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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Siebentes Kapitel

Ein Kapitel über das Geschrei von schreienden Bedürfnissen und dem Seufzen nach einem schreienden Bedürfnis

Es ging Steffens Wirtshaus wie allem Neuen, es verlor den Reiz der Neuheit. Dieser Reiz war es gewesen, welcher hauptsächlich die Menge angezogen hatte. Man wisse neue afe, wie es da sei, mi well jetz luege, wie es auch an andern Orten sei, hieß es. Ein Wirtshaus wird nach verschwundenem Neureiz bloß erhalten, wenn das Errichten desselben ein Bedürfnis war oder wenn es sich auszeichnet durch Essen, Trinken, kurz durch innere Güte und Vorzüge. Mit dem Bedürfnis der Wirtshäuser geht es aber akkurat wie mit vielen Büchern. Alle Wochen kann man lesen, die und die Buchhandlung habe der Menschheit eine ungeheure, unglaubliche Wohltat erwiesen aus ungeheurer Liebe, unglaublicher Großmut, das schreiendste Bedürfnis der Menschheit habe sie befriedigt, eine unendliche Lücke in der Literatur sei endlich durch sie ausgefüllt worden, wofür die Nachwelt bis ins tausendste Geschlecht ihr dankbar sein müsse, soeben sei bei ihr erschienen und verfaßt vom berühmten, altbekannten Arzt Sami Stößel eine «Geschichte der Hühneraugen» nebst einem Anhange, welcher die bewährtesten Wanzenmittel enthält, und einer gründlichen Belehrung, wie man die Erzeugung der Flöhe verhindern könne. «Das Buch enthält unglaubliche Tatsachen und zeuget von tiefsinnigen Beobachtungen der Natur, sowie vom bekannten Scharfsinne des berühmten Verfassers usw. Da wir einen reißenden Absatz erwarten, so beehren wir uns, dem Publikum anzuzeigen, daß alsobald, nachdem die erste Auflage vergriffen sein wird, wir eine neue, vermehrte und verbesserte Auflage zu herabgesetzten Preisen erscheinen lassen werden, ebenfalls zum Heil der Menschheit und wegen dem unaussprechlichen Bedürfnis.» Ungefähr gleich verhält es sich mit dem gegenwärtigen Wirtschaftsbedürfnis. Wenn man die Begehren um Konzessionen und um Patenten lesen könnte, man würde da zur unaussprechlichen Rührung ersehen können, welche unglaubliche Zahl von edlen, aufopferungssüchtigen, dem Vaterlande hingegebenen Männern wir noch besitzen, wir müßten in tiefster Scham bekennen, daß unsere Augen verschlossen gewesen, daß wir das bitterste Unrecht der Zeit getan haben, welche wir selbstsüchtig genannt, unrecht getan so unendlich vielen Menschen, die wir für selbstsüchtig gehalten. Da könnten wir lesen, wie die hochgesinnten, treuen Vaterlandsfreunde der eine ein Pintli, der andere eine Speisewirtschaft, der dritte eine Kaffeewirtschaft, der vierte gar ein Hotel errichte, nicht wegen dem Vorteil, nicht wegen der Kurzweil, nein, o nein, aus bloßer Vaterlandsliebe und von wegen dem schreiendsten Bedürfnis. Da könnte man lesen, wie Reisende verschmachtet seien, Kranke vor Durst gestorben, Pferde am Hunger daraufgegangen, weil auf dem Platze, wo sie die neue Heilsanstalt errichten wollten, unglaublicherweise bis auf selben Tag, bis sie sich entschlossen, in edler Hingebung Wohltäter der Menschheit zu werden, nichts gestanden, nicht einmal ein Pintli, geschweige denn ein Hotel. Es ist recht schade, daß solche Vorstellungen nicht veröffentlicht werden, es läge darin ein unaussprechlicher Trost für alle, welchen es bange wird von wegen Mangel an braven Leuten, eine schreckliche Beschämung für alle, welche meinen, die aufrichtigen Vaterlandsfreunde seien eben nicht dicht gesäet. Oh, das wäre ein prächtig Lesen, nicht bloß wegen dem Trost, sondern auch wegen dem Stil.

Indessen mit dem Bedürfnis geht es wunderlich; wenn es schon im neuen Wirtshause von Gästen wimmelt in den ersten Tagen, in den ersten Wochen, damit ists nicht gesagt, daß es noch ebenso wimmeln werde in einem Jahre oder zweien, über das wahre Bedürfnis entscheidet die Zeit. Vielleicht ists dann öde und leer, umsonst steht der Wirt auf der Bsetzi, tubaket und seufzt sich fast die Seele aus dem Leibe, aber lange kommt niemand, und wenn endlich jemand kömmt und ihm das Herz vor Freude duttert, endlich, endlich einen Schoppen brauchen zu können, und er in den zärtlichsten Tönen, die er zwegdrücken kann, ruft: «Seh, seh, e Schoppe, e Schoppe, ih wett cho es Schöppli ha», so antwortet vielleicht der: «Es angers Mal» und geht rund vorbei. Dann geht der Wirt wohl kaput hinein, und auf dem Ofen sitzt die Frau und plätzet an einem Fürfuß und seufzt: «Aber nüt und gester nüt u i dr vorige Wuche niemere, u dr Zeys lauft notti, u ds Patent het müesse zahlt sy.» Da kömmt dann der Zeitpunkt, wo die Vaterlandsliebe des Ehepaars sich bewähren muß, aber, aber, wir fürchten, in solchen Umständen hätte sie wohl an einem kleinen Orte Platz.

