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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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Der Herr der Dynamos

Der Oberaufseher der drei Dynamomaschinen, die in Camberwell dröhnten und ratterten und die elektrische Bahn in Gang hielten, stammte aus Yorkshire; sein Name war James Holroyd. Er war ein tüchtiger Techniker, liebte aber den Whisky – ein schwerer, rothaariger, roher Kerl mit unregelmäßigem Gebiß. Er zweifelte an dem Vorhandensein der Gottheit, bekannte sich zum Carnotschen Zirkel und hatte Shakespeare zwar gelesen, ihn aber in der Chemie recht schwach befunden. Sein Heizer stammte aus dem geheimnisvollen Osten und hieß Azuma-zi. Holroyd jedoch nannte ihn Pooh-bah. Holroyd hatte immer gern schwarze Heizer, weil sie sich Fußtritte gefallen ließen – Fußtritte gehörten zu Holroyds Gewohnheiten – und nicht an den Maschinen herumspionierten, um ihnen ihre Geheimnisse abzulauschen. Gewisse seltsame Möglichkeiten einer in plötzliche Berührung mit der Krone unserer Zivilisation gebrachten Negerseele machte Holroyd sich nicht so ganz klar; obgleich ihm zum Schluß noch eine Ahnung davon aufdämmern mochte ...

Azuma-zi zu definieren liegt außerhalb des Bereichs der Ethnologie. Er war vielleicht mehr Neger als irgend sonst etwas, obgleich sein Haar eher wellig als kraus war, und seine Nase einen Sattel hatte. Dazu war seine Haut mehr braun als schwarz, und das Weiße seiner Augen war gelb. Seine breiten Backenknochen und das schmale Kinn gaben seinem Gesicht eine etwas viperartige Form. Auch war sein Kopf hinten breit und an der Stirn niedrig und schmal, als ob sein Gehirn just umgekehrt wie das eines Europäers hineingedrechselt wäre. Seine Figur war minderwertig, sein Englisch noch minderwertiger. Im Gespräch gab er zahlreiche eigentümliche Geräusche von nicht feststellbarem Marktwert von sich, und seine spärlichen Worte waren zu einer heraldischen Groteskheit zurechtgehauen und -gegossen. Holroyd versuchte, ihn in religiöser Beziehung aufzuklären und hielt ihm – besonders wenn er getrunken hatte – lange Vorlesungen gegen Aberglauben und Missionare. Azuma-zi jedoch wich jeglicher Unterhaltung über seine Götter aus, obgleich ihm das Fußtritte eintrug.

Azuma-zi war, in ein weißes, aber recht unzulängliches Gewand gekleidet, aus dem Maschinenraum des »Lord Clive« von den Straits Settlements und noch weiterher nach London gekommen. Schon als Kind hatte er von der Größe und den Reichtümern Londons erzählen hören, wo alle Frauen weiß und blond, ja, wo selbst die Straßenbettler weiß wären; und so war er denn, die Taschen voll frisch verdienter Goldstücke, gekommen, um am Schrein der Zivilisation anzubeten. Der Tag seiner Landung war ein trüber; der Himmel war grau, und ein windgejagter Regen sickerte auf die schmutzigen Straßen herab. Aber Azuma-zi stürzte sich kühn in die Freuden von Shadwell, das ihn bald darauf wieder ausspie – halbgebrochen an Gesundheit, in zivilisierter Kleidung, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche und – außer, wo es sich um das Allernotwendigste handelte – stumm wie ein Tier, auf daß er in dem Maschinenhaus in Camberwell für James Holroyd arbeite und sich von ihm mißhandeln lasse. Und für James Holroyd war Mißhandeln die reine Liebesmüh.

Drei Dynamos mit ihren Motoren waren in Camberwell. Die beiden, die ursprünglich da waren, waren kleine Maschinen; die größere war neu. Die kleineren Maschinen machten einen vorschriftsmäßigen Lärm: ihre Riemen surrten über die Trommeln, ab und zu schleiften und zischten die Bürsten, und zwischen den Polen heulte – huh-huh-huh! – unablässig die Luft. Die eine war nicht ganz fest in die Erde eingelassen, und die ganze Maschinenhalle erzitterte unter ihr. Aber all diese kleineren Geräusche übertönte die große Maschine vollständig mit dem Pochen ihres ehernen Herzschlags, unter dem die ganze Eisenkonstruktion erdröhnte. Jedem, der in die Halle trat, wirbelte der Kopf vor dem Poch-poch-poch der Maschinen, der Rotation der ungeheuren Räder, den sausenden Zylindern, vor dem fortwährend auszischenden Dampf und dem unablässigen donnernden Getöse der großen Maschine, das alles übertäubte. Dies letztere Geräusch war – vom Standpunkt der Maschinenkunde aus betrachtet – ein Fehler; aber Azuma-zi nahm es als eine Offenbarung der Macht und Größe des Ungetüms ...

