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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Ein altväterisches Kapitel von allerlei Geistern

Leer stund nun das Haus, harrte eines neuen Einzügers, unter der Türe weilte der Hausgeist, sah, wer kommen wollte. Man betrachtet so ein Haus als ein tot Wesen, ohne Einfluß auf die Welt außer ihm, ohne Einfluß auf seine Bewohner. Wer es beziehen will, betrachtet das Dach vielleicht, Keller und Grümpelgemächer, wie die Türen schließen und wie es gelegen, ob gegen die Sonne oder an einer Straße. Höchstens wenn etwa eine Großmutter in einer Familie lebt, fragt diese halblaut, daß es die Jüngern nicht hören sollen: «Oder ists öppe unghürig?» Unghürig sollen, wie man unter der Hand sich sagt, gar viele Häuser im Lande sein, unruhige Geister sollen wohnen da, unwirscher die einen, harmloser die andern. Und wenn man sagt im Lande, so meint man damit nicht etwa das Land im Gegensatz zu den Städten. Wer in Städten es dahin gebracht hat, mit Glättere oder Schneiderinnen oder Töchtern aus dem Mittelalter ein vertraut Wörtlein zu reden, der erstaunt über die Zahl der unghürigen Häuser in den Städten und die Menge der Geisterarten, die auf die verschiedenste Weise sich künden sollen. Der harmloseste ist doch wohl der, welcher Haselnüsse aufdoppelet auf einem Treppentritt; schalkhafter sind schon die, welche den Mädchen an der Decke zupfen oder gar an der großen Zehe; dann kommen die, welche mit Ketten rasseln treppauf, treppab als blasse Totengesichter, vor die Öfen schleichen, am prasselnden Feuer sich wärmen oder gar zu Lebendigen ins warme Bett feucht und eisig sich legen an des Schlafenden warme Seite. Am ärgsten sind jedenfalls die, welche einem über Nacht den Hals umdrehen, daß am Morgen blitzblau das Gesicht im Nacken steht und die Zunge eine Elle lang über die Brust hinunterhängt. Solche Geister sollen zahllose Häuser unheimlich machen, und so geheim als möglich hält es jeder, in dessen eigenem Hause ein solcher Geist spuken soll. Doch diese Geister allzumal meinen wir nicht, wenn wir von den Hausgeistern sprechen. Wunderbar ists, wie es Häuser gibt, in welchen beständig Streit ist, Häuser, wo immer was Ungebührliches betrieben wird, andere, wo jeder siech wird, andere, in denen alle zugrunde gehen, alle, welche in einer Reihe von Jahren einziehen, ja Häuser, wo Geschlecht um Geschlecht die Familien an schlechter Kinderzucht sich aufreiben. Ist in solchen Häusern wohl ein besonderer Hausgeist, der in die Einziehenden fährt und sie verzehrt, jeder Geist seine Besessenen auf seine Weise? Wir wissen es nicht, aber wunderbar ist jedenfalls die Tatsache. Wer in ein Haus einzieht, sollte jedenfalls fragen, durch welche Umstände es leer geworden, welches Leben da erloschen oder ausgezogen sei, und wenn er von einem bösen Ende gehört, mit aller Macht vor dem bösen Geiste sich zu wahren, ja ihn zu vertreiben suchen. Bekannt aber ist, daß Macht über die Geister nur Geister haben, daß böse Geister nur durch gute begwältigt werden können, daß aber auch ausgejagte böse Geister mit Verstärkung wiederkommen und einbrechen, wenn nicht der gute Geist im Hause bleibt und treue Wache hält Tag und Nacht. Solch gute Hausgeister gibts ebenfalls. Wohlbekannt sind nicht bloß Häuser, in welchen, solange man weiß, die gleiche Familie wohnte in Zucht und Frömmigkeit, in Ansehen und Wohlstand, sondern auch solche, welche, wenn auch die Familie wechselt, doch in gleichem Geiste fort und fort bewohnt werden, gegen welche zusteuert, wer in Not und Bedrängnis ist, wer eines Almosens bedürftig ist oder einer freundlichen Hülfe, eines guten Rates, eines milden Trostes. Es scheint diesen Häusern angetan zu sein, Freistätten der Bedürftigen zu sein, Zufluchtsörter der Bedrängten.