Es gibt aber auch Orte, wo kein Bedürfnis gewesen war, wo jedoch das neue Wirtshaus für Einzelne zum Bedürfnis wird, sie schnappen dort ihre halben Schoppen, sie sitzen dort ihre Abende durch, sie sitzen sonst noch dort, zum Beispiel die Tage nach einer Hudelten, oder wenn sie die Frau taub gemacht, oder wenn sie was arbeiten sollten, welches nicht für sie ist. Diese Art von Gastig hatte sich auch auf der Gnepfi gebildet, mit der andern aber hatte es böset, eben wegen dem fatalen Bedürfnis, dann wegen dem fatalen Wein, dann auch wegen Eisi, welches hochmütig ward und mit gar vielen Leuten sich gar nicht abgeben mochte, sie nur über die Achsel ansah, ihnen keinen Schoppen selbst holte, ihnen Trutzantworten gab statt ein freundlich Wort. So betrug es sich hauptsächlich gegen die wohlgesessene Bauersame, welche nicht täglich im Wirtshause sitzt, sondern nur bei Anlässen. Eisi konnte einen Vorgesetzten und angesehenen Mann kaum beachten, während es bei einem Halbschoppenprinz saß, stund nicht auf, rief einem Meitschi: «Reych ihm e Schoppe», konnte ihn den halb trinken lassen, ehe es fragte: «Oder weyt dr süst no öppis?» Es war Hochmut und Holzbockerei durcheinander, gerade so wie es am unerträglichsten ist. Es ist sehr merkwürdig, es war selbst eine Bauerntochter gewesen, jetzt meinte es, es sei über diesen so hochgestellten und ehrenwerten Stand hinausgewachsen und erhaben und müsse es dene Donnstigs Knuble zu verstehen geben auf jedem Suppenbröckelein, während es so einem Halbhudel von Herrenschminggel alle Liebe und Achtung erzeigte, ihn behandelte wie seinesgleichen – waren halt Beide gebildet, Eisi und der Halbhudel, verflucht aufgeklärt. So hats aber nicht bloß Eisi, Eisi nicht alleine vergißt nicht bloß den Boden, dem es entwachsen, sondern verachtet ihn auch; das tun noch ganz andere Majestäten, und wenn sie sich dessen zuweilen bei Anlässen auch rühmen, so ist es bloße Affektation und um den Leuten den Verstand zu machen, aus wie großer Niedrigkeit und Miserabilität sie sich so hoch erhoben. So tun alle Parvenus, das heißt die meisten Emporkömmlinge, geraten sie nun zu was sie wollen.

Am leidesten benahm sich Eisi gegen die Bäuerinnen, welche in sein Haus kamen, manchmal als Gotte, manchmal von einem Markte heimkehrend oder bei sonstigen Anlässen. Es behandelte sie zumeist mit souveräner Verachtung, und wenn es schon mit ihnen sprach, so musterte es sie doch mit spöttischen Blicken, aus denen sie seine Verachtung gegen ihre altmödische, geringe Kleidung abnehmen konnten, und von heimeligen Dingen, von den Pflanzungen, Schweinen und Milch redete es gar nicht, sondern bloß was für vornehme Herren sie über Nacht gehabt, wohin es gefahren sei mit dem Mann, wie man ihm Ehre erwiesen und was es gekramet hätte. Ein einzig Kapitel ritt es oft, welches sonst die meisten Weiber gerne verhandeln, es ist das Kapitel von den Kindbettene; aber gerade da machte Eisi alle Weiber am täubsten, so daß in der Umgegend selten ein hablich Haus war, in welchem nicht eine Frau regierte, welche Eisi nicht gerne die Haare aus dem Kopfe gerupft oder es einige Male durch eine sogenannte belgische Hechel gezogen hätte.

Während die meisten Weiber gerne von Leiden, Mühsalen, strengen Zeiten erzählen, was sie ausgestanden und wie lange und was sie davongetragen, wie sie seither nicht mehr chäch seien, es ihnen oft fehle, sie dieses und jenes nicht mehr ertragen könnten, verlachte Eisi dieses alles, gab zu verstehen, das alles sei nur Fantast. Wohl, wenn es dr Ma wär, der Blättere wollte es aufhelfen und ihr das Gruchsen vertreiben. So und so habe es es: einen Tag oder höchstens zwei zeig es sich nicht, aber doch nicht daß es meine, es müeß im Nest liege, nur damit die Leute nicht dFreud hätten, über ihns z'räsonieren; de lay es sih wieder füre, und öppe nit viel sölle ihms agseh, was es mit ihm gä heyg. Es würd sih schäme, so nötli z'tue und muetwillig Köste z'mache. Mit Esse und Trinke, selb sei wahr, borg es nicht, es mein, das sei witziger als ds Geld dm Dokter nahzbänggle, wo ke Hung sust nüt drvo heyg. Man sieht, Eisi war eine sehr würdige Repräsentantin der neusten Aufklärung und zwar eine sehr konsequente, die nicht bloß meinte, es gebe bloß eine Ansicht über Philosophie, Religion, Politik, Literatur, Humanität und Gewerbsfreiheit und wer die eine rechte Ansicht nicht habe, sei e Böff, e Möff oder e Tüfel, sondern diesen hohen Grundsatz, daß es nur eine Wahrheit gebe, auch auf das Kindbetten ausdehnte und behauptete, Kindbetten sei Kindbetten, und wie es gehe, habe es mehr als ein halbdutzendmal erfahren u wüß afe, wies gang u was me erlyde mög u was nit, da söll me ihns nit brichte. Öppe es arms Mannli chönn me für e Narre ha, selb wohl, oder öppe son e Dokter, won e Brülle trag, damit me ihm dr Hunger nit agsäch. Aber es wisse es wohl, es gebe dere Weiber und nicht wenig, wo die größte Freude daran hätten, nötlich zu tun und z'gruchse, wie wenn si ufgeiste wette, und hingerdry ne la ufzwarte, daß es dr Ma fast i dLuft spreng und er doch nüt säge dörf, wenn er nit well e wüeste Hung sy. Aber wohl, sellige Wybere wollte es dr Marsch machen, es gheyte ihnen sy armi türi e Züber Wasser vom Brunne is Bett, es nähmts doch de notti wunger, ob sie ds Nest lüpfe chönnte oder nit.

