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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Alte Leute haben altväterische Gedanken, die jungen Leuten wohl kommen

Wie es doch so wunderbar geht! Während an einem Orte Wildes sich regt in einer Seele, steigt weitab davon mildes, weiches Sinnen auf, Gottes Liebe bereitet in einer frommen Seele den Balsam, der eine kranke, wilde Seele heilen soll oder heilen möchte.

In dunkler, aber freundlicher Stube spann eine alte Frau Kuder mit emsiger Hand. Sonst hatte sie weichen, seidenen Flachs gesponnen, aber als ihr Gesicht schwach geworden, ließ sie den Flachs, er war ihr viel zu lieb, um ihn schlecht zu spinnen. Jetzt spann sie Kuder, hatte auch diesen nun lieb gewonnen und ging mit ihm um mit mütterlicher Sorgfalt und Zärtlichkeit. Am Tisch ihr gegenüber hatte ein alter Mann gelesen in einem großen Buche, das vor ihm noch offen auf dem Tische lag, jetzt nahm er die Brille ab, lehnte sich an die Wand und sagte nach einigem Sinnen: «Los Muetter, hätt dr neuis z'säge, möcht lose, was du drzue siegisch.» «Was hesch, Ätti, sägs», sagte die Alte freundlich und setzte mit Spinnen ab. «Du weisch, ih bi Steffe uf dr Gnepfi dr Götti gsi u bi Götti vo eym vo syne Kinge. Öppe aparti wohl für mih isch er nie gsi, selb isch wahr. Wenn er Geld nötig gha het, su wär ih guet gnue gsi, aber öppe es Wörtli zur Sach hätt ih de nie sölle säge, u han ihs notti gseit, su hey sis zürnt a mer, daß es es Elend gsi isch. U hätt er welle lose, su wär viellycht mängs angers gange. I Gottsname, es wird so ha sölle sy, un er hets müesse büeße, u jetz müesse dKing no drunter lyde. Das cha mih plage, es düecht mih, das syg nit recht, u jetz chönnt me viellycht helfe, u we me chönnt, su wett ihs tue u alles angere vrgesse ha. Es chunt eym o chumlig, we Gott eym vrgit u eym sih wieder animmt, we me sih wieder byn ihm zuechelat. Viellycht cha me no jetz nüt mache, dr Vogt het mr gseit, es syg es Elend, aber e Gring heyg die Frau, Nagelflueh syg wie früsche Anke drgege, aber es wär um ds Probiere z'tüe, un allweg bin ih geng dr Götti.» «He ja», sagte das Müetterli, «es het mih o düecht, aber emel einist han ih nüt möge säge, ih ha nit gwüßt, sinnisch no dra oder nit, wie wüest si drs gmacht hey, u da ha dih nit möge plage. Aber es isch mr wie dir. Wofür hey mr dSach? Mitnäh cheu mr se nit, King hey mr keni, u was me bi Lebzyte tuet, weiß me doch de o, wies agwengt isch, u für z'vrgrabe git Gott ja niemere nüt. U we me neuis vrheiße het, su wärs geng brav, we mes o hielt.»

