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Der Geltstag

Jeremias Gotthelf: Der Geltstag - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/gotthelf/geltstag/geltstag.xml
typefiction
authorJeremias Gotthelf
titleDer Geltstag
publisherDiogenes
year1978
isbn325720566X
firstpub1845/46
correctorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20121029
projectidbff705e7
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Neunzehntes Kapitel

Wie Babi, die Speisewirtin, ein Schesli im Kopf hat, und wie der Schwarze Babi darum bringt

So packte Eisi aus, während ein Kind ihm Wache stehen mußte und berichten sollte, ob was Besonderes gehe. Jetzt kam es gelaufen und berichtete, sie hätten noch so allerlei Grümpel verkauft, Waschstecken, Bierkrüge und Grasbähre, jetzt redeten sie davon, sie wollten essen, es sei schon lang über die Zeit, u tüeye drglyche, si wüsse nit wo. Si rede drvo, si welle übere. Da fuhr Eisi auf und machte den Mannen den Marsch, daß sie wüßten, wo sie essen sollten, so daß selbst der Gerichtschreiber nicht aufreden durfte, so gerne er auch in die Speisewirtschaft gezogen wäre. Dort ging es allerdings lebendiger zu, dorthin waren die glänzenden Weiber gezogen und mit ihnen viele Männer, die aber nicht so glänzten wie die Weiber. Auf dem Lande ist bis dato die Toilette das ausschließliche Eigentum der Weiber geblieben, einige Schmachtlocken und einige Stegreife an jungen Dandys abgerechnet. Nun wäre eine Gelegenheit geboten zu schönen Tischreden, an denen auch die Speisewirtin so eifrigen Anteil nahm, daß sie die Aufwart vergaß und manche Bemerkung nicht hörte (solch Geschütz wird meist im Rücken abgebrannt). Nit bas as me hie syg, nähms eym dest meh wunger, daß es däne nit besser gange syg, die müeßte afe ghuset ha vom Tüfel, un dr Platzg syg doch so bös nit gsi, u sövli Vrmöge für e Afang, wos nit dr Hundertist heyg.

Diese Tischreden wurden unterbrochen durch die Nachricht, daß man drüben wieder anfangen wolle zu steigern. Sie wirkte wie Pulver, das als Minen unter die Bänke gelegt worden. Wie da die zentnerigen und zweizentnerigen Dinger, welche die Bänke belasteten, auffuhren! Das wär dr Tüfel, hieß es allgemein, kaum hätte man halb gegessen; selligs syg doch neue nit permidiert, me wart süst, bis dLüt wieder dasyge, aber es werd wieder neuer was wohlfels welle. Er glaube, sie wollten ans Schesli hin und ans Geschirr, erläuterte der Berichterstatter. Da setzten sich viele, viele Zentner wieder nieder, brachten es ihm und meinten, da pressiere es ihnen nicht, das wollten sie sie machen lassen u no näh, was öppe no chömm. Unter diese Zahl gehörten die meisten Weiber, das brachte die Speisewirtin fast aus dem Hüsli. Die gute Speisewirtin wußte noch nicht, wie man sich selbst vor den Füßen sein kann. Sie brannte ärger als ihr Kochöfeli vor Begierde, hinüberzugehen; alleine hatte sie es nicht gewagt, auf das Begleit der glänzenden Weiberschaft gerechnet, sich aufgedonnert, daß ihre Kinder sämtlich ihr nachliefen und schrien: «Muetter, wotsch zKingbetti oder zMärit?» Sie hatte schwatzen müssen mit den Weibern, den Kragen leeren, wie man sagt, hatte darob die kürzeste Zyti gehabt, während sie den Andern um so länger wurde, hatte Kochen und Aufwart versäumt. Jetzt, als es anging, war sie nicht fertig, die Weiber nicht gewohnt, halbgegessen aufzustehen. Hatten die mal die Beine unter einem fremden Tische, so wollten sie sein, wollten öppe lebe, wies dr Bruch syg, we me furt syg, wollten das Bratis gehörig versorgen, wollten Tatere, den Dessert schenkten sie nicht, eine Halbe Roten verschmähten sie nicht. Ja es kam schon hier und da einer in den Sinn zu sagen, den Kaffee habe sie emel gerne, sie glaube, wenn sie einmal sterben sollte, mit Kaffee könnte man sie wieder lebig machen, aber schwarze nach dem Essen nehme sie ihn doch am liebste, wenn neuer wett, si hulf.

