Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Grosse >

Der Genius

Karl Grosse: Der Genius - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Grosse
titleDer Genius
publisherZweitausendeins
year1982
firstpub1791-95
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150630
Schließen

Navigation:

Vierter Theil
Zweiter Abschnitt

Noch einmal muß ich die Feder aufnehmen, die ich beym letzten Abschnitte dieser Memoiren auf immer niederzulegen zu können glaubte. Auch schien damals alles so glücklich beendet. Ich im Besitz des treusten und holdesten Weibes, einer aufmerksamen, mit mir vom nemlichen Geiste beseelten Vertrauten, vieler zärtlichen Freunde, an der reinen Quelle der erhabensten Gedanken, am Ziele meiner Wünsche. Nichts schien an meinem Schicksale mehr zu verändern übrig, und es war, als habe Menschenglück zum erstenmale eine feste, unbewegliche Wurzel geschlagen. Aber indem ich mich nun meines Lebens recht genießen zu wollen vorbereitete, wirkte die verrätherische Zeit im Stillen neue Begebenheiten aus.

Es giebt Menschen, deren Leben niemals einen langen Ruhepunkt hat. Kommt ja zuweilen eine Stunde des Genusses oder nur der Zufriedenheit den ermatteten Kräften zu Hülfe, so ist es nur um diese soviel zu stärken, daß sie den kommenden Schlägen nicht unterliegen mögen. Eine unsichtbare Hand streut einen gemessenen Vorrath von Blumen über sie her, aber überläßt es oft dem Ohngefähr, sie zu vertheilen.

Meine Begebenheiten sind von dieser Art. So oft schien sich die Macht des Schicksales an ihnen erschöpft zu haben, aber immer webte sich wieder etwas Neues und Unerwartetes ein. Nicht selten schien ich mit meinem Vermögen zu Ende zu seyn; ein schnell darauf folgendes Ereigniß gab es mir zwar nicht wieder, aber ließ mich neue Hülfsmittel entdecken, die unbebauet gelegen hatten. So ist das Unglück doch zu etwas gut. Man lernt sich darin selbst kennen, und erfährt gleich in einer Krankheit, man habe dem heiteren Sonnenscheine, der Gesundheit nicht sehr viel zu trauen; Alles sey wandelbar, aber es habe seinen guten Nutzen, daß es so sey. Man sagt sehr wenig, wenn man das menschliche Leben blos einen Roman nennt. Es ist viel mehr, als ein Feenmährchen, oder ein Sommernachtstraum.

*

Wir brachten die ganze Nacht mit Ausübung der Ceremonien hin, welche in ihrer Simplizität und Harmonie erfunden zu seyn schienen, die Dinge, welche sie bezeichnen und ausdrücken sollten, dem Innersten des gerührten Herzens einzuprägen. Wir betrachteten uns als eine einzige Familie, und die ganze Welt lag in uns. Eingeweihet in die Plane und geheimsten Verbindungen der Gesellschaft, mit einem Ueberblicke über alle ihre Nebenzweige und den ganzen Umfang ihres Einflusses, endlich mit der Art diesen zu leiten und sich zu erhalten und mit allen inneren Kräften bekannt, war es unvermeidlich, daß wir uns mit unserem eigenen Selbstgenusse berauschten, daß der letzte und stärkste Eindruck alle ehemaligen Vorstellungen von Freude und Glückseligkeit übertäuben muste.

Ich weiß es nicht, wie es zugieng, aber unter allen Anwesenden war ich vielleicht derjenige, der an der allgemeinen Festlichkeit den kühlsten und besonnensten Antheil nahm. Die erste Ueberraschung des geheimnißvollen Gepränges verflog nach einigen Minuten, die Sinne wurden nüchterner, und ich nahm sehr überzeugend wahr, in manchen Dingen sey die eigentliche Bedeutung verfehlt. Daß ich nicht ganz empfand, wie alle die anderen, schloß mich schon gleichsam von ihrem Kreise aus, ich sann ernst über die Erschlaffung meiner Einbildungskraft nach, und indem ich die anderen aufmerksam beobachtete, um irgend jemanden von meiner Meynung zu finden, ward mir nach gerade alles fremd. Niemals konnte ich mich sehr täuschend und lange verstellen, man bemerkte meine Zerstreuung, und dies vermehrte sie natürlich nur noch.

Mitten unter diesem Geräusche und im freudigsten Tumulte schlich sich zum erstenmale ein leises Gefühl von Eifersucht in mein Herz. Ich sah Adelheid, ausser sich und an allen Sinnen trunken, sich so vertraulich in das Gedränge der übrigen mischen, ihr jäher und hastiger Eifer zeichnete sie unter allen anwesenden Weibern aus, es schien mir selbst, als habe sie weniger auf mich Acht, als auf die übrigen Männer, und als suche sie auf eine ungewöhnliche, befremdende Art Don Bernhards Blicke und Hand. Zu gleicher Zeit drangen sich mir alle schlecht beobachtete oder sonst halb schon verwischte Erinnerungen von ehemaligen Vertraulichkeiten und Freundschaftsbezeugungen dieser Art auf. Oft hatte ich sie in Lobeserhebungen und Bewunderung über seinen Verstand ausbrechen hören, der mir nie kleiner und schwächer als in diesem Augenblick vorkam. Wenn ich daher nicht glauben wollte, es gebe eine heimliche Anziehungskraft zwischen beyden, so muste mir Don Bernhards geheimnißvolles Treiben und Schleichen um sie herum ausnehmend verdächtig werden.

Dies ganze Gewirre von Gedanken, die sich, um so gewaltsamer und reissender entwickelten, je länger sie vielleicht schon im Verborgenen und mir unbewust in meiner Seele gegährt hatten, machte mich an allen Sinnen stumpf, begrub meine Aufmerksamkeit in sich selbst, und gab der erhabensten Feyerlichkeit das Ansehen eines armseligen Operntanzes. Hierzu kam Rosaliens stilles, anständiges und rührendes Betragen. Sie hatte da nichts mehr von der unglaublichen Festigkeit in ihrem Charakter, womit sie ihre Zärtlichkeit für mich an jenem glücklichen Morgen so hinreissend würzte, welche aber auch nachher Franziskas entsetzliche Katastrophe veranlaßte. Die Zeit schien sie die Liebe verlernen gemacht, und in der ergebenen Demuth einer Heiligen unterrichtet zu haben. Ihr seelenvoller Blick ruhte auf mich mit beklommenem Schmerze, aber es war nicht darin ausgedrückt, ob dieser sie selbst oder mich zum Gegenstand habe.

Ach, nur zu gut erinnerte ich mich jener schönen Zeit noch, jenes Tages, den Rosalie zu einer einzigen Stunde zu beflügeln verstand, aller ihrer süßen Reize, aller meiner berauschten Schwelgerey. Unwillkührlich vertiefte sich meine Seele in ihnen. Vielleicht daß ich desselben stärker in der Rückerinnerung, als in der Gegenwart selbst genoß. Ich ward wieder zum glücklichsten Kinde. Ich fühlte mein Gesicht kalt, aus dem alles Blut sich nach dem Herzen zudrängte, einige Tropfen rollten mir aus den Augen über die Wangen her, und als ich um mich sah, fand ich aller Umstehenden erstaunte Blicke auf mich geheftet. Besonders Rosaliens schönes Antlitz glühte über und über. Dies verwirrte meine Sinne, ich verlor mich, und schwankete auf dem Sitze.

Einige Tropfen Wassers, die man mir in das Gesicht sprengte, gaben wir das Bewußtseyn sogleich wieder. Alle waren um mich ängstlich beschäftigt. Rosalie hieng instinktmäßig über mir. Ich suchte meine Gemahlin. Sie stand neben Don Bernhard, oder vielmehr an ihn gelehnt, und in ein sehr tiefes Gespräch verlohren. Nicht einmal hatte sie es wahrgenommen, daß ich mich nicht wohl befände, und als sie es endlich bemerkte, fiel ein so tödlich kalter Blick auf mich, daß er mich gänzlich erstarren machte. Eine solche Nachläßigkeit war gewiß unverzeihlich, mein ganzer Stolz erwachte, ich beschloß es sie büßen zu lassen, einige Augenblicke Nachdenken hatte mir die ganze Kraft meiner Besinnung wiedergegeben, ich wuste nun woran ich war: »So ist der Einfluß dieser Gesellschaften,«dachte ich. »Dies ist dieselbe Adelheid, welche mich im Herzen trug, noch ehe sie mich kannte. Wer hätte sie heute wieder erkannt?«

Die Ceremonien endeten, mit weit weniger Andacht und Feyerlichkeit, als sie im Anfange erweckt hatten. Ich hatte sie in ihrem schönsten Laufe gestört, und da, ausser Rosalien, die mich nie aus den Augen ließ, vielleicht niemand auf den eigentlichen Grund meiner Gemüthsbewegungen rieth, so befand die ganze Gesellschaft sich in grosser Unruhe über das, was ihnen nachfolgen könne. Was meinen Unmuth aufs Höchste trieb, war Adelheids Unbekümmerniß darüber, die vielleicht ganz absichtlich that, als habe sie nichts im geringsten bemerkt, mit Don Bernharden fast mehr als gewöhnlich und insgeheim fortzischelte, mich dadurch von aller Eifersucht, wenn ich dergleichen ja hätte, auf einmal zu heilen versuchte, oder mir im Stillen eine derbe Gardinenpredigt auf unsere Nachhausekunft zubereitete.

Das arme Weib! wie wenig hatte sie mich kennen gelernt. Eher hätte man einen wütenden Löwen, als mich im Zorn bezähmt. Auch schien Don Bernhard, der mich weit besser studirt hatte, davon eine geheime Ahndung zu haben. Sicherlich giengen sie mit einander zu Rathe, es war als wenn er sie abrieth, aber sie bestand durchaus auf das liebe Köpfchen.

Wir nahmen Abschied, setzten uns zu Pferde, nachdem wir durch das Büschgen waren, und nahmen unsern Weg in der Stille nach Haus. Nicht ein Wort hörte man. Es war mir, als ob die Morgenluft mich noch nüchterner machte, und als ob ich nach einer langen Dunkelheit wieder das glimmende Tageslicht sehe. Gewisse Wehmüthige, unbeschreibliche, unfaßbare Gedanken wallten aus meinem vollen Herzen über. Unaufhörlich schwebte mir der Graf S** vor. Solange hatte uns die allerzärtlichste Freundschaft verbunden. Man wuste es wohl, so lange ich ihn liebe, sey ich keiner einzigen anderen Empfindung empfänglich. War es ehrlich, uns so zu trennen? Ach, Liebe ist nichts gegen die Vertraulichkeit zweyer fühlbaren Freunde, dachte ich bey mir selbst. Die Jahre flossen uns gleich Minuten hinweg. Nicht Eine trübe Stunde störte, ohne den unseligen Einfluß dieser Gesellschaft, unser heiteres Leben. Wir waren zwey freundliche Ranken, die einander innig durchschlangen. Gottes bester Segen folge doch meinem guten Grafen, und vergelte ihm seine unaussprechliche Liebe für mich Undankbaren!

Diese Empfindungen überwältigten mich und wurden laut. Ein tiefes Schluchzen unterbrach die Stille, in der wir fortritten. Ich sah alsdann ganz deutlich, daß Don Bernhard Adelheiden einen Wink gab, diese hielt ihr Pferd etwas an, und lenkte es nach meiner Seite hin. Aber sie wuste nicht sogleich Worte zu finden, und versank darüber in ihr voriges Nachgrübeln.

»Was bedeutet diese Veränderung mit Ihnen, Don Karlos?« fieng sie nach einiger Zeit etwas strenge an.

»Ich weiß von keiner, Madam,« antwortete ich in einem kalten und schneidenden Ton, den ich gar nicht erst, wie sie den ihrigen zu erkünsteln gebrauchte, sondern der mir ganz rein aus dem Herzen kam. Mir war dies Weib ganz fremd, und es schien mir, als habe ich es niemals gekannt. Mein Entschluß war gefaßt, und das Uebrige kümmerte mich nicht mehr.

Auch traf es. Zum erstenmale in ihrem Leben hörte sie einen so widerlichen Laut aus meinem Munde. Sie war bestürzt, und schien aus den Bewegungen Don Bernhards vor ihr sich Raths erholen zu wollen. Aber wahrscheinlich hatte der gute Mann selbst keinen, und, gleich jemandem, der ein böses Gewissen hat, suchte sie ihren sinkenden Muth durch Dreistigkeit zu verbergen.

»Was für eine Antwort, Don Karlos? nie hörte ich eine solche aus Ihrem Munde. Was fehlt Ihnen? was ist Ihnen?«

»Wie ich schon die Ehre gehabt habe, Ihnen zu sagen: »Nichts, Madam.«

Sie wurde erweicht, als sie meine Beklemmung warnahm, und nahm sich wahrscheinlich vor, Güte zu versuchen, ehe sie das Rauhe herauskehrte. »Was fehlt meinem lieben Gemahle? Kennt er mich nicht mehr?« sagte sie mit künstlich zitternder Stimme, und indem sie die Hand nach mir ausstreckte.

Aber wirklich war sie mir gar nichts mehr. Wenn die Sinne von ihrem Zauber gelöst sind, läst sich das Herz schwerlich täuschen. Ich sah diese kleine Komedie mit den Augen eines gleichgültigen Zuschauers an, nahm auf das höflichste ihre mir dargebotene Hand, schüttelte sie ihr treuherzig, gleich einer alten Bekannten, und ließ sie dann fahren, ob sie mich gleich bey einem Finger festhalten wollte.

Diese höfliche und standhafte Kälte, die sich ganz ohne alle Bitterkeit erhielt, beleidigte sie ausserordentlich. Sie gab in der ersten Aufwallung ihrem Pferde die Spornen, hielt es aber sogleich wieder an. Das edle Thier bäumte sich, sie schwankte, verlohr die Bügel, kaum hatte ich Zeit herabzuspringen, und sie in meinen Armen aufzufangen.

Das Pferd gieng indeß durch, Don Bernhard eilte ihm nach und kam uns bald aus dem Gesichte, ich beschäftigte mich mit meiner Gemahlin, die sich ein wenig übel befand, hielt ihr wohlriechendes Wasser vor, und nachdem sie sich wieder erholt hatte, setzte ich sie auf mein Pferd, nahm den Zügel in die Hand, und führte es.

»Entschuldigen Sie mich, Madame,« setzte ich hinzu, »daß ich für itzt ein wenig den Zügel nehme, aber mich dünkt, Sie reiten nicht mehr so gut als sonst.«

Diese Bemerkung, welche ihr tief ins Herz einschnitt, blieb ohne alle Antwort. Aber ich sah es, der Busen war ihrem glühenden Zorne zu enge, und sie holte nur mit Mühe Athem. Ich eröfnete die ganze Strecke Weges bis zum Schlosse den Mund nicht wieder, gieng langsam und ohne den Zügel fahren zu lassen, neben dem Pferde her, und ob ich gleich seitwärts an der Wendung ihres Huthes bemerkte, daß sie mich aufmerksam anblickte, hob ich doch die Augen nicht zu ihr auf. Wir langten zu Haus an, ich hob sie vom Pferde, und führte sie die Treppe hinan. Wie wir an ihrer Zimmerthür waren, eröfnete ich sie, ließ ihre Hand loß, machte eine Verbeugung, und sagte: »ob der Morgen gleich schon vorgerückt ist, so werden Sie doch wahrscheinlich schlafen gehen,« ohne ihre Antwort abzuwarten, wozu sie den Mund eröfnete, verließ ich sie.

Sie lehnte die Thüre des Vorsales leise an, aber ihre Zimmerthür warf sie mit Ungestüm zu. Ich gieng in den Garten, um mich abzukühlen. Bald darauf hörte ich Don Bernharden mit dem verlaufenen Pferde ankommen. Er fragte sehr angelegentlich nach der Marquise, aber sie ließ sich entschuldigen, daß sie seinen Besuch nicht annehmen könne. Hierauf gieng er fort, ohne sich weiter nach mir zu erkundigen.

Ich befand mich in einer nicht geringen Verlegenheit über die Art, wie nun Adelheid richtig zu behandeln seyn würde. Es ist ein so delikates Ding um die Ehre eines Gatten, welche die ungerechte und alberne Welt von der Aufführung eines Weibes abhängig macht. Da der Verdacht nur noch sehr wenig begründet war, so glaubte ich am besten zu thun, wenn ich die Marquise aus der Ferne von meiner Willensmeynung benachrichtigte. Hierbey wollte ich es bis auf neue und bessere Data beruhen lassen, mit ihr auf einem gleich artigen Fuße, wie ehedem fortleben, mich aber vor jeder Vertraulichkeit hüten, die sie nur noch sichrer machen muste, Don Bernharden wie sonst begegnen, genau beobachten, doch nie meine Eifersucht als die Grenzen einer anständigen Zärtlichkeit übertreten lassen. Dies war im Ganzen ein sehr vernünftiger Plan, aber er hatte einige fehlerhafte Seiten in Rücksicht auf Adelheids sehr heftige Gemüthsart, die keinen unentschiedenen, zweifelhaften Zustand ertragen konnte, und durchaus auf eine Erklärung drang. Es war aber gewiß, daß ich in einer solchen mein Gleichgewicht zu verlieren in Gefahr stand.

Sie suchte eine solche Erklärung wirklich, und mit einem Eifer, als hänge ihres Lebens Glück davon ab. Ich bin gewiß, das arme Weib hatte damals ihre eigenen Empfindungen noch nicht zergliedert, und im starken Bewußtseyn, nichts Böses gethan zu haben, trotzte sie innerlich auf ihre Unschuld und klagte mich einer Ungerechtigkeit an. Zuerst fiel ich auf den Verdacht, Rosaliens nicht immer genau bewachten Blicke hätten der Grund zu einer kleinen Rachsucht seyn können, welche sie sich mit Don Bernharden mehr als gewöhnlich beschäftigen ließ. Aber daß sie hierauf seinen Besuch nicht annehmen wollte, war mir ein sicheres Zeichen, sie habe mich völlig verstanden, und wolle mir nun zu verstehen geben, Don Bernhard sey ihr von keiner so großen Wichtigkeit, um sich von ihm in ihren melankolischen Betrachtungen stören zu lassen.

Ich gieng zur gewöhnlichen Zeit in den Speisesal.

Die Marquise ließ lange auf sich warten, und wie ich sie zweymal hatte rufen lassen und sie noch nicht kam, so befahl ich, daß man auftragen möchte, und setzte mich mit gutem Muth und gesundem Appetit an die Tafel.

Ich kannte mich selbst nicht mehr, so sehr war ich verändert. Vor einem Jahre wäre ich unter solchen Umständen ausser mir gewesen, und hätte nicht einen halben Bissen hinunter bringen können. Heute hatte ich mehr Hunger als sonst. Adelheid fiel mir mit keinem Gedanken mehr ein, den Vorgang der Nacht und das ganze Wesen der Brüder sah ich wie einen Traum an, und meine ganze Seele befand sich beym Grafen von S**, mit dem ich an der Tafel saß und bey einem lieblichen vertraulichen Geschwätze gleichsam alle Bissen theilte.

Der erste Gang war abgetragen, als der Kammerdiener der Marquise hereintrat, um sie zu entschuldigen, daß sie nicht an der Tafel erschiene. Ich antwortete, daß er dem Koche befehlen möchte, derselben in ihrem Zimmer decken zu lassen. Es war ein gutes Glück, daß ich nicht mehr darauf antwortete, denn im nemlichen Augenblicke trat sie herein. Entweder hatte sie ihre Botschaft bereuet, oder war dem Bedienten auf dem Fuße nachgeschlichen, um meine Antwort zu hören. Ich erwiederte ihre stille Verbeugung, ohne aufzustehen, und fuhr emsig in meinem Geschäft fort. Sie nahm ihren Stuhl, setzte sich nieder, und breitete ihre Serviette aus.

Vermuthlich wartete sie eine Zeitlang, ob ich ihr etwas anbieten und vorlegen würde. Ich war aber viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als daß mir so etwas hätte in den Sinn kommen können. Kaum nahm ich mir die Mühe, von Zeit zu Zeit einen halben Blick auf sie fallen zu lassen. Sie sah vor sich auf ihren Teller hin, und war sehr blaß und entstellt. Das natürlich sich kräuselnde Haar hieng ihr höchst unordentlich um die Ohren. Ich machte bey mir selbst die Bemerkung, sie sey viel schöner so, als wenn sie sich für einen Ball angekleidet hätte. Ganz frölich im Herzen dachte ich dann wieder an meinen Grafen, an unsere innige Vertraulichkeit, an unsere gemeinschaftlichen Abentheuer, an die Dauer unserer Verbindung, und an das nichtswürdige Volk, das sie störte.

Nach einer langen Weile, in der sie kaum Athem zu holen schien, fieng sie an: »Sie haben einen sehr guten Appetit, wie ich sehe, Don Karlos.«

»Nichts ist natürlicher, Madam.« Nachdem ich dem Bedienten einen Wink gegeben hatte, sich zu entfernen, fuhr ich fort. »Sie wissen, die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, und diesen Morgen lief ich im Garten und im freyen Felde umher, um mir die Müdigkeit etwas zu vertreiben. Das macht gesunden und frischen Muth.« Ich sprach das alles munter und schnell hinter einander her. »Aber wollen Sie mit jener oder dieser Schüssel hier bedient seyn. Ich sehe, Sie haben keinen großen Hunger. Ja, mein Gott, ihr Gesicht ist ja ganz blaß. Ich hoffe doch nicht, daß die vorige Nacht Ihnen Schaden gethan hat?«

»Sehr viel, wie es scheint, Don Karlos.«

»Wie ist es möglich! Aber so gehts in der Welt. In alles Vergnügen mischt sich etwas bitteres ein.

Doch wie das dunkle Myrthenreischen.
Die matte Blume mehr erhebt.
So ist auch unser Lebenssträuschen.
Mit Gram und Freude stets durchwebt.

Das ist von Gabrielen von Baumberg. Erinneren Sie Sich derselben noch? Es ist ein holder Engel der Liebe.«

Die Marquise antwortete mit keiner Sylbe, so bestürzt war sie über meine gute Laune und meine geläufige Zunge.

»Kurz, erstaunliche, ganz unerwartete Veränderungen gehen in diesem Leben vor. In der vergangenen Nacht war keine Menschenseele vergnügter, aufmerksamer, mit sich selbst und aller Welt zufriedener, munterer und geschwätziger, als eben diese Marquise von G**, die da vor mir sitzt, stumm, nachdenkend, blaß – und ohne allen Appetit. Wer sollte sich wohl einfallen lassen, daß Sie eine Französin wären, gnädige Frau?«

Sie hielt ihre Serviette vor, wahrscheinlich um eine Trähne nicht bemerken zu lassen. Ihr Gesicht war über und über glühend roth und ihre Augen funkelten, als sie die Hand wieder sinken ließ. Ich that als blickte ich sie mit Erstaunen an. »Ewiger Gott!« schrie ich, »Sie haben wahrhaftig das Fieber, Madam. Befehlen Sie ein Glas Wasser?« Hiermit stieß ich den Stuhl zurück, und sprang auf.

»Bemühen Sie Sich nicht, Herr Marquis,« antwortete sie sanft. Aber sie knirschte dazwischen mit den Zähnen, ihre Wuth ließ sich nicht mehr verhalten, und sie setzte zitternd hinzu: »Auch wären Sie der letzte, glauben Sie mirs, von dem ich einen Dienst annähme.«

»So will ich einen Bedienten rufen.« Ich klingelte. »In meinem Schreibepulte rechter Hand steht ein Glas mit rothem Pulver. Holt es mir geschwind her.«

»Es ist nicht mehr nöthig, wie ich Ihnen sage, Don Karlos.« Sie winkte dem Bedienten. »War es vielleicht Gift, Marquis?« sagte sie mit tödender Bitterkeit.

Ich wollte wütend loßfahren, aber ich besann mich noch zum Glück auf meine Rolle. »Nein, es ist von dem rothen Pulver, das Sie in Paris für mich kauften. Wer hätte jemals geglaubt, daß Sie Selbst desselben bedürfen würden.« – »Gift?« fügte ich nach einigem Nachdenken hinzu. »Ob es Gift wäre? Ein Mann von Verstand könnte aus dieser Frage eine Menge sehr schöner Folgerungen ziehen. Zum Beyspiel: daß Sie ganz neue Grundsätze hätten, und vom Geiste gewisser Gesellschaften durchaus angesteckt wären.«

»Ist es allein das, was Sie so unmuthig macht?« sagte sie, indem sie von meiner unvermutheten Wendung getäuscht, sichtbar freyeren Athem schöpfte. »Ist es das allein Marquis? Und wer machte mich zuerst mit diesem Geiste bekannt?«

»Vielleicht ich, meynen Sie, Adelheid? Blicken Sie auf diese Fensterscheiben hier. Sie sehen darauf Elmire, einen heiligen Namen, gekritzelt. Dies ist ein zerbrechliches Glas und hat sich gegen Sturm und Wetter erhalten. Und mein Herz ist ein Marmor, aus dem keine Zeit etwas wieder verlöscht.«

Sie begriff mich vollkommen und schauerte etwas, ich weiß nicht, warum? Vielleicht daß sie Elmiren beneidete, oder daß sie ihr Schicksal befürchtete. Des Herzens erste Leidenschaft ist immer die mächtigste, und es mochte ihr auch wehe thun, daß ich mich derselben noch erinnerte.

»Sie haben Recht,« erwiederte sie, »es ist sehr schwer, alte und mächtige Eindrücke undeutlich zu machen.«

Es schien mir, als wolle sie mich damit gemachsam von meinem Hauptpunkte ableiten. »Es war nicht für Sie gesagt, gnädige Frau,« fiel ich ihr daher ein. »Es war in Hinsicht auf diejenige Gesellschaft, der sie itzt so ganz eigenthümlich anzugehören scheinen. Sie beschuldigen mich, ich sey es gewesen, der Sie ihr zugeführt habe. Und nichts ist doch falscher. Niemand war vor unserer Vermählung derselben mehr satt. Sie riß mich aus den Armen meiner geliebtesten Freunde weg, weil diese ihren Planen nicht anpasten, sie knüpfte mich mit anderen Personen, die ich nicht liebte, zusammen, bloß weil sie dadurch irgend einen ihrer Zwecke erreichte.«

»Sprechen Sie hier von mir, Marquis?«

»Von Niemanden in der Welt. Meine Bemerkung ist ganz allgemein. Aber ich wurde freygeboren, Madam, und es ist unerträglich, unter einem Herrn zu stehen, den man sich nicht selbst gegeben hat.«

»Wer drang Ihnen denselben auf?«

»Sie können das noch im Ernste fragen? Zuerst mein unglückliches Schicksal, von dem ich mich, nachdem es mir alles geraubt hatte, noch glücklich genug loßzumachen verstand. Und hierauf Sie, Madam.«

»Wie ich? Marquis?« Sie sagte dies freudiger, als sie der Lage der Dinge nach vielleicht hätte thun sollen. Aber mir fiel es weiter nicht auf. Ich sah ein, welches Interesse sie habe, mich auf einen Seitenweg zu führen. Doch war ich viel boßhafter, als sie sich je hatte einkommen lassen.

»Allerdings, Sie!« antwortete ich, indem ich eine kleine Aufwallung zeigte. »Erinnern Sie Sich doch an Ihre neuen Entdeckungen, an Ihre geheimnißvollen, bey verschlossenen Thüren gepflogene Unterhaltungen mit ihrem Freunde, Don Bernhard, an Ihre hitzigen Streitigkeiten mit mir, die das Resultat von jenen großen Ideen waren. Das kommt denn dabey heraus, wenn ein vermähltes Weib sich mit der Umschaffung der Welt beschäftigen will. Tausend gefährliche Bekanntschaften macht man dabey, und der gute G** schien mir in unsern Gesprächen hierüber sehr oft Recht zu haben, wenn er das wahre Glück des Lebens im häuslichen Genusse, in der zärtlichen, unzerstreueten Liebe einer auf ihre Pflichten aufmerksamen Gattin, und in der Verachtung aller anderen Güter setzte, die zur Vermehrung von jenen nichts beytragen könnten.«

Adelheid zerfloß in Trähnen während dieser kleinen Predigt, wozu sie mich muthwillig selbst aufgefordert hatte. Ihr bitterliches Schluchzen machte sehr wenig Eindruck auf mich. Mein Herz war nun einmal verhärtet, und ich hatte angefangen, mir steif und fest einzubilden, unter diesem freundlichen Gesichte von heiterer Unschuld und Freymüthigkeit besitze sie sehr viel Kunst. »Aber,« setzte ich daher etwas bitter hinzu, »wie gesagt, dies sind nur ganz allgemeine Bemerkungen, und es ist für Sie nichts besonderes darin.«

»Dies ist denn der Erfolg meiner zärtlichen Liebe für Sie, Don Karlos,« antwortete sie, indem sie sich das Gesicht abwischte, »diese Mißhandlungen verdient man, wenn man Euch Männern sein Herz zu offen zeigt.«

Diese unbehülfliche Wendung, mir zu entwischen, verdroß mich ungemein. Ich fuhr ein wenig auf: »Was für einen Namen geben Sie da den kleinen Winken, die ich Ihnen itzt als ein sehr guter Freund zu geben mir erlaubt habe? Mißhandlungen, Madam? – Ich denke, die Marquise von G** ist ausser Gefahr, von jemandem in der Welt, am allerwenigsten aber von ihrem Gemahle, dergleichen zu erfahren. Sie haben sehr starke Ausdrücke. – Aber kurz, entschuldigen Sie meine übergroße Freyheit, gnädige Frau. Niemand kann über die Gründe Ihres Betragens besser urtheilen, als Sie selbst. Ich habe auf Ihren Verstand immer ein völlig unbedingtes Vertrauen gesetzt, und Sie werden Sich gewiß fleißig darin erinnern, daß Ihre eigene Ehre von der Erhaltung der meinigen abhängt.«

»Und was ist Ihnen denn in meinem Betragen so anstößig, daß Sie die Gründe desselben nicht mehr einsehen können? Ich hoffe doch nicht, daß Sie wirklich auf Don Bernhard eifersüchtig sind?« Sie begleitete dies mit einem Gelächter, das sie in meinen Augen ganz abscheulich machte. Ich versetzte sehr ernst.

