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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Wie die altväterischen Geister Meister werden und auf harten Tag ein schöner Abend kommt

Der Götti war nicht der Mann, welcher einer Sache, die im wachsenden Schaden lag, untätig zusah oder den Glauben hatte, wenn unser Herrgott es anders haben wolle, so werde er es schon anders machen. Er hatte den Glauben, unser Herrgott mache, was wir nicht machen könnten; was wir machen könnten, wozu er uns die Kräfte gegeben, das überließe er uns ganz und gar und rühre keinen Finger dafür. So habe unser Herrgott die Erde geschaffen und die Sonne dazu, ließe regnen und gebe den Tau, von wegen, daran könnte der Mensch nichts machen, weder mit seiner Kunst noch mit seiner Weisheit, er habe die Samkörner alle gemacht, dieweil er wohl gewußt, daß weder ein Schreiner noch ein Drechsler oder gar ein Chemiker, ja gar kein Hexenmeister je eins derselben werde machen können, welches da Leben gewinne in der Erde Schoß, in Regen und Sonnenschein. Aber bauen die Erde, säen den Samen, das müßten wir, müßten die Erde lockeren, daß Sonne und Regen in sie dringen könnten, müßten den Samen bergen unter die Erde vor der Vögel Gier, müßten säubern die Saat, daß unter Dornen und Disteln sie nicht ersticke. Das wußte der Götti, auf sein Wissen war sein Glaube gebaut, und nach seinem Glauben handelte er, und dieses geschah in drei Tempo: erst überlegte er reiflich, dann besprach er es mit seinem Muetterli weislich, und mit Kraft und Ernst führte er es aus schließlich.

In einer günstigen Stunde, welche sich ihm jetzt nicht alle Tage gab, wo kein fremdes Ohr in der Nähe war, sagte er zu seinem Muetterli: «Los, ih möcht neuis mit dr rede, es drückt mih neuis, u länger chas nit so gah.» «Weiß scho, was de säge witt», sagte das Muetterli, «es het mih o scho lang drückt, aber red ume, viellicht hey mr ds glyche gsinnet.» «Sieh», sagte der Götti, «jetzt erst weiß ich, warum der liebe Gott den Menschen ein Kind nach dem andern gibt und nicht alle auf einmal. Wenn so ein halb oder ein ganz Dutzend auf einmal kämen, wie sollte der arme Mensch, der ja mit sich selbst oft mehr als genug zu tun hat, ihrer Meister werden, sie einverleiben können in den rechten Geist, in die gute Ordnung, alle miteinander und eines wie das andere? Da würden sie ihm wahrscheinlich Meister oder würden allmählig zusammenwachsen und gegen ihn Partei machen. Kömmt aber so styf eins nach dem andern, so hat man Zeit, eins nach dem andern dem Hause einzuurben, einzugewöhnen, und wenn man es recht anfängt, so wächst eins nach dem andern heran als ein Freund, welcher hilft, als ein kleiner Vorgänger dem Jüngern, so als ein kleiner Mittler zwischen den Alten und den Jungen. Sieh, da ists, wo wir gefehlt haben und wo geändert sein muß. Den ganzen Karsumpel haben wir zusammen ins Haus genommen und werden begreiflich seiner jetzt nicht Meister, sondern fast eher derselbe uns. Das junge Volk hat einen andern Geist im Leibe als wir, derselbe sollte ausgejagt sein mit Schlegel und Weggen, und statt dessen stärkt sich ein Geist am Geiste des Andern, welcher dasselbe in seinem Leibe hat, und wir fechten weder mit Schlegel noch mit Weggen. Ich muß bekennen, das kann ich nicht. Das könnte ich wohl, ein Kind züchtigen zuweilen bei groben Fehlern, und zwar, wenn ich einmal müßte, so würde ich es so züchtigen, zur Zucht ziehen, daß es wüßte, wie ich es meinte. Aber wenn ich mit diesem Rudel verfahren sollte, wie er es verdiente und wie es sein müßte, wenn derselbe zur Besserung kommen sollte, so müßte ich den ganzen Tag nichts als abschlagen, dreinschlagen, als ob ich im Verding Wedelen hacken täte, und den ganzen Tag wäre ums Haus herum ein Geschrei wie bei einem Schweinmetzger, und selb mag ich nicht, selb stünd ich nicht aus, lieber wollte ich noch nach Amerika. So aber, wie gesagt, kann man es nicht gehen lassen, alle Tage wird das Übel größer, das Heilen schwerer. Durch unsere lieben Zwei vermögen wir auf die Andern nichts, denn sie werden von ihnen gehaßt; aber eben darum werden sie dieselben zum Bösen verleiten, sie zu verderben suchen, wie sie können und mögen. Darum, was meinst, habe ich gedacht, die Ältern müßten fort, je eher je lieber, und zwar auseinander, eins hiehin, eins dorthin, ein jedes in eine eigene Haushaltung, an der es nichts abbringt, sondern wo es in der Zucht ist und sich unterziehen muß, wo sie keine Bande mehr machen können.»

