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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Sechstes Kapitel

Von den Flitterwochen einer Wirtschaft, und wie sie ein Ende nehmen

Während sie also sich fortbildeten, ihre innersten Angelegenheiten auf die beschriebene Weise sich gestalteten, bekam auch ihr Haus eine bestimmte Form, es bildeten sich ihre auswärtigen Angelegenheiten.

Es gibt verschiedene Arten von Flitterwochen, hochzeitliche und andere. Einem Handwerker, Arzt, Advokat usw. bringt der Anfang ihrer Laufbahn keine Flitterwochen; in der Regel haben diese in den ersten Jahren bös, treffen es schwer, kriegen schmale Bissen, müssen mit der größten Anstrengung arbeiten, um ihr Schiffchen flott zu machen. Polizeier, Mauser und Wirte hingegen haben ihre Flitterwochen, und beim Anfang ihrer Laufbahn ist der Himmel zumeist ganz rosenrot. Den neuen Polizeier will jede Frau kennen lernen und Bekanntschaft mit ihm machen, man weiß nie, wofür so was gut sein kann, ruft ihn hinein und schenkt ihm ein Brönz ein. Mit dem neuen Mauser gibt sich der Bauer ab, brichtet ihn über der Mäuse Lauf und macht ihn geneigt, seinen Acker in besondere Obhut zu nehmen. Zum neuen Wirt dagegen will alles, Alt und Jung, Bauer und Bäuerin, es nimmt alle wunder, wie es dort sei, ob man für drei Kreuzer ein Brösmeli Fleisch mehr bekomme oder weniger und ob man die Schoppen fülle bis über den Strich oder bis unter den Strich. Zu der vielen Gastig kommt dann eben noch, wo nämlich, wie oben angezogen, kein Verlust zu erwarten, der Wirt solid ist, der große Kredit, der Zudrang der Gumene, das Gehätschel, das Geschmeichel, daß der Wirt ordentlich in den Wahn kömmt, er tue ihnen einen Gefallen, erweise ihnen eine Ehre, wenn er den Wein hinnehme ganz umsonst. Von wegen, sie haben es ihm hundertmal gesagt, sie handelten gar nicht ums Geld, nicht des Gewinns willen, sondern rein für die Ehre, um des Namens willen.

Was will nun ein Wirt mehr als Geld genug, Kredit genug, Wein und Gastig, daß man nicht weiß wohin damit? So hat er seine Flitterwochen so schön und rosenrot wie selten ein Menschenkind. Aber wie Morgenrot Abendkot bedeutet, so ists mit den Flitterwochen auch nicht richtig, und je heller sie leuchten, desto gefährlicher sind sie. Von wegen der leichtsinnige Mensch nimmt das Glück gar zu sicher, meint, er habe schon, was er erst gewinnen soll. Es heißt im Evangelium, der Weg sei breit, der ins Verderben führe, und eng und schmal der Weg, der ins Himmelreich führe. Es ist im Weltlichen was Ähnliches; schwerer Anfang ist zumeist zehnmal heilsamer als leichter Anfang, wo das ganze Leben wie eine Küchelschnitte den Menschen vor dem Munde herumzublampen scheint.

