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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Zwanzigstes Kapitel

Wie eine Wirtin der andern einen Spiegel überliefert

Wer kann sich wohl das Gefühl eines Feldherrn denken, der viele, viele Tage vor einer feindlichen Festung gelegen ist, unendlichen Zorn verwerchet hat, jetzt ist sie ihm endlich aufgegangen, ungehindert reitet er ein zum offenen Tore, kann schalten und walten drinnen, wie er will; wie ists ihm wohl so weit und stolz zumut, und doch guckt er noch in jede Ecke, ob Keiner drinnen laure mit der Büchse. Oder wie war es gar den Griechen, als sie endlich in Troja waren, das sie zehn Jahre lang so scharf und doch umsonst belagert hatten! Wenn man sich das recht deutlich machen kann, so kann man sich ungefähr einen Begriff machen, wie es in Babis Seele aussah, wie es die Beine hob und wie kühn es dreinsah. Nicht zehn Jahre, aber doch manches Jahr war ihm das Wirtshaus drüben vor der Nase gestanden, täglich hatte es dasselbe mit Blicken wie mit Bomben beschossen, aber nichts abgebracht daran, und gäb wie es schoß, hinein kam es nicht, und doch nahm es es so verflümert wunder, wie es drinnen sei und was alles sie drinnen hätten, ob wirklich so schöne Sachen, wie die Leute brichteten. Es hatte manchmal mit einer Magd die Abrede versucht, daß sie es in Abwesenheit der Meisterleute hineinlassen sollte, aber nie war es zur Ausführung gekommen, bald war ein Knecht, bald eine Magd im Wege, bald die Kinder, denn das hatte man gewiß, daß wenn es Eisi wieder vernahm, die Verräterin nicht bloß einfach ausgejagt wurde, sondern Haut und Haar riskierte. Und jetzt war das Haus offen, und in Mitte einer glänzenden Leibgarde schritt Babi, die Speisewirtin, kühn darauf los. Man hatte unterdessen etwas Pferdegeschirr versteigert, Mistbähre und Stallgeräte, und Einige drängten hart, man solle an die Wagen hin und anderes Ackergeräte. Als aber der Gerichtschreiber die glänzende Garde daherkommen sah, sagte er, da draußen gehe der Bysluft wohl stark, es friere ihn sehr an die Füße, er sei an Finken gewöhnt und möge die Lederschuhe auf dLänge nicht erleiden, er hulfe hinein und drinnen steigern. Auch gelte Schiff und Geschirr am meisten, wenn einmal ein Eigentümer zur Liegenschaft sei, der lasse das Meiste um keinen Preis fahren. Da die Sache eine Nase hatte und auch des Gerichtschreibers Füße zu respektieren waren, so geschah es also.

Als Eisi den Zug sah und seine Erbfeindin dabei, so funkelten seine Augen, daß man Schwefelholz daran hätte anzünden können, wie die Augen einer Tigerkatze, welche Junge hat, die man ihr rauben will. Die Speisewirtin ward dabei allerdings von einem unheimlichen Gefühl beschlichen, dessen niemand sich erwehren kann, der einem Feinde sich nähert, welcher an Energie und Kraft ihm überlegen ist, auch wenn man ihn gebunden oder unschädlich glaubt. Es werden Wenige einer toten Boaschlange ohne Schaudern sich nähern, Wenige auf ein totes Rhinozeros gelassen sich setzen und kaltblütig eine Prise nehmen. Des Gedankens: Wenns nicht tot wäre, der Tod nur Schein wäre, wenn es sich regte wieder? werden sich Wenige erwehren, und wenn sie das denken, so wird es die Meisten dünken, es rühre sich, werden blaß aufspringen und schreien: «Herr Jeses, het es sih nit grüehrt?» Babi strüßte sich fast wie ein Huhn, das sich seinem Feinde gegenüber breitmachen möchte, machte bei den Weibern die Vertraute, welchem diese augenscheinlich wenig nachfragten und mutz mit Babi taten. Dasselbe griff nach manchem, zeigte es den Weibern, hielt Rat, obs rätlich sei, kaufte Lumpereien, Kellen und kleine sogenannte Portreli mit schauderhaften Figuren, und wenn es was für sechs Kreuzer ersteigert hatte, so zog es eine Handvoll Fünfunddryßiger hervor und plagte den Gerichtschreiber mit Wechseln, tat, als ob es sein Lebtag keine Münze, sondern lauter Silber gehabt hätte.

