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Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten

Herbert George Wells: Der gestohlene Bazillus und andere Geschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHerbert George Wells
titleDer gestohlene Bazillus und andere Geschichten
publisherVerlag von Julius Hoffmann
printrunDritte Auflage
yearo.J.
firstpub1910
translatorGertrud I. Klett
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20170119
modified20170308
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Der Gasfang

Die Nacht war schwül und bedeckt; ein roter Rand vom zaudernden Mittsommer-Sonnenuntergang säumte den Himmel. Sie saßen am offenen Fenster und versuchten beide, sich einzubilden, die Luft sei frischer da. Die Bäume und Büsche des Gartens standen starr und dunkel. Drüben – auf der Straße – brannte eine Gaslaterne hell-orangefarben gegen das dunstige Abendblau ... Weiter hinten standen drei Eisenbahnsignale gegen den sinkenden Himmel ... Der Mann und das Weib redeten in leisen Stimmen miteinander.

»Er hegt keinen Verdacht?« sagte der Mann, ein bißchen nervös.

»Er?« erwiderte sie mißmutig, als ob die bloße Frage sie reize.

»Er denkt an nichts als an seine Hochöfen und Kohlenpreise. Er hat keine Phantasie ... keine Poesie ...«

»Das haben all diese Eisenmänner nicht,« sagte er sentenziös. »Sie haben kein Herz.«

»Er jedenfalls nicht,« sagte sie. Sie wandte ihr unzufriedenes Gesicht nach dem Fenster. Ein fernes Geräusch von Sausen und Tosen kam näher ... nahm zu an Stärke ... Das Haus zitterte; man hörte das metallische Rasseln des Tenders. Ein greller Lichtschein und ein treibendes Rauchgewoge ... der Zug fuhr vorüber: ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht schwarze Rechtecke – acht Kohlenwagen zogen über das undeutliche Grau des Damms und verschwanden plötzlich wieder, einer nach dem andern, im Schlund des Tunnels, der – mit dem letzten – Zug, Rauch und Lärm in einem einzigen, jähen Aufschluck zu verschlingen schien ...

»Und all dies,« sagte er, »war einmal frisch und schön und jung! Und jetzt – – ist es Gehenna! Den ganzen Weg entlang – nichts als Hochöfen und Schornsteine, die Flammen und Asche, Feuer und Staub gen Himmel speien! ... Aber was schadet's? Ein Ende wird sein einmal ... ein Ende all dieser Grausamkeit ... Morgen! ...« Das letzte Wort war bloß ein Flüstern.

»Morgen!« wiederholte sie, ebenfalls flüsternd und noch immer aus dem Fenster starrend.

»Liebste!« sagte er, seine Hand über ihre legend.

Sie fuhr auf, und ihre Augen senkten sich ineinander.

Die ihren wurden weich unter seinem Blick. »Du Lieber!« sagte sie. Dann fuhr sie fort: »So seltsam scheint es mir, daß du so in mein Leben gekommen bist ... um ...« Sie hielt inne.

»Um?« sagte er.

»Um mir diese ganze wundervolle Welt zu schenken ...« sie zögerte und sprach noch weicher ... »Diese Welt von Liebe

Da ... plötzlich ... klinkte die Tür ... und schloß sich wieder. Sie wandten beide den Kopf; und er fuhr hastig zurück. Im Schatten des Zimmers stand eine große, schattenhafte Gestalt ... stumm. Nur undeutlich sahen sie im Zwielicht das Gesicht mit den ausdruckslosen, dunkeln Flecken unter den überhängenden Brauen. Jeder Muskel in Rauts Körper straffte sich plötzlich. Wann mochte die Tür aufgegangen sein? Was hatte er gehört? Ob er alles gehört hatte? Was hatte er gesehen? Ein Sturm von Fragen ...

Endlich ... nach einer Pause, die kein Ende zu nehmen schien, kam die Stimme des Neukömmlings.

»Nun?«

»Ich fürchtete schon, ich hätte dich verfehlt, Horrocks!« sagte der Mann am Fenster, und faßte mit der Hand nach dem Fenstersims. Seine Stimme war unsicher ...

Die ungeschickte Figur Horrocks' trat vor ... aus dem Schatten ... Er antwortete nichts auf Rauts Bemerkung. Einen Moment lang stand er so ... über ihnen ...

