhnlich, über die schlechte Gage der Marineoffiziere? Jetzt dauert es höchstens noch einen Tag, bis es losgeht mit mir. Heute wollen wir die Auslader in Ordnung bringen. Dies klare Wetter und die leichte Brise sind grade der geeignete Moment, um ein Dutzend Tonnen Blei und Eisen über Bord zu schleudern, was?«

»Sie werden nicht viel davon spüren,« sagte Weybridge.

»Nein. Siebzig oder achtzig Fuß tief – und das werd' ich in zehn Sekunden sein – wird sich kein Grashalm mehr regen, und ob droben der Sturm sich heiser brüllt und die Wellen fast bis an die Wolken hebt ... Nein ... Dort unten ...« Er wandte sich nach der Seite des Schiffs, und die zwei andern gingen mit. Alle drei lehnten sich auf den Ellbogen vornüber und starrten hinab in das gelbgrüne Wasser.

»Frieden!« sagte Elstead, seinen Gedankengang laut zu Ende führend.

»Sind Sie auch ganz sicher, daß das Uhrwerk sich bewähren wird?« fragte nach einer Weile Weybridge.

»Es hat sich fünfunddreißigmal bewährt,« sagte Elstead. »Es muß sich ganz einfach bewähren.«

»Und wenn nicht?«

»Warum sollt' es nicht?«

»Ich würd' in dem verdammten Ding mich nicht hinunterlassen« – sagte Weybridge – »für keine zwanzigtausend Pfund.«

»Sie verstehen's, einem Mut zu machen!« sagte Elstead und spuckte gemütlich nach einer Blase im Wasser.

»Ich begreife noch nicht recht, wie Sie die ganze Geschichte handhaben wollen,« sagte Steevens.

»Also als erstes laß ich mich in die Kugel einschrauben,« erklärte Elstead; »und wenn ich dreimal hintereinander das elektrische Licht an- und ausgedreht habe, zum Zeichen, daß alles in Ordnung ist, schwingen sie mich dort mit dem Kran über den Stern – mit all den großen Bleigewichten unter mir. Das oberste trägt eine Rolle mit einem hundert Faden langen, starken, aufgewickelten Tau; das ist das einzige, was die Gewichte mit der Kugel verbindet – mit Ausnahme der Auslader, die durchgeschnitten werden, sobald die Geschichte auf dem Wasser liegt. Wir nehmen lieber Tau statt Drahtseil, weil es sich leichter durchschneiden läßt und weil es elastischer ist – zwei wichtige Punkte, wie Sie gleich sehen werden.

»Durch jedes der Bleigewichte geht ein Loch – nicht wahr? – Und durch dies Loch wird ein eiserner Stab gesteckt, der an der unteren Seite sechs Fuß vorsteht. Wenn der Stab unten auf Widerstand trifft, schlägt er auf einen Hebel und setzt dadurch das Uhrwerk an der Seite des Zylinders in Gang, auf dem das Tau läuft.

»Na schön. Also die ganze Geschichte wird sachte ins Wasser gesenkt, und die Schlingen werden durchgeschnitten. Die Kugel schwimmt – die Luft drin macht sie leichter als Wasser –; aber die Bleigewichte gehen sofort in die Tiefe und das Tau rollt sich ab. Wenn es zu Ende ist, so geht auch die Kugel in die Tiefe – weil das Tau sie hinunterzieht.«

»Aber wozu das Tau?« fragte Steevens. »Weshalb nicht die Gewichte unmittelbar an der Kugel befestigen?«

»Wegen des Aufpralls drunten. Die ganze Geschichte wird in einem geradezu unsinnigen Tempo, Meile auf Meile, in die Tiefe stürzen. Ich würde einfach drunten in Stücke geschmettert, wenn nicht das Tau wäre. Aber die Gewichte kommen zuerst auf den Grund, und im selben Augenblick tritt die Elastizität der Sache in Kraft. Die Kugel wird immer langsamer und langsamer sinken, wird schließlich stillstehen und dann wieder anfangen, aufwärts zu schwimmen.

»Und jetzt setzt das Uhrwerk ein. Sobald die Gewichte auf den Meeresboden treffen, brechen die Eisenstangen mitten durch und setzen dadurch das Uhrwerk in Gang, das das Tau wieder auf die Rolle aufwindet. So werd' ich langsam hinuntergewunden. Dann bleib' ich eine halbe Stunde, mit aufgedrehtem, elektrischen Licht, und seh' mich um. Nach Ablauf dieser Zeit löst das Uhrwerk die Feder eines Messers aus, das Tau wird durchschnitten, und ich treibe wieder nach oben – wie eine Sodawasserblase. Das gestraffte Tau kommt dem Aufwärtsschnellen noch zu Hilfe ...«

»Und wenn Sie nun zufällig auf ein Schiff stießen?« sagte Weybridge.

»Ich käme in einem Tempo emporgeschnellt, daß ich es einfach glatt durchbohren würde – wie eine Kanonenkugel. Darum machen Sie sich bloß keine Sorge.«

»Und wenn dann nun aber zum Beispiel irgendein vorwitziges Krustengetier sich in Ihr Uhrwerk hineinbohren würde – –«

»Na ja – das wäre dann eine etwas dringliche Aufforderung für mich, drunten zu bleiben,« sagte Elstead, sich vom Wasser abwendend und seinen Globus anstarrend ...