«Du meinst doch nicht auf die Gemeinde, wo sie verdinget werden?» fragte das Muetterli.

«Was denkst», sagte der Mann, «das wär ja eine Schande für die Familie und eine Sünde für uns. Ärmeren Leuten, welche zinsen müssen und die eigenen Kinder schwer durchbringen, noch die Last aufbürden, sellige Leuten, wo ihre Sache vertan haben, noch ihre Kinder erziehen zu müssen, solange Verwandte da sind, welche dieses unbeschwert vermögen, selb ist nicht recht. Wenn niemand was tun will, so habe ich gedacht, tun wir es. Eigene Kinder haben wir keine, genug haben wir, und wenn wir das Übrige während unsern Lebzeiten zum Nutzen anwenden, so wirds wohl unserm Herrgott recht sein, und unsere Erben werden wenig dagegen haben können. Und der Gemeinde möchte ich sie deretwegen nicht aufladen, du weißt wohl warum. Das geht nur so angfährt zu, und zu wem ein Kind kömmt, darnach frägt man so viel nicht, wenns nur jemand will und nicht viel dafür begehrt. Da, denk ich, müssen wiederum die Verwandten selbst den Verstand brauchen. Ich hätte das so gsinnet: ich weiß einige Verwandte, wo das eine und das andere gut aufgehoben wäre und welche die Kinder brauchen könnten; mit diesen will ich reden, und was es Zuschuß mangelt, dafür wollen wir niemand plagen, das geht unter uns. Habe ich die Sache richtig, so rede ich mit dem Vogt, der wird nicht viel darwider haben, er tut ja, als wenn er gar nicht auf der Welt wäre, ist noch nie dagewesen, seit sie hier sind.»

«Es isch mr fry, as ob mr e Stey ab em Herz fiele», sagte das Muetterli. «Aber un Eisi, was wird Eisi säge, wenn die King furt sölle? Das tuet de wüest u seyt, dSach heyg is greut u mir syge wüest Lüt.»

«Häb nit Chummer, Muetter», sagte der Götti. «Es ist traurig, aber du siehst es so gut als ich, wieviel es den Kindern nachfrägt und wie es sie am weitesten von ihm am liebsten hat. Unrecht möchte ich niemand tun, aber ich sage es nur zu dir, und recht wärs mir, wenns nicht wär. Merkst nicht, wie es anfängt sich aufzupützerlen, und bald hat es hier was zu tun, bald dort, bald hat es noch Geld einzuziehen, bald etwas nachzufragen, ein Vorwand um den andern. Hier ists ihm erleidet, es möchte was anders anstellen, und dazu kömmt eine Witwe der Art am liebsten durch einen Mann. Und wie es solche Witwen anstellen, weißt du wohl, sie machen ihr Vermögen so groß als möglich, und wenn sie Kinder haben, so reden sie von denselben so wenig als möglich. Ja ists nicht schon oft geschehen, daß Kinder aus erster Ehe erst nach der zweiten Hochzeit zum Vorschein gekommen sind, zu großem Erstaunen? Wenn Eisi auf dem Weg ist, wie ich fürchte, so wird ihm das Verteilen der Kinder sehr lieb sein, es kömmt ihm um so weniger aus, wieviele es hat; wenigstens die halben kann es einstweilen im Verborgenen behalten und kömmt so desto leichter zu einem Mann.»