Man kann sich denken, wie Eisi bei solchen modernen und radikal-toleranten Ansichten die Gunst der Weiber erwarb und was sie von ihm sagten und wie sie über ihns pülverten, daß es ihnen die Männer aufweise. Vielleicht klagten sie mit Unrecht, denn wirklich hörte man bis dato nicht, daß einer den Züber kalten Wassers in Anwendung gebracht hätte.

Jedenfalls vertrieb Eisi auf diese Weise viele Gastig und zwar die, welche nichts aufschreiben ließ, sondern bar zahlte, und solche Gastig ist nicht unkommod.

Was ihnen aber am meisten schadete, das war eine edle Brust, welche eben auch von dem Drange schwanger ward, das Heil des Vaterlandes zu fördern und zu äufnen, Europas Kultur zu fördern, die Wunden der Menschheit zu mildern, ihre Bedürfnisse zu stillen. Diese Brust, die edle, fand, es sei schreiendes, himmelschreiendes Bedürfnis, gegenüber Steffen noch eine Speisewirtschaft zu errichten; geschehe es nicht, so sei das Heil, die Freiheit der Welt gefährdet, denn das sei doch ein himmelschreiender, verfluchter Zwang, daß wenn einer durstig werde, ein Wirtshaus suche, er bloß eines rechts sehe, keines aber links. Da sei er ja gezwungen, rechts einzukehren, habe gar keine Wahl, das sei eine entwürdigende Nötigung, eine widernatürliche. Habe doch Gott unser Herr selbst die Sache ganz anders geordnet und den freien Willen geschaffen und demselben allenthalben zwei Wege aufgetan, einen rechts, einen links, und alle Menschen, Heiden und Türken, seien frei, könnten wählen rechts oder links, obs dann wohl eines freien Bürgers des Kantons Bern, des ersten in der Eidgenossenschaft, würdig sei, nicht wählen zu können, sondern rechts zu müssen, wenn er durstig sei, in Steffens Gasthof, wo der Wein schlecht ist, die Frau hochmütig, man für ein Brägelwürstli zehn Kreuzer zahlen müsse, während es für zwei Batzen auch gegeben werden könnte, wo man an alle Fische Sauce mache, an die einen eine von Mehl, an die gebackenen eine von Anken, daß sih dr Tüfel dra zTod fresse könnte, u wo me Käs heyg, daß es e Schang un e Spott syg un dHüehner dr Dürlauf überchöme drvo, e Käs, wo eim nit ume dr Dürlauf mach so gradane, sondern es gschwulles, großes, verfluechts Mul, daß me längs Stück nit wüß wohi mit, un de es ganz chlys Herz, daß me niene warte dörf, gäb wie liecht dr Luft gang. Durch solche edle Betrachtungen bewogen, fand einer sich gedrungen, gezwungen, wie gesagt, zum Heil Europas akkurat links von Steffen noch eine Speisewirtschaft zu errichten. Von allen Seiten bestätigte man ihn in seinen Ansichten über das Bedürfnis; hinter seinem Rücken lachte man über seine Verblendung. Mit Steffen fluchte man über die Schlechtigkeit des neuen Weltbeglückers, der nichts begehre, als arme Leute zu machen und Andern das Brot abzustehlen, und über die Regierung, die den Tüfel viel nachfrag, wieviel arm Lüt es gäb, vo wege, si müeß se nit erhalte; was si vom Land erpreß, bhalt si für seye selber. Indessen Fluchen half nichts und Opponieren nichts. Vorrechte seien keine mehr, hieß es. Steffen hätte sich fast den Mund verbrannt, denn wenn er sonst nicht böser Art war, so konnte er doch wüst tun, wenn er ein Glas Wein im Kopf hatte und Täubi im Leibe. Das sei mutwilligerweise den Leuten das Geld abgestohlen und sie ins Unglück gesprengt; erst mache man ihnen Mut, den Leuten z'dienen und ihrer Kummlichkeit wegen es neus Gasthus z'baue, u chum heyg me all Chöste gha u alls usgstange u lauf dSach, su reis me en angere dahere vors Brot, un ume us Bosheit, für z'luege, wie si enangere zBode mache, um de chönne z'lache, wenn sie beid über nüt chämte un em heilige Almose müeßte nahlaufe. Aber die Donnstige sölle nit chönne Freud ha; daß mes ume wüß, ke Chrüzer gäb er öppe dSach wohlfeiler, aber mache wolle er was er könne, es werd ihm so gut erlaubt sein als einem Andern.