Dem Weib gefror das Herz in der Brust.

»Ich sagte Mr. Raut, du würdest wahrscheinlich bald kommen,« sagte sie. Kein Zittern war in ihrer Stimme.

Horrocks, noch immer stumm, setzte sich plötzlich nieder ... in den Stuhl neben ihrem kleinen Nähtisch. Seine großen Hände waren geballt ... Das Feuer seiner Augen flammte jetzt unter dem Schatten seiner Brauen hervor. Mühsam holte er Atem. Seine Augen wanderten von dem Weib, dem er vertraut hatte, zu dem Freund, dem er vertraut hatte ... und wieder zurück zu dem Weib ...

Jetzt ... in diesem einzigen Augenblick ... verstanden alle drei einander. Und doch wagte keiner ein Wort zu sagen, das den angestauten Dingen, die in ihnen würgten, Luft geschafft hätte ... Die Stimme des Gatten war es, die endlich das Schweigen brach.

»Du wolltest zu mir?« sagte er zu Raut.

Raut fuhr auf. »Ja, ich wollte zu dir,« sagte er, entschlossen, zu lügen bis aufs äußerste.

»Ja?« sagte Horrocks.

»Du hast versprochen,« sagte Raut, »mir ein paar schöne Effekte von Mondschein und Rauch zu zeigen ...«

»Ich hab' dir versprochen, dir ein paar schöne Effekte von Mondschein und Rauch zu zeigen ...« wiederholte Horrocks mit farbloser Stimme.

»Und ich dachte, ich könnte dich heut' Abend noch abfangen, eh' du nach den Eisenwerken gehst,« fuhr Raut fort, »und dich begleiten.«

Neue Pause. Ob der Mann die Sache wirklich so kühl nahm? Ob er überhaupt wußte ...? Wie lang er überhaupt schon im Zimmer war? ... Und doch ... ihre beiderseitige Stellung ... im Augenblick, als sie die Tür gehen hörten ... Horrocks blickte auf das Profil der Frau, das im Zwielicht schattenhaft-fahl schimmerte. Dann blickte er auf Raut und schien sich mit einem Ruck aufzuraffen. »Natürlich!« sagte er, »ich hab' versprochen, dir die Hüttenwerke unter den dazugehörigen dramatischen Bedingungen zu zeigen. Sonderbar, daß ich das vergessen konnte!«

»Wenn es dir Mühe macht –« begann Raut.

Horrocks fuhr wieder zusammen. Ein neues Licht war plötzlich in das schwüle Düster seiner Augen gekommen. »Nicht im geringsten!« sagte er.

»Hast du Raut von all deinen Kontrasten von Flammen und Schatten vorerzählt, die du so wunderbar findest?« sagte die Frau. Zum erstenmal wandte sie sich jetzt – mit leise zurückkehrender Sicherheit und einer Stimme, die just um einen halben Ton zu hoch klang, an ihren Gatten. »Deine ganze entsetzliche Theorie, daß alles, was Maschine heißt, schön ist, und alles andere auf der Welt häßlich? Ich dacht' es mir wohl, daß er Sie nicht verschonen würde, Mr. Raut. Es ist seine große Theorie ... seine eine Entdeckung auf dem Gebiet der Kunst!«

»Ich bin nicht groß im Entdecken,« sagte Horrocks mit einem Grimm, der sie jäh verstummen machte. »Aber was ich entdecke ...« Er hielt inne.

»Nun?« sagte sie.

»Nichts.« Und er stand hastig auf.

»Ich hab' versprochen, dir die Hüttenwerke zu zeigen,« sagte er zu Raut und legte seine große, derbe Hand dem Freund auf die Schulter. »Paßt es dir jetzt?«

»Gewiß!« erwiderte Raut und erhob sich.

Wieder trat eine Pause ein. Jeder von den dreien spähte durch das undeutliche Zwielicht nach den beiden andern. Horrocks' Hand ruhte noch immer auf Rauts Schulter. Raut glaubte halb und halb, die ganze Sache habe nichts zu bedeuten. Aber Mrs. Horrocks kannte ihren Gatten besser, kannte die grimmige Ruhe in seiner Stimme, und die Verwirrung in ihren Gedanken nahm fast die Form physischen Leidens an. »Gut!« sagte Horrocks und wandte sich, seine Hand von Rauts Schulter gleiten lassend, zur Tür.