«Ih ha däicht», sagte der Mann, «du werdisch nüt drwider ha z'helfe. Aber es isch es angers, u das wird dir zwider sy wie mir. Si hey ke Bhusig, si hey aller Welt fast nüt, dFrau het gcholderet bis zletsch, wos z'spät gsi isch. U da weiß ihs fast nit angers z'mache, als se für e Ufethalt, bis me het chönne luege, allizsäme z'näh u z'bringe. Platzg hey mr u z'esse.» Die Alte faltete die Hände im Schoße, seufzte nicht, aber einen Seufzer sah man ihr an, und sagte: «Machs, weds meinst! Cha dr nüt drwider ha, z'esse hey mr u Platzg o.» «Ih ha wohl gwüßt, daß de nüt drwider hesch», sagte der Alte, «ds Herz für z'helfe hescht wie öppe nit bald eini. Aber es het dih hert wie mih, daß es däweg mueß ghulfe sy, mr weys enangere bikenne. Ih ha däicht, es syg dir wie mir, drum hets mih hert gha, drvo azfa, wil ih dr Götti bi u vrwandt u du dih mynetwege lyde sottsch.» «O Ätti, söttisch mih doch afe chenne, sövli lang daß mr afe binangere sy, bal füfzg Jahr.» «Ebe deretwege, wil ih weiß, daß nie Ney isch, we dr neuis amuete, ischs mr zwider, vo neuis z'rede, wo ih wohl weiß, daß es dih hert het wie mih. Mr hey keni King, sy gern rüehyig un hey gern alles am glyche Ort, und öppe nit mengs Wort wird lüter gredt ds Jahr us un y as ds anger, un jetz die Frau u die King, wo dFrau us em Hüsli isch u dKing nüt vo Folge wüsse u ke Sach cheu lyde, wo graduf isch, selb wird notti is schwer ha u fast meh weder gnue z'vrwerche gä.» «Ha nüt drwider, Ätti», sagte das Müetti, «aber seu mr ume tue, was mr gern wey, u nit o, was is hert het, ume das, wo ring geyht u lustig, u nit o das, wo is düecht, mr möge nit u wo mr müesse dargä, was mr recht lieb hey uf dr Welt? Öppe am Geld hange mr nit, es paar Batze schüche mr nit, u sövli viel koste wird es nit, aber a dRueh sy mr gwahnet, es rüehyigs Lebe, a dem hange mr meh as am Geld, das isch, was is öppe vo dr Welt am liebste isch, dir u mir, ih weiß das wohl. Aber seu mr deretwege zruggstah, we Not a Ma isch u nit öppe bloß dr Muetwille, da neuis z'mache, vo dem dLüt brichte! Het üse Heiland nit o dr Kelch ustrunke, we scho dr Trank drin bitter gsi isch us ne hert gha het, u dr Aberham hett ja sys Sühnli o welle dargä, wes Gottes Wille gsi wär. Mr hey keni King, u weisch, wie hert is das gha het mängisch, u jetz, wo mr neuis a de Kinge tue chönnte, sötte mr z'ful sy drzue u Guetha is lieber sy as Müehy ha um Gottes wille? Ja, ih weiß, es wird mih mängs dure u mängs düeche, es sött nit sy un es sött angers z'mache sy, un es wird mr mängisch bis i all Fingerbeereni fürecho. Aber da cheu mr de ja erfahre, ob mr die rechte Liebi hey, die sih nit lat vrbittere u die nit das Ihre suecht. U wer weiß, ob mr nit cheu neuis tue für dEuigkeit u nit ume öppe für e Lyb mit Spys u Trank. U wär das mügli, denk Ätti, wie schön das wär, wes de mueß gstorbe sy, u lang geyht das doch nümme!»

«Du bisch geng ds Bessere u wirschs blybe», sagte der Alte. «Schwyg mr vo selligem, Ätti», sagte das Mutterli, «selb ist nit, aber we me enangere hilft im Geistlige wie im Lyblige, su bringt me neuis zweg, u ds Schwächere isch geng ds Guraschiertere, wil es weiß, daß es sih uf ds Stärchere vrla cha, wil es erfahre het, was selb z'vrbringe imstang isch. Es isch e Zyt gsi, ih ha mr o nüt trauet u gweberet, gäb wie liecht neuis vor mr gsi isch, aber du han ih erfahre, daß wo du witt u hilfst, dSach geyht, drum han ih guete Muet u will mih lyde. Was es de nützt un ob is dSach gratet, selb ist en angeri Sach, da geyhts de, wie Gott will.»

«Los, wed wüßtisch, wie hert mih dSach achäm, du redtisch nit so», sagte der Ätti. «U no vori, won ih vo dr Sach agfange ha, hets mih geng düecht, wed dih ume wehrtisch u Nei siegisch, su wärs mr aghulfe. Ih hätt doch de dr Wille zeigt, chönnt mih vrantworte u bruchti doch dSach nit z'mache. Es isch mr scho mängisch so gange, u du hest de grad Ja gseit, daß ih fry erschrocke bi. Ih weiß wohl, was das für e Stimm i mr isch, wo däweg chunt, das isch dr alt Adam, dä no geng sih rüehrt, u du bischs de, wo ihm ufs Mul trappet, daß er schwyge mueß.»

«Jä lue, Ätti», sagte das Mutterli, «ih ha a mir selber erfahre, wie hert es eym selber het, eh me neuis Guets fürebringt, was me da alles z'überwinge het, eh mes ume uf dr Zunge het, u chunt de no neuer u wehrt u wotts nit tue, jä su isch me mängisch selber froh, wied gseit hesch, u mengisch meint me, mi müeß schwyge, dm liebe Friede zlieb. U hundertmal han ihs ghört, wie me gseit het: Ih hätt welle helfe, hätts gern ta, aber dr Ma het nit welle, dFrau het wüest ta, dKing heys nit welle tue. Ja däweg, we mes selber nit am liebste tuet u de no alli wehre, statt astrenge, was chas de da Guets gä i dr Welt? U da, we du e guete Gidanke hesch, sött ih dä ga ztod schla? Da freuts mih, we du ne mit mr teilst, wen ih dr darf helfe ne z'pflanze i ds Lebe un ihm darf abwarte, da wird er de ja o halb myne, u was er für Frucht treyt, darf ih mit dr teile, un üse Herrgott wird mr o einist öppis drvo zu myne Schätze tue.»

