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Der Genius

Karl Grosse: Der Genius - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Grosse
titleDer Genius
publisherZweitausendeins
year1982
firstpub1791-95
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150630
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Vierter Theil
Erster Abschnitt

Vorbericht.

Dieser Theil ist endlich der Schluß einer Arbeit, welche mich mehrere Jahre ununterbrochen beschäftigt hat. Wenn ich es gleich meinen Kräften nicht zugetrauet habe, ein Beyspiel eines vollkommenen Romanes zu geben, so sehe ich doch mit Wohlgefallen auf die Schöpfung meiner süßesten Stunden zurück, ich habe ihr meine ganze Seele mitzutheilen gesucht; ich habe alles gesagt, was ich in dieser Welt zu sagen hatte; meinen theuersten Freunden ist ein kleines Denkmal gestiftet; meine Feinde sind darinn mit aller nur möglichen Milde gewarnt, und von meinem Charakter selbst endlich habe ich darinn Züge gewebt, die vielleicht treffender sind, als man hat glauben wollen.

Wenn man mit Kälte dies alles betrachtet, so wird man darinn von selbst die Schwierigkeiten wahrnehmen, welche den Vollkommenheiten des Ganzen nothwendig schaden mußten. Es ist weit leichter, ein Gebäude zu einiger Schönheit aufzuführen, wenn man sich nach Belieben dazu die Materialien zu wählen die Freyheit hat, als wenn man Theile einflechten will, die nun einmal da sind, und, ohne sie verändern zu können. Mehrere Schilderungen in dieser Geschichte sind der Natur abgezeichnet, und da ich, bey der Herausgabe der ersten Theile, einen ganz andern Plan vor Augen hatte, als den mir nachher die üble Laune des Publikums aufgedrungen hat, so verlor ich das Ideal einer Harmonie aus den Augen, das von mir zum wenigsten im Allgemeinen entworfen war.

Der Dolch hat vielleicht, bey der einfachsten Verwickelung und fast gar keinen Begebenheiten, in Rücksicht der Uebereinstimmung der Charaktere, weit mehr Verdienst, als dieser Genius; denn, ohne darinn etwas Fremdartiges einmischen zu wollen, habe ich mir die Theile geschaffen, so wie ich sie wollte. Eine einzige Idee machte sie alle entstehen, und sie müssen daher zu dieser Idee, welche den Gang des Romanes leitet, weit besser passen, als Personen und Zufälle, die sich durch ihre Geburt untereinander wildfremd sind, durch ein sanftes Band zu Verwandten und Freunden zu machen.

Indes habe ich gethan, was ich nur vermocht habe, und die schlaflosen Nächte des Marquis von G**, bey der Aufzeichnung seiner Memoiren, machen nicht den kleinsten Theil meiner Geschichte. Um alles auszudrücken, was ich meinen Helden fühlen lassen wollte, habe ich mir oft eine neue Sprache schaffen müssen, und doch bin ich oft so sehr hinter dem, was ich sagen wollte, zurückgeblieben, daß ich alles hätte verbrennen mögen. Dies ist offenbar Mangel des Talents: denn Andere sagen mehr, als sie empfinden.

Man irrt sich sehr, wenn man geglaubt hat: daß ich hier beym Schlusse Unbegreiflichkeit für Unbegreiflichkeit habe auflösen wollen, ohne meinen Lesern weiter die mindeste Mühe zu lassen, ähnliche Dinge zu vergleichen, – und in dieser Aehnlichkeit den Schlüssel zu finden. Doch so selten ich auch ihnen habe so sehr zu Hülfe kommen wollen, wie im dritten Bande, S. 131 bis S. 135, wo ich alle Umstände der vorhergegangenen und nachfolgenden Erscheinungen zu entfalten suchte, so hoffe ich doch, nichts zurückgelassen zu haben, was nach einigem Nachdenken noch unerklärlich bliebe. Ich habe nur immer Voltaires Ausdruck vor Augen gehabt:

Le secret d'ennuyer est le secret de tout dire.

Wo ich sonst wider die Regeln gefehlt habe, verzeihe man meiner Schwäche: denn meine erste ist immer die gewesen, zu rühren und zu gefallen.

Mein Erstaunen konnte nicht grösser, als das meiner Freunde seyn. Hätte unerwartet ein Blitzstrahl uns auseinander geworfen, ohne uns alles Bewustseyn zu rauben, wir hätten uns ohnmöglich mit mehr Grausen wechselsweis anstarren können. Von zu vieler Empfindung fühlten wir gar nichts mehr, und Amanuel würde uns noch einmal sicher haben entwischen können, ohne daß wir uns von der Stelle gewagt hätten.

Die Schatten der Nacht überraschten uns mit unwillkürlichem Schauder; die Beleuchtung war einer solchen Entdeckung gemäß. Ein Nordlicht spielte den Himmel entlang, und zwischen den wankenden Sternen hindurch; eine allgemeine Stille machte uns das Klopfen des Herzens erkenntlich; die Blätter zitterten mit einem matten Geräusch, wir waren von Phantomen umringt. Unsere Existenz war selbst ein Phantom.

Don Bernhard, als der Kühnste und Kälteste von uns, war der Erste, welcher Alfonso in die Höhe richtete. Der Graf hing mit an sich gehaltenem Athem über diese Szene. Auf seinem todbleichen Gesichte giengen alle Leidenschaften in einem schnellen Wechsel vorüber. Dunkle Ahndungen kämpften mit ersterbenden Hofnungen. Sich betrogen zu sehen, blies seine ganze Wuth an; diese hatte nur ihren Gegenstand verändert, aber, indem er sie ausbrechen lassen wollte, that mir sein edles Herz im Stillen Abbitte: er umschlang mich, und weinte an meinem Busen.

Alfonso war sehr schwer verwundet. Es lag uns Allen daran, ihn, wenigstens auf einige Stunden, lebend erhalten zu können: denn hier muste alles Dunkle sich anschaulich erhellen, jedes Geheimniß ins Lichte treten, und im undurchdringlichen Vorhange sich jede Falte entwickeln.

Wie er die Augen nach seiner langen Ohnmacht wieder aufschlug, so fiel sein erster Blick auf mich. Ich war ihm nahe genug, den ganzen Ausdruck derselben zu fühlen. Er war der eines Sterbenden, der einen Abgott ungern verläßt; eines Engels, der damit von seinem Schützling einen ewigen Abschied nimmt, und der in eine andre Sphäre mit dem süßesten aller Gedanken hinüberschwebt: sein großes Geschäft sey vollbracht. Seine Rührungen theilten sich mir in ihrer vollsten Stärke mit, weckten die Auftritte der alten Zeit wieder auf: ich ward von Rückerinnerungen überwältigt.

Man ließ ihn endlich ins Zimmer tragen; die herbeygerufenen Wundärzte erklärten seine Wunde für tödlich, seine Eingeweide waren unheilbar verletzt. Er hatte sie um seinen Zustand und ihre Hofnungen gefragt, und erhielt jetzt diese aufrichtige Antwort. Seine große Seele schien bey dieser Erklärung sich selbst zu erheitern. Er lächelte alle Umstehenden mit einer mehr als menschlichen Ruhe an; wandte sich alsdann zu mir, ergrif meine Hand, küßte sie und sagte: »Meine Bahn ist durchlaufen, ich danke Ihnen, Don Karlos!«

Ich erinnere mich nicht mehr, was ich in diesen Augenblicken gedacht habe. Aber es war sicherlich ein so bitteres als bestimmungsloses Gemisch. Alfonso hatte mich geliebt, dies war Etwas, das er mich bey tausend Gelegenheiten hatte fühlen lassen; Amanuel war selbst oft mein Schutzgeist gewesen, niemals hatte er mich wahrhaft unglücklich gemacht, selbst war ich durch seine Hülfe zahllosen Gefahren entronnen, und, wenn er mich auch auf Befehl jenes furchtbaren Bundes begleitete, kannte ich diesen genug, um ihm daraus ein Verbrechen zu machen! So manche meiner Vorstellungen hatten sich in dieser Zeit läutern müssen, und Adelheid hatte in meinem Herzen einer so erhabenen Verbindung mehr Vortheil als Schaden gethan. Mein ganzes Daseyn glich immer noch einem Traume, ich hatte von dem Bunde dafür die schönsten Ideen erborgt; meine süßesten Verbindungen hatte er, wo nicht veranlaßt, doch vielleicht zugelassen. Alfonsos Treue und Ergebenheit war keine meiner geringsten Verpflichtungen.

Es giebt Zeitpunkte im menschlichen Leben, wo die Gedanken mit einer reissenden Eile vor der Seele vorüberflattern. Sie hängen in einer so klaren und einzigen Masse zusammen, daß man sie mit einem Blick überschauet. Alle Szenen der Vergangenheit verschmolzen sich itzt deutlich in Einem Gemälde. Nie habe ich sie wieder so bis zur Anschauung beysammen gesehen. Elmire kam mir wieder in die Seele zurück, mein treues, mein holdes, unvergeßliches Weib! Alfonso hatte mich vielleicht dem sanften Glücke ihres Besitzes in den Schoos geführt. Alfonso hatte wenigstens, nichts war gewisser, mit gerührter Seele, mit emsiger Treue, an dieser überschwenglichen Seligkeit Theil zu nehmen gewußt. Alfonso war der theure Gefährte jedes feurigen, verschlingenden Genusses meiner frühen Jugend, der entzückendsten Stunden einer heitern und häuslichen Philosophie, der Leiden betrogener und sich selbst betrügender Hofnungen gewesen, aller Kämpfe, Stürme, Gefahren eines thätigen Lebens. Ich hatte in ihm meinen Freund gesehen, und ein verwöhntes, so leidenschaftliches, so empfindliches Herz, als das meinige, wirft seine alten Gefühle nicht im ersten Augenblicke ab.