So stund leer das Wirtshaus auf der Gnepfi, und unter der Türe desselben lauerte der alte Geist, paßte auf einen neuen Einzüger. Einer wird gekommen sein; ob der Geist ihn untertan machte oder ob derselbe einen neuen Geist mitbrachte, der stärker als der alte war, wir wissen es nicht.

Jedenfalls zügelte mit Eisi der alte Geist nicht aus, solche Geister haben es wie die Katzen, sie zügeln nicht, sie müssen ausgetrieben werden, sonst bleiben sie dem Hause getreu. Was fragen die Katzen den Menschen nach, Mauselöcher sind ihnen die Hauptsache.

Eisi mit seinen Kindern zog grännend aus, Mühe hatten sie, die Zungen wieder ans rechte Ort zu bringen, hatten allerdings vom Geiste des verlassenen Hauses so viel eingesogen, daß ihre Seelen davon besessen waren, das war das Einzige, was sie davonbrachten aus dem alten Hause, mitnehmen konnten, vorgeschlagen hatten in einer Reihe von Jahren.

Eisi und seine Kinder zügelten akkurat aus ihrer Wirtschaft, wie Tausende zügeln aus dieser Welt, alles haben sie dahintengelassen, nichts bei sich als eine vom bösen Geiste besessene Seele, eine Seele, angesteckt mit Lust und Neid der Welt, hungernd und dürstend nach dem, was man eben nicht hat und zu was man eben nicht kommen wird. Freilich, wer auf diese Weise zügelt aus der Welt, mit dem ists fertig, denn dahin, wo er kömmt, da ist eben der Geist auf seinem Throne, der ihn hienieden durch seine Diener locken, in Besitz nehmen, seiner Besitzung zujagen ließ, einem gewaltigen Seeräuberkönig gleich, der seine Räuberschiffe aussendet über alle Meere, zu locken oder zu begwältigen alle Schiffenden, sie zu schleppen auf sein verborgen Eiland in ewige Sklaverei, aus der kein Entrinnen ist, ein Morgen nach dem andern kömmt ohne Ende und mit jedem neuen Morgen die alte Sklaverei.

Eisis Auszug glich dem letzten wohl, doch war er es nicht, es war nicht sein letzter Auszug, und nicht dem ewigen bösen Geiste, aus dessen Hause kein Entrinnen ist, wo das Elend nie veraltet, sondern gleich jung, gleich unbeschreiblich immer bleibet, zog es zu. Es zog bloß in ein ander Haus, dort war freilich auch ein Geist, ein mächtiger Hausgeist, aber es war kein böser, sondern ein guter. Schon mehr als hundert Jahre hatte er in dem Hause gewohnt, und eine mächtige Herrschaft führte er. Wer über des Hauses Schwelle kam, der mußte sich ihm entweder unterwerfen, oder er hielt es nicht aus, er mußte weichen. Nicht daß der Hausgeist Gewalt brauchte, Peitsche oder Rute, Hunger oder Durst oder harte Arbeit, er war ein sanfter, mildtätiger Geist, der nie fluchte, selten harte Worte gab, selten jemand trieb zu schnellerer Arbeit, aber wer böse blieb und Böses liebte, hielt es in dessen Nähe nicht aus, es duldete ihn nicht, eine wunderbare Kraft trieb ihn aus, die gleiche Kraft, die den Teufel nicht duldet in der Nähe Gottes, die gleiche Kraft, welche in den drei heiligen Namen lieget, der kein böser Geist standhalten soll.

Diesen Hausgeist sah Eisi nicht unter der Haustüre, aber es empfand ihn bald; schwer, fast als ob er das Doggeli wäre, legte er sich ihm aufs Herz. Der Götti und sein Mutterli nahmen Eisi und seine Kinder auf ganz wie Visite, meinten nicht gleich von Anfang sie haben zu wollen, wie sie sein sollten; solch rasche Übergänge von einer Luft in die andere tut selten gut, vermittelt ja auch unser Herrgott Sommer und Winter durch Frühling und Herbst miteinander. Der Alten Lebensweise blieb die gleiche; der Götti regierte das Land, das Mutterli das Haus, und zwar nicht mit dem Munde bloß, sondern auch mit der Hand. Sie waren bei allem, meinten jedoch nicht mehr, daß sie das Schwerste noch immer tun müßten mit selbsteigener Hand, aber sie wußten das doch so zu machen, daß es schien, als machten sie noch immer alles mit selbsteigener Hand. Als die neue Familie einzog, änderte die Haushaltung sich nicht, nur wurde mehr als noch einmal so viel gekocht als früher, aber durch die gleichen Hände. Und doch war der Himmel über dem Hause ganz anders, und nicht bloß der Himmel, sondern das ganze Haus schien anders auszusehen. Es war, wie wenn in stilles, klares Wasser eine fremdartige Substanz geworfen worden, es bewegte sich die Masse, Bläschen stiegen auf, es begann leise zu brodeln, getrübt war das Wasser, und was da werden solle, ob eins das andere ausstoßen, ob beide sich mischen, ob das Feuer die Masse verzehren werde, entschieden war es nicht.