Das sind die Weiber, die starch den Männern nachstreben und starch an der Emanzipation der Weiber machen. Ach, und so ein Schäsli war der guten Speisewirtin schon lange im Kopf gesteckt, ihr förmlich hineingewachsen. Wie oft hatte sie im Kote pfoseln müssen von einem Markte heim, und wenn sie eine halbe Stunde hinter sich ein Fuhrwerk rasseln hörte, war sie stille gestanden, und ach was für zärtliche Liebesblicke hatte sie ihm zugeworfen, sobald es in ihren Gesichtskreis kam; ach und wie oft hatte ihr das gar nichts geholfen! Das Pferd hatte sie noch überspritzt, in den Hag, in ein Gräbli gedrückt, daß sie einen Gix und einen «Uflat!» nach dem andern ausgelassen, aber es hatte nichts geholfen, die Leute darauf hatten gelacht und sie in Kyb und Kot pfoseln müssen bis heim. Wenn sie im einen oder im anderen erstickt wäre, ke Hung hätt se ufglese, hatte sie oft geklagt. Manchmal hatte man sie wirklich aufgeladen, wenn man das Wägeli nicht bereits schon voll alter oder junger Schweine gehabt hatte. Sie hatte glückliche Stunden so verlebt. Aber ach, wenn der Bysluft so recht zog oder es hurnigelte, daß man glaubte, das Katzenhageln wolle angehen, und sie eine schöne Kappe aufhatte, eine neue Scheube an und dazu nur ein schlechter Parisol, ach, dann kehrte sich in ihrem zarten Herzen alles um, daß sie so zweg sei und nicht in irgend einem Schäsli, wo e Teil noch Schüchleder hätten, die man vormachen könnte. Wenn dann gar noch Eisi vorbeirasselte im Schäsli mit dem gleytigen Byggerli, dann drehte sich nicht bloß ihr Herz um, sondern alles im Leibe, sie ward zur radikalsten Kommunistin. Wenn das gerecht sei, daß so eine fahr, während sie so durch Dicks und Dünns stampfen müsse, so möchte sie doch wissen, was Gerechtigkeit sei. Aber das müsse anders kommen, sie sei einem gut dafür, und es seien noch andere Leute ihrer Meinung.

Bei solchen Seelenschmerzen wars begreiflich, daß sie nichts sehnlicher als ein styfs Schäsli wünschte, so mit Schüchledere, wo man sich gut einmachen könne, öppe von den köstlichsten brauche es nicht zu sein, daß sie ihrem Mann beständig mit diesem Wunsche vor den Ohren lag, fast wie ein guter Haushund vor der Haustüre oder eine Katze vor dem Mäuseloch. Der Mann war aber auch ein harter Klotz, wie viele Männer sind. «Was sinnist, Babi!» war seine fast unveränderte Antwort, «was sinnist, Babi; dr letzt Zeys nit gä, dr vorig ebe halb u dä o bal ume, u de no anger Lüt, die Geld wey! Nei, Babi, wed nit laufe mast, su blyb daheim!» Nun hatte Babi seine Hoffnung auf Eisis Schäsli gestellt, und hochauf war ihm das Herz gegumpet, wenn Babi dachte, wies dann auch bei Eisi vorbeitschädern wolle, daß es fry Feuer gebe, und es müsse nicht zu machen sein, so müsse es über und über überdrecket werden, allemal wenn es bei ihm vorbeifahre. Und wes es vrsprengti vor Täubi, su sygs ihm glych, und es wett säge: «Recht gschehts dr, du Narr, das ist für e Hochmuet guet!» Wie gesagt, einige Fünfudryßiger hatte es zweg, und ihre Wyherre, das seien alles seine guten Freunde, tröstete es sich, die begehrten sie nicht zu plagen, warteten, bis es sich ihnen wohl schicke, und gings bis am letzten Fasnachtmärit. Das syge brav Herre, es wüßs.