»Madam, ich erkenne hier die Grundsätze Ihrer Nation. Aber wissen Sie, daß ich hierin ein wahrhafter Britte bin. Wenn Sie bloß meine Maitresse wären, so würde ich weiter nichts von Ihnen fordern, als daß Sie meine Gesundheit nicht in Gefahr setzten. Aber, da ich Sie mit dem Range meiner Gemahlin beehrt habe, so will ich durchaus nicht, daß Sie einem anderen als mir die Schwachheiten ihres Herzens bemerken lassen.«

Sie warf zu aller Antwort die Oberlippe auf. Zu einer anderen Zeit würde ich dies sehr niedlich gefunden haben, aber ich begriff itzt, was ihr Stolz, den ich absichtlich zu demüthigen bemüht war, damit ausdrücken wollte. Auch waren die Zeiten vorüber, wo Schönheit auf mich Eindrücke machte, wenn ich irgend einen Plan durchsetzen wollte. Vielleicht war sie auch verwundert über die Entdeckung einer neuen Seite in meinem Charakter. Kurz sie versank in ein tiefes Nachdenken. Ich wartete weiter den Nachtisch nicht ab, machte eine tiefe Verbeugung und entfernte mich.

*

Ich glaubte es nun hierbey bewenden lassen zu können. Es ist unmöglich, dachte ich bey mir selbst, daß Adelheid in so kurzer Zeit so gänzlich verdorben sey. Ein kluges Weib wagt schwerlich mehr, wenn sie irgend einen aufmerksam gewordenen Lauscher dicht neben sich weiß. Zum wenigsten thut es nur die glühendste Leidenschaft, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sie in der Marquise Herzen so eine feste Wurzel geschlagen hätte. Vielleicht zu viel Liebe von meiner Seite mag mich ihr gleichgültig gemacht, vielleicht zu viel List und Schmeicheley von Don Bernhards Seite mag sie irre geführt haben. Der ihr eben gegebene Wink wird sie wieder auf den rechten Weg helfen, und ohne Aufsehen werde ich unsere Einigkeit wiederherstellen können.

Aber ich hatte mich durchaus betrogen, und es vergieng keine Viertelstunde, als ich auch meinen Irrthum zu bemerken Gelegenheit hatte. Ich stand noch auf der Treppe, um in mein Zimmer zu gehen, als ich die Marquise heftig die Saalthüre aufreissen, und dem Bedienten laut zurufen hörte, daß sie nicht zu Hause wäre, wenn etwa heute, oder morgen, oder übermorgen Don Bernhard nach ihr fragte.

Selbst bevor ich noch recht hierüber nachdenken konnte, traf es mich doch gleich einem Todesstreiche. Ich war im Begriff, hinunterzurennen, und den Befehl in ihrer Gegenwart zu widerrufen, aber ich dachte daran, das sey die Unvorsichtigkeit vergrössern, die sie begangen habe, uns dem Bedientengeschwätze so unverzeihlich bloszustellen.

Je tiefer ich aber diesen Umstand betrachtete, desto schrecklicher war mir seine geheime Bedeutung. Adelheid hatte ein ausnehmend glühendes Blut, sie war von mir sehr beleidigt, nichts war gewisser, als daß irgend ein heimliches Einverständniß zwischen ihr und Don Bernharden stattfand, bey zehn Gelegenheiten hatte ich kleine verstohlene Winke, und fast unmerkliche Verabredungen bemerkt, zum Schlusse war man noch nicht gekommen, dies schloß ich mit Sicherheit aus ihren Unvorsichtigkeiten. Es war daher nicht zu vermuthen, daß Adelheid ihren Freund meinem bloßen Argwohn aufopfern wolle, und um diese öffentliche Abweisung wieder gut zu machen, muste ihr daher irgend ein heimlicher Ausweg bekannt seyn. Man kann nicht begreifen, welches innerliche Grauen mir dieser vertrauliche Briefwechsel verursachte, man muste daselbst mich nothwendig übelbehandeln, und ich sah darin den gewissen Grund aller Widerspenstigkeiten meiner Gemahlin, und der bisherigen Zeichen einer innerlichen Abneigung gegen mich.

Da ich diese nicht verdient hatte, so mußte ich sie nothwendig der List und einer Reihe von feinen Ränken Don Bernhards zuschreiben. Hätte ich nicht so unglaublich vielen Stolz besessen, und wäre mir die Marquise noch so theuer, als vor der unglückseligen gestrigen Nacht gewesen, ich wäre darüber um den Verstand gekommen. Aber so dachte ich ganz gleichgültig über die Umstände und über meine Hülfsmittel nach.

Um meinen Plan vollends zu bestimmen, bemühte ich mich noch mehr von ihr herauszulocken. Unter mancherley Vorwänden suchte ich sie zu sprechen, aber immer war sie beschäftigt, und ließ sich entschuldigen. Hieraus machte ich den Schluß, daß sie schreibe. Don Bernhard kam gegen Abend. Ich bemerkte, daß ihn eine ihrer Kammerfrauen, die mir schon lange anstößig gewesen war, empfieng, und ihn zu sich in die Thüre nöthigte. Wahrscheinlich, daß sie ihm da entweder vom Vorfalle Auskunft ertheilte, oder irgend ein Briefchen zusteckte. Nach einem Weilchen kam er wieder zum Vorschein, setzte sich zu Pferde, und ritt langsam und gedankenvoll fort.

Dies bestimmte meinen Entschluß. Entweder wollte ich Adelheiden nach Frankreich zurückführen, oder auch im Nothfalle in ein Kloster stecken. Hierüber glaubte ich vorher meine Mutter zu Rathe ziehen zu müssen. Ich rief daher meinem Kammerdiener, und befahl ihm, Morgen Mittag meine Pferde zu einer kurzen Reise nach Alkantara bereit halten zu lassen. Ich that dies, um es der Marquise wissen zu machen, damit sie, im Falle sie von meiner Absicht etwas ahnde, Zeit genug übrig behalte, der Ausführung derselben zuvorzukommen. So nothwendig ein solcher Schritt mir auch schien, so äußerst unangenehm war er mir doch wegen einer Menge von Umständen, und ich hätte ihn sehr gern vermieden.

Zur Zeit des Abendessens ließ ich in meinem Schlafzimmer decken. Gewöhnlich pflegte sie dann zu mir zu kommen, aber heute Abend, nachdem sie mich hatte einladen und ich mich entschuldigen lassen, hatte es sein Bewenden dabey. Wie schwach ist nicht das menschliche Herz. Diese kleine Begebenheit machte, daß ich, trotz meiner Müdigkeit, die ganze Nacht kein Auge zuschloß. Hundertmal befand ich mich in Versuchung aufzusteigen und ihr einen Besuch zu machen. Die bloße Ungewißheit, wie sie mich aufnehmen würde, hielt mich zurück. Ich kleidete mich an, warf mich dann wieder aufs Bett, seufzete, klagte darüber, daß ihre Liebe so sehr von mir gewichen sey, verwünschte dann wieder mein Schicksal, Don Bernharden und mich selbst; die Nacht verstrich unter hundert Thorheiten, und hätte mir das Morgenlicht nicht etwas Verstand wiedergegeben, wer weiß, welches Ende es genommen haben würde.

Aber so verrauchte der Rausch mit dem zunehmenden Glanze des heraufsteigenden Tages. Mit größter Ruhe brachte ich meine kleinen Geschäfte in Ordnung, um nach Entscheidung meiner Mutter keine Zeit damit verlieren zu dürfen, und gab meinem vertrauten Kammerdiener alle erforderlichen Instruktionen, um während meiner Abwesenheit die Marquise weder Tag noch Nacht aus den Augen zu lassen, ließ ihr endlich selbst einen guten Morgen wünschen und meine kleine Ausflucht nach Alkantara zu wissen thun. Hiermit hieng ich mir eine kleine Jagdflinte um, ohne die ich niemals zu reisen pflegte, schwang mich aufs Pferd, und jagte davon.

Wie ich eben zum Schloßhofe hinausreiten wollte, fiel es mir ein, mich noch einmal umzudrehen. Die Marquise stand auf ihrem Balkon, und sah mir nach. Sie blühte und war frisch, gleich einer Rose. Das Vergnügen blitzte ihr in den Augen. Sie war noch im Nachtkleide, und trug gerade ein solches Hüthchen mit einem Bande von der nemlichen Farbe, als am Morgen, wie ich sie zum erstenmale im Garten erblickte. Diese Erinnerung fiel mir auf, und that mir weh. Ich winkte ihr mit einem Schnupftuche, das ich in der Hand hatte, sie machte mir ein Abschiedszeichen mit der Hand, aber ehe ich noch zum Thore hinaus war, drehte sie sich um, und gieng in ihr Zimmer.

Dies neue Zeichen von Gleichgültigkeit und Geringschätzung machte mich sehr geneigt, anstatt nach Alkantara zu gehen, auf der Stelle wieder umzukehren, die Wagen in Ordnung zu setzen, und noch heute mit der Marquise, nach Frankreich abzureisen. Aber ich dachte daran, ohne Zweifel sey es meine Pflicht, auf jeden Fall meine Mutter noch vorherzusehen. Und kaum war ich in das Freye hinaus, so hatte ich die Beleidigung auch schon völlig vergessen, und dachte nur an mich selbst.

Sogleich wenn man aus dem Parke ins Feld kam, erblickte man auch den berüchtigten Wald meiner merkwürdigsten Abentheuer in der Ferne. Rosalie fiel mir schwer auf das Herz. Ihre sanften Blicke hatten mich niemals verlassen. Ich wiederholte sie mir, ich wiederholte die Ergüsse ihrer Glut für mich, es schien mir eine Sünde zu seyn, sie ohne Abschied verlassen zu wollen. Meine Hand lenkte, ohne daß ich es wahrnahm, das Pferd nach dieser Seite zu, ich befand mich auf dem Wege dahin, ohne es zu wollen, ich langte am Orangenbüschchen und an der verfallenen Hütte an, ohne es zu glauben. Meinen Bedienten hatte ich auf dem Scheidewege nach einem Wirthshause auf der Straße nach Alkantara vorausgeschickt, und befahl ihm, mich daselbst ruhig zu erwarten. Nachdem ich mein Pferd in der Hütte befestigt hatte, machte ich mich mit meiner Flinte allein auf den Weg.

Ich verlor mich in der Betrachtung aller dieser mir so merkwürdig gewordenen Gegenstände. Jeder Baum schien mir bekannt, in jedem Denkmale der ehemaligen Kultur und verfallenen Gartenanlagen glaubte ich einen alten Vertrauten wiederzusehen. Bis zu Trähnen gerührt kam ich zum Schlosse an, dem man itzt, bey mehrerer Sicherheit, eine neue und reinlichere Aussenseite ertheilt hatte.

Man sagte mir, daß Rosalie sich im Garten befinde. Ein eiskalter Schauer überlief mich bey dieser Nachricht. Meine gereizte Phantasie rief aus der Erinnerung alle Gestalten der schönsten Vorwelt ab, und erfüllte mich mit ängstlichen Ahndungen. Die niedersinkende Sonne schien mit ihren matten Strahlen im vergoldeten Gebüsch den heiteren Morgen nachahmen zu wollen, der mich Rosalien in die bräutlichen Arme führte. Mit jedem leisen Wallen der Düfte, mit dem hohlen Geseufze der Quellen, mit dem Flattern des Laubes wehte mich die Vergangenheit an, in jedem Athemzuge der warmen, melodischen, säuselnden Luft glaubte ich einen der Töne zu hören, welche mir die Zauberin zum erstenmale heraufführte.

Sie erschien im nemlichen Gange. Mit verdoppelten Schritten eilte ich auf sie zu. Ganz die nemliche Gestalt, nur war die damals noch unreife zu jungfräuliche Knospe nun aufgebrochen, und glühte in der Natur glänzendster Schönheit. Selbst ihr halbaufgeschürztes Gewand schien mir leichter, und die festen Formen ihrer Glieder brachen ohne Mühe hervor, und druckten sich deutlich und rein in ihren Umrissen fast ohne alle Falten ab. Ueber dies alles warst du einst Herr! dachte ich dumpf bey mir selbst.

Etwas hatte sie sich mir genähert, aber dann bog sie auf halbem Wege wieder aus, und in einen Seitengang ein. Ich glaubte, sie wolle mich vermeiden, ob ich gleich keine Flucht in ihrem Schritte wahrnahm. Schnell folgte ich ihr daher auf den Fuß nach, aber kaum befand ich mich im Eingange des Seitenweges, als die reizende Zauberin auch ihren Arm um mich schlug, ihren Mund an meine Wange heftete, und mit tausend Küssen mich niederzog.

»Theurer, theuerster Karlos,« sagte sie, »wie sehr danke ich dir für diesen lieben Besuch! – Ich wuste es wohl, daß dein großmüthiges Herz sich noch meiner zuweilen erinnere. Ich wußte es wohl, daß es nicht so leicht sey, Rosalien zu vergessen, wenn sie inbrünstig liebe.«

Ich antwortete der süßen Schwätzerin mit heissen Umarmungen. Ihr glühendes Gesicht, das sie an das meinige legte, hatte eine Frische, die ich hier zum erstenmale fühlte, ihr Auge brannte von des Herzens glühender Leidenschaft, alles war mit dem Schmelze der Liebe sanft überhaucht, und das verdoppelte Schlagen in ihrer Brust wiederholte sich in jeglicher Miene.

»Schöner Engel der Liebe!« rief ich mit Bewunderung aus, »so lange hast du dies Gefühl in deiner Brust genährt, um deinen untreuen Karlos ohne Haß und Eifersucht noch einmal damit glücklich zu machen?«

»Freylich, untreuen!« erwiederte sie schmollend, »du hast ihn da mit dem wahren Namen genannt. Aber sprich nicht mehr böse von dem süßen Verräther. Ich habe ihm alles verziehen, und bin aus seiner Geliebten eine innige und zärtliche Freundin geworden.«

»So liebe ich dich, Rosalie. Der Leidenschaft Feuer dauert Monate lang, wenn die stille, bescheidene und anspruchslose Freundschaft auf Ewigkeit zwey Seelen verbindet. Bleibe mir in dieser Empfindung immer getreu, holdes Mädchen. Rechne auf mich, als auf deinen Bruder. Rechne auf mich in jeder Verlegenheit. Wo könntest du auch dies innige Gefühl leichter zu finden hoffen, als in einem Herzen, das dich einmal geliebt hat?«

»Daß diese Zeit vorüber ist, Karlos, kränkt mich ein wenig. Aber es ist besser etwas als gar nichts zu haben. Mit unaussprechlicher Freude nehme ich dich als meinen Bruder an. Mit unaussprechlicher Glückseligkeit werde ich immer Theil an der Deinigen nehmen.«

Sie gab mir hierauf einen von ihren Küssen. Es waren die der lautersten Natur. Die anderen Weiber schienen mir immer nach ihr nur kalte Kunst. So ganz schwebte ihr innerster Gedanke auf der Purpurlippe, und theilte sich in seiner ursprünglichen Wärme mit. So sichtbar und gleichsam verkörpert schwamm ihre Seele im feuchten Blicke, oder schlich mit einer sanften Trähne sich in unseren gierigen Athem mit ein.

Ich bemerkte das Abnehmen des Tages und machte mich daher von ihr etwas loß. »Rosalie,« sagte ich, »du siehst an meiner Flinte hier, daß die Jagd und das Ohngefähr mich hieherführten. Ich danke meinem guten Gestirne, daß ich auf dich gestoßen bin. Itzt muß ich dich verlassen. Gieb mir noch einen Kuß, und dann lebe wohl!«

»Du sprichst das mit lächelnder Miene, Karlos,« antwortete sie bedeutend, »aber ich traue ihr nicht mehr so ganz. Dein Hieherkommen hat etwas Geheimnißvolles, und es ist eine kahle Erfindung, deine Schwester mit der Jagd und dem Ohngefähr abspeisen zu wollen.«

»Wenn darin wirklich etwas liegt, so ist es, daß ich dich noch einmal zu sehen wünschte.«

»Noch einmal, Karlos?«

»Das heist noch einmal so allein und ungestört. Sind nicht hundert Augen um uns, die uns beobachten, und wer steht für die Zukunft?«

Sie brach in Trähnen aus. »Ich verstehe dich, Karlos,« sagte sie halblaut, »aber fürchte nichts, ich bin deine Schwester, und danke dir auch für diesen traurigen Beweis deiner Liebe. Freylich könntest du mir wohl etwas mehr sagen, – doch mache es wie du willst.«

»Aber schwöre mir,« fuhr sie nach einem Weilchen fort, »daß du wieder zurückkehren willst, nein! nein! »schwöre nicht, in jener Laube dort schworst du mir schon einmal einen fürchterlichen Eid, und hattest den Muth, ihn zu brechen.« – Sie schauderte, und erblaßte. – »Ich brach ihn nicht, Karlos.« – Sie umschlang mich wieder inbrünstig mit ihren zarten Armen, und lehnte ihr nasses Gesicht auf meine Schulter, – »ich blieb dir immer so treu, so treu. Welches Weib wäre es dir auch nicht geblieben?«

Ich seufzte. Zum Glück irrte sie sich im Grunde meiner nur zu sichtbaren Beklemmung, welche von ihren letzten Worten auf das höchste gebracht war. »Lebe wohl! Lebe immer wohl, Karlos!« sagte sie schluchzend, »ich kenne dein Herz. Es ist unser heilloses Schicksal, das dich meyneidig macht. Gewiß, du hättest sonst deine arme Rosalie besser geliebt. Sie hätte sich nicht mit den bloßen Rechten einer Schwester begnügen dürfen, und ach! vielleicht wärst du in ihrem Besitze so glücklich als mit einer andern gewesen.

»Gewiß, wäre ich das, Rosalie, ja glücklicher! du nennst unser Schicksal mit Recht ein heilloses, und noch sehe ich nicht das Ende davon.«

»Fasse Muth, Karlos. Auch in der Ferne will ich über dich wachen, und vor jeder Gefahr, die ich über dir schweben sehe, dich zu warnen suchen.«

Sie drückte mich noch einmal an den vollen und lauten Busen, dann machte sie sich sanft von mir loß, wandte sich, und vertiefte sich vollends in das Gebüsch.

*

Ich nahm meinen Weg zur Hütte zurück. So voll war ich von Gedanken mancherley Art, daß ich ihn beynahe verfehlt hätte. Der Abstand zwischen Rosalien und der Marquise war so unendlich, und doch hatte sich die letztere über nichts zu beklagen. Ich liebte sie auf das innigste, und ließ mir nie eine Gelegenheit entgehen, um ihr meine Anhänglichkeit zu verstehen zu geben. »So sind die Weiber!« dachte ich. Auch schmeichelt eine Eroberung nur so lange, als man sie entweder nicht gänzlich gemacht hat, oder in ihrem Besitze nicht ganz sicher zu seyn fürchtet.

Der Abend sank schon mit seiner frischen Kühle nieder, und ich gieng bey mir selbst zu Rathe, ob ich dem vorausgeschickten Bedienten nachreiten, und so die Nacht elend im Wirthshause zubringen, oder ob ich lieber in meinem eigenen Bette schlafen, und dann mit frühem Morgen das Versäumte einbringen wolle.

Nach einiger Ueberlegung zog ich das letztere vor, und schlenderte mit so vieler Nachläßigkeit meine Straße hin, daß ich nur mit einbrechender Nacht das Schloß erreichte. Ueberdieß hatte ich in meiner Zerstreuung und Gedankenlosigkeit bey einem Kreuzwege geirrt, und stand vor der Hinterthüre meines Parkes, als ich eben an der Zugbrücke angekommen zu seyn glaubte.

Hier stieg ich ab, befestigte das Pferd unter einem Vordache, mit dem Entschlusse, es durch einen Bedienten abholen und um den Park herum in die Ställe führen zu lassen, eröfnete die Thür mit einem Hauptschlüssel, und gieng durch das kleine Myrthenbosket auf das Schloß zu.

Im Schlafzimmer meiner Gemahlin, das nach dem Garten zugieng, befand sich kein Licht. Alles war überhaupt still und wie ausgestorben. Die Marquise wird schon im Bett seyn, dachte ich bey mir selbst, und ob es gleich zu einer sehr ungewöhnlichen Stunde war, sann ich doch nicht weiter darüber nach, eröfnete leise die Schloßthüre, die ich zu meiner großen Verwunderung noch nicht zugeschlossen fand, und schlich mich so sacht ich nur konnte die Treppe hinan. Niemand begegnete mir, ob ich gleich aus der Ferne noch Geräusch in der Küche, und hin und wieder in den Zimmern die Bedienten schwatzen hörte.

Ich weiß nicht, warum ich so leise auftrat, um nicht entdeckt zu werden. Ob es bloße Neugierde über die Verfassung meines Hauswesens in meiner Abwesenheit war, oder ob es wirklich in der menschlichen Seele in Rücksicht der Zukunft geheime Ahndungen giebt? Ohne zu wissen, warum? bebte ich gleich einem Espenlaube. Ohne zu wissen, auf was? befürchtete ich jeden Moment, auf irgend einen Gegenstand zu stoßen. Doch rafte ich mich auf, und wollte eben in mein Zimmer hinaufsteigen, als ich die Thüre vom Vorgemache der Marquise weit eröfnet, und durch die Reihe von Zimmern eine gewisse zweydeutige Hellung in ihrem Wohngemache erblickte.

Du willst ihr einen guten Abend sagen, dachte ich bey mir selbst. Sie könnte sonst auf allerhand arge Gedanken darüber gerathen, daß du wie ein Dieb in der Nacht hereingeschlichen bist. – Hiermit gieng ich getrost hinein. Aber alles war leer. Zwey Lichter standen auf ihrem Arbeitstische und hatten lange, lange Schnupfen. – Wo mag sie doch stecken, sage ich zu mir selbst. Ich hoffe doch nicht, daß sie noch in der Abendluft herumlaufen wird. Das unvorsichtige Ding wird noch das Fieber bekommen.

Ich setze mich nieder, um sie geduldig zu erwarten. Aber ich setze mich auf etwas. Es ist ein Mannshuth. Zuerst glaube ich in der Zerstreuung, es sey der meinige. Aber er hat eine brillantene Schleife. Ich erkenne ihn. Er gehört Don Bernharden. Meine erste Bewegung ist, ihn mit Heftigkeit auf den Boden zu werfen, und mit Füßen zu treten, dann reisse ich ein Licht vom Tische weg, und renne, wie von einem Instinkte getrieben, in Adelheids Schlafgemach.

Aber ihr Bette war leer, und ohne alle Spuren. Ich erholte mich etwas, gieng langsam und leise wieder in das Zimmer zurück, setzte das Licht auf seinen vorigen Ort, legte den Huth an seine alte Stelle, wartete noch ein wenig. Wie ich aber ein näherkommendes Geräusch bemerkte, verbarg ich mich in einem Winkel hinter einem Wandschirme, wo die Marquise gewöhnlich einige Kleider aufzuhängen pflegte, und stieß noch in der Eile mit dem Bajonette von meiner Jagdflinte ein Loch in die Leinewand, um ohne Schwierigkeit im Zimmer alles bemerken zu können.

Bald darauf trat man herein. Don Bernhard führte die Marquise, machte ihr alsdann auf dem Ruhebett Platz, setzte den Tisch davor weiter weg, und ließ sich selbst bey ihr nieder. Hätte ich ein wenig an Bezauberungen und Verwandlungen geglaubt, ohne Zweifel hätte ich die Szene für ein Feenstückchen gehalten. Beyde waren zum Erstaunen verändert.

Adelheid glühte über und über. Soviel ausserordentliches und regsames Leben hatte ihr schönes Gesicht noch niemals gehabt. Das Blut kochte mir, aber ich starrte auf dies himmlische Gemälde mit Bewunderung hin. Ihr Busentuch war in Unordnung, und, o, Himmel und Hölle! es war nicht allein verschoben, es war auch in tausend Falten zerdrückt.

Sie zitterte und athmete schwer. Ihr feuchter Blick war ganz Wollust. Ihr Mienenspiel und jede Bewegung ihrer Glieder war ganz Begierde. Nicht mehr jene Unschuld, und der bescheidene Widerstand, mit denen sie die kühnen Liebkosungen ihres Gemahles im Zaum hielt! Nicht mehr jenes jungfräuliche und züchtige Wesen, das nichts verstattete, aber alles sich rauben ließ. Eine Buhlerin, die zum erstenmal liebt, glaubte ich vor mir zu sehen, so dreist, so unaufhaltsam kühn, so lockend und selbst zudringlich sprachen ihre Geberden. Nichts war gewisser, Don Bernhard hatte ihr etwas in den Wein gemischt.

Er selbst schien sich ganz eigentlich zu einem solchen Abentheuer bereitet zu haben. Anstatt des einfachen Kleides, in dem ich niemals vorher die kleinste Veränderung wahrnahm, trug er heute den Gallarock eines Pariser Stutzers. Das Rauhe und Ernsthafte in seiner Sprache und in seinen Ausdrücken verlor sich in ein süßes Gelispel feiner Schmeicheleyen und kleiner Wörtchen. Ehedem hatte ich ihn, in seinem natürlichen Charakter, für einen schönen Mann gehalten, itzt kam er mir so abgeschmackt, verstellt und abentheuerlich vor, daß ich an einem andern Orte hätte über ihn lachen müssen.

Seine Augen flammten, seine Brust kochte, er schien keine Worte finden zu können, oder gar keine Gedanken zu haben. Auch wäre die Sprache hier überflüßig gewesen. Seine konvulsivisch zitternden Hände drückten alles aus. Der abscheuliche Bösewicht entweihte den reinen Trohn der Liebe, – und ach! Adelheid hinderte es nicht.

Nachdem er sich am schönsten Busen der Welt mit tausend gierigen Küssen gesättigt hatte, schickte er sich an, das Verbrechen zu vollenden. Adelheid war ermattet, und widerstand nicht einmal. Ein Fieberschauer schien sie in seinem Arme ohnmächtig zu machen. Ohne Scheu, ohne Ahndung, ausser sich gesetzt, entblößte er itzt ihre geheimsten Schönheiten, die ich selbst niemals mit meinen Blicken zu entheiligen gewagt hatte, seine verwegenen Finger drangen in der Liebe und des Reizes verborgenstes Heiligthum.

Kaum konnte ich mich aufrecht erhalten. Ein Schwindel drückte mich zur Erde nieder. Aber die Nähe der Gefahr gab mir die Kräfte wieder, welche die Furcht davor mir geraubt hatte. Die Verzweiflung riß mich aus der Ohnmacht heraus, in welche die Wuth mich versetzte. Ich lehnte mich hinter dem Schirme hervor, spannte den Hahn an der Flinte, legte an, eine einzige Kugel sollte beyden ein Ende machen.

Ein Schutzgeist walltete über Adelheids Leben. Wie ich losdrückte, gerieth mir in der Eile der Daum vor die Pfanne. Das Geräusch machte Don Bernharden, der mein Weib schon nun mit beyden Armen umschlungen hatte, seitwärts zurückfahren. Erstarrt wandte er den Hals. Aber nicht mehr als einen Moment hatte er Zeit, sich zu besinnen. Der Hahn flog ein andermal auf, – und er stürzte mit zerschmettertem Gehirne auf seine Geliebte nieder.

*

Adelheid lag in tiefer Ohnmacht unter ihm. In der ersten Aufwallung war ich mit dem Schusse unzufrieden, aber dann rüttelte ich sie auf. »Verruchtes Weib!« rief ich laut, »erwache, erwache zu deiner Strafe!« Sie gab Zeichen von rückkehrender Besinnung. Dann drückte ich ihr den Buhler blutig in den Arm, und gieng in das Vorzimmer, um die Bedienten, welche der Schuß herbeygelockt haben möchte, zur Ruhe zu bringen.

Auch fand ich in der That einige mit Lichtern in der Hand auf dem Wege. Ich sagte ihnen, es sey Nichts, die Flinte sey mir von Ohngefähr losgegangen und habe mir den Daum beschädigt. Die Kammerfrauen und besonders Adelheids Vertraute wollten zu der Marquise ins Zimmer eilen. Ich schickte sie in einen Nebensal, und verschloß sie darin. Nachdem ich mir hatte den Finger verbinden lassen, befahl ich den Bedienten mit meinem Kammerdiener hinunterzugehen, dem ich gebot, niemanden von ihnen einen Fuß rühren zu lassen. Ich gab ihm meine Flinte, mit dem Zusatze, den ersten niederzuschießen, der ihm ungehorsam seyn würde. Es war ein braver Teutscher, und ich kannte meinen Mann.

Als ich zu der Marquise zurückkam, hatte sie sich unterdessen gänzlich wieder erholt, war aufgesprungen, hatte den Leichnam von sich weggeworfen, und harrte in einiger Entfernung davon vor einem Stuhle niedergekniet, ihres bevorstehenden Schicksales. Sie war ihres Todes völlig gewiß, und wünschte ihn. Wie hätte sie mich auch jemals wieder anblicken können, ohne vor Schaam zur Erde zu sinken?

Sie sah auf, als sie mich hineintreten hörte. Zum Entsetzen war ihr Gesicht entstellt. Nicht nur waren die schönen Rosen der Wollust, Liebe und heisser Begierde verblühet, auch hatte der herannahende Tod schon seinen grauen Schleyer darüber hergebreitet. Das Grausen richtete einen Theil ihrer Haare in die Höhe; der andere Theil hieng ihr mit dem Blute ihres Liebhabers besudelt, starrend über die Stirne. Ihr Auge war gebrochen und das eines abgeschiedenen Geistes. Es blinkte krampfhaft, wie es auf ihren vermeyntlichen Henker fiel. Der Mund war wie von einem wildem Schmerze zusammengepreßt, und eröfnete sich nur, wenn ihre Brust dem Todesschluchzen zu eng war.

Anstatt, daß dieser grausende Anblick mich hätte rühren sollen, ward mein Widerwillen dadurch nur noch bitterer und verzehrender. Ich legte meine Flinte nieder, die ich bisher immer noch in der Hand gehalten hatte, gieng zum Fenster, eröfnete es, pakte den Leichnam bey der Kehle, und stürzte ihn wütend in den Garten.