Ungefähr um elf hatten sie Elstead über Bord geschwungen. Der Tag war wundervoll hell und still, der Horizont verschwamm in Duft. Die elektrische Flamme in dem kleinen Oberraum glühte dreimal fröhlich auf. Dann ließen sie ihn langsam auf den Spiegel des Wassers nieder, und in der Hecktakelage hing ein Matrose, bereit, das Tau zu durchschneiden, das die Bleigewichte und den Globus zusammenhielt. Die Kugel, die auf Deck so kolossal ausgesehen hatte, schien jetzt, unter dem Stern des Schiffs, geradezu winzig. Sie rollte ein bißchen, und ihre zwei dunkeln Fenster, die nach oben gerichtet waren, sahen aus wie Augen, die in runder Verwunderung emporstarrten nach den Menschen, die die Reling umdrängten. Jemand fragte, wie wohl Elstead das Rollen bekommen möchte ... »Klar?« rief der Kommandant. »Klar!« »Los!«

Das Tau straffte sich unter dem Messer und ward durchschnitten; eine Schaumwelle rollte blödsinnig-hilflos über den Globus weg ... Irgend jemand winkte mit einem Taschentuch ... ein einsames Hurra ertönte ... eine Matrosenstimme zählte langsam: Acht – neun – zehn – – Noch einmal rollte das Ding ... Dann – mit einem Ruck und einem Plätschern stand es.

So schien es einen Augenblick lang zu stehen – – ganz still – – wobei es immer kleiner ward. Dann schloß sich über ihm das Wasser, und man erblickte es, durch die Strahlenbrechung und die glimmernde Unbestimmtheit vergrößert – unter der Wasserfläche. Eh' man bis drei zählen konnte, war es verschwunden. Tief unten im Wasser noch ein Aufflimmern weißen Lichts, – ein Fleck – Dann nichts mehr. Nichts mehr, als die Tiefe des Wassers, die sich in Schwarz verlor ... durch die ein Hai schwamm ...

Plötzlich fing die Schraube des Kreuzers an zu arbeiten, das Wasser kräuselte sich, der Hai verschwand in den schäumenden Wellen, und ein Gischtstrom stürzte über die kristallene Klarheit weg, die Elstead verschlungen hatte. »Was ist los?« fragte einer den andern.

»Wir steuern ein paar Meilen westwärts,« hieß es, »damit er nicht gegen uns rennt, wenn er heraufkommt.«

Langsam dampfte das Schiff seinem neuen Ankerplatz zu. Fast jeder Mann an Bord, der sonst nichts zu tun hatte, beobachtete unausgesetzt das bewegte Wallen, in dem der Globus versunken war. Schwerlich ward in der nächsten halben Stunde auch nur ein Wort gesprochen, das nicht direkt oder indirekt auf Elstead Bezug hatte. Die Dezembersonne stand hoch am Himmel; die Hitze war beträchtlich.

»Kühl genug wird's ihm sein da drunten,« sagte Weybridge. »Es heißt, unterhalb einer gewissen Tiefe sei das Meerwasser immer auf dem Gefrierpunkt.«

»Wo soll er wieder heraufkommen?« fragte Steevens. »Ich hab' ganz die Richtung verloren.«

»Dort! Das ist die Stelle!« erklärte der Kommandant, der sich viel auf seine Umsichtigkeit einbildete. Und er deutete, glattweg, ohne sich weiter zu besinnen, gen Süd-Ost. »Und« – fuhr er fort – »es wird jetzt auch grade an der Zeit sein. Fünfunddreißig Minuten ist er jetzt drunten.«

»Wie lang braucht es, bis man auf den Grund des Meeres kommt?« fragte Steevens.

»Für eine Tiefe von fünf Meilen, wenn man, wie wir, auf die Sekunde eine Schnelligkeitserhöhung von zwei Fuß rechnet – macht es genau drei Viertel einer Minute.«

»Also ist er überfällig!« sagte Weybridge.

»Fast!« sagte der Kommandant. »Wahrscheinlich dauert es eine Weile, bis sein Tau sich wieder aufgewunden hat ...«

»Freilich – daran hab' ich nicht gedacht,« sagte Weybridge, augenscheinlich erleichtert.

Und jetzt begann das Warten ... Langsam verstrich eine Minute ... keine Kugel schoß über das Wasser empor ... Eine zweite Minute ... Nichts unterbrach die flache, ölige Dünung ... Die Matrosen sprachen voller Eifer vom Aufrollen des Taus, das doch immerhin nicht ganz genau zu berechnen war ... Die ganze Reling, das ganze Takelwerk war voll von erwartungsvollen Gesichtern ... »Hallo, Elstead! Herauf!« rief ungeduldig ein Matrose mit behaarter Brust. Worauf gleich alle andern einstimmten und laut schrien, als handle es sich um das Aufgehen eines Theatervorhangs.