So weit hatte Babi also nachegwerchet, jetzt war das Schäsli zu haben, und gewiß um nichts, denn wer wett ihm i Weg cho, wenn me merk, daß es es möcht, dachte es, ke Mönsch tüey es Bott druf. Und jetzt wars noch nicht fertig, und die Blättere saßen da wie Trüecher, hatten keinen Verstand und taten gar nicht, als ob die Steigerung sie was anginge. Babi wußte wirklich nicht, sollte es die Wände auf fahren oder aus der Haut, und als es sie fragte, ob es se nit düech, sie möchte ga biete oder ga luege, wies drum gang, es söll es meineidig sittigs Ryte drin sy, antworteten sie kaltblütig, si syge nüt gwungerig und Lust zu dem alte Kratte hätten sie auch keine, aber es söll ne öppe e Fläsche oder zwo vom bessere Rote bringe, u viellicht daß de no öppe eini oder die anger es Taßli Schwarze nähmt. Es wett, daß dr Schwarz seye nähmt, dachte Babi. Die Speisewirtin schoß statt in den Keller über die Gasse, wo sie ihren Mann bei den Steigerungsleuten in der Nähe des alten Krattens stehen sah. «Los neuis», sagte sie und rief ihn nebenaus. «Die Plodere wey nit uf, si sy abränntet un ih darf nit vo ne, u daß de mr jetz das Schesli nit layist fahre, ghörst, chosts was 's well, su wott ihs jetz, u ghörst, biet, bis es hesch, sust lue de, wies dr geyht!» «Denk chum z'töte», sagte Babis Mann halblaut, während er langsam wieder der Steigerung sich zudrehte.

Da stund die Menge um das Schesli herum, gschauete die Räder, visitierte das Räderwerk, probierte die Federn, und bald war das Eine nicht gut, das Andere ausgelaufen, das Dritte mangelte Reparierens, und alle kamen darin überein, öppe viel wert sei es nicht. Wenn man leicht was dafür geben müßte, so kaufte man ringer ein neues, dann wüßte man, was man hätte, und hätte etwas nach der Mode. Das sei altväterisch, und leicht ein hoffärtig Meitschi oder eine eigeligi Frau fuehr eym nit emal drin. Hatte doch Eisi gemeint, was es hatte, als Steffen sich endlich zu dem Schesli bewegen ließ! Steffen hatte nicht daran gedacht, hatte eine währschafte Haut, die was ertragen mochte, hielt nicht viel auf dem Äußern, fürs Inwendige sorgte er dest fleißiger; wenn man innenache gut gfüttert sei, sagte er, so tüey eym ke Bysluft nüt, und wenn sein Byggerli mit ihm davontschäderte, so saß er auf seinem tschäderenden Bernerwägeli in Schneesturm und Regengüssen stolz und wohlgemut wie ein König. Aber hundertmal hatte Eisi gesagt, uf dä Hung gangs ihm nimme. Und doch war es ihm immer wieder gegangen, von wegen, das Hotzle auf dem Rumpelkasten war ihm doch noch aständiger as das Daheimhocke. Da war einmal im Winter eine große, vornehme Partie, wo sie auch eingeladen waren und auf die es sich viele Wochen freute. Es war schöne Schlittbahn, Steffen hatte ein verflümeret styfs Schlittli zwegmachen lassen, hatte ein Gschäll gekauft, daß man es nicht schöner hören konnte, und ein Fähnchen machen lassen von rot und weißer Seide, daß man nicht genug luegen konnte, wenn es so recht wadelte im Winde. Daneben hatte Eisi einen Staat zweggekorbet, der ihns zu der Hoffnung berechtigte, zletzt werds de heiße: «DWirti uf dr Gnepfi, die het mr gfalle, das ist doch die Hoffärtigst gsi u dSach isch ere no bsungerbar wohl agstange.» Wie eitel aber menschlich Hoffen sei, sollte Eisi erfahren. Am Morgen vorher glänzte noch so prächtig die Bahn, gegen Mittag ward es so milde, daß Eisi meinte, grad so sollte es morgen sein, wege dr Kälti heygs ihm schier welle gruse, mi überchömm so vrfrore Nase, un nüt stang eim minger a as son e rot u blaue Knebel im Gsicht. Daß die Wälder schwarz wurden, die Berge dunkelblau, dessen achtete sich Eisi nicht. Aber in der Nacht, als das Haus in allen Fugen krachte, erwachte es, müpfte Steffen: «Los doch wie dr Bysluft geyht, es wott mr schier gruse», sagte es. Aber am Morgen sah man, daß es nicht der Bysluft, sondern der Flühluft war, er spritzte warmen Regen über den weichen Schnee, wüst gelb war die so schöne weiße Straße geworden, Wasser sammelte sich in jede Vertiefung, hie und da war sie schon vollständig schwarz. Was das für ein Jammer war, für ein Hin- und Herschießen an allen Fenstern herum, weil man immer hoffte, an einem andern Fenster sehe das Wetter besser aus! Aber durch keines kam ein Hoffnungsstrahl, Steffen erklärte, der Schlitten gehe kaum mehr, und wenn man heute es schon zwängen könnte, so käme man morgen gar nicht heim, man werde das Wägeli nehmen müssen, wenn es gfahre sy müeß. Was da Eisi für einen Zorn auswand! Steffen kam endlich zur Einsicht, daß es ihm weit ringer ginge, ein Schesli anzuschaffen, als dFrau so zu sehen und sich so sagen zu lassen. Als sie endlich doch fuhren, als allerdings Eisis Staat wüst herhalten mußte im erneuerten Sturm, als alle Leute zäpfelten und stichelten, daß sie so in einem offenen Wägeli daherkamen, ob er nicht etwas Deckts vrmöge, er müeß doch vo de Wüestiste eine sy, daß er in selligem Wetter e sellige Frau uf eme sellige Kaste desumefüehr; wenn Mänge e selligi Frau hätt, no hüt schaffete er ihr ein füfzigdublönigs Schesli a: da ging Steffen in sich und erkannte seine Schuld und bekannte, daß es ihm so nicht mehr gehen müsse, selligs wolle er nicht mehr ausstehen. Und wahr seis, wenn er alles rechne, so erhus eim so ein Schesli viel Geld, was man an den Kleidern erspare, wie Manchen man könne reiten lassen, der einem gerne was zahle, und dann noch Leute führen. Wenn er ein Schesli gehabt, viel Neutaler hätte er mit verdienen wollen, es wär denk längst zahlt, vo wege, es Roß müeß er allweg ha.