Er hielt richtig Wort, das Publikum erfuhr die Wahrheit desselben. Durch vermehrte Konkurrenz wurden weder der Wein besser noch die Zechen wohlfeiler, man hätte eher das Gegenteil behaupten können. Man mußte den Profit an denen nehmen, denen man eine Zeche machen konnte; je weniger Gäste also kamen, desto besser mußte man niederhalten, um nicht eys Tags dBey obsig z'chehre, desto minder gut gab man den Wein. Der für das Patentsystem angeführte Grund, daß durch vermehrte Konkurrenz dem Publikum gedient und dasselbe wohlfeiler und besser bedient werde, hat sich mit seltenen Ausnahmen nicht erwahret. Also Steffen hielt sein Wort; er hielt es aber noch im andern Punkte, er machte, was er konnte. So oft es sich nur immer tun ließ, stellte er eine Extrahudlete an, einen Kegelt um Schafe oder einen Tanz um Schafe oder eine Lotterie, wo eine ausgebrannte Kerze das große Los bezeichnet, oder einen Spinnet oder einen Armbrustschießet oder eine Fischete, ein Hirsmontagspektakel, eine Kletterete, ein Sackspringet, eine Ganstödete, ein Schwinget, eine Eierauflesete oder gar Komödie, kurz was man nur ersinnen und ihm einen Namen geben konnte. Manchmal kamen viel Leute, manchmal kamen wenige, doch immer jemand, und hatte Steffen einen Spektakel gehabt, so konnte man darauf zählen, wenige Tage nachher war drüben bei Fritzli auch eine Lumpete los. Und wenn es den Leuten doch nachgrade erleiden wollte, so liefen oder schickten förmlich die Wirte den Häusern nach und luden ein, wie man zu einer Hochzeit einladet. Die armen Teufel von Wirte wollten nicht umsonst dasein; hatten sie sich für das Publikum geopfert, so war es ja auch des Publikums Pflicht, das Opfer anzunehmen, herzukommen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Es erfüllte seine Pflicht aber oft zu lässig, wie die Wirte meinten, indessen läßt sich zur Entschuldigung sagen, daß wirklich in der Umgegend das Geld rarer ward. Bekanntlich werden, wo Wölfe sind, die Schafe rar, wo viele Jäger sind, mindern die Hasen, und Kastenschwyni gibts, wo viele Mäuse sind im Spycher, zu wundern ist sich also wirklich nicht, daß das Geld rarer wird, wo viele Wirte sind und Gumene Büntel um Büntel ins Weltschland führen und dafür nichts geben als ihre Spänsüdere. Die Alten klagten bitterlich, sie wüßten nicht mehr wo nehmen, die Mütter begehrten mit den Töchtern auf, sie dürften doch wäger nicht dem Alten das Korn alles verschleifen, sonst merke er es zuletzt doch noch, u de wette si lieber nit drby sy. Die Buben klagten, die Mädchen krameten ihnen nichts mehr, die Mädchen rümpften die Nase, weil die Buben den Wein zu sparen schienen und nicht mehr darin herumflotscheten wie die Spatzen im Wasser; die Krämer wimmerten, alles wolle die Sachen dings, und suche man sich vor Weihnacht zahlt zu machen, so sei der Lohn schon eingezogen und man kriegte gar nichts, wenn nicht hie und da beim Dreschen ein Knechtlein ein Hämpfeli Korn oder eine Magd ein Schübeli Garn oder Gspinst verstoßen könnte. So klagte alles, ob mit Recht, wissen wir nicht, doch waren viele Steigerungen in der Gegend, freiwillige und andere, Scheine wurden gefällt, größere Heimat an kleinere getauscht und Holz und Wald verkauft, es weiß niemand wie viel. Es sei viel Verkehr, sagte man, lebhaft gehe es, so stark hätte es nie gehandelt, es sei viel Geld im Lande. Weiß nicht, viel Handeln ist nicht immer das Zeichen von viel Geld, oft ists gerade umgekehrt, namentlich wenn man Ursache hat zu glauben, der Wucher, der stark wieder auftaucht, habe dabei seine Hand im Spiele. Auch bei der Klasse, die nicht handelt, zeigen sich die Spuren des mangelnden Geldes in ihrer armseligen, liederlichen Kleidung, die einen Sonntag von Mittag bis am Abend glänzt, am zweiten abschießt, am dritten für den Sonntag unbrauchbar wird und in drei Werktagen total in Fetzen geht. Ehedem, wo die Mägde Kleider hatten, welche sie erst drei Jahre am Sonntag, dann drei Jahre am Werktag tragen konnten, da hatten sie Geld, brauchten nicht mit Korn oder Garn den Krämer zu zahlen und am Ende doch noch zHudels z'graten oder Meiner Gnädigen Herren Kostgänger zu werden.

So zogen die Wirte die Leute herbei, wie sie konnten und mochten; begreiflich, daß wenn sie dieselben einmal hatten, sie dieselben nicht gerne mehr fahren ließen. Es bestehen Gesetze darüber, wie lange Lustbarkeiten dauern sollen, wie lange heimische Gäste in den Wirtshäusern sitzen dürfen. Diese Gesetze entsprangen nicht aus Willkür oder Tyrannei, sondern aus einem tiefen Erkennen des Volkscharakters, einer innigen Teilnahme am Volkswohl, einer hohen Achtung vor dem häuslichen Glück, dem Hausfrieden ganz besonders.