»Stehen Sie auf, Madam,« schrie ich. Sie versuchte sich in die Höhe zu richten, aber sank immer wieder ohne Kräfte zurück. Ich faßte sie daher unter die Arme und riß sie auf. Ohne Zweifel glaubte sie, ich wolle sie ihrem Liebhaber nachwerfen. Sie sammelte ihren Athem, und sagte leise: »danke Ihnen, Don Karlos, geschwind, geschwind geben Sie mir den Tod.«

Ich stellte sie auf die Füße, und fuhr fort. »Dort, hinter dem Schirme habe ich Ihr Waschbecken mit Wasser bemerkt. Holen Sie es, und wischen Sie mir dies Blut hier vom Boden auf.«

Sie wankte gehorsam hin, und da sie kein Tuch finden konnte, nahm sie ihr Taschentuch, wischte sich vorher die Augen, stürzte dann auf die Knien nieder, und fieng an das Blut aufzuwischen. Doch mehrmals muste sie absetzen und wieder Athem holen. Die Trähnen rannen ihr stromweiß über das Gesicht, und vermischten sich mit dem geronnenen Blute. Ich stand indeß neben ihr, und leuchtete dazu. Von Zeit zu Zeit sagte ich. »Reiben Sie stärker, Madam. Hier ist noch ein anderer Fleck.«

Wie sie diese Arbeit vollendet hatte, stürzte sie platt auf die Erde mit dem Gesichte. Ich richtete sie von neuem auf, suchte dann im Vorzimmer eine Windfackel, brannte sie an, gab sie ihr in die Hand, und sagte: »Gehen Sie vorauf, Madam, und leuchten mir!« Ich nahm indeß die Schüssel mit dem Blute, und wir stiegen in den Garten hinab.

Ich führte sie unter das Fenster, aus dem ich den Leichnam herabstürzte, nahm diesen selbst auf die Schulter, nachdem ich der Marquise das Becken mit dem Blute gegeben hatte, und hieß ihr, mich zur Einsiedeley, als dem entferntesten Theile des Gartens, zu führen. Sie gab keinen Laut von sich, nicht einmal einen Seufzer ließ sie hören, aber sie zitterte in einem ununterbrochenen Fieberschauer, und verschüttete sehr viel vom Blute. »Halten Sie die Schale fester, Madam!« erinnerte ich sie strenge. Das arme Weib bemühte sich, mir zu gehorchen, aber es war vergebens.

Ich suchte ein Grabscheid, und als wir am bestimmten Orte angekommen waren, begann ich in einem entlegenen Winkel eine Grube zu machen. Die Erde war locker und ich wurde sehr bald damit fertig. Sie hatte sich auf einen Stamm niedergelassen und leuchtete mit der Fackel dazu. Dann aber nahm ich sie ihr aus der Hand, und sagte: »Madam, geben Sie itzt ihrem Liebhaber den Abschiedskuß!« Gleich einem Lamme an der Schlachtbank kniete sie geduldig bey dem Körper nieder, und küßte seinen bleichen Mund. Mit Entzücken sah ich, daß ihre Miene einigen Widerwillen ausdrückte. Sie stand wieder auf, und ich verscharrte den Körper. Das Blut goß ich über den Grabhügel aus, und zerbrach die Schale. »So weihe ich dich der Verdammniß und einer unauslöschlichen Schmach!« setzte ich hinzu, »du hast deinem Freunde sein Liebstes geraubt.«

Adelheid vergoß keine Trähne mehr. Vielleicht war sie zu sehr mit dem ihr nun bevorstehenden Schicksale beschäftigt. Nur von Zeit zu Zeit ruhte ihr dunkles Auge voll Entsetzen auf mich. Ich wich ihren begierigen Blicken aus, und winkte ihr, mit der Fackel den Weg zum Schlosse zu nehmen.

Wir waren in der Nähe der Thüre, als ein Schuß fiel. Ich begriff ohne Mühe, was dieser bedeute. Aber Adelheid schauerte zusammen, und die Fackel fiel ihr aus der schlaffen Hand. Nachdem ich diese aufgehascht hatte, faßte ich die Marquise unter dem Arme, und führte sie die Stiegen hinan.

Wir kamen wieder in ihrem Zimmer an. Ich setzte sie auf ihrem Ruhebett nieder. »Hier ist der Schlüssel zum Seitengemache, Madam,« sprach ich, »wo ich Ihre Kammerfrauen einzuschließen für gut befunden habe. Sie werden in diesem Augenblick Ihren Koffer zurecht machen, damit wir höchstens in einer Stunde abreisen können. Unter Weges werden Sie mir sagen, ob sie V–l, oder ein Kloster in Frankreich zum Aufenthalt vorziehen.«

Dies hatte sie nicht erwartet. Soviel Großmuth überwältigte sie. Sie warf sich vom Sopha auf die Erde nieder, und küßte mir die Füße. Der Uebergang von der Todesfurcht zu einer Gewißheit des Lebens war zu plötzlich gewesen, und Adelheid konnte nicht wieder aufstehen. Ich hob sie sanft in die Höhe, und setzte sie auf ihre alte Stelle, sprützte ihr Wasser ins bleiche Gesicht, und rieb ihr die Stirne. Vielleicht, daß meine Miene sehr viel Rührung ausdrückte. Sie nahm derselben gewahr, und wollte sich noch einmal vor mir niederwerfen. Doch hielt ich sie feste. »Um Gotteswillen!« schrie sie heftig, »um Gotteswillen! nicht soviel Güte, Karlos. Ich habe den Tod verdient. Hier ist meine Brust. Mache meiner Todesqual wohlthätig ein Ende.«

Sie riß sich den Busen auf. Ich wendete mich weg, um ihn nicht zu sehen. »Beruhigen Sie Sich itzt, Madam,« antwortete ich gelassen, »danken Sie Gott, daß ich Sie nicht nach der Vollendung des Verbrechens überraschte. Meine Rache ist nun zu Ende. Ich habe Ihnen verziehen.«

Hiermit reichte ich ihr meine Hand. Sie verschlang dieselbe mit gierigen Küssen. »Tausend, tausend Dank dir, Karlos, für deine Langmuth mit einem verbrecherischen, aber mehr verirrten als lasterhaften Weibe. Der Himmel wird dir deine Tugend vergelten. Ach! ich kann es nie mehr!«

Sie schluchzte heftig, und ich begann für sie besorgt zu werden. In der ersten Betäubung hatte sie nicht Bewußtseyn genug zu irgend einem Entschlusse, aber itzt in der Reue bittersten Zerknirschung machte ihr glühendes Blut sie zu allem geneigt. Ich zitterte, sie nachsinnen zu sehen. Der ganze Umfang ihrer Schuld, ihres verlohrenen Glücks, ihrer unendlichen Schaam, ihres künftigen Elendes, mich nicht wieder zu sehen, aller Sorgfalt und Liebe eines gefühlvollen Gatten entbehren zu müssen, und nun in der Einöde eines Klosters mit allen ihren entsetzlichen Empfindungen allein, ganz allein gelassen, gleichsam auf ewig zu Grabe zu gehen – alles dies drängte sich ihrer ermatteten Seele auf. Wie gern wäre sie nicht vernichtet gewesen. Ich bebte bey jeder ihrer leisen Zuckungen vor einem solchen Versuche.

Ich setzte mich neben ihr und hielt ihre beyden zitternden Hände fest: »Adelheid,« sagte ich ihr, »mein armes Weib. Mißbrauche die Schwäche deines Gemahles nicht. Er hat dir verziehen. Gieb ihm keine Ursach es zu bereuen. Er würde diese Verzweiflung für Kunst ansehen, ihn noch einmal zu blenden. – Und wenn du dein künftiges Leben nicht dazu anwendest, ihm zu zeigen, man hatte dich nur auf Augenblicke verführt. Du hast noch so viele Jahre vor dir, und was kann ein kluges und edles Weib nicht, wenn es will.«

Sie drückte mir die Hände an die Brust und lehnte dann ihr Gesicht darauf. Ihr seelenvolles Auge, das sich des wiederkehrenden Lebens innigst zu freuen schien, dankte mir mit einem schwärmerischen Blicke. Mehr wagte sie nicht. Es war ein reuiger Engel, dem eine neue Hofnung klar aus der Ferne entgegenstrahlt.

»Ich rufe itzt deine Kammerfrauen, Adelheid,« fügte ich hinzu, »und mache dich reisefertig. Wir haben keine Zeit zu verliehren. Ich bin mit Auflaurern umgeben. Der Schuß, den du im Garten hörtest, galt einem von ihnen, der wahrscheinlich entwischen wollte, und den mein Kammerdiener niederschoß. In der nächsten Stadt gieb Isabellen den Abschied, dies verlange ich als eine Gunst von dir.«

Isabelle war ihre Vertraute, und die Marquise verstand mich. »Sorge für nichts, mein Gemahl,« antwortete sie, indem sie mir noch einmal die Hände küßte. Ich drückte die ihrigen und entfernte mich. Darauf ließ ich die Kammerfrauen heraus, und befahl ihnen zur Marquise zu gehen. Mein Kammerdiener hatte seine Pflicht gethan. Wir verbargen den Leichnam im Garten, machten dann die Wagen zurecht, und noch vor Tagesanbruch befanden wir uns auf der Straße nach Frankreich.

*

Unter Weges fragte ich die Marquise, ob sie über den Ort ihres künftigen Aufenthaltes nachgedacht hätte.

Sie antwortete, daß sie es niemals würde ertragen können, ihrem Vater mit dem so tiefen Bewußtseyn ihrer Schuld unter die Augen zu kommen, und daß, wenn ich nichts dawider habe, sie das Kloster in D*, dessen Aebtissin ihre nahe Verwandte sey, allen andern vorziehen würde. Wir nahmen Abrede über das, was man dieser, so wie ihrer übrigen Familie in Rücksicht ihrer Trennung zu sagen habe, und so kamen wir nach einer ziemlich glücklichen Reise, in D* an, wo ich sie nebst zwey Kammerfrauen zu lassen hatte.

Habe ich wirklich Kräfte genug, unsern Abschied zu schildern? Kaum war ich stark genug, ihn zu ertragen. Während unserer ganzen Reise hatte Adelheid den Mund kaum eröfnet, die tiefste, stummste, ja eine ganz klagen- und seufzerlose Schwermuth machte sie zu einem Schatten, aber dieser Schatten, noch immer die Spuren der holdesten Wirklichkeit tragend, rührte jedermann bis zu Trähnen. Ein schönes Weib, wenn es mit stiller Ergebung mit der Sanftmuth eines reuigen oder eines schuldlosen Herzens leidet, ist unwiderstehlich. Alle unsere Bedienten, alle, wo wir nur einige Stunden verweilten, wurden davon angesteckt. Ich selbst, mit allen meinen Gründen zum Hasse und Abscheu, konnte mich dieses geheimen Einflusses nicht ganz erwehren. Wo und wie ich nur konnte, suchte ich sie aufzuheitern, und ihr einige kleine Erholungen zu verschaffen, aber meine Güte und Aufmerksamkeit selbst machte sie nur noch trauriger, sie dankte mir mit stillen Trähnen und der bescheidenen Wärme eines gebrochenen, demüthigen Herzens, aber sie zeigte mir zugleich, daß sie an allem verzweifle.

Als wir das Kloster im Gesicht bekamen, fieng sie zum erstenmale an, laut zu weinen und über ihr grausames Schicksal zu klagen. Sie hatte da einige glückliche Jahre ihrer schuldlosen Mädchenzeit verlebt, und die Erinnerungen ihrer Jugend wehten sie an. In jedem Gegenstände fand sie einen Zeugen ihres kummerlosesten Alters, ihrer frohesten Spiele. In jedem dieser Zeugen einen stillen Vorwurf, ihrer nun nicht mehr mit ganzer Seele geniessen zu können. Wie würde sie sich jemals mit ihren Jugendfreunden wieder aussöhnen können.

Ich las alle diese Betrachtungen auf ihrer Stirne, aber ich hofte von der Einsamkeit mehr Trost für ihr wundes Herz, als sie selbst. Der Wechsel der Vergangenheit macht uns die Zukunft oft tröstlicher, zum wenigsten befürchten wir wenig von dieser, wenn wir uns mit jener anhaltend beschäftigen.

Die Stunde des Abschiedes kam endlich heran. Nachdem ich Adelheiden ihrer Verwandtin noch einmal angelegentlich empfohlen hatte, gieng ich auf ihr Zimmer. Sie sprang von ihrem Sitze auf, rannte mir entgegen, und stürzte sich ohne Scheu in meine Arme. Ich konnte es nicht über das Herz bringen, ein Weib, das ich so inbrünstig geliebt hatte, in einem solchen Augenblicke der Feyer und des Schmerzes kränkend von mir abzulehnen. Ich drückte meine Wange an ihr eiskaltes Gesicht, küßte ihr Augen und Stirn, und sagte: »Sei ruhig, mein bestes Weib. Suche wieder mit dir selber zufrieden zu werden, und Karlos ist nicht ganz für dich verlohren. Sollte auch zwischen uns jener süße Taumel des Glücks, jenes wonnige Zutrauen, und die kunstlose, arglose Liebe nie so ganz wieder zurückkehren, – wer könnte dir doch ein innigerer und näherer Freund seyn als ich? Was meinem Herzen einmal theuer war, kann es niemals vergessen.«

»Nein, Karlos, nimm deine Freundschaft zurück. Ich will sie nicht. Glaubst du, daß mir nun ein Tropfen genüge, wenn ich den ganzen Kelch der Liebe und Glückseligkeit ausleeren könnte? Glaubst du, ich könne meine glühenden Gefühle mit armseligen Täuschungen abkühlen? – Nein, Mann meiner Seele, Adelheid wäre niemals deiner werth gewesen, wenn sie nicht jedem andern itzt den Tod vorziehen würde. Meine Bestimmung war so schön. Wie leicht war es nicht, sie ganz zu erfüllen? Ich verkürzte sie mir muthwillig. Was bleibt mir nun übrig, als edel zu sterben? Dein Herz habe ich verscherzt, aber deine Achtung will ich verdienen. – Gieb mir den Abschiedskuß, Karlos! – Ach! niemals sehe ich dich wieder!«

Ich wuste nicht, was ich ihr antworten sollte. Zu viel Hofnung wollte ich ihr nicht geben. Und doch war meine Brust zerrissen. Meine Sinne verschwanden, so nahe an ihrem Herzen, dessen Klopfen mir nur zu gut noch bekannt war. Ihr ersterbender Reiz, die Todtenblässe ihrer schönen Wangen, ihr erloschenes Auge berührten meiner Seele fühlbarsten Seite. Ich schwankte. Keinen Gedanken mehr fand ich auf. Ich hielt mich selbst für zerstört.

»Verzweifle an gar nichts, mein bestes Weib. Die Zukunft behält uns vielleicht noch tausend Begebenheiten auf. Wer weiß es, ob sie uns nicht wieder zusammenführt? Die Zeit verwischt alle Eindrücke etwas, das Böse verschwindet in ihnen, und nur das Gute bleibt über.«

»Nein, nein, ich will diese Hofnungen nicht. Und wolltest du mich auch wieder an deinen Busen nehmen, eben so zärtlich, mit demselben Vertrauen, mit der nemlichen Fülle einer großen und zweifellosen Seele, nie möchte ich wieder dahin zurückkehren, und die Trähne der Wollust, die aus deinem Auge tröpfelte, würde mir, gleich einem ätzenden Gifte, auf der Wange brennen.«

»Aber noch eins, mein Karlos,« fuhr sie nach einer Pause fort; »Ich trage hier in meinem Busen das Gemälde von dir, das mir mein armer Bruder gab, das noch, ehe ich dich kannte, mein Abgott wurde, das unsere erste Bekanntschaft so leicht und so innig machte. Willst du mir es lassen?«

Indem sie es hervorzog, zitterte sie meiner Antwort entgegen, und als ich einen Augenblick anstand, sank sie von der Fülle ihrer Empfindungen niedergedrückt, ganz gefühllos zu Boden. Ich konnte nicht mehr. Mit Mühe hob ich sie auf, und setzte sie auf einen Stuhl nieder. Dann klingelte ich, und wie jemand hereintrat, stürzte ich zum Zimmer hinaus.

*

Mein Plan gieng vom Anfänge an dahin, den Grafen von S** aufzusuchen. Ich war gewiß, in seinem Herzen mich nicht zu irren. Ich war gewiß, daß es nur auf mich ankomme, in ihm den ersten und wärmsten Freund völlig und ohne alle Aenderung wiederzufinden. Die Liebe, welche mich allen anderen Empfindungen und dem ganzen Weltall entfremdete, war in seinem großen Herzen nicht einmal fähig, über den Glanz seiner Freundschaft einen schwachen Schleyer zu werfen. Alles, selbst das höchste Glück meines Lebens hatte er mir aufopfern wollen, ich hatte nichts zu thun, als seine Stimmung zu nützen und ich war nur zu überzeugt, zu den Ansprüchen auf meine Gemahlin ward er lediglich durch untergeschobene Aufmunterungen von ihrer Seite, und durch die ihm aufgedrungene Gewißheit verleitet, sie liebe mich nicht, und ich verabscheue sie.

Zuerst gieng ich zum Baron nach V–l, wo ich ebenfalls noch S–i antraf, aber hörte, der Graf sey nebst seiner Gemahlin auf seine Güter nach Teutschland gegangen. Ich machte ihnen den Aufenthalt der Marquise, nebst den unter uns verabredeten Gründen dazu, bekannt, welche in einer Unpäßlichkeit und Schwäche bestanden, die sie abhielten, mir nach Teutschland zu folgen. Der arme gute Baron, dessen Herzblatt und Augapfel ich war, hätte sich mit noch weit leichteren Vorwänden beruhigt, er versprach mir, seiner Tochter nächstens in D* einen Besuch abzustatten, ihr während meiner Abwesenheit fleißig zu schreiben, und beklagte sich bitterlich, daß sie nicht den Aufenthalt bey ihrem Vater dem alten verfallenen Kloster vorgezogen habe. Dies rührte mich ausserordentlich, und ich gab ihm zu verstehen, Adelheid habe seit einiger Zeit einen unerklärlichen Hang zur Schwermuth, und dies sey es, was sie der klösterlichen Einsamkeit so geneigt mache.

Nachdem ich ihm hatte betheuren müssen, ihn bald wieder zu besuchen, reiste ich nach den Gütern des Grafen von S** ab. Zuerst war ich geneigt, ihm meine Ankunft und meinen Plan im Voraus wissen zu lassen. Aber es liegt so etwas unaussprechlich Süßes in einer freundschaftlichen Ueberraschung; und in welcher anderen Gelegenheit hätte ich auch sein ganzes Herz und seine Stimmung für mich so offen und deutlich erkennen mögen, als wenn ich ihm nicht einen Augenblick Zeit ließ, sie in die Falten des Anstandes und der allgemeinen Artigkeit legen zu können.

Wie ich seinen Landsitz endlich selbst in den Augen hatte, stieg ich ab, um durch einen mir wohlbekannten Nebenpfad in den Garten zu gelangen, den Wagen schickte ich voraus, und den Bedienten befahl ich, meiner im Wirthshause zu harren.

Aber als ich dies Hölzchen betrat, den Schauplatz so vieler der süßesten und schrecklichsten Abentheuer meines Lebens – – alle Empfindungen, die mich in jenen Zeiten nur einzeln beengt hatten, stürmten nun auf mich vereinigt zu. Auch war mein ganzes Leben mit diesen Begebenheiten verknüpft; ich sah die Rasenbank, wo Amanuel dem Grafen erschien, und wo es mein oder sein Lehen galt; die Ruinen, in denen man ihn auf eine Zeitlang lebendig begrub, jeder Baum, jedes grasigte Plätzchen, jedes Säuseln der Luft, die mich wie einen alten Vertrauten umfieng, wiederholten mit einem leisen Nachklange die Empfindung, deren Veranlassung oder Zeuge sie gewesen waren. So viele meiner Kinder und der Schöpfungen meiner süßesten Stunden hatte ich auch gleichsam wiederzuerkennen, die meisten der neuen Anlagen waren von mir angefangen oder angegeben, und wo ich itzt unter düftenden Blumen wandelte, erinnerte ich mich sehr deutlich noch, ehedem den Saamen dazu mit eigener Hand ausgestreuet zu haben. Ein Vater kehrt nicht mit so reinem und herzerhebendem Entzücken zum Schooße seiner Familie zurück, als ich meine stummen Freunde und Lieblinge hier von neuem begrüßte.

Als ich die Terrasse erreicht hatte, war der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, ein zartes Kind, auf dem Rasen sitzend, und mit zwey großen Hunden des Grafen spielend. Meine erste Bewegung war die der Besorgniß. Aber ich sah, das Kind lächelte, indem es sich gegen sie zu vertheidigen suchte, und die Hunde, wie an dies Spiel schon gewöhnt, schienen vom lieblichen Reize der Unschuld gerührt, aus Furcht sie zu verletzen, ihm kaum nahe zu kommen.

Welche feine Anmuth in seinen noch unentwickelten Zügen! Es war die sanfte Morgenröthe, noch mit der Entfaltung ihrer Reize beschäftigt, und ihre frohen Strahlen wurden sichtbarlich wärmer und entschiedener. Die süße, unschuldvolle Freude, jung und noch niemals gekränkt, lächelte in einer bescheidenen, gleichsam noch jungfräulichen, und darum noch rührenderen Theilnahme. Des Meeres spiegelhelle Fläche ist ein erhabenes Gemälde. Ich vertiefte mich mit stillem Glücke in dies holde Engelsgesicht. Die Leidenschaftslosigkeit des Knaben gieng in meine Brust über. Aber auch dies rief mir vergangene Zeiten zurück – und wie ich Elmiren wiederfand, wie ich den schönen Zögling der Liebe mit ihr im Schlafe überraschte, wie er von einem geheimen Instinkte geleitet, seine zarten Arme nach mir ausstreckte, und in mir seinen Vater erkannte. Die Natur hat kein entzückenderes Schauspiel; als den Ausdruck und die Erkennung einer inneren Sympathie.

Meine Betrachtungen wurden durch das Hinzukommen einer dritten Person unterbrochen. Es war der Graf, welcher voll Aengstlichkeit herbeyeilte, um die Hunde zu verscheuchen. Er hob alsdann den süßen Knaben auf den Arm, und drückte sein Gesicht an das seinige. Welcher hohe Ausdruck von Wollust und Freude! Die Vaterliebe, der Natur edelste Empfindung; müste jede Miene verschönern. Wie viel nicht die des Grafen? Auch verstand ihn der Knabe, und sein lächelnder Blick drückte das nemliche aus. Hundert Augen hätte ich haben mögen, um Alles zu fassen.

Unterdessen rannten die verscheuchten Hunde auf mich zu. Es waren zwey meiner alten Freunde und Pflegekinder. Sie erkannten mich im Augenblick wieder, winselten mich freudig an, sprangen an mir herauf, und gaben mir ihr Vergnügen auf tausenderley Weise zu erkennen. Der Graf, welcher indeß den Knaben wieder auf den Rasen niedergesetzt hatte, durch das Gebell seiner Hunde aufmerksam gemacht, wandte sich nach mir zu, – ein einziger Augenblick des Besinnens, – und er flog von der Terrasse herab, und mir an die klopfende Brust.

*

»O, Karlos!«

»O, Ludwig!«

»Welcher Zufall führt dich hieher?«

»Welches Glück, dich wiederzusehen? Bester, bester Graf, schon hatte ich daran für immer verzweifelt.«

Unsere zärtlichen und glühenden Umarmungen erstickten selbst die einfachen und einzelnen Laute, womit die erschöpfte Natur das höchste Entzücken bezeichnet. Unsere Trähnen vermischten sich auf unseren Wangen. Der Himmel lächelte mit theilnehmender Heiterkeit über uns; unter unseren Füßen sproßten reizende Blumen auf. Die warme und fühlbare Phantasie wallt nie so stark über, als im Wiedersehen und in der Wiederumarmung zweyer verschwisterter Seelen.

Er nahm meine Hand unter den Arm, und führte mich auf das Haus zu. »Dir sind alle diese Gegenstände nur zu gut bekannt, Karlos,« sagte er im Fortgehen, aber etwas Neues wirst du doch finden.«

Wir kamen damit auf den holden Knaben zu, der noch immer auf dem Grase saß, mit abgebrochenen Blumen spielte, und so wie er seinen Vater erblickte, ihm ein Sträußchen davon entgegen hielt. Gerührt nahm der Graf sein Kind auf, und sagte: »Dies ist mein Sohn, Marquis. Was wirst du dazu sagen, daß ich ihn Karlos genannt habe?«

»Daß der Himmel ihn glücklicher als seinen Namensbruder machen möge.«

»Wie, Karlos?« Er sah mich erstaunt an. »Du klagst noch über dein Glück? Und was sehe ich? Wirklich bist du bleicher als sonst, und dein Auge ist bewölkt? – Doch komm! die Philosophie und Theilnahme deines Freundes soll dich schon aufheitern, und wo du deine Augen meinethalben zum erstenmale aufs Spiel setzest, sollst du sie auch durch mich noch erquickender wiederfinden.« Der gute Graf glaubte in einem prophetischen Geiste zu sprechen. Wie weit war er entfernt, von der grausenden Zukunft etwas zu ahnden.

Ich schlang meinen Arm um seinen Leib, und wir giengen so weiter. So wie ich mich mit ihm dicht unter einem Balkon befand, bemerkte ich ein Frauenzimmer darüber herausgelehnt, das uns mit einer ausserordentlichen Neugierde und Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Ihr Anzug verrieth eine Person vom Stande, aber ihr Gesicht war mir völlig unbekannt. Es kam mir ausnehmend häßlich vor, und nachdem ich eine Zeitlang nachgedacht hatte, wer es wol seyn könnte, fragte ich den Grafen mit einiger Verwunderung: »Hast du fremde Gäste in deinem Hause?«

»Keine menschliche Seele? Denn hoffentlich wirst du eine solche Benennung nicht dulden wollen.«

»Nicht gern. Aber wer war denn also die fremde Dame auf dem Balkon!«

»Dachte ichs doch, daß du sie nicht wieder kennen, und dir ganz etwas neues seyn würde. Es ist meine Gemahlin, die Mutter dieses Knaben, Marquis?«

»Ewiger Gott! und Karoline ist todt?«

Er brach in ein etwas bitteres Lächeln aus: »Nein. Freund,« sagte er, »ich will dich nicht unangenehm überraschen. Es ist dieselbe Karoline, welche du einst so leidenschaftlich zu lieben schienest. Die Blattern haben sie so verändert.«

Ich schlug stumm die Hände zusammen.

»Aber sorge nicht, Karlos. Sie wird dir um so besser gefallen. Denn sie ist weniger schön. Sie ist aber viel, viel liebenswürdiger, als damals.«

Mein Verstand hatte gut reden. Mein widerspenstiges Herz stellte sie mir im Voraus als eine mir ganz fremde Person vor. Und meine natürliche Abneigung, neue Bekanntschaften zu machen, flößte mir einen heimlichen Widerwillen gegen sie ein. Sie war einst der Abgott meiner Seele gewesen, und mein nichtswürdiger Stolz ließ es mir angenehm finden, nicht nur gar nichts mehr von ihren Reizen fürchten zu dürfen, sondern sie im Nothfalle mit dem Verluste derselben auch demüthigen zu können. Eine Menge von lasterhaften Neigungen, die ich lange für unterdrückt gehalten hatte, kamen in diesem unglücklichen Augenblick wieder unvermuthet zum Vorschein, meine Aufmerksamkeit zog sich vom Gegenstande, der sie veranlaßt hatte, zurück, und ich fieng mich selbst herzlich zu verabscheuen an.

Mit diesen gemischten Empfindungen trat ich ins Zimmer. Sie stand vom Sopha auf, wo sie uns erwartet zu haben schien, und eine heimliche Aufwallung, die sich ebenfalls über ihr Gesicht verbreitete, ließ sie uns einige Schritte entgegenkommen. Ich hielt mich zurück, um ihr meine Befremdung über eine so ausserordentliche Veränderung nicht bemerken zu lassen, aber ihr eigenes Bewußtseyn sagte ihr wahrscheinlich mehr, als mein Blick ihr hätte ausdrücken können. Sie schlug erröthend das holde, unveränderte Auge nieder, als sie uns mit einer stummen Verbeugung bewillkommnte.

Der Graf glaubte ihrer süßen Verwirrung zu Hülfe kommen zu müssen. Er nahm mich bey der Hand, und sagte: »Madam, unser guter Freund, der Marquis, der zu uns nach allen seinen Abentheuren wieder zurückkommt, und bey uns die Süßigkeiten der Freundschaft schmecken will, da er der Freuden der Liebe vielleicht übervoll ist.«

Er sagte dies langsam und lächelnd, damit sie völlige Zeit bekäme, sich zu erholen. Auch nahm Karoline ihr ganzes Gleichgewicht wieder, und antwortete bescheiden und mit einer Stimme, die mir ins Herz drang: »Sie sind uns willkommen, Herr von G**, aber es wäre Schade um das Letztere.«

Das Gespräch ward wärmer und herzlicher, und nicht eine halbe Stunde vergieng, so war mit ihr meine alte unbefangene Vertraulichkeit wieder angeknüpft. Ich fand ihr Gesicht gar nicht so widerlich, als es mir beym ersten Anblicke vorgekommen war. Zwar gaben ihm die häufigen Pockennarben eine von seiner ersten weichen Glätte sehr verschiedene Form, aber die natürliche Zartheit der Züge hatte allen Anstrengungen des Uebels widerstanden. Der Mund war eben noch so frisch und rosenhaft, als vorher, das Auge blinkte noch weit gefühlvoller und freundlicher, und die kränkliche Blässe verbreitete ein hinreissendes Schmachten über ihr Antlitz, das Bewußtseyn ihres Verlustes über alle ihre Bewegungen, einen Anstrich von sanfter Bescheidenheit, die sich an allem genügte, die sich aber aller Gemüther um so sicherer zu bemeistern verstand.

Und endlich der Zauber ihrer Unterhaltung! – Die Stimme, welcher Gefühl und innerer Schmerz einen Sirenenton gab, das Gepräge, womit ihr empfindliches Herz alle Wendungen besiegelte, die Wärme, die Anhänglichkeit, das Aufblitzen eines natürlich raschen, aber eben so gutmüthigen Witzes, den ein Anflug von Schwermuth in Schranken erhielt, die sanften und leisen und zum Herzen dringenden Worte, das Mittheilen und Ausgießen ihrer ganzen Seele – man hatte sie ehemals geliebt, itzt muste man sie anbeten.