Steffen bestellte noch in den nächsten Tagen ein Schesli, und die Arbeitsleute predigten, wie sie ihm eins machen wollten, daß Adam im Paradies kein so schönes gehabt hätte, und so wohlfeil, daß sie gewiß ihr eigen Geld daran verspielten. Indessen weil er es sei, so käme es ihnen auf ein paar Franken nicht an, sie hätten Freude ihm öppis z'arbeiten, es sei immer eine Rekommandation, am ene sellige Ma garbeitet z'ha. Er söll de ume niemere säge, was es ne gchost heyg. Kurz sie machten ihm das Ding so schön und süß, daß er eine Freude über das Schesli in den Leib kriegte akkurat wie ein Kind auf das Neujahrkindli. Er fuhr, es weiß kein Mensch wie oft, hin, zu sehen, ob es nicht fertig sei, und allemal kehrte er mit noch größerer Freude heim. Die Arbeiter hatten ihn umringt, ihm gezeigt, wie herrlich und gut alles sei, ihm vorgewiesen, was sie ihm zLieb und zEhr noch alles ersinnet hätten, Kommods und Schöns, und wie sie dieses trocknen und jenes beizen oder gerben lassen müßten; aber er solle dann nur hin mit, wohin er wolle, es schöners u chumligers u liechters Fuehrwerk treff er nit a, es fehlte nüt, su laufs von ihm selber, bsungerbar wenns e chly niedsig gang. So zogen sie die Schrauben seiner Freude an, er zahlte brav Wein und sonst noch was, und wenn er heimkam, so sagte er, er sei sich nur eins graue, daß er nicht schon lange eins habe machen lassen, er hätte nicht geglaubt, daß man so Freude daran haben könnte.