»Mein Hut?« Raut sah sich im Dämmerlicht um.

»Das ist mein Arbeitskorb,« sagte Mrs. Horrocks mit einem hysterischen Auflachen. Ihre Hände begegneten sich hinter der Lehne des Sessels. »Da ist er!« sagte er.

Ein Impuls trieb sie, ihn leise zu warnen, aber sie brachte kein Wort zusammen. »Geh' nicht!« oder »Nimm dich in acht!« schoß es ihr durch den Kopf; und schon war der rasche Moment vorüber.

»Hast du ihn?« sagte Horrocks unter der halbgeöffneten Tür.

Raut ging auf ihn zu. »Du verabschiedest dich besser gleich von Mrs. Horrocks,« sagte der Hüttenherr mit noch grimmigerer Ruhe in der Stimme als zuvor.

Raut fuhr zusammen und wandte sich um. »Guten Abend, Mrs. Horrocks!« sagte er, und ihre Hände berührten sich.

Horrocks hielt mit einer zeremoniösen Höflichkeit, die Männern gegenüber ihm sonst fremd war, die Tür offen. Raut trat hinaus, und, nach einem wortlosen Blick auf die Frau, folgte der Gatte. Sie stand regungslos, während Rauts leichte Schritte und ihres Gatten schwerer Tritt, wie Baß und Diskant, zusammen im Korridor erklangen. Die Haustür schlug schwer zu. Die Frau ging mit langsamen Bewegungen zum Fenster und beugte sich wartend vor. Einen Augenblick tauchten die beiden Männer beim Gitter an der Straße auf, gingen unter der Laterne vorüber und verschwanden in den schwarzen Massen des Gesträuchs. Der Laternenschein fiel einen Moment lang auf ihre Gesichter; aber er beleuchtete bloß zwei ausdruckslose, blasse Kleckse, die nichts verrieten von dem, was sie fürchtete – und bezweifelte – und vergebens zu ergründen suchte. Dann sank sie, halb zusammengekauert, in den großen Lehnstuhl und starrte mit weitaufgerissenen Augen nach den roten Lichtern der Hochöfen hinüber, die am Himmel zuckten. Eine Stunde später saß sie noch immer so – fast in derselben Stellung ...

Die drückende Stille des Abends lastete schwer auf Raut. Sie gingen Seite an Seite stumm die Straße hinab und bogen stumm in den mit Asche bestreuten Seitenweg ein, der bald darauf den Ausblick aus das Tal freigab.

Ein blauer Dunst – halb Staub, halb Nebel – wob einen Hauch von Geheimnis über das lange Tal. Jenseits lagen Hamley und Etruria – große, dunkle Massen, durch die sich die dünnen Linien der spärlichen, goldenen Laternenpunkte zogen; da und dort ein gaserhelltes Fenster oder der gelbe Schein einer Fabrik mit Nachtbetrieb oder eines vollen Wirtshauses. Aus den Massen hob sich, schlank und klar, eine Unzahl hoher Schornsteine gegen den Abendhimmel – einige davon, einer momentanen Arbeitseinstellung oder eines Streiks wegen – rauchlos. Da und dort zeigte ein fahler Fleck und gespenstische, verkrüppelte Bienenkorbformen die Stelle an, wo eine Dammgrube lag, oder ein Rad, das sich schwarz und scharf vom heißen, tieferen Himmel abhob, bezeichnete ein Kohlenlager, wo die irisierende Kohle emporgezogen wird. Etwas näher lag die breite Bahnstrecke, und halb unsichtbare Züge keuchten vorüber – ein ununterbrochenes Rattern und Pusten, mit jedem Zug eine klingende Erschütterung, eine rhythmische Reihenfolge von Stößen und ein Schwarm von abgerissenen, weißen Dampfwolken, die den Ausblick versperrten. Und zur Linken, zwischen der Bahn und der dunkeln Masse der niederen Anhöhe jenseits, das ganze Bild beherrschend, kolossal, tintenschwarz und von Rauch und flackernden Flammen gekrönt, standen die großen Zylinder der Jeddah-Company-Hochöfen, der Zentralgebäude der ausgedehnten Eisenwerke, deren Direktor Horrocks war. Schwer und drohend standen sie da, voll einer unaufhörlichen Unruhe von Flammen und zischendem geschmolzenem Eisen, und zu ihren Füßen ratterten die Walzwerke, und der Dampfhammer ertönte schwer und spritzte die weißen Eisenfunken nach allen Seiten hinaus. Eben als die beiden Männer hinsahen, wurde ein Rollwagen voll Koks in einen der Riesen geschoben, und die roten Flammen glühten heraus und ein Wirbel von Rauch und schwarzem Staub stieg kochend aufwärts in die Luft.