Sie nahm ihrem Gemahle den Knaben vom Arme. Das Muttergefühl, die innigste Zärtlichkeit beseelte alle ihre Blicke. Der Knabe verstand sie, und schien zum erstenmal sein Herz mit dem ihrigen auszuwechseln. Das nemliche Blut rollte in ihren Adern, und ward in den nemlichen Wallungen, in derselben auffliegenden Rosenröthe erkenntlich. Nicht einmal Laute wurden gewechselt, und das schuldlose Lächeln ward dem Knaben vom Munde weggeküßt. Itzt fühlte ich es nur zu stark, es sey eine geheime Bedeutung in dem Namen, den sie dem Kinde beygelegt hatte.

Der Graf räumte mir wieder meine ehemaligen Zimmer ein. Ich fand in ihnen alles an seiner vorigen Stelle und ganz unverändert. Ja, ich fand in ihnen meine alten Empfindungen wieder. Meines ganzen Lebens ruhigste, leidenschaftloseste, und glücklichste Zeit kam noch einmal in meine Seele mit sanften Schauern zurück, und am ersten Abend zerfloß ich auf dem nemlichen Sopha, wo ich mich so oft und ernstlich mit den Ideen des Bundes beschäftigt hatte, in süße Trähnen, ein geheimes Zittern überfiel mich beym Anblicke der merkwürdigen Rasenbank aus meinem Kammerfenster, und ich brachte die ganze Nacht damit hin, den Nachtigallen zuzulauschen, in denen meine getäuschte Einbildungskraft seine alten Freunde wiederzuerkennen bemüht war.

Wie sehr wünschte ich, in dies entlegene Land der Vorzeit, in diese eigentliche Heimath meiner ungetrübtesten Freuden noch einmal zurückkehren zu dürfen. Aus so weiter Ferne blühete es mir so wünschenswerth entgegen, alles was mich kränkte, hatte ich vergessen, die Rosen hatten ihre Dornen verlohren, und ihr Duft schien mir lauterer im sanften Hauche der Zeit, welcher alle anderen Erinnerungen verathmet hatte.

Am Tage darauf, wie ich mich mit dem Grafen allein befand, ermangelte er nicht, mich um meine Geschichte zu befragen. Was hätte ich ihm verhehlen können? Ich erzählte sie ihm ganz. Man denke sich sein Erstaunen, aber dann besann er sich wieder: »Ach nur zu gut hatte ich es vorausgeahndet, Karlos,« sagte er. »Eine solche Verbindung war weder für mich, noch für dich. Und daß ich dies Gefühl im Innersten meiner Brust hegte, daß ich dir davon, wo ich nur konnte, etwas mitzutheilen bemüht war, daß man mich darüber erprobt hatte, und deswegen unsere Verbindung zu vernichten versuchte, – hätte mein Unglück seyn können, und war nun mein Glück. Wie vielem Ungemach bin ich vielleicht nicht entgangen, indem man mich unfähig hielt, es zu ertragen!«

»Oft genug hattest du es mir zu verstehen gegeben, Ludwig, es ist nur zu wahr; aber die Erhabenheit des Gedanken, der Umfang der Unternehmung blendeten mich, und hielten mich fest.«

»Ja wol, blendeten sie dich. Denn deine neuen Schicksale müssen dich überführen, du kanntest der Verbindung Innerstes nicht. Mußte nicht eine völlige Gemeinschaft aller Dinge des Ordens Grundgesetz seyn, wenn man Don Bernharden eine so sichtbare Vertraulichkeit mit deiner Gemahlin verstattete?«

»Wer konnte unter diesem Anscheine der vollkommensten Tugend so große Verbrechen vermuthen?«

»Verbrechen in unsern Augen, aber ebenfalls in den ihrigen? Wahrscheinlich, daß sie gerade zu ihrer vollkommensten Tugend gehörten. Wodurch verengert man denn sonst die allgemeinen Bande der ganzen Gesellschaft, als daß man die besonderen zwischen einzelnen Gliedern erweitert, oder zerreißt? Ist dies nicht allezeit der Geist besonderer Sekten gewesen?«

»Wer weiß aber, ob dem Bunde wirklich von Don Bernhards Plan auf meine Gemahlin bekannt geworden seyn könnte?«

»Gleichviel, ob er ihr wirklich bekannt wurde. Denn der Fehler lag in der Gesellschaft, wenn sie ihn nicht vom Anfang an ahndete, wenn sie nicht jedem dergleichen Mißgriffe aus der weitesten Ferne zu begegnen suchte, und sich der Gefahr einer Zerstörung durch die muthwillig aufgereizte Rachsucht eines einzelnen Mitgliedes aussetzte, das sie nicht vorläufig in ein so wichtiges Geheimniß einweihete. – Und unter welchem Bilde willst du dir überhaupt Leute denken, welche die edelsten und natürlichsten Bande der Liebe und Freundschaft zerreissen können, um dir wider Willen Gedanken und Plane aufzudringen, gegen deren Nützlichkeit dein Temperament und deine innere Neigung beständig Einwendungen macht, wenn sie dich auch von der wirklichen Größe derselben zu überführen im Stande seyn möchten.«

Der Graf hatte seinem stillen, beschränkten häuslichen Glücke zu viel Geschmack abgewonnen, um jedem andern nicht vollkommen entfremdet zu werden. Unsere natürliche Trägheit, wenn sie besonders nach ausgestandenen Trübseligkeiten zur Erholung wird, macht uns diesem Frieden hold, er schmeichelt sich mit sanfter Sprache jedem Sinne ein, und er wird uns darum noch werther, da er uns stolzer auf uns selbst macht, da wir in der Entbehrung aller anderen Güter keinen Mangel empfinden, und mit unsern eigenen Hülfsmitteln und Schätzen ungleich bekannter werden.

Unsere Lebensweise und der Gang unserer Beschäftigungen und Zerstreuungen waren bald wieder diejenigen vor des Grafen Vermählung. Ich suchte nach Möglichkeit meine trübe Stimmung zu bemeistern oder wenigstens zu verbergen. Und nicht nur behinderte Karoline meine süße Vertraulichkeit mit dem Grafen nicht, sondern sie gab ihr auch die eigentliche Würze. Sie war die Schiedsrichterin aller unserer kleinen Streitigkeiten, und sie fand immer die schwere Kunst, alle beyde Partheyen zu befriedigen. Sie schmiegte ihre Laune nachgiebig der Stimmung eines jeden von uns an, lachte und scherzte mit ihrem Gemahle bey unseren lustigen Abendgelagen, oder schlich mit mir schwermüthig in den Gebüschen umher, klagte mit mir über die Wandelbarkeit des menschlichen Schicksales, oder vermischte auch wohl sanft ihre Trähnen mit den meinigen.

Der gute Graf, ganz mit seiner Hauswirthschaft beschäftigt, war froh, daß ich den Tag über eine angenehme Gesellschafterin meiner müßigen Stunden und sie an seinem Weibe gefunden habe. Aber den Abend und den Anfang der Nacht wollte er mit Niemanden in der Welt theilen, die Freundschaft hatte so sehr die Oberhand über die Liebe und jede andere Empfindung in seinem Herzen, daß er auf alles eifersüchtig wurde, was sich mir etwas näherte; er war immer der erste, welcher an der Abendtafel aufbrach, und der Gräfin eine gute Nacht wünschte, er nahm mich dann beym Arme, blieb zwey oder drey Stunden auf meinem Zimmer, oder wir strichen in lauen und heiteren Nächten durch die Gebüsche, und oft bis zur einbrechenden Morgenröthe umher. Unsere Seelen ergossen sich so ganz in einander. Da war keine Empfindung, welche dem anderen fremd geblieben wäre, da war keine Falte unentwickelt und unaufgedeckt. Unsere eigenen Herzen erweiterten sich, indem jeder des anderen in sich aufnehmen muste, große und neue Hofnungen söhnten uns vollends mit der Vergangenheit aus, und machten uns den Gedanken an die Zukunft erträglicher.

Meine Schwermuth muste aber für die Gräfin ansteckender seyn, als sie bisher für ihren Gemahl gewesen war. Je mehr dieser meine Stimmung sich trüben sah, desto mehr strengte er seine gute Laune an, mich durch eine kleine Gewalt hervorzureissen, oder mit List herauszuspielen. Aber Karoline verlohr selbst alle Kräfte, wenn sie in meinen Augen irgend eine Wolke erblickte, und diese löste sich immer zuerst bey ihr in den Thau sanfter Trähnen auf.

Irgend ein schweres, unerträgliches Geheimniß schien endlich ihr Herz niederzudrücken. Der Graf nahm zum Glück nichts davon wahr, aber es entgieng mir nicht, daß sie ihn mehr als gewöhnlich vernachläßige, daß ihre Liebkosungen kühler und zweydeutiger wurden, daß sie selbst dem zarten Zögling ihrer Liebe nicht die ängstliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit schenkte, welche ich in ihr zu bewundern ehedem so mannichfache Veranlassungen hatte.

Sie ließ sich gegen mich hierüber nicht weiter aus. Ich trug Bedenken, in sie zu dringen, obgleich die süße Vertraulichkeit, in der wir sonst mit einander lebten, mir einiges Recht darauf hätte geben können. Vielleicht war es ein geheimer Instinkt, der oft mir gänzlich unbewust alle meine Handlungen leitete, und der mich ahnden ließ, ich könne vielleicht mehr in einer solchen Entdeckung finden, als ich darin gesucht habe. Ich überließ alles der Zeit. Etwas erzwingen wollen, macht es uns oft gänzlich verlieren.

Aber ich hielt es für meine Pflicht, den Grafen hierüber zu hören. »Ich habe vor einiger Zeit die nemliche Bemerkung gemacht,« antwortete er mir, »aber da es durchaus keine moralische Ursach ihrer Traurigkeit geben kann, so habe ich diese in einer physischen gesucht, und glaube, man müsse ihren Arzt deswegen vernehmen.«

Ich muste nothwendig durch irgend etwas meiner heimlichen Beängstigung Luft machen, und erwiederte daher: »Hatte Sie lange schon diesen melancholischen Anstrich?«

»Zum wenigsten nahm ich ihn sogleich nach ihrer Niederkunft wahr. Unzählige Mahle habe ich sie nachher über ihren Sohn weinend gefunden, und wenn ich mich nach dem Grunde derselben zärtlich erkundigte, entschuldigte sie sich beständig mit einer inneren Beängstigung, die ihr von ihrer letzten Krankheit zurückgeblieben wäre. Sie wissen, was ich alles thue, um sie zu erheitern. Aber ich halte Reisen für wirksamer als jedes andere Mittel, und im künftigen Jahre habe ich den Plan, werden wir gut thun, mit ihr ein wenig nach Italien zu gehen.«

Ich gab ihm meinen Beyfall, ob ich schon im Herzen, ohne bestimmen zu können warum? dies Mittel doch nicht als das rechte und unfehlbare ansah. So oft ruhten ihre schönen Augen auf mich, wenn wir allein waren, begegnete ich immer ihren rührenden Blicken, und, was mir höchst auffiel, nie hatte sie weder nach meiner Gemahlin, noch nach meinen neueren Begebenheiten, oder nach den Ursachen unserer Trennung gefragt. Der Graf, wuste ich, hatte darüber reinen Mund gehalten.

Der Herbst kam heran. Die Landgüter füllten sich mit den Einwohnern der Stadt. Unsere Nachbarschaft ward lebendiger. Dies machte, daß wir häufige Besuche erhielten, oder vielmehr, daß der Faden unserer gewöhnlichen Beschäftigungen auf eine Zeitlang gänzlich zerrissen zu seyn schien. Der Graf, welcher die Verstellung nicht viel kannte, ließ seinem Unwillen über diese Veränderung freyen Lauf, ich verwünschte alle diese Plauderer und Müßiggänger mit ihm, aber da war kein Mittel zu ersinnen, um ihrer loß und ledig zu werden. Sie hiengen uns gleich Kletten an, und glaubten uns desto mehr überlaufen und zerstreuen zu müssen, je langweiliger und melancholischer wir aussahen. Die arme Gräfin war vollends ihr Opfer; denn wir Beyden anderen ließen sie ihr Wesen treiben, und liefen im Nothfalle ins freye Feld hinaus. Sie aber war niemals mehr allein. Ihr innerer Kummer, dem sie nicht mehr Luft machen konnte, nagte ihr das Herz ab. Sie wurde zum Schatten.

Der Zufall, den Liebenden so abhold als günstig, entdeckte endlich an einem unglücklichen Tage ihr verborgenstes Geheimniß. Wir hatten große Gesellschaft, und in der Verlegenheit, was man mit ihr anfangen sollte, ward nach der Mittagstafel ein kleiner Spaziergang zu einer nahegelegenen Mühle in Vorschlag gebracht. Die Damen wollten zu Fuß dahingehen, und wir Männer mischten uns nach Maaßgabe unserer Neigungen dazwischen. Ich hatte den Grafen unter den Arm gefaßt, und schlenderte mit ihm einige Schritte vor der Gesellschaft voraus.

Der Pfad wurde schmaler und schmaler, je mehr er der Mühle sich näherte. Kaum hatten wir beyde neben einander noch darauf Platz. Zur Vergrößerung des Uebels kam noch ein Müllerknappe mit einem beladenen Pferde zum Vorschein, das ohne alle Achtung vor der geehrten Gesellschaft mit seinen Säcken, ungeachtet des Zurufes von seinem Herrn gerade auf uns losschritt. Wir trennten uns beyde, um das Thier in der Mitte durchzulassen. Der Graf hatte Geschicklichkeit genug, ihm durch einen Seitentritt auf den Rasen auszuweichen. Ich am Rande eines Grabens machte mich so schmal als ich nur konnte, aber vergebens! Das Thier drängte auf mich ein, und ich glitschte mit der lockeren Erde in das unter mir befindliche Gesträuch.

Die ganze Gesellschaft hinter uns, wie sie mich herabsinken sah, schrie zuerst laut auf. Doch da der Graben völlig trocken und nicht die mindeste Gefahr einer Beschädigung vorhanden war, fieng man bald über meine komische Stellung herzlich zu lachen an. Aber die Gräfin im Anfang halb ohnmächtig, dann durch das Jauchzen der Gesellschaft wieder zu ihrem Bewußtseyn gebracht, gerieth in eine unbeschreibliche Wuth, machte sich über das Pferd mit den Säcken her, und hieb auch den Müllerknecht, der in höchster Verlegenheit mit abgezogenem Huthe hinter seinem Thiere herrannte, mit ihrem Spazierstocke sehr heftig einigemale über den Kopf.

Der Graf sah der ganz ungewöhnlichen, nie gesehenen Wuth seiner Gemahlin mit sehr großer Bedeutung zu, und ob sie gleich bald darauf zu sich selbst kam, und ihre Züge und Bewegungen wieder in Ordnung zu bringen versuchte, so blieb der erste Eindruck doch fest in des Grafen Seele. Ich hatte das Nemliche nur zu gut bemerkt. Kaum war ich in der Höhe und hatte mich lachend abgeschüttelt, als ich auch den Arm meines Freundes wieder ergriff und ihn mit einer heiteren Laune aus seinem Nachdenken herauszuschäckern suchte. Aber, ob ich gleich bemerkte, es sey in seiner Seele nicht das Mindeste gegen mich, so blieb sein erloschenes Auge doch trübe.

Es war ein schrecklicher Probetag für die Gräfin. Ein neues unglückliches Abentheuer stand ihr bevor. Wir kamen auf der Mühle an. Der Graf hatte daselbst eine kleine und auserlesene Kollation zubereiten lassen. Die allgemeine Stimmung der Gesellschaft war gut, und wenn ja bey einem einzelnen irgend eine kleine Welle aus dem glatten Strome sich aufkräuseln wollte, so ward sie von einer ihr nachfolgenden doch bald wieder sanft ausgeglitten.

Nachher begannen wir allerhand kleine Spiele, um den Damen die Zeit zu vertreiben. Wir sprangen, liefen zum Ziele, und wollten endlich im Uebermaße einer guten Laune versuchen, auf dem steinernen Geländer einer Brücke zu gehen. Das Experiment schien gefährlich, und wer schwindlicht war, schied von den übrigen aus. Alle hatten ihr Heil mit gutem Erfolge versucht, und es kam an den Grafen, der ebenfalls seine Kunst bewies. Wie es aber nun an mir war, den Schluß zu machen, sah ich auf einmal die Gräfin erblassen: »Genug! genug!« rief sie, »der Kopf schwindelt mir von diesen Seiltänzereyen.« Doch als ich mich dadurch nicht irre machen ließ, stürzte sie ohne alle Besinnung aus dem Zirkel der Damen hervor, und hielt mich beym Rockschooße fest. »Marquis!« sagte sie heftig, und mit einem Blicke, der ihre ganze Seele ausdrückte. »Sie haben einen so schwachen Kopf,« setzte sie ein wenig besonnener hinzu, »und wollen sich einer so halsbrechenden Gefahr aussetzen.«

Ich machte eine Verbeugung, und zog mich stillschweigends zurück. Der Graf war völlig versteinert. Die ganze Gesellschaft sah sehr verstört aus. Vielleicht war ich in diesem Augenblicke unter allen der ängstlichste. Zum wenigsten stand mir kein Wort zu Gebot. Der Graf war der erste, der wieder aufthaute. »Ich glaube, es wird spät,« sagte er, »Karoline, willst du die Damen wieder nach Haus führen?«

Diese himmlische Güte hätte einen Stein rühren müssen. Die Gräfin war von der ungewöhnlichen Vertraulichkeit ihres Gemahles vor so vielen Zeugen, im Innersten bewegt. Aber wer weiß, die Leidenschaft mußte vielleicht schon zu lange und zu feste Wurzeln geschlagen haben, welche diese gelinde Wärme nur im Boden noch stärker befestigte. Bald kam Karoline wieder von ihrem Erröthen zurück, verfiel ohne allen Zwang in eine anscheinende Munterkeit, nahm ein Paar von den Frauenzimmern schäckernd unter dem Arme, und schlenderte, gleichsam als wäre nichts vorgefallen, wohlgemuth und guter Dinge auf das Schloß zu.

Der Graf sagte nichts, aber sah ungemein kummervoll aus. Es war vergebens, ihn nur zum Lächeln zu bringen. Doch las ich in seinem großen Herzen. Keine Bitterkeit, kein Argwohn gegen mich war darin. Er war gewiß, das meinige zu gut zu kennen, als daß ihm, in einem so langen Umgange, eine solche heimtückische Falte hätte entgehen können. Seine Freundschaft zog einen Schimmer der Verklärung um mein Bild, und er konnte durchaus darin auch nicht das kleinste Fleckchen leiden. Meine Leidenschaft, die ich vor seiner Vermählung zu Karolinen bezeugt hatte, war zu aufbrausend gewesen, als daß sie eine so lange Zeit hindurch hätte fortschleichen, und nun auf einmal ganz unverändert auflodern können. Ja, ich bin gewiß, selbst von allen diesen Betrachtungen kam ihm nicht einmal ein Gedanke in den Sinn.

Der Tag vergieng vollends, und der ganze Schwarm der Gäste verließ uns. Schon an der Abendtafel war er wieder so munter, ja noch munterer, heiterer und gefälliger als vorher. Dies war die einzige Veränderung, die ich an ihm bemerkte. Er war gegen die Gräfin die Aufmerksamkeit, Beflissenheit und Artigkeit selbst. Jeden Wunsch las er ihr aus den Blicken heraus, und erfüllte ihn, noch ehe er sich in Karolinens Seele vollständig entwickelt hatte. Er kleidete sich besser, und gab auf die geringste Kleinigkeit Acht. Immer war er um und neben ihr, tausend niedliche Dinge wuste er zu ihrer Unterhaltung und Aufheiterung zu ersinnen, und besonders verstand er mit unglaublicher Kunst den holden Knaben, das süße Pfand ihrer Liebe, in alle Dinge zu flechten. Kurz, nichts unterließ er, was ein gefühlvolles Herz nur anwenden kann, ein verirrtes zum rechten Pfade zurückzuleiten.

Ich meinerseits wich jeder Gelegenheit aus, wo ich ihn in seinen zärtlichen Bemühungen hätte stören können; jeder Gelegenheit, mit ihr allein zu seyn, jeder ihrer sonstigen Vertraulichkeiten, und im Allgemeinen jeder ihrer häuslichen Szenen. Kaum ließ ich mich noch bey der Tafel sehen, behielt alsdann zwar meine gute Laune unveränderlich bey, schien aber mehr ein artiger Gast und Gesellschafter, als ihr ehemaliger guter, theilnehmender, und um alle ihre Familienkleinigkeiten höchlich bekümmerter Hausfreund zu seyn. Den Rest des Tages hindurch gieng ich den Wirthsschaftsgeschäften nach, von denen ich dem Grafen, ohne alle Verabredung, stillschweigends ein gutes Theil abgenommen hatte, machte mir etwas auf dem Felde oder im Gehölze zu thun, schien die Emsigkeit und Geschäftigkeit selbst, machte viel Bekanntschaften unter unsern Nachbaren, nahm Besuche an und stattete dergleichen ab, machte allen schönen Damen den Hof, war der Anordner und König aller Feste und Bälle – kurz war gemeiniglich allenthalben eher als zu Hause zu finden.

Karoline fühlte alle diese Umwandlungen sehr bitter. Ein feinerer Kenner des weiblichen Herzens, als ich oder der Graf war, hätte es vorhersagen können, was für eine Wirkung alles dies Treiben auf das ihrige hervorbringen müsse. War ihr der Graf in seiner vorhergehenden anständigen Entfernung nur gleichgültig gewesen, so ward er ihr nun mit seinen zärtlichen Aufmerksamkeiten, die ihr eben so viele Zierereyen deuchteten, und mit seiner beständigen Gegenwart ganz abscheulich. Hatte sie mich in meiner unbefangenen Faseley und Gutmüthigkeit vorher allein nach ihrem Geschmacke gefunden, so ward ich ihr in meiner beständigen Abwesenheit nun zum anbetungswürdigsten aller Sterblichen. Die Entlegenheit setzte meinem Charakter neue und liebenswürdigere Winke hinzu. Die Eifersucht erhöhte sie noch. Ihr ganzes Blut ward vom brennenden Gifte angesteckt. Die Brust war ihr mit einem flüßigen Feuer erfüllt. Der Kopf ward ihr schwer und taumelte. Eine am Ende ganz sprachlose Melancholie, die sie gänzlich aufzehrte, machte sie allen ihren Bekannten zum Räthsel. Der Graf befürchtete irgend einen öffentlichen Ausbruch, und vermied daher alle großen Gesellschaften. Diese fast unmerkliche Einschränkung aber setzte Karolinen ausser sich.

Ich ließ indeß in der Stille meinen Koffer packen, und fest zur allerschleunigsten Abreise entschlossen, dachte ich nur auf eine Art, die Sache mit Anstand bey dem Grafen einzufädeln. Ich war überzeugt, daß er im Grunde das Nemliche wünsche, und daß ihn vermuthlich nur eine Rücksicht auf die Ehre seiner Gemahlin abhalte, mir seine Meynung ohne Umstände zu sagen. Aber ich irrte mich. Er hegte gar den Gedanken, daß ein so gewaltsames Mittel das Uebel nur verschlimmern, und daß man es nur, nach einem langen Ausharren in allen übrigen sanfteren, anwenden müsse.

Eines Abends kam ich nach Mitternacht allein von einer unserer gewöhnlichen Schmausereyen nach Hause, und da ich vom frühen Morgen an herumgeschwärmt hatte, freuete ich mich auf ein Paar ungestörte Stunden, die ich mit dem Grafen noch verplaudern zu wollen mir vornahm. Die Gräfin war zu einer solchen Zeit gewöhnlich schon zwey Stunden im Bette, und ich war daher sehr erstaunt, schon aus der Ferne ihre Fenster noch erleuchtet zu sehen. Ein Gewicht fiel mir bey diesem Anblick zentnerschwer auf die Brust, eine Menge von schwarzen Ahndungen machten mir das Athmen schwer, und ich hielt wiederholt mein Pferd im Zügel, um nur nicht zu geschwind zu Haus anzulangen.

Mein Erstaunen stieg aufs Höchste, die Gräfin oben an der Schloßtreppe und auf mich wartend zu finden. Kaum sah sie mich heraufsteigen, als sie den Kopf ans Geländer anlehnte, und weinend ausrief: »Ach, Karlos!«

»Ach, Karlos!« hallte es dumpf in meiner Seele wieder. Was war? Was hatte dies alles zu bedeuten? Ich verdoppelte die Schritte, und sprang die letzten Stufen hinauf, denn ich glaubte, sie werde ohnmächtig. Vielleicht hätte sie sich so gestellt, um nur in meine Arme zu fallen, aber die wahre Leidenschaft kennt keine Kunstgriffe und Nebenwege. Sie setzte ächzend hinzu: »O, großer Gott! o, mein Gott!«

»Was ist Ihnen, Madam?« antwortete ich, »befinden Sie Sich nicht wohl?«

»Sehr übel befinde ich mich, Karlos.« Sie hob ihr Gesicht vom Geländer in die Höhe. Niemals habe ich eins verstörter gesehen, und dazu hieng ihr noch das Haar in höchster Unordnung über die Stirne. »Habe Mitleiden mit mir, Karlos,« fügte sie hinzu, »um Gotteswillen! erbarme dich meiner!«

»Sie hat den Verstand verlohren,« sagte ich zu mir selbst, »oder sie ist nahe daran, ihn zu verlieren. – Was kann ich thun? Es ist unmöglich, auch nur für einen Augenblick ihrer Leidenschaft zu schmeicheln. Und wenn ich es auch nur thäte, um sie für diese Nacht zur Ruhe zu bringen, so haben die Wände tausend Ohren, und des Grafen Herz gilt mir mehr als das Leben.« Ich wuste nicht, was ich ihr antworten konnte.

»O, Himmel! bist du denn ganz ein Stein, Karlos?« schrie sie überlaut.

»Um Gotteswillen, Gräfin,« erwiederte ich so leise als nur möglich, »was haben Sie doch? Bedenken Sie den Ort. Und der Graf ist noch auf.«

»So komm in mein Zimmer.«

»Ich glaube, der Graf hat mich gesehen, und wartet auf mich.«

»O, komm in mein Zimmer!« sagte sie weinend, und kniete sich vor mir hin.

»Beste, beste Karoline,« erwiederte ich erschrocken über ihren Zustand, »was haben Sie, meine theuerste Freundin? Sie sind ausser Sich. Wollen Sie, daß ich jemanden herbeyrufe?«

Sie schüttelte mit dem Kopfe.

»Sie wollen mit mir sprechen? Aber bedenken Sie die unbequeme Zeit, den ungelegenen Ort. Wenn Sie mir durchaus etwas besonders zu sagen haben, so verspreche ich Ihnen lieber, Sie Morgen nach Mitternacht im Garten zu treffen.«

»O, Karlos!« rief sie heftig aus. »In der That? Willst du? Willst du? – Ja, ja, ich wuste es wohl, es glimme noch ein Funke von der ehemaligen Flamme.« Sie rafte sich mit einer unbeschreiblichen Hastigkeit auf, eröfnete die Arme, und stürzte mir an die Brust. Die Sprache war gänzlich verloren. Aber sie bedeckte mein Gesicht mit brennenden Küssen. Ich drehte mich etwas um, und fuhr erschrocken zusammen, als hörte ich ein entferntes Geräusch: dann lehnte ich das taumelnde Weib sanft ab, umschlang ihren Wuchs, und führte sie so in das Zimmer zurück. Nachdem ich sie niedergesetzt hatte, verließ ich sie stillschweigends. »Morgen, nach Mitternacht, Karlos! – Morgen nach Mitternacht!« rief sie mir nach.

*

Ich befand mich in einiger Verlegenheit über das, was ich nun zu thun hatte. Nicht, daß zu Gunsten Karolinens das Mindeste in mir gesprochen hätte. Sie war mir ein Weib ohne alles Geschlecht. Aber den Grafen vom Umfange seines Unglückes zu benachrichtigen, schien mir so grausam, als nothwendig. Gab es ein anderes Mittel, die versprochene Zusammenkunft ohne Verrätherey zu halten?

Ich machte Miene, in mein Zimmer zu gehen. Dann aber schlich ich auf den Zehen zum Grafen. Ich fand ihn ausgekleidet, und mit Lesen beschäftigt; aber ich sah es seiner Miene an, sie habe vorher eine starke Veränderung erlitten, und ihr altes Gleiß noch nicht ganz wieder finden können. Um zu erfahren, ob etwas mit Karolinen vielleicht bey der Abendmahlzeit vorgegangen wäre, so redete ich ihn im vertraulichsten Tone an. »Du bist sehr schwermüthig, Ludwig,« sagte ich, »giebt es etwas Neues? Was macht die Gräfin?«

»Ich glaube nicht,« antwortete er sanft, »daß sie schon zu Bette ist. Sie war heute Abend unruhiger, als ich sie in meinem ganzen Leben gesehen habe. Vom frühen Morgen hat sie ununterbrochen geweint, über alles beklagte sie sich: daß das Wetter so kalt werde, daß du dich gar nicht mehr sehen ließest, und für uns nicht mehr die ehemalige Freundschaft hättest, daß keiner unserer Nachbaren sie mehr besuche, daß der kleine Karlos so unruhig sey – und Gott weiß, worüber noch mehr! alles durch einander, ohne Sinn und Zusammenhang, daß ich über ihren Verstand bange zu werden anfieng. – Was ist doch mit diesem seltsamen Weibe anzufangen?« setzte er treuherzig hinzu.

»Schicke Sie in ein Kloster, und in das der Marquise!« fuhr ich unvorsichtig heraus.