Der Kommandant sah ärgerlich nach ihnen hin.

»Selbstverständlich – wenn die Schnelligkeitserhöhung weniger beträgt als zwei,« sagte er, »so dauert es länger. Wir sind nicht absolut sicher, daß das die richtige Zahl war. Ich habe überhaupt keinen sklavischen Glauben an Berechnungen.« Steevens stimmte wortkarg bei. Zwei Minuten lang sprach niemand auf dem Hinterdeck. Dann hörte man Steevens Uhrdeckel knipsen.

Als einundzwanzig Minuten später die Sonne den Zenith erreichte, warteten sie noch immer auf das Erscheinen des Globus. Nicht ein Mann an Bord hatte auch nur flüsternd auszusprechen gewagt, daß keine Hoffnung mehr war. Weybridge war der erste, der dieser Überzeugung Ausdruck verlieh.

Er sprach, während noch der Klang von acht Glas in der Luft hing. »Immer hab' ich dem Fenster nicht getraut!« sagte er ganz plötzlich zu Steevens.

»Großer Gott!« erwiderte Steevens, »Sie glauben doch nicht –«

»Na!« sagte Weybridge. Das weitere überließ er der Phantasie des andern.

»Ich habe keinen besonders starken Glauben an Berechnungen,« bemerkte der Kommandant zweifelnd, »und habe darum die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.« Um Mitternacht noch kreiste das Kanonenboot langsam um die Stelle, wo der Globus versunken war, und der weiße Strahl des elektrischen Lichts floh und hielt an und strich dann unbefriedigt wieder weiter über die Wüste der phosphoreszierenden Wasser unter den kleinen Sternen ...

»Wenn sein Fenster nicht gesprungen ist und ihn zerschmettert hat,« sagte Weybridge, »so sieht die Geschichte noch verdammt viel böser aus. Denn dann hat sein Uhrwerk versagt, und er ist noch am Leben, fünf Meilen unter uns, tief drunten, im Dunkel und in der Kälte, sitzt dort verankert in seiner kleinen Blase, in einer Tiefe, in die kein Lichtstrahl je gedrungen ist, in der kein menschliches Wesen geatmet hat, seit die Wasser sich gesammelt haben ... Und er ist dort, ohne Nahrung, hungrig, durstig, voller Angst, und fragt sich, ob er verhungern muß oder ersticken! Eins von beiden! Der Myerapparat wird wohl jetzt ablaufen. Wie lang dauern sie?«

»Herrgott!« rief er aus, »Was für kleine Nichtse wir doch sind! Was für tollkühne winzige Wagehalse! Meilen und Meilen Wasser unter uns – nichts als Wasser, und um uns dies ganze öde Wasser, und der Himmel! Abgründe und Abgründe!« Er reckte die Hand aus; und im selben Augenblick schoß ein kleiner, weißer Streif lautlos in den Himmel empor, ward langsamer, blieb stehen, wurde zu einem reglosen Punkt, als ob ein neuer Stern in den Himmel hinaufgefallen wäre ... Dann glitt er wieder zurück und verlor sich zwischen den Reflexen der Sterne und dem weißen Schein des Meerleuchtens.

Weybridge blieb regungslos, mit ausgestrecktem Arm und offenem Mund, stehen. Dann schloß er den Mund, öffnete ihn wieder und schwenkte ungeduldig die Arme. Darauf wandte er sich um, brüllte der ersten Wache zu: »Elstead ahoy!« und stürzte zu Lindley und dem Scheinwerfer. »Ich hab' ihn gesehen!« rief er. »Dort – Steuerbord! Sein Licht brennt ... eben ist er aus dem Wasser geschossen! Leuchtet die Strecke ab! Wir müssen ihn treiben sehen, wenn eine Welle ihn hochhebt!«

Aber es wurde Tagesanbruch, bis sie den Forscher fanden. Da freilich überfuhren sie ihn beinahe. Der Kran ward über Bord geschwungen, und ein Boot ausgesetzt, dessen Bemannung die Kette an der Kugel festmachte. Als sie sie an Bord gezogen hatten, schraubten sie die Luke auf und spähten in das dunkle Innere (denn die elektrische Lichtkammer war bloß darauf berechnet, das Wasser um den Globus her zu erleuchten und ließ den eigentlichen Raum völlig im Dunkeln).

Innen war die Luft sehr heiß; der Gummiring, der um die Luke lief, war ganz weich. Keine Antwort kam auf die eifrigen Fragen; nichts regte sich drin. Elstead schien bewegungslos, zusammengekauert am Boden zu liegen. Der Schiffsarzt kletterte hinein, hob ihn auf und reichte ihn den Leuten draußen. Einen Augenblick wußten sie überhaupt nicht, ob Elstead noch lebte oder tot war. Sein Gesicht glitzerte unter dem gelben Licht der Schiffslaternen vor Schweiß. Sie trugen ihn hinunter in seine Kabine.

Tot war er nicht – wie sich herausstellte – aber in einem Zustand völliger nervöser Erschlaffung und außerdem furchtbar verwundet und zerschlagen. Ein paar Tage lang mußte er einfach vollständig ruhig liegen. Erst nach etwa einer Woche vermochte er von seinen Erlebnissen zu erzählen.

