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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wie Eisi an der Herrenstube hängt, und wie Babi, die Speisewirtin, darüber stolpert und die Treppe ab fällt

Da es allgemach Abend ward, dem Gerichtschreiber kalt um die Füße und die Honoratioren pressierten nach Haus, so ließ man sich zu guter Letzt noch ins Haus und machte sich an Eisis Herrenstube, wo die schönsten Möbeln waren, das schönste Bett, gar es bsungerbar es fürnehms Bett, die Betttücher eine halbe Elle länger als die andern Bettücher, nur eine halbe Elle zu kurz, und längten noch zu beiden Seiten etwas weniges vorume. Auch forderte die Magd, wenn sie das Bett machen sollte, immer apart dLylache fürs Herrebett. Auch die Decke zeichnete sich rühmlichst aus, sie ging wirklich bis ganz zu unterst an die Bettstatt und konnte sogar auf der hinteren Seite was wenigs unter die Matratze gebracht werden, ohne daß die vordere Seite allzu sehr beeinträchtigt wurde, was im Winter nicht unangenehm ist. Am Bett waren Umhänge, verflümeret schöne, besonders wenn im Sommer die Fliegen nicht zu handlich gewesen waren. Ein Nachttischli war da, bsungerbar es kommods, es hatte vier Beine, von denen nur eins kürzer als die andern war, was ein sehr angenehm und kurzweilig Gnappen gab, wenn man darankam. Es war fast wie eine verständige Person, welche Laut gibt, sobald man sie berührt. Dann war ein viereckigt Guggeli in dem Nachttischli, wo das bekannte Geschirr Raum fand und daneben noch sogar ein Paar Pantoffeln, heimelige Dinger; als neu hatte Eisi sie getragen, fingen dann die Hinterstück zu fehlen an, so beizte es sie den Herren ins Nachttischli. Die waren dann grusam froh, wenn sie dieselben fanden; erst jetzt sei es ihnen so recht heimelig, man treffs niene so a, sagten sie dann. Zoberist war dann gar noch ein Schublädli, wo sie die Sackuhr in Sicherheit bringen konnten und noch den Geldseckel, was bsungerbar kommod sei, von wege, was in einem Schublädli sei, das wische man doch nicht so leicht ungsinnet abe un a Bode, u wenn es Uhreglas broche syg, su sygs es unkommods Nachetrage. Dann kam gar noch ein Ruhbett, eine Kommode, Porträts, bsungerbar schöne. Wenn man sie recht betrachtete vor dem Schlafengehen, so waren sie imstande, sie kamen einem vor im Traume. Von den Umhängen an den Fenstern, an welchen vor zehn Jahren dBettmacherin die neuesten Pariserknöpfe angebracht hatte, wollen wir nicht einmal reden.

Ach, an diese Herrenstube knüpfte sich so manche schöne Erinnerung, an sie knüpfte sich am vollständigsten das Andenken an die untergegangene Herrlichkeit. Ach, als Eisi diese Herrenstube hatte, als endlich die Bettmacherin den Knopf an den letzten Nähtlig machte, als Eisi mit dem Nachttischli kam und die Bettmacherin zu Rate zog, wie man es am besten zwegstelle, als diese nach sinnigem Bedenken ihren Rat abgegeben, als endlich alles fix und fertig war, als die Beiden, welche die innigsten Freundinnen geworden waren, das große Werk betrachteten mit eingestützten Armen, da verstummte Eisi, die Herrlichkeit drückte ihm fast das Herz ab, mit der einen Hand wischte es die Augen aus, mit der andern fuhr es in den Kittelsack, wo damals Fünfunddreyßiger genug waren. Bekanntlich verstummt eine Bettmacherin nicht so leicht, nur in höchst seltenen Fällen kann ihr so was arrivieren. Darum sprach diese nach einigen Augenblicken seliger Anschauung: «Ja ja, Frau Wirtin, Ihr könnt mir glauben oder nicht, aber eine solche Stube, ganz nach der neusten Mode, ist ds Land auf, ds Land ab nicht, geht wohin Ihr wollt, eine solche findet Ihr nicht.» Eisi ertrug die Freude kaum, es stützte die eine Hand aufs Nachttischli, welches gestellt war, wie die Bettmacherin angeraten, ds Schublädli vorne. «Aber Ihr braucht mir nicht zu glauben», fuhr die Bettmacherin fort, «lueget de, was dLüt säge, glaubet mrs, Herrschafte werde cho, wyther, wenn me weiß, wie me hie loschiert ist. Ds Esse ist bi wytem nimme dHauptsach, dZimmer sys, ds Loschiere ist dHauptsach. Die fürnehmste Reisete, wo de Krämere nachfahre, werde welle byn ech über Nacht sy und niene anders.»