Er starrte mich unbeweglich an. Das Wort war mir entflohen, und hatte sein Herz getroffen. »O, mein Gott!« schrie er halblaut. »O, mein Gott! zu welchem entsetzlichen Schicksal hast du mich aufbehalten?«

»Du solltest vor deinem Freunde nichts voraus haben, Ludwig. Einerley Begebenheiten, und derselbe Kummer sollten uns noch fester mit einander verknüpfen.«

»Aber habe ich es verdient, Marquis? Habe ich eine meiner Pflichten nicht ausgeübt? Ist meine Seele so unfühlbar, daß sie mir nichts eingeben konnte, ein Weib ganz zu befriedigen? – Aber, alles umsonst! Gerade meine Zärtlichkeit schien sie noch mehr zu erbittern.«

»Und ich?«

Er verfiel in ein Nachsinnen. »Du hast Recht, Freund meines Herzens!« Er umarmte mich mit der wärmsten Inbrunst. Ich wiederhole dir die Worte, Karlos, die ich dir schon einmal anführte, laß es die Welt nie sagen, daß ein Weib zwey solche Seelen getrennt habe.«

»Diese Offenheit ist mir ein Beweis, daß du mich kennst! Verlaß dich auf deinen Karlos.«

»Aber was willst du thun?«

Ich erzählte ihm nun ohne Rückhalt mein ganzes Abendtheuer auf der Treppe. In der Erwartung, ihn während der Erzählung verzweifeln zu sehen, sah ich ihn mit Erstaunen zwischen den Trähnen hindurch lächeln, auf seinem schönen Munde das lieblichste Entzücken schweben, und seine finstere Stirne allgemach sich entwölken. Es war nicht schwer im Grunde, diese Erscheinung aufzuklären. Zwar hatte er niemals an seinem Freunde gezweifelt, aber es überraschte ihn, denselben so ganz ohne Eitelkeit, ohne Ansprüche, so ganz offen zu finden. Die süße Sympathie, in der unsere Seelen zusammenflossen, war ihm mehr als die heftigste Liebe, – und konnte es ein Wunder seyn, daß die Entzückungen von jener die Leiden dieser nach und nach verwischten? Er war zu sehr mit meinem Bilde beschäftigt, als daß jegliches andere noch den kleinsten Raum hätte finden können.

»O, mein anderes Ich!« rief er in seiner Schwärmerey nach der Beendigung meiner Erzählung aus, indem er mich fest umschlang, »Abgott meines Wesens und Seyns! bist du wirklich ein Mensch? bist du wirklich mein Freund? oder ist mein Glück nur ein armseliger, halb schon verrauchter Traum?«

»Nein, nein, meine Liebe ist Wirklichkeit, Ludwig. Dein Karlos ist nicht undankbar. Sollte er dich nicht dem ganzen Weltalle vorziehen? Und haben wir uns einander nicht tausendfältig geprüft? Schwach und unentschlossen hast du vielleicht oft mich gefunden. Aber treulos – Ludwig. –

»Ach nein! niemals! niemals! – Laß uns den Bund des Todes oft erneuern, den wir so häufig schon schworen. Himmel und Erde mögen vergehen; nur unsere Freundschaft muß dauern!«

Ich schlug in seine Hand ein. – Und mit voller Seele. Alles ward mir fremd ausser ihm. Ach, ich sah in ihm mein eigenes, verschönertes Bild. Ich eiferte dem Reize desselben nach, und indem ich seine Vollkommenheit immer vor Augen hatte, näherte ich mich allgemach meiner eigenen.

*

Wir kamen dahin überein, mit der Gräfin noch ein sanftes Mittel zu versuchen. Er war jedem gewaltsamen von Herzen abgeneigt, ob es gleich, im Anfange mit Festigkeit angewandt, gewiß ein unfehlbares, oder vielmehr das einzige gewesen wäre. Das Rendezvous der morgenden Nacht muste mir zu einer Erklärung die beste Gelegenheit geben, und der Graf überließ es meiner Beredsamkeit, und dem Einflusse, den ich mir über sie erworben haben mochte, diese Erklärung so stark und rührend als nur möglich zu machen. Ich bestand durchaus darauf, daß er ein unbeobachteter Zeuge unseres Gespräches seyn solle. Er machte mir hunderterley Einwendungen dagegen, aber, wie ich ohne diese Bedingung durchaus nichts unternehmen zu wollen betheuerte, ließ er sich endlich dazu bereden.

Der Himmel weiß allein, auf welche Art ich den Ueberrest der Nacht und den folgenden Tag hinbrachte. Ich erinnere mich davon nicht des allermindesten mehr, in einem so ausserordentlichen Taumel befand ich mich. An nichts anders dachte ich, als an das, was ich ihr alles sagen wolle, und nicht einmal hatte ich Menschensinn genug, den Grafen oder seine Gemahlin in der Zwischenzeit anhaltend und genau zu beobachten.

Mein Freund schien mir indeß ganz seinem alten Systeme getreu, weder vermehrte noch verminderte er seine Aufmerksamkeit auf Karolinen. Denn da unser vertrauter Umgang ihr leicht hätte einen entfernten Argwohn einflößen können, so kam alles darauf an, sie ganz sicher zu machen. Dies ward uns nicht schwer. Sie schien auch auf weiter nichts ausser mir zu merken.

Der Hofnung schönstes Rosenroth hatte indeß ihre Wangen verklärt, ein lieblicher Traum schwebte ihrer Seele vor, sie schien nur halb zu wachen, ein stilles Nachsinnen hatte sich ihrer gänzlich bemeistert, und ihre flüchtigen Gedanken schwärmten in einem von der Erde sehr entlegenen Lande umher. Sie konnte es noch nicht glauben, und bemühete sich, es besser zu fassen. Gleich einem sehr großen, überraschenden Glücke schien es ihr gegen alle Natur, und sie bestrebte sich, aufzuwachen, wenn ihre gereizte Phantasie sie etwa mit luftigen Irrlichtern schmeichle.

Sie aß beym Abendessen durchaus nichts, kaum konnte sie ihr ausserordentliches Zittern verbergen, und sie verlohr nach und nach alle Gewalt über ihre irren, zu unvorsichtigen Blicke. Der Graf war sanft, aber bekämpfte seine Beklemmung vergebens. Ich bis zur Narrheit zerstreut, aufgeräumt bis zum Widerwillen, lustig ohne Witz, Schwätzer ohne Phantasie und Wahl; galant ohne alle Begierde zu gefallen. Zum Glück war meine Rolle gerade von der Art, daß nur eine unbestimmte, gedankenlose Albernheit sich mit Ehren heraushelfen konnte.

Die Gräfin getraute sich, bey aller ihrer Ungeduld über die Länge der Tafel, nicht zuerst aufzubrechen. Denn es kam alles darauf an, im vorletzten Augenblick keinen Verdacht zu erwecken. Aber ihr innerer Mißmuth ließ sich schwerlich verhalten, strahlte auf der Wange durch den holden Schmelz der neuen Begierden hindurch, im ernsten Lächeln des Auges, und machte sich endlich mit den nemlichen Seufzern Luft, welche ihre stillen Wünsche vielleicht ihr abpressen mochten.

Der Graf ließ seine Gemahlin nicht aus den Augen. Vielleicht mußte er zuerst aufsteigen. Sein innerer Krampf ward so heftig, daß er einen lauten Ausbruch desselben besorgte. Er wandte einen heftigen Kopfschmerz vor, wünschte Karolinen einen guten Abend, die ihm freundlicher als sonst wol dankte, drückte mir die Hand, und entfernte sich. Ich blieb noch ein kleines Weilchen, gab ihr einen Wink, daß man dem Grafen nicht zu trauen habe, und daß wir behutsam seyn müßten, wir sprachen daher von gleichgültigen Dingen, aber ich konnte es nicht verhindern, daß sie aufstand, mir zuerst die Hand küßte, dann mich umarmte; endlich machte ich mich los, winkte ihr, und entfernte mich. Nachdem ich im Vorübergehen dem Grafen das verabredete Zeichen an seiner Zimmerthüre gegeben hatte, gieng ich in mein Schlafgemach.

Es war eine schöne und heitere Herbstnacht, so lau als man im Oktober sie nur erwarten konnte. Zuerst hatte sich ein frischer Wind aufgemacht, ward aber gegen die Mitternacht zu immer leiser und leiser, und athmete endlich zwischen den Bäumen nur so stark noch, um die Blätter mit sanften Schauern an einander erbeben zu machen. Eine starke halbe Stunde vor der bestimmten Zeit war ich schon an meinem Platze, um nichts zu versäumen. Mein Herz klopfte ängstlich, meine Sinne waren trübe und beschäftigten sich ohne Aufhören mit jedem undeutlichen Tone, den sie aus der Ferne oder zwischen dem rasselnden Laube hindurch auflauschten, von gewissen geheimen Ahndungen beängstigt, wollte ich mich mit meinen eigenen Träumen beruhigen, aber alle Augenblicke ward ich daraus wieder aufgeschreckt.

Aus dem Teiche vor mir stieg der feuchte Duft in wunderbaren Gestalten auf, und legte sich über den Rasen im Hintergrund her. Dann erhob sich der Mond bleich und wie im frischen Aether zitternd aus dem Gebüsche hervor, und bespiegelte sich im Wellengekräusel der Fluthen unter sich. Sie spielten in silbernen Streifen um sein heiteres Bild, furchten alsdann plötzlich darüber hin, eilten einander nach, und verbargen sich endlich im Schilfe oder unter den herabhängenden Blumen des Ufers. Dann verlohr sich ein schwimmendes Blatt in den Silberschein, schwebte, als gefiel es sich darin, mit leisen Bebungen auf und nieder; ein schwaches, neidisches Aufkräuseln der Fläche trug es hinweg. Meine aufs höchste gespannte Einbildungskraft gab jedem Gegenstande Seele und Gefühl. Ich war es gewiß, die hangenden Schatten, das zitternde, im Epheu der Bäume sich brechende Mondlicht; das Wallen des Aethern im grauen Laube waren verkörperte Geister, und schauerten sympathetisch in meinen eigenen Empfindungen.

Mein Blut schlich sachte durch die Adern. Kaum bemerkte ich einen seltenen Herzschlag. Dasselbe leise Wallen floß durch die ganze Natur. Es war ein mehr sichtbares als hörbares Regen in ihrem Pulse, sie schien zu träumen, und ihr Leben wachte nur zuweilen zu luftigen Bildern auf. Das verlohrene Zirpen eines sich aus dem allgemeinen Schlafe ermunternden Vogels, das Hindurchschlüpfen einer lauschenden Eydechse im starren Grase, ein mit dem Blatte herabfallendes Insekt, das Niederglitschen eines Erdtheilchens vom schroffen Ufer des Teiches, der Luft verhaltener und stockender Athemzug – vermischten meine Gefühle mit der Schöpfung erstarrten Bewegungen. Sie schien ein holdes schlummerndes Mädchen, dessen süße Träume sich im schwebenden, zauberischen Lächeln auf ihrem verklärten Antlitze ausdrücken.

Der sanfte Fluß der Gedanken führte mich sehr weit, und gänzlich von der Gegenwart ab. Ich hatte Karolinens und aller meiner Plane vergessen, als eine weiche und warme Hand die meinige faßte. Ein unversehener, elektrischer Schlag hätte mich nicht stärker überraschen können. Ich fuhr heftig zusammen. Es war die Gräfin, die mit einem schwimmenden Auge mich anlächelte, und sagte: »So ertappt man dich, Karlos! Aber du erschrickst vor deiner Ivaroline?«

Sie ließ mir keine Zeit, ihr zu antworten. Noch ehe ich mich ganz wieder sammeln konnte, fühlte ich mich von ihren zarten Armen heiß umschlungen, und mein Gesicht mit durstigen Küssen bedeckt. Kaum konnte ich mich einer leisen und menschlichen Wallung, einem Trieb widerstehen, dem Rosenmunde seine verschwendeten Küsse wiederzugeben. Nur der Gedanke, daß der Graf uns zulausche, riß mich empor, und ich wand mich von der holden Zauberin los.

Sie stutzte ein wenig. Aber ich ließ ihr keinen Moment zum Nachdenken, ergriff ihre schlaff niedergesunkene Hand wieder, und führte das arme zitternde Weib zu einem Rasensitze, den ich ganz eigentlich am Ufer des Teiches für sie zubereitet hatte. Sie nahm meine Sorgfalt wahr, und im süßen Glauben, er solle ihr Hochzeitbett werden, sank sie mir von neuem bewußtlos an die Brust.

Hätte Karoline nur eine Ahndung von meiner ehemaligen Leidenschaft für sie zurückrufen können, und wären wir allein und unbeobachtet gewesen, schwerlich hätte ich ihrem süßen Drange, ihren seelenvollen Küssen, ihrem lieblichen Flehen und heißen Trähnen zu entgehen vermocht. Es war eine von den Ursachen, warum ich durchaus auf des Grafen Anwesenheit bestand, daß ich mir selbst nicht traute, und daß ich die traurige Bemerkung gemacht hatte, seit einigen Tagen finde ich Karolinen schöner als jemals. Auch hatte ihre Ungeduld in dieser Nacht sie so reizend gemacht, als ein Weib nur seyn kann. Alles war in Unordnung und Verwirrung, und was ihr sonst die Anständigkeit zu verschleyern gebot, war bey weitem das schönste und verführerischste, was sie besaß. Die Natur hatte nichts an ihr gespart, um der Kunst völlig entbehren zu können, und wenn man ihr von dieser ja etwas hatte aufzwingen wollen, so hatte sie daran das Ueberflüßige weggedrängt.

Sie sah, daß ich mich von ihr loszumachen strebte, aber überzeugt, dies Sträuben sey Nichts als ein Kunstgriff männlicher Buhlerey, hielt sie mich um so fester. »Warum windest du dich doch in meinen Armen?« sagte sie lächelnd, »nein, nein, Karlos, diesmal entkommst du mir nicht so, wie gestern?«

»Und doch muß ich, Karoline. Erholen Sie Sich, theuerstes Weib. Kommen Sie von ihrer schönen Schwärmerey zurück. Erkennen Sie in mir Ihren wahren Freund, aber auch den Busenfreund Ihres Gemahles!«

Sie schauerte heftig zusammen, und fuhr mit einer konvulsivischen Aufwallung wie aus den Armen eines Ungeheuers zurück. Dann nahm sie sich zusammen, hielt ihre Hand vor die Stirne, und aus einer Todtenbleiche im Gesichte ward eine purpurfarbene Glut. Ein ungeduldiges Feuer wallte in ihrem Blicke, den sie auf mich mit einem düstern, verächtlichen Lächeln warf. »O, nichtswürdiger Bube!« rief sie lauter, »ist das der Empfang, den du mir zubereitet hast, und den mir deine verrätherische Miene versprach?«

»Allerdings ist er das. Und ich halte getreulich Wort. Verlangten Sie nicht einen Vertrauten, um in seinen theilnehmenden Busen, von aller Welt unbemerkt, ein heimliches Weh auszuschütten? Wollten Sie nicht in einem gefühlvollen Herzen irgend ein Geheimniß niederlegen, damit es Sie Selbst weniger drücke? Wählten Sie mich nicht zu Ihrem Freunde, und forderten Sie etwas anderes, besseres, und edleres als innige Freundschaft?«

Der Ton meiner Stimmung drückte die innere Rührung aus. Sie ward davon, vielleicht wider ihren Willen angesteckt, und machte ihrer gepreßten Brust mit Seufzern Luft. Alsdann stürzte sie zu meinen Füßen, umschlang die Knie, und hielt mich auf dem Sitze fest.

»Nein, nein, Karlos!« sagte sie, »es ist nicht Freundschaft, die ich will, es ist nicht Vertrauen, das ich verlange, es ist eine unendliche, allmächtige Liebe. Kein Geheimniß habe ich dir anzuvertrauen, als das meiner Liebe; keiner Bürde habe ich mich zu entledigen, als der meiner Liebe. – Ich lege sie dir hier zu deinen Füßen, – und – o, Gott! – wenn du sie nicht annehmen wolltest, – so würde ich sie geduldig bis zum Grabe forttragen.«

Sie legte ihren Kopf auf das eine Knie. Eine lange Pause erfolgte. Die Gräfin schien sich nach einer solchen Erklärung etwas sammeln zu müssen. Ich schluchzte und weinte laut. Ich bin gewiß, auch der Graf, der uns zuhörte, konnte seine Trähnen nicht zurückhalten. Sie flossen für sein verirrtes, unglückliches Weib. Meine flossen für ihn.

Ich bemühte mich, die Gräfin in die Höhe zu heben, aber sie war viel stärker als ich. »Stehen Sie auf, Karoline,« erwiederte ich, »Sie verlangen zu viel von mir. Mein Herz hatte alle seine Kräfte verlohren, und schlägt selbst nur matt für seine zärtlichsten Freunde. Könnte Sich Karoline mit einer ihrer so unwerthen Leidenschaft begnügen?«

Ich hielt dies Mittel für das sanfteste, sie zurückzuleiten. Aber es fruchtete nicht. »Nein, nein,« schrie sie, »du betrügst mich nicht, Karlos, die Liebe ist schlauer, als du denkst. Jahre sinds, daß ich dich kenne, und aufmerksam habe ich dich im Stillen beobachtet. Dein Herz ist nur zu gefühlvoll. – Ach! alles umfängst du mit deiner zärtlichen Liebe. Für mich allein willst du grausam seyn?«

»Nein, Karoline. Das Weib meines Busenfreundes ist nach ihm mir der nächste zum Herzen. Ich liebte es einst mit heftiger und nur zu jugendlicher Leidenschaft, es stieß dieselbe mit Verachtung zurück, und im Moment ihrer Erklärung legte ich alle meine Ansprüche in die Hände des würdigsten und edelsten der Männer nieder.«

Mit Fleiß schlug ich diesen Weg der Vorwürfe ein, und hofte sie gegen mich zu erbittern. Doch sie verstand mich ganz anders. Sie fand darin einen glimmenden Funken der Liebe und Eifersucht. Sie bot alle ihre Kräfte auf, ihn anzufachen. »Und diesen Vorwurf, Karlos,« rief sie, »kannst du mir noch machen? Mir armen, unglücklichen, niedergebeugten, für mich, für die Welt schon halb erstorbenen Weibe? Büßte ich etwa nicht meinen schrecklichen Irrthum genug? Verschmachtete ich nicht die Rosenzeit meiner Jugend, meines Lebens schönste Blüthe entfernt von dir? und da ich nun reuig zu deinen Füßen zurückkehre, da ich dir zum Ersatze anbiete, was ich bin, was ich vermag, da mein ganzes Daseyn auf dich beruhet, da kein Gedanke, ungeprägt von deinem Bilde, meine Seele entehrt, mein Blut nur für dich rollt, mein Mund nur für dich athmet – Karlos! – Karlos! – kannst du mich von dir wegstoßen?«

Sie hob die Hände zum Himmel empor, und sank dann ermattet zurück. Ich benutzte diesen Augenblick, um sie von der Erde aufzuheben, und neben mir wieder auf den Rasen zu setzen. Sie brach in einen Trähnenstrom aus, und rang konvulsivisch die Hände. Kein Mann hat sich in einer solchen Lage befunden. Ich war beobachtet, und doch so sehr allein. Von niemandem als mir selbst konnte ich in dieser grausamen Bedrängniß Hülfe erwarten. Alle Mächte des Himmels rief ich um Beystand an, sprach mein ohnmächtiges, wankendes Herz zur Ruhe, und mit der Nähe meines Freundes mir selbst Muth ein.

»Theuerste Gräfin,« antwortete ich, »niemals irrten Sie, als eben itzt. Ich bin Ihrer Liebe nicht werth, und niemals war ich es. Hätte ich Sie sonst wol so schnell, und so gänzlich vergessen können?«

»So schnell? so gänzlich, sagen Sie, Karlos? – Ewiger unbegreiflicher Gott! – du bist schrecklich in deinem Zorne? – Und so ist denn gar nichts für mich zu hoffen, Marquis? – Gar nichts? – Sprechen Sie doch! – Mein Gott! sprechen Sie doch? – Und warum haben Sie mich denn hieher bestellt? – in dieser feuchten, dunkeln neblichten Nacht?«

Sie fieng zu schwärmen an. Ihr Ausdruck war schon der des Wahnsinnes. Sie schlug mit den Händen wild um sich her. Ihr ganzer Leib zuckte und zitterte. Ihr Gesicht war leichenblaß und das Auge brach. In der Dämmerung des Mondes ward nur noch alles grausender. Meine Moral, meine so schön ausgesonnenen Gründe, die ganze Weisheit der Tugend und Pflicht waren zu Ende. Sie schien gar nichts mehr zu hören. Nur dumpfe und undeutliche Töne stieß sie aus. Ich, völlig bewußtlos, hielt nur ihre Hände fest.

Ein leises Rauschen zur Seite machte sie aufmerken, und sie richtete langsam und nur halb den Blick dahin. Dann aber schnell wieder weg, die Haare hoben sich empor, eine Glut strömte in ihr Gesicht, sie stieß mich heftig zurück, rafte sich in die Höhe, und wollte sich in den Teich stürzen. Ich fieng sie in den Armen auf.

*

Sie hatte den Grafen erkannt, der voll Besorgniß sich uns zu sehr näherte. Schaam und Wuth, Verzweiflung, betrogene und verspottete Liebe brachten sie um den Verstand, der Schmerz hatte so lange schon in ihrer Brust gewühlt, itzt brach er mit Ungestüm hervor, zog die Adern krampfhaft zusammen, und hielt den Lauf ihres Blutes an. Der arme Graf befand sich bey diesem Anblick dicht am nemlichen Zustande. Karoline war schon zur Leiche erstarrt, ehe wir mit ihr das Schloß erreichen konnten.

Man wandte alle Mittel an, um sie wieder zu erwecken. Auch waren sie nicht ganz vergebens. Nach einer starken Viertelstunde schlug sie die Augen auf, und fieng zu sprechen an. Aber ihr Verstand war gänzlich verwirkt. Sie hielt mich für den Grafen, und sah den Grafen für mich an, aber niemanden von uns beyden wollte sie um sich ertragen.

Ihre Heilung gieng sehr langsam vor sich. Und als sie sich auch wieder besann, verfloß doch kein Tag ohne Rückfall. Wir ließen uns nur selten in ihrem Zimmer sehen, und glücklich genug schien sie von uns alle Erinnerungen verloren zu haben. Zu niemanden sprach sie, als zu ihrem holden Knaben, und sie beschäftigte sich beständig mit ihm. Er saß den ganzen Tag über neben ihr auf dem Bette, und sie spielten jugendliche Spiele.

Man that alles um sie zu erheitern. Aber sie nahm an nichts mehr Theil. Keinen ihrer ehemaligen Freunde kannte sie wieder. Alle waren ihr fremd geworden, und sie schien diese Welt zum erstenmale zu betreten. Eine schwarze Melancholie beschäftigte sie ganz mit sich selbst, sie handelte nicht mehr, keine Begierde, kein entfernter Wunsch regte sich, sie schien ganz in ihrem eigenen Bewußtseyn untergegangen.

Der Graf befand sich in äußerster Verlegenheit, was er mit ihr anfangen solle. Seine Erfindungskraft war gänzlich erschöpft, und er gieng mit mir zu Rathe, ob man zu der ehedem vorgeschlagenen Reise Anstalten treffen sollte. Ich erwiederte, er möge der Gräfin selbst einen solchen Vorschlag thun, aber ein Stein hätte darauf eine bestimmtere Antwort gegeben. Sie blickte ihn starr an, wie jemand, der Worte hört, ohne sie zu begreifen, und schlug alsdann die Augen nieder. Das war alles, was er über seinen Antrag von ihr herausbringen konnte.

Unterdessen hatte ich daran gedacht, es sey vielleicht besser sie ins Kloster von D* zu meiner Adelheid zu bringen. Ich war gewiß, ihre alte wechselseitige Freundschaft würde im ersten Augenblick wieder aufleben, und sie einander über ihre eigentlichen Empfindungen eher verständlich machen, als wir es mit aller unserer Sorgfalt und Delikatesse jemals erreichen würden. Das süße Andenken an eine verflossene, mit einander glücklich verlebte Zeit erweckt die erstarrten Gefühle leicht wieder aus ihrem Todesschlummer.

Aber, selbst ungewiß über Adelheids eigentliche Stimmung, worüber auch ihre zärtlichen Briefe mich nicht ganz hatten aufklären können, trug ich Bedenken, die Gräfin, unter dem Vorwande sie zu heilen, noch einer weit größeren Gefahr auszusetzen. War die Marquise nicht gänzlich und im Grunde ihres Herzens gebessert, und fand sie endlich selbst eine Gefährtin mit einer noch glühenderen Leidenschaft, was wären zwey solche Weiber, in der Hitze ihres Temperaments, im Uebermaße ihrer unbefriedigten Gefühle nicht alles zu thun fähig? Sie hätten eine Welt in Brand gesetzt.

Ueberdem besorgte ich, Adelheids vielleicht wiederkehrende Neigung zu mir, könne der Gräfin Eifersucht reizen. Dann war alles verlohren. Nichts war gewisser, als sie würden einander ermorden. Doch hofte ich viel von der Marquise erschlaften Seele, die in sich alles, was sie fühlte, verschloß; noch mehr aber von Karolinens erwachender Besinnung. Denn es war unmöglich, ein so starker Eindruck konnte gänzlich verlohren gehen.

Ich verabredete mit dem Grafen daher eine kleine Ausflucht nach D*, wo ich mich bemühen wolle, über die Gemüthslage der Marquise alles in Erfahrung zu bringen, was uns über den zu ergreifenden Entschluß nur immer aufklären könnte. Wirklich machte ich mich auf den Weg, ließ in einem Dorfe, eine Meile weit davon, still halten, schrieb einen Brief in meinem eigenen Namen an die Marquise, wo ich ihr eine vorläufige Nachricht von einem Besuche der Gräfin von S** gab, mahlte mir Wangen, Mund und Augenbraunen, legte mir ein großes Pflaster auf das rechte Auge, zog endlich Bauernkleider an, und nahm als Bote hinkend meine Straße nach D*.

Die Nonnen waren eben in der Kirche, als ich anlangte, und ich hatte völlig Zeit, mit der Pförtnerin ausführlich zu reden.

»Ist dies hier das Kloster von D*, Jungfer?« fieng ich einfältig an, indem ich die Augen starr auf die Aufschrift des Briefes richtete.

»Wo soll es denn anders seyn, Herr Tölpel?« antwortete sie höflich. »Aber was habt Ihr da? Was giebts? An wen ist dieser Brief?«

Damit wollte sie höchst eilig, und höchst neugierig über meinen Brief herfallen, aber ich trat einige Schritte zurück. »Giebt es hier in diesem Kloster von D* eine gewisse Marquise von G**, Gott schenke ihr Gesundheit und langes Leben?« fuhr ich stotternd zu lesen fort.

»Ach, die arme Marquise! der Brief ist also an sie? Da will ich laufen und ihr die fröliche Nachricht geben. Denn Ihr kommt wahrscheinlich von ihrem Gemahle! – Sie ißt beynahe seine Briefe, noch ehe sie dieselben gelesen hat, auf.« Sie wollte mir die Thüre vor der Nase zuwerfen, und hastig davon rennen, aber ich schrie: »Noch ein Wort, Jüngferchen! noch ein Wort! wenns beliebt!«

Sie drehte sich um und antwortete: »Was giebts noch anders? Haltet mich nicht lange auf. Da ist keine Zeit zu verlieren.«

»Aber, wer ist denn eigentlich diese Marquise von G**?« fragte ich.

Ich hatte daran gezweifelt, daß ihre unglückliche Eile mir Zeit lassen würde, von ihr etwas herauszubringen, aber kaum hatte ich die Schleusen ihrer Beredsamkeit nur mit einem Finger berührt, als sie sich auch ganz von selbst aufthaten, und alle, vielleicht lange Zeit verhaltenen Gedanken in einer starken überströmenden Fluth durchließen.

»Was?« rief sie keifend, »Ihr seyd so unverschämt neugierig, mich um solche Dinge zu fragen? Die Marquise von G**, müßt Ihr wissen, ist eine so große Dame, daß Ihr nicht einmal werth seyd, Ihren Namen im Munde zu führen.«

»Nun, nun, liebes Jüngferchen,« versetzte ich schmeichelnd, »ich habe den König von Frankreich gesehen, und die schöne majestätische Königin, und den lieben Dauphin, und die allerliebste Prinzessin, der ich wahrhaftig sogleich einen Kuß hätte geben mögen, so schöne Augen hat sie.« Ich machte dabey mit der Hand eine Pantomime, welche diese Begierde auf das allerdeutlichste und vollständigste ausdrückte.

Die Nonne erröthete bey einem solchen Greuel über und über, aber ermangelte unter der Hand nicht darüber etwas zu schmunzeln.

»Welch ein abscheulicher Mensch! – Aber um wieder auf die liebe Marquise zu kommen. – Ich nannte sie nicht sowol wegen ihres hohen Standes eine große Dame, sondern wegen ihrer Sanftmuth, Milde, Freundlichkeit und Tugend.«

»Und Tugend?« wiederholte ich mechanisch.

»Im Anfange, daß sie hieher kam, that sie nichts als weinen. Sie härmte sich ab zum Erstaunen. Wir alle konnten ihr kaum ein Wort aus dem Munde bringen. – Was fehlt Ihnen, liebe Marquise? was haben Sie? fragten wir alle. Da war nicht eine im Kloster, die das nicht gern gewußt hätte.«

»Ich glaube es wohl!« antwortete ich lächelnd. Aber zum Glück begriff ich noch, dies sey zu witzig für einen ehrlichen Bauer. »Denn ich möchte es selbst wohl wissen,« setzte ich geschickt hinzu.

»Niemand kann dies sehr genau bestimmen. Man vermuthet aber allerley.«

»Und was?«

Sie schien mit der Sprache nicht herauszuwollen. »Der Marquis, sagt man, ist ein wilder Kopf, und wer weiß, was für Szenen in der Familie vorgefallen seyn können.«

»Mein Gott!« dachte ich, »jemand muß sie verrathen haben. Aber wer kann ausser uns den wahren Grund der Begebenheit ahnden?«

»War der Marquis vielleicht eifersüchtig?« versetzte ich darauf beklommen. »Wenn sie schön ist, so war das nur zu natürlich.«

»Nein, unmöglich hat sie je dazu nur Veranlassung geben können. Denn es ist ein wahrer Engel von Güte und Tugend. Sehr oft kam Besuch hieher und man verlangte sie zu sehen und zu sprechen. Niemals hat sie je einen Fremden annehmen wollen. Nein, nein, ich glaube vielmehr, der tolle Marquis ist daran Schuld.«

Ich holte wieder freyen Athem. Wenn nur meines armen Weibes Ehre geschont wurde, so kümmerte es mich sehr wenig, was man mit der meinigen mache.