Was mir noch mehr auffiel, war Adelheids Rührung. Sie hatte uns vom Anfange der Begebenheit an, aus der Ferne beobachtet, und sich beym ersten Geräusche genähert. Wie sie unsrer Aller Ausrufungen hörte, und uns in einer so bewegungslosen Erstarrung um den Verwundeten versammelt sah, begrif sie das Uebrige. Sie war es, welche die Aerzte beschwor, alle ihre Kunst anzuwenden, den Sterbenden wenigstens auf eine kleine Zeit zu erhalten, und fest entschlossen, jede Frist für ihre durstige Seele zu nutzen, war sie emsiger, als wir übrigen Alle, um ihn beschäftigt. Niemand begrif sie so sehr, als ich; sie hatte aus meiner Geschichte Ahndungen geschöpft, die auf Licht und Bestätigung drangen; es war zum Lieblingstraum ihres Lebens geworden, Alfonso mußte reden, wenn er dazu Kräfte erhielt; er blickte uns Alle gerührt und theilnehmend an, sie verfolgte seine Augen, las in seiner Miene, sich neuen Aufschlüssen so nahe zu sehen, in ihnen ihre Schöpfung sich vervollkommen, oder alles, woran sie diese ganze Zeit über gebauet hatte, itzt in Trümmer gehen zu sehen, machte ihr Herz stärker klopfen, und theilte jeder Bewegung ihres Geistes eine unbegreifliche Lebhaftigkeit mit.

Wir Alle standen so um Alfonsos Bett herum, in stummer und dumpfer Erwartung. Es hatte geblitzt; ein Jeder schien die Pulsschläge bis zum nachfolgenden Donner zu zählen, um die Nähe der Gefahr zu wissen. Die Blicke waren ängstlich auf den Boden gesunken, das Ohr hieng am heimlichsten entferntesten Laute, kaum einen Athemzug hörte man. Don Bernhard stand mit übereinander geschlagenen Armen um das Kopfküssen, den Kranken auf das genaueste beobachtend. S–i hatte meinen Schwiegervater umschlungen, der Graf lehnte den Kopf auf meine Schulter, und ich sah meinem Weibe zu, das sich erwartungsvoll über das Bett beugte.

Man hatte in dem Aufruhr vergessen, die Bedienten aus dem Zimmer zu entfernen. Sie standen um uns herum, sich schüchtern anblickend, ohne etwas begreifen, ohne etwas ahnden zu können, machte ihre Aengstlichkeit die Gruppe vollkommen. Sobald aber Alfonso die Augen aufschlug und sich etwas bewegte, war das erste Geschäft Don Bernhards, Jenen zu winken. Sie waren froh, dieser Szene entübrigt zu werden, und wir befanden uns in wenigen Augenblicken allein.

*

Alfonso richtete sich hierauf, gleichsam erwachend, etwas in die Höhe, ein beredter Blick lief über uns hin, dann faßte er sich an seine Wunde, die ihm empfindlich zu schmerzen schien, hob die Augen zum Himmel auf – ein erhabener Moment! Seine ganze Miene hatte sich verändert; kaum kannte ich ihn noch.

Ich danke Ihnen, Madame, sagte er, indem er meine Hand losließ, und die meiner Gemahlin ergrif: »ich danke Ihnen für Ihre Liebe gegen mich, selbst für diese Veranlassung meines Hinscheidens, aber noch mehr für etwas Anderes. Mein Freund war verirrt, ich habe Ihre heimlichsten Unterhaltungen belauscht, Sie sind es, die ihm seine künftige Glückseligkeit vorbereitet hat.«

Meine Gemahlin schwieg. Vielleicht wußte sie auch nicht, was sie hätte antworten sollen. Noch verstand sie ihn nicht völlig.

»Meine Augenblicke sind gezählt,« fuhr er nach einer kurzen Besinnung fort, »und, ich fühle es, nur wenige sind mir von ihnen noch übrig. In meinen Papieren ist meine ganze Geschichte. So vieles ist durch meine Entdeckung verständlich geworden. – Aber meine Liebe zu Dir, Karlos, – meine Absichten auf Dich – meine Treue, meine mehr als menschliche Zärtlichkeit – ach, ich empfing Dich aus dem Schooße Deiner Mutter, – der Genius der Größe und Glückseligkeit segnete Dich schon in der Wiege ein – Hast Du nie von dem Grafen von M** gehört?«

»O, guter Gott!« war meine einzige Antwort, indem ich an sein Bett hinsank,» – ja, ich erkenne Sie itzt – Sie sind mein Oheim.«

»Ich bin es, Karlos, der Günstling des Glücks verließ da die Wollüste des Lebens, um in dieser niedrigen Hülle die Schicksale seines Lieblings zu leiten. Ich schwur es meiner angebeteten Schwester, mich zu deinem Freunde zu machen, und ich sterbe mit dem stolzen Bewustseyn, daß ich auch nicht in einem einzigen Augenblicke meyneidig wurde. Ich lebte für Dich, Karlos, jetzt sterbe ich für Dich!«

Hätte ich doch Kräfte, die Erhabenheit dieses Auftritts zu mahlen. Es war der allerfeyerlichste, der herzergreifendste, der zerschmelzendste meines Lebens, denn nichts war, was ihn störte, und nichts mangelte seinem Ausdrucke. Die Größe der Leidenschaft, die Ausdauer in solchen Handlungen, die Aufopferungen einer so langen Reihe von Jahren bey Ansprüchen zu einem ganz andern Glück, der Umfang eines so eindringenden, sich immer bewußten, immer gleich wirksamen Geistes – unfaßbar, jenseits aller Begriffe von Menschheit. Dies alles auf den Gesichtern der Umstehenden ausgedrückt, ich, im tiefsten Gefühle meines Unwerthes kraftlos niedersinkend; Adelheid in stummen Thränen zerfliessend, Don Bernhard stumm und starr seine eigenen Gefühle kummervoll ermessend, der Graf ausser sich, die andern Beyden ohn' alle Bewegung, vielleicht ohne alle Empfindung. – Alfonso endlich, ein sterbendes Auge auf uns hinheftend, mit kämpfender Seele sich seinem Abschiede nähernd, aber in diesem Augenblicke schon ohne Thränen, ohne alle Menschlichkeit mehr.

»Du hast den Bund verkannt, Karlos,« fieng er wieder an, »denn ich stand an seiner Spitze, ich führte Dich in seinen Schoos. Dich groß zu machen, ohne Dich in dieser Größe selbst glücklich zu sehen, konnte mein Zweck nicht seyn. Ich blieb Herr der Umstände, aber ich vermag nichts über den Zufall. Das Ohngefähr rechne mir nicht zu. Deinetwegen entstanden selbst Zwistigkeiten unter uns; ich habe Elmiren gerettet, und die ihr ähnliche Betrügerin, die man wider meinen Willen Dir aufheften wollte, starb durch meine Veranstaltung. – Ich hielt Dich von Spanien entfernt, sobald ich mich von den Uebrigen überstimmt sah. Rosalia hatte Dir den Untergang geschworen, sie fieng mit Franziskan an, der Graf von S** war bey diesem Opfer zugegen, Don Pedro hatte uns Alle verrathen, ich konnte es nicht verhindern. – Ich waltete über Dein Leben und Glück; ich führte Dich itzt dem Bunde wieder näher, da er sich wieder vereinigt hat. Karlos! ich habe Verdienste um Dich.«

»Mein theuerster Oheim!« fiel ich ihm schluchzend und doch thränenlos ein.

»Es sind Deine Vertrauten, Karlos, die itzt um uns versammelt sind. Mache sie mit dem Umfange und Werthe des Bundes bekannt, wie Du ihn einmal einsehn wirst und fordre sie dann auf, mich aus Deiner Seele zu wischen. Kam ich auch nicht zum Ziele, meine mühsame, arbeitsvolle Bahn erwählte ich für Dich. Meines Daseyns einzige Absicht warst Du, ich lasse Dich ohne Führer. Dein Genius schwebt in ein anderes Leben hinüber, Du hast Deine Freunde, aber von meiner Hand nimm einen Vertrauten an. Seine Seele ahndet den Zweck unsers Bundes.«

Er ergrif Don Bernhards Hand, und legte sie in die Meinige. Dieser unerschütterliche Mann brach in Trähnen und Seufzer aus. Seine Brust war zu enge. »Ich habe Dich verstanden, mein Bruder,« sagte er, indem er meinen Oheim umarmte; – »mein Schwur ist in dieser Hand, die Du eben deinem Karlos gegeben hast.«

»Ich danke dem Himmel! Es sind nur Wenige, die uns begreifen. – Der Schleyer der Natur verhüllt ihre erhabensten Schöpfungen. Es ist so schön und so groß, Nichts zu seyn, und Alles zu wirken. Aber es ist noch schöner, nach der Vollendung zu sterben. Mein Athem bleibt aus, ehe ich sie habe erreichen können, ich wäre denn vollkommen gewesen; jetzt aber werde ich dafür bestraft, es nicht früher geworden zu seyn.«

»Du hast meinem Karlos einen Vertrauten und Führer gegeben,« sagte Adelheid, »und mich hast Du für nichts geachtet, Alfonso?«

»Ich rechne Dich unter seine liebsten und wärmsten Freunde. Hast Du nicht in seinem Herzen den ersten Platz? Wählte ich Dich nicht zu seinem Weibe, zur Theilnehmerin an seinem künftigen Glücke, und der Ruhm unter allen andern zuerst, schlummernde große Gedanken ermuntert zu haben, sollte dem edelsten Weibe genügen.«

»Du machst mich stolz darauf, Alfonso!«

»Vereinigt und umarmt Euch noch einmal, Alle vor meinen Augen!« – Wir schlangen die Hände über ihm zusammen, er streckte die matten Arme unter sie aus; er strebte nach der wärmsten Vereinigung.

»Seyd denn meines Karlos unwandelbare Freunde; geht immer den Weg der Tugend und Größe fort; – kein Band schlingt verwandte Herzen stärker zusammen, als das eines einzigen großen Zieles: eilt diesem beharrlich zu, vereinigt Eure Kräfte, Euer Glück und euer Leben; denkt immer daran, die Freudenthräne Eurer Brüder sey es, warum Ihr lebt; sucht nur das Edelste und Erhabenste im großen Bunde, und macht Euch seiner werth. Der Engel des Friedens wird über Euch schweben! Mein Geist wird Euch niemals verlassen. Das leiseste Schwanken der Luft; das Wallen süßer, unfaßbarer Gerüche, ein heimliches Wehen und Weben kündige Euch meine Gegenwart an, und rufe Euch die Entschlüsse zurück, die Ihr mir itzt im Stillen beschwört. – Lebet wohl – ein niedersinkender Schleyer – das gebrochene Licht – ich sehe nichts mehr; gieb mir noch einmal Deine Hand, Karlos, – ich lasse Dir meine ganze Seele zurück – ich sterbe – «

Er hatte mich zu sich an seine kalten Lippen gezogen, und hauchte mir mit einem gebrochenen Seufzer seinen letzten Athem ein. Wir Alle verschlangen uns krampfhaft über ihm, und schwuren seiner heiligen Asche.