Wir wünschten, es wäre möglich, den Leser, während er liest, mitten in die Geräusche der Maschinenhalle hineinzuversetzen und unsere Geschichte zu dieser Begleitung zu erzählen. Ein ununterbrochener, brausender Strom war es, aus dem das Ohr bald die eine Note, bald die andere heraushörte: das wechselnde Fauchen, Keuchen und Zischen der Dampfkessel, das Stöhnen und Heulen der Pistons, das dumpfe Aufpochen der Luft, wenn die Speichen der großen Triebräder gewirbelt kamen, ein Geräusch, das die ledernen Riemen von sich gaben, je nachdem sie straffer oder loser gespannt waren – ein Durcheinandertumult der Dynamos – und über all dem – manchmal, wenn das Ohr an all dem Lärm ermüdete, unhörbar, und dann doch langsam wieder sich den Sinnen fühlbar machend, – der Posaunenton der großen Maschine. Nie fühlte man den Boden unter sich sicher, ruhig, fest; fortwährend bebte und schwankte er. Es war ein betäubender, unsicherer Ort, an dem einem die Gedanken in seltsamen Zickzackblitzen umherfuhren. Und drei Monate – volle drei Monate, so lang der Streik der Maschinenarbeiter dauerte – kamen Holroyd, der unter seinen Genossen am schwarzen Brett stand, und Azuma-zi, der selber ein Schwarzer war, nicht eine Minute lang aus dem Tosen und Lärm heraus; sondern aßen und schliefen in dem kleinen hölzernen Werkzeugschuppen zwischen dem Maschinenhaus und dem großen Portal ...

Bald nach Azuma-zis Ankunft hielt Holroyd ihm eine theologische Vorlesung über das Thema: die große Maschine. Er mußte brüllen, um sich in dem Getöse überhaupt verständlich zu machen. »Da schau her,« sagte Holroyd, »wo ist der heidnische Götze, der dem das Wasser reicht?«

Und Azuma-zi schaute. Einen Augenblick ging Holroyds Stimme unter; dann hörte Azuma-zi: »Hundert Menschen umbringen. Zwölf Prozent der allgemeinen Sterblichkeit!« sagte Holroyd. »Das nenn' ich mir noch so was wie einen Gott!«

Holroyd war stolz auf seine große Maschine und erging sich Azuma-zi gegenüber so lange über ihre Größe und Kraft, bis seine Reden und das immerwährende Tosen und Wirbeln Gott weiß was für seltsame Gedankenströme unter der lockigen, schwarzen Hirnschale entfesselten. Er pflegte auf die deutlichste und ausführlichste Weise die Dutzend oder mehr Arten zu beschreiben, wie ein Mensch durch sie getötet werden könne; einmal ließ er Azuma-zi auch einen Stoß von ihr verspüren – als Beispiel ihrer Leistungsfähigkeit. Von da ab konnte Azuma-zi in den Pausen zwischen seiner Arbeit – und es war schwere Arbeit, denn er besorgte nicht nur seine eigene, sondern auch die Holroyds fast ganz – oft dasitzen und die große Maschine beobachten. Manchmal sprühten die Bürsten auf und spien blaue Funken und Blitze; und Holroyd fluchte. Aber im allgemeinen ging alles so glatt und rhythmisch wie der Atem eines Menschen. Das Band zischte kreischend über die Spule, und hinter einem ertönte, während man dasaß und beobachtete, unablässig das satte Bum-bum des Pistons. Und so lebte sie da – tagaus – tagein – in der großen, luftigen Maschinenhalle – mit Azuma-zi und Holroyd als Dienern ... Nicht eingesperrt und Sklavenarbeit verrichtend, um ein Schiff zu treiben, wie andere Maschinen, die Azuma-zi kannte; sondern eine Herrschermaschine. Die beiden kleinen Dynamos verachtete Azuma-zi – selbstverständlich – schon im Vergleich zu ihr; die große taufte er bei sich den Herrn der Dynamos. Die kleinen waren launisch und unregelmäßig. Die große war zuverlässig. Wie groß sie war! Wie gelassen und leicht sie arbeitete! Größer noch und ruhiger als die Buddhas, die er in Rangoon gesehen hatte. Und dabei doch nicht unbewegt – sondern lebendig! Die großen, schwarzen Drahttaue kreisten, kreisten, kreisten – die Ringe unter den Bürsten liefen rund und rund und rund – und der tiefe Klang des Herzschlags trug das Ganze ... Ganz seltsam regte es Azuma-zi auf ...