»Ja, eure Öfen geben allerdings manchmal schöne Farbeneffekte!« sagte Raut, um ein Schweigen zu brechen, das drohend geworden war.

Horrocks knurrte etwas. Er stand, beide Hände in den Taschen, still und blickte finster auf die dampfende Eisenbahn und die unermüdlichen Eisenwerke dahinter, finster, als brüte er ein schwieriges Problem aus.

Raut sah ihn an und wieder zur Seite. »Dein Mondscheineffekt ist augenblicklich noch schwerlich auf der Höhe!« fuhr er, aufwärtsblickend, fort. »Die letzte Helle des Tageslichts erdrückt den Mond noch.«

Horrocks starrte ihn an mit einem Ausdruck, als sei er eben aus dem Schlaf aufgewacht. »Letzte Helle des Tages? ... Selbstverständlich, selbstverständlich!« Er blickte jetzt auch zum Mond empor, der noch blaß am Mittsommerhimmel stand. »Komm' weiter!« sagte er plötzlich, ergriff Raut am Arm und zog ihn gegen den Fußweg, der zur Bahn hinunterführte.

Raut zögerte. Ihre Augen trafen sich und sahen in einer Sekunde tausend Dinge, die ihnen beiden auf den Lippen lagen. Horrocks Griff wurde fester und ließ dann nach. Seine Hand fiel zurück, und eh' Raut wußte, wie, wanderten sie Arm in Arm – der eine von ihnen sehr wider Willen – den Weg hinunter.

»Sieh, wie schön sich die Bahnsignale gegen Burslem zu machen!« sagte Horrocks in einem plötzlichen Anfall von Gesprächigkeit. Er schritt dabei rasch aus und drückte den Ellbogen fest an den Leib. »Kleine, grüne Lichter und rote und weiße Lichter, alle im Dunst. Du hast ein Auge für Effekt, Raut. Das ist ein feiner Effekt. Und meine Hochöfen – wie sie vor uns emporwachsen, während wir den Hügel herunterkommen! Der rechts ist mein Liebling. Siebzig Fuß hoch. Ich hab' ihn selber aufgestellt, und seit fünf langen Jahren brodelt er jetzt vergnüglich drauf los mit Eisen in seinen Eingeweiden. Für den hab' ich eine ganz besondere Schwäche. Die Linie Rot dort – du würdest es ein wunderschönes, warmes Orange nennen. Raut! – das sind die Puddelöfen, und dort, in dem heißen Licht, die drei schwarzen Gestalten – hast du vorhin das weiße Aufspritzen des Dampfhammers gesehen? – das sind die Walzwerke. Komm weiter! Kling-klang – wie es über den Boden rattert! Eisenblech! Raut! Stupende Ware! Spiegel sind gar nichts dagegen, wenn das aus den Walzwerken kommt. Bumm! – Da geht der Hammer wieder! Komm weiter!«

Er mußte aufhören und Atem holen. Sein Arm preßte den Rauts mit lähmendem Zwang an sich. Er schritt jetzt auf dem schwarzen Pfad nach der Eisenbahn hinunter wie besessen voran. Raut hatte kein Wort gesprochen, sondern hatte sich bloß mit all seiner Kraft gegen Horrocks' Vorwärtszerren gestemmt.