Eisi ertrug die Fülle der Wonne kaum mehr, es ergriff ihns wie mit Himmelsgewalt. «Ja ja», sagte es, «dSach gfallt mir, die angere cheu jetz nacheluege. Aber chömit, mr wey eys ga näh vom Mehbessere, ds Luege het mr es ganz troches Mul gmacht.» «E aber nei, Frau Wirti, was denket dr o, so zur Unzyt, u de no vom Mehbessere. Nei aber, denket o, ih müeßt mih ja schäme bis i Bode abe, Frau Wirti, wenns dLüt vrnähmte, daß ih eine gno hätt, u de no am Morge.» «Abah», sagte Eisi, «was gheyen ech dLüt! U we dr se förchtet, su machets wie angerimal, machet, daß sis nit vrnehme!» «Hi hi, Frau Wirti, was denket dr, dr vexieret, dr syt e recht e Bösi, nei aber, mache wie anderimal, daß sis nit vrnehme, was dr doch für e Bösi syt, es gsechs ech niemere a.» Indessen trippelte sie doch glücklich hinter Eisi drein dem Mehbessere zu, und als sie die nicht eben helle Treppe hinuntergingen, schob sie ängstlich die Fußspitzen vorwärts, während sie vorsichtig das dünne Röckchen von hinten in Sicherheit brachte.

Ach, und was für herrliche Tage nun Eisi verlebte, als es eine Herrenstube hatte, als es ihm so recht ins Bewußtsein stieg, was das sagen wolle, eine Herrenstube, daß dadurch ihr Haus dem Inwendigen, dem Geiste nach erst jetzt zu einem rechten Gasthof geworden, als es mit innigster Burgerlust an dem Gedanken sich weiden konnte, was die Großgringe i de Städte, wo ihri Hüsleni Hotäll leue schelte, für e Täubi ha werde, wenn si vrnähmte, si heyge jetz on e Herrestube, un e weligi! Es sei aber auch begreiflich, daß das se taub mach, es müeßte nit Wirte sy, vo wege, das werd ne vrfluecht schade.