«Eh aber, schäm dih!» sagte die alte Frau; «daß de sövli bös sygisch, hätt ih doch afe nit glaubt. Nei aber, so wirds doch öppe keini mache!»

«Eh Mutter, du weißt ja, wenns nicht wär, ich würde es nicht erdichten. Besinne dich, wie es die und die und die und die gemacht haben, es wär ja ein ganz Register voll, wenn ich es aufsagen wollte, ich würde nicht fertig. Solche Weiber wie Eisi sehen kein ander Heil als im Heiraten. Sind sie in schlechte Umstände gekommen, so wissen sie von Änderung ihrer selbst nichts, daran haben sie keinen Gedanken, oder versuch es, rede Eisi von seiner Besserung! Ein Mann ist ihr Heiland, eine neue Ehe ist ihnen, was dem Christen die Wiedergeburt; nach einer solchen trachten sie von ganzer Seele und allen Kräften und sonst nach nichts.»

«Eh aber Ätti, so han dih doch wäger no nie ghört, sövli bös bisch doch sust neue nit, u redst sövli schlecht vo de Lüte!»

«Du hast recht, Mutter», sagte der Alte, «und man sollte nicht, aber was wahr ist, ist wahr, und es gibt Zeiten, wo man es sagen muß, wo es einem übers Herz kömmt, daß man es nicht mehr verdrücken kann. Ich habe fast gar nicht mehr gewußt, was es heißt zornig werden, und habe mich oft sehr verwundert, wie verständige Leute es doch so werden könnten. Aber der liebe Gott hat es mir wieder begreiflich gemacht. Wenn die Kinder in allem sind und kein Rufen hören, kein Bitten achten, alles verderben, so will es mir wohl manchmal das Haar aufstellen. Aber viel zorniger, daß es mich dünkt, ich könne es nicht verwinden, daß ich nebenaus muß, werde ich, wenn ich sehe, wie Eisi den Kindern nicht nur nichts nachfrägt, sondern sogar, während es die wilden ungemahnt alles Mögliche machen läßt, die lieben Kleinen, wenn sie ihm flattieren möchten, anfährt, desumeschießt, daß es einem dünkt, sie sollten an einer Wand kleben bleiben. Es ist mir allemal, als ob man mir das Herz mit einem Garbenknebel umdrehe. Und hast du schon gesehen, daß Eisi sieht, wenn sie ungewaschen sind, daß es sich ihrer Kleider achtet, daß es deswegen einen Finger stärker rührt, wenn ihnen die Hudeln über die Schuhe hängen? Das macht mich so zornig, daß ich in meinen alten Tagen von vornen anfangen muß, an mir selbst zu werchen.»

Der Götti war nicht bloß mit dem lieben Gott gut bekannt, sondern auch mit den Menschen, sein Urteil über Eisi hatte seinen guten Grund; wie er sagte, so war es.

Eisi war es, wie es sagte, meineidig erleidet in der Einöde. Die Leute wären nicht bös, aber dumm und altväterisch. Da sollte es immer gehen wie in einer Versammlig, un obedruf sötts de no all Sunnde zChile. Z'esse heyg es, u werche chönns, waß well, u daß es alles eleyni mache müeß, mein es nit. Aber won es trappi, syge ihm dKing unger de Füeße, furt well me se nit la u doch sötte si niene sy, gäb wie eys neuehy trapp, ume öppe is Gras oder is Werch, su pfyf dr Alt u heiß se use; un ihm wärs, we si ume dänne chäme. So sy besti Zyt da ab dr Welt zuezbringe, selb wells de nadisch nit, es well öppis angers astelle, sobald es sih ihm schick un ihm eine zweglauf, won es glaub, es machs guet. Es gugg ihm neue afe neuis, Drei heygs i dr Rispi, u vo dene Dreie werd wohl eine dr Recht sy. Won es es am beste gsäch z'mache, da bsinn es sih de nimme lang.