Man denke es sich aber, wie es anders wird, wenn in ein stilles, kinderloses Haus ein Rudel wilde, zuchtlose Kinder einbricht, die nicht arbeiten können, nicht lernen mögen, die weder was von Gehorsam wissen noch was von Respekt, die alles erlaubt glauben und gegen jedermann, was sie zu vollbringen vermögen, zudem aber wie alle wilden, ungebundenenen Kräfte in beständigem Kriege unter sich sind. Da war kein Gesicht, das nicht Zeichen von brüderlichen oder schwesterlichen Klauen zur Schau getragen hätte. Doch waren dieses nicht die einzigen Zeichen ihres Kriegszustandes, in welchem sie lebten.

Im Hause lebte eine schöne schwarze Katze, ein gewaltiger Maudi, auch ein Hund war da, ein stattlicher Blaß. Beide lebten in süßem Frieden miteinander, fraßen aus einer Schüssel, und während der Blaß unter dem Ofen schnarchte, schnurrte der Maudi auf dem Ofen. Wenn sie ums Haus spazierten, flog keine Taube auf, ging kein Huhn aus dem Wege, ja selbst die Spatzen schienen den Maudi nicht zu fürchten, setzten sich auf den Rand der Schüssel, aus welcher er fraß. Es war der Weltfriede hier, von dem der Prophet geträumt, den er aber nicht erlebt hatte. Die wilden Jungen aber kannten keinen Frieden, und gegen jedes Tier, das in ihren Bereich kam, begannen sie den Krieg, vertilgten, was sie konnten, und quälten, was sie nicht vertilgen konnten.