Unser Volk ist langsam und schwer in Bewegung zu setzen, aber, einmal aufgebracht und entbrannt, ebenso schwer in Schranken zu halten oder gar zu setzen. Dieses giltet nicht bloß von politischer Bewegung, sondern auch der Aufregung sinnlicher Lust. Es besteht eine merkwürdige Verwandtschaft zwischen sinnlicher und politischer Aufregung; doch davon ein andermal. Darum tut es not, die Zeit seiner Lustbarkeit nicht zu verlängern, sondern in gewissen Schranken zu halten, so daß auch seine Freude und seine Lust in Schranken bleibt, die ihm wohltätig sind, nicht darunter geheizt und gefeuert wird, bis das Feuer im Anken ist. Wir gestehen aufrichtig, wir gehören nicht zu den Theoretikern, welche von der Mündigkeit des Volkes in der Weise faseln, daß jede gesetzliche Schranke als Bevormundung dargestellt, eines freien Volkes unwürdig erklärt wird. Wir sind der Ansicht, die schon der Apostel Paulus hegte, daß Viele die Freiheit vorschieben, um ihr Fleisch nachzuschieben, daß sie die Schranken nur wegwollen, um in keine Strafe mehr zu verfallen. Der Apostel Paulus sagt das sehr schön im Galaterbrief. «Denn ihr seid zur Freiheit berufen, lieben Brüder», sagt er, «allein ergreifet die Freiheit nicht zum Anlaß dem Fleisch, sondern durch Liebe diene einer dem Andern, denn das ganze Gesetz ist in einem einigen Worte verfasset, nämlich in diesem: Liebe deinen Nächsten als dich selbst! So ihr euch aber unter einander beißet und fresset, so sehet zu, daß ihr nicht von einander verzehret werdet! Ich aber sage, wandelt im Geiste, so werdet ihr die Lust des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch. Werdet ihr aber durch den Geist getrieben, so seid ihr nicht unter dem Gesetz. Offenbar sind aber die Werke des Fleisches: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Geilheit, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Ketzerei, Mißgunst, Totschlag, Saufen, Fressen u. dgl., von welchen ich euch zuvor sage, daß, die solche Dinge tun, das Reich Gottes nicht erben werden. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmütigkeit, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Wider Solche ist das Gesetz nicht. So wir im Geiste leben, so lasset uns auch im Geiste einhergehen!»

Wer also das Gesetz wegwill, der gehe auch im Geiste einher; tut er es nicht, so kann er nicht viel darwider haben, wenn wir behaupten, er wolle nur frei sein zugunsten seines Fleisches, er wolle die Gesetze weg, um ungestraft das Tier loslassen zu können. Ja wir sind so eigentümlich gesinnet, daß wir selbst die Regierung nicht für mündig halten. Warum sonst ihr Vormund, die Verfassung; Doch gibts bekanntlich Mündel, welche den Vormündern Nasen zu drehen wissen. Dann ist noch eins, und dieses ist die Sünde der eigentlichen Theoretiker. Sie nehmen die Menschheit als ein Ganzes an, und diesem Ganzen nehmen sie das Maß an sich selbst; wie hoch sie stehen, wie gebildet sie sind, so hoch stellen sie die Menschheit. Sie vergessen, daß die Menschheit aus tausend Millionen Individuen besteht und daß jedes Individuum nicht mit dem Stempel hoher Bildung, sondern als ein klein, hülflos Tierchen geboren wird, durchaus nicht besser, geistreicher, gebildeter, als diese Tierchen vor fünftausend Jahren geboren wurden. Sogenannt gebildete Mütter kriegen akkurat gleich ungenotete Schreihälse wie das gröbste Fischweib. Alle diese Geschöpfchen müssen erst zu Menschen gespiesen, geredet und geprügelt werden, und bei vielen ist dennoch alle Mühe umsonst in unserer aufgeklärten Zeit. Speiset, redet, prügelt man sie aber nicht, so bleiben sie ewig nichts. Das hat man vergessen und geglaubt, man bringe zur Welt, was man selbsten geworden, und was man nicht mehr nötig hätte, das glaubte man auch für die Kinder unnötig, und weil man ungerne die gute, trockne Straße verläßt, im nassen Grase wandelt oder durch das Korn sich jaget, so riß man die Zäune weg in der Überzeugung, daß kein vernünftiger Mensch fernerhin das nasse Gras der trocknen Straße vorziehen werde. Das ist die heillose, anmaßliche Beschränktheit der sogenannten Aufklärung, die nur ein Maß für alles hat, warum auch so viel zottige Ungeheuer herumlaufen, aus welchen man gar nicht klug wird, ob sie zu den Vögeln oder den Säugetieren gehören: hinten Haar und vornen Haar, Beine wie Storchen, stogeln damit wie Kamele, schnaufen wie die Bären, haben Glas vor den Augen, graue Deckel auf dem Schädel, sehen aus wie hungerige Wölfe, schnappen nach Fleisch wie Haifische, gebärden sich überhaupt wie im Wald der Wolf, im Wasser der Hai. Regeln kennen sie keine, aber was sie können, das machen sie. Dann gibts noch eine Sünde, welche namentlich an den Juristen auffällt. Alle ihre Schwächen suchen sie in die Gesetzgebung einzuschmuggeln zum Heil der Menschheit. Ihre Schwächen und Sünden nennen sie erst mit sehr milden Namen, haben dazu noch tausend Milderungsgründe, dann bugsieren sie die Strafen weg, und endlich, wer alt genug wird, kann es erleben, werden sie ihre Laster als Tugenden sanktionieren und durch das Volk sie belohnen, mit Prämien und Orden verbrämen lassen, exempla sunt odiosa. «DSach ist, aber mi sött nit drvo rede, mi lähmt sust dRegierig», meinte jüngst eine Majestät in ihrer gstabeligen Logik.

