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Der Gespenster-Bungalow und andere indische Kriminalerzählungen

Rudolf von Rüts: Der Gespenster-Bungalow und andere indische Kriminalerzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRudolf von Rüts
titleDer Gespenster-Bungalow und andere indische Kriminalerzählungen
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunZehnte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid70196ade
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Im Banne der Kali.

» Damn!« sagte Tim Kennedy. »Ich will mich bei lebendigem Leibe häuten lassen, wenn diese Jacke wieder geflickt werden kann.«

Dabei sah er ziemlich herabgestimmt auf den Ärmel seiner roten Jacke.

Der Mann hatte recht. Denn die Dornen der Akazien und Berberitzen machen keine halbe Arbeit.

Der Ire war einige Schritt zurück. Mit seinem Messer – einer Art Faschinenmesser – hieb er sich einen Weg durch das Gestrüpp, bis er neben Tim stand. Uff, stöhnte er und wischte sich die Stirn. »Beim heiligen Patrick! – Ich glaube, wir sind falsch gegangen.«

Der andere schwieg.

Es war eine dumme Geschichte. Wie in einem Sack saßen sie in einem Dickicht, das nicht einmal vor der Sonne schützte.

»Wenn der Schuft nur nicht gelogen hat!« meinte Tim endlich. »Müßten lange oben sein.«

Der Ire schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »wir sind zu früh vom Fluß abgebogen.«

Tim stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus.

»Einmal müssen wir doch hinauf kommen. Haben ja den Kamm mit eigenen Augen gesehn.«

Der Ire griff wieder nach dem Messer und begann den Kampf mit den Dornen von neuem. Klipp, klapp! hallten die Schläge durch die Stille. Der andere sah ihm mit einem bösen Blick zu; dann machte er sich auch wieder an die Arbeit. Nach einer Weile fragte er: »Habt Ihr nichts mehr zu trinken, Mann?«

Der Ire grunzte bloß. Die Hitze wurde unerträglich. Auf den kupferroten Gesichtern strafften sich die Adern. Die Augen quollen fast aus ihren Höhlen. Langsam kamen sie vorwärts. Endlich lichtete sich die Dickung. Mannshohes Dschungelgras, von der Sonne ausgesogen, bedeckte den Boden. Dazwischen ein paar dürre, verkommene Brustbeersträucher.

Hier war es noch heißer.

Ein leichter Brandgeruch, wie von versengtem Stroh, erfüllte die Luft. Das war der Atem der Februarsonne. Feiner Kalkstaub rieselte aus dem Grase, stäubte unter den Füßen empor, quoll in Nase und Mund, drohte mit Ersticken.

Schwerfällig stolperten die beiden Männer weiter. Da hob es sich aus dem ewigen Grau der Graswüste vor ihnen, wie ein weißer, blitzender Damm. Instinktiv hasteten beide darauf los.

»Beim heiligen Patrick!« stöhnte der Ire. »Die Straße! – Wir haben sie. Er hat doch nicht gelogen.«

Ein kurzes Klettern, dann waren beide die Böschung hinauf. Oben sanken sie erschöpft auf das Kankergeröll.

Der Ire erholte sich zuerst wieder.

Er sah sich um: Zu ihren Füßen dehnte sich das Dschungel – ein gräßlicher, grauer, toter Fleck. Dann folgte sein Auge der Straße, die sich wie eine weiße Schlange durch die Einöde wand. Und dort – sein Herz hörte einen Augenblick auf zu schlagen – dort, wo die Straße wieder im Dschungel verschwand, sah der Gipfel des Berges herüber.

Er wies mit der Hand hin.

Tim Kennedy stieß einen Freudenschrei aus: »Mike, der Tempel!« Er war aufgesprungen und starrte verzückt nach dem niedrigen Bergkegel. »Bei allen Götzen Indiens, da ist der Pagodenbaum! Zum Teufel, Mann, worauf warten wir noch!« Er schulterte seine Büchse und machte sich auf den Weg. Der andere folgte ihm.

Die Straße führte bis auf den Berggipfel hinauf. Sie war vor uralter Zeit gebaut worden. Jetzt konnte man sie kaum noch eine Straße nennen. Aber es war doch eine andere Sache als im Dschungel.