Der eine war ein Märitkrämer, das heißt einer, der daheim einen Laden hatte, jedoch auf Jahrmärkten und zu Bern alle Dienstage feilhatte. Er hatte ein schönes Chaischen mit einem langen langen Hinterstück, in welchem wie in der Arche Noahs alles Mögliche Platz hatte. Der Zweite war ein Wirt, der hatte eine schöne Wirtschaft und handelte nebenbei noch etwas weniges um Käs. Der Dritte war ein Herr, das heißt ehemals war er ein Handwerker gewesen, jetzt war er ein Stück von einem Schreiber, hatte ein Pöstlein dazu und handelte um allerlei, um Kanarivögeli und um Bohnenstecken, um Aargauerbauele und um Luzernerschnitz, um Zürikerze, um Baselleckerli, um Bernerseife und Älesenf, kurz allerlei gut Sachen.

Alle Drei waren Witlige und Partiee, besser nützte nichts, meinte Eisi, an jedem Orte hätte es es wie der Vogel im Hirse, und alle Drei hingersinnete sih, wenn es si nit nähm, si tüeye mit ihm, so heyg es fry no nie nüt gseh, sövli narrochtig u vrliebt.

Der Krämer gefiel ihm bsungerbar wohl, es Chaisli und all Wuche zMärit u dSache im Lade alli selber, besser wüßt es es nit z'mache. Weder ds Feilha im Winter syg ihm öppe nit am aständigiste, u de daheim Schwebelhölzli u Bäredreck zkrüzerewys z'vrchaufe, chönnt ihm doch viellycht welle erleide.

Besser gfall ihm ds Wirte, selb chönn me begryfe, un es glaub schier, es well dr Wirt näh. Weder er syg gar e Dicke u es heyg gmeint, wenns no einist manne well, su wells de e Dünnere, e Dicke hätts neue afe gha. U de heyg er zweu Meitleni, so mager gelb Gränne u de nüsti hoffärtig, daß me fast nit luege dörf. Allweg, wes ne nähm, su müesse ihm die us em Hus, u well er ihm das nit vrspreche, su nähms ne nit, druf chönn er zelle, es heyg selber Kings meh as gnue.

U de mit diesem, mit em Herr, wüß es erst nit, wies es mache well. Ey Weg gfall er ihm vrflüemeret u dr anger Weg nit e Tüfel. Am mingste mache müeßt es da. Z'pflanze bruch me nüt, dSach chauf me uf em Märit, es chönnt sy Zyt bruche, wie es well, daheim sy oder nit, chönnt a Bäu u i dKumedie, wenn syg, u spaziere mit ihm hie us u dert us, öppe i dNächi, die beste Händel hätts. Drnebe gfall er ihm doch neue nüt, er heyg son e längi Nase u schnupf de no dr ganz Tag, daß er fast steych wien es Mistloch, u chömm mängisch so hüdelig daher, daß me glaubti, er syg e Spittler oder e alte oberkeitlige Kostgänger, u me sih synere schäme müeß. Aber öppe nit wege dr Armuet chömm er eso, sondern wil ihm niemere zur Sach lueg u se öppe i Ehre heyg. Mit zGastha u Krame heyg er de öppe dr meist Vrstang.

Solche Hoffnungen und Bemerkungen detaillierte Eisi begreiflich weder dem Götti noch der Gotte, so packte es seiner bekannten Freundin aus, bei welcher man es sehr oft sah, die große Gefälligkeit für ihns hatte und viele Gelegenheiten ihm verschaffte.