Steffen und sein Eisi genossen diese Flitterwochen ziemlich lange, denn lange entriß sie niemand dem Wahne, daß man ihnen alles bloß zLieb und zEhr geliefert; lange machte niemand ihnen den Verstand, daß man gerne auch Münz möchte. Lange eiferten die Gumene um die Alleinherrschaft im Keller auf der Gnepfi, um des Wirts ausschließliche Liebe und lieferten den Wein so gut, daß ihnen das Herz darob blutete. «Ma fois», sagte mancher, «Ihr mögt es mir glauben oder nicht, aber den Wein, den Ihr da habt für zwanzig Kreuzer, den kriegte Keiner für fünfundzwanzig Kreuzer und dann nicht einmal so, wie Ihr ihn habt, er bekommt noch eine gute Portion Achtundzwanziger dazu.» Nach und nach änderte sich das Ding doch, und Steffen lernte fassen, daß er dSach nicht umsonst hatte und die üblichen Termine längst vorüber seien, die Geduld der Weinherren nicht unendlich, sondern endlich sei wie alles Irdische. Aber lustig war es, wie sie dem Steffen diesen Begriff beibrachten, ihn fortbildeten. Der eine fragte, ob nichts für ihn abgegeben worden sei, es habe ihm ein Kunde versprochen, eine Zahlung hierher zu senden. Als nichts da war, fluchte er mörderlich, daß kein Geld eingehen wolle, und seine Herren erwarteten ihn mit wenigstens vier- bis fünftausend Franken. Ein anderer erzählte von einem Kunden, der verdammt prompt zahle, bei dem das Geld immer gerüstet sei, ehe er komme. Ein anderer erzählte von Streichen und Kniffen, die er bei einem Wirte anwenden müsse, um zu seinem Gelde zu kommen. Dä Ketzer heygs, aber er chönns nit la, es sei, als ob der Alte Harz im Hosensack hätte, und so mit der Türe ins Haus fallen tue man auch nicht gerne, es sei nicht der Brauch und gebe einem den Schein, wie nötig man das Geld hätte. Wenn sie Steffen auf diese Weise so recht viel Verstand eingeschmiert zu haben glaubten, so drängten sie zu neuen Bestellungen, und wenn dann Steffen sagte, er sollte denk doch einmal den Alten zahlen, ehe er Neuen bestelle, so sagten sie nicht mehr: «Pardon, das ist nit dr wert, wartet noch, zahlet mir dann den Alten und Neuen zusammen, das ist dann ein schönes Nehmen», sondern sie sagten: Eigentlich pressiere es gar nicht, aber wenn es ihm nichts mache, so nähmten sie nicht ungerne Geld, sie seien schon vier Tage auf der Reise, noch sei ihnen kein Kreuzer eingegangen, und in drei Wochen hätten sie große Zahlungen zu machen, und wo sie das Geld hernehmen wollten, wüßten sie, hol sie der Gugger, nicht. Wenn es ihm also gleich sei, so wollten sie geschwind ihr Carnet holen. Oft geschah es, wenn der Gumi mit dem Carnet wiederkam, daß Steffen vor dem Bureau zappelte oder fluchend im Hause herumlief: «Wo diese und ayne hat man mir doch das Papier hingetan; es ist e Brief gsi, nit gar e große, oder ume son es Blatt un uf bede Syte neuis druf!» Aber alles Rufen und Suchen war zumeist umsonst, das Papier war längst den Weg alles Fleisches gegangen. Steffen war an Ordnung nicht gewohnt, ließ zumeist alles, was er bekam, herumliegen lange Zeit, manchmal vergaß er es ganz, manchmal, wenn er ohnehin übers Bureau ging, fiels ihm ein, er könnte es doch weglegen, es ginge jetzt in einer Mühe; dann war es gewöhnlich nicht mehr da, und gäb wie er suchte und sagte: «Es ist doch erst noch dagewesen, da ist es gelegen», oder: «Ich habe es gesehen, dr Ruedeli hets i de Fingere gha», so kams doch nicht wieder zum Vorschein. Deswegen hängte sich Steffen nicht; er dachte: I Gottsname, es wird öppe nit sövli mache, son es Papierli wird öppe nit sövli z'bidüte ha!» Kinder haben keinen Respekt vor Papier, wohl aber große Lust dazu; wo sie dessen habhaft werden können, da greifen sie zu, und Eisi hatte noch weniger Respekt als die Kinder und griff noch gieriger darnach als die Kinder. Es ist sehr oft in einem Wirtshause eine große Papiernot, man sollte deren haben, schießt in allen Stuben herum und findet keins, schreit alle Leute an: «Weiß mr nit öpper es Bitzli Papier?», und niemand hat, und jeder sagt: «Hätts längst brucht, wenn ih hätt», und wenn man in solcher Not Papier sieht, so fragt man nicht lange: «Wem ists?» und: «Was ists?», sondern man nimmts. Bald will eine Frau Speck und sagt: «Heyt dr mr nit öppe es Fätzli Papier für ne dryznäh?», bald sollte man einen papiernen Zapfen in eine Strohflasche haben, bald ein halb Pfund Käs einpacken, bald Göllerketteli ylyre, die man dem Gürtler zum Ausputzen geben will, kurz der Verbrauch ist groß und der Zufluß klein; denn woher sollte in ein Wirtshaus Papier kommen, ausgenommen von einer Zeitung oder dem Amtsblatt, wenn man so was nämlich hat, was nicht immer der Fall ist.