*

Auf Niemanden war die Wirkung dieser Szene so heftig gewesen, als auf meine Gemahlin. Sie sann über Alfonsos schönes Hinscheiden mit einer Stärke und Ausdauer nach, welche die grösten Entschlüsse hervorbringen mußte. Ihre Seele, jedem Ausserordentlichen von Natur schon geneigt, dürstend nach Thaten, gedankenreich und immer beschäftigt, fand in den neuentstandenen Träumen einen weiten Schauplatz für die stille Uebung jeder ihrer Kräfte. Sie fühlte, daß sie noch schlummere, aber sie tröstete sich mit ihrer Wirksamkeit in einem so bezaubernden Traume.

»O, bester Karlos!« sagte sie mir einst, »wie unbegreiflich blind bist Du nicht gewesen!«

Und mußte ich es nicht seyn? Nicht nur, daß man mich in einem unerklärbaren Dunkel herumtappen ließ, nein – man verwirrte auch absichtlich meine Gedanken, niemals verstand ich mich zu verbergen; Alfonso las immer in meinem Geiste! ich hatte zuweilen einen Grundsatz herausgebracht, eine Entschliessung gefaßt, neue Begebenheiten entstanden dicht neben mir, erzeugten andere widersprechende Vorstellungen, und von den erstem gieng alles wieder zu Trümmern.

»Ein Andrer hätte aus dieser Verschiedenheit der Eindrücke Mißtrauen gegen sich selbst und Vorsicht gelernt, Dich machten sie nur noch ungewisser sinken. Eine große Verbindung streckte Dir die liebevollen Arme entgegen, Du sahst in ihr den Mittelpunkt einer weitgreifenden Allmacht, und doch warst Du unbehutsam genug, ihr einen Zweck zuzutrauen, welcher den kleinlichsten Verbrecher geschändet haben würde.«

»Du meynst den Königsmord, den ich ihnen aufbürden wollte, und der mich aus ihrer Verbindung zurückschreckte? Erinnere Dich aber der Worte bey ihrer Aufnahme, von der ich Dir alle Umstände so oft wiederholte, und gewohnt, treulich alle Ausdrücke in ihrem eigentlichsten Sinne zu nehmen, nur an dem Augenblicke zu hangen, und Zügellosigkeit als Ungebundenheit zu betrachten, wie konnte ich es wissen: der große und gute Mann sey unter jeder Regierungsform frey!«

»Ich gesteh' Dir, Karlos, ich höre auf ein Weib zu seyn, wann ich den Umständen Deiner Geschichte nachdenke. Es ist so etwas Uebermenschliches darinn, daß es mich über alles, was ich jemals gedacht habe, in eine neue Welt der Vorstellungen und Wünsche erhebt.«

»Du hast mich auf Alfonsos hinterlassene Papiere äusserst begierig gemacht. Nur ein wenig Ruhe, bestes Weib. Paris ist kein Ort sie zu studiren, laßt uns den künftigen Frühling auf dem Lande zubringen, und dann wollen wir sie gemeinschaftlich lesen.«

»Man wird uns dazu itzt alle mögliche Zeit laßen; nichts ist gewisser: denn durch Alfonsos Tod haben wir mit der Gesellschaft wahrscheinlich allen unmittelbaren Zusammenhang eingebüßt.«

»Auch nur wahrscheinlich, Adelheid. Die Erscheinungen und Widersprüche meines Lebens haben mich darinn bedenklich gemacht. Mir fiel der Abschied Amanuels auf, er nannte Don Bernhard seinen Bruder, er zog denselben meinem angebeteten Weibe vor, um ihn mir zum innigsten Vertrauten zu geben.«

»Du hast recht. Ich habe hieran nicht wieder gedacht. Vielleicht ist Don Bernhard der Mann, denn seine große Seele paßt in den Bund. Sein trocknes Auge ward beym Abschiede thränenschwer; aber es ist gewiß eine Eroberung, die sie nur erst vor kurzem gemacht haben.«

»Und warum glaubst Du das, bestes Weib?«

»Ich kenne diesen Geist, der allein stand in der Welt, stolz, den Gang seiner Tugend ohne Hülfe zu gehen; stolz, sich alles selbst verdanken zu können, und vor allen gewöhnlichen Lockungsmitteln durch seine Erfahrung gesichert, gleich einem Gotte, seine Bahn zu verfolgen. Vielleicht hat man ihn ahnden lassen, aber der letzte Auftritt macht Dir es gewiß, daß er nichts von Amanuel kannte.«

»Ich begreife es. Aber was ich nicht verstehe, ist die Liebe des Grafen von S**.«

»Mir ist hierinn wenig nur dunkel. Deine ganze vorhergehende Geschichte hat mich schon lange darauf fallen lassen, er könne dem Bunde anstößig seyn. Wie oft hat man es versucht, Euch Beyde zu trennen; wie oft hat man Eure Mittheilungen in ihrem Entstehen erstickt, und Deine Plane mißlangen immer, wenn Du sie mit ihm gemeinschaftlich ausführen wolltest. Schon einmal schonte man nicht einmal sein Leben, und, was noch schrecklicher war, man wollte ihn vielleicht von Deinen eigenen Händen sterben lassen. Eine solche Begebenheit mußte den Bund nothwendig in Deinem ungestörten Besitze versichern.«

»Vielleicht hast Du sehr Recht, bestes Weib. Alle Umstände bestätigen und machen es wahrscheinlich. Daher die Liebe zu Dir, welche man vielleicht durch verborgene, uns unbekannte, aber ihm heimlich zugesteckte Deutungen nährte, und sein Zettel, den Du mir mittheiltest, zeigt auf einen andern von Deiner Hand hin.«

So viele Erscheinungen meines Lebens klärten sich in dieser Vermuthung Adelheids auf. Aber, noch manches war in dieser Zeit nicht ganz deutlich, welches von der nachfolgenden Reihe der Begebenheiten das vollkommenste Licht erhielt. Ich verband mich mit meinem Weibe, und itzt mehr für als gegen den Bund eingenommen, verabredeten wir genaue Maaßregeln, uns Don Bernhards zu versichern. Er war es nothwendig, welcher die Hauptrolle spielte, und wir sahen in seiner uns von Alfonso zugesicherten Freundschaft, tausend Hülfsmittel, ein Ziel zu erreichen, das nun zum einzigen unserer Existenz geworden zu seyn schien.

*

Der Winter verstrich uns langsamer als sonst: theils daß wir mit Ungeduld die Herankunft des Frühlings erwarteten, theils daß die Tage merklicher wurden, weil wir einen jeden mit irgend einer neuen Entdeckung bezeichnen konnten.

Meine Gemahlin hatte übrigens sehr richtig geahndet. Don Bernhard war nichts mehr als ein Neuling im Bunde. Auf die Kenntniß seines Charakters fest bauend, hatte man ihm kurze Zeit vor dem letztem Vorfalle, einige Schriften in die Hände gespielt, welche, indem sie ihm so viele Begebenheiten, worüber er, wie man wahrscheinlich wußte, lange nachgedacht hatte, auf einmal erhellten, auch sein vereistes Herz wieder aufthaueten. Er haßte und verachtete von Natur die Menschen, um ihnen um so wirksamer helfen zu können, und über Trähnen und Leiden unbekümmert, schritt er über Trümmer und Leichname zu seinem großen Ziele der Vollkommenheit fort. Dies war die Grundlage des Bundes. Mußte er in ihm nicht einen Verwandten erkennen?

Alfonsos Tod trug merklich dazu bey, seinem träggewordenen Blute den erforderlichen Schwung zu geben. Sein erstes Geschäft war, über Alfonsos nachgelassene Schriften herzufallen, sie zu verschlingen, sie dann unermüdet mit Theilniß zu studiren, den Geist des Ordens rein herauszuziehen, und alles, was er für sich vorfand, gänzlich in sich selbst zu verpflanzen. Niemals war er so kalt, und so einsylbigt gewesen, als diese ganze Zeit über; wenn ich ihn um die Schriften ersuchte, antwortete er mir immer: »Ich verdaue itzt, lassen Sie mich erst mit meinem System in Ordnung kommen.« Dann schien er wieder etwas heiterer zu werden, besuchte uns öfterer, und wenn er Adelheiden allein mit mir fand, so leitete er das Gespräch ungezwungen auf unsere Entdeckungen hin. Man sah' es seinen Ausdrücken an, daß sie aus Ideen flossen, welche eine unerschütterliche Festigkeit zu gewinnen im Begrif waren. Bey der Bekanntschaft mit seinem immer zweifelhaften, in Allem bedenklichen Geiste, ward es uns gewiß, daß er nun alles erfahren habe.

Der Graf von S** itzt fest überzeugt: er sey von Alfonso verführt, vielleicht von der Wahrheit mehr ahndend, als wir uns im Anfange vorstellen konnten, zog sich nach dieser Begebenheit ein wenig von meiner Gemahlin zurück. Aber sein zärtliches Herz kämpfte noch immer mit seinem feinen Verstande einen noch sehr zweifelhaften Kampf; als er Adelheiden nachher um Verzeihung bat, hatte er ihr auf den Knien eine unverbrüchliche Freundschaft geschworen, welche nicht anders, als mir äusserst verdächtig seyn konnte, und mein Weib selbst hatte mich ihn aus einem andern Gesichtspunkte betrachten gelehrt. Ich war immer noch sein warmer, sein herzlicher Freund, aber ich mißtrauete der Heftigkeit seiner so oft erprobten Leidenschaften, der unglücklichen Stimmung eines getäuschten Liebhabers, seinem unverdienten Mißvergnügen mit mir selbst, und endlich auch der kommenden Zeit, für mich unaufhörlich schwanger an unerwarteten Begebenheiten und den Widersprüchen des Zufalles.