Fast seine ersten Worte waren – er würde die Sache noch einmal machen. Die Kugel müßte umgeändert werden, damit er unter Umständen das Tau ganz von sich werfen könnte ... Weiter nichts. Er hatte die wunderbarsten Abenteuer erlebt. »Alle habt ihr geglaubt, ich würde drunten nichts finden, als Schlamm!« sagte er. »Habt mich ausgelacht mit meinen Forschungen! Und ich habe eine neue Welt entdeckt!« Im übrigen erzählte er seine Geschichte in zusammenhangslosen Fragmenten und meist von hinten herein, statt von vorn, so daß sie sich unmöglich in seinen Worten wiedergeben läßt. Immerhin – Folgendes ist das Hauptergebnis seines Abenteuers:

Anfangen tat es scheußlich, wie er sagte. Eh' das Tau abgelaufen war, drehte sich das Ding fortwährend. Wie ein Frosch in einem Fußball kam er sich vor. Sehen konnte er nichts, als den Kran und ein Stück Himmel und dann und wann ein paar Menschen an der Reling. Es ließ sich absolut nicht berechnen, nach welcher Richtung das Ding im nächsten Augenblick rollen würde. Auf einmal gingen aber seine Beine in die Höhe und versuchten, festen Fuß zu fassen, und er rollte kopfüber, irgendwie, auf die Polsterung. Jede andere Form wäre vorzuziehen gewesen. Und doch war die Kugelform die einzig verlässige, bei dem ungeheuren Druck der tiefsten Tiefe. Plötzlich hörte das Schwanken auf. Die Kugel schnellte in die Höhe, und nachdem Elstead wieder festen Fuß gefaßt hatte, sah er ringsumher grünlich-blaues Wasser, durch das von oben ein immer schwächer werdendes Licht sickerte; und ein Schwarm kleiner Lebewesen flutete – so schien es ihm – an ihm vorüber dem Licht zu. Und während er so hinausblickte, wurde es immer dunkler und dunkler, bis das Wasser über ihm finster war, wie der mitternächtige Himmel – wenn auch mehr von grüner Färbung – und das Wasser unter ihm schwarz. Kleine, durchsichtige Gegenstände im Wasser gaben einen schwachen Lichtschimmer von sich und schossen in undeutlichen, grünlichen Streifen an ihm vorüber.

Dabei ein Gefühl, als ob er fiele! Genau, wie das Anziehen eines Lifts, behauptete er, bloß daß es länger dauerte. Man muß sich vorstellen, was das sagen will – dies Länger-Dauern! Das war der einzige Augenblick, in dem Elstead seine Waghalsigkeit bereute. Er sah plötzlich alle Gefahren, die ihm drohten, in einem ganz neuen Licht. Er dachte an die großen Tintenfische, die, wie man wußte, in den mittleren Wassern existieren – Geschöpfe, die man ab und zu in halbverdautem Zustand in Walfischen oder tot und verwest und halb von Fischen zerfressen auf den Wellen schwimmend findet. Wenn einer ihn anpackte? Und nicht mehr los ließ? War das Uhrwerk wirklich zur Genüge erprobt? Aber – ob er nun weiter wollte – oder lieber umgekehrt wäre – das hatte jetzt überhaupt nichts mehr zu sagen ...

Binnen fünfzig Sekunden war draußen alles schwarz wie die Nacht – bis auf den Strahl seines Lichts, der da und dort durchs Wasser drang und dann und wann einen Fisch oder sonst irgend etwas beleuchtete. Zu rasch blitzte alles an ihm vorüber, als daß er hätte sehen können, was es eigentlich war. Einmal kam er – wie er glaubt – an einem Hai vorbei. Dann ... nach und nach ... erhitzte sich die Kugel durch die Reibung gegen das Wasser. Wie es scheint, war das etwas, was man überhaupt nicht genügend in Berechnung gezogen hatte. Das erste, was ihm auffiel, war, daß er schwitzte. Dann hörte er unter sich ein Zischen, das immer lauter wurde, und sah eine Unmenge von kleinen Wasserblasen – wirklich recht winzigen Bläschen – in Fächerform durch das Wasser draußen auffahren. Dampf! Er tastete nach dem Fenster. Es war heiß. Er wandte sich zu dem kleinen Glühlicht, das den Hohlraum, in dem er sich befand, erleuchtete, sah nach der gepolsterten Uhr zwischen den Knöpfen ... Zwei Minuten war er jetzt unterwegs. Dann fiel ihm ein, das Fenster könnte zerspringen durch den Wechsel der Temperatur. Er wußte ja ... das Grundwasser ist beinah' eisig ...

Plötzlich war es, als ob der Boden der Kugel gegen seine Sohlen drückte. Das Auffahren der Wasserblasen draußen ward immer schwächer, das Zischen hörte auf ... Die Kugel rollte noch eine Weile. Das Fenster war nicht zersprungen – nichts hatte sich verändert; und er wußte – die Gefahren des Sinkens wenigstens waren vorüber. In einer Minute oder zwei würde er auf dem Grund der Tiefe sein. Er dachte – so erzählte er – an Steevens und Weybridge und alle die andern, die fünf Meilen über ihm waren – höher über ihm als die höchsten Wolkengebilde, die über die Erde hinfluten, über uns sind, und wie sie langsam kreisen und herabstarren würden und sich fragen, was wohl aus ihm geworden sein mochte.