Und unter welchem Bangen und Verlangen das gute Eisi den ersten Herrn erwartete! Einem Mädchen, das auf den ersten Kilter hofft, kann es nicht zitterliger zumute sein. Endlich kam er, schnaubend hielt das Roß vor dem Gasthof. Abend wars, ebenrecht spät zur Einkehr, zum Übernachten. Unglücklicherweise war es kein galanter Weinweltsch, kein schmucker Frankfurter, es war ein kleiner hiesiger Basler, trocken wie seine Kaffeesäcke, um die er handelte, herb dazu wie ein halbreifer Holzapfel. Eisi kannte ihn, hatte ihm eben Kaffeesäcke abgekauft, halb vrgebe, wie er zu sagen pflegte. Eisi hielt ihn darum für einen bsunderbar guten Freund, sprang ihm entgegen, fing ihn auf, ehe er mit etwas gstabeligen Beinen sich aus seiner Kalesche gewunden. «Syt Gottwillche, Herr Türligyger, dihr syt gar seltsam bin is, ha gmeint, dihr heyget is ganz vrgesse.» «Gueten Obig, Frau Wirti», sagte Herr Türligyger. «Stallgnecht, hend mr Sorg zum Pferd, rybits ab!» «Was soll ich ihm für Haber gä?» fragte der Stallknecht. «Ih kume de u will bifehle.» «Ihr weyt doch über Nacht blybe?» fragte Eisi mit bebendem Herzen. «Händ Si mr au e reinlig Bett?» «Ihr werdets vrno ha, mi wird echs brichtet ha?» «Waiß nüt, ist ne dr Ma gstorbe?» «Vexierit nit, nei, dr wüssets. Gseit wird men echs ha, es redt ja alles drvo!» «Waiß nit e Wörtli», sagte Herr Türligyger nach seiner kurzen Manier. «E aber nei», sagte Eisi, «dr vexieret! Dr werdets ghört ha, daß mr is jetz o recht ygrichtet hey für Herrschafte, und werdet is dr Erst welle dEhr gönne.» «So, händ dr la baue? Kai Wörtli hät mr e Mensch gsait, es hät mr sih grad so gä, hit byn ech z'blybe, ds Pferd ist mied und mir ists au so kaibemäßig.» «Ih will Euch dSach ufetrage», sagte Eisi; «weyt dr grad o cho luege, wien ih ech loschiere cha und ob dSach ech aständig syg?» «Nur e guet Bett», sagte Herr Türligyger, «un e warm Ghalt, so bin ih zfriede.» Eisi ging voran und öffnete mit Anstand und Pathos die Türe. «Weyt dr ychespaziere, Herr Türligyger!» hatte es gesagt. Der kam herangestopfet, streckte die Nase im Zimmer herum und sagte: «En artig Zimmerli» und stürchelte neben Eisi durch wieder hinaus. «Soll ich Eure Sachen da abstellen, gfallts Euch?» «En artig Zimmerli, aber zeige Si mr die andere au, ich will Ihne scho sage, wo ih blaibe will.» «Vrzieht, Herr Türligyger, das ist se, dHerrestube, won ih gmeint ha, wo mr ganz neu hey la mache und wo dBettmachere a dUmhäng nüt angers gmacht het as Pariserknöpf.» «So, das Zimmerli händ Si lo yrichte und wege dem mache Si son e kaibe Lärm? Son e Zimmerli findt me ja i dr gmainste Knaipe.» Potz Himmelsapperment, wie stach Herr Türligyger in ein Wespennest! Von dem Zeitpunkt an verkaufte er auf der Gnepfi keine Kaffeesäcke mehr, und wenn er vorbeifuhr, sagte Eisi jedesmal: «Dä ist allbets o zuechecho, aber dem han ihs vrtriebe, son e Uvrschante gits öppe uf dr Welt nit e zweute, aber wohl, dä het dNase jetz dert ume, wenn er durefahrt. Das ist mir doch auch der dümmst Möff vo dr Welt. Won ih ihm dHerrestube zeige, meint dä Möff, es sei en artig Zimmerli, ih söll ihm jetz die angere o zeige, er möcht uslese. Jawolle uslese, e sellige! Es düecht mih, dä hätt nit sölle as Uslese sinne; wenn all Lüt uslese wette, dä hätt ke Frau übercho. U de wird dä Narr gmeint ha, sellig Herrestube heyg me zDotzete, u wär e sellige froh, wenn er all Monet einist i ere sellige Stube chönnt übernacht sy. Ja, taube het mih dä Türligyger gmacht, aber dem han ihs du ytribe, sell Abe het er alles abränntet müeße fresse, u nache han ih ihm ke Bohne meh abgno; un hätt er se vrgebe gä, keni hätt ih gno, u wenn er hundertmal wär cho chähre, e sellige Löhl hätt ih nit emal meh agluegt. Da sind aber dann Andere gekommen, die haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und konnten sich nicht genug verwundern, ein solches Zimmer anzutreffen. Ihrer Lebtag, haben sie gesagt, hätten sie nie geglaubt, daß man solche Zimmer auf dem Lande finden würde, vo wege, i de größte Hotälls i de Städte hätt me se nit. Da könnte man hundert Stung hie ume und hundert Stung dert ume, so truff mes niene a. Un ih ha nes müesse glaube, vo wege, si sy du all uf dr glyche Red cho, ume dä Löhl het sih welle groß mache u dr Schyn ha, wie er sih gwahnet syg.»