Eisis Läuf und Gängen nachzugehen, wollen wir uns aber hüten, sie gingen so in die Kreuz und in die Quere, daß es uns ginge, als wären wir in einen Irrgarten geraten, in welchem man sein Leben lang laufen kann und doch keinen Ausgang findet.

Wir wollen unsern geneigten Lesern bloß noch sagen, daß auch der Götti seine Läuf und Gänge hatte, jedenfalls würdigere; ob sie zu besserem Ziele führen werden, ist Gott bekannt. Er hatte mit seiner Mutter, wie er die Frau zu nennen pflegte, Bekannte und Verwandte durchgemustert, die Türen bezeichnet, an welche er für Aufnahme von diesem oder jenem Kinde anklopfen wollte. Sie hatten die Sache nicht bloß so oberflächlich genommen, sondern für jedes der Kinder, je nachdem sie es kannten, ein apart Haus ausgelesen, und an diese Häuser zu klopfen, war der Götti ausgegangen und hatte dazu manchen Tag verbraucht. Er war nicht unzufrieden mit dem, was er ausgerichtet hatte, er sagte seiner Mutter: «Es ist schön und doch traurig! Traurig ists, wie so eine Mutter ganz erkalten kann für ihre Kinder, daß sie ihr nichts als eine Last sind, sich um sie nicht bekümmert, von ihnen wegstellt, sobald sie kann und so, daß sie dieselben verleugnet, so daß sie später nicht einmal zu ihr dürfen. Das kömmt aber daher, daß kein christlicher Sinn in einer solchen Mutter ist, daß sie nichts anderes weiß, als Gott und den Nächsten zu hassen, daß sie ihr eigener Götz ist und Guetha ihr Himmel. Hast gesehen, daß Eisi je ein Buch genommen hätte? Hast gesehen, wie es allemal ein Gesicht gemacht hat, wenn wir es gefragt, ob es mit uns zPredi well? Zum Nachtmahl ist es gar nie gegangen, und ein guter Zuspruch zu seinen Kindern ist nie aus seinem Munde gekommen. Unser Herrgott hat die Ehe eingesetzt, und Kinder sind des Höchsten Gab; wer aber den Herrgott nicht mehr ästimiert und sich für das Höchste hält, der ästimiert die Ehe nicht für heilig, sie ist ihm nur gut fürs Fleisch, und die Kinder achtet er für eine Last, die er abwirft bei der ersten Gelegenheit. Je weniger christlich die Eltern werden, desto heilloser versündigen sie sich an ihren Kindern, desto übler geht es den Gemeinden, welchen die armen Würmer, welcher niemand sich erbarmen will, vorab liederliche Witweiber und schlürmige Witwer nicht, zugeschoben werden. Das ist traurig, traurig ist diese unchristliche Verleugnung der heiligsten und schönsten Pflichten. Aber schön ists, daß es andere Leute gibt, welche noch der Kinder sich erbarmen und ein Einsehen haben in ihre Not, daß bei ungeratenen Eltern, denn die mißraten fast noch mehr als die Kinder, andere Leute einstehen müssen, Verstand haben müssen und Mut, solcher Kinder sich anzunehmen, gäb wie ungern man es auch tut, von wegen der Verantwortung und dem Undank.»