»Da hat sie ganz recht, liebes Jüngferchen,« schrie ich, »den Marquis für einen tollen Kopf zu halten. Tausend närrische Streiche hat er schon gemacht, und der Himmel weiß, wieviel er deren noch machen wird.«

»Ihr kennt ihn also auch?«

»Und wer sollte ihn nicht kennen? Vom Hörensagen – versteht sie wohl, Jungfer Pförtnerin. Das ganze Land spricht von nichts anderem.«

»O, erzählt mir doch ein wenig.«

Ich fühlte mich in einer sehr großen Versuchung, ihr hunderterley Dinge aufzubinden. Aber theils fürchtete ich, mich bey dieser Gelegenheit verrathen zu können, theils brannte ich vor Ungeduld, Adelheiden wieder zu sehen.

»Nachher, nachher, liebes Kind,« sagte ich, »das Chor wird aus seyn, und ich soll der Marquise diesen Brief persönlich in die Hände geben. Will sie mich wohl bey ihr anmelden?«

»Ich befürchte, daß Sie Euch wird nicht sehen wollen.«

»Sage sie nur, daß ich von ihrem Gemahle komme, und Befehl habe, den Brief nicht anders als in ihre eigene Hände abzuliefern.«

Sie mochte auch noch so vielen Widerwillen haben, Besuche anzunehmen, oder überhaupt fremde Gesichter zu sehen, so war ich doch gewiß, als Abgeordneter ihres Gemahles ohne Bedenken vorgelassen zu werden. Auf tausend ängstliche Fragen bereitete ich schon die Antworten vor, und mein unbedachtsames Herz ergötzte sich an dem Gedanken, vielleicht werde ihr eine heimliche Ahndung zulispeln, wer unter dieser Maske versteckt sey. Dies war ein gewisses Mittel, mich ihr zu verrathen, wenn ihr der sehr zärtliche Inhalt des Briefes nur einige Fassung und Aufmerksamkeit auf andere Gegenstände übrig ließ.

Nach einer kleinen Weile kam die Pförtnerin mit der Nachricht zurück, daß sie Befehl habe, mich in das Sprachzimmer zu führen. Die Knie sanken mir ein, und meine Beine schienen mir ihre Dienste versagen zu wollen. Entweder pochte mein Herz hörbar, oder ich erröthete durch die künstliche Gesichtsfarbe hindurch, oder meine Ungeduld drückte sich in irgend einer hastigen Bewegung aus, – kurz meine Führerin sah mich mit einer zweifelhaften Bedeutung im Blicke an, als sie mir die Thüre des Sprachzimmers eröfnete.

Adelheid hatte mich erwartet, als ich an das Gitter trat. Ohne mich nur eines Blickes zu würdigen, nahm sie mir hitzig den Brief aus der Hand, besah Aufschrift und Siegel, küßte es dann, brach es auf, und fieng zu lesen an. Sie las aber so hastig, daß sie mehrmals von vorn wieder anfangen mußte, um den Sinn ganz zu fassen.

Ich hatte indeß Muße die Gesichtszüge meines Weibes zu betrachten. Gerade so fand ich sie wieder, als sie in meinem Herzen tief eingegraben standen. Mit welchem wollüstigen Geize hieng ich an dem Madonnengesichte! Ihre blassen und einnehmenden Züge entfalteten sich heiterer und himmlischer, je mehr sie vom Inhalte des Briefes verstand. Ich sah ihre reine Seele ganz wieder zum alten Trohne der Unschuld, Offenheit und zärtlicher Freundschaft zurückkehren, den sie ehedem so anbetungswürdig erfüllte. »O, danke Euch, Ihr gütigen Mächte des Himmels!« sprach ich zu mir selbst, »mein Weib ist wieder zu mir heimgekehrt.«

Sie hatte geendet, und eine große Trähne funkelte in ihrem Auge. Nicht einmal wandte sie sich von mir ab, um mir sie zu verbergen, sie ließ dieselben in den Brief rollen, den sie noch einmal an den Mund drückte.

»Kommt Ihr gerade von S** guter Freund?« sagte sie, als sie den Brief in das Busentuch gesteckt hatte.

»Gerade von S**, Madam.«

»Kennt Ihr den Marquis von G**?«

»Wer sollte ihn nicht kennen? Er will allen Menschen wohl, und möchte gern alle glücklich sehen.«

Diese Worte trafen sie. »Ihr habt Recht,« seufzte sie, »aber oft mag er wohl seine Gutthaten an Undankbare verschwenden.«

»Die Welt ist voll davon, Madam.«

Ihre Augen füllten sich von neuem, aber das innere Bewußtseyn ihrer Schuld machte diese Trähnen verdächtig, sie wandte sich zur Seite, und trocknete die Wangen mit einem Schnupftuche.

»Seht Ihr ihn oft?«

»Sehr oft, Madam.«

»Ihr seyd glücklicher, als ich?«

»Warum? Sie werden ihn einmal, und dann auf immer wiedersehen.«

»Gott segne Euch für dies Wort, guter Mann. Wenn ich dies Kloster einmal verlassen sollte, so will ich mich daran, und zu Eurem Vortheile erinnern. Itzt nehmt für Eure Botschaft dies kleine Geschenk.«

Damit griff sie in die Tasche, und reichte mir ein Goldstück durch das Gitter. Ich nahm hastig ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Indem ich sie aber festhielt, und mich darauf niederbeugte, zog ich einen kleinen, ihr wohlbekannten Demantring vom Finger, und steckte ihn an den, wo sich ihr Trauring befand. Dann drehte ich mich schnell um, und eilte davon. Erst als ich mich an der Thüre befand, nahm sie den Ring wahr, und rief: »Ewiger Gott, was ist das? – Sollte es o, wartet, wartet ein wenig?« – Ich aber warf die Thür ungestüm zu.

*

Man kann sich die Betrachtungen denken, womit ich mich auf meinem Rückwege beschäftigte. Ich wußte mich nicht vor Freude zu lassen, und glaubte mich völlig wiedergeboren. Das Blut floß schneller und wärmer, ein wohlthätiges Feuer glühte in meiner Brust, beseelte meine Gefühle, und beflügelte jeden Gedanken. Es war das Glück der jungen Liebe, nach dem ersten und erwiederten, gegenseitigen Geständnisse.

Welche süßen Plane entwarf ich nun nicht für die Zukunft! Sie schienen mir alle auf einem festen, unerschütterlichen Grunde zu ruhen. Der Himmel war heiter und blau. Jedes Wölkchen hatte sich verzogen, und keine schwüle Luft drohte ein herannahendes Ungewitter mehr. Es war der schönste Frühlingstag meines Lebens, den das wähnende und wünschende Herz sich ohne allen Abend denkt.

Ich war gewiß, Adelheid sey im Stande, die Gräfin von ihrer Krankheit völlig zu heilen. Schon ehedem waren sie Freundinnen gewesen, und für weiblichen Kummer giebt es keinen sanfteren tröstenderen Zufluchtsort, als einen weiblichen Busen. In der Milde meines Weibes fand Karoline die traulichste Aufmunterung, in ihrer Erfahrung einen sicheren Führer, in ihrem Kummer ein warnendes Beyspiel, in ihrer zurückkehrenden Tugend und unwandelbaren Freundschaft, Hülfe, Rath und verschonende Theilnahme. Karoline mußte in ihrem Umgänge wahrnehmen, was sie verloren hätte, und was sie hätte seyn können.

Aber das arme Herz. Ein Fremdling in der Zukunft, von selbstgeschaffenen Träumen, vom Rosenschimmer süßer Hofnung getäuscht, trunken über sich selbst, leicht zu gewinnen – erhöht es seinen eigenen thörichten Glauben zur überzeugendsten Gewißheit, kaum im Eingange der Freude, hat es alle Schwierigkeiten schon überstanden, und genießt selbst mit einem zufriedenen Rückblicke der fernen Donnerschläge, die es zu vermeiden gewußt hat.

Was hätte ich auch Unglückliches ahnden können, als ich das Schloß des Grafen wieder erblickte. Er stand im Fenster mit einem Schnupftuche in der Hand, und winkte mir schon aus der Ferne zu; alsdann wandte er sich um, und trocknete sich die Augen.

»Guter Himmel!« dachte ich, »was ist neues vorgefallen? Sollte vielleicht Karoline? – Nein, nein! sie war in der Besserung, und er hätte mir davon etwas geschrieben. Sein letzter Brief von ehegestern war sehr schwermüthig, aber er sprach gar nicht von sich, und schien vielmehr mich selbst beruhigen und über die Wandelbarkeit des Schicksals trösten zu können. – Mich? – doch was kann vorgegangen seyn! Sollten vielleicht Nachrichten aus Spanien? – doch schwerlich!« – Meine Brust ward enger und enger, und ich hörte auf Athem zu holen, als der Wagen an der Schloßthüre stille hielt.

Der Graf erwartete mich an den Stufen. Er war ausserordentlich blaß und entstellt. Sein dunkles Auge ruhte mit einer gewissen geheimen schreckhaften Bedeutung auf mich. Und so wie ich mich in seine Arme stürzte, umschlang er mich fester und wärmer als sonst. Trähnenschwanger war sein verirrter Blick, und seine Hand zitterte in der meinigen.

Ich sah ihn mit der höchsten Bestürzung an. Er schien den Blick nicht ertragen zu können, und ließ sein schweres Auge auf den Boden sinken. »Bist du krank, mein Freund?« fieng ich an.

»Mir ist nicht ganz wohl, Karlos,« antwortete er.

»Was macht Karoline?« setzte ich hastig, und an allen Gliedern zitternd hinzu.

»Sie ist viel besser, und ruhiger; sehr schwermüthig, aber kennt mich und ihren Sohn. Gestern hatte sie einen sehr heitern Tag. Doch du wirst sie selbst sehen.«

Der gute Graf suchte meine Aufmerksamkeit von ihm abzuziehen, und mich an mehreren Fragen zu verhindern. Doch mein Herz war zu voll. Ich brach aus:

»Ist sonst etwas Neues vorgefallen?«

Er sann einen kleinen Moment nach, dann bemühete er sich, einen gleichgültigen Ton zu erkünsteln, und antwortete gelassen, aber mir hörbar bebender Stimme: »Nichts, das ich wüßte, Karlos!«

»Aber du kommst mir so bedeutungsvoll, so ausnehmend verändert vor?«

»Kannst du dich wirklich hierüber noch wundern. Giebt es in meiner Lage wohl einen Grund zum Frohsinne?«

»Aber auch keinen zur Verzweiflung!« Ich theilte ihm meine guten Hofnungen und Aussichten in der Kürze mit. Er dankte mir und umarmte mich. »Glaube mirs, Karlos!« setzte er schluchzend und mit einem Schmerze hinzu, den er nicht mehr zurückhalten konnte, »ewig, ewig werde ich dich lieben!«

Wir waren an der Gräfin Zimmer. Er eröfnete die Thüre. Ich blickte ihn erstaunt an. Er lächelte und sagte: »Du siehst, ich stehe mit ihr auf einem sehr freundschaftlichen Fuße. Und es würde sie ohnfehlbar gekränkt haben, wenn du sie nicht einmal mehr hättest überraschen wollen.«

Die Gräfin saß an ihrem gewöhnlichen Platze, tief mit einem Buche beschäftigt. Beym Geräusche des Hineintretens legte sie es nieder, hielt die Hand an der Stirne, als müßte sie vor allen Dingen erst über den Inhalt des Gelesenen nachdenken, und dann blickte sie in die Höhe. Weder Ueberraschung noch Schreck, noch Erstaunen drückte sich in ihrer sanften Miene aus. Ihr schönes Auge war heiterer als sonst. Sie stand auf, reichte mir ungezwungen die Hand, hieß mich freundlich willkommen, und machte mir endlich neben sich auf dem Ruhebett Platz. Alsdann fragte sie nach meiner Gesundheit, nach der Geschichte meiner Reise; alles so unbefangen, mit einer so glücklichen Wiederkehr ihrer natürlichen Grazie, mit so weniger oder gar keiner Spannung, ja, wenn ich es behaupten darf, mit so gar keiner Erinnerung.

Aber dies machte mich nur um so banger. Ich wußte es, zu früh geschlossene Wunden brechen oft wieder und desto gefährlicher auf. Des Grafen niedergeschlagene Miene drückte die nemliche Meynung aus. Sie bemühte sich zu lächeln, aber das Gewitter, hinter dem die Sonne so freundlich hervorblickte, hatte sich noch nicht gänzlich verzogen, und man wußte nicht, ob es sich näher oder weiter ziehe. Ihr Auge heftete die Gegenstände noch zu fest, schweifte zuweilen seltsam von einem zu andern, und schien sich zuletzt höchst ermüdet an etwas ausruhen zu müssen. Ihr Gesicht hatte seinen lieblichen Ausdruck verloren, und indem ihm die Seele und jede Leidenschaft fehlte, steckte es, gleich der Kälte einer Gypsbüste, den Beobachter mit widerlichen Empfindungen an. Es ist entsetzlich, Gefühle äußern zu hören, welche nicht zugleich irgend eine Miene mit ihrem schönen Gepräge bezeichnen.

So traurig aber dieser Anblick auch seyn mochte, so schien er mir doch kein hinreichender Grund zu des Grafen gänzlich erschlaften und muthlosen Traurigkeit. Es befand sich nichts darin, das nicht zu den natürlichen Symptomen eines Restes von Krankheit gehörte, und das man nicht der Heilung der Zeit, oder irgend eines erheiternden und mildernden Mittels mit Zuversicht hätte anvertrauen mögen. Mich verlangte nach dem Abend, um mit meinem Freunde allein zu seyn, um zu erfahren, welche trübe Stelle in seiner Seele meine guten Hofnungen nicht hatten aufheitern können, um sein Inneres ganz zu durchschauen, um ihn mit allem aufzurichten, was eine zärtliche, geprüfte, und ihres eigenen Werthes sich bewußte Freundschaft nur tröstendes hat.

Der Abend schlich heran. Wir speißten früher als gewöhnlich, damit ich mich bald niederlegen möchte. Niemals waren wir zusammen so einsylbigt gewesen. Die Gräfin blickte starr in das Licht, und verfolgte den Flug einer Mücke, die sich endlich verbrannte und todt niedersank. »Don Karlos,« sagte sie mit kochender Brust, »glauben Sie, daß es ein schöneres Bild der Liebe gebe, als diese Mücke, die sich in die Flamme stürzte, um sich von ihr verzehren zu lassen?«

Ich zitterte bey diesem neuen Ausbruche von Leidenschaft. Wer hätte sogleich auf diese plötzliche Frage eine gescheute und passende Antwort zu finden gewußt? Ich fragte die Miene des Grafen um Rath. Aber er spielte mit seinem Messer auf dem Teller, und schien mit seinen Gedanken von der Gesellschaft sehr weit entfernt. Dies schien mir ein Wink, ein Gleiches zu thun. Ich schlug die Augen nieder, that als habe ich gar Nichts gehört, und schwieg. – Der Gräfin Blick, ob ich ihn schon nur seitwärts bemerkte, brannte mich durch und durch, aber ihre Seele wurde im nächsten Augenblicke durch etwas anderes zerstreut, oder sie hielt es nicht für gut, mich einer Wiederholung ihrer Frage zu würdigen.

Dies kleine Ereigniß änderte auf einmal meine ganze Gemüthsfassung. Mein Athem war beklemmt, der Hofnung heiteres Abendroth dämmerte immer dunkler werdend hinweg, nichts mehr konnte ich mir vom nächsten Morgen versprechen, und so zufrieden mit meinem Weibe begann ich selbst für ihre Ruhe, so nahe an diesem schleichenden Gifte, zu fürchten. Für ein empfindliches Herz giebt es nichts ansteckenderes, als Schwermuth, und wer konnte es voraussehen, ob diese bey meinem Weibe, so vielfältig, und nun selbst durch Eifersucht aufgereizt, zuletzt in Bitterkeit und Menschenhaß ausartete! – Und was alle diese Betrachtungen noch schmerzhafter und beängstigender machte, war, daß ich sie dem Grafen nicht mittheilen durfte.

Wir kamen auf meinem Zimmer an. Der Graf setzte sich neben mir, und nahm mich bey der Hand. Während er über dasjenige nachdachte, was er mir sagen wollte, starrte ich ihn verwundert an. »Aber, was suche ich doch nach Worten, um mich dir ganz verständlich zu machen,« fieng er auf einmal an. »Ist Karlos nicht ein Mann? Haben wir nicht schon so viele Uebel zusammen getragen, und hat dies gemeinschaftliche Tragen uns sie nicht fast ganz unmerklich gemacht?«

»Bester Graf,« antwortete ich ihm entschlossen, obgleich zitternd, »dein bedenklicher Blick, deine Umschweife, deine zweifelhaften Vorbereitungen sind ärger als der Tod. Ist dieser selbst für mich unvermeidlich, was zögerst du, ihn deinem Freunde anzukündigen, und ihn lieber durch Besorgnisse zehnmal sterben zu lassen? Scheine ich dir denn so armselig und kleinmüthig, um auch dem Schrecklichsten nicht kühn unter die Augen treten zu können? Hast du mich vor einer Gefahr zittern gesehen?«

»Deine glühende Einbildungskraft schweift zu sehr aus, Karlos. Es ist weder Tod, noch Gefahr, noch Schrecken, auf die ich dich vorbereiten möchte. Es ist das rührendste Schauspiel, das dein fühlbares Herz zerreissen, das dich mit einem Kummer bekannt machen wird, auf den dich noch keine Erfahrung hat vorbereiten können. Komm mit mir, Liebling meiner Seele. Dein Freund wird seine Trähnen mit den deinigen vermischen. Dein Freund wird am Altare des Schmerzes das erhabene Gelübde einer ewigen Treue und Liebe noch einmal beschwören. Dein Freund wird in sich alles das zu vereinigen suchen, was dich einst glücklich gemacht hat, und dem dir ein grausames Schicksal nun auf ewig zu entsagen gebietet.«

Er umschlang mich mit heissen Trähnen, hob mich vom Sopha auf, und führte mich zum Zimmer hinaus. Wir stiegen in den Garten nieder, und er schlug mit mir den Weg zum Labyrinth ein. Beyde stumm und fast ohne Athem. Die Nacht war kalt und stürmisch. Das trockne Laub rasselte unter unseren Füßen. Durch die entlaubten Aeste sah ich die feuchten Wolken mit Ungestüm entfliehen, nur selten und einzeln blinkte ein matter Stern, eine duftige Dämmerung hatte alles umhüllt, und ein Nebel hieng stellenweis zusammengeballt an den Zweigen und am Wipfel der Bäume. Mein kaltes Herz schlug fast nicht mehr in dieser allgemeinen Erstarrung, die Schrecken des Todes waren vorüber. Ich befand mich schon in der kühlen Stille eines ewigen Grabes.

Er führte mich auf den Pavillon zu, den ich selbst an der Stelle der so berüchtigten geheimen Gruft hatte aufrichten lassen. Wie wir ihn im Gesicht bekamen, sagte der Graf: »Wisse, Karlos, dies liebe Geschenk, das ich dir itzt zeigen will, hat mir Jakob überbracht.«

»Jakob?« rief ich verwundert aus.

»Er sagte, daß er so hieße, und daß du ihn sehr wohl kenntest. Er gieng mit seiner Gemahlin nach einem Lande im Norden, suchte dich bey mir, und hielt sich nur einen Augenblick auf. Wir ebenfalls sind alte Bekannte, denn er war der Fremde, der sich hier in der Gegend niederlassen wollte, von dem ich dir erzählte, und der kurz darauf wieder verschwand. Er sagte mir beym Abschiede: »Melden Sie es Ihrem Freunde. Der Bund ist zerstört, und er ist sicher. Don Bernhards und des einen Bedienten Tod machte die allgemeine Aufmerksamkeit rege. Man überfiel uns im Mittelpunkt unseres Sitzes. Nur wenige entkamen.«

»O, ewiger Gott! Und Rosalie?«

»Er sagte kein Wort von ihr. Ich glaube nicht, daß sie mehr Zeugin dieses Auftrittes war.«

»Mehr?«

»Du hast das Geheimniß, Karlos!«

Hiermit eröfnete er die Thüre des Gebäudes. Die Wände waren schwarz behangen. Eine einzelne Lampe warf vom Gewölbe herab ihren wankenden Todtenflimmer durch den schauerlichen Raum. Im Hintergrunde brannten auf einem Altare zwey andere matt und ersterbend. Eine alabasterne Urne stand in ihrer Mitte. Der Graf wollte mich festhalten, aber ich stürzte darauf zu. Zwey schwarze Worte las ich darauf: »Rosaliens Herz.«

*

»Sey ein Mann, Karlos,« sagte der Graf.

»Und bin ich nicht einer? – Siehst du mich etwa ohnmächtig am Fuße des Altares niederstürzen, wie ein Weib? – Oder weine ich über mein Eigenthum in dieser heiligen Urne, wie ein Kind?«

Er sah, mein Schmerz sey um so heftiger, weil er trähnenlos war. Er umschlang mich mit beyden Armen. »Du hast einen zärtlichen Freund, Karlos,« seufzete er.

»Ich weiß es. Auch danke ich dir für dies Zeichen deiner Liebe. Hätte ich jemals daran zu zweifeln vermocht, dieser Beweis hätte mich an deine Brust auf ewig geführt. Du ehrst meine Verstorbenen. Ich habe dir mein Leben gewidmet.«

Wir knieten am Fuße des Altares nieder, stumm und ohne Sprache. Trähnen machten uns Luft, und wir vermischten sie. Die Empfindungen kamen wieder. Meine zärtliche Schwester lebte in unserm Herzen noch. Ich fand sie da wieder, schöner als jemals. Ich genoß ihrer himmlischen Reize, ihrer süßen Liebe da reiner, vorwurfsfreier und verklärter. Nichts störte mehr unsern heimlichen Umgang, wo ich war, hielt sie mich mit zarten Armen umstrickt, in jedem theuren Gegenstande fand ich sie wieder, jeden theuren Gegenstand erblickte ich ihrentwegen im schöneren Rosenscheine der Schwärmerey und einer besseren Welt.

*

Ich weiß nicht, welches Ohngefähr die Gräfin zu der nemlichen Zeit in den Garten getrieben hatte. Vielleicht wollte sie der Schwermuth Luft verschaffen, die sich ihrer bey der Abendtafel so sichtbar bemächtigt hatte. Sie nahm uns aus der Ferne wahr, wie wir mit verschlungenen Armen und mit einer ungewöhnlichen Hast durch die Gänge eilten. Eine natürliche Neugierde zog sie uns nach, sie sah uns in den halberleuchteten Pavillon treten, und am Fuße des Altares niedersinken. Ohne zu wissen, was es bedeute, kniete sie ebenfalls nieder. Ihre beengte Brust schien nur auf einen Vorwand zu lauern, ihren schneidenden Schmerz in Seufzern auszuhauchen. Ein banges Seufzen an der Thüre stört unsern Gottesdienst.

Der Graf fährt in die Höhe und sieht sich erschrocken um. Sein Weib kniet hinter ihm und ist vor Mattigkeit auf ihre Hände niedergesunken. Er eilt ihr zu Hülfe, und hebt sie auf. »In dieser Urne ist Rosaliens Herz,« spricht er, indem er sie näher zu mir heranführt. »Karoline, Traure mit unserem Freunde!«

Ohne Scheu und Zurückhaltung mehr schlägt das holde Weib ihren Arm um mich. Ihr Gemahl drückt sie zu mir heran. Sie küßt mir den Mund, Stirn und Augen, und alle Trähnen auf.

*

Der Graf führte sie bald darauf nach D*. Adelheid lebte wieder auf, als sie ihre Freundin sah. Ihre süße Vereinigung, und die Freundschaft, die ein wechselseitiges Bedürfniß bald noch fester zu knüpfen begann, schien sie ihrer Bekümmernisse, im ersten Augenblick schon halb vergessen zu machen. Sie vermischten ihre Schmerzen, und über die ihrer Freundin vernachläßigte eine jede, ihre eigenen zu nähren. Die sanfte Schwermuth beyder war nur noch ein Band mehr für ihre zärtlichen Seelen. Ihr inniges Vertrauen drückte jede Eifersucht nieder, oder machte sie ganz unmöglich, und der gemeinschaftliche Vereinigungspunkt ihrer Schuld und ihrer Liebe war es, wo sie sich bey jedem kleinen Mißverständnisse versöhnt und noch zärtlicher zusammenfanden.

Ich träumte unterdessen meine Zeit hinweg. Wie in einem lieblichen Rausche, glichen die Augenblicke sich an schwermüthigen Genuß. Wie in einer Leidenschaft erstem Erwachen, befanden sich alle Gefühle in einer süßen Verwirrung, auch mochte ich keins von ihnen genauer entwickeln, und es genügte mir, daß sie nicht schmerzhaft waren. Durch die Trähnen der Gegenwart lächelte die Zukunft mich heiter an, gleich einem holden Mädchen, dem Liebe die Augen getrocknet hat, welche Liebe mit ihrem sanften Thaue erfüllte.

Der Graf kam zurück. Er fand mich ruhiger wieder, als er erwartete. Entfernung von den gewohnten Gegenständen, behauptete er, müsse uns beyde ganz heilen. Die alte Reise nach Italien ward wieder in Vorschlag gebracht. Die Karnevalszeit war nahe. Wir beschlossen nach Venedig zu gehen. Nachdem wir unseren Gemahlinnen diesen Entschluß mitgetheilt, und ihnen versprochen hatten, höchstens in einem Jahre heimzukehren, reisten wir ab.

Wir verweilten einige Zeitlang auf unserem Wege. Jakobs Versicherung hatte mich ruhig gemacht. Vielleicht hätte ich ihr nicht so ganz trauen sollen, aber mein armes Herz hielt sich an einem Strohhalme, um im Meere seiner Bekümmernisse nicht unterzugehen. Ich hatte es mir fest vorgesetzt, über alles ruhig zu seyn, alles suchte ich mit leidenschaftsfreyem Geist zu genießen, und ich fand in der Neuheit und Mannichfaltigkeit der Charaktere und Sitten tausenderley, das mich anzog und freuete. Die höchste Wärme der Menschennatur durch ein wollüstiges Klima zu einer verzehrenden Glut angefacht, ein schlüpfriger Witz, ein begieriges, ein unersättliches Temperament, eifersüchtige und zugleich durch den Genuß zu Sklaven gemachte Männer; eingeschränkte, verbulte und listige Weiber – dies alles mußte eine Mischung von Gestalten hervorbringen, die keiner Verhüllung bedurfte, um zu einer Maskerade zu werden. Obgleich nur noch mit einem Sinne für die zarte und überlegte Liebe, fand ich als entfernter Zuschauer tausend neue Reize in den heftigsten Ausbrüchen einer Leidenschaft, deren ganze Wärme ich nur zu sehr hatte kennen lernen.

Der Graf theilte meine Beobachtungen und Gefühle. Wir glaubten uns nun schon zu alt und zu erfahren, um von jeder Leidenschaft etwas befürchten zu dürfen. Nicht viel fehlte, daß uns diese Sicherheit nicht hätte fallen machen, wo bey einiger Behutsamkeit gar keine Gefahr einmal vorhanden gewesen wäre. Nur mit Mühe entgiengen wir den kleinen, und deshalb um so schwerer zu entdeckenden Fallstricken, dem süßen gewandten, bulerischen Mienenspiel, welches die Italienerinnen als ein Eigenthum besitzen, den Schmeicheleyen, die uns anlockten und wiederzurückstießen, dem freyen Wesen, das keine Zurückhaltung kennt, dem Ansteckenden der allgemeinen Sitte, und endlich, in dieser Jahrszeit, der außerordentlichen Ungebundenheit, wozu die Maske verleitet, oder ein Recht giebt.

Der Zufluß von Fremden in Venedig war außerordentlich. Niemals hat man ein glänzenderes Karneval gekannt. Eine so allgemeine Freude, ein so allgemeiner Hang selbst zur Ausschweifung darin, diese Mannichfaltigkeit an öffentlichen Vergnügungen, Volkslustbarkeiten, und Privatzerstreuungen, erinnerte sich niemand vorher gesehen zu haben. Der Markusplatz wimmelte den ganzen Tag über von tausend seltsamen Verkleidungen; Schauspiele, Bälle, Lustfahrten gaben der Intrigue ein freyes Spiel, und munterten ihren Witz zu immer neuen und immer schöneren Empfindungen auf.

Wer in Venedig bey den Damen kein Glück macht, kann nur alle Ansprüche auf Liebe für sein ganzes Leben fahren lassen. Man suchte uns beyde auf hunderterley sinnreiche Arten. Unser Name gieng uns voraus, und da wir keine Gründe zu dem mindesten Inkognito hatten, bemühten wir uns, durch einen anständigen Aufwand unserem Range alle mögliche Ehre zu machen. Man sah uns also für sehr gute Eroberungen an. Und überdies war der Graf eine der schönsten und feinsten Mannspersonen auf Erden, sein gefälliger, mehr schmeichelnder als stechender Witz bezauberte alle Geister, wenn der Edelmuth und die Offenheit seines Charakters alle Herzen eroberte. Vielleicht hatte ich von einer zuvorkommenden Gestalt noch nicht alle Spuren verlohren, besaß mehr Verschlagenheit, Erfahrung und Kenntniß der Weiber als mein Freund, aber doch spielte ich neben ihm in großen Zirkeln niemals mehr als eine zweyte Rolle.

Auch ließ ich ihn ohne alle Eifersucht seinem glänzenden Glücke nachgehen. Nur gelegentlich hielt ich ihn da zurück, wo ich Karolinens Rechte zu sehr beeinträchtigt glaubte. Er liebte mich so zärtlich, ganz meiner Führung hätte er sich überlassen. Allein sein warmes Temperament, und die außerordentlichste Fühlbarkeit, die kein angebotenes Herz ausschlagen konnte, die jede Neigung zu erwiedern für Pflicht hielt, zog ihn zu Nebenwegen und Ausschweifungen fort, die ich ihm so gerne erspart hätte.

Nicht, daß er nicht die grobe Liebe, die man in Venedig fast nur allein kennt, von Herzen gern hätte vermeiden mögen; darüber war er mit mir vollkommen eins. Aber sie war mit einem so anmuthigen Gewebe von Zärtlichkeit, Gefühl und Uneigennützigkeit verschleyert, daß sie für ihn verführerisch wurde. Er fand so vielen Reiz, so viele Kunst ihn zu zeigen, so viele Kunst ihn mit glühenden, und nie vorher gekannten Liebkosungen zu würzen, daß er sich oftmals in Verlegenheit befand, wie er diesem allen widerstehen solle. Oft, oft wünschte ich ihm einen Genius, der ihn da beschleichen möchte, wohin meine Blicke nicht dringen konnten.