In ihrer alten Heimat hatten sie es dahin gebracht, daß kein Tier ihnen wartete als etwa Hunde mit vorgewiesenen Zähnen. Als sie hier in den Frieden hineinfielen wie vor Jahrhunderten die Hunnen in die stillen Schweizertäler, als sie die Tiere mit Händen greifen, fast Salz streuen konnten auf die Schwänze der Spatzen, hui, was das für eine Burgerlust war! Doch dauerte diese Freude nicht lange, wie keine dieser Art. Gutmütig hatte anfänglich der Maudi einige Späße aufgenommen, als ihm aber die Späße zu arg wurden, war er der Erste, der zur Selbstverteidigung schritt und seiner Krallen sich bediente; ihm ahmte der Blaß nach, doch biß er nicht zu, er klemmte nur noch, die Tauben flogen auf, die Hühner zottelten ängstlich ins Korn, die Spatzen setzten sich auf die Bäume und verschrieen die bösen Buben, so weit sie konnten. Und was das dem Mutterli ins Herz schnitt, als der Maudi nicht mehr mit dem vollen Bewußtsein eines lieben Hausgenossen herumspazierte und seinen gewohnten Platz einnahm, so oft es ihm beliebte, sondern wild ward, zwischen den Beinen durchschoß, sich selten blicken ließ, mit dem Blaß ein geheim Bündnis zu haben schien und allemal erst knurrte und die Haare aufstellte, ehe er dem Mutterli flattierte! Es war gerade, als ob er erst mit ihm branzen, ihm Vorwürfe machen wolle, daß es wilde Kinder habe kommen lassen in ihren stillen Frieden. Abwehren half nicht das Mindeste, die Kinder hatten gar keine Ohren für Befehle und Mahnungen, sie taten nicht bloß, als hörten sie nichts, sondern sie hörten wirklich nichts, wenn der Götti oder die Gotte sagten: «Eh, ih wett nit, lue er chönnt dih byße, er chreblet dih wäger, lue wed süferli tuest und ne Haber streust, die Tube chöme u näh drs us dr Hang.» Für diese Sprache hatten sie wirklich keine Ohren. Der Götti versuchte sie allmählig an Arbeit zu gewöhnen, rief hier eins, es solle ihm helfen, oder dort eines, rühmte ihns, verehrte bei gutem Anlasse dem einen ein Lämmchen, dem andern ein Paar Tauben, aber das Ding half nichts. Sie hatten die Tiere nur, um sie zu plagen. Das Lämmchen, das er dem ältesten Buben verehrt hatte, hätte es fast mit dem Leben gebüßt. Erst plagte es der neue Herr, jagte es den ganzen Tag herum, wollte es dressieren wie einen jungen Metzgerhund. Ließ es endlich dieser in Ruhe, so quälte es ein jüngerer Bub; weil er nicht hinter den stärkeren Bruder durfte, so prügelte er dessen Lamm und mißhandelte es. Zeit und Ordnung hatten sie keine, schleppten alles hervor, ließen alles liegen, wo es sie ankam, strichen herum, so weit es ihnen gefiel, kamen heim, wann es ihnen gefiel, um die Essenszeit kümmerten sie sich nicht im mindesten. Wenn sie aber heimkamen, so wollten sie essen, jedermann sollte alles liegen lassen, um sie zu bedienen, und was man ihnen gab, war nicht recht, sie befahlen dies, jenes, wollten Fleisch statt Brot, Wein statt Milch, und Erdäpfel fräßen sie keine, die syge für dSäu, meinte eins der Kinder. Das Mütterli meinte anfangs, man müsse Geduld haben un öppe geng luege, daß si zfriede syge, gab her, was es hatte, aber in die Länge ging es nicht so. Es begann zuzusprechen und zu trösten, sie sollten nur nehmen heute, morgen wolle es sehen, daß es ihnen was hätte, welches ihnen anständiger sei. Aber das war ihnen vielleicht auch wieder nicht anständig. Sie brachen in den Keller ein, in den Kuchischaft, sie nahmen selbst, wo sie dazukommen konnten. Sie leckten im Keller die Nidel ab der Milch, sie waren scharf über dem Käse. Die Eier schwanden, und von den Äpfeln, die immer gespart wurden, bis man neue hatte, war bald keiner mehr zu sehen. Unerhört war solches im Hause, und was nie geschehen war in selbigem, das mußte jetzt geschehen, wenn auch mit großem Leid und Weh, es mußte auch über Tag der Schlüssel am Keller abgenommen werden. Fast wie Feinde war ihnen die junge Brut ins Haus gefallen.