S–i und mein Schwiegervater schienen indes alle trübe Eindrücke der Vergangenheit rein vergessen zu haben. Nie hat man zwey Menschen von so verschiednem Alter so unzertrennlich beysammen, als sie Beyde, nie hat man einen eingewurzelten Menschenfeind so schnell sich in einen lustigen Wüstling verändern gesehen, als den alten Baron. Sie liefen ohne Aufhören herum, und man kann versichern, kein Mensch habe noch in Paris eine so ausgebreitete Bekanntschaft gehabt, als sie Beyde. Allenthalben trug man sie ganz eigentlich auf den Händen.

Sie verflochten uns selbst wider unsern Willen in ihren Wirbel. Sie luden uns hundert Besuche, Schmäuse ohne Zahl, Assembleen und Spielgesellschaften auf den Hals, und da wir zuletzt keine Möglichkeit sahen, ihnen zu widerstehen, so machten wir gute Miene zu einem bösen Spiele, und liessen uns fortschleppen, wohin sie nur wollten. Adelheid hatte zu Allem Talent; sie glänzte, wo sie nur bescheiden Theil nehmen konnte, und fand sich wider Willen an allen Orten die erste Person; ich gab auf Don Bernharden Acht, und da seine strenge Miene ungleich mehr Milde gewann, fand ich keine Schwierigkeit mehr, mich der Schwärmerey eines zügellosen Vergnügens ganz zu überlassen.

Bey der Herzogin von B–u, damals der Modeschönheit von Paris, war unser Hauptversammlungsort. Alle Abend fanden wir uns daselbst an der Abendtafel zusammen; ein jeder hatte etwas zu erzählen, und wir fanden selbst an dieser Tafel, an welcher ein unbegreiflicher Zufluß von Nationen war, eine reiche Quelle der lustigsten Bemerkungen.

Da waren zum Beyspiel zwey merkwürdige Landjunker zu sehen, Lord T–d aus Derbyshire, und der Herr von R***, aus der Mark; Beyde Carricaturen von der seltensten Art, ungeschliffen, gelehrt und vielleicht darum, ohne Menschensinn.

Dieser Letztere ward uns bald noch durch eine Begebenheit merkwürdig, welche halb Paris zu lachen machte, und da der erste Grund davon sich in unserm Zirkel befand, so muß ich sie hier anführen: denn der Herr von R*** hatte sich in den Kopf gesetzt, meiner Gemahlin den Hof machen zu wollen.

Adelheid, für unser gemeinschaftliches Vergnügen besorgt, hütete sich wohl, ihn zurückzuschrecken, sondern behandelte ihn mit der feinen Koketterie, welche uns immer neuen Stoff zur Belustigung gab. Er machte Verse auf sie, und als feiner Liebhaber, beehrte er selbst mich mit bewundernswürdigen Gedichten. Als hätten wir es miteinander verabredet, bezahlten wir ihn Beyde mit vollkommen gleicher Münze; ich las seine Verse nicht, und sie lachte darüber.

Zuletzt ward er dringend, und fiel mit seiner Liebe der ganzen Gesellschaft zur Last. Der Graf von S**, immer noch einige kleine Ansprüche auf Adelheiden behauptend, nahm sich endlich gar die Mühe, auf ihn eifersüchtig zu werden, und, um ihn auf einmal ganz zu entfernen, entwarf er einen Plan, der ihn zur allgemeinen Fabel machen, und ihn auf diese Art aus Paris verjagen mußte.

Kaum war eines Tages der Herr von R*** in einen Buchladen getreten, wo er ganze Tage mit Schwatzen und damit zubrachte, die Titel aller darinn befindlichen Bücher auswendig zu lernen, nach Anekdoten zu jagen, und Anekdoten zu erfinden, trat ebenfalls ein bejahrtes Frauenzimmer von ganz unverdächtigem Ansehen herein, grüßte ihn mit einer vertraulichen Miene, und sagte: daß es ihm zwey Worte heimlich mitzutheilen habe. Man führte sie Beyde in ein benachbartes Zimmer, und hier sagte sie ihm mit dem ehrlichsten und aufrichtigsten Gesichte: eine junge Dame habe sie hierhergeschickt, um ihm wissen zu lassen, daß sie einige Sylben im Vertrauen mit ihm zu sprechen wünsche.

Der arme Herr von R***, Faselhans von Natur, verliebter Geck von Handwerke, und überdem noch ein verunglückter Versemacher, glaubte auf einmal, mit beyden Füßen in den Himmel steigen zu können. Seine Einbildungskraft gewann über sein Bischen Vernunft völlig die Oberhand, und er fieng an sich einzubilden: diese junge Dame brenne für ihn lichterloh. Hätte man sie nicht Dame genannt, er wäre mit keinem Schritt zu ihr gegangen, und hätte er ihr das Leben retten können, denn der Herr von R***, ob man gleich seinen wahren Vater noch nicht kannte, dachte doch beständig an seine Ahnen in der Mark.

Er nahm demnach das Anerbieten mit der grösten Bereitwilligkeit an, und bat die alte Frau, nur vorauf zu gehen, und sicher zu seyn, daß er ihr Schritt vor Schritt nachfolgen würde. Man führte ihn durch eine unendliche Menge von Straßen, bis daß er sich endlich in seiner Kenntniß der Stadt völlig verirrt hatte, und in einer Gasse ankam, welche die allerübelberüchtigtste von ganz Paris ist.

Obgleich seine Herzhaftigkeit, von Natur sehr klein, gleich mit einem jeden Schritte, den er tiefer in dies Labyrinth that, abgenommen hatte, und er nun von oben bis unten mit einem kalten Todesschweisse bedeckt war, so antwortete er doch mit beherzter Stimme auf alle Ermahnungen der vor ihm herschreitenden Matrone: Nichts zu fürchten! – »Er fürchte nichts, gar nichts.«

Er besas das glückliche Talent, alles ganz natürlich zu finden, was andern ehrlichen Leuten vielleicht sehr aufgefallen wäre. Denn, schon einige Gassen vor der berüchtigten, in der er sich itzt befand, hindurch, hatten ihn alle Vorübergehende mit einer sichtbaren Verwunderung angestarret, und wie er nun in diese Straße trat, so giengen alle Fenster auf, eine Menge junge Damen sahen ihn mit einem bedeutenden Zischeln hinter den Fächern, oder mit einem Fernglase an; alle in der Thür stehenden, etwas mehr bejahrten, lächelten ihm mit der einnehmendsten Miene zu, husteten und verbeugten sich, so wie er vorbeytrat; der Herr von R*** aber hatte hierbey keine andere Empfindung, als daß er darüber nachdachte, ob seine Spiegel wol lögen, und er selbst vielleicht nicht schöner seyn könne, als er bis itzt geglaubt habe.

Dies süße Selbstbewustseyn von hinreissender Artigkeit, welches ihn mit den süssesten Hofnungen erfüllte, verscheuchte sogleich auch alle seine Besorgnisse. Er trat mit frischem Muthe in ein Häuschen von gutem und reinlichem Ansehen, welches die Alte mit einem bey sich habenden Schlüssel eröfnete. Man gieng einige Stufen der Treppe hinan, und wie man eben einen Absatz davon erreicht hatte, schlang ein daselbst wartendes Frauenzimmer den Arm um den Hn. von R***, drückte ihn an den seufzenden Busen, überdeckte sein Gesicht mit heissen Küssen und einigen Thränen, und sagte, wie aus der tiefsten Brust hervor, auf teutsch: »O, mein Bruder! mein theurer Bruder!«

R***, welcher aller seiner Ungeschliffenheit ungeachtet, auf die Ehre stolz war, ein Teutscher zu seyn, glaubte in diesen melodischen Worten einen hochklingenden Bardengesang zu vernehmen, und ob er sich gleich nicht erinnerte, in seinem ganzen Leben von einer Schwester gehört zu haben, so hielt er doch dafür, diesem naiven Ergusse einer noch so schuldlosen Natur völligen Glauben beymessen zu müssen. Er drückte sie daher mit gleich großer Zärtlichkeit an sich, und taumelte mit ihr die andern Stufen vollends hinan, vollkommen glücklich, nun das erste Mädchen gesehen zu haben, das sich in seinem Leben habe überwinden können, ihm Liebkosungen zu machen, oder nur seine eigenen Liebkosungen zu erdulden.

Man trat in ein Zimmer, dessen feine Ausmeublirung Geschmack und Wohlhabenheit verrieth. Allenthalben erblickte man Silbergeräth, ohne Kunst ausgekramt; reiche Tapeten, Kunstwerke, die besten Kupferstiche und Gemälde, endlich trefliche Kleider hin und wieder nachläßig ausgeworfen. Die meisten hievon hatte der Graf S** am vorhergehenden Tage dahin bringen lassen, sie wurden nachher von den Leuten desselben bedient, und das Mädchen, welches sich aus Sachsen nach Paris verirrt hatte, war durch den Grafen von des R***s Familienumständen so genau unterrichtet, daß es ihr, bey einiger natürlichen Verschlagenheit, unmöglich fehlschlagen konnte, ihre Rolle glücklich zu Ende zu spielen.

Nachdem sie ihn daher bey der Hand zu einem Sopha geführt, und ihn darauf hatte Platz nehmen lassen, fieng sie ihre Umarmungen wieder von vorne an. Die Trähnen der Freude ergossen sich mächtig aus ihren schönen Augen auf ihre noch schönere Wange; ihr Rosenmund war an dem ihres neuen Bruders wie unbeweglich hingeheftet, und sie wuste das Stammeln des heissesten und inbrünstigen Gefühles, das keine Worte hat, so glücklich nachzuahmen, daß der arme Schelm noch lauter als sie selbst zu schluchzen begann.

Nachdem der erste Erguß dieser stummen Szene glücklich vorüber war, wagte der Herr von R***, die junge Dame zu fragen: auf welche Art er zu der Ehre komme, als ihr Bruder empfangen zu werden?