Dieses gefällt uns nicht, wir sagen es aufrichtig, wir glauben, die Menschen hätten immerdar Schranken nötig, und gerade das junge Volk, gerade es habe nötig, daß man es heimschicke zur Zeit, ehe das Tier in ihm erwacht und losbricht, erst mordet, dann im Kote sich wälzt. Wir meinen also, gesetzliche Schranken hätten wir immerdar nötig; zur Freiheit seien wir alle berufen, zu dieser Freiheit gelangten wir aber nur durch Zucht. Die zunehmenden Morde, die überhandnehmende Sauferei sind Folgen einer Freiheit, welcher keine Zucht vorangegangen. Diese Zucht wird aber auch durch das Volkswohl gefordert. Wir sind von Natur ein armes Volk; der Himmel gibt uns nichts im Schlafe, aber unter diesem Himmel müssen wir brav essen und warm gekleidet sein, wenn es uns wohl gehen soll. Um dieses zu können, müssen wir hart arbeiten, und um hart arbeiten zu können, müssen wir gesund schlafen und die gehörige Zeit, um früh aufstehen zu können mit klarem Auge, gestärktem Körper und munterer Arbeitslust. Wer dagegen schwärmt bis in die tiefe Nacht hinein und gegen Morgen erst taumelnd zu Bette geht, taugt am folgenden Tage nichts, und wer es alle Tage so treibt, taugt alle Tage nichts. Das Blaumachen der Handwerksgesellen ist ein klar Zeugnis dieser Wahrheit, und das Schöppeln der Meister, das alle Tage strenger getrieben wird, bis endlich alles den Hals ab ist, ist ebenfalls ein Zeugnis.

Wenn man Tabellen aufnehmen wollte, wie jetzt, da die Leute nichts mehr in den Köpfen haben, Mode ist, hat man dann doch wenigstens etwas Volles, nämlich eine Tabelle über die zugrunde Gegangenen, so würde man in gewissen Kreisen als feststehende Regel finden, daß weitaus die Meisten am Höckeln in den Wirtshäusern über Gebühr zugrunde gegangen; ein Schoppe zog den andern nach, bis zuletzt alle Schoppen den Mann. Wo in dieser Beziehung keine Gesetze sind, muß man den Mangel an Verstand bedauern, wo aber Gesetze sind von verständigen Leuten her, welche sich um Volkswohlfahrt kümmerten, da kann man nichts mehr bedauern als die Demoralisation derer, welche Gesetze handhaben sollen und es nicht können, an welche Impotenz sich die Demoralisation des Volkes knüpft, an welcher auch eigentliche Bildung und Aufklärung scheitert; denn es ist schon gezeigt worden, daß die Speisewirtschaftsbildung nicht bloß falsch sei, zur echten sich verhält wie eine Glasperle zu einer echten, sondern daß sie derselben durchaus verderblich ist, der Wurm in edler Frucht. Nicht durch Kneipen ist das Bernervolk reich geworden, sondern durch Arbeit; eine Regierung, welche den umgekehrten Weg einschlägt, sieht nicht klar, hat Glas oder sonst was vor den Augen, denkt nicht klar, hat einen grauen Deckel auf dem Schädel oder sonst Filz ums Hirn. Aber eine Sünde zieht die andere nach, das ist eine alte Erfahrung, sie datiert sich von Adam her.

Durch ein Gesetz hat man eine Masse Wirte geschaffen, sie sind emporgeschossen wie Pilze auf dem Mist, wenn schlecht Wetter vor der Türe ist; sie haben ihr Geldlein auf die Einrichtung verwandt, haben Geld dazu noch aufgenommen. Der Staat zieht ein Schönes aus ihnen; jedes neue Etablissement repräsentiert dem Staat durchschnittlich den Wert eines Kapitals von fünftausend Franken. Der Staat ist also so halb und halb Miteigentümer der Etablissemente, bei ihrer Erhaltung also interessiert, so wie er Schöpfer, Vater der neuen Wirte ist, welche er geschaffen. Wo ist nun ein Vater so unbarmherzig, daß er sein eigen Kind verhungern läßt, daß er nicht auf jegliche Weise dasselbe zu erhalten sucht, sollte es selbst auf Kosten Anderer sein. In unverhältnismäßiger Zahl hat der Staat die Wirte gezeuget, so daß, wenn die Konsumation in den Wirtshäusern die gleiche geblieben wäre, vielen Wirten der Hungertod nicht gefehlt, dem Staat ein Kapital nach dem andern verloren gegangen wäre. Man mußte also direkt oder indirekt dafür sorgen, daß in den Wirtshäusern mehr verzehrt wurde, das Publikum zur Erhaltung von Wirten und Wirtshäusern größere Summen beitrug. Wenn also recht viel betrieben wurde, in den Wirtshäusern allerlei Extralockvögel hergerichtet, so machte das schon etwas. Die ergiebigste Quelle war aber doch die, die Wirtshauszeit zu verlängern, ja sie unendlich nicht zu machen, aber unendlich sie werden zu lassen. Alle Tage einige Stunden länger wirten will schon an sich was sagen, aber noch weit mehr, wenn man bedenkt, daß der Wein so viele Leute je länger je besser dünkt, je mehr sie trinken, daß je mehr sie trinken, um so mehr alle Bedenken, Sparsamkeit und Mäßigung schwinden, die Größe der Ürti einen nicht mehr kümmert. Wenn man die Summe berechnen könnte, welche nach zehn Uhr vertan wird, die Arbeit berechnen könnte, welche am folgenden Tag weniger verrichtet wird, es würde Vielen grauen über die Größe dieser Summe.