Und doch war Eisi ihnen vielleicht noch peinlicher, denn es war eine Figur, die gar nicht zum Hause paßte, und wer es auch nur sah, dem wars, als stolpere er über einen Stein, oder es sei ihm was im Wege und er müsse hintenum. Es war da wie eine Dame, fast wie eine Engeländerin, rührte nichts an, paßte aber wohl auf, ungebührliche Zumutungen von der Hand zu weisen. Von wegen seiner Bildung und als Weltfrau sah es die alten Leutchen tief unter sich und verachtete sie sehr. Dümmere Leute als die gebe es nicht, sagte es, was Leben sei, wüßten sie gar nicht. Gäb es in die Länge hier leben wollte, hänkte es sich lieber. Es wartete immer auf ungerechte Zumutungen oder harte Behandlung der Kinder, wohl, denen wolle es zeigen, wer es sei und daß es nicht dasei, ihr Schuhwisch zu sein! Aber es hatte keine Gelegenheit, das zu zeigen, niemand mutete ihm was zu, niemand gab seinen Kindern ein hart Wort. Das machte ihns so recht bös, nur hatte es keine Gelegenheit, das so recht zu erzeigen. Zudem waren die Kinder ihm lästig. Im Wirtshaus hatte es sie selten gesehen, hier waren sie ihm, wie es klagte, beständig unter den Füßen, hatte keine Ruhe vor ihnen, ihm waren sie am meisten lästig, und wer ihnen die meisten bösen Worte gab, aber nicht wenn sie was Böses machten oder Streit hatten, sondern bloß, wenn sie ihm lästig waren, das war Eisi. Die Langeweile ist ein unwirscher Gast, läßt niemand Ruhe; da niemand ihm was zumutete, so ward es böse, kehrte seine Gedanken und machte den alten Leuten es zum Vorwurf, daß sie es nicht etwas machen hießen. Sie wollten es mit Längizyti ztod schla, sagte es, oder machen, daß es dest eher gehe. Aber wenn es einmal eine Lismete zwegschriß oder was zum Schnurpfen und die Mutter ihm sagte: «Wed öppe Fade witt oder Züg für z'plätze oder sust neuis z'mache, su sägs ume, du mueßt ha. Es isch nit, daß mr meine, daß du dene Kinge söllisch Kleider zwegmache, mr hey dr Schnyder scho heiße cho, aber wed neuis für dih mache wotsch, su mueßt ha, was de wotsch.» Es heyg, was es nötig heyg, sagte dann Eisi. Es konnte die Alte Kraut rüsten sehen oder so was machen, es saß dabei, aber rührte keine Hand. Hie und da konnte es dem Knecht grasen helfen, um zu zeigen, daß es auch noch rechen könne trotz Einer. Der rühmte es begreiflich, ums Rühmen hatte Eisi immer viel getan, und jetzt kam es so selten dazu. Auch in der Küche hätte es sich nicht ungerne sehen lassen, wußte viel zu erzählen von allerlei Plättleni, welche es seinen Gästen vorgesetzt, und wie sie immer gerühmt, besser als bei ihm esse man nirgends. «He ja», sagte dann die Mutter, «üsereim weiß vo selligem nüt, es guets Kaffee un es Schnäfeli lings Brot isch öppe ds Best, was mr hey, un ih bigehre nüt Bessers. Aber wes dih öppe düecht, du möchtisch neuis, su machs ume, nimm wasd bruchst, we mrs hi.» Aber Eisi ließ sich nicht herab dazu. Ds Gschir zu selligem fehl, sagte es, u de i re frömde Kuchi mach es nüt. Es heyg nit Freud, i re Kuchi neuis z'mache, wos nit Meister syg.

So stund es im Hause unheimlich und wild, die alten Leute waren gedrückt, seufzten wohl, wenn sie einander ansahen, aber reuig waren sie nicht und klagen taten sie auch nicht, kein böses Wort entrann ihrem Munde. Der Hausgeist schien geflohen zu sein bei dem neuen Einzuge, wie man es den Bergmännlein nachredet, daß sie fliehen, wenn wilde fremde Menschen in ein Haus kommen, welches sie bewohnt hatten. Aber so ein Hausgeist flieht nicht, wenn die ersten Bewohner ihn nicht verstoßen, sondern bei ihm ausharren in Geduld und Sanftmut; das Neue wird begwältigt oder es entweicht.

In einem Rudel wilder Kinder sind die kleinsten und schwächsten am bedaurungswürdigsten, sie müssen am meisten leiden, wie in einer wilden Herde die Kranken und Kleinen zertreten werden im Gedränge. Sonst ist es die Mutter, welche die Kleinsten schützt, oder der Vater, daher es so oft heißt, die Jüngsten hätten am meisten Recht, besäßen die beste Liebe, der ihnen so notwendige Schutz wird nicht begriffen. Bei Eisi war es aber umgekehrt, es fragte überhaupt niemand viel nach, auch seinen Kindern nicht und begreiflich denen, welche es am meisten belästigten, am wenigsten. Wenn die Kleinern weinend bei ihm Schutz suchen wollten, so hieß es sie Brüllhüng, hieß sie schweigen auf der Stelle, wenn sie nicht zum Gring wollten, daß sie dann wüßten, was sie zu brüllen hätten. Zudem hatte es auf unser armes kleines Mädchen einen Zahn und durfte es doch nicht recht zeigen, es war ihm unheimlich bei ihm, es erschrak allemal, wenn dasselbe sich ihm nahte, besonders wenn Eisi alleine war. Das Kleine konnte nicht vom Ätti schweigen, immer fing es von ihm an, und so oft bat es: «Muetter, wey mr nit für e Ätti bete? Viellicht wärs gnue, aber denk o, wes nit gnue wär, u mir hätte dr Wyl gha us doch nit ta, denk o, Müetti! Wotsch afa? Müetti, bet doch!» Und gäb wie ungern, so mußte Eisi doch zuweilen beten, ein gewisses Grauen ließ es ihm nicht zu, das Beten allemal abzuschlagen, aber allemal, wenn es gebetet hatte, so stund ihm der kalte Schweiß auf der Stirne. Darum liebte es das Mädchen nicht, und doch war es das einzige seiner Kinder, welches sich zu ihm drängte, trotz Schnauzen und Müpfen, sich an Eisi hing und bat: «O Muetter, häb mih o lieb», denn das arme Kind war eins von denen, welchen Lieben und Leben eins ist. «Schwyg doch mit dym Gchähr u stürm mr nit geng ds Glyche», war Eisis gewöhnliche Antwort. Dieses Mädchen fühlte natürlich schnell die Herzen heraus, in denen Liebe war für so ein klein lieb Mädchen. Nicht mancher Tag war vergangen, so hing es unzertrennlich an der alten Mutter, war ihre kleine Dienerin, hatte sie zu seiner Vertrauten gemacht, gefragt, ob sie wohl mit ihm für den Ätti beten wolle, ds Müetti tüeys so ungern. Das hatte der alten Frau ihr Herz unbegreiflich bewegt, tränend hatte sie mit der Kleinen gebetet und tat es fürder alle Tage, und das Kind war ihr so lieb, daß sie ihrem Mann oft sagte, sie glaub emel, si vrsüng sih drob.