Sie antwortete hierauf zuerst mit einem Schwure, daß niemand ihm mehr Schwester seyn könne, als sie. Anstatt daß dies sie ihm hätte verdächtig machen sollen, so erkannte er darinn blos den Unwillen einer schönen Seele, welche sich verkannt sieht. Sie benutzte mit großer Schlauigkeit seine gerührte Stimmung, machte alle Nachrichten geltend, welche sie von ihrem Gönner erhalten hatte, und es war am Ende einleuchtender und klarer als der Tag, R***s Vater habe in B**, wo er sich einige Jahre seiner Familienangelegenheiten wegen aufhielt, Juliens (wie sie sich nannte,) Mutter verführt, so dies arme Kind in die Welt gesetzt, und endlich wie ein treuloser Verräther Beyde sitzen lassen.

Ob ein solches Ereigniß gleich in dieser und besonders in der großen Welt nichts weniger als etwas Ungewöhnliches ist, so schien Julie doch darüber in Verzweiflung zu seyn, sie glaubte, ihren verrätherischen Vater in seinem Sohne vor Augen zu haben, überhäufte ihn mit Vorwürfen und Schmähungen aller Art, und wuste so geschickt ihre Trähnen und Seufzer mit ihren Bitterkeiten zu vermischen, dazu der arme R***, welcher wie auf Kohlen sas, sie einmal über das andre für seinen unglücklichen Vater um Verzeihung bat, und sie versicherte, alles, was nur in seinen Kräften stehe, zu thun, um ihr die verlohrne Ehre wieder zu geben.

Dazu wäre aber im Grunde ein ganz anderer Mann nöthig gewesen, als der närrische Baron. Auch war sie mit seinen Versicherungen gar nicht zufrieden, sondern schwur, blos darum nach Paris gekommen zu seyn, um sich und ihre Mutter an ihm zu rächen. Mit diesen Worten holte sie hinter dem Sophakissen ein unendlich langes Messer hervor, und gieng damit auf ihn los.

Schon der Anblick eines so spitzigen Instrumentes machte unsern Helden ohnmächtig. Kaum hatte er sich vorher getrauet, eine Pistole ohne Schloß in die Hand zu nehmen, aus Besorgniß, daß sie, wenn Unglück seyn sollte, losgehen könne. Man denke sich itzt die Lage seiner Seele, bey einem solchen Anblicke. Er machte sich so klein und schmal als nur möglich, und kroch wie in sich selbst hinein. Aber es war unmöglich, sich so unbedeutend zu machen, daß ihn das über ihm schwebende Messer verfehlt hätte, und er wußte zuletzt kein ander Mittel mehr, als um Hülfe zu schreyen und um Verzeihung zu bitten.

Das Beste war, daß er, wie ein Edelmann, selbst einen großen Degen an der Seite trug, aber er schien vor diesem noch mehr Furcht, als vor Juliens Dolch zu haben. Julien war es indes vollkommen bekannt, daß gewisse Leute aus bloßer Furcht erstaunliche Heldenthaten verrichten, und diese Betrachtung milderte ihren Ungestüm etwas; sie ließ sich daher von seinen Bitten, Trähnen und Versprechungen rühren, und machte Frieden mit ihrem lieben neugefundenen Bruder.

Die munterste Laune verdrängt endlich alle nachgebliebenen Spuren dieses Ungewitters. R*** war sehr leicht zu bezaubern; man brauchte sich nur über ihn lustig zu machen, und er war der glücklichste Mann auf Erden. Alle Spöttereyen nahm er für die aufrichtigsten Complimente an, und fand in jeder Unterhaltung etwas Angenehmes für den angebornen Stolz seines Namens.

Julie war überdem sehr schön und noch ziemlich frisch, es hätte ein Wunderwerk seyn müssen, wenn R*** in seinem edlen Blute nicht einige unedlere Theilchen gehabt hätte, und er konnte sich einige Male nicht eines kleinen Wunsches erwehren: daß doch Julie nicht seine Schwester seyn möchte! Diese Zweifelhaftigkeit und leise Ahndung theilte ihrer Unterhaltung eine so große Wärme mit, daß sie bald zu einer Art von Ausgelassenheit anwuchs.

Das Mädchen übertraf sich selbst in ausschweifendem Witze. Man sah, sie hatte sich unter den verschiedenen Händen, worinn sie gewesen seyn mochte, ganz zur Französin gebildet. Eine überströmende Ader guter Laune, vielleicht von des Grafen Geschenken und Versprechungen hervorgebracht, stieß auch den schwerfälligen R*** an, sie lachten mit einander bis in den späten Abend hinein. Julie erzählte ihrem neuen Bruder tausend Familienanekdoten, und er ward immer mehr überzeugt, es sey wirklich eine natürliche Schwester, die er in ihr zu lieben und zu verehren habe.

Eine niedliche Abendmahlzeit, auf des Grafen silbernem Geschirre aufgetischt, machte ihre Laune vollkommen. Die ausgesuchte Zubereitung der Gerichte, die Menge seiner Weine, welche in den krystallenen Flaschen blinkten, vollendeten den Begrif, welchen R*** sich vom Stande und von der Wohlhabenheit seiner wiedergefundenen Schwester gemacht hatte: sie forderte nicht nur kein Geld von ihm, welches ihn in eine große Verlegenheit gesetzt haben würde, sondern bot ihm selbst, im Falle des Bedürfnisses, ihre eigene Börse an, und er nahm sich im Stillen vor, gelegentlich, und wenn er mit ihr noch etwas mehr bekannt seyn würde, von diesem so gelegenen Anerbieten Gebrauch zu machen.

Der Abend verrann bis zwölf Uhr. Zwar war es eine helle und heisse Sommernacht; die Straße wimmelte von Spatziergängern, aber Julie machte es ihrem Bruder so einleuchtend! es würde für ihn gefährlich seyn, so spät in der Nacht noch durch eine Menge so berüchtigter und verwickelter Gassen nach Hause zu gehen, daß er es endlich begrif, es sey besser bey ihr zu bleiben, und da sie ihm ein von dem ihrigen entferntes Zimmer einzuräumen versprach, so konnte auch das feinste Ehrgefühl gegen einen solchen Vorschlag nichts einzuwenden finden.

R*** beruhigte sich daher, und fieng von neuem zu trinken an. Der Wein that die erwünschte Wirkung, und gegen zwey Uhr, wo alles auch auf der Straße stille zu werden anfing, fand er, es sey besser, den Ueberrest der Nacht in einem Bette ausgestreckt, als auf einem Stuhle aufrecht sitzend, zuzubringen. Er konnte vor Müdigkeit kein Glied mehr rühren, und wenn er mit vieler Mühe ein mattes Auge weil aufgerissen hatte, fiel ihm unterdessen das andere zu. Kurz, Julie, die sich indes beynahe die Zunge abgebissen hatte, um das Lachen zu lassen, sagte, sie sähe, er habe Schlaf, und wolle ihm itzt das Zimmer anweisen.

In der That führte sie ihn auch in ein entferntes Gemach, dessen Fenster auf eine kleine Seitengasse stiessen, wieß ihm das Bette, legte ihm selbst das Kopfkissen zurecht, machte ihn mit den Bequemlichkeiten des Zimmers bekannt, umarmte ihren lieben Bruder noch einmal, wünscht' ihm mit einem zärtlichen Kusse gute Nacht, und schloß die Thür hinter sich zu.

Kaum befand R*** sich allein, als er auch sich gemachsam auszuziehen begann. Dies Geschäft selbst machte, daß ihm die Müdigkeit etwas vergieng. Die Nacht war so heiß. Er öfnete die Fenster, und, nachdem er sich völlig bis aufs Hemde entkleidet hatte, stellte er sich ohne Strümpfe und Beinkleider daran, um eines kleinen Windes zu geniessen, welcher ihm angenehm fächelte. Alles war todtenstill um ihn her, und er hatte nun volle Gelegenheit, Betrachtungen über ein so ausserordentliches Zusammentreffen anzustellen. Es war nicht zu leugnen, daß sich darinn etwas Unwahrscheinliches fand, besonders konnte er gar nicht begreifen, auf welche Art ihn seine Schwester in Paris ausfindig gemacht hatte. Indeß bedurfte es wenig, einen so schläfrigen Kopf vollends zur Ruhe zu bringen, er machte einige Vernunftschlüsse nach seiner Art, verschloß die Fenster, und gieng auf das Bett zu, um sich niederzulegen.

Unterweges kam ihm ein, er habe vorher noch ein kleines Geschäft zu verrichten, wie seine Gewohnheit war. Er erinnerte sich, daß Julie ihm dazu den Ort angewiesen habe, eröfnete die Thür des geheimen Gemaches, hob das Hemde in die Höhe und wollte sich eben zurechte setzen, als er nebst dem ganzen Sitze und allen daran hängenden Brettern mit einem entsetzlichen Gepolter auf die Straße hinabfuhr.

Da man gar nicht die Absicht gehabt hatte, ihm den mindesten Schaden zu thun, so hatte man im Gäßchen allen nur möglichen Unrath, dessen man nur in der Eile hatte habhaft werden können, zusammengetragen, so daß der Herr von R*** itzt ausnehmend weich fiel. Nur, da er das Unglück hatte, sich in der Luft umzukehren, und in seinem Bette mit dem Kopfe zuerst anzukommen, so fand er ein wenig Schwierigkeiten, sich mit guter Manier daraus wieder loszumachen. Doch kam er damit endlich zu Stande, richtete sich in die Höhe, und fand sich mit solchen Gerüchen umgeben, daß er daraus die ganze Fülle seines Unglücks abnahm.

Zuerst begann er auf seinen Unstern zu fluchen, da er aber noch nicht gänzlich den wahren Grund dieser Begebenheit begrif, so stieg er mit seinem gelassenen Pflegma in die Höhe, nichts anders befürchtend, als in der Zeit, ehe man ihm die Thür aufmachen würde, nur den Schnupfen zu bekommen.

Er eilte daher, um an das Haus zu klopfen; aber alles darinn schien von oben bis unten ausgestorben zu seyn. Er verdoppelte die Schläge; aber keine Antwort! Man stelle sich seine Verzweiflung vor! Der Nachtwind spielte ihm oft grausam um die Waden, und es war nichts gewisser, als daß er eine Erkältung bekäme, welche ihn zum wenigsten acht Tage bettlägerig machen würde.