»Hallo!« sagte er jetzt mit einem nervösen Lachen, das einen Unterton von Gereiztheit hatte. »Weshalb ins Kuckucks Namen reißt du mir eigentlich den Arm aus, Horrocks, und schleppst mich in dieser Weise vorwärts?«

Endlich ließ Horrocks ihn los. Wieder wurde er plötzlich ein anderer. »Dir den Arm ausreißen?« sagte er. »Tut mir leid! Aber du hast mich das gelehrt – so freundschaftlich miteinander zu wandern.«

»Jedenfalls hast du dann die Feinheiten der Sache noch nicht begriffen!« erwiderte Raut und lachte wieder sein erkünsteltes Lachen. »Donnerwetter! Ich bin ganz grün und blau!« Horrocks schwang sich zu keiner Entschuldigung auf. Sie standen jetzt fast am Fuß der Anhöhe, dicht bei dem Gitter, das die Bahnlinie absperrte. Die Hüttenwerke waren, je mehr sie sich ihnen näherten, größer und ausgedehnter geworden. Sie blickten jetzt zu den Hochöfen auf, anstatt auf sie herab. Der Ausblick auf Hamley und Etruria war nach und nach während des Abstiegs versunken. Vor ihnen, neben dem Bahnübergang, stand eine Warnungstafel, auf der, noch undeutlich sichtbar, und von Kohlenschmutzspritzern halb verdeckt, die Worte standen: Achtung vor den Zügen!

»Feine Effekte!« sagte Horrocks und schwenkte den Arm durch die Luft. »Da kommt ein Zug. Die Rauchwolken, die orangefarbene Glut, das runde Lichtauge vorn, das klingende Rasseln ... Feine Effekte! Aber meine Hochöfen waren schöner, früher, eh' wir ihnen Gasfänge in den Schlund steckten, um Gas zu sparen.«

»Wieso?« fragte Raut. »Gasfänge?«

»Gasfänge, mein Bester, jawohl, Gasfänge. Ich will dir einen in der Nähe zeigen. Früher brachen die Flammen aus dem offenen Schlund. Große – – ja, wie heißt es doch? – Wolkensäulen bei Tag – roter und schwarzer Rauch – – und Feuersäulen bei Nacht. Jetzt leiten wir es in Röhren und verbrennen es, um das Gebläse zu heizen, und schließen die Öffnung mit einem Gasfang. Er wird dich interessieren, dieser Gasfang.«

»Aber manchmal,« sagte Raut, »kommt doch eine Wolke von Flammen und Rauch heraus.«

»Der Gasfang ist nicht festgemacht, sondern hängt an einer Kette an einem Hebel und hält sich selber im Gleichgewicht. Du wirst es in der Nähe sehen. Sonst würde man ja natürlich die Geschichte gar nicht feuern können. Ab und zu kippt der Gasfang einmal und die Flammen schießen heraus.

»Ah so!« sagte Raut. Er blickte über die Schulter zurück. »Der Mond wird heller!« bemerkte er.

»Komm!« sagte Horrocks unvermittelt, indem er ihn wieder an der Schulter packte und ihn plötzlich nach dem Bahnübergang zog. Und dann folgte einer der raschen Augenblicke, die so lebendig sind und doch hastig, daß sie einen halb taumelnd und voller Zweifel zurücklassen ... Als die beiden zur Hälfte drüben waren, schloß Horrocks' Hand sich plötzlich krampfhaft um Rauts Schulter und schwenkte ihn mit einer halben Wendung nach rückwärts, so daß er das Geleise vor sich hatte. Und auf diesem verdeutlichte sich in raschem Näherkommen eine Kette von erleuchteten Wagen, und die roten und gelben Lichter einer Lokomotive wurden größer und größer, je mehr sie sich ihnen näherten ... Als er begriff, was das bedeutete, wandte er sein Gesicht Horrocks zu und zerrte mit aller Kraft an dem Arm, der ihn zwischen den Schienen zurückhielt. Der Kampf währte keine Sekunde. So gewiß es gewesen war, daß Horrocks ihn festgehalten hatte, so gewiß war es, daß er mit Heftigkeit der Gefahr entrissen ward ...

»Aus dem Weg!« sagte Horrocks, schwer atmend, während der Zug vorüberrasselte und sie keuchend am Gittertor standen, das zu den Eisenwerken führte.

»Ich hab' ihn nicht kommen sehen,« sagte Raut – mit einem Versuch, auch jetzt noch, trotz seiner bangen Ahnungen, den Schein eines ganz alltäglichen Zusammenseins aufrechtzuerhalten.