Somit gab er Bericht, wie er an wenigen Orten abgewiesen worden sei, und zwar noch ungern, weil die Umstände es nicht gestattet hätten. Die Meisten hätten sich freilich bekümmert über die Pflicht, so ungeratene Kinder ins Geleise zu bringen, aber mit dem Lohn sei er bald einig gewesen. Wenn man mit den Kleidern etwas nachhelfe, so daß man nicht Geld aus dem Sack noch dazutun müsse, so seien sie vorerst zufrieden. Er tue sonst viel, und daß er alles tue, sei nicht billig. Es müsse jeder was tun, öppe waß ihm zieh mög, und gäb sie gäbten es hier oder an einem andern Orte. Aber daß es gut komme, wollten sie nicht gut sein; King, wo sih nüt gwahnet heyge z'folge u z'werche, angers dressiere, selb syg e strubi Sach. «Was meinst», fragte die Mutter, «ists mügli? Es wär doch schröckeli guet!» «Mr weys hoffe», sagte der Götti, «doch für gewiß möcht ich es nicht nehmen. Eins ist das Best. Sie können niemand klagen und nicht fortlaufen, weil sie nicht wüßten wohin, als hieher, und da wissen wir, was wir zu tun haben.» «Die arme King», sagte die Mutter, «chönne mih doch neue afe dure, daß si vonangere müesse, und es weiß Gott, ob si enangere wieder gseh. U duret es se ächt nit hie furt, ih mueß säge, wenn eys pläreti, ih chönnts fast nit furtla, wenn ih scho wüßt, daß es sy Nutze wär. Un Eisi, hesch ihms öppe scho gseit, u was hets gseit?» «Nein», sagte der Götti, «was sinnest, daß ich mit ihm rede eher als mit dir, aber morgen muß es geschehen, wenn es nicht etwa ausreutert, ehe es sich schickt. Solche Sachen darf man nicht anstehen lassen, sie müssen ab Brett, je eher je lieber. Aber habe nicht Kummer, dSach ist ihm recht, wenn es vielleicht schon einige Trümpfe laufen läßt so des allgemeinen Brauches wegen.» Und der Götti hatte recht.

Am Morgen schickte Gott gleich eine gute Gelegenheit. Die Kinder bissen und kratzten sich unter einander, es war ein allgemein Gebrüll, und Eisi, das geputzt ausreutern wollte, kriegte Blut an sein schönstes Mänteli. Was das aufbegehrte! Da meinte der Götti: «Zsäme tue die nit guet, was meinst, we me se e Stung vonenangere tät?» Ihm wärs ds Rechte, sagte Eisi, es wett, es gschäch no hüt. Selb syg nit wohl mügli, sagte der Götti, aber er well luege, öppis müeß gah, so chönn mes nit wohl la gah.

Die Kinder hatten auch nicht viel gegen die Entfernung, obgleich der Götti das Mittel, ihnen den Mund mit schönen Verheißungen recht süß zu machen, nicht anwandte. Mit solchem möge er nichts zu tun haben, sagte er. Man wisse nicht, was für Schaden man damit anzurichten imstande sei. Aber die Kinder hatten es wie die Israeliten. Wie diese in der Wüste nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück sich sehnten, so die Kinder sich ins verlassene Haus, in die Welt zurück, wo das Leben größere Abwechslung gehabt, ihre Sinnlichkeit abwechselndere Nahrung gefunden hatte. Daß sie neue Kleider bekommen sollten, Hemder, Schuhe usw., beschäftigte sie ebenfalls so, daß sie ans Scheiden nicht dachten. Zudem hat der Leser wohl bemerkt, daß die Gemütsweise dieser Kinder nicht innige Zuneigungen zuließ, an Personen hingen sie nicht, doch von Personen verlangten sie viel; wie lieb ihnen auch die Gabe war, der Geber konnte ihrethalben gehen, wohin er wollte. So ging eins nach dem andern an seine Bestimmung ab, ohne daß es mit Schmerz sich losriß, daher entstund durch dieses Scheiden nicht bloß keine Lücke, sondern es war, als wenn etwas Unheimliches, Störendes gewichen, als wenn nach sauerm Bysluft nur noch ein leiser, milder Hauch durch die Blätter säusle. Ob es gelingen wird, die Kinder der Bahn zu entreißen, auf welche sie unwillkürlich durch die Eltern geführt worden waren, und ihre Gemüter christlich umzugestalten, das weiß Gott. Was in der Macht der Menschen liegt, das tat der Götti und wird es ferner tun. Einen solchen Götti sollten viele Kinder haben und allweg jede Waisenbehörde zu Stadt und Land den Sinn dieses Götti.