Die Beschränkung der Zeit scheint nötig zum häuslichen Glück, für Erhaltung des Hausfriedens. Das Weib ist die Gefährtin des Mannes, aber nicht seine Sklavin; sie hat dem Mann ihre Freiheit geopfert, aber auch der Mann soll um seine Freiheit Schranken ziehen und opfern auf dem Altare ehelicher Liebe, was die Würde des Hausvaters nicht verträgt, was des Weibes Liebe verzehren würde.

Der Hausvater ist des Hauses Hort; die Nacht ist keines Menschen Freund; des Hauses Hut soll der Hausvater nicht dem Weibe überlassen, nicht nächtliche Wege soll er gehen, er sei denn durch Amt und Pflicht gerufen; er soll der Hüter seines Hauses sein, die rechte Besatzung eines christlichen Hauswesens. Was ist das für ein Mann und Vater, der halbe Nächte außer dem Hause zubringt, schlemmt, spielt, trinkt und wer weiß was alles treibt; der ist kein christlich Haupt eines christlichen Hauses. Was muß es für das Weib sein, wenn es daheim alleine ist, wenn nach und nach alles zu Bette geht, der Schlaf über eins nach dem Andern kömmt, aber es, das am frühsten auf war, das schwerste Tagewerk hatte, es kann nicht zu Bette oder kann im Bette nicht schlafen; heim ist der Mann noch nicht, und wie er heimkömmt, weiß es nicht. Wenn draußen ein Ton laut wird, so fährt es auf: «Ists ne! Aber nit»! seufzt es dem verhallenden Tone nach und läßt das Haupt wieder sinken ins tränenfeuchte Kissen, und was alles für Empfindungen und Gedanken leuchten züngelnd und feurig durch die Nacht seines Jammers, wer will uns das erzählen, uns vor das Gewissen legen den Schmerz christlicher Hausmütter, deren Männer ausgebeutet werden an Leib und Seele, damit die Wirte nicht verhungern, dem Staate die Patentgebühren nicht mindern!

Dieser Schmerz, ein glühend Eisen in des Weibes Herz, scheint wohl auch von außen mit dunkeln Schlacken belegt: mit Ärger, nicht ungestört ruhen und schlafen zu können, mit Eifersucht, welche alle Männersünden vor des armen Weibes Auge zitiert, mit Groll, daß der Mann für sich alleine das Geld brauche, welches sie gemeinsam verdient. Aber inniger glüht das Eisen, tiefer zuckt das Weh. Es weint das Weib, daß die eigene Liebe so schwach geworden, daß sie den Mann nicht zu halten vermöge, daß sie sein schützender Engel nicht mehr sei, daß sie ihm lästig geworden, er ihr zu entweichen suche, als ob ein schaurig Wesen sie wäre. Es weint aber doch über diese verschmähte Liebe am innigsten und bittersten, nicht über das eigene Weh, sondern über das Elend, in welches der Mann versinkt, welches ihn verschlingen wird; es ist die Liebe, welche über Jerusalem weinte, die zu schwach zur Rettung verblendeter Geliebten sich fühlt. Es weint das Weib über seine Kinder, die zu Waisen werden bei Lebzeiten des Vaters noch, denen jetzt schon die väterliche Hut fehlt, später des Vaters Vorbild und Kraft, denen der Vater zum Apollyon wird, zum Verderber, wenn auch nicht ihrer Seelen, doch ihres bürgerlichen Daseins. Es weint das Weib über des Hauses Ehre, welche durch nichts mehr gefährdet wird, als wenn der dunkel und befleckt wird, der des Hauses Sonne sein soll; es weint, daß es die Leute nicht mehr ansehen darf mit dem glücklichen Blick eines auf den Mann stolzen Weibes, daß es zittern muß, wenn die Kinder unter die Leute gehen, man halte ihnen den Vater vor und seinen heillosen Wandel, und heimkämen dann die Kinder und frügen: «Muetter, o Muetter, was ist o mit dm Vater? DLüt hey is ne geng für.» Und wenn es endlich zu poltern kömmt, wie ein Roß, das abgekommen im Stall, oder zu schleichen, wie die Diebe schleichen, wenn sie stehlen wollen, das Weib lange nicht weiß, ists der Mann oder ein Schelm, dann noch freundlich tun soll oder nichts merken soll und kein Auge schließen kann, bis an die Fenster der Tag klopft, was muß dann das für ein Tag werden, wie fröhlich werden die Gesichter sein, wie freundlich die Rede, wie munter die Arbeit durch die Hände fließen? Was wird sich da ansetzen in den Herzen, was werden die Kinder sich erlauben, was wird das Gesinde machen?