Die Herzogin von F*** endlich fesselte seinen Geschmack. Sie besaß alle die Eigenschaften, welche dem Grafen an einem Weibe gefielen, in einer unwiderstehlichen Vereinigung; den Ausdruck einer tiefen Fühlbarkeit über einen mehr niedlichen als vollkommen schönen Körper verbreitet, eine mehr gutmüthige und herzliche als glänzende Laune, die Geschicklichkeit die Liebe nicht zu gestehen, aber sich abdringen zu lassen, im Fliehen zu fechten, und da um so tiefer zu verwunden, ihre Gefälligkeiten und Liebkosungen durch eine weise Vertheilung noch geltender zu machen, ihrem Geliebten zwar alles aufzuopfern und sich ganz hinzugeben, aber selbst in der Liebe und Wollust höchstem, verschlingenden Genusse sich selbst und ihn zu beherrschen. Dies war an einem Weibe des Grafen Lieblingscharakter, oder vielmehr derjenige, welcher ihn selbst wider Willen zu allem verführte.

Er gestand mir ohne Hehl seine Empfindungen. Ich war von Herzen froh darüber, denn eine ernste Leidenschaft mußte ihn allen anderen Zerstreuungen abwendig, oder diese doch für ihn unschädlicher machen. Er sah in seiner Geliebten nichts als ein fühlbares Weib, das ihn mit einer sanften Freundschaft glücklich zu machen bereit sey. Ich bestärkte ihn im Glauben von der Uneigennützigkeit und Reinheit ihrer Liebe; denn solche Empfindungen mußten ihn einem Versuche auf ihre Tugend abgeneigt machen, die wahrscheinlich zu schwach war, ihm nicht unterzuliegen. Aber die Herzogin selbst verdarb mir dies schöne Spiel. Ihr war mit keiner zuweit getriebenen Zurückhaltung gedient, und bisher immer gewohnt, ihre Landsleute durch die Sinne zu fesseln, wußte sie bey einem Fremden von ihren Grundsätzen keine Ausnahme zu machen.

Sie war sehr unglücklich vermählt. Der Herzog war alt, und unerträglich eifersüchtig. Er kerkerte das arme Weib ein, das nach Genuß dürstete, und vielleicht hatte es an ihm noch keine wesentliche Untreue begangen, als sie mit dem Grafen bekannt wurde. Vielleicht hatte sie nicht einmal von der Liebe, als einer heftigen Leidenschaft gewußt; denn wenn diese durch Schwierigkeiten auch stärker wird, so kann sie doch niemals ohne alle Hofnungen gedeihen. So strenge war sie bisher immer bewacht gewesen, daß sie keinem Manne noch hatte soviel Aufmunterungen geben können, um etwas Außerordentliches zu wagen, und niemand hatte noch das Geheimniß aufgefunden, ihren Gemahl vertraulicher zu machen, und in seinen Vortheil zu ziehen.

Dies gelang endlich dem Grafen. Er machte sich zu des Herzogs gutem Freunde, und endlich zu seinem innigen Vertrauten. Dieser hielt es für seine Schuldigkeit, ihn bey seiner Gemahlin einzuführen, so sehr sie auch, wie er vorläufig behauptete, den grossen Gesellschaften feind sey, und die Einsamkeit liebe. Zuletzt gieng kein Tag hin, daß er nicht des Mittags oder des Abends mit aller Gewalt bey ihm zu speisen hatte. Den übrigen Theil der Nacht brachten dann die beyden Seelenfreunde unzertrennlich zu, spielten entweder Schach, oder liefen in die Schauspielhäusern, auf Bälle, den Markusplatz, und in den Straßen umher, die jungen Wüstlinge zu spielen; mischten sich in abgeschmackten Verkleidungen in das allgemeine Getümmel, spielten ihren Bekannten tausend alberne Späßchen, waren einigemal in Gefahr, recht derbe Schläge und Händel aller Art aufzuhaschen, machten mit allen Freudenmädchen die vertrauteste Bekanntschaften, setzten in alle Lotterien und in alle Pharaobrücke, verlohren allenthalben, aber waren nichts destoweniger über ihren eigenen Witz glücklich wie Könige.

Ob ich gleich wußte, der Graf ließ sich so wider Willen umherschleppen, und sein Herz nehme nur in sofern an diesem wüsten Leben Antheil, als er damit den Herzog von seiner Gemahlin entferne, und sich selbst ihr näher bringe, so glaubte ich doch, er gehe viel zu weit. Der Preis schien mir von weit geringerem Werthe, als das, was er verwende, ihn zu erhalten. Doch, daß ich es aus diesem Gesichtspunkt betrachte, hielt ich für keine Regel in Rücksicht seiner selbst, und daher mäßigte ich nur ihre Zerstreuungen, soviel ich konnte, ohne ihm die allermindeste Vorstellung zu thun. Denn weit weniger war ich für seine Gesundheit oder für sein Vermögen, als für den üblen Eindruck besorgt, den eine anhaltende Verstellung endlich vielleicht auf seine anbetungswürdige Offenheit, und selbst auf seine zurückhaltungslose Freundschaft für mich machen konnte.

Die Herzogin wußte ihm indeß für dies ausschweifende Leben im Herzen großen Dank. Sie bekamen dadurch beyde Gelegenheit, nicht nur einen ganz glücklichen Augenblick, wenn er käme, gewiß nicht zu verlieren, sondern auch alle gegenwärtigen ziemlich zu ihrer Befriedigung benutzen zu können. Die Liebe, über die sie sich schon lange verstanden, ja lange selbst vor der Einführung des Herzoges schon erklärt hatten, flößte ihnen tausend kleine Kunstgriffe ein, sich vor den Augen aller Welt ihre Empfindungen unbemerkt auszudrücken, sich bitterlich zu beklagen, einander Vorwürfe zu machen, einander wieder Abbitte zu thun, den zärtlichsten Frieden zu machen, und endlich tausend Abreden zu nehmen und Uebereinkünfte zu treffen, – und das alles, ohne daß eine menschliche Seele sich von dergleichen Dingen hätte etwas träumen lassen.

Durch die Vermittelung des Grafen hatte ich endlich selbst im Hause freyen Zutritt erhalten. Ich zeigte so wenig Bekümmerniß um die Fortsetzung dieser Bekanntschaft, daß der Herzog sich gar nicht einmal die Mühe gab, über mich eifersüchtig zu werden. Ich nahm überdieß zwar einen nur seltenen, aber dann so warmen Antheil an den Lustbarkeiten der beyden Freunde, daß der Herzog sich einbildete, ich sey von einem geheimen Kummer geplagt, und man müsse alles aufbieten, mich zu zerstreuen. Damit wurde ich allmählich ebenfalls sein Herzensvertrauter, hatte nicht nur tausend Veranlassungen, als Zuschauer des schönen Spiels einer verstohlenen Liebe zu genießen, sondern den Liebenden selbst auch mancherley wesentliche Dienste zu leisten.

Sie waren darum aber der Erfüllung ihrer Wünsche nicht näher. Denn obgleich die Herzogin itzt weit weniger strenge bewacht wurde; so ließ ihr Gemahl doch den Grafen aus purer Freundschaft nicht aus den Augen. Durch diese lange Entbehrung bey einer so unglaublichen Nähe und Vertraulichkeit entflammten zuletzt die Begierden der schönen Italiänerin aufs höchste, und sie beschloß alles zu wagen, und alles aufs Spiel zu setzen.

Hiervon wurde der Liebhaber benachrichtigt, nachdem man ihm vorher über seinen geringen Unternehmungsgeist sehr bittere Vorwürfe gemacht, und er sich mit der in die Augen springenden Unmöglichkeit entschuldigt hatte. Sie drohte ihm mit einem nächtlichen Besuche, sobald sie dem Herzoge halbweges entwischen könne, und der Graf, der in diesem Augenblicke der größten Gefahr ganz deutlich einsah, er liebe mehr mit Laune als mit Leidenschaft, zitterte jeder kommenden Nacht entgegen, und sann mit mir auf alle nur erdenkliche Hülfsmittel, jedem daraus herkommenden Unglücke möglichst vorzubeugen.

Endlich kam die von der Herzogin so sehnlich erwartete Nacht. Ihr Gemahl kam von einem Schmause trunken nach Hause, und befand sich selbst so übel, daß man nach einem Arzte zu schicken für gut befand. Dieser ließ ihm auf der Stelle eine Ader eröfnen, aber der Patient ward schlimmer, ein heftiges Fieber überfiel ihn, und er fieng zu rasen an. Man muste ihn daher von der Herzogin weg- und in ein anderes Zimmer bringen. Diese setzte sogleich ihren Zendale auf, gab ihrer vertrauten Kammerfrau einige nöthigen Befehle und Verhaltungsregeln, und eilte durch eine geheime Hinterthür des Pallastes in eine bereitstehende Gondel, welche sie schon mehrere Nächte im Kanäle hatte warten lassen.

Die nemliche Vorsicht hatte der Graf in unserm Hause gebraucht. Sie durfte nur anpochen, um eingelassen zu werden. Der Graf gieng niemals vor Tagesanbruch zu Bette, und, wenn er ausgehen muste, stand ich auf der Lauer, um sie im Nothfalle zu empfangen, und es ihm dann sogleich wissen zu lassen. Da sie den Versuch als ganz nahe angegeben hatte, so suchte der Graf sich früher als sonst aus seinen Gesellschaften loszumachen, und wir brachten dann zusammen im traulichen Gespräche den Rest der Nacht hin. Seine Erwartung war äußerst gespannt, er bauete nicht sehr viel auf die Vorsichtigkeit seiner Geliebten, welche die Heftigkeit ihrer Leidenschaft ganz blind zu machen schien, ein leises, entferntes Knistern, ein Geräusch an der Thüre oder nur ein Täfelwerk machte ihn erschrocken zusammenfahren, sein Gesicht veränderte sich bey jedem Anpochen, selbst an irgend einem Hause der Nachbarschaft.

In einer Nacht endlich schon gegen Morgen zu, ward es an unserer eigenen Hausthüre laut. Man eröfnet, und alles ist wieder still. Der Graf springt auf, und horcht. Ich selbst stehe auf, um bey dem geringsten Zeichen mich entfernen zu können. Aber mehrere Minuten vergehen, ohne daß wir das kleinste Geräusch weiter bemerken. Es war unwahrscheinlich, daß der Anpochende jemand anders als die Herzogin gewesen war, und diese kannte die Lage und Gelegenheiten unseres Hauses vollkommen. Diese tiefe Todtenstille war nicht zu begreifen.

Ungeduldig nimmt der Graf endlich den Leuchter, und schleicht an die Thüre. Nachdem er ein Weilchen das Ohr daran gehalten hat, eröfnet er sie und leuchtet hinaus. An der obersten Stiege der Treppe sieht er etwas Weisses liegen. Ein Moment, ein Schrey und er eilt hinzu. Ein neuer Schrey und ich laufe ihm nach. Er hat den Leuchter niedergesetzt, und hebt ein Frauenzimmer in die Höhe, das ganz leblos scheint. Der Zendale ist ihr zerrissen, und ihr Anzug in der sichtbarsten Unordnung. Ich leuchte sie an. – Guter Gott! Es ist die Herzogin.

*

Sie kam nur mit Mühe wieder zu sich selbst. Ihre Sinne blieben beständig an etwas verwildert, und ihr erster Laut war der Wunsch, nach Hause zurückgebracht zu werden. Wir alle beyde betheuerten ihr, sie zu begleiten, beschworen sie, deswegen ganz ruhig zu seyn, und fragten ängstlich nach der Beschaffenheit dieses Ereignisses.

»Lassen Sie sogleich in Ihrem Hause nachsuchen,« sagte sie, noch an allen Gliedern bebend, »irgend jemand Fremdes muß sich darin verborgen haben.« Nachdem der Graf geklingelt und den Befehl ertheilt hatte, alle möglichen Nachforschungen zu thun, fuhr sie in ihrer Erzählung folgendermaßen fort:

»Es ist schon länger, als eine halbe Stunde, daß ich vor ihrer Thüre im Kanale anlangte. Aber ich konnte nicht aussteigen, weil ich ein paar junge Leute dicht vor ihrem Hause in einem tiefen Gespräche stehend fand. So viel ich in der Dämmerung unterscheiden konnte, waren sie in einer Art von Uniform gekleidet, und sprachen leise oder eine fremde Sprache, so daß ich von ihrer Unterhaltung auch kein Wörtchen erhaschen konnte.«

»Nachdem ich eine lange Zeit vergebens erwartet hatte, und befürchtete, zuviel Zeit zu verlieren, wagte ich es, ans Land zu steigen, und dicht neben ihnen an die Hausthüre zu klopfen. Man zog die Schnur und eröfnete mir. Aber im nemlichen Augenblicke, daß ich hineinwischen wollte, drängte sich einer von ihnen zugleich mit mir in die Thüre, warf mich zu Boden, und da ich um Hülfe zu rufen drohte, riß er mir den Schleyer ab, und verfolgte mich mit Faustschlägen bis zur Treppe hinauf, wohin ich mich zu retten suchte, und wo ich ohnmächtig niedersank. Sie wissen, ich konnte es nicht wagen, laut zu schreyen, und man behandelte mich in der völligen Dunkelheit auf eine Art, woran mir, glaube ich, die Merkmale auf mein ganzes Leben zurückbleiben werden.«

Hiermit entblößte sie ihre Aerine und einen Theil ihres Halses. Alles war blutrünstig und blau unterlaufen. Hin und wieder fanden wir selbst Nägelspuren. »Seyn Sie überzeugt,« setzte sie hinzu, »daß es keinen Theil meines Körpers giebt, wo ich diese wütenden Hände nicht sehr schwer gefühlt habe.«

Der Graf glaubte von Schmerz und Wuth über diesen unseeligen Vorfall ganz von Sinnen zu kommen. Er holte seinen Degen hervor, und schwor, daß dieser Bösewicht seine Verwegenheit mit dem Leben bezahlen solle. Doch hielt ihn seine Geliebte mit der Erinnerung zurück, daß sie keine Zeit habe, einen solchen Versuch abzuwarten, daß er sie zuerst glücklich und wohlbehalten nach Haus bringen und dann thun möchte, was ihm gefiele.«

Mein Freund, der die Dämmerung anbrechen sah, fand nichts hierauf zu erwiedern. Wir bewafneten uns beyde, und begleiteten die Herzogin bis an ihr Haus. Erst nachdem wir sie das Hinterpförtchen hatten verschließen gesehen, kehrten wir wieder zurück, und durchsuchten das Haus von oben bis unten, fanden aber eben so wenig, als unsere Bedienten.

Der Graf besorgte, daß ihm dieser Vorfall in seiner Geliebten Herzen nicht wenig Schaden gethan, oder sie wenigstens für die Zukunft sehr behutsam gemacht haben würde. Und ein Weib, wußte er wohl, das über ihre Leidenschaft mit Kälte nachdenken kann, ist schon halb auf dem Wege, von ihr gänzlich zurückzukommen.

Aber nichts von diesem allem bey der Herzogin. Sie verbiß ihre Schmerzen, legte sich Wundpflaster, wo es ihr wehe that, und war eben so närrisch, ja schien noch viel verwegener und übermüthiger als vorher.

Dies machte beym Grafen wieder eine andere Art von Besorgnissen rege. Ihr guter Muth, der durch das halbe Gelingen ihres nächtlichen Abentheuers beträchtlich verstärkt war, ließ sie alle Regeln der Vorsicht und gesunden Vernunft gänzlich vernachläßigen. Ihre Ungeduld glänzte ihr aus den Augen, und die unbehutsamen Blicke schweiften ohne Maas und Scheu allenthalben herum. Zum guten Glück war ihr Gemahl zu sehr mit seiner Krankheit beschäftigt, um auf ihr seltsames Benehmen zu achten. Aber ihr armer Liebhaber befand sich dessen ungeachtet beständig auf der Folter.

Der Herzog war bald wieder aus dem Bette, und beschloß noch vor dem Anfange der Fasten auf seiner nahen Villa, trotz des Winters und des sehr üblen Wetters, seinem Seelenfreunde zu Ehren ein kleines Fest zu veranstalten. Recht glänzend sollte dies werden. Der ganze hohe Adel war dazu eingeladen, die besten Tonkünstler waren dazu ausgesucht, und er befand sich halbe Tage lang draußen, um alle Vorbereitungen mit mehrerer Muße zu treffen.

Da traf es sich, daß zwey Tage vorher der Graf öffentlich in einem Kaffeehause mit ihm, über einem Punkte im Spiele uneinig wurde. Der Graf verließ ihn hastig mit einer Art von einer Herausforderung, und da er seine Ehre, die ihm über Liebe und Leben gieng, für beleidigt hielt, so nahm er sich fest vor, trotz seiner Verbindung mit der Herzogin, auf immer zu brechen.

Er kam sogleich nach Hause, um mir den Vorfall ganz warm mit zu theilen. Wenig fehlte, so wäre er auch noch mit mir zusammengerathen. Denn wie ich ihn so erhitzt und blutroth im Gesichte sah, so konnte ich nicht umhin, ihm auf alle seine Betheurungen und Klagen mit einem lauten Gelächter zu antworten. Er fragte mich nach der Ursach desselben. »Danken Sie dem Himmel,« erwiederte ich, »wegen dieses Vorfalles. Nichts glücklicheres hätte sich zutragen können, wenn Sie meinem Rathe folgen wollen.«

Ich setzte hierauf dem Grafen meinen ganzen Plan aus einander. Ob er gleich an der glücklichen Ausführung desselben zweifelte, so fieng er doch darüber zu lachen an, und seine Laune erheiterte sich. Da er sich zu allem verstand, so nahmen wir eine vollständige Abrede. Noch zur selbigen Stunde suchten wir den Herzog auf, der sich keines Wortes vom Vorgefallenen erinnerte, ich machte den Mittler, söhnte sie mit einander vollkommen aus, sie nahmen sich vertraulich unter den Arm und giengen ins nächste Kaffeehaus, da ihre Wiedervereinigung recht feyerlich zu begehen. Am frühen Morgen darnach gieng der Herzog auf sein Landhaus ab, um noch einige Anstalten zum nahen Feste zu treffen.

Ich machte mich alsdann auf, den Streit meines Freundes mit dem Herzoge beym kleinen Rathe anzugeben. Wie ich fand, war man mir darin selbst zuvorgekommen, und meine Nachrichten dienten nur dazu, das Faktum zu bestätigen, und die allgemeine Meynung von einem bevorstehenden Duelle noch gewisser zu machen. Von ihrer Aussöhnung hatte niemand etwas gehört, die Gefahr schien nahe, und um alles Aufsehen zu vermeiden, ließ man dem Herzog auf seiner Villa ankündigen, daß er sich bis auf weiteren Befehl nicht von derselben zu bewegen habe. Dem Grafen, als einem Fremden aber, nahm man sein Ehrenwort ab, in drey Tagen nicht die Stadt zu verlassen.

Alles gieng so völlig nach Wunsch. Der Herzog, ausser sich vor Wuth, sann aus Leibeskräften dem eigentlichen Grunde dieses Befehls nach, dem er lange Zeit nicht auf die rechte Spur kommen konnte. Die Ungewißheit machte ihn noch ärger fluchen, er konnte es am Ende gegen Abend nicht mehr aushalten, verkleidete sich in einen Bauer, und machte sich nach Venedig auf den Weg, wo er auch gegen Mitternacht glücklich anlangte. Er wollte nicht geradezu sich in sein Haus wagen, sondern schlich an den öffentlichen Oertern herum, vielleicht von der eigentlichen Beschaffenheit des Vorfalles aus dem allgemeinen Gespräche zu erfahren.

Auch hörte er wirklich von nichts anderem reden. Die Meynungen waren aber so verschieden, daß er auf keine Weise daraus klug werden konnte. Eben wollte er den Markusplatz verlassen, als er von einem Fremden in englischer Offizieruniform erkannt wurde. Wahrscheinlich war dies aber schon vorher geschehen, denn er erinnerte sich deutlich, diesen Menschen eine lange Zeit hinter sich herschleichen gesehen zu haben. So wie der Herzog aber aus dem Platze in die Straße einbog, nahm jener den Schnupftuch vors Gesicht, näherte sich ihm, und sagte: »Sie thäten besser, nach Hause zu gehen, wo Sie den Grafen von S** ebenfalls antreffen werden.«

Hiermit entfernte der Fremde sich, und ließ ihn erstaunt mitten in der Straße stehen.

»Den Grafen von S**?« fuhr es ihm durch den Kopf. »Was kann er doch ohne mich da zu suchen haben? Und dieser Fremde giebt mir davon in einem so geheimnisvollen Tone Nachricht. Was aber noch schlimmer ist, so bin ich verrathen, und es ist nicht rathsam, auf den Straßen so lange umherzulaufen. – Aber die Welt ist böse, und besonders hier in Venedig giebt es abscheuliche Zungen. Der gute Graf wird über mein Unglück Auskunft erhalten haben und zu meiner Gemahlin gegangen seyn, um sie über die Mittel zu Rathe zu ziehen, wie man mich aus meinem Elende erlösen könne. Jemand hat ihn hineinwischen gesehen, und die Müßiggänger und Taugenichtse bedürfen weit weniger, um einen hinreichenden Stoff zu einem Stadtgeplapper zu haben.« – Damit tröstete er sich wieder. Wunderseltsam kämpften in seinem schwachen Gehirne mannichfache Ideen von Eifersucht, Furcht vor dem grossen und kleinen Rathe, Aerger über seinen Verhaft, Anhänglichkeit an den Grafen, Mißtrauen in seine Gemahlin mit einander, und dies griff ihn so sehr an, daß er am Ende gar nichts mehr dachte.

Der Graf, welcher seiner Geliebten über die eigentliche Beschaffenheit des Vorfalles eine vorläufige Auskunft gegeben hatte, eilte gegen die Nacht zu, ihr dieselbe durch seine Gegenwart zu bestätigen. Sie empfieng ihn wie ein Weib, dem nur eine Gelegenheit gefehlt hat, dem Liebling ihres Herzens den ganzen Umfang ihrer Zärtlichkeit zu erkennen zu geben. Noch niemals hatten sie sich so ungestört und allein sprechen können. So unendlich vieles hatten sie einander zu sagen, eine solche Menge von Verabredungen hatten sie für die Zukunft zu treffen, mit einer solchen Mannichfaltigkeit von Ausdrücken und Liebkosungen suchte ihr pochendes Herz sich Luft zu verschaffen, die ganze vor ihnen liegende Nacht schien ihnen nur aus einigen und sehr kurzen Augenblicken zu bestehen.

Aber sie übereilten sich nicht im Genuß. Sie wollten den Gipfel des Glücks stufenweise ersteigen. Die Herzogin war bereit, ihm alles zu vergönnen, und der Liebe höchste Wonne mit ihm gleichmäßig zu theilen. Sie betheuerte es ihm selbst. Aber durch einen klugen Widerstand und da wo seine geflügelten Begierden zu rasch forteilen wollten, hielt sie dieselben im Zügel, um sie nicht vor dem Ende erkalten zu lassen, wollte ihn alle Grade der Wärme und Wollust durchgehen lassen, und auch der Genüsse kleinsten nicht einbüßen.

Indem sie so im zärtlichsten und vertraulichsten Gespräche ihre ganze Seelen ergossen, und die schönen Momente nur nach glühenden Küssen zählten, indem lose Spiele, kühne Schäkereyen, leise, plötzliche, verstohlene Berührungen sie dem höchsten Rausche vorbereiteten und näher führten, indem dem holden Weibe, das zum erstenmale liebte, die bloße Natur neue Weisen, niegefühlte Genüsse mit niegefühlten Begierden, neue und seelenvollere Ausdrücke eingab, – der Graf dies alles nicht nur erwiederte, sondern durch sein sanftes und glückliches Herz bis zur Schwärmerey erhöhte, indem sie die Sprache ließen, nach anderen Zeichen wollüstig suchten, in ihren stummen, und lebendigen Symbolen mit einander wetteiferten und Geist und Natur schon durch der Liebe bloße Mystik erschöpften – hörte man urplötzlich ein Klopfen an der Hausthüre.

Die Liebenden fahren aus einander. Was kann es seyn? – So spät ist es schon. Und der Herzog? – Wer kann alle Zufälle berechnen? Ihr ängstliches Herz sucht nach tausend Vermuthungen umher, und in der Besorgniß verrinnt der Rausch, das sanfteste, und weichste aller Gefühle. Die Herzogin hat eine Kammerfrau auf die Wacht gestellt. Diese läßt sich nicht sehen. Nicht einmal steigt man hinunter, und öfnet die Thüre. Ungeduldig geht die Herzogin ins Vorzimmer und klingelt. Annette kommt ihr zu melden: es sey nichts und wahrscheinlich habe ihnen ein Vorübergehender einen kleinen Streich spielen wollen.

*

Die Herzogin kam sehr mißmüthig zurück. Der Graf erwartete sie noch mißmüthiger. Er fühlte sein ganzes Empfindungssystem umgestimmt. Die Störung war nur gering, aber sie hatte gewissen Vorstellungen einen Anstoß gegeben, die ihn widrig beklemmten. Doch seine Geliebte war nach wenigen Augenblicken wieder die nemliche. Dieselbe Wärme, dieselben Ausdrücke, welche sie selbst noch mehr zu erhöhen versuchte, um jeden üblen Eindruck, jede Furcht wegzuwischen. Ein Stein hätte in diesem Feuer erglühen müssen, und so schwer es ihnen auch wurde, den zerrißnen Faden ihrer holdseligen Unterhaltungen unmerklich wieder anzuknüpfen, so schien es ihnen doch halb schon gelungen zu seyn, als man noch einmal an die Thüre, und noch weit heftiger als das erstemal anklopfte.

Einen Augenblick darauf kam auch die Kammerfrau eilends herein, sie zu benachrichtigen, es sey ein Bauer, in dem sie den Herzog zu erkennen glaube. Indem eröfnete man ihm auch. Man denke sich die unaussprechliche Verlegenheit beyder Liebenden! Zu entwischen war eine Unmöglichkeit, und hätte die Herzogin den Grafen auch irgendwo verbergen können, so war es doch gewiß, daß ihr Gemahl, wenn er den leisesten Argwohn hatte, allenthalben nachsuchen würde, und eine solche Entdeckung hätte wahrscheinlich allen beyden das Leben gekostet. Sie beschlossen also, sich des nemlichen Vorwandes zu bedienen, worauf der Herzog schon im Voraus gefallen war, der Schachtisch ward daher auf das eiligste vor das Sopha gestellt, der Graf nahm gegenüber Platz, und sie begannen eine halbangefangene Parthie seltsam und fürchterlich auf einander loszuspielen.

Dieser Ausweg war bey weiten der beste. Die Herzogin brach über ihre Lage und List in eine laute Lache aus, die ihr Gemahl schon im Vorzimmer vernahm, auch der Graf ward von ihrer lustigen Laune angesteckt, und das Ganze bekam dadurch ein so unbefangenes, unbedenkliches Ansehen, daß es noch weit hellere Augen getäuscht haben würde.

Auch verlohr der Herzog gleich beym Hereintreten allen Verdacht, wenn er ja einen gehegt hatte. In der Zeit ihres Zusammenseyns war nicht das mindeste Ungewöhnliche, sie waren in ihr Spiel auf das innigste vertieft, seine Gemahlin schien eben einen Meisterzug gethan zu haben, und sich darüber ausnehmend zu freuen, der Graf, welcher selbst noch soviel Zeit fand, seinen Degen anzustecken und sehr gravitätisch und anständig da saß, schien in der größten Verlegenheit – der Herzog konnte nicht umhin, auf den Zehen näher zu schleichen, um zu sehen, ob er ihm nicht durch einen unversehenen Zug aus den Lüften Beystand leisten könne. Er freuete sich über diese allerliebste Idee so sehr, wenig fehlte, daß er sich dieselbe nicht durch einen Ausbruch in ein lautes Gelächter verdarb.

So kam er ganz nahe heran, und begann die ganz unbegreifliche Verwirrung auf dem Schachbrette anzustieren. Nichts in der Welt konnte er aus der Stellung der Steine herausbringen, und er glaubte, die Nachtluft habe ihm das Gesicht verdorben. Auch ließ ihm seine Gemahlin keine Zeit, diese Dinge näher zu untersuchen, sie erblickte ihn, sprang mit einem großen Schrey Jesus! Maria! in die Höhe, und stieß in der Eile aber wohlbedächtlich den Schachtisch um. »Da machen Sie schöne Streiche, Signor« fuhr sie an, »und Sie wissen doch, daß ich mich über alles erschrecke.«

»Nun, nun, Madam,« antwortete jener mit einer tiefen Verbeugung, »und ich bildete mir ein, Ihnen eine unvermuthete Freude zu machen.«

»Eine schöne Freude,« fuhr sie schmollend fort. »In Wahrheit verdienen Sie noch großen Dank dafür. Und obendrein haben Sie mir das schönste Spiel von der Welt gegen den Grafen verdorben.«

»Ich versichere Sie, daß ich diesem zu Hülfe kommen wollte. Aber ich will verdammt seyn, wenn mir nicht alle Steine wunderseltsam auf und über einander gesetzt schienen.«

Der Graf umarmte hierauf lachend und ohne alle Verlegenheit seinen Freund. Aber dieser war so sehr damit beschäftigt, sein bösegewordenes und noch erschrocknes Weibchen wieder gut zu machen, daß er kaum Zeit hatte, seine Liebkosungen zu erwiedern. Nach vielen Bitten ließ sich die Herzogin erweichen, ob sie sich gleich noch immer schmollend unter seinen Küssen sträubte. Doch bald fiel sie mit ihrem Witz über ihn her, zog ihn über seinen närrischen Anzug auf, und nachdem sie eine halbe Stunde zusammen herzlich gelacht hatten, nahm sie ihr Licht und begab sich ins Schlafzimmer.

Die beyden Freunde blieben nun noch ein Weilchen zusammen, um über die Mittel nachzudenken, wie ihr Handel noch vor Morgen Abend zu beenden sey. Diese waren sehr leicht gefunden. Der Graf bestand darauf, daß der Herzog sogleich nach seiner Villa zurückkehren möchte, und begleitete ihn selbst eine Strecke. Da der Morgen aber zu dämmern begann, hielt er es für klüger, sich nach Hause, als noch einmal zu seiner Geliebten zu begeben.