Azuma-zi liebte die Arbeit nicht. Sobald Holroyd wegging, um etwa den Torwächter zu überreden, ihm Whisky zu holen, hockte er herum und besah sich den Herrn der Dynamos, obgleich sein Platz gar nicht vorn in der Maschinenhalle, sondern hinter den Kesseln war, und er obendrein, wenn Holroyd ihn bei solchem Herumlungern erwischte, noch mit einem dicken Kupferdrahttau Prügel dafür kriegte. Oft stellte er sich ganz dicht neben den Koloß hin und schaute empor zu dem großen Lederriemen, der über ihm dahinsauste. Es war da eine schwarze Stelle auf dem Riemen, die immer wiederkehrte, und es machte Azuma-zi Spaß, in all dem Gedröhne immer aufs neue auf ihr Erscheinen zu warten. Seltsame Gedanken kreisten in ihm mit ihrem Wirbellauf ... Gelehrte berichten uns, daß die Wilden den Steinen und Bäumen eine Seele zusprechen ... und wie viel tausendmal lebendiger als ein Stein oder ein Baum ist eine Maschine! Und Azuma-zi war im Grunde noch ein Wilder. Der Firnis der Zivilisation ging bei ihm nicht tiefer als sein Heizeranzug, die Risse in seiner Haut und der Kohlenstaub auf seinem Gesicht und seinen Händen. Sein Vater hatte dereinst einen Meteorstein angebetet; mag sein, daß das verwandte Blut die breiten Räder des ewigen Kreislaufs besprengt hatte ...

Er ergriff jede Gelegenheit, die Holroyd ihm ließ, die große Maschine, die ihn im Bann hielt, zu berühren, zu betasten. Er polierte und putzte an ihr herum, bis ihre Metallteile die Sonne blendeten. Er hatte ein geheimnisvolles Gefühl von Priesterschaft, während er das tat. Manchmal ging er hin zu ihr und rührte leise an die sausenden Drähte. Die Götter, zu denen er gebetet hatte, waren fern. Und die Menschen in London versteckten ihre Götter.

Schließlich wurden seine unklaren Gefühle deutlicher und nahmen Formen an – erst in Gedanken – zuletzt in Taten. Eines Morgens, als er in das dröhnende Maschinenhaus kam, machte er einen Salaam vor dem Herrn der Dynamos. Und später, als Holroyd weg war, ging er zu der donnernden Maschine hin und flüsterte ihr zu, er sei ihr Diener, er bete zu ihr, sie möchte sich seiner erbarmen und ihn von Holroyd erlösen. Ein vereinzelter Lichtstrahl drang durch den offenen Torweg des pochenden Maschinenhauses, während er das tat, und der Herr der Dynamos erstrahlte, während er wirbelte und donnerte, in blassem Gold. Und da wußte Azuma-zi, daß seine Gebete seinem Herrn angenehm waren. Von da ab fühlte er sich nicht mehr so verlassen wie bisher; und er war sehr, sehr einsam gewesen in London. Noch wenn seine Arbeitszeit vorüber war – was selten genug vorkam – trieb er sich um das Maschinenhaus herum.

Nächstes Mal, als Holroyd ihn mißhandelte, ging Azuma-zi nachher zum Herrn der Dynamos und flüsterte: »Du siehst es, o Herr!« Und das zornige Schwirren der Maschine schien zu antworten. Dann kam es ihm so vor, als ob, so oft Holroyd ins Maschinenhaus kam, in die verschiedenen Geräusche der Maschine eine neue Note käme. »Mein Herr und Gott harrt seiner Zeit!« sagte sich Azuma-zi. »Noch ist die Missetat des Toren nicht reif!« Und er harrte und hoffte auf den Tag der Abrechnung. Eines Tages drohte ein Kurzschluß – es war am Nachmittag –, und die Maschine versetzte Holroyd, als er sie ziemlich unvorsichtig untersuchte, einen bösen Schlag. Azuma-zi, der hinten stand, sah ihn abspringen und auf den heimtückischen Draht fluchen.