Eines Abends saßen Götti, Gotte und die zwei Kleinsten vor dem Hause, es war Herbst, aber warm schien die untergehende Sonne, Obst hing an den Bäumen, hier und da hörte man einen Apfel zur Erde fallen, und Jägerohren hätten das Gekäfel von Eichhörnchen gehört, die hinten im Baumgarten auf einem Birnbaum saßen und durch die süße Frucht sich gemütlich zu den schwarzen Kernen bissen. Bloß der Blaß schien etwas davon zu merken. Vor der Bsetzi lag er im Grase, stund aber auf von Zeit zu Zeit, ging bedächtig einige Schritte dem Baumgarten zu, horchte auf, gab einige Laute von sich, kehrte dann wieder und legte bedächtig sich nieder. Auf der Kellerlehne saß der Maudi, schnurrte vergnügt, wenn aber der Blaß aufstund, so schwieg er und sah mitleidig nach dem dummen Blaß. Auf der Bsetzi hielten Abendpromenade, gravitätisch und staatsmäßig, die Tauben, während oben unterm Dache sehnsüchtig ein Tauber girrte, umsonst jedoch, denn die Täschen unten stellten sich, als merkten sie das Girren nicht, als kümmerten sie sich um keinen Tauber. Die Täschleni, spazierten sie doch um des Taubers willen so kokett, drehten so graziös die Köpfchen zur Seite und trippelten dann wieder so zierlich hin und her, akkurat wie Töchter auf der Promenade.

Auf dem Bänkli saß der Götti und rauchte sein Pfeifchen, neben ihm saß der Bube und versuchte mit stumpfem Messerchen sich eine Pfeife zu schnitzen. Da saß auch die Gotte, rüstete späte Bohnen, denn diesmal war der Himmel Weibern und Mädchen günstig, noch hatte kein Reif Bohnen und Dahlien verblüht. Vor der Gotte auf kleinem Blöcklein saß das Mädchen, half der Gotte, hatte große Freude daran, wenn es einen großen ganzen Faden ab einer langen Bohne ziehen konnte, und zeigte ihn dann dem Götti.

Aus dem Hause kam Eisi schön geputzt, ein Säckli in der Hand. «Wotsch no furt, sövli spät?» sagte die Gotte. Es hätte noch eine Verrichtung, sagte es, und wenn es nicht früh heimkäme, so sollten sie seinetwegen nicht im Kummer sein; so sagte es, und dahin ging es. Es ging so eine Mutter von den Kindern weg, um das Hochzeit anzugeben mit einem neuen Manne, abzuschütteln die alte Last, ein neu Glück zu gründen, ein neu Leben zu beginnen voll Jubel und Freude. Den Herrn hatte es erwählet, die Andern scheinen eben nicht hitzig gewesen zu sein, nicht pressiert zu haben. Dem Glücke, eine Herrenfrau zu werden und mit ihrem Fösel in der Stadt zu leben, konnte Eisi nicht widerstehen, nur das wüßte es noch nicht recht, ob es sich städtisch wolle kleiden lassen oder im Kittel bleiben, sagte es. Den Schritt tat es, ohne dem Götti und der Gotte was zu sagen. Es hatte dem Herrn so viel vorgelogen, daß es so stark als möglich pressierte, von wegen, es gibt allenthalben böse Leute, die einem z'böst reden, das heißt die Lügen an den Tag bringen. Während aber Eisi so handlich gelogen, glaubte es doch alles, was der Herr seinerseits ihm vorlog, nach dem Sprüchwort: Was man gerne glaubt, das glaubt man leicht.