So redete Eisi lange von seiner Herrenstube und hatte große Freude nicht nur daran, sondern auch darin. Dahin zog man sich gar oft zurück, wenn man ein vertraut Wort mit einem Gumi reden wollte, da war so oft ein heimelig Parteili gemacht worden, von dem nicht alle Leute wissen sollten, da hatte es so oft gehört, wie keine Wirtin sei wie es das Land auf, das Land ab und wie es schöne Arme hätte, Auge wien es Spyri u Zähng, daß es eym düech, wes müeß sy, daß me sött gfresse werde, su söttes die mache, vo wege, die chönnte eym nit weh tue, so wyß u glatt u lieblig guggete die füre, grad wie jungi lustigi Meitscheni us em ene Mayegarte. Man denke, wie wohl das alles Eisi machte, wie tausend Erinnerungen sich knüpften an all diese Dinge, ob auch ihre Herrlichkeit vergangen, der Glanz dahin war, das Nachttischli auf drei Beinen hoppete, nur noch ein Pantoffel vorhanden war mit einem großen Loch an der Sohle. Und jetzt sollte all das Teure fort mit all den Erinnerungen, die daran klebten, die gleichsam als Fliegenflecken denselben einpunktiert waren. Waren aber nicht die Herren alle, die darin logiert waren, auch fortgezogen, ließ keiner mehr sich blicken, und wars nicht recht, daß all das Geräte ihnen nachwandelte mit all dem Fliegengepunkte, ihnen unerwartet wieder vor Augen auftauche, unerwartet an fremden Orten, wie einzelne Stunden auftauchen nach Verlauf von Jahren, Stunden, die man längst vergessen, die unbeachtet dem Gewissen eingeätzt waren in kleinen Punkten, welche Punkte plötzlich durch unsichtbare Kraft aufflammen, Brandmalen gleich, Fackeln, welche der Teufel anbrennt, wenn er einer Seele in die Hölle zünden will? Jetzt, als gesteigert werden sollte, waren ein Dutzend Hände, die betasteten, kritisierten, wenigstens ein halbes Dutzend Nasen, die sich rümpften, so streng sie mochten, während die Augen die Lüsternheit nach diesem, nach jenem nicht bergen konnten. Es waren zumeist Wirtinnen, die ihre neuen Gasthöfe, Speisekneipen, Pintenlöcher elegant herrichten und was für die Herren zwegrichten wollten, wenn auch nicht ein ganz und förmlich Herrenzimmer, doch wenigstens ein Nachttischli, etwas von Pantoffeln, vielleicht ein Ruhbett oder gar eine Kommode mit drei Schubladen, von denen eine nicht aufging, die andere nicht zu, die dritte halb offen unbeweglich saß.

Unter ihnen bewegte sich mit vielen Gebärden die Speisewirtin. Sie hatte die Spiegelangst überwunden und wollte jetzt auch mit hinter die Herrenstube, deren Herrlichkeit, von Hörensagen bloß mit ihr bekannt, sie längst bitter beneidet hatte. Da sie jetzt die Herren hatte, so war es für sie eine Art von Pflicht, ihnen ihre alte Stube nachzuzügeln. Jede rühmte, wie sie mit vornehmen Übernächtlern geplagt sei, mit Herrschaften dem Tüfel ebe, und nur fürchte, was da sei, sei ihnen nicht vornehm genug. Anfangs wollte das Eisi wieder sehr schwer werden, aber wieder, fast wie beim Spiegel und doch nicht ganz, überwand die Bosheit den Zorn. Es regte sich in ihm das Hoffen, wenn die Donnstigs Täsche nur alle von der Sache kaufen würden und damit das Unglück ins Haus trügen, über nichts kommen würden wie es, alle es erfahren müßten, wie es einem gehe. Wenn man den Andern wünsche, was man selbsten hätte, so werde das wohl keine Sünde sein, dachte es. Und wie die Herren luegen werden, wenn auf einmal hier, dort ihnen unter der Nase stehe, was sie hier gesehen. Wunger nähmts ihns doch, was sie dabei dächten und ob das Gewissen sich nicht rühre bei ihnen und des Nachts ihnen vorkäme, wie schlecht sie es ihm gemacht, wie lieb und wert es gewesen zu einer Zeit und wie sie es jetzt verließen, wo es doch Freunde am nötigsten hätte. Aber so sygs: solang me z'gä heyg, syg me lieb u wert, u we me einist öppis möcht, su chenn eym niemere meh u niene sött me meh sy. He nu so de, so wünsch es, daß es de angere o so gang, si wüsse de o, wies eym syg. So sah es nicht ohne eine gewisse Befriedigung dem Bieten zu, und wenn eine der Wirtinnen etwas zugeschlagen kriegte, so lächelte es. «So recht, grad das schickt sich für dich, das wird öppe schön stah i dym Loch, grad wie e Sunntighuet uf eme Besestiel oder e Hochzytrock a re Säumelchtere.» Das verwand es nicht, wenn die Leute immerzu boten und dazu, so streng sie mochten, die Sache ausführten und nicht satt werden konnten zu werweisen, ob die Sache nicht zu schlecht sei für sie und ihre Herren. Ganz besonders erbitterte ihns das Aufblasen der Speisewirtin, die gräßlich renommierte, daß man hätte glauben sollen, das Hôtel des Bergues in Genf sei eine verlassene Waldbruderhütte gegen ihre Wirtschaft.