Da kam das Steigern an einen Spiegel, der Vielen wohlgefiel, die Weiber fast alle drängten sich darum, und wenn sie schon dieses oder jenes daran auszusetzen fanden, so dachten sie doch, so einen hätten sie schon lange mögen, wenn man sich recht drehe und bögle, so werd es viel dran machen, daß man sich hinten und vornen sehe. Es müßte nicht zu machen sein, so wollten sie den, und wenn schon die Eine oder die Andere ihn nicht begehrte, so konnte sie sich doch des Dareinsehens nicht erwehren. Vor allem aber drängte sich die Speisewirtin vor, funkelnd vor Freude. Das war was für sie, und hatte sie das Schesli nicht haben können, so wollte sie jetzt den; indessen bedauerte sie vor den Leuten, daß er nicht größer sei. Sie hätte schon lange einen mögen, aber einen größern, von der rechten Sorte einen. Das Bieten begann, die Weiber gaben allgemach Laut, der Rote, den der Schwarze nicht ganz gedämpft hatte, begann in ihnen zu spuken, die Gebote folgten sich immer strenger, am raschesten aber bot nach Babi, unsere Speisewirtin. Eisi war auch da. Als der Spiegel zum Vorschein kam, da war ihm das Blut in den Kopf gefahren, daß derselbe ganz dunkel ward. Das Dunkle verging, es war fast, als ob Wasser käme in Eisis Augen; aber wie die Speisewirtin zu bieten begann, begann das Wasser in Eisis Augen zu versiegen, sie glänzten und funkelten, daß es allen Leuten auffiel. Sie meinten, das sei der Zorn, daß die Täsche da drüben biete, und freuten sich, das gäb Für, ehs lang gang. Aber die Leute verstunden sich auf die Gesichter nicht. Wohl ging was Besonders vor in Eisis Sinn, aber was ganz anderes, als sie dachten.

Es waren einige Jahre her, da stund mal ausgeschrieben die Geltstagsteigerung eines Wirtes, und süß war der Mund der Menge gemacht mit der Ausschreibung der schönsten Sachen. Ganze Haufen Dinge kamen Eisi, als es die Ausschreibung las, auf einmal in Sinn, welche es durchaus haben sollte, indem es nicht länger ohne dieselben haushalten könne. Steffen hatte satt gewehrt, denn der Geldklamm hatte begonnen, und Steffen begann zuweilen es zu sinnen, daß man das Alte zahlen sollte, ehe man Neues kaufe. Aber Eisi hatte wie gewohnt aus höherem Tone gepfiffen, und Steffen schwieg, jedoch wollte er nicht mit. Er mangle nichts, sagte er, und wenn Eisi was mangle, so könne es alleine gehen, Zwei brauche es dazu nicht, es sei alleine groß genug. Eisi hatte gemeint, das sei ihm ganz recht, es könne ihn gar wohl etmangle, gäb mi heyg geng e sellige Schnürfli nebe eym. So wars gefahren mit Fünfunddryßigern im Sack, so viele es im Schublädli zusammenkratzen konnte.

Es war ein schöner Maitag gewesen, die Vögelein hatten gepfiffen, so klar wie selten, und die Blumen gefunkelt und geduftet, als ob sie stünden im schönen, schönen Himmelsgarten. Doch von dem merkte Eisi nichts, bloß dachte es, wenn das Wetter so fortfahre, so gebe es dieses Jahr wieder Bohnen; zumeist litzte es in Gedanken über Steffen oder dachte an sich. Es hatte sich gewaltig zugestutzt, hatte einen schwarzen Grüsel von Lampihut auf dem Kopf mit Lätschen und Federn, fast ein Fuder hätte es gegeben, ein Fürtuch an von ganz neuer Sorte mit arigem Namen, den es nie aussprechen konnte, aber verflümeret schön. Es düechte ihns fry, dHagspatzen hörten auf durch die Dörne zäberle, stünden still, guckten ihns an und flögen wieder vorfür, um den Genuß zu erneuern. Auch neben dem war es schön, daß schöner nichts genützt hätte, und was die Leute dazu sagen und was sie für Augen machen werden, wenn sie ihns sehen werden, das gab ihm viel zu denken. So bei rechten Gäuggle bschüßt das Alter nicht viel, es macht sie bloß wüster, nicht witziger.