Etwas Ähnliches geschah mit Benzli, dem jüngsten Knaben; und dem Götti. Seit des Vaters Tode war Benzli so recht niemanden gewesen. Früher hatte, wie erzählt worden, der Vater seiner sich angenommen, seither hätte er nirgends sein sollen. Die ältern Geschwister hatten es wie die Söhne Jakobs mit ihrem Bruder Joseph, und wenn er zur Mutter sich flüchten wollte, so balgete die und sagte, es sei dr wüestist Brülli wos gäb, er syg ere i Gottsname geng ume unger de Füeße, er söll sih zu de angere gheye enangerenah, sust mach si ihm dHose ache un er müeß dRuete ha. Der Götti konnte ihn noch nicht wie die Andern zum Arbeiten locken, welches sie aber auch flohen, als ob man ihnen Schwefel unter die Nase hielte. Aber wenn Brüder und Schwestern ihn plagten und er weinend und schreiend ihnen nachlief, so lockte ihn der Götti auch, sagte: «Komm du zu mir», und bald führte er ihn zum Roß und bald nahm er ihn auf den Wagen oder auf die Bähre, ließ ihn reiten, machte ihm eine Geisel, lehrte ihn Tieren Brot und Haber geben mit Liebe, nicht zur Neckerei, um sie dann besser plagen zu können. Beim Götti war Benzli sicher, hatte kurze Zyti, ja er konnte ihm zuweilen ein Werchholz tragen, etwas halten, und dann sagte der Götti: «Lue Muetter, was ih da für es Knechtli ha u wie er mr scho helfe cha!» Ja zuweilen lehrte der Götti mit ihm und sagte ihm, wenn er fleißig sei, könne er as Exame u überchömm de schön Batze, und wenn er dem Pfarrer recht aufsagen könne, so kaufe er ihm noch ein Buch mit goldenen Tieren darauf. Mit dem Kinde ging eine sonderbare Veränderung vor. Es war, als ob an einer dürren Halde plötzlich ein Quell zutage gebrochen sei mit fettem, süßem Wasser und die Halde wässere, leise rieselnd an ihrer Seite nieder, oder als wenn die Sonne aufgebrochen wäre über einen kalten, gefrorenen Acker und Tag um Tag ihn küsse mit ihren lieblichsten Strahlen. Benzli war des Göttis kleiner Schatten. Es weckte ihn am Morgen, wenn der Götti aufstund, es war, als ob eine sympathetische Kraft ihm den Schlaf verscheuchte; war aber der Götti fort, schlief er nicht ein, bis der Götti wieder heim war, es mochte so spät werden, als es wollte. War der Götti nicht daheim, so schloß er sich an seine Schwester, stund unter dem Schutze der guten Frau; unter seinen andern Geschwistern wäre es ihm übel ergangen, sie hätten an einem Tage nachholen wollen, was sie während zwanzig Tagen ihm angetan hätten. Ließen die beiden kleinsten Geschwister sich von ihren Schutzgöttern weg, so ergriffen die andern rasch die Gelegenheit, sie zu quälen und zu plagen, daß sie weinen mußten. Wenn sie nun weinend unter die schützenden Flügel sich flüchteten, so begehrten die andern auf und klagten: Da sehe man wieder die Plärhüng, we me die ume alueg, su brüllte si graduse u vrchlagte si bi de Alte, kläfelete, kläpperlete alles ume, un si welle se nimme by ne dohle, u we si no meh chäme, su schläye si ne alli Bey abenangere, daß es sih de o dr wert z'brülle syg.