Er spähte zu seinem Fenster hinaus. Keine Blasen mehr; das Zischen hatte aufgehört. Draußen war ein schweres Schwarz – so schwarz wie schwarzer Samt, außer, wo das elektrische Licht das leere Wasser durchdrang und seine Farbe – ein gelbliches Grün – zeigte. Darauf kamen drei Gegenstände – gleich Feuergebilden – hintereinander durchs Wasser geschwommen. Ob sie klein waren und nah oder groß und fern, das vermochte er nicht zu sagen.

Jedes war umrissen von einem bläulichen Licht – so hell fast wie die Lichter eines Fischerboots – ein Licht, das eine Art Dunst von sich gab; und die Seiten entlang liefen Lichtstreifen wie die erleuchteten Luken eines Schiffs. Als sie in den Bereich seiner Lampe kamen, schien ihre Phosphoreszenz zu erlöschen, und er sah, daß es kleine fremdartige Fische waren, mit riesigen Köpfen, ungeheuren Augen und verschwindenden Rümpfen und Schwänzen. Die Augen waren alle ihm zugewandt, und er hatte das Gefühl, als verfolgten sie ihn bei seinem Abwärtssinken. Vermutlich zog der Lichtschimmer sie an.

Bald darauf kamen noch andere, ähnliche dazu. Je weiter hinunter er kam, desto fahler ward das Wasser. Kleine Pünktchen flimmerten im Strahl seines Lichts hinter ihm her gleich Sonnenstäubchen. Vermutlich kam das von den Wolken von Schlamm und Schmutz, die seine Bleigewichte aufgerührt hatten.

Als sie ihn endlich ganz auf den Grund zogen, befand er sich in einem dicken, weißen Nebel, den sein elektrisches Licht höchstens auf ein paar Fuß im Umkreis durchdrang. Minuten vergingen, bis die hängenden Wolken des aufgerührten Bodensatzes sich legten ... Schließlich war er – vermittels seines eigenen Lichts und der Phosphoreszenz eines fernen Fischschwarms, imstande, unter der unendlichen Finsternis der darüberliegenden Wasser eine wellige Fläche grauweißen Schlamms zu unterscheiden, aus der da und dort wirre Dickichte von Seelilien wuchsen, die gierige Fühler emporreckten ...

Und weiter weg waren die anmutigen, durchscheinenden Umrisse einer Gruppe von Riesenschwämmen. Und über diesem Untergrund zerstreut eine Anzahl flacher, stachliger, dunkelpurpurner und schwarzer Gegenstände, die – seiner Meinung nach – eine Art Seeigel sein mußten. Dazwischen kleine, großäugige oder auch blinde Lebewesen, die eine seltsame Ähnlichkeit mit Krebsen oder auch Blattläusen hatten und langsam durch den Lichtkreis krochen, um, furchige Spuren im Dunkel hinterlassend, wieder im Dunkel zu verschwinden.

Dann – auf einmal – schwenkte der ganze Schwarm kleiner Fische um und kam auf ihn zu – wie ein Flug Sperlinge. Über ihn weg zogen sie – gleich phosphoreszierendem Schnee ... Und hinter ihnen sah er etwas Größeres sich der Kugel nähern.

»Anfänglich sah ich es nur undeutlich – eine schwach sich bewegende Erscheinung, die von fern an einen wandelnden Menschen gemahnte. Dann kam das Ding in den Lichtstrahl, den meine Lampe auswarf. Als der Schein es traf, schloß es geblendet die Augen. Dann glotzte es in reglosem Staunen ...«

Es war ein fremdartiges Wirbeltier. Der dunkelpurpurne Kopf gemahnte ungefähr an ein Chamäleon; dabei aber hatte es eine so hohe Stirn und eine Hirnschale, wie sonst kein Reptilium sie aufzuweisen hat. Die Vertikallinie seines Gesichts verlieh ihm eine ganz merkwürdige Menschenähnlichkeit.

Zwei große, hervorstehende Augen starrten chamäleonhaft aus ihren Höhlen vor; und es hatte ein breites Reptilienmaul unter kleinen Nasenlöchern. In der Richtung der Ohren waren zwei riesige Kiemendeckel, und aus diesen flutete eine Verzweigung korallenartiger Fasern, ähnlich den verästelten Kiemen, die ganz junge Rochen und Haie haben.

Aber dies menschenähnliche Gesicht war noch nicht das Merkwürdigste an dem Geschöpf. Es war ein Zweifüßer. Sein fast kugelförmiger Rumpf ruhte auf einem Dreigestell von zwei froschähnlichen Beinen und einem langen, dicken Schwanz, und die Vorderglieder, die auf groteske Weise menschliche Hände karikierten, ganz ähnlich wie beim Frosch, hielten einen langen, beinernen Schaft mit einer Kugelspitze daran. Die Färbung des ganzen Geschöpfs war nicht überall gleich; Kopf, Hände und Beine waren purpurn, während die Haut, die lose darüber hing – etwa wie Kleider – von phosphoreszierendem Grau war.