Der Schade schien nicht groß. Steffen verließ sich auf des Gumis Carnet, dort werde es schon recht aufgemacht sein, sagte er. Ja, als einmal das Zahlen anging, da fluchte Steffen manchmal, es wolle gar nicht mehr aufhören, u ey Donnstig, der Geld wolle, hange am andern. Da bösete es dem Schublädli, und manchmal, wenn sie zMärit wollten und Steffen darüberging und dann Eisi auch noch, mußte es die Silberstücke aus den Ecken räumen.

Es bösete aber auch noch mit zwei andern Sachen. Die Leute klagten, es sei bei Steffen gar nicht mehr der gleiche Wein, er stelle oft Rustig auf, die chum e Hung sufe mög; und ganz unrecht hatten die Leute nicht.

Da die Gumene sahen, daß keiner von ihnen ganz Meister werden konnte, immer Hans oben im Dorfe war, der gerade da war, und wenn morgen ein anderer kam, derselbe ebenso viel galt, so dachte jeder, pardieu, er wolle nicht länger dr Narr machen, sondern was die Andern, das heißt was er könne und möge. Er verkaufte ihm also auch Orbewein für Epesser, eine Mischung Grandsonwein mit Picardan für Vierunddreißiger, Wein von Finsterhenne oder Grissecher für Extra-Neuenburger, Höllensteiner mit etwas Elsässer für herrlichen Markgräfler, rots Wasser mit fünfundzwanzig Prozent Weingeist und einer künstlichen Weinchust für vom feinsten französischen Wein, aber wo er gewachsen, könne er beim Hagel nicht mehr sagen, verkaufte ihm den Wein aus den großen Spänfässern, in welche die Weinhändler alle möglichen Restchen werfen, in denen eine ärgere Mischung stattfindet als in einer sogenannten Bataille- oder Bettlersuppe, welche auch aus dem Weltschland stammt, wo er wohl klar und prächtig herausläuft, aber wenn man ihn nicht rasch braucht, alle möglichen Farben kriegt, fast wie der Regenbogen, und alle möglichen Chüste, fast wie Schüttsteinwasser, doch nicht ganz, verkaufte ihm alles, was er konnte, und fluchte dazu: Wenn Steffen an einem Orte besser als bei ihm versorget sei, so solle er ihm Schelm sagen; und wenn der Preis bei der Bestellung mit der spätern Note nicht übereinstimmte, so mußte entweder Steffen kein gut Gedächtnis haben oder der Gumi hatte gefunden, aus einem andern Faß schicke sich der Wein viel besser für das, wo Steffen ihn wolle, er habe ihm daher von dem geschickt und statt einem Halbbatzen mehr, wie es eigentlich gewesen wäre, nur einen Kreuzer mehr per Maß notiert.