Oben angelangt, sahn sich die beiden um. Ein kleines, kahles Hochplateau; am westlichen Rande stand ein einzelner Pagodenbaum und drunter ein indischer Tempel. Munter marschierten sie auf der kurzen, festen Rasennarbe drauf los. Sie hatten am Fuße des Gipfels aus einer Quelle getrunken und einen Imbiß genommen. Es war nicht mehr so heiß, denn die Sonne stand schon tief am Himmel. Unter ihnen dehnten sich ungeheure Wälder; dazwischen lagen eingesprengt ein paar Dörfer mit ihren leuchtenden Reis- und Mohnfeldern. Im Westen zog sich der Sonfluß an den Kymorebergen entlang, aus denen sich der steile Felsen von Rotasghur deutlich heraushob. Der Südhang des Plateaus schien in ein Feuermeer getaucht. Das war der Dhak, der die Millionen seiner scharlachroten Blumen wie einen wundervollen Mantel ausbreitete.

Tim Kennedy hatte für die Pracht kein Auge.

»Hallo, Patt!« schrie er. »Da wären wir, alter Bursche! Kein Zweifel, Mann, wir sind am Platze. Hier ist der alte Pipalbaum, darunter der Heidentempel mit seiner Kuppel; da unten fließt die Son, und das dort oben – das ist Rotas!

Aber wo – – wo steckt der Braten?«

»Der Babu sagte: ›Wenn du das Bild der Göttin drehst, so daß ihr Antlitz nach dem Flusse schaut, dann zeigt sie dir den Schatz. Zu ihren Füßen öffnet sich der Schlund, der ihn verbirgt. Aber – ‹«

»Aber?« fragte Tim Kennedy und stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Was weiter?«

»Weiter nichts,« grinste der Ire. »Denn er hatte das Ding da dreiviertel Zoll tief in seinem schwarzen Schädel.« Dabei zeigte er auf das Faschinenmesser.

Der andere schüttelte den Kopf. »Hättet ihn ausreden lassen sollen, Mike Paterson, ehe Ihr ihn zur Hölle schicktet!«

»Beim heiligen Patrick, ich mußte meine Zeit abpassen. – Sonst ging der Schatz in drei Teile, Timmy.«

» All right, Patt! – Zwei sind allermeist genug!«

Sie sahn sich beide einen Augenblick in die Augen; dann lachten sie grimmig und stiegen zusammen die Stufen hinauf, die zu der offenen Tempelhalle führten.

An der Hinterwand der Halle stand in Menschengröße ein scheußliches Bildnis der Göttin Kali, den krassen Blick ihrer toten Augen auf die beiden Eintretenden gerichtet.

»Hallo, Schätzchen! Hier kommen deine Freier! Wo hast du die Mitgift?« lachte Tim Kennedy. Unheimlich hallte die rauhe Lache in der Kuppel des Tempeldachs wider.

»Laßt das!« sagte der abergläubische Ire. »Man soll den Teufel nicht auf den Schwanz treten.« Dann packte er den Arm der Göttin; kalt faßte sich der Stein an. Eiskalt rieselte es ihm durch die Adern. Aber er bezwang den Schauder und lehnte sich gegen das Bildnis.

Da gab die Figur nach und drehte sich nach Westen.

Die Männer waren zurückgewichen. Der Irländer schlug ein Kreuz. Wo er gestanden hatte, gähnte ein dunkles Loch im Fußboden, das sich geräuschlos geöffnet hatte. Tim Kennedy faßte sich zuerst. Er ließ sich auf die Knie nieder und kroch vorsichtig an die Oeffnung heran. Auch der Ire guckte hinein. Ein modriger Dunst schlug ihnen entgegen und klebte sich an ihre heißen Stirnen. Unten war es dunkle Nacht. Tim holte sein Feuerzeug aus der Tasche, zündete ein Streichholz an und hielt es hinunter.

»Teufel!« Das Streichholz war erloschen.

Wieder flammte ein Streichholz auf. Beide bogen sich tief in die Oeffnung.

»Horch!« sagte Tim.

Der andere lauschte. »Ratten,« meinte er. »Das richtige Rattenloch! Beim heiligen Patrick!« stöhnte er plötzlich. »Ein goldener Schild! Wie das glänzt, und dort – ha!«

Es war wieder dunkel.

»Verdammt!« sagte Tim Kennedy. »Eine Fackel! Reißt dem alten Pipal ein Stück aus den Rippen!«

Der Ire ergriff das Faschinenmesser, das neben ihm am Boden lag, und ging.

Auch Tim richtete sich auf. Einen Augenblick schaute er in das Loch. Seine Augen glühten.