«U fry viel», sagte der Ätti. «So isch ds Lebe süeß, wo eys däweg dm angere hilft u keys dm angere sy Schleiftrog isch, sy bös Geist, wo nüt dohle ma, was ds angere Guets fürebringt, wos allimal Stryt git u wo me ds Guete verstecke mueß mit Angst und Zittere, wie die größte Sünde. Es isch mängi Frau, si meints viellycht nit bös, aber si het dr Geist, dem nüt recht isch, was öpper anger fürebringt, un ume was ihre zSinn chunt isch recht un guet, u dere ma dr Ma säge, was er will, su ghet si sih drüber u wott nüt drvo, da isch sih nüt z'vrwungere, wen ihm nit ume ds Guete vrleidet, sondern ds Rede o. Ih ha mänge Kamrad gha, si sy all ungerm Herd, si sy anger Bursche gsi as ih, un ih ha denkt, das gäb rechti Manne, u nüt sy si worde, zsämegschrumpfet wie en Öpfel, wo me ne uryf ab em Baum nimmt, u wer dSach chennt het, het müesse säge, dFraue heyge se so gmacht u ke Wachstum im Guete la ufcho. Drum, Müetterli, hesch du doch geng a allem dr besser Teil, hests wie e Hebamme, wo drzue luegt, daß dKing am Lebe blybe u fürchöme. Su will ih morn früeh fahre, gäb öppis Ungschickts geyht, u will se bringe i Gottsname, de cha me luege, wies geyht, u geyhts bös, he nu, su cha me de öppis angers fürnäh. We dNot da isch, su wird dr Rat o cho.»

Wenn so ein alter, frommer Götti was Frommes vorhat, so hat sein Leib keine Ruhe, höchstens liegt er ein wenig ab, höchstens schlunet er einige Minuten, aber schlafen kann er nicht. Er füttert das Roß, er trappet ums Haus, er sitzt im Stalle, er legt und zieht zweg, was er braucht. Ebenso wenig hat sein Mutterli Ruhe, und wenn es sich auch zu Bette legt, so hört es doch die Uhr vierteln, hört des Ättis Trappen vom fernsten Ecken her. Ehe man sichs versieht, spretzelt das Feuer in der Küche; zum guten, währschaften Frühstück nimmt das Mutterli sich gerne Zeit, hürschet nicht so in der Geschwinde die Sachen her, sondern macht alles wenigstens doppelt so gut als an andern Tagen. Wie es bei vielen Leuten geht, daß sie früh satteln und spät reiten, immer eine Stunde oder zwei später fortkommen, als sie gewollt, geht es bei einem alten, trauten Paare umgekehrt. Zumeist ist alles eine Stunde früher zweg, als man es sich vorgenommen; so ein altes, treues Paar weiß, es hat keine Zeit mehr zu verlieren, was es tun will, muß es bald tun, drum ist es auch in allen guten Dingen immer zweg vor der Zeit.

Noch war der junge Tag nicht am Himmel, als der alte Götti sein Wägeli bestieg, fromm bsegnet von seinem Mutterli, das im Dachtraufe stand, solange es das Rollen der Räder hören konnte. Der alte Götti liebte junge Rosse, und das machte seinem Mutterli oft angst. Aber er hatte für junge Rosse eben die rechte Sanftmut, welche zusammengesetzt ist aus Ernst und Milde, aus Liebe und Kraft. Sie tanzten wohl vor dem Wägeli her, stutzten zuweilen, aber scheuten nie, der Fuhrmann erschreckte sie nie, gab Mahnungen zu rechter Zeit, und wenn Trotz oder Wildheit sich zeigen wollten, so zeigte sich eine Kraft, welche Meister über die Unart ward. Das wußte das Mütterli eigentlich wohl, aber wo findet sich ein rechtes Mutterli ohne Angst um den Ätti, und diese Angst wird inniger mit den zunehmenden Jahren, denn was sollte das arme Mutterli auf Erden ohne den Ätti?

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