Unterweges hatte ihm noch der Herzog sein Abentheuer auf dem Markusplatze, und die bedenklichen Worte des Unbekannten erzählt. Diese Entdeckung setzte ihm und zugleich mir tausend sonderbare Dinge in den Kopf. Ein Offizier war es gewesen, welcher mit der Herzogin in unser Haus wischte, und sie daselbst übel behandelte, und ein Offizier war es, welcher den Herzog aufmerksam machte. Wer weiß ob er es nicht selbst gewesen war, der vorher so hart an die Thüre gepocht hatte, um den Grafen zu stören? Man wußte von keinem erklärten oder alten Liebhaber der Dame, aber doch konnte es sehr wohl einen solchen geben. Wir beruhigten uns dabey.

Man hob am anderen Tage auf die gegebenen und eingezogenen Nachrichten die Verhaftsbefehle für beyde Partheyen auf, und das solange vorbereitete Fest gieng mit aller nur ersinnlichen Pracht und Frölichkeit vor. Im ausserordentlichen Gedränge fanden die beyden Verliebten Gelegenheit, in Rücksicht der letzten öffentlichen Maskerade auf den Fastnachtsabend einige kleine Verabredungen zu treffen, und ob der Graf gleich durch so viele Hindernisse und fehlgeschlagene Hofnungen etwas bedenklich und mißmüthig geworden war, so entwarfen wir doch ein allerliebstes Plänchen.

Es ward ausgemacht, daß wir den Ball alle viere zusammen besuchen wollten. Die beyden Freunde, welche betheuerten, unzertrennlich seyn zu wollen, boten mir die Führung und das Cicisbeal bey der Herzogin an. Ich lehnte es mit der Entschuldigung ab, ich fühle mich gänzlich unfähig, diesem Amte einige Ehre zu machen. Der Herzog lachte über meine Ungeschicklichkeit, oder über meine Philosophie, aber sah sich zu einer Trennung von seinem Grafen genöthigt, um Niemanden Fremdes in unsern kleinen vertrauten Zirkel zu ziehen. Man vereinigte sich folglich dahin, daß der Graf und die Herzogin sich als Schäfer verkleiden sollten. Ich behielt mir meinen gewöhnlichen Domino vor, und der Herzog behauptete, sein Heil als ein Pantalon zu versuchen.

Wir kamen an. Das Gedränge war ausserordentlich. Kaum hatten wir einige Schritte gethan, als Freund Pantalon zwischen den Masken stecken blieb. Zwar hatten wir ihm ein rothes Tuch am Huthe befestigt, um ihn allenthalben daran wieder zu erkennen, aber er war so klein und schwach, daß er sich von einem Harlekin und Brighella, die ihn im Moment zum Augenmerk nahmen, auf keine Weise losmachen konnte. Wir andern schritten, unserem Plane gemäß, weiter fort, und nachdem die beyden Schäfer einigemale auf- und abgegangen waren, wischten sie zum Ballsaale in ein entferntes Nebenzimmer, wo sie sich umkleiden sollten. Ein Wagen wartete ihrer an der Thüre, und alle Bequemlichkeiten in einem Privathause, um die in der unglücklichen Nacht verstörten Vergnügungen von neuem anzuknüpfen, und das Versäumte völlig wieder einzubringen.

Der Graf hatte einem unserer Bedienten von seinem Wuchse den Auftrag gegeben, sich nebst einem Mädchen in eine ganz ähnliche Schäfermaske zu stecken, und den Pantalon, der durchaus nicht zu verkennen war, niemals aus den Augen zu lassen. Der Bediente war ungemein verschmitzt, und da wir dahin übereingekommen waren, nur durch Zeichen zu einander zu reden, so schob er sich meinem Freunde und seiner Geliebten mit der größten Geschicklichkeit unter. Pantalon, der sich von allen Seiten gedrängt und gestoßen sah, fieng an zu fluchen und Langeweile zu haben, und versuchte seine Gemahlin zum Weggehen zu bereden. Diese erwiederte seine dringenden Vorstellungen mit nichts andern als mit unbestimmten Zeichen, woraus er nicht klüger wurde, und über ihre Hartnäckigkeit und Narrenspossen endlich erbittert, ließ er sie stehen und verfügte sich in eins von den Spielzimmern.

So unbedeutend meine Maske auch war, so sah ich mich doch sogleich im Anfange von mehreren andern umringt, welche mich in einen Wortwechsel zu ziehen, und von meinem Freunde zu trennen suchten. Ich fand mich selbst von einem andern Domino erkannt, der mich mit verstellter Stimme und in gebrochen Spanisch anredete, und sagte: »Wie gefallen Ihnen die Venetianerinnen, Don Karlos?« – Aber meine Leibesstärke und Gewandheit machte mich von aller körperlichen Gewalt los, und eine angenommene Zerstreutheit von allen Angriffen und Einfällen der anderen, die ohne alle Antwort blieben. Ich verlohr meinen Freund und seine zärtliche Dame nicht aus dem Gesichte, bis daß ich sie völlig in Sicherheit wußte.

Alsdann kehrte ich in das Gedränge zurück. Aber wenige Minuten darauf sagte mir eine vorbeyschlüpfende Maske ins Ohr: »Marquis, Ihr Freund ist in Gefahr. Der Herzog von F*** vermißt seine Gemahlin. Nicht ein Augenblick ist zu verlieren.«

Ich erstarrte zur Bildsäule, und im nemlichen Augenblick sah ich unseren Pantalon, den ich an seinem rothen Tuche am Huthe erkannte, dicht neben mir wie närrisch und mit einer unglaublichen Behendigkeit umher springen, allen Masken Zeichen machen, allen starr in die Augen sehen, und wunderseltsames Zeug beginnen, um sie zu erkennen. Ich hielt ihn beym Aermel fest, und sagte: »was haben Sie vor? was giebts?« Er antwortete mir mit der Pantomime eines Dolchstiches, riß sich los, und stürzte wie unsinnig fort.

Nun hielt ich es für die höchste Zeit, meinen Freund zu benachrichtigen. Ich traf ihn mit der Herzogin auf der Treppe an, wie sie eben zum Wagen hinabsteigen wollten. Ich erzählte ihnen in der Kürze den Vorgang, und nach einer kleinen Berathschlagung, fand man einstimmig für gut, mit Geduld auch diesmal das Mißlingen unseres Planes zu ertragen, oder zum wenigsten erst die Sache selbst zu untersuchen. Wir kehrten in den Tanzsaal zurück, und fanden den Pantalon noch immer gleich emsig umherspringen. »Lassen Sie uns ihn vermeiden,« sagte die Herzogin, »und in ein Nebenzimmer gehen.«

Unterweges bemerkte der Graf ein Zeichen hinten an meinem Domino, das man mir wahrscheinlich sogleich beym Hereintritte gemacht hatte, um mich nicht zu verkennen. Er löschte es aus. Wir traten in eins von den Spielzimmern, und fanden mit einem großen Erstaunen unseren Pantalon an einer Pharaobank sitzen, und mit größter Ruhe pointiren.

Zum Unglück, um des rechten Mannes nicht zu verfehlen, machten wir ihm einige von den verabredeten Zeichen. Er erkannte uns auf der Stelle, stand auf, schloß sich fest und unzertrennlich an uns an, und es war keine Möglichkeit, ihm in Verlaufe der Nacht wieder aus den Augen zu kommen.

*

Wir stellten bey unserer Nachhausekunft über diese abentheuerlichen Begebenheiten ganz eigene Betrachtungen an. Unsere Plane scheiterten alle an anderen, die man uns sinnreicher und besser ausgeführt entgegensetzte. Der Himmel wußte, welches Intresse unsere Gegner haben mochten. Die Herzogin betheuerte auf das feyerlichste, niemandem ein Recht, auf sie eifersüchtig zu seyn, gegeben zu haben. Auch fehlte ihr vielleicht immer eine Gelegenheit dazu.

Wer konnte es aber nun seyn? War wieder ein neuer Genius, ein neuer Amanuel im Spiele? Aber Jakob hatte dem Grafen zu treuherzig die Vernichtung der Gesellschaft berichtet, Rosaliens Andenken schien mir eine so überzeugende Probe, daß ich diesem Gedanken keinen Raum weiter geben zu müssen glaubte. Was hatte der Bund auch für ein Interesse, sich in die Liebeshändel des Grafen zu mengen, den er immer von sich entfernt zu halten suchte, und überhaupt hatte man seit Alfonsos Tode niemals mehr von einer solchen unsichtbaren Einwürkung gehört.

Doch schienen uns die beyden Offiziere, welche die Herzogin vor unserer Hausthüre bemerkt hatte, verdächtig genug, um unsere Aufmerksamkeit auf diesen Punkt rege zu erhalten. Mochte der Plan auch seyn, welcher er wolle, so war es doch gewiß, daß sie irgend einen hatten. Und ihr heimlicher, fortdaurender Einfluß, ob er gleich weniger beabsichtigt schien uns zu schaden als uns in gewissen Schranken zu erhalten, äußerte sich bald in noch anderen Erscheinungen.

Der Herzog ward täglich lauer gegen seinen alten Seelenfreund. Zuerst schrieb es dieser einer großen Zerstreuung durch Geschäfte zu, aber er ward müßiger und darum nur noch kälter. Seine Geliebte bemerkte das Nemliche, und wollte darüber verzweifeln. Aber auch die Vertraulichkeit desselben gegen sie selbst hörte auf, und sie wußte dem Grafen weder zu helfen, noch zu rathen. Diesen kränkte es im Anfang etwas, aber er gab sich bald darüber zur Ruhe. Die Herzogin tröstete ihn und sich mit der Zukunft, und versprach ihm, nie ihren beyderseitigen Vortheil aus den Augen zu lassen. Als sich ein neues Ereigniß zutrug, das die Lage der Dinge auf einmal verrückte.

Der Graf liebte die Weiber mehr aus Hang zu einer leichten und angenehmen Unterhaltung, den er in Frankreich gewonnen hatte, als aus dem kleinsten Temperamentsbedürfnisse. Es war ihm daher sehr gleichgültig, wo er jene antreffen mochte, und in Venedig, wo die Klasse der Freudenmädchen so zahlreich, und so vollkommen besetzt ist, fand er reichlichen Stoff zum Vergnügen in einem zurückhaltenden aber vertrauten Umgange mit einigen derselben. Allen aber zog er eine reizende Griechin, Namens Chlorinde, vor, die bey einer ungewöhnlichen Schönheit allen Zauber der Kunst, des Witzes und eines unverführten Herzens besaß. Nicht jedem gab sie sich Preiß, und ob sie gleich halb Venedig hätte zu ihren Füßen haben können, war sie doch ohne Verstellung partheyisch für einige Wenige.

Unter diesen befand sich der Graf. Wir brachten zuweilen bey ihr die Abende zu. Sie entfernte dann den Schwarm ihrer Anbeter, und war nur allein für uns zu Hause. Unsere feinen Soupees waren die Wiederholung von denen, die ich ehemals in Toledo im Schooße der vertrautesten Freundschaft genoß, und obgleich nicht mehr so empfänglich für jede Art des Genusses, verstand ich es doch weit besser als damals, mit den wenigen, die ich noch empfand, Haus zu halten. Was Laune und der üppigste Witz nur vermögen, machte unsere kleinen mäßigen Abendmahlzeiten zu wirklichen Zaubermahlen.

Eines Abends, den wir bey Chlorinden zubringen wollten, hatte der Graf, ich weiß nicht was, für dringende Geschäfte. Er schickte mich daher vorauf, und versprach, bald nachzukommen. Ich ließ mich mit ihr in ein sehr vertrauliches Gespräch ein, als man auf einmal die Herzogin von F*** anmeldete. Ich glaubte, bey diesem Namen in Ohnmacht zu sinken, aber ich verbarg noch glücklich genug meine Verwirrung und bat nur Chlorinden, mich zu verstecken. Sie wieß mir einen Alkoven mit Glasthüren. Gerade hatte ich noch Zeit genug, hinein zu schlüpfen, stellte mich alsdann hinter die Vorhänge, und hob einen von den Zipfeln derselben etwas in die Höhe, um den Vorgang im Zimmer desto besser bemerken zu können. Niemals habe ich so sehr für den Grafen gezittert, als in diesem unglücklichen, zweifelhaften Augenblicke, wo ich nicht nur sein Leben der Wuth einer eifersüchtigen und getäuschten Italiänerin ausgesetzt, wo ich auch zugleich einen Theil seiner itzigen Ruhe und Glückseligkeit, auf dem Spiel sah.

Die Herzogin trat mit der Würde ihres Ranges herein. Aber ihre großen Augen ließen etwas vom Stolze ihres Blickes sinken, um mit der größten Neugierde in den Winkeln des Zimmers umher zu schweifen. Chlorinde empfieng sie mit ihrer natürlichen Anmuth, und fragte sie bescheiden, was ihr die auszeichnende Ehre eines solchen Besuches verschaffe?

»Ihr ausgebreiteter Ruf, Signora.« antwortete jene, »hat mich so dreist gemacht. Ich habe mich überzeugen wollen, ob ihre Reize wirklich so unwiderstehlich, ob Ihre Sitten wirklich so zuvorkommend und schmeichelhaft sind. Entschuldigen Sie diese Ungerechtigkeit; aber Sie wissen, wir Weiber sind in diesen Stücken sehr ungläubig.«

Chlorinde war niemals um eine Antwort verlegen, und fand leicht den Weg zu aller Herzen. Die Fremde hatte nur einen Vorwand gesucht, und erklärte, sie sey von des Mädchens Geist und Artigkeit so sehr entzückt, daß sie um Erlaubniß bitten müsse, bey ihr zu Abends zu speisen. Damit, und ohne Chlorindens Antwort zu erwarten, setzte sie sich ohne Umstände in ihrem Winkel recht fest.

Chlorinde entschuldigte sich auf das höflichste, daß sie ihr gütiges Anerbieten nicht annehmen könne, weil sie einige Fremde erwartete, die wahrscheinlich auf keine Gesellschaft bey ihr gerechnet haben würden. Die Herzogin ward blutroth bey dieser Antwort, aber erklärte, daß sie diesen Abend schon mit ihr Geduld haben müßte, weil sie durchaus bey ihr zu bleiben gesonnen sey. Hätte Chlorinde im mindesten etwas vom Verständnisse des Grafen vermuthet, so würde ihr feiner Verstand ihr ohnfehlbar irgend ein Mittel eingegeben haben, ihres schönen Gastes sich zu entledigen. Aber so glaubte sie, es würde ihm vielleicht selbst nicht ungelegen seyn, ein Frauenzimmer mehr an der Abendtafel zu sehen.

Ich wußte nicht, vor Angst, was ich in meinem Hinterhalt vornehmen sollte. An eine Entwischung, oder den Grafen an der Thüre aufzufangen, war nicht zu gedenken, da es keinen anderen Ausweg aus dem Alkoven, als durch das Zimmer gab. Nichts war gewisser, als daß man der Herzogin seine Vertraulichkeit mit Chlorinden hinterbracht hatte, und daß sie nun hiehergekommen war, sich mit eigenen Augen davon zu überführen. Eben so gewiß war es, daß wir nur unsere Koffer packen konnten, wenn sie hier mit ihrem Liebhaber zusammen träfe; denn nicht nur war dann der Liebeshandel auf immer beendet, sondern auch alles vom Temperament einer Venetianerin, die sich verrathen glaubt, zu befürchten. Ich beschloß daher alles vorher zu wagen, ergriff ein auf dem Nachttische stehendes Wasserglaß, und ließ es mit einigem Geräusche auf den Boden fallen.

Chlorinde verstand den Wink. Da sie aber daran verzweifelte, ihren Gast los zu werden, so klingelte sie einem Bedienten und sagte: »Seht ein wenig zu, ob mein kleiner Hund im Alkoven keinen Schaden gethan hat?« Sie konnte nicht selbst kommen, denn die Herzogin wäre ihr wahrscheinlich auf dem Fuße nachgefolgt.

Der Bediente kam herein mit dem Lichte. »Eilt sogleich wieder hinaus,« sagte ich ihm, »und wenn der Graf von S** kommen sollte, so bittet ihn in meinem Namen um Gotteswillen, sogleich wieder nach Hause zu gehen, weil sein Leben auf dem Spiel stände.« Hiermit nahm der Bediente den kleinen Hund vom Bette, worauf er sehr ruhig eingeschlafen war, stieß ihn ins Zimmer hinaus, und sagte: »Er hat eine Tasse zerbrochen, Signora.«

Aber der Himmel hatte es ganz anders beschlossen. Im nemlichen Augenblick, daß der Bediente nach ausgerichteter Botschaft sich nach der Thür umdrehte, trat auch der Graf herein, pfeifend und ein Liedchen brummend, im Innersten seiner Seele vergnügt. In seiner halben Dämeley hätte er noch ganz andere Dinge übersehen, er eilte auf Chlorinden vertraulich, mit einem frölichen guten Abend zu, und wandte sich alsdann zu dem andern neben ihr sitzenden Frauenzimmer, ihm ebenfalls seinen Respekt zu bezeigen.

Ein Donnerschlag aus blauer, heiterer Luft wäre ihm nicht so unerwartet gekommen. Er taumelte einige Schritte zurück, und da er sich auf einen Stuhl niedersetzen wollte, sank er bewußtlos zu seinem Fuße nieder. Chlorinde äußerst bekümmert, wollte aufspringen und ihm zu Hülfe eilen, aber die Herzogin hielt sie zurück, und schrie mit erstickter Stimme: »Um Gotteswillen! lassen Sie ihn sterben, Signora!«

»Barbarisches Weib!« antwortete jene, machte sich von ihren wütenden Händen los, und klingelte um Hülfe. Ebenfalls ich brach aus meinem Hinterhalte hervor, und eilte auf den Grafen zu: »Auch Sie, Marquis?« sagte die Herzogin mit Cesars Worten.

Er erholte sich bald wieder. Aber er schien nur noch wenig Leben mehr zu haben. Seine feuchten und brechenden Augen waren auf die Herzogin gerichtet, die mit einer höllischen Freude sich an unserer Verlegenheit weidete, und vor flammender Wuth in einer Minute zehnmal die Farbe wechselte. Ich war im Begriffe mit ihr sehr ernstlich zu reden, und sie im Nothfalle zum Zimmer hinauszuführen, als sie sich von selbst mit ausserordentlicher Würde erhob. Ohne einen Laut zu äußern, gieng sie mit langsamen Schritten vor dem Grafen vorbey. Sie heftete auf ihn einen langen verächtlichen Blick und nur erst in der Thür drehte sie sich von ihm hinweg.

*

Der Graf war in einem bedaurungswürdigen Zustande. Doch begriff er sehr bald, daß gewisse Unfälle leichter werden, je länger man sie trägt. Auch machte ich ihm eine ernstliche Warnung für die ganze Zukunft daraus. Er hatte einzeln suchen wollen, was er beysammen in seinem eigenen Hause besaß, die Milde der zärtlichsten Freundschaft, und einer immer gleich aufmerksamen Liebe, die tröstlichen Freuden eines kleinen und glücklichen Zirkels, muntere Laune, und den schuldlosen Witz des Frohsinnes, den keine Kunst hervorbringt oder befördert. Die Erinnerung der Heimath wehte ihn an, er sehnte sich nach seinen stillen Fluren zurück, die unter seinen Händen reizender blühten, nach dem kummerlosen, ununterbrochenen Frieden eines einfachen Lebens, endlich nach seiner Karoline Herzen, deren er sich nie ganz unwerth gemacht zu haben glaubte, und die ihm itzt in einem schöneren Lichte als jemals erschien.

In dieser Vergleichung mußte die Herzogin beträchtlich verlieren. Jeder Augenblick raubte ihr etwas von dem Rosenschimmer, womit die Liebe sie bekleidet hatte, er sah sie als die Ursach seiner Verwirrung an, die ihn so rein und sich selbst bewußt in Karolinens Arme zurückzukehren verhinderte, als er aus ihnen geschieden war, und was von seiner unglücklichen Leidenschaft endlich noch die Reue übriggelassen hatte, löschte der letzte Auftritt einer mehr als weiblichen Wuth, die ihn für sein Leben besorgt machte, vollends aus.

Nur schien es uns unbegreiflich, auf welche Art sie des Grafen Verbindung mit Chlorinden erfahren haben könne. Und in ihrem Muthe, so dreist seine Ankunft zu erwarten, sah man mehr als die Wirkung eines bloßen Stadtgeschwätzes, und die Gewißheit, die man ihr gegeben hatte, ihren Ungetreuen ohnfehlbar hier anzutreffen. Nun wußte der Graf aber niemanden, der ihr so vertraulich nahe käme, und uns blieb nichts anderes übrig, als jene unbekannten Fremden auf irgend eine Weise in diesem gefährlichen Spiele verflochten zu glauben.

Alle diese Umstände machten den Grafen geneigt, Venedig sobald als nur möglich zu verlassen. Ich hatte nichts gegen diesen Entschluß, sondern suchte ihn selbst noch mehr zu befestigen. Wir beschlossen daher, die Ankunft unserer Wechsel zu erwarten, und uns bis zu dieser Zeit ganz still und eingezogen in unserem Hause zu halten.

Aber man war wenig geneigt, uns in dieser Ruhe zu lassen. Die Herzogin sann auf nichts, als Plane zur Rache. Ihr Gemahl, der von ihrer Verbindung mit dem Grafen neue und überzeugende Proben zu haben vermeynte, und sie selbst zu schonen, Familiengründe hatte, träumte nichts als Blut und Mord, seines ehemaligen Freundes Vermessenheit zu bestrafen. Kein Tag vergieng, daß wir nicht anonyme Briefchen erhielten, worin unsere Gefahr sehr dringend gemacht wurde, und unsere Bedienten meldeten uns, daß jeden Abend in der Nähe unseres Hauses tief eingehüllte Leute verweilten, die auf irgend etwas zu lauren schienen. Wir kannten genug von der allgemeinen Sitte des Landes, um keine Vorsichtigkeitsregel aus den Augen zu setzen, aber auch genug von der venetianischen Polizey, um einen öffentlichen Angriff zu befürchten. Gepanzert und wohlbewafnet gingen wir täglich ohne Scheu aus, hüteten uns nur vor kleinen Beygassen, und kehrten immer bey herannahender Dämmerung nach Hause zurück.

Einst verweilten wir uns gegen Abend in einem der Kaffeehäuser auf dem Markusplatze, und da der Tag schön und heiter war, so befahl ich, daß mir das Sorbett, welches ich verlangt hatte, vor das Haus gebracht würde, wo wir uns beyde auf den Bänken niederließen. Es dauerte lange, ehe man damit zum Vorschein kam. Doch da das Gedränge in- und vor dem Saale unbeschreiblich war, so entschuldigte ich die Nachläßigkeit der Aufwärter mit ihren überhäuften Geschäften. Auch sahen wir endlich einen sich mit großer Arbeit zu uns durchpressen. Er hatte das Gefrorne auf einem Teller, und wollte es uns eben herreichen, als ein nahestehender in einem grünen Mantel und niedergedrückten Huthe ausglitschte, dem Aufwärter auf den Teller fiel, und Schaalen nebst allem was sich darauf befand, verschüttete.

Ob der Fremde diesem Falle gleich ein natürliches Ansehen zu geben suchte, so machte er es doch so ungeschickt, daß wir nur zu deutlich einsahen er habe es absichtlich gethan. Der Graf, von äußerst reizbarem Temperamente, hielt es für eine Beleidigung und wollte auffahren, aber ich hielt ihn beym Mantel fest, und zischelte ihm ins Ohr: »Ums Himmelswillen! bedenken Sie doch, daß wir in Venedig sind!«

Er hatte ohnlängst einen schönen Hund gekauft, den er gewöhnlich allenthalben mit sich nahm. Dies Thier, das zu unseren Füßen lag, fieng an das auf die Erde gefallene Gefrorene aufzulecken. Der Graf, dem es in der Brust kochte, stieß ihn mit einem Fuße fort, stand unwillig auf, und sagte, daß es sehr spät, und die höchste Zeit sey, nach Hause zu gehen.«

Ich begleitete ihn. Aber er war so durstig, daß er bey einem anderen kleinen Kaffeehause, das ganz verlassen war, stehen blieb, um eine Limonade zu trinken. Ich bemerkte unterdessen, daß sein Hund närrische Sprünge zu machen, dann zu winseln begann, und endlich an der nächsten Ecke liegen blieb; der Graf, der ihn sehr liebte, war über seinen Zustand höchst bekümmert, und versuchte, ihn aufzunehmen und nach Hause zu tragen. Noch waren wir keine zwanzig Schritte weiter gegangen, als er zu winseln aufhörte, und völlig erstarrte. Bey diesem Anblicke brach der Graf in Trähnen aus, und warf ihn in den Kanal. »Das Gift war stark, Marquis,« sagte er. »Sehr stark!« antwortete ich und hüllte mich schauernd tiefer in meinen Mantel ein.

Als wir an der Brücke vor Santi Giovanni e Paolo ankamen, von da wir nur noch wenige Schritte bis nach Hause hatten, hörten wir auf der anderen Seite ein durchdringendes Pfeifen erschallen. Die Dämmerung war schon der Nacht nahe, und weder auf den Straßen noch auf den Kanälen befand sich eine menschliche Seele. Ich zog auf dies Pfeifen sogleich den Degen, der Graf that das Nemliche, und wir wickelten uns aus den Mänteln los, um im Falle eines Angriffes beyde Aerme frey zu haben. Denn ich hatte für die linke Hand noch einen Dolch, mit dem ich erträglich parirte.

Kaum waren wir auf der anderen Seite der Brücke, als auch drey verhüllte Männer aus dem einen Seitengäßchen hervoreilten, und sich mit einem vierten vereinigten, der am Geländer auf der Lauer gestanden zu haben schien. Der Kampf war sehr ungleich, aber wir sprachen uns Muth ein. Der Graf war ein vortreflicher Fechter, ich hatte eine sehr feste Hand, und es kam nur darauf an, den Rücken frey zu gewinnen.

Auch gelang es uns wirklich, und als sie mit ihrem Feldgeschrey: »Tod! Tod!« und mit langen Degen auf uns zustürzten, hatten wir uns an die Kirche gelehnt. Ich warf dem ersten, welcher mich angriff, den Mantel ins Gesicht, und indem er sich davon los zu machen bemühte, durchstieß ich ihn durch und durch. Indem ich aber meinen Degen zurückzog, fühlte ich mich vom zweyten in der linken Schulter verwundet. Ich ließ den Dolch fallen, um seinen Degen festzuhalten, aber er zog mir ihn mit so vieler Stärke durch die Hand durch, daß er mir einige Finger aufschnitt.

Indeß hatte der Graf ebenfalls einen verwundet, und der Kampf wurde gleicher. Da ich meine Wunde in der Schulter sogleich sehr heftig brennen fühlte, so hielt ich sie für vergiftet, und einen gewissen Tod vor Augen, focht ich mit unglaublicher Wuth. Aber unsere drey Gegner waren keine gemeine Banditen, sondern sehr geübte und kaltblütige Fechter. Ich verlohr viel Blut, und der Graf hatte alle seine Kräfte erschöpft, als auf einmal zwey andere mit einem grossen Geschrey herbeyeilten, und den Banditen in den Rücken fielen. Diese mußten sich wenden, aber hielten es nach einigen Versuchen für besser, den Streit sinken zu lassen, und in ein Seitengäßchen zu entwischen.

Einer von unseren Rettern zog sich hierauf zurück, ohne unseren Dank abzuwarten. Der andere schien stark verwundet, und ihm nur mit großer Mühe zu folgen. Wir eilten ihnen nach und hielten sie auf. Sie waren in einer rothen Uniform gekleidet. Auf alle Fragen, die wir an sie thaten, auf alle Danksagungen, womit wir sie überhäuften, erfolgte keine Sylbe zur Antwort.

Wir nahmen den Verwundeten in die Mitte, und trugen ihn nach unserem Hause zu. Seltsam war es zu hören, wie heftig er schluchzte. Der Graf fragte ihn wiederholt, ob ihm sein Arm, der blutete, so sehr schmerzte. Nicht die mindeste Antwort erfolgte. Auch sein Gefährte schien sprachlos, und schlich nachdenkend und mit niederhängendem Kopfe an unserer Seite fort.

Wir kamen am Hause an. Man eröfnete uns und die Bedienten stiegen mit Lichtern herab. Nur mit Mühe trugen wir den Verwundeten ins Zimmer herauf, denn er war ohnmächtig geworden. Während daß man nach einem Wundarzte schickte, und ich ein Tuch um meine Wunde binden ließ, die nur sehr leicht schien, und woran ich fast keine Schmerzen mehr fühlte, machte sich der Graf darüber her, unseren Retter auszukleiden. Er näherte sich mit dem Lichte, nahm ihm den großen Huth ab, – und indem hörte ich den Leuchter auf die Erde fallen. Alles wird stumm. Erschrocken drehe ich mich um. Der Graf liegt bewußtlos zu den Füssen des Kranken, der sein Gesicht auf ihn niedergebeugt hat, und ihn mit einem Arme umschlingt. Ich will ihm zu Hülfe eilen. Der danebenstehende Fremde wickelt sich aus dem Mantel los, stürzt auf mich zu, liegt zu meinen Füßen, umfaßt meine Knie. Noch habe ich ihr nicht ins Gesicht gesehen, aber mein klopfendes Herz hat sie vor mir wieder erkannt.

»O, Adelheid, so machst du es wieder gut?«

Mehr konnte ich nicht. Ich hob sie auf und führte sie zum Grafen, wo wir Karolinen vereinigt umschlangen. »Siehst du wohl, Karlos,« sagte mein himmlisches Weib, »du hattest deinen Genius noch nicht verlohren.«

*

Es ist hier endlich, daß ich von meinen Freunden auf immer Abschied nehme. Mögen Sie Sich doch meiner so oft erinneren, als die Zufälle ihres Lebens mit dem meinigen eine Aehnlichkeit haben. Nicht daß das Schicksal sich an mir erschöpft hätte, und nun nichts anders als wiederholen könnte, aber die Begebenheiten gefühlvoller Seelen laufen an unzählichen Stellen in den nemlichen Punkt zusammen. Möge das Leben aller doch auch darin dem meinigen gleichen, daß die Uebel darin nur zu einer Glückseligkeit beygetragen haben, welche so vollkommen ist, daß sie nicht einmal eines Zeugen bedarf.

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.