Dann nahm er die Büchse, die er nicht aus der Hand gelassen hatte, und trat an die Treppe. Der andere kehrte mit einem großen, dürren Aste zurück. Da sah er Tim Kennedy ... Er blieb wie angewurzelt stehn.

Plötzlich hob er verzweifelt die Arme. Ein Schluß fiel, und der Mann stürzte, wie vom Blitz getroffen, zur Erde.

Tim Kennedy holte bedächtig eine neue Patrone aus der Seitentasche seiner roten Jacke und lud wieder.

Dann stieg er die Stufen hinab.

Mike Patterson hatte auf dieser Welt nichts mehr nötig. Er war mausetot. Ein kapitaler Schuß, gerade über der Nasenwurzel. Tim schmunzelte. Er war schon wegen seiner Hand berühmt, als er noch beim achten Regiment stand.

»Soll ein anständiges Begräbnis haben,« sagte er gutmütig. »War ein Christenmensch. Und – – besser ist besser.« Dann nahm er das Faschinenmesser und machte sich daran, Mike Patterson zu begraben.

Als er fertig war, ging gerade die Sonne hinter dem veilchenblauen Rücken der Kymoreberge unter. Grell hob sich das sandige Bett des Sonflusses davon ab; weiter unten – nach dem Ganges zu – schwamm alles in milchweißem Dunste. Tim Kennedy guckte hinunter und horchte gedankenlos auf das trübselige »Du, du!« des Mahoka, der im Pipalbaume sein Nest hatte. Dann schulterte er die Büchse und kehrte nach dem Tempel zurück.

Dort war es inzwischen dunkel geworden.

Tim blieb oben an der Treppe stehn. Unwillkürlich nahm er die Büchse von der Schulter. Die weiße Gestalt der Göttin schimmerte durch die Finsternis. Er stieß einen Fluch aus ... Seine Hand preßte sich fester um den Kolben der Büchse. Nach einer Weile machte er kehrt und ging die Stufen wieder hinunter. Er setzte sich auf eine der ungeheuren Wurzeln des Pagodenbaums, legte die Büchse über das Knie und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Giebelwand des Tempels. So wollte er den Morgen erwarten.

Tim hatte schon hundertmal im Dschungel geschlafen; aber heute wollte der Schlaf nicht kommen. Nicht daß ihn die Moskitos geplagt hätten. Auch an die geflügelten Ohrwürmer, die nachts zu Millionen den Menschen überfallen und in Mund und Nase kriechen, kehrte er sich nicht mehr. Auf den Lärm, den die Zikaden machen, auf das ewige Stöhnen und Seufzen der Gekos und das Pfeifen der fliegenden Hunde, die über ihm im Baume herumflatterten, hörte er garnicht.

Daran war er schon gewöhnt.

Vor Raubtieren hatte er keine Angst. Er wußte, daß sie lichte Stellen meiden.

Auch der Schatz war es nicht, der da unten im Tempel auf ihn wartete.

Nein – der Schatz störte ihn nicht.

Seit Wochen hatte er nur von ihm geträumt. Aber heute, wo er ihn hatte! – – – Es war wunderlich, an den Schatz dachte er nicht.

Aber immer, wenn er die Augen schloß, dann sah er etwas Weißes. Lächerlich! Aber es war so. – Er sah das Götzenbild aus dem Tempel. Er konnte machen, was er wollte, immer sah er das Gespenst vor sich.

»Hol der Teufel das Kalkgesicht!« knurrte Tim endlich und beschloß, wach zu bleiben.

Aber es wurde noch schlimmer.

Langsam kroch der Mond aus den schwarzen Dschungeln heraus. Wie eine große, dicke Spinne in einer durchsichtigen Glasglocke, so kletterte er gemächlich am Himmel in die Höhe. Als er oben war, leuchtete mit einmal die ganze Berghalde vor dem Tempel. Tim hatte sich noch nie um sowas gekümmert; aber heute mußte er auf alles merken.

Er war wie ausgetauscht.

»Es ist so hell wie am Tage,« dachte er. »Aber es sieht doch alles anders aus. Ich wollte, die Nacht wäre erst vorüber, und ich wäre –«

Plötzlich stockte sein Gedankengang. Sein Blick war auf einen schwarzen Fleck gefallen, der sich von der silbernen Fläche abhob. Tim wußte, was es war. Er hatte dort die kurze, graue Rasennarbe weggekratzt, als er Mike Patterson die letzten Ehren erwies.