So kam es aufgezogen nach Nixiswyl, wo die Steigerung war. Da war es auch nicht bloß zBode gange, sondern noch einige Klafter bas abe und, da gar kein Weibergut da war, die Frau und ein Trüppeli Kinder, die man alle mit einer Wanne hätte decken können, auf der Gasse. Eisi hatte die Frau wohl gekannt, hatte hier und dort mit ihr zMittag gegessen, aber diesmal kannte es sie nicht. Es waren noch andere Weiber da, auch stolze und hoffärtige, aber als Eisi sie gemustert hatte, sagte es bei sich: «Bim Donnstig ma mih keini, die hey hüt vrgebe agwengt!» Indessen hinderte ihns das nicht, mit ihnen Kameradschaft zu machen, das Haus zu durchstöbern, alles auszuführen, vor die allerdings etwas verwahrlosten Kinder sich zu stellen und zu sagen: «DKing chönne eim am meiste dure, das sy arm Tröpf, was sölle die jetz afa, dr guet Lebtig wird ne nit nachewelle, u neuis glehrt werde die o nit ha, drzue gseh die z'strub us. Die gseht me de öppe einist vor dr Tür, daß si heusche; öppis fürznäh, chunt dene nit zSinn u werche meu si o nit.» Ebenso hatten sie das Essen ausgeführt; me gsehy wohl, daß ds Fleisch ume etlehnt syg, öppe ds best geb me nit, we me nit wüß, ob me zahlt werd oder nit. We si nit bessere Wy gha heyge weder dä, su nähms eim notti nit wunger, daß die nit heyge möge ko, das syg ja es Sufe, es mach eim fry dSchueh z'gyxe u mi chönnt drmit Katze u Krähye vrgifte. So redeten die Weiber unter sich, als ob niemand Ohren hätte als sie. Daß der Wirtin, die aufwartete, die Tränen über die Backen rannen, achtete niemand, und als sie sagte mit halb erstickter Stimme, sie sollten nicht zürnen und vorlieb nehmen heute, si gäbs wie sis heyg, geng sygs nit so gsi, da gab ihr niemand eine tröstliche Antwort. Eisi sagte zu seiner Nachbarin, doch so, daß man es am ganzen Tisch hören konnte, es machs geng esn ieders, wies es vrstang, aber besser, as mes vrstang, dSach z'mache, selb syg e Kunst. Die verhöhnte, verachtete Wirtin war nicht groß, nicht dick, ein gleytig, gwirbig Fraueli mit dunkeln Augen, die nicht dumm waren. An ihrem Unglück hatte sie nicht große Schuld, sie hatte wohl anfangs geglaubt, einer Wirtin möge sich alles erleiden, nachher aber getan, soviel ihr möglich war. Aber ihr Mann war nichts wert gewesen, war allen Schelmereien nachgelaufen, welche zu ersinnen waren. Er war von Natur nicht viel wert gewesen, kam noch in ein Nest voll Lumpenhunde, trieb sich mit ihnen herum, bis es ihn, einen der Ersten; auf den Kopf stellte, wie es die Andern, einen nach dem Andern, auch auf den Kopf stellen wird. Sie verwerchete Elend und Zorn bestmöglichst, doch als Eisi so herzlos laferte, schoß sie ihm einen Blick zu, der fry spretzelte, drückte aber den Zorn nieder und ging hinaus.