So stand es da – vom Licht geblendet.

Schließlich öffnete dies unbekannte Geschöpf der Tiefe blinzelnd seine Augen, beschattete sie mit seiner einen freien Hand, öffnete seinen Mund und stieß einen Ruf aus, der so artikuliert war, daß man ihn faßt ein Sprechen nennen konnte und der sogar durch die stählerne Hülle und die Polster des Globus drang. Wie man überhaupt schreien kann – ohne Lungen – das versucht Elstead gar nicht zu erklären. Dann begab sich das Geschöpf aus dem Lichtschimmer in das ihn zu beiden Seiten begrenzende geheimnisvolle Dunkel, und Elstead fühlte mehr als er sah, daß es sich ihm näherte. Da er dachte, daß das Licht es anzöge, drehte er die elektrische Flamme aus. Im nächsten Augenblick tastete etwas Weiches gegen den Stahl, und die Kugel schwankte ...

Wieder ertönte ein Ruf; und ihm war, als ob ein fernes Echo antworte. Auch das Tasten wiederholte sich, und die Kugel schwankte und rieb sich gegen die Achse, über die das Tau lief. Elstead stand im Dunkeln und spähte hinaus in die ewige Nacht der Tiefe. Und bald sah er – schwach und von fern – weitere phosphoreszierende menschenähnliche Gestalten auf sich zueilen.

Fast ohne zu wissen, was er tat, tastete er in seinem schwankenden Gefängnis nach dem Knopf des äußeren elektrischen Lichts und erwischte ganz zufällig seine eigene kleine in die Polsterung eingelassene Glühlampe. Die Kugel drehte sich und zog ihn dann abwärts; er hörte Ausrufe der Überraschung; und als er wieder auf den Beinen war, sah er zwei gestielte Augen, die durch das untere Fenster hereinspähten und das Licht widerspiegelten.

Im nächsten Augenblick tasteten leidenschaftliche Hände an der Außenfläche der Stahlkugel herum, es klang – was für ihn, in seiner Lage, schrecklich genug war – als ob heftig gegen die Metallhülle des Uhrwerks gehämmert würde. Dabei fiel ihm tatsächlich das Herz in die Hosen ... denn wenn es den seltsamen Lebewesen gelang, das Uhrwerk zu zerstören, so war für ihn alles zu Ende. Er hatte den Gedanken noch kaum zu Ende gedacht, als er fühlte, wie die Kugel heftig rollte, und der Boden gegen seine Füße stieß ... Er drehte die kleine Glühlampe, die das Innere erleuchtete, aus, und sandte den Strahl des Hauptlichts in der Separatzelle ins Wasser hinaus. Der Meeresgrund und die menschenähnlichen Geschöpfe waren verschwunden; bloß ein paar hintereinander herjagende Fische sanken plötzlich vor dem Fenster in die Tiefe.

Sofort kam ihm auch der Gedanke: die seltsamen Tiefseebewohner hatten das Tau zerrissen ... Und er war frei ... Er trieb aufwärts – immer schneller und schneller ... Und plötzlich blieb er stehen ... mit einem Ruck, der ihn gegen das gepolsterte Dach seines Gefängnisses schleuderte. Eine halbe Minute lang war er überhaupt zu bestürzt, um denken zu können.

Dann fühlte er, daß die Kugel sich langsam um sich selber drehte, und daß sie augenscheinlich durchs Wasser gezogen wurde. Er kauerte sich dicht ans Fenster, um eine Art Gegengewicht zu erzeugen, und es gelang ihm auch, die Kugel abwärts zu richten ... Aber zu sehen vermochte er nichts, mit Ausnahme des blassen Lichtstrahls, der ins Dunkel hinausströmte. Dann kam ihm der Gedanke, er würde vielleicht mehr sehen, wenn er die Lampe überhaupt ausdrehte und seine Augen an das tiefe Dunkel gewöhnte.

Das war klug von ihm. Nach ein paar Minuten ward das samtene Dunkel ein durchsichtiges Dunkel, und dann – ganz in der Ferne und so schwach wie das Zodiakallicht eines nordischen Sommerabends – sah er unter sich Gestalten, die sich bewegten. Er hatte den Gedanken, daß diese Wesen sein Kabel durchschnitten hatten und ihn auf dem Meeresgrund entlang schleppten ...

Dann sah er – über den welligen Meeresboden hinweg – fern und undeutlich etwas Neues – einen weiten Horizont schwachen Lichts, der sich nach rechts und nach links, soweit überhaupt sein kleines Guckloch reichte, erstreckte. Und darauf schleppten sie ihn zu, so wie man einen Ballon aus dem freien Gelände nach einer Stadt zu schleppt. Sehr langsam kam er näher; und sehr langsam entwickelte sich der undeutliche Schimmer zu bestimmteren Formen.