Sie mühte sich sehr ab um das Bett, nit daß sie nicht viel bessere hätte, aber ihre Herre heyge wunderlig Gringe u liebtes, so unger em ene Gflauder z'ligge, wo me nit wüß, heyg me neuis uf ihm oder heyg me nüt. Als die Speisewirtin endlich die meisten ihrer Wünsche erfüllt sah, von wegen, so an einer Steigerung kann man viel zwängen, wenn man das Geld nicht schont, nahm sie einen Armvoll Sachen, Volet, Hauptkissen usw., und sagte, mit dem wolle sie afe gah u ds angere de la reyche, mi söll ere doch e chly drzue luege, und drückte sich mühsam durch die Türe und durch die Gänge.

Plötzlich ertönte draußen ein gewaltig Gepolter, darauf ein jämmerlich Geschrei, daß alles hoch auffuhr und der Türe zustürzte, bis an den Weibel, der kaltblütig meinte, sie sollten doch nicht Mühe haben, das werd das Erdbeben sein, von dem er gesagt, das gehe gleich vorbei, sie sollten nur ruhig sein und brav bieten. Er predigte tauben Ohren; wenn was rumpelt, wenn was brüllet, wenn einer zur Türe läuft, so gerät alles in Bewegung, namentlich Weiber, und alles läuft dem Orte zu, wo der Lärm herkömmt. Da kann ein Weibel lange predigen, besonders wenn das Geschrei immer wehlicher wird. Draußen war es dunkel, unten, von der Treppe her, ertönte das Geschrei. Die Leute drängten sich, wenig fehlte, es wäre gegangen wie ehemals, wenn die Russen eine Festung stürmten. Man redet ihnen nach, sie hätten sich nicht die Mühe genommen, Materie mitzunehmen, um die Gräben auszufüllen, sondern die Hintern hätten die Vordern gedrängt, in den Graben gestürzt, bis er zum ebenen Weg geworden, dann seien sie darüber weg der Festung zu. Wer noch lebendig gewesen, hätte nachher wieder auferstehen können. Wenn nicht ein handfester, dreizentneriger Käshändler den Fluß mit Macht gestaucht hätte, so wäre das Wesen drunten, das so jämmerlich schrie, kaum mehr auferstanden, der dreizentnerige Käshändler und was alles noch nachgekommen, wäre doch wohl zu schwer gewesen Babi, der Speisewirtin, denn die fand man unten, als man mit Bedacht die Sache untersuchte. Unten lag sie, wie der Held auf seinem Schilde, auf Volet und Hauptkissen und schrie dazu graduse wie eine Dreizentnerige, welche der Metzger am Messer hat. Als man sich um sie bemühte, stöhnte sie: «Leut mih sy, ih bi tot, tot, u dBey sy abenangere u dr Gring ist ab. Leut mih sy, dr tusig Gottswille, leut mih sy, o myni Bey, myni Bey, wäre die ume nit abenangere, ds angere miech no nüt.» So wimmerte sie, so weberte sie, daß die Leute sie fast nicht anfassen durften, von einer Bahre sprachen, von der Matratze, die noch droben sei, aber die Stege war so gepfropft voll, daß niemand hinauf konnte, sie zu holen. Endlich faßte der Käshändler einen Entschluß und sagte: Da liegen bleiben könne sie nicht, etwas müsse gehen u wyt sygs nit bis hey. Somit griff er der Quasitoten unter die Arme, gäb wie Babi schrie, hob es auf und sagte: Es söll probiere z'stah, aber Babi sank alsobald unter wehlichem Geschrei zusammen. «Su cha me das angers mache,» sagte ruhig der Käshändler und wollte es auf seine Arme nehmen wie ein klein Kind. Wer aber erst mit den gebrochenen Beinen munter zappelte wie ein Kälblein, dem man die Beine binden will, dann ab den Armen huschte wie Ketzer und auf den Beinen bolzgradauf stund, das war Babi, die Speisewirtin. Sie lasse sich nicht da fortschleifen wie ein Unvernünftigs, sagte sie, sie hätte das Recht da zu bleiben, so lange sie wolle und so gut als die Andern, und bleiben wolle sie, bis der Landjäger die Donnstigs More gno heyg, wo seye dStege ab gschosse heyg, u das syg niemere angers as die – vrlumpeti Hex, die heyg se welle töde un ere e Schutz gä dStäge ab, daß si achegfahre syg wie us ere Kanune, mit em Gring vora, daß si dr Hals abenangere gmacht heyg u nit ume einist, sondern zwure.