So ging es Steffen mit dem Wein, und er merkte es nicht einmal recht, von wegen, Kenner war er nicht, wie schon gesagt worden, und wenn er auch zuweilen mit einem andern Wirte zusammensaß, die Nase übers Glas hatte, das Maul dreinhatte und mit der Zunge schmatzte, das Glas dem andern Wirte reichte, der es auch so machte, Beide dann mit tiefsinnigen Blicken einander ansahen, bis endlich einer sagte: «'s ist Sechsunddreißiger Lacôte, aber no neuis drin, ih cha ihm jetz nit grad dr Name gä», so hätten sie die spöttischen Blicke des Gumi sehen sollen, mit denen er ihren Orakelsprüchen zuhörte und an ihren tiefsinnigen Gesichtern sich erbaute, denn es war wohl neuis drin, aber weder Sechsunddreißiger noch Lacôte.

Kannte er den Wein nicht, so wußte er noch weniger mit demselben umzugehen, er wußte gar nicht, was saubere Geschirre zu bedeuten hätten, ließ sie wohl ungeputzt leer stehen oder vergaß sie geputzt, aber ungebrannt, brannte sie später ein, merkte nicht, daß sie grau waren, schüttete nach einigen Tagen oder Wochen Wein hinein, ohne ihren Zustand zu bemerken; sie seien erst geputzt worden und würden wohl gut sein, sagte er. Ebenso wenig hatte er einen Begriff von den Mischungen. Nicht daß er apart Mischungen machen, künsteln wollte, dazu war Steffen zu träge, aber wenn er Wein kriegte, so mußte er demselben oft Platz machen, da warf er dann unbesinnt die Reste zusammen, mochten sie Namen haben, welchen sie wollten, dä Donner werd öppe enangere nit fresse u sih wohl stillha da im Faß inne, meinte er. Markgräfler, Grandsoner, Spänsuppe, Längnauer, Oberhofer, wohl gerüttelt, gaben einen Trank, wo man die Lippen lange schlecken mußte, ehe man die Chust vertrieben hatte. Wenn er zuweilen, was aber selten geschah, denn Steffen meinte, das Abziehen trage nichts ab, von wegen, es gehe immer dabei verloren und der Wein werde es wohl auch haben wie dLüt, wenn sie einist ligge, so sei ihnen am basten, wenn man sie lasse ligge – wenn er also zuweilen den Küfer zum Abziehen hatte, so wollte der auch was wissen, von wegen er hatte in Vivis gearbeitet und, wie er sagte, dort manches gesehen, woran key Mönsch denk, gab dieses und jenes an, und das komme sy Seel gut, er sei einem gut dafür, sagte er. Steffen ließ ihn gewähren, meinte, es sei so, ja er stellte sich manchmal, als hätte er das eigentlich auch gewußt, aber nur nicht Zeit gehabt, dra z'sinne.

Steffen mußte endlich merken, daß die Leute oft über den Wein gränneten, wollte aber nicht schuld daran sein, sondern gab die Gumene an die Achs. Den Wein hätte er gut bestellt, sagte er, und mehr könne er doch nicht daran machen; wenn er ihm so gekommen wäre, so würde wohl niemand klagen, aber ihn selbst machen, das sei ihm nadisch unmöglich. «Warum gehst nicht selbst yche!» sagte man ihm dann; «wenn ich dich wäre und Geld hätte wie du, so wollte ich doch nicht den Speck von den Mäusen kaufen, ich ginge selbst hinein und wollte kaufen, was mir anständig wäre, und nähmte gleich den Zug mit, ja potz, das täte ich!» Das wurde Steffen so oft gesagt, bis es ihm endlich wirklich in den Kopf stieg und er mit noch zwei anderen Kameraden eine Weltschlandreise verabredete und wirklich auch machte. Drei dicke Wirte auf einem Sitz machten viel Aufsehen, erlebten viele Abenteuer, welche wir hier nicht beschreiben wollen, rühmten ihre guten Schicke, und doch hörte man nicht mehr, daß Steffen eine zweite Weltschlandreise gemacht habe.

Es bösete drittens aber noch mit der Gastig, und das ist das Böseste von allem; denn wenn die Gastig die gleiche bliebe, so könnte der schlechter gewordene Wein dem Wirt ziemlich gleichgültig sein, Schaden hätte er nicht davon.

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