Wenn die Regierung sich emanzipiert von der Handhabung der Gesetze, der Hausvater von der Haltung der Gesetze, so folgen alle andern Emanzipationen nach, und wenn alle Emanzipationen vollendet sind, was ist dann das Ende, und wer hat den Anfang vom Ende gemacht, he? Und so ein unglücklich Hauswesen wird gemacht, man weiß nicht wie. Der Mann ist nicht böse, aber dem Auslachen widersteht er nicht. Ists Zeit zum Feierabend und er will aus dem Wirtshause heim und man lacht ihn aus, hält ihm vor, wie er vor seiner Frau sich fürchten müsse, wie sie ihn ausklopfe, wenn er nicht heimkomme, so dürfen die Wenigsten gehen, wenn sie auch gerne wollten, sie bleiben, es bildet sich eine Gewohnheit, aus dem Verspotteten wird selbst ein Spötter, nach einigen Jahren ists unvermerkt einer geworden, der Familie, Leib und Seele aus den Augen verloren, Sklave einer Gewohnheit geworden ist. Wäre aber einer dagewesen, der gesagt hätte: «Jetzt geht heim, es muß sein», die Gewohnheit hätte sich nie gebildet, es wäre eine Ehe glücklich geblieben, ein christlich Hauswesen aufrecht, zu Fötzeln wären ein Dutzend Kinder nicht geworden. Und wer hat sie dazu gemacht, he?

Wer nur auf seinen grünen Sessel sitzt und auf demselben manövriert nur zu dem Zwecke, daß er auf demselben sitzen bleibe, wie ein Seiltänzer auf dem Seile balanciert, damit Hals und Bein ihm ganz bleiben, der begreift nie und nimmer, was rund um ihn vorgeht, weil er eben nur zu seinem Hintern sieht, daß dieser warm bleibe und im grünen Nest (wie wärs, wenn man die Sessel halb gelb, halb schwarz überziehen ließe, so daß Gelb den bedeutete, der darauf sich setzt, Schwarz das Volk, welches die Sessel zahlte und entgelten muß, was der Gelbe macht?). Der sieht das unendliche, in die kleinste Hütte gehende Elend nicht, welches durch die noch dazu dem Staate zu verzinsende Zügellosigkeit entsteht, der kümmert sich überhaupt ums Volk nicht, höchstens benutzt er es ungefähr wie eine Zigarre – er nimmts ins Maul und sugget daran, bis er hat, was er will. Der weiß nichts vom Volkscharakter, nichts vom äußern Volkswohl, welches in der Hablichkeit besteht, nichts vom innern, welches aus dem christlichen Hause kommt, in welchem christlicher Sinn und christlicher Friede ist, der weiß gar nichts, als woher der politische Wind weht. Man tut solchen Menschen, welche zumeist die Nase sehr hoch tragen, beiläufig gesagt, häufig sehr unrecht, wenn man der Nase wegen meint, sie seien stolz, sie winden halt nur. Solche Leute trampeln im Volksleben herum wie Ochsen im jungen Klee, die Ochsen gehen am Blähen zugrunde, der Klee ob dem Trampeln der Ochsen.

Wir sagen es daher offen und frei: das wahre Volkswohl beruht nicht auf Zügellosigkeit, geistiger und leiblicher; die wahre Freiheit beruht nicht darauf, daß dem Zügellosesten am meisten erlaubt ist, überhaupt jedem, so viel er will; die wahre Bildung ruht nicht auf hohler sogenannter Sekundarbildung, auf kurzen Speisewirtschaftsphrasen, das wahre Christentum nicht auf einer Aufklärung, wie sie zwischen zehn und zwölf in allerlei Wirtschaften betrieben wird wegen den durchschnittlichen zweihundert Franken. Wir sagen offen und frei: der Reichtum und das Übergewicht des Kantons Bern wuchs nicht aus diesem Boden. Wir wissen, der alte Boden bedurfte der Veredlung. Wir sagen aber offen und frei: wer, statt ihn zu veredeln, des Bodens Üppigkeit zur Aussaat von Unkraut benutzt oder, statt ihn zu veredeln, ihn verwildern läßt, der verdiente, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt würde, denn von ihm kömmt Ärgernis für Klein und Groß.

Das Volk besteht nicht bloß aus Wirten und der Bevölkerung ihrer Wirtschaften, wie man in jüngster Zeit zu glauben scheint, sie besteht auch aus Weibern und Kindern, aus Vätern und Müttern; die wahre Bildungsstätte ist nicht, wie ein Wahn der jungen Zeit zum Fluch des Volkes glaubt, das Kaffeehaus, sondern das Familienhaus, nicht die Speisewirtschaft, sondern die Hauswirtschaft. Die alten Gesetze wahrten des Hauses Heil und Segen, ehrten des Hauses hohe Bedeutung; junge Gesetze darüber haben wir noch keine, aber junge Geister scheinen sie stillschweigend beseitigen zu wollen. Das wäre entweder anarchisch oder jesuitisch oder vielleicht auch beides zugleich.

Doch unser Steffen war kein Jesuit, er hatte nicht einmal rote dicke Vorhänge vor seinen Fenstern, er hatte großen Glauben an die Menschheit; er täuschte sich auch nicht, denn er wurde bloß zweimal gebüßt, das erstemal um acht Franken, das zweitemal um vier Franken, von spätern Anzeigen erfuhr wenigstens der Schulseckel nichts.

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