Nachdem er endlich wiederholt angepocht hatte, und immer dringender und schaamloser wurde, eröfnete sich ein Fenster, und eine ihm unbekannte Weiberstimme schrie: »Was ist das für ein Teufelslerm an der Thüre? Was wollt Ihr? Was habt Ihr zu einer so ungelegenen Zeit hier zu suchen?«

»Macht auf!« sagte der Hr. v. R***, »sonst bekomme ich wahrhaftig Zahnweh. Macht auf! sag' ich Euch.«

»Aber wer seyd Ihr? und was wollt Ihr?«

»Ich bin der Herr von R***, ein Edelmann aus der Mark, und will zu Julien, meiner natürlichen Schwester.«

»Der Kerl ist betrunken,« sagte eine andere Stimme, welche er für die seiner Führerinn erkannte, »wer zum Henker hat jemals von Edelleuten aus der Mark reden gehört? Gieß ihm etwas auf den Kopf, Lotte.«

Nichts hätte den armen Schelm in eine grössere Angst setzen können, als dies; er sprang einige Schritte zurück, bis mitten in die Straße, um einem etwanigen Platzregen zu entgehen, und schrie ohne Aufhören, indem er Hände und Füße bewegte: »Aber, um Gotteswillen, Kinder! kennt Ihr mich denn nicht? Ich bin wahrhaftig der Herr von R***.«

»Wer hat jemals einen solchen Namen gehört? Mache Dich fort, guter Freund, lege Dich schlafen, und wenn Du nüchtern bist, so komm morgen früh wieder.«

Der Lerm und das Pochen an der Thür hatte indes ebenfalls die andern barmherzigen Schwestern erweckt, und in kurzer Zeit waren alle Fenster mit Weiberhauben besetzt. Da es die Ruhe und Ehre von einer aus ihrer Sippschaft betraf, so standen sie Alle für einen Mann, beluden den armen Nackenden noch mit allen möglichen Schmähreden, warfen mit Steinen und andern Materien nach ihm, und droheten, zu ihm herunter zu steigen, wenn er sich nicht ruhig verhielte, und sie noch einmal im Schlafe störte.

Der Herr von R*** befand sich itzt in der äussersten Verlegenheit. Ohne Beinkleider und Strümpfe zu seyn, und dazu noch von einem etwas kalten Winde gefächelt zu werden, ist nicht für einen Jeden. R*** wollte darüber aus der Haut fahren, er nahm daher allen Muth zusammen, den er nur jemals gehabt hatte, und schlug noch einmal aus vollen Kräften an die Thür an.

Aber in diesem Augenblicke gieng auch ein kleines Fenster dicht über ihm auf; ein rauher, pechschwarzer Mannskopf mit einem entsetzlichen Schnurrbarte fuhr hervor, und brüllte in einem Tone, der Löwen selbst hätte zittern machen können:

»Wer bist Du? woher kommst Du? was willst Du?«

R*** blieb ohn' alle Bewegung, und starrte nur mit einem stummen, aber darum nicht weniger ausdrucksvollen Blick auf den gräßlichen Haubenkopf hin.

»Was willst Du, Hund!« wiederholte Jener. »Itzt, itzt, in diesem Augenblick komme ich zu Dir hinunter.«

Er warf mit diesen Worten das Fenster zu, und machte Miene, sein Wort zu halten. Ob er aber wirklich sichtbar geworden sey, weiß man nicht zu sagen, denn der Herr von R*** verließ sich auf seine beyden zwar kalten, aber übrigens sehr frischen Beine, und blies zum Zurückzuge, ehe es nur eine Möglichkeit war, daß Jener die Treppe erreicht hatte.

Wie er die nächste andere Straße erreicht hatte, fiel er unglücklicherweise der Schaarwache in die Hände, welche ihn zum Polizeyleutnant führte. Diesem erzählte er seine ganze unglückliche Geschichte, und in einem halben Tage hörte man sie in allen Zirkeln von Paris, und vielleicht mit großen Zusätzen wiederholen.

*

Der Winter verstrich. Adelheid war zuletzt aller Lustbarkeiten der Hauptstadt satt und müde. Sie sehnte sich herzlich nach dem Lande, und vielleicht auch nach den väterlichen Fluren zurück. Ihr Vater, S–i, sie und ich, wir giengen zusammen auf das Landgut des ersteren, das mir meine itzige Glückseligkeit so theuer gemacht hatte.

Nicht, daß wir uns daselbst hätten gänzlich vergraben wollen; – nein, der angenehmste Plan zu unsern gemeinschaftlichen Vergnügen und Nutzen ward verabredet. Don Bernhard, Adelheids vertrauter Freund, und mit ihr über ihre neuen, noch in ihrer Bildung begriffenen Ideen, in genauer Correspondenz, hatte uns etwas weiter im Sommer hin, einen Besuch versprochen, und bis dahin beschlossen wir, unsere philosophischen und ernstem Untersuchungen aufzusparen, itzt der schuldlosen Freuden des Landlebens und einer ihm angemessenen freyen und ununterbrochenen Seeleneintracht zu geniessen, an die Zukunft wenig zu denken, niemals von ihr zu sprechen, und mit unsern Nachbarn einen muntern und ungezwungenen Umgang zu pflegen.

Unter diesen war uns ein junger Mann Namens G**, am nächsten, welcher sich dahin mit einer äusserst liebenswürdigen Gemahlin zurückgezogen hatte. Er war viel gereist, und hatte noch mehr erfahren. Itzt tröstete er sich, im Schooße seiner Familie über alle seine fehlgeschlagenen Wünsche, war glücklich in der Unbekanntschaft mit der übrigen Welt, reich, ohne ein großes Vermögen, und zufrieden, obgleich von den gewöhnlichen Freuden so sehr entfernt. Es war eine gewisse heitere Philosophie in seinem Charakter, eine gewisse Unbekümmerniß über alles, was ausser ihm vorgieng, welche seinen Umgang uns Allen anziehend und wünschenswerth machte.

Seine Gemahlin war von einem hohen Stande, und da er ohne ihren Besitz nicht glücklich zu werden gewußt hatte, floh er mit ihr auf immer aus seinem Vaterlande. Er verließ seine Freunde, aber ein nur gekränktes und nicht verdorbenes Herz verstund sich allenthalben neue zu machen. Er beruhigte sich über seine geschändete Ehre, mit dem Bewustseyn, niemanden, als nur sich Schaden gethan zu haben, mit dem Glück seines edlen Weibes, mit seiner eigenen Zufriedenheit und Ruhe.

Da er ein kleines, aber unabhängiges Vermögen besas, so beschäftigte er sich mit litterarischen Arbeiten, wir giengen sie Beyde gemeinschaftlich durch, und ich sah mit Vergnügen, wie die Phantasien aus einer andern und bessern Welt sich auf die Lage und Stimmung seines Herzens selbst einen erheiternden Einfluß verschaften. Seine Gemahlin hatte alle Vorurtheile ihres Standes in den Armen eines aufmerksamen und zärtlichen Gatten verloren, und wußte ihm Dank für die Aufopferungen von Ruf und Freunden, die er ihr hatte machen müssen. Es war ein Weib für jede Lage geschaffen, und sie lebte unter uns, als habe sie immer zu uns gehört.

Durch G** war es, daß ich etwas mit der Litteratur bekannter wurde. Auch in ihren Vorurtheilen und Umschaffungen lernt man Kenntniß des menschlichen Herzens. Denn ein Gelehrter mischt in seine Empfindungen und Schwächen alle die kleinen Narrheiten, welche dem Menschengeschlechte im Allgemeinen anklebend sind. Wir alle sehen uns so gleich, und es sind mehr Zufälle als Anstrengungen, welche einen einzelnen aus der Masse herausheben.

»Sie sind hier so von aller Welt abgesondert, G**,« sagte ich zu ihm, »es ist nicht der Ruhm, welcher Sie anlocken kann, und warum schreiben Sie nur, und warum schreiben Sie so viel?«

»Nicht so sehr abgesondert von der Welt als Sie glauben,« antwortete G**. »Ich habe noch Freunde, die mit Zärtlichkeit an mich zurückdenken, die mir es verzeihen, daß ich nun in ihren Herzen gerechtfertigt seyn will, die an meinen häuslichen Freuden einen stillen und lieben Antheil nehmen, denen es für mich freuet, mich in der Achtung einiger Andern steigen, und vielleicht auch, mich dieselbe immermehr verdienen zu sehen. Kurz, ich habe noch einen S**, einen edlen jungen Mann, der, mit der zärtlichen Güte eines Verwandten, die strengsten Pflichten der Freundschaft verknüpft. Von der Stimme meiner Leser, es ist wahr, vernehme ich itzt auch nicht den kleinsten Laut, aber meine Freude über etwas, das mir gelingt, ist darum nicht weniger groß.«

»Aber, ich wiederhole meine erste Frage, bester G**, warum schreiben Sie so viel, und erfüllten Sie nicht besser Ihren Zweck, mehr zu feilen, und sich eine längere Zeit zur Ausarbeitung zu lassen.«

»Dies möchte der Fall seyn, wenn ich mich mit einem andern Fache der Litteratur, mit ernstem Untersuchungen beschäftigte. Aber bey den Arbeiten, welche meinen Gegenstand ausmachen, bey den leichten und frölichen Kindern einer warmen und geübten Phantasie, der die Sprache sich natürlich anschmiegt, ist der erste Wurf immer der glücklichste. Ich beobachte alles, was um mich vorgeht, so viel ich nur kann, aber ich beobachte noch genauer meine eigne Einbildungskraft, und der Fehler, den ich bisher noch immer an ihr gefunden habe, ist mehr eine unregelmäßige Fülle, als eine unfruchtbare Dürre gewesen.«

»Ich finde so viel Uebles in der Schriftstellerey, daß ich mich schwerlich jemals dazu entschliessen würde, z. B. die Urtheile.«

»Nicht so viel Uebels, als Sie vielleicht denken, Marquis: besonders in einer Lage, wie die meinige ist. Ich vernehme wenig vom Lobe und Tadel, und aus dem, was ich höre, ziehe ich meinen möglichen Nutzen. Es kommt mir oft vor, als spreche man von einem Andern, wenn man über mich urtheilt, und gewohnt, eines jeden Fehler zu meiner eigenen Ausbildung zu verwenden, nehme ich ganz kaltblütig dasjenige heraus, was mir vorkommt, als könne es auch mir gelten. So wird man immer besser, lieber Marquis, und kränkt seine Neider und Feinde mit dem Bewustseyn, wider ihren Willen zu unserer Vollkommenheit beygetragen zu haben.«

»Ich bewundere Ihre Kaltblütigkeit, lieber G**, dem allgemeinen Rufe widerstehen zu können, der, wie Sie wissen, nicht zu Ihrem Vortheile spricht. – Und dies um so mehr, da Sie in Ihrer häuslichen Lage gegründete Ursachen haben, eine Entdeckung vermeiden zu lassen, welche Ihren Charakter auf einmal rechtfertigen würde.«

»Wissen Sie, womit ich mich über dies kleine Ungemach tröste? – Mit meinem Glücke, mit dem Glück meines Weibes, mit meiner Unabhängigkeit und mit der Ueberzeugung, daß die Wahrheit nicht mehr als eine einzige sey, und daß sie sich früher oder später ohne unsern Schaden entfalte, wenn man sie nur aus Klugheit auf einige Zeit habe verborgen halten müssen.«

*

Wir lebten äusserst glücklich bey einander. Was hätten wir auch mehr wünschen können? Der Baron S–i, G**, und ich, unsre beyden Weiber fanden sich zu einer mehr als erträglichen Gesellschaft zusammen, wir hatten keine andere Sorge, als die zu leben, und machten uns die Nothwendigkeit derselben so süß als nur möglich.