Es war fast fünf Uhr, als er sich über dem Bereich des Leuchtens befand, und er vermochte jetzt etwas zu erkennen, das aussah wie Straßen und Häuser, die sich um eine Art riesigen, dachlosen Gebäudes gruppierten, das in grotesker Weise an eine Klosterruine gemahnte. Wie eine Landkarte lag alles unter ihm. Die Häuser bestanden alle aus dachlosen Wänden, und da sie – wie er nachher bemerkte, aus phosphoreszierenden Knochen hergestellt waren, sah das Ganze aus, als wäre es aus ertrunkenem Mondschein aufgebaut ...

Zwischen den Innenräumen des seltsamen Orts streckten wehende Krinoideenbäume ihre Fangarme aus, und hohe, schlanke, glasige Glasschwämme hoben sich gleich schimmernden Minarets und Lilien dunstigen Lichts aus dem allgemeinen Leuchten der Stadt. An den offenen Stellen und Plätzen bemerkte er eine wimmelnde Regsamkeit wie von Mengen von Menschen; aber er befand sich zu viele Faden hoch über ihnen, als daß er die Individuen in diesen Mengen hätte unterscheiden können. Dann zogen sie ihn langsam abwärts, und er erfaßte die Einzelheiten des wunderbaren Orts nach und nach deutlicher. Er sah, daß die Linien der wolkenhaften Gebäude durch perlige Reihen von runden Gegenständen umrissen waren; und er bemerkte auch an verschiedenen Stellen unter ihm, auf großen, offenen Plätzen, Formen, die aussahen, wie inkrustierte Schiffsrümpfe.

Langsam und unentwegt ward er nach unten gezogen, und die Formen unter ihm wurden heller, klarer, deutlicher. Er merkte jetzt, daß man ihn nach dem großen Gebäude im Mittelpunkt der Stadt zu zerrte, und ab und zu sah er sogar einen Augenblick die durcheinanderwimmelnden Gestalten, die an seinem Tau schleppten. Er bemerkte mit Staunen, daß das Takelwerk eines der Schiffe, die einen so auffallenden Bestandteil dieser Stadt bildeten, dicht besetzt war von einer Masse gestikulierender Gestalten, die alle nach ihm hinschauten. Dann stiegen schweigend die Mauern des großen Gebäudes um ihn empor und entzogen die Stadt seinen Augen.

Und was für Mauern das waren! Aus wasserdurchtränktem Holz und verbogenem Drahtseil und eisernen Sparren, aus Kupfer und aus den Gebeinen und Schädeln toter Menschen. Die Schädel liefen in Zickzacklinien und Spiralen und phantastischen Kurven über das Gebäude hin; und zu den Augenhöhlen ein und aus und über den ganzen Ort hin spielten und schnellten Massen von silbernen kleinen Fischen.

Plötzlich erfüllte ein schwaches Geschrei seine Ohren, und ein Geräusch gleich lautem Hörnerblasen; darauf folgte eine Art phantastischen Chorgesangs. Immer tiefer sank die Kugel, vorüber an den riesigen, spitzbogigen Fenstern, durch die er undeutlich Mengen der seltsamen, geisterhaften Geschöpfe sah, die ihn anstarrten, und schließlich lag sie still auf einer Art Altar – so schien es ihm – der in der Mitte des Gebäudes errichtet war.

Von hier aus vermochte er jene fremdartigen Bewohner der Tiefe noch einmal deutlich zu sehen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß sie sich vor ihm niederwarfen – alle, bis auf einen, der in eine Art von Eidechsenschuppen gekleidet und mit einem leuchtenden Diadem bekrönt war und unter fortwährendem Öffnen und Schließen seines Reptilienmauls aufrecht dastand, als führe er den Chor der Betenden an ...

Ein seltsamer Impuls veranlaßte Elstead, seine kleine Glühlampe wieder anzudrehen, so daß er sichtbar ward für jene Geschöpfe der Tiefe, obschon sie für ihn dadurch in Nacht verschwanden. Als sie ihn so plötzlich erblickten, wandelte sich der fromme Gesang in ein Geschrei der lärmendsten Aufregung; und Elstead, um sie beobachten zu können, drehte sein Licht wieder aus und entschwand ihren Blicken. Eine Weile war er jedoch zu sehr geblendet, um irgend etwas unterscheiden zu können, und als er sie schließlich wieder sah, knieten sie schon wieder. Und so fuhren sie fort ihn anzubeten – ohne Rast – ohne Pause – drei volle Stunden lang.

In allen Einzelheiten berichtet Elstead von der erstaunlichen Stadt und ihrer Bevölkerung, diesen Geschöpfen ewiger Nacht, die weder Sonne, Mond noch Sterne, weder grünes Wachstum noch lebendige, luftatmende Wesen je gesehen haben, die nichts wissen von Feuer oder Licht, die nur das phosphoreszierende Licht lebendiger Dinge kennen ...