Verdrießlich wendete er den Kopf; doch es dauerte nicht lange, da mußte er wieder nach dem Flecke hinsehn. Er mochte wollen oder nicht: immer kehrten seine Augen nach der Stelle zurück. Eine ganze Weile quälte er sich damit herum. Er gab sich alle Mühe; ja, ihm trat zuletzt sogar der Schweiß auf die Stirn; aber der Fleck war stärker als er.

»Der Klügere gibt nach,« dachte Tim Kennedy und stand auf. Er ging um den Tempel herum. Am Rande des Bergabhanges setzte er sich nieder. Drüben über dem Flusse leuchteten an der Wand des Gebirges dunkelrote Punkte, wie zornglühende, feindselige Augen. Tim wußte, daß das Feuer im Walde waren, die die Katechusammler bei Nachtzeit anzünden, um sich vor den Tigern zu schützen. Endlich verfiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem ihn die ersten Sonnenstrahlen weckten.

Tim reckte seine mächtigen Glieder und warf einen wohlgefälligen Blick auf die vom Morgennebel dampfenden Wälder. Rasch machte er sich ans Werk. Er riß ein Stück Rinde vom Baume los, wickelte dürres Quekengras, das an der Tempelwand wucherte, um die Spitze, und die Fackel war fertig.

Mit zwei Sprüngen nahm er die Treppe.

Oben war alles noch so, wie er es gestern verlassen hatte. Beim hellen Tageslicht mußte er wirklich über sich lachen, daß ihn die alte, weiße Puppe so ins Bockshorn gejagt hatte. »Wollen das Nest ausnehmen,« sagte er, zündete seine Fackel an und kniete nieder. Er guckte in das Loch. Es war nicht tief. Auch sah er jetzt erst, daß ein paar Steinstufen hinabführten.

» All right!« Tim hängte die Büchse um den Hals, nahm die Fackel und kletterte vorsichtig hinunter. Man konnte deutlich sehn, wie der rote Schein aus dem Loche hervorstrahlte. Er lief über das Steinbild, und es schien, als ob sich das Gesicht der Rachegöttin belebte.

Da – was war das?

Ein Schrei – – –!

Dumpf quoll er aus der Oeffnung im Boden und hallte ersterbend in der Kuppel wider.

Dann blieb es still. Der Schein im Loche war erloschen; schwarz gähnte es zu den Füßen der Kali wie ein offenes Grab. – – – – – –

*

Vom Flusse her kam ein alter Hindu den Berg herauf.

In der einen Hand hatte er einen Bambusstecken, in der anderen einen kleinen Napf, der aus der Schale einer Kokosnuß gedreht war. Neben ihm lief eine Ziege. Als er oben angelangt war, hockte er sich hin und fing an, die Ziege zu melken. Als der Napf voll war, stieg er die Treppe zum Tempel hinauf. Dort stellte er das Gefäß behutsam nieder. Sein Blick fiel auf das Bildnis der Göttin und die Oeffnung zu ihren Füßen. Mißtrauisch sah er sich um. Dann setzte er sich auf die oberste Treppenstufe, holte eine Rohrflöte aus seinem gelben Kittel hervor und begann zu blasen. Es war eine eintönige Weise – erst ein paar schrille Töne und dann immer ein langgezogener, schwermütiger Akkord.

Eine Weile blies er so ...

Dann blickte er nach dem Loch im Boden. Er war nicht mehr allein. Zwei Augen sahn ihn an. Ein kleiner, schmaler Kopf guckte aus dem Loche. Dann hob sich die breite, scheußliche Haube mit dem brillenförmigen Zeichen Brahmas heraus, und dann folgte der ganze übrige Leib einer ungeheuren Kobra.

Die Schlange richtete sich in die Höhe, schwang den Kopf hin und her und zischte. Der Alte blies ruhig weiter. Nach einer Weile schob er ihr mit seinem Stecken den Napf hin.

Die Kobra unterbrach ihren Tanz und trank.

Als sie mit der Milch fertig war, glitt sie zum Loche; bald war sie wie ein Spuk verschwunden.

Der Inder trat an das Steinbild der Göttin heran und drehte ihr Antlitz nach Osten.

Geräuschlos schloß sich der Spalt im Boden.

Dann nahm er seinen Napf und den Stecken, stieg die Treppe des Tempels hinab und lockte die Ziege. Langsam schritt er über die Berghalde zurück.

»Mail, mail, Bakri, mein Liebling, mein Täubchen!« klang seine Stimme herüber ...

Dann war alles wieder still.

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