»Er ist gewarnt!« sagte sich Azuma-zi. »In Wahrheit – mein Herr und Gott ist sehr langmütig!«

Holroyd hatte seinen »Nigger« anfänglich insoweit in die Elementarbegriffe der Konstruktion seiner Dynamos eingeweiht, daß er ihm während seiner, Holroyds, zeitweiligen Abwesenheit das Maschinenhaus anvertrauen konnte. Als er aber bemerkte, in welcher Weise Azuma-zi das Ungeheuer umschlich, wurde er argwöhnisch. Es ging ihm die undeutliche Vorstellung auf, daß sein Heizer irgend etwas im Schild führte, und indem er ihm vorwarf, die Drähte mit einem Öl eingeschmiert zu haben, das an einer Stelle den Lack zerfressen hätte, erließ er sofort ein Edikt, das er ihm über das Getöse der Maschinerie weg zubrüllte: »Komm du mir nicht mehr der großen Maschine zu nah', Pooh-bah, oder ich zieh' dir die Haut über die Ohren!« Und überhaupt – wenn es Azuma-zi Spaß machte, sich in der Nähe der großen Dynamo herumzutreiben, so war es einfach Anstandspflicht, ihn daran zu verhindern!

Azuma-zi gehorchte für den Augenblick; aber später erwischte ihn Holroyd, wie er vor dem Herrn der Dynamos seinen Salaam machte. Holroyd drehte ihm den Arm herum und gab ihm, als er abging, noch ein paar Fußtritte. Als Azuma-zi gleich darauf hinter dem Kessel stand und den Rücken des verhaßten Holroyd anstarrte, erklangen die Geräusche der Maschine in einem neuen Rhythmus und lauteten wie vier Worte seiner heimatlichen Sprache ...

Es ist schwer, genau zu sagen, was Verrücktheit ist. Ich denke mir, Azuma-zi war verrückt. Das unablässige Dröhnen und Wirbeln des Maschinenhauses mag seinen kleinen Vorrat an Wissen und seinen großen Schatz an abergläubischen Vorstellungen nach und nach zu einer Art Wahnwitz durcheinander gerüttelt haben. Jedenfalls – als der Gedanke, Holroyd dem Dynamofetisch zu opfern, ihm wie eine Eingebung kam, erfüllte er ihn mit einem ganz seltsamen Aufruhr frohlockender Erregung. In dieser Nacht waren die zwei Männer und ihre schwarzen Schatten allein miteinander im Maschinenhaus. Es war durch eine große Bogenlampe erleuchtet, die purpurn flammte und flackerte. Schwarz lagen die Schatten hinter den Dynamos, die Anker der Motore wirbelten zwischen Licht und Dunkel hin und her, die Pistons pochten laut und regelmäßig. Die Welt, die man draußen; durch das offene Ende des Maschinenschuppens sah, erschien unglaublich undeutlich und fern. Auch völlig stumm erschien sie, weil das Toben der Maschinen jeglichen Laut von draußen übertäubte. Ganz hinten stand das schwarze Gitter des Hofs, mit grauen, schattenhaften Häusern jenseits; und darüber waren der tiefe blaue Himmel und die bleichen kleinen Sterne. Azuma-zi schritt plötzlich durch die Mitte des Schuppens, unter der die Lederriemen liefen, und verschwand im Schatten der großen Dynamo. Holroyd vernahm ein Schnappen, und das Sausen der Armatur wechselte.

»Was hast du da an dem Hebel zu schaffen?« brüllte er voller Erstaunen. »Hab' ich dir nicht gesagt – –«

Dann – als der Asiate aus dem Schatten auf ihn zukam, sah er den entschlossenen Ausdruck in Azuma-zis Augen ...

Im nächsten Moment rangen die beiden Männer wütend vor der großen Dynamo.

»Du kaffee-köpfiger Esel!« keuchte Holroyd mit einer braunen Hand an seiner Gurgel, – »weg von den Kontaktrollen!«

Im nächsten Augenblick fühlte er sich zurückgeworfen und taumelte gegen den Gott der Dynamos. Instinktiv ließ er seinen Gegner los, um sich vor der Maschine zu retten ...