Die kleinen Kinder, sowie sie an Götti und Gotte gefesselt wurden, die Liebe in ihren Herzchen erblühte, das Bewußtsein mit inniger Kraft erwacht war, daß sie wieder neuere seien, hatten innige Freundschaft mit den Tieren geschlossen, trugen die Früchte der erhaltenen Liebe auf sie über. Was an ihnen getan ward, wollten sie auch andern Geschöpfen antun. Um so heftiger verfolgten die ältern Kinder die harmlosen Tiere, in ihnen wollten sie den Kleinen wehe tun; was sie diesen nicht wohl tun durften, das mußten die unschuldigen Tiere abtun. So geht es oft im Großen in der Welt, wie es hier im Kleinen geschah, nur daß dann die Bubenhaftigkeit ins Große geht, während sie hier nur im Kleinen sich äußerte, daß man das Vaterland prügelt, um Vaterlandsfreunden wehe zu tun, daß man, trotz Treue und Eid, das Vaterland aufs Spiel setzt in der Hoffnung, persönliche Feinde könnten in diesem Spiel das Leben verlieren. Diese Bubenhaftigkeit, welche dieses verruchte Spiel treibt, geht aber nicht bloß ins Große, sie geht ins Grausenhafte.

Die lieben Kleinen hatte der Hausgeist ergriffen, sie waren dessen lieblichste Ebenbilder, sie waren der Alten herzlichste Freude, und wer gesehen hätte, wie lieb die Augen glänzten, mit welchen die Gotte ihrer Kleinen nachsah, und wie mild das Auge des Götti erglühte, wenn er mit seinem lieben Buben sprach, der hätte gesehen, wie die Liebe, die im Herzen sprudelt, in den Augen erglüht. Solche Freude hatten die Alten noch nie genossen, auch durch ihre Herzen floß ein frischer Lebensstrom. Die Kinder waren ihre Sternlein, und wie ehedem die Schiffer nach des Himmels Sternbildern, richteten die Alten nach diesen Gebilden Gottes ihren Tageslauf, und wenn sie nicht sichtbar waren, so war es ihnen wie den Schiffenden, wenn Wolken die leitenden Sterne verhüllten. Und neben dieser Freude brannte doch ein großes Leid in ihrem Herzen, ihr Herz war fast, wie die Juden meinen, daß es sei, wenn Himmel und Hölle aneinanderstoßen, Freude und Leid wohnten dicht beisammen.

Sie sahen das Treiben der andern Kinder, sahen, wie keine Liebe fruchtete, wie jede Beschränkung ihrer angewohnten Lebensweise durch Strenge erzwungen werden mußte, wie aber zwischen den Kindern der Neid eine immer tiefere Kluft grub, wie da kein Friede herzustellen sei. Zur Hülfe rührte Eisi keinen Finger; wenn die Kinder ihm nur nicht nahe kamen, so war es zufrieden, und wenn sie sonst was Schlimmes trieben, so sagte es, dKing syge so, es müeß geng öppigs Uwatligs gah, drnebe chönn me das nit ändere. Daneben ward es aber auch nicht eifersüchtig, wie manche Mutter es geworden wäre, über die Liebe, welche die jüngsten Kinder den Alten zuwendeten. Die King plagten sie doch, sagte es, aber es mög nes gönne, si syge selber dschuld dra, warum gebte si sih sövli mit ne ab u möge sih mit ne gmüehe. Aber mi müeß se ume la mache, es werd ne scho no erleide. Drnebe mög es es o de Kinge gönne, si heyge emel einist dest besser drby, u ds Bösha werd ne scho wieder cho un allweg früeh gnue, u de werds ne de dest ungwahnter vorcho. Aber es gschech ne de recht, si heyge de ihri guet Sach o gha u die angere nit.

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