So heulte Babi unten an der Stäge, bis endlich der Gerichtschreiber sich durcharbeitete, um den Handel in Augenschein zu nehmen und allfällig das Nötige vorzukehren. Ehe er den Augenschein eingenommen, war seine Überzeugung schon gemacht und sein Vorsatz fest, die Gelegenheit nicht vorbeizulassen, Eisi zu zeigen, was es auf sich habe, eine Standesperson, wie er eine war, zu beleidigen. Er begehrte mörderlich auf und frug, ob man dann da in einer Mörderhöhle sei? Er schrie nach Eisi, nach der Verbrecherin. Nach langem Schreien und Suchen erschien die endlich oben an der Stege und frug, was me mit ere well. Sie solle nicht meinen, daß sie ihre Grobheit und ihren Zorn ungestraft an Unschuldigen auslassen könne, man werd es ihr zeigen, was das könne, und gut müsse sie

[***hier haben wir einen Druckfehler: **sei** ist hier unmöglich;

muss **sie** heißen.

Ich finde die Stelle im Netz in Frakturschrift:

http://books.google.com.co/books?id=bpITAAAAQAAJ&pg=RA1-PA313&lpg=RA1-PA313&dq=Gotthelf+M%C3%B6rderh%C3%B6hle&source=bl&ots=4ZZRNsOsgO&sig=SPd0V_gLdG8F6cV6o38Wwj5q740&hl=es-419&sa=X&ei=bvJ0UNf1Kor49gSJuIC4Dg&ved=0CC0Q6AEwAg#v=onepage&q=Gotthelf%20M%C3%B6rderh%C3%B6hle&f=false

*******wedi******]

sein für allen Schaden. «Was für Schade?» frug Eisi trotzig. «Ih wett no frage!» antwortete der Gerichtschreiber protzig. «Sit wenn ists Manier, daß me dLüt dStege ab schießt!» «Was, soll ih neuer dStäge ab gschosse ha, redt das neuer?» «Ja, das habt Ihr!» sagte der Gerichtschreiber, «da die arme Frau habt Ihr die Stege herabgestoßen, sie ist schwer verwundet, vielleicht auf den Tod.» «Wes ist, so gschehts ere recht, was het die Täsche da z'tue gha, aber wers redt, ih heyg se achegschosse, dä lügt wien e Donners Schelm, syg er, wer er well!» «Also, heyt dr ghört, lüge ih wien e Schelm, bsinnet ech dra!» sagte der Gerichtschreiber. «Vermahnit ume!» sagte Eisi, «ich will ech de säge, was ich gseit ha, dihr syt de no lang geng z'dumm für mih ychezsprenge!» «Also die Frau hat Euch die Stege ab geworfen, Frau Speisewirtin, Ihr habt sie gesehen?» fragte der Gerichtschreiber ablenkend. «Ja, die grad, die het mih abegschosse. Gseh han se nit, si isch hingerdry cho, aber gspürt han se, daß es die isch u ke angeri.» Da lachten Einige, und Eisi batsch drauf und sagte: «Heyt drs ghört u sinnit o dra, was die gseit het u daß ey Sturm isch wie dr anger, dr Grichtschryber u sBabi.»