Horrocks' Antwort war wieder nur ein Knurren. »Der Gasfang!« sagte er. Und gleich darauf, als raffe er sich zusammen: »Ich dachte, du hörtest ihn nicht.«

»Hab' ich auch nicht,« erwiderte Raut.

»Um keinen Preis der Welt hätt' ich haben mögen, daß du jetzt überfahren worden wärst,« sagte Horrocks.

»Ich hab' einen Augenblick lang den Kopf verloren!« entgegnete Raut.

Eine halbe Minute lang stand Horrocks still; dann wandte er sich wieder nach den Eisenwerken. »Sieh', wie gut meine großen Abfallhaufen ... meine Hügel ... bei Nacht sich machen! Und dort ... der Rollwagen! Wie er hinauffährt und umkippt und die Schlacken ausleert! Sieh, wie das zuckende, rote Zeug den Hang hinunterrutscht! Je näher wir kommen, desto höher wird der Hügel ... verdeckt fast die Hochöfen. Sieh, wie es auf dem großen flackert und zuckt! Nein ... nicht da! Dort ... zwischen den Schlackenhaufen! Das kommt in die Puddelöfen. Aber erst will ich dir den Kanal zeigen.« Er faßte Raut am Ellbogen, und Seite an Seite schritten sie weiter. Raut antwortete Horrocks ziemlich ins Blaue hinein. Was – fragte er sich – war eigentlich geschehen auf den Schienen? Narrte ihn seine eigene Einbildung – oder hatte Horrocks ihn wirklich auf der Bahnlinie festgehalten? War er wirklich mit knapper Not der Gefahr entgangen, ermordet zu werden?

Wenn nun dies brütende, finstere Ungeheuer wußte ...? Ein oder zwei Minuten lang hatte Raut tatsächlich allen Ernstes Angst um sein Leben. Aber während er überlegte, ging die Stimmung auch schon vorüber. Schließlich – wer weiß – Horrocks brauchte gar nichts gehört zu haben. Jedenfalls hatte er ihn doch zeitig genug noch weggerissen. Sein seltsames Wesen war vielleicht nichts als eine Art unbestimmter Eifersucht, wie er sie schon einmal gezeigt hatte. Er redete jetzt eben von den Aschenhaufen und dem Kanal. »Nicht?« schloß er.

»Was?« entgegnete Raut. »Jawohl! Dieser Dunst – im Mondschein! Famos!«

»Unser Kanal,« sagte Horrocks, plötzlich stehenbleibend, »unser Kanal im Mondschein und Flammenbeleuchtung ist ganz kolossal effektvoll! Das hast du nie gesehen? Nicht zu glauben! Du hast viel zu viel von deinen Abenden droben in Newcastle verliebelt! Ich kann dir sagen ... so recht farbenheiß effektvoll ... Na, du wirst selber sehen! Siedendes Wasser ...«

Als sie aus dem Labyrinth von Abfallhaufen und Schlacken- und Roheisenhügeln traten, überfiel sie ganz plötzlich der Lärm der Walzwerke ... nah und laut und deutlich. Drei schattenhafte Arbeiter gingen vorüber und grüßten Horrocks. Ihre Gesichter verschwammen in der Dunkelheit. Raut hatte ein flüchtiges Empfinden, als müsse er sie anreden; aber eh' er wußte, wie, verschwanden sie in den Schatten. Horrocks deutete auf den Kanal, der jetzt dicht vor ihnen lag: ein unheimlicher Ort – so unter den blutroten Flammen der Hochöfen. Etwa fünfzig Schritt weiter oben schoß das Wasser, das die Düsen kühlte, – ein stürmisch bewegter, fast brodelnder Zufluß; in schweigenden, weißen Streifen und Fetzen stieg der Dampf vom Wasser auf und schlang sich feucht um sie – ein ununterbrochener Reigen von Gespenstern, der aus den schwarzen und roten Wirbeln stieg, ein weißes Emporschweben, vor dem den Gedanken schwindelte. Der glänzend schwarze Turm des größeren Hochofens hob sich oben aus dem Nebel, und sein dröhnender Lärm füllte ihnen die Ohren. Raut hielt sich etwas vom Ufer des Wassers entfernt und beobachtete Horrocks.