Der Bote, der in wilder Hast von der Station ausgesandt wurde, um nachzusehen, was in der Maschinenhalle geschehen war, begegnete Azuma-zi beim Wächterhaus am Tor. Azuma-zi versuchte, etwas zu erklären; aber der Bote konnte nicht klug werden aus dem zusammenhangslosen Englisch des Schwarzen und hastete weiter nach dem Maschinenschuppen. Die Maschinen waren alle lärmend bei der Arbeit, nichts schien in Unordnung. Bloß ein sonderbarer Geruch von versengtem Haar machte sich bemerkbar. Dann sah er eine merkwürdig aussehende klumpige Masse vorn an der großen Maschine hängen, und als er nähertrat, erkannte er die verzerrten Überreste Holroyds.

Der Mann riß die Augen auf und zögerte eine Sekunde. Dann sah er das Gesicht und schloß die Augen wieder krampfhaft. Er drehte sich um, ehe er sie wieder öffnete, damit er Holroyd nicht noch einmal sehen mußte, und verließ das Maschinenhaus, um Hilfe herbeizuschaffen und sich seine Anweisungen zu holen.

Als Azuma-zi Holroyd in den Krallen der großen Dynamo umkommen sah, befiel ihn doch so etwas wie Schreck vor den Folgen seiner Tat. Trotzdem hatte er ein seltsam erhebendes Gefühl; er wußte, die Gnade des Dynamo-Gottes war über ihm. Als er dem Mann, der von der Station kam, begegnete, war sein Plan schon gemacht, und der Oberingenieur, der gleich darauf auf dem Schauplatz erschien, schloß ohne Zögern auf Selbstmord. Dieser Sachverständige beachtete überhaupt Azuma-zi kaum, außer um ein paar Fragen an ihn zu stellen. Ob er gesehen hätte, wie Holroyd sich umbrachte? Azuma-zi erklärte, er sei am Kohlenbehälter der Maschine gewesen, bis er eine Veränderung im Geräusch, das sie machte, gehört hätte. Es war kein schwieriges Verhör, weil ein Verdacht überhaupt nicht existierte.

Die zermalmten Überreste Holroyds, die ein Mechaniker von der Maschine löste, wurden vom Wächter so rasch wie möglich mit einem Tischtuch voll Kaffeeflecken zugedeckt. Irgend jemand hatte die glückliche Eingebung, einen Arzt zu holen. Dem Ingenieur lag hauptsächlich daran, die Maschine wieder in Gang zu bringen; denn schon waren sieben oder acht Züge mitten in den dumpfen Tunnels der elektrischen Bahn steckengeblieben. Azuma-zi, der die Fragen der Leute, die entweder auf Aufforderung hin oder aus Naseweisheit ins Maschinenhaus gekommen waren, teils beantwortete, teils mißverstand, wurde vom Oberingenieur wieder in den Heizraum geschickt. Natürlich sammelte sich draußen, vor den Toren des Hofes, eine Menschenmenge an – immer lungert – Gott weiß, weshalb! – in London eine Menschenmenge ein oder zwei Tage lang um den Schauplatz eines plötzlichen Todesfalls herum! Zwei oder drei Reporter drangen bis in das Maschinenhaus, einer sogar bis zu Azuma-zi; aber der Oberingenieur, der selber in Journalistik machte, trieb sie schleunigst wieder hinaus.

Bald darauf wurde die Leiche fortgeschafft, und mit ihr verzog sich auch das öffentliche Interesse. Azuma-zi blieb ganz still in seinem Heizraum; er sah immer und immer wieder in den Kohlen eine Gestalt, die sich heftig wand und krümmte und schließlich still ward ... Eine Stunde nach dem Mord mußte das Maschinenhaus für jeden, der hereinkam, genau so aussehen, als wäre überhaupt nie etwas Besonderes geschehen. Als der Schwarze nach einer Weile aus dem Maschinenraum guckte, sah er den Dynamo-Gott neben seinen kleinen Brüdern kreisen und wirbeln; die Triebräder sausten, der Dampf der Pistons pochte – genau so wie früher am Abend. Schließlich – vom mechanischen Gesichtspunkt aus – war es ein sehr unbedeutendes Vorkommnis gewesen – die bloße zeitweilige Abweichung eines Stroms! Bloß daß jetzt die schlanke Gestalt und der schlanke Schatten des Oberingenieurs an Stelle der massiven Umrisse Holroyds in dem Lichtpfad auf dem vibrierenden Boden unter den Riemen zwischen den Maschinen und Motoren auf und ab ging.

»Hab' ich nicht meinem Herrn gedient?« sagte Azuma-zi unhörbar aus seinem Schatten heraus; und der Klang der großen Dynamo ertönte voll und klar. Und während er den riesigen, wirbelnden Mechanismus betrachtete, gewann der seltsame Zauber, der seit Holroyds Tod ein bißchen zurückgedrängt gewesen war, wieder seine alte Herrschaft.