V–l ist ein reizender Aufenthalt, und besitzt alles, was das Landleben nur irgend angenehm machen kann. Adelheid und G**s Gemalinn waren große Fischerinnen, V–l und S–i, gewaltige Jäger, ich liebte den Ackerbau, und G** selbst arbeitete uns indessen eine Erzählung aus, deren Moral und Wendung uns irgend eine Szene unsers Lebens und unserer Natur unterhaltend und nützlich darstellten. Selbst müßig, hatten wir es bequem, ihn zu beurtheilen, es entstanden kleine freundschaftliche Streitigkeiten, er änderte oder bestand auf seinen Kopf, aber immer behauptete er, durch unsere Bemerkungen, vorzüglich durch die unserer Damen gewonnen zu haben. Denn über den Fluß und die Grazie der Diktion urtheilet niemand so fein und so sicher, als ein weibliches Ohr.

Gegen die Mitte des Sommers zu, langte endlich Don Bernhard bey uns an, und die Gegenwart eines solchen Mannes veränderte ein wenig unsre Unterhaltungen, woran uns die Frölichkeit der wiederaufwachenden Natur, unsere Freyheit, und die Temperatur unseres eigenen Blutes etwas gewöhnt hatte. Ich gab nur ungern den zwanglosen Umtausch unserer Ideen gegen den wichtigern und ernsthaftern Gedankengang, welchen eine neue Gesellschaft in mir hervorbrachte, und ich sah' es allen übrigen an, daß es bey ihnen der nemliche Fall sey. Selbst Adelheid, das schwermüthigste und tiefsinnigste Geschöpf, bis zu diesem Zeitpunkte, war so gedankenlos als wir Andern geworden, nahm an allen unsern Spielereyen einen mehr als leidenden Antheil, und wenn unsere kleinen Feste und Lustbarkeiten wirklich etwas schwärmerisch Reizendes besaßen, so war dies sicherlich aus ihren lieben Händen hervorgegangen. Aber es war itzt eine Veränderung nothwendig; wir wären sonst aus dem süßen Traume des Lebens früher oder später von selbst, und dann mit weit schmerzhafteren Empfindungen erwacht; es war gut, daß Don Bernhard uns sanft aufschüttelte, um den Seelen die verlorene Spannkraft wiederzugeben.

Sein Geist hatte sich indessen mit großen Entschlüssen erfüllt, es war ihm zur Nothwendigkeit geworden, diese Vorsätze geltend zu machen, und da er es begrif, alles habe er zwar durch seinen untheilnehmenden Ernst für sich gewonnen, aber nichts könne er von ihm bey der Wirksamkeit als Glied einer ausgebreiteten Gesellschaft erwarten, so ließ er sich zu den Menschen mit grösserer Milde herab. Er nahm an unsern gewohnten Vorstellungen einen freundlichen Antheil, und indem er sie mit Wärme zu umarmen schien, fand er Gelegenheit, sie unvermerkt vom Schauplatze unserer Seele hinwegzudrängen.

Man kann es sich vorstellen, wie oft der Bund der Gegenstand unserer Unterhaltungen wurde. G** wuste nur wenig davon, er schien dafür kaum Gefühle zu haben, und da es ihm nicht an Begreifungsvermögen für die Erhabenheit derselben fehlte, so kränkte seine stille Gleichgültigkeit den stolzen Don Bernhard weit mehr, als die entschiedenste Feindschaft gethan haben würde. Lange, und niemals entschiedene Streitigkeiten entstanden. Wir wusten es wenigstens im Anfange nicht zu bestimmen, auf welche Seite sich der Sieg geneigt hatte. Zuletzt, es war gewiß, trug ihn Don Bernhard davon; denn seine Sache war gerecht, er war kaltblütiger, und nicht so verstimmt, als G**, dessen Hauptgrund immer auf seine eigene Glückseligkeit und bedürfnißlose Ruhe hinauslief.

»Wozu das alles,« sagte er, »wozu Aufopferungen so gewisser Freuden für ein Glück, das noch so sehr in der Ferne, und vielleicht gar nicht einmal für uns erreichbar ist?«

»Das glauben Sie, G**,« antwortete jener, »und, ich gestehe es, das glaubt sich leicht in einem engen häuslichen Zirkel, woran man sich nach grade gewöhnt hat.«

»Mich dünkt, ich sehe in diesen Worten Ihr ganzes System. Denn Sie meynen, ich hätte an diesen häuslichen Zirkel mich erst gewöhnen müssen, und dies setzt eine andre Naturanlage voraus. Aber ich schwöre Ihnen zu, Don Bernhard, daß mir nichts leichter geworden ist, daß ich alle Stürme meines sehr thätigen Lebens nur als so viel Klippen betrachtete, durch die man sich nothwendig in einen friedlichen Hafen hineinarbeiten müsse, und daß ich in ihnen gar nichts von jener Erhebung der Seele gefühlt habe, die ich Ihnen nicht abstreiten will. Hieraus mache ich den Entschluß: daß, wenn Sie mir einige Fähigkeit und Fühlbarkeit zutrauen wollen, es verschiedene Bestimmungen und Wirkungskreise bey ganz ähnlichen Talenten geben müsse.«

»Sie hätten also den Beruf, ein einzelnes Zimmer im großen Gebäude der Welt auszuschmücken, und ich an der Bauart des Ganzen selbst etwas zu ändern.«

»Sehr richtig. Doch behaupte ich darum nicht, daß ich mich aus meinem Zimmer nicht ein wenig verbreiten könnte, wenn dies erst in Ordnung gebracht sey.«

»Sehen Sie hierinn unsre Verschiedenheit. Sie haben Talent für das Einzelne, ich glaube ein solches für das Allgemeine zu fühlen. Aber es kommt nun darauf an, welche Stimmung der Menschheit wichtiger, und welcher der inneren Antriebe am meisten auf die Thätigkeit dringe.«

»In Rücksicht des Letztern, ohne Zweifel der Geist für das Allgemeine. In Rücksicht des Ersteren eben so unbezweifelt der Geist für das Einzelne; daß ein Mann zu großen Zwecken geboren, von einer hinreissenden überwältigenden Kraft verzehrt, in sich große Kräfte fühlend, über alle den andern Menschen gesetzte Schranken hinausstürmt; nichts ist begreiflicher, aber eben so wenig wird man mir den Glauben nehmen wollen, daß, wenn ein jeder nach Vermögen den ihm angewiesenen Platz ausfüllte, ein vollkommenes Ganze entstehen müsse.«

»Dies ist vollkommen wahr, und ohne es zu wollen, haben Sie itzt mein eigenes System gründlicher erwiesen, als es mir nur immer hätte einfallen können. Wenn ein Jeder seinen rechten Platz ausfüllte, so würde die Welt vollkommen seyn. Aber daß ein Jeder diesen seinen rechten Platz erkenne, dies ist die Schwierigkeit, und, Sie verstehen mich – dafür glauben wir da zu seyn.«

»Und mit welchem Rechte?«

»Mit mehrerem Rechte, als der tiefdenkendste Moralist die Pflichten der Menschheit ermißt, und derselben vorschreibt; mit dem, womit man, um mich eines andern Gleichnisses zu bedienen, von einer Höhe, und ohne selbst in der Reihe zu seyn, die Stellungen und Evoluzionen eines vorübergehenden Truppes unterscheidet. Denn machen wir auf irgend etwas Ansprüche! Ist es nicht der erste Grundsatz unserer Gesellschaft, daß Titel, Orden und Glanz der Menschheit Narrenkleid, und daß unbekannt und unerkannt mit leicht zu befriedigenden Bedürfnissen umherzuirren, der erste Schritt zur Vollkommenheit und wahren Wirksamkeit sey? – Und wozu wenden wir diese von uns selbst gewählte Unabhängigkeit anders an, als den Menschen zu studiren, den wir zu seiner Glückseligkeit, auch wider seinen Willen, zu leiten vorhaben? Eine lange, und ununterbrochene thätige Erfahrung; ein Wirkungskreis, den man ohne Schwierigkeit in jedem Momente des Lebens verändern kann, eine weitverbreitete und edle Familie, auf die man sich stützt, eine gewisse, zum wenigsten, und vom Schicksal bey der Festigkeit unserer Stimmung nicht sehr abhängige Zukunft, alles dies muste schon den trägsten Geist zu einer unermüdeten Thätigkeit wecken. Fügen Sie einige Talente hinzu, welche man in sich fühlt, einige Kräfte, die man erprobt hat, einige Unternehmungen, in denen man geglückt ist. – Und gestehen Sie zuletzt, lieber G**, es ist ein ganz anderes Ding, sich ein Haus auf einem erhabenen Gebirge und über den Wolken, als in einem Thälchen gebauet zu haben, wo ein jedes herabrollende Felsstück uns in Gefahr setzt.«

*

Gegen den Herbst zu hielt es Don Bernhard für gut, daß wir nach Spanien wieder zurückgehen möchten. S–i hatte an unsrer Vereinigung einen freundschaftlichen Antheil genommen, so lange er selbst mit einer Rolle verschont geblieben war. Itzt fand er hunderterley Vorwände bey dem alten Baron in V–l bleiben zu können. Auch der Graf von S**, den man des Anstandes wegen zu einer Reise nach Spanien einladete, hatte bemerkt, was Adelheid und ich vorher geahndet hatten, und entschuldigte sich mit seiner häuslichen Aussöhnung, um Carolinen nicht verlassen zu dürfen.