»Hier ist er rot,« sagte Horrocks, »blutroter Dampf, rot und heiß wie die Sünde; aber dort hinten, wo das Mondlicht darauffällt, und er über die Aschenhaufen treibt, ist er weiß wie der Tod.«

Raut wandte einen Augenblick den Kopf und kehrte dann hastig wieder in seine beobachtende Stellung zurück. »Komm weiter – zu den Walzwerken!« sagte Horrocks. Der drohende Griff war diesmal weniger fühlbar, und Raut faßte wieder etwas Zutrauen. Und doch – was in aller Welt meinte Horrocks mit seinem »weiß wie der Tod« und »rot wie die Sünde?« Einfach ein Zufall, vielleicht?

Sie gingen weiter und blieben eine kurze Weile hinter den Puddlern stehen, schritten dann durch die Walzwerke, wo unter unaufhörlichem Geklirr der bedächtige Dampfhammer die Schlacke aus dem flüssigen Eisen schlug, und schwarze, halbnackte Titanen die Puddelstangen wie heißes Siegellack zwischen die Räder trieben. »Komm!« ertönte Horrocks' Stimme an Rauts Ohr, und sie gingen zu der kleinen Glasluke hinter den Düsen und sahen die lodernden Flammen in der Feuerung des Hochofens durcheinanderzucken. Eine ganze Weile war das eine Auge geblendet hinterher. Darauf – während blaue und grüne Flecke vor ihnen durchs Dunkel tanzten – gingen sie zu dem Aufzug, der die Rollwagen voll Eisenerzen und Heizmaterial und Kalk bis zur oberen Öffnung des großen Schachts brachte.

Und hier draußen, auf der engen Plattform, die die Gicht umgab, kamen Raut aufs neue die Zweifel ... War es klug, daß er mitgekommen war? Wenn Horrocks wüßte! ... Alles wüßte! Er konnte, so sehr er dagegen ankämpfte, ein heftiges Zittern nicht unterdrücken. Dicht unter ihnen war eine Tiefe von vollen siebzig Fuß. Es war ein gefährlicher Ort. Sie drückten sich an einem Rollwagen vorüber, um zu dem Gitter zu gelangen, das das Ganze krönte. Der Dunst des Ofens – ein schweflicher, mit prickelndem Bittergeschmack durchzogener Dampf, schien gleich einem Beben über die ganze Hügellandschaft von Hanley zu gehen. Der Mond brach jetzt, in halber Höhe des Himmels, über den welligen Waldkonturen von Newcastle aus einem Zug von treibenden Wolken hervor. Der dampfende Kanal verlor sich vor ihnen unter einer kaum sichtbaren Brücke und verschwand im nebelhaften Dunst der flachen Felder nach Burslem zu ...

»Das ist der Gasfang, von dem ich dir gesagt habe!« ertönte Horrocks Stimme, fast schreiend. »Und darunter sechzig Fuß Feuer und geschmolzenes Metall und die Luft vom Gebläse, die durchzischt wie Kohlensäure in Sodawasser.«

Raut faßte krampfhaft nach dem Geländer und starrte in den Gasfang hinunter. Die Hitze war fast unerträglich. Das Brodeln des Eisens und das Wirbeln des Gebläses spielten eine donnernde Begleitung zu Horrocks' Stimme. Aber die Geschichte mußte nun einmal durchgemacht sein ... Wer weiß ... vielleicht ...

»In der Mitte,« brüllte Horrocks, »ist die Temperatur fast tausend Grad. Wenn man dich hineinwerfen würde ... du würdest in Flammen auffahren wie eine Prise Pulver an einer Kerze. Streck' einmal die Hand vor und fühl', wie heiß sein Atem ist! Hier oben sogar hab' ich noch gesehen, wie das Regenwasser an den Rollwagen glatt in Dunst aufging. Und der Gasfang! Verdammt heiß! Kuchen kann man nicht drauf backen! Auf der oberen Seite dreihundert Grad.«

»Dreihundert Grad!« wiederholte Raut.

»Dreihundert Zentigrad nämlich!« sagte Horrocks. »Das kocht dir in einer Sekunde das ganze Blut aus dem Leib!«

»Was?« fragte Raut und wandte sich um ...