Somit stieg Eisi gravitätisch die Stufen wieder hinauf, welche es im Zorn hinuntergekommen war, neben dem Weibel vorbei, welcher mit Licht hinunterkam, da es oben wegen Mangel an Leuten nichts zu steigern gab. Er well cho zündte u dr Schade sueche un ne dä ase warm schätze, mi breychs am beste, währet me ne no gsäch, sagte er; hingerdry, wenn er de scho gheylet syg, müeß mes de bloß angfähr mache, u de gäbs gern z'dispidiere, sagte der Weibel, trat herzu und zündete um Babi, die Speisewirtin, herum. Babi stund da mit verpläreten Augen, fast als ob es geschwollen wäre im Gesicht, aber der Gring war nicht ab, der Hals gradauf, auf den Beinen stund es, Blut sah man keins, und erst als der Weibel sagte, er finde nichts für z'schatzige, es sei denn, me haus uf un lueg, obs innefer fehl, aber am Brülle a düech es ne, es sött no alles am rechte Ort sy, Babi böse ward und selbst suchen half, fand es sich, daß einige brave Plätze an beiden Händen, welche es unter den Bettstücken gehabt, die es vor sich hergetragen und auf die es mit dem übrigen Körper gefallen war, ab waren. «He nu», sagte der Gerichtschreiber, «das ist geng guet gnue für e vrfluechte Gunte.» Ja ja, sagte der Weibel, er heyg scho klyner Plätze gseh, si syge tusig Pfung wert gsi. Es chömm drby geng bloß uf zwo klyn Sache a, daß me wüß, wem me dr Gunte adressiere chönn, daß er ne anäh müeß, u de, daß er Geld heyg für ne z'zahle. Leider, für Babi nämlich, fand die rechte Adresse sich nicht.

Die Speisewirtin hätte später gerne gesagt, sie hätte Eisi gesehen, obgleich es ihr wahrscheinlich wenig geholfen hätte. Eisi behauptete steif und fest, die Speisewirtin sei betrunken gewesen und über ihre eigenen Beine gefallen; wer in der Stube gewesen, solle sagen, ob sie nicht getan wie ein Narr, daß alle Leute gesagt, sie sei voll. Die Neutralen sagten, wahrscheinlich seis, daß sie in der Dunkelheit die Treppe nicht gesehen, besonders da sie Bettstücke vor sich hergetragen und mit dem Hause nicht wohl bekannt gewesen, was übrigens ohne diese Umstände den nüchternsten Menschen begegnen könne. Viele wollten Eisi noch in der Stube gesehen haben, als das Gebrüll losging, niemand aber aussagen, daß er Eisi die Speisewirtin hatte stoßen sehen, und Viele meinten, am besten seis, man lasse dSach ligge, wie si ligg. Eisi heyg sy Teil, u we diesere o neuis uf dNase worde syg, su sygs ere recht gscheh, da syg ume schad, was nebedure gang. Ob das Babis eigener Mann auch gefunden, vielleicht gar gedacht, wenn si dr Hals zwure broche hätt, su hätt er sih nit ztodpläret, wissen wir nicht. Bloß haben wir gehört, daß er schlechten Trost für seine Frau hatte. «Wärist daheim blybe», hätte er ihr gesagt, «ih ha drs no gwehrt; es angers Mal weißt de, ob de furtgheye sotsch, we de daheime all Häng voll z'tue hesch. U wed no einisch so laufst u si schieße dih wieder dStege ab, su chumm mr nit cho pläre, sust legge dr o no uf, bis es mih düecht, es sött für einist guet sy. Ih ha drs scho mängist gseyt, du last nit nah, bis es dr geyht wie diesere. Du bisch dr glych Narr, weder daß ih de öppe nit viel erwybet ha.» «E Uflat bisch, weisch, un e wüestere Hung gits nit, weisch!» sagte Babi und hätte Mut gehabt ihm hinter die Augen. Glücklicherweise hatte es nicht Zeit dazu, hungerige Gäste brachten eine glückliche Unterbrechung in die beginnende eheliche Schlacht.

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