Nie hatte Azuma-zi einen Mann so rasch und erbarmungslos töten sehen. Die riesige, dröhnende Maschine hatte ihr Opfer erschlagen, ohne auch nur eine Sekunde lang in ihrem gleichmäßigen Pulsieren zu stocken. Wahrlich, es war ein gewaltiger Gott!

Der ahnungslose Oberingenieur stand, den Rücken ihm zugewandt, und kritzelte etwas auf ein Stück Papier. Sein Schatten lag am Fuß des Ungeheuers.

Ob der Herr noch immer hungrig war? Sein Diener war bereit!

Azuma-zi tat einen verstohlenen Schritt vorwärts. Dann hielt er inne. Der Oberingenieur hörte plötzlich auf zu schreiben, ging durch die Halle bis zur hintersten Maschine und fing an, ihre Bürsten zu untersuchen.

Azuma-zi zauderte; dann schlüpfte er geräuschlos in den Schatten neben dem Hebel. Da wartete er. Gleich darauf hörte er die Schritte des Oberingenieurs zurückkommen. Dieser blieb an seinem vorigen Platz stehen, ahnungslos, daß der Heizer zehn Meter weit von ihm kauerte. Dann – plötzlich – zischte die große Dynamo auf, und im nächsten Augenblick hatte Azuma-zi aus der Dunkelheit ihn angesprungen.

Erst fühlte sich der Oberingenieur um den Leib gepackt und nach der großen Dynamo hingezerrt; dann – mit dem Knie ausstoßend und den Kopf seines Gegners mit den Händen niederdrückend, machte er sich frei und sprang von der Maschine zurück. Wieder packte ihn der Schwarze, indem er ihm seinen lockigen Kopf gegen die Brust stemmte, und sie schwankten und keuchten – fast jahrhundertelang, schien es ihm! Endlich kam dem Oberingenieur die Eingebung, mit den Zähnen eins der schwarzen Ohren zu packen und wütend zuzubeißen. Der Schwarze stieß ein fürchterliches Geheul aus.

Sie rollten miteinander über den Fußboden, und der Schwarze, der augenscheinlich sich von den blutdürstigen Zähnen befreit oder auch vielleicht ein Stück seines Ohrs darin zurückgelassen hatte – der Oberingenieur überlegte sich das noch mitten im Kampf – versuchte ihn zu erwürgen. Der Oberingenieur machte ein paar hilflose Anstrengungen, sich mit den Händen irgendwo festzukrallen und mit den Füßen auszuschlagen, als plötzlich der willkommene Klang von Schritten auf dem Boden ertönte. Im nächsten Augenblick war Azuma-zi aufgesprungen und hatte sich auf die große Maschine gestürzt. Ein Zischen erklang mitten durch das Getöse.

Der Beamte der Gesellschaft, der eben eingetreten war, stand still und sah starren Blickes, wie Azuma-zi die nackten Stangen mit den Händen packte, sich in einem einzigen, scheußlichen Krampf zusammenzog und dann, mit schrecklich verzerrtem Gesicht, regungslos von der Maschine herabhing.

»Ich bin verdammt froh, daß Sie gerade dazu gekommen sind,« sagte der Oberingenieur, der noch auf der Erde hockte.

Er sah nach der noch zuckenden Gestalt hinüber. »Ein schöner Tod ist's augenscheinlich nicht. Aber ein rascher.« Der Beamte starrte noch immer den Leichnam an. Er war ein Mensch von langsamem Begriffsvermögen.

Es entstand eine Pause.

Der Oberingenieur stand ein bißchen mühselig auf. Er fuhr sich gedankenvoll mit den Fingern unter dem Kragen um den Hals und bewegte seinen Kopf wiederholt her und hin. »Armer Holroyd! Jetzt begreif' ich ...« Dann ging er fast mechanisch zu dem Hebel im Schatten und leitete den Strom wieder in die Bahnverbindung. Während er das tat, löste sich der versengte Leichnam von der Maschine und fiel vornüber aufs Gesicht. Der Herzschlag der Dynamo dröhnte laut und klar, und die Armatur schlug durch die Luft.

So endete – vorzeitig – der Kult der Dynamogottheit – wohl der kurzlebigsten Religion aller Religionen. Immerhin kann sie sich eines Martyriums und eines Menschenopfers rühmen ...

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