Kurz, Don Bernhard, Adelheid und ich, – reisten allein.

Wir kamen in Alkantara, bey meiner Mutter an, dem besten und zärtlichsten Weibe. Ich hatte ihr den Tod ihres Bruders im Voraus geschrieben, und unsre Thränen vermischten sich über sein Andenken. Ihr Busen war voll von Empfindungen, deren Stärke ich kaum verdiente. Ach! es ist so süß, eine Mutter zu lieben, und von ihr geliebt zu werden!

Adelheid ward bald ihr Herzblatt. Mein Weib wurde geschaffen, um sich aller Herzen zu bemeistern. Ihr sanfter Ernst, ihre schwermüthige Fühlbarkeit, nur offen für Unglück und Elend aller Art, aber um desto wirksamer, es zu vermindern; die Anhänglichkeit an alles, was sich auf mich bezog und mir angehörte, machten sie mir an jedem Tage theurer. Ich hatte keinen Gedanken mehr, ohne sie darein zu mischen, und ich hätte sicherlich den Bund mit allen seinen großen Aussichten verlassen, hätte sie nicht daran einen mit mir ganz gleichen Antheil nehmen können. Aber Don Bernhard beruhigte uns hierüber, und schien ein Recht dazu zu haben. Er arbeitete im Stillen fort, und ohne es uns merken zu lassen, daß er arbeite.

Mit welcher Freude machte ich mein theures Weib itzt mit dem Schauplatze aller meiner vorhergegangenen Leiden und Vergnügungen bekannt! Aber die Zeit hatte in meiner kurzen Entfernung gleichsam alles zerstört. Mit dem Tode Don Antonios, meines Jugendfreundes, hatte sich alles verwildert. Das Schloß war verfallen, und seine zerstörten Wände liessen mich itzt geheime Communicationen wahrnehmen, deren Alfonso sich zu seinen Planen hatte mit Sicherheit bedienen können. Das ganze Gebäude meiner Begebenheiten erschien itzt in einem anschaulichen Skelette, aber indem es alle Gewänder abgeworfen hatte, war mit der weichen Masse schönen Umrisse jede erfreuliche Täuschung entflohen. Don Pedros Schloß war nach seinem Verschwinden zerfallen, nirgends fand ich ein Denkmal meiner Glückseligkeit, keine Spur meiner Trähnen, keinen Lieblingsplatz meiner beklommenen und erheiterten Gedanken, selbst der Bach, den ich sonst mit Rosenblättern bestreuete, war vertrocknet.

Es war, als hätte alles dies zu den künftigen Begebenheiten mich vorbereiten müssen. Ich versank in meine alte Melancholie, Adelheid von Natur schon nur mehr als zu sehr dazu geneigt, schmiegte alle ihre Gedanken den meinigen an; aber so viel wir auch schwärmten, so war es doch eine Schwärmerey, welche den Geist zu den erhabensten Hofnungen aufschließt.

Endlich kam Don Bernhard zu uns, und unsere Gespräche hatten bald nicht mehr als einen einzigen Gegenstand. Eine Helligkeit verbreitete sich nun über alle Objekte, wir kannten sie, wir kannten uns selbst nicht mehr.

Nachdem Don Bernhard sich einigemale von uns entfernt hatte, kam er eines Morgens heiterer als gewöhnlich von einer kleinen Ausflucht zurück: »Morgen Abend, Don Karlos!« sagte er freundlich: »Morgen Abend, Adelheid!« Wir hatten ihm alles überlassen, und verstanden ihn itzt. Mein zärtliches Weib ward ohnmächtig; ich fühlte in meinen Armen alle ihre Glieder beben. Eine sanfte Röthe hatte sich über das reitzende Gesicht ergossen. Ihre halbgeöfneten, gleichsam geblendeten Augen lächelten einer neuen Morgenröthe entgegen.

Wir setzten uns am andern Tage gegen Abend zu Pferde. Der alte verwilderte Wald fand sich mit seinen Schauern und Schrecknissen wieder. Ich ließ meine Gemahlinn Jakobs Hütte bemerken. Alle Begebenheiten flatterten itzt vor mir hin, aber es gab nichts mehr in ihnen, das mir hätte Furcht machen können.

Don Bernhard ließ uns jetzt einen bequemeren Weg einschlagen, als den man mich hatte mit dem Alten nehmen lassen. Die Sonne vertiefte sich erröthend in das hervorgeschossene Gesträuch, ließ aber eine milde Dämmerung zurück, welche, mit den heraufziehenden Schatten vermischt, zwischen den grauen Felsenstücken, den bemooßten Steineichen, dem Säulengange der Tannen und Fichten, den Trümmern zerstörter Gebäude und Anlagen hindurch, alle Gegenstände und mit ihnen uns selbst in einer unfaßbaren Größe erhoben. So wie die Schöpfung undeutlicher wurde, und der Raum daher leerer und weiter zu werden begann, dehnte sich auch unsre Seele aus, um von ihr mehr in sich selbst aufnehmen zu können.

Adelheids Geist war sehr männlich; aber sie hatte noch nicht alle Weiblichkeit in einem solchen Grade verloren, um einem Augenblicke itzt ruhig entgegen gehen zu können, vor dem sie vorher schon in der leisesten Ahndung erbebt hatte. Zwar sprachen wir ihr immer Muth zu, aber ihr unregelmäßig klopfendes Herz ließ sie in einer Minute zehnmal die Farbe verändern; kaum konnte sie sich auf dem Pferde aufrecht erhalten, und der Zügel bebte ihr sichtbarlich in der Hand.

Die Nacht war da, und wir stiegen ab. Die Pferde wurden an die Bäume gebunden. Ich nahm die Hand meiner Gemahlinn unter den Arm, und wir folgten Don Bernharden nach, der einen schmalen Fußsteig aussuchte und fand. Alles war still, kaum hörte man das Säuseln der Luft, kaum einen Athemzug, einen stockenden Herzschlag. Nur aus der Ferne vernahmen wir ein leises Gemurmel, wie an sich gehaltenen Gespräches, und in den Gebüschen hüpften Lichter umher. Alles rief mir meine erste Verwirrung an diesem schauervollen Orte zurück.

Die Szene veränderte sich, und meine Ideen giengen unmerklich in die Erinnerungen von des Grafen S** Geschichte über. Ich fand seine Gebüsche wieder, welche er mir so mahlerisch beschrieb; der Waldbach rieselte über die alten Kiesel weg, die aufgereizte und getäuschte Phantasie ließ mich selbst in jedem Weißen das bellende Windspiel erblicken, endlich erreichten wir das Brett, wir giengen über die Wiese, wir traten in die dunkle Laube.

Adelheid fühlte mein Herz unter ihrer Hand gewaltsam klopfen. »Was ist Dir? bester Karlos!« fragte sie zärtlich. Ich beruhigte sie, aber Franziska's Andenken wehte mich an, und ach! ich fühlte es, der brennende Kuß, welchen sie auf des Grafen Wange preßte, hatte meinem Munde gegolten.

Ein plötzliches Leuchten und Auffahren von Flammen erhellte die Laube. Wir sahen in den vor uns befindlichen Gang. Eine Menge von Menschen wimmelte herauf, mit einem schauerlichen Gepränge. Ein dumpfer, majestätischer Gesang unterbrach in einzelnen Tönen die grauenhafte Stille, in der sich alles bewegte. Es waren die Eleusinischen Mysterien, welche man feyerte.

Ein Zug von Priestern und Priesterinnen entwickelte sich allmählig aus dem undeutlichen Gedränge. Sie waren mit langen weissen Gewändern bekleidet, die Haare wallten in kunstlosen Locken herab, und mit Blumen bekränzt. Ich erkannte in ihnen die meisten jener apostolischen Gesichter wieder, welche ich bey meiner ersten Aufnahme mit zitternder Ehrfurcht hatte anstaunen müssen. Sie grüßten mich heiter und himmlischlächelnd, indem sie mit ihren Fackeln vorübergiengen. Es waren meine Brüder, die meine Zurückkunft mit Entzücken feyerten.

Unter den Priesterinnen, welche die geheimnißvollen verdeckten Körbe trugen, fand ich sogleich Rosalien. Sie blickte mich mit einem sanften Erröthen an, und die Thränen rollten ihr über das Gesicht. Dann fiel ihr Auge versöhnt auf meine Gemahlinn. Diese drückte mir die Hand, und sagte leise: »Ist sie das?«

Endlich schloß sich Don Bernhard an den Zug an. Wir folgten ihm getreulich; das Schloß ward wieder sichtbar. Alles erkannte ich auf seiner Stelle. Wir stiegen in den langen Gang hinab, und indem ich der zitternden Adelheid Muth einsprach, traten wir in den erleuchteten Spiegelsaal.

Man nahm Platz auf den erhöheten Stühlen. Der ehrwürdige Greis umarmte mich, und alle meine Brüder hiengen an meinen Lippen. Man nahm von Don Bernhard und meiner Gemahlinn den Eid. Blut und Thränen flössen. Nie gehörte und unsterbliche Worte wurden gesprochen! und als wir uns von der Erde, auf die wir den Kopf niedergesenkt hatten, wieder in die Höhe richteten, rollte ein Vorhang auf. – Wir erblickten Dinge, unbegreiflich und unaussprechbar; Töne wallten zu uns herüber aus einer andern Welt; himmlische Gesichte schwankten in geordneten Reihen vorbey, alle Ahndungen wurden erfüllt, und die kühnsten Hofnungen von der Wirklichkeit zum Schweigen gebracht.

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