»Kocht dir das Blut aus dem Leib in ... Nein, daraus wird nichts!«

»Laß mich los!« kreischte Raut. »Laß meinen Arm los!«

Er krampfte die eine Hand ums Geländer, dann beide. Einen Augenblick lang standen sie so ... taumelnd ... Dann, plötzlich ... mit einem heftigen Ruck hatte Horrocks ihn vom Geländer losgerissen. Er suchte sich an Horrocks zu halten ... und griff in die Luft ... sein Fuß trat ins Leere ... Im Fallen drehte er sich um sich selber ... Und jetzt schlugen Wange und Schulter und Knie, alle auf einmal, gegen den heißen Gasfang.

Er klammerte sich an die Kette, von der der Gasfang herabhing; und das Ding senkte sich um ein Winziges. Ein Kreisrund glühenden Rotes tauchte auf, und eine rote Flammenzunge flackerte in plötzlicher Losgebundenheit aus dem Chaos drunten zu ihm empor. Er verspürte einen durchdringenden Schmerz an den Knien und roch den Brandgeruch an seinen Händen ... Er taumelte auf, versuchte, an der Kette emporzuklimmen. Etwas schlug gegen seinen Kopf. Schwarz und glänzend erhob sich um ihn im Mondlicht der Schlund des Ofens ...

Er sah Horrocks auf der Plattform über sich stehen, neben einem Wagen voll Koks. Hell und weiß stand die gestikulierende Gestalt im Mondlicht da und schrie: »Brate, du Narr! Brate, du Weiberjäger! Du heißblütiger Hund du! Koche! Siede! Brodle!«

Und mit einem Male ergriff er eine Handvoll Kohlen aus einem der Rollwagen und warf sie langsam, eine um die andere, nach Raut.

»Horrocks!« rief dieser. »Horrocks!«

Er klammerte sich schreiend an die Kette an und zog sich von dem glühenden Gasfang empor. Jeder Wurf, den Horrocks ihm entgegenschleuderte, traf. Seine Kleider glosteten und glühten, und während er so kämpfte, kippte der Gasfang um, und eine Wolke heißen, erstickenden Gases fuhr empor und umbrannte ihn mit plötzlichem Feueratem.

Alle Menschenähnlichkeit wich von ihm. Als das rote Aufflackern vorüber war, sah Horrocks eine verschrumpfte, schwarze Gestalt, die, den Kopf noch von Blut überströmt, sich noch immer an die Kette anklammerte, an ihr herumtastete ... sich in Todesnot wand ... ein verkohltes Tier ... ein unmenschliches, ungeheuerliches Geschöpf, das jetzt ein schluchzendes, abgerissenes Schreien ausstieß.

Und wie mit einem Schlag war bei diesem Anblick der Grimm des Hüttendirektors ausgelöscht. Ein tödliches Übelsein überkam ihn. Der schwere Geruch brennenden Fleisches drang zu ihm empor ... Die Besinnung kehrte zurück ...

»Gott sei mir gnädig!« schrie er. »O Gott! Was hab' ich getan!«

Er wußte, das Ding da unter ihm, trotzdem es noch sich regte, noch fühlte, war schon ein toter Mann ... daß das Blut des Unseligen in seinen Adern kochen mußte ... Ein tiefstes Bewußtsein der Todesnot des Ärmsten überkam ihn und löschte jedes andere Empfinden aus. Einen Augenblick stand er unentschlossen ... dann wandte er sich zu dem Rollwagen und kippte hastig dessen Inhalt über das Ding, das dereinst ein Mensch gewesen war. Krachend fiel die Masse heraus und kollerte über den Gasfang. Und mit dem Krach hörte drunten das Schreien auf, und ein brodelnder Wirbel von Rauch, Staub und Flammen wälzte sich ihm entgegen. Als er vorüber war, sah er, daß der Gasfang leer war.

Er taumelte rückwärts und stand zitternd, sich mit beiden Händen ans Geländer ankrampfend, still. Seine Lippen bewegten sich; aber kein Wort kam ...

Tief unten ertönte ein Geräusch von Stimmen und hastenden Schritten. Das Rasseln der Walzen im Schuppen verstummte jäh.

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