So seltsam diese Geschichte auch klingt – noch seltsamer ist es, daß Männer der Wissenschaft – von der hervorragenden Bedeutung eines Adams, eines Jenkins, – keineswegs etwas Unglaubliches in ihr finden. Sie versichern, daß sie keinerlei Grund einsehen könnten, weshalb intelligente, wasseratmende Wirbelgeschöpfe, die an niedere Temperatur und ungeheuren Druck gewöhnt und von so schwerem Bau sind, daß sie weder tot noch lebendig zu schwimmen vermögen, nicht auf dem Grund der Tiefsee leben sollten – ohne daß wir es ahnen – gleich uns Nachkömmlinge der großen Theromorpha des New Red Sandstones.

Sie allerdings wüßten von uns – als von einer Art seltsamer, meteorischer Geschöpfe, die ab und zu plötzlich tot aus dem geheimnisvollen Schwarz ihres Wasserhimmels niederstürzen. Und nicht nur wir selber, sondern auch unsere Schiffe, unsere Metalle, alles, was zu unsrem Leben gehört, kommen aus der Nacht hinabgeregnet. Manchmal kommt irgendein sinkender Gegenstand und wirft sie nieder, zermalmt sie wie das Strafgericht einer unsichtbaren Macht; und wieder kommen Dinge von auserlesener Schönheit, von hohem Nutzen, oder Formen, die zu neuem Fortschritt anstacheln. Am leichtesten kann man sich ihr Betragen beim Erscheinen eines lebenden Menschen vergegenwärtigen, wenn man sich vorstellt, was ein Volk von Barbaren etwa anstellen möchte, wenn plötzlich ein glanzumflossenes, leuchtendes Wesen aus der Luft zu ihnen herabkäme ...

Elstead hat vermutlich den Offizieren des »Ptarmigan« nach und nach jede Einzelheit seines zwölfstündigen Abenteuers in der Tiefe erzählt. Er wollte – das weiß ich – alles auch niederschreiben; aber er kam nicht dazu, und so müssen wir eben die einzelnen Bruchstücke seines Berichts nach den Erinnerungen Simmons, des Kommandanten, Weybridges, Steevens, Lindleys und der andern zusammenflicken.

So sieht man das Ganze vor sich – dunkel – fragmentarisch – den riesigen, geisterhaften Tempel – die knienden, psalmensingenden Geschöpfe, mit ihren dunklen, chamäleonhaften Köpfen und schwach leuchtenden Gewändern, und Elstead, der sein Licht wieder angedreht hat und ihnen vergeblich klarzumachen versucht, daß sie das Tau, an dem sie seine Kugel hielten, loslassen müssen ... Minute auf Minute vergeht, und Elstead bemerkt, als er auf die Uhr sieht, voll Entsetzen, daß er nur noch auf vier Stunden Sauerstoff hat ... Und das Psalmensingen ihm zu Ehren geht weiter, immer weiter, als wär' es ein Trauermarsch auf seinen nahen Tod ...

Wie er eigentlich loskam, begreift er selber nicht; augenscheinlich muß das Tau, das von der Kugel herunterhing, sich an einer Kante des Altars durchgerieben haben. Auf einmal rollte die Kugel, und er entschwebte, wie ein in Leere gehülltes Geschöpf des Äthers durch unsere Atmosphäre wieder in den Äther, aus dem es geboren war, zurückschweben würde. Wie eine Kohlensäureblase aus unserer Luft aufsteigt, muß er ihnen entschwunden sein. Eine merkwürdige Himmelfahrt muß es gewesen sein – für sie!

Die Kugel schoß mit noch größerer Geschwindigkeit aufwärts, als sie, von den Bleigewichten gezogen, abwärts gesunken war. Sie wurde glühend heiß. Die Fenster lagen noch oben, und Elstead entsinnt sich noch, wie ein Strom von Blasen am Glas vorüberschoß. Jeden Augenblick erwartete er, daß es zerspringen würde. Dann war es auf einmal, als ob in seinem Kopf ein riesiges Rad anfinge sich zu drehen – der gepolsterte Raum wirbelte um ihn herum, und er verlor das Bewußtsein. Das nächste, an das er sich wieder erinnerte, war seine Kajüte und die Stimme des Arztes.

Das ist der wesentliche Inhalt der merkwürdigen Geschichte, die Elstead bruchstückweise den Offizieren des »Ptarmigan« erzählte. Er versprach, sie später niederzuschreiben. Für den Augenblick beschäftigten sich seine Gedanken hauptsächlich mit der Verbesserung seines Apparats, die in Rio ausgeführt wurde.

Es bleibt nur noch zu berichten, daß er am 2. Februar 1896 sich – mit den Verbesserungen, auf die sein erster Versuch ihn hingewiesen hatte – zum zweitenmal in die Tiefe des Ozeans wagte. Wie es ablief, werden wir aller Wahrscheinlichkeit nie erfahren. Denn er kehrte nicht wieder zurück. Der »Ptarmigan« kreiste dreizehn Tage lang um die Stelle, an der man ihn hinabgelassen hatte – vergeblich! Dann kehrte er nach Rio zurück, und die Freunde Elsteads wurden telegraphisch benachrichtigt. Einstweilen ruht die Angelegenheit. Aber es ist kaum anzunehmen, daß kein weiterer Versuch mehr gemacht werden wird, diese seltsame Geschichte von jenen bisher unbekannten Städten der Meerestiefe auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu prüfen ...

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