Nach dem Essen waren die Weiber kräschlig und bötig, und das zog vom Leder mit Steigern wie Buben mit Schneeballen, wenn der Schnee lind ist. Eisi war nicht die Letzte, führte ein laut Wort und wendete stark an mit Lachen und Breiammeln. Endlich kam der Spiegel zum Vorschein, von dem wir geredet, den Weibern gefiel er auch damals wohl, Eisi bsunderbar, und darum setzte es auch nicht ab, bis es ihn hatte. Da meinte es, als der Weibel endlich gesagt hatte: «Und zum – und zum dritten!» und es ihn zuhanden nahm: «Wer sich jetzt noch gschauen will darin, der tue es, es ist jetzt noch Zeit, nachher ist er mein», und damit drehte es ihn und auch dem armen Wirtfraueli zu und sah dasselbe mit einem besondern Blick an. Das Fraueli faßte ihn, und seine Augen glühten auf wie angeblasene Kohlen; es trat vor. «He nu», sagte es, «wenn niemand will, so will ich mich noch einmal darin gschaue, ich hab es manchmal getan, und jetzt wirds wohl das letztemal sein. Und du», sagte es zu Eisi, «du vergiß es aber auch nicht, wenn er dir versteigert wird, dich noch einmal z'gschaue darin, und die, wo nach dir kommt, soll es gleich machen, wenn es ihr geht wie dir und mir!» Das Fraueli schaute hinein und sagte dann: «Nassi Auge gsehn ih, aber gottlob kes bös Gwüsse, viellicht gsehst du u die angere de öppis meh as ih.» Daraufging die Frau, ihr Betragen hatte alle verblüfft; so gleitig die Weiber sonst schnäderten, jetzt fand keins eine rasche Antwort, selbst Eisi wars, als hätte es eine Ohrfeige gekriegt, als steche ihns jemand ins Herz durch und durch, fast hätte es «ui, ui!» gerufen. Hintendrein konnte man nicht genug Worte finden, um das Betragen der Frau zu verdammen und zu sagen: Wie das doch afe e Usgschämti sei, e selligi vrdien nit ume, daß si uf dGasse chömm, si vrdienti ds Schallewerch, so öppis heyg me doch noch nie erlebt. Daß jede Katze krebelt, wenn man ihr auf den Stiel trappet, hätten die guten Weiber wissen sollen.

Als Eisi nun den Spiegel in der Speisewirtin Händen sah und diese so hitzig im Bieten, allen voran wie bei der Jagd ein Sperzer den Hülören, da flammte wie eine Feuergarbe die ganze Erinnerung in ihm auf, und vor seinen Augen stand die Rede der Wirtin mit den dunkeln Augen wie eine Verwünschung. Am Spiegel hafte eine Verwünschung, das ward ihm klar, und mit dem Spiegel werde diese auf die Speisewirtin übergehen und die werd es über kurzem oder langem auch erfahren, wie das Versteigern und Vergeltstagen gehe, wenn es selbst längst wieder Wirtin sei. So kams Eisi vor, darum leuchtete sein Antlitz so in taubsüchtiger Freundlichkeit, und als endlich Babi, der Speisewirtin, der Spiegel zugeschlagen wurde, und zwar teurer, als es ihn gekauft, trat Eisi unwillkürlich vor den Spiegel, wollte hineinschauen, wandte aber rasch, als ob seine Augen an etwas abgeprallt, dieselben ab und sagte: «Grad dir wird der geordnet gewesen sein, un besser as dir gönne ih ne niemere. Aber lue de o dry, we si dir ne vrsteigere! Was meinst, was gsehst du de ächt drin? Mih nimmts nit wunger; aber lue de, sinn dra, es Kalb ohni Gring oder süst neuis Uflats! Es isch e apartige, weisch es de.»

Eisi ging darauf, es fing ihm an das Herz weh zu tun gar wunderlich. Im Spiegel hatte es etwas gesehen, aber es wußte nicht recht was. War es das Fraueli mit den schwarzen Augen, war es Steffen, war es die Speisewirtin, war es sich selbst, es wußte es nicht, allweg aber war es etwas, das es gesehen hatte. Die andern Weiber wichen vom Spiegel weg, kein einziges guckte hinein, was da zu sehen sei, rein bis auf den Boden war ihnen die Neugierde vergangen. Auch Babi, der Speisewirtin, war es unheimlich ums Herz. Sie hatte sich gerühmt, wie sie es dem Pfau da äne machen und was sie ihm alles sagen wolle, wohl, dere wolle sie die Läuse runtermachen, die müsse einmal so recht wissen, was für eine sie sei. Jetzt aber hatte sie auch nicht ein Wörtlein zur Antwort, es ward ihr ganz trocken im Munde, die Zunge klebte am Gaumen, und als sie dieselbe endlich loskriegte, sagte sie: «Ih will denk mit ihm gah, aber schier lieber wärs mr, ih hätt dä Hung nit.»

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