Der Götti und die Gotte sahen Eisi betrübt nach, dann warfen sie einander einen langen Blick der Verständnis zu. Man braucht einem nicht alles zu sagen und man weiß es doch. Über seine Angelegenheiten redete Eisi mit den alten Leuten nicht, es hielt sich für viel zu hoch, herausgewachsen über ihren Horizont, sich für eine Tochter einer Zeit, welche die Alten nicht begriffen, es gehörte der modernen Bildung an. Die Alten aber hatten vernommen, was Eisi trieb und womit es umging, und hatten lange Rat gepflogen, ob sie die Rede versuchen wollten oder nicht. Sie waren einig geworden, sich in die Sache nicht zu mischen, wenn Eisi nicht davon anfange. Ihren Rat wollten sie nicht aufdringen, zudem kannten sie Eisi gut genug, um zu wissen, daß es keinen von ihnen annehmen, vielleicht gar noch zum Gegenteil angetrieben werden werde. Sie waren nicht der Meinung, daß man in all Weg raten solle, helfs oder helfs nit, nach dem lateinischen Sprüchwort: Animam meam salvavi, das heißt damit man sagen könne: «I Gottsname, gseit hätt ihs, aber uf mih glost het me nit, jetzt mach es, was es well, aber cho klage solls mr de o nit! Selber ta, selber ha, heißts de!»

Sie hatten immer bereite Hände zum Geben, aber einen sehr bedächtigen Mund zum Raten. Der Götti hatte dem Vogt einen Wink gegeben, was dieser daraus gemacht, wissen wir nicht.

Aber betrübt sahen sie der Mutter nach, die so leichtfertig den Gang ging, der sie von ihrem eigenen Fleisch und Blute weg in neue Verhältnisse, vielleicht in neues Elend, vielleicht in größeres Elend führte.

Die Kinder ahndeten nichts, das Fortgehen der Mutter beschäftigte sie auch nicht; die Mutter hatte es dahin gebracht, daß die Kinder das Gehen und Kommen der Mutter kaum beachteten.

Sie setzten ihre Arbeit fort, bald mußte die Gotte die Pfeife bewundern, bald der Götti einen langen langen Faden, und wenn sie es taten, so hatten ihre Augen nie inniger über den Kindern geglänzt.

Die Sonne war untergegangen, die Arbeit fertig geworden, am westlichen Himmel glänzte, fast noch im Abendrote, des Mondes junge Sichel, Planeten begannen zu flimmern, aus des Himmels unendlichem Grunde trat schüchtern ein Sternlein nach dem andern hervor, es war ein stiller, schöner Gottesabend, hie und da fiel ein Apfel, auf dem Birnbaum hörte man die Eichhörne, aber in seinem Häuschen ruhte der Blaß.

Es ruhten die Messerchen der Kinder, an den Götti lehnte halb schlafend sich der Bube, des Mädchens Hände lagen in der Gotte Hände.

«Wey mr öppe is Bett?» frug sanft die Gotte. «Wied witt», sagte das Mädchen, «aber wette mr nit zersch no um e Ätti bete, dr lieb Gott ghörts viellicht no besser hie usse as dinne?»

«He ja, liebs Meiteli, bet», sagte die Gotte. «Was soll ih bete», frug das Meiteli, «ds Unservater oder dr Glaube?» «Wasd witt», sagte die Gotte, «oder probier us dr selber, wied scho es paarmal probiert hesch! Dr Götti hilft de o, u sBrüederli.»

«Gotte, ih schüche mih», sagte das Kind. «Oder wotsch du o helfe?» «Allweg», sagte die Gotte.

Da faltete das Mädchen die Hände und betete leise über der Gotte Schoß: «O himmlischer Vater, mach doch dr Ätti selig u ds Müetti u dGotte o u dr Götti o un üs allisame. Ame.»

Da gabs einen hellen Schein, man wußte nicht, wars fernes Wetterleuchten, wars ein klein Meteor. Erschrocken fragen die Kinder: «Was isch, was isch, wotts donnere?»

«Glaub nit», sagte der Götti. «Es wird ech dr lieb Gott blickt ha, daß er ech well selig machen un allisame, wenn dr fromm blybet u geng betet.»

«O Gotte, isch das ächt?» fragte das Mädchen.

«Glaubs, Kind», sagte die Gotte, «u blyb es guets Meiteli, su fehlts nit.»

«Gotte, ih wott», antwortete das Mädchen; «un ih o», sagte der Bube.

«U Gott gäb, daß es so syg», antwortete der Götti, «u so blyb.»

Guet Nacht mit enangere!

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