Was war das aber für ein Tag, als das Schesli daher kam! Sattler, Wagner und Schmied hatten ausdrücklich sich ausbedungen, selbst es zu bringen; sie dürften sich wohl zeigen damit, und dann gebe es immer noch dieses und jenes z'brichte. Als sie angefahren kamen, stand alles vor die Häuser und sah das Wunderwerk der Welt. Gravitätisch stiegen die drei Künstler aus, schüttelten die Hosen über die Stiefel nieder und stellten sich der Schmied vornen, der Wagner neben, der Sattler hinten, und demonstrierten der erstaunten Menge das Wunderwerk. Nachdem sie es von außen erklärt hatten, mußte Eisi einsteigen, mußte bewundern, wie bequem der Tritt ersinnet sei, dann husch Eisi nach der Sattler, plötschte ins Kissen, und Eisi mußte bewundern, wie wohl man in den Kissen hock u wies es lings Alähne syg, u de syg da no es Täschli am Fueßsack, das sei bsungerbar kommod für e Naselumpe oder sust neuis. Aber lang wars ihm nicht vergönnt, neben Eisi zu hocken, der Schmied stand ungeduldig am Türli und sagte: «Seh, chumm doch einist use!» Kaum hatte er den Sattler hinausgebracht, so machte er sich selbst hinein, plötschte mit Macht ab und wiegte dann das Schesli hintere und füre. Eisi sollte merken, wie stark die Federn seien und wie gut sie spielen. Man könnte den Emmengrund auf und ab sprengen, sagte er, man merkte nichts, es gieng so sittig wie uf eme Teller. Aber aus dem behaglichen Wiegen riß ihn der Wagner. «Es düecht mih», sagte der, «Schmied, du layist drs ume z'wohl sy, chumm use!» Langsam und ungern tats der Schmied. Da stieg der Wagner ein, aber langsam, er mußte Eisi erst zeigen, wie kommod man die Hände aufstemmen und sich halten könne beim Einsteigen; dann setzte er sich und sagte mit bedeutendem Gesichte: «Jetz, Wirti, streck dBei! Hest se gstreckt, aber recht? Gäll, du chunst nit vorne a u mast doch styf zBode glänge, mit de Füeße ganz eberecht, gäll so ischs? Ja lue, das ist am e Schesli dHauptsach, daß me mit de Füeße zBode ma u dBei strecke cha. Fehlt das, su isch alles nüt, sygs de wies well.» Er hätte vielleicht noch weitere wichtige Hauptsachen entwickelt, wenn nicht Schmied und Sattler hinter ihn geraten wären. Er mußte Steffen Platz machen, der mußte sich neben Eisi setzen, der Sattler zog das Verdeck über sie auf und demonstrierte, wie man da eingemacht sei gegen alle Gewitter des Himmels und was man alles abela und was man vormachen könnte. Aber ehe er ds Halb fertig war, sprengte der Schmied bereits mit dem Ehepaar davon, die nun praktisch erfahren sollten, wie sittig es gehe. Der Wagner sprang hinten auf, der Sattler, zu spät dazu, lief hinten nach und fluchte, bis er keinen Atem mehr hatte, dann wartete er an einem Hag, bis es dem Schmied beliebte, umzukehren und praktisch zu zeigen, wie man ränken, umwenden könne und stillstänglige, während der Wagner Erläuterungen beifügte, wie hagelsschön die Räder drungerdur möchten und auch nicht an einem einzigen Orte anstellten, u das syg e Hauptsach, vo wege, wenn sie astellte, su chönnt me per sche nit ränke. Als sie zurückfuhren, lag hohe, unaussprechliche Befriedigung auf allen Gesichtern, ausgenommen auf dem des Sattlers, der Mühe hatte, Atem und Ärger ins Gleichgewicht zu bringen, weil er dem Ränken nicht hatte beiwohnen können. Es müsse sagen, sagte Eisi, es hätte es nicht geglaubt, daß ein so großer Unterschied im Fahren auf einem Wägeli und auf einem Schesli sei. Es sei schon in manchem Schesli gfahre und auch in Schärbänke, aber es müß es sagen, so in einem noch nicht, jetzt wollten sie es aber auch recht profitiere. Jetzt sollten sie das Roß in Stall tun un ychecho. Das ließen sie sich begreiflich nicht zweimal sagen. Künstler haben bekanntlich oft Durst, es sind Naturen, die viel Feuchtigkeit mangeln. Kaum hatten die Herrschaften sich zurückgezogen, so trat die Dienerschaft auf, und jedes wollte wissen, wie es ein Hocken in einem Schesli sei. Das Kindemeitschi schlich dem Stallknecht nach und setzte sich ab mit einem Gix ins schöne Kissen, die Köchin und der Metzger probierten, ob man mit den Füßen zBoden käme und die Beine strecken könne, die Kinder liefen schreiend herum und schrieen immer lauter, bis auch sie drinnen saßen und alles probierten, was sie gehört hatten, daß man probieren könne. Später mußte, um ihr Brüllen zu hemmen, der Stallknecht anspannen und sie führen, und noch später soll Eisi sich hinausgeschlichen und privatim noch einmal probiert haben, wie gut man drinnen hocke und wie schön man die Beine strecken könne. Kurz es war ein Wonnetag, und was an Essen und Trinken versorgt ward, würde die Nachwelt kaum glauben.

Manche Woche lang war das Schesli des Hauses Kleinod gewesen, war allen Leuten gezeigt worden, und ihm zLieb und zEhr war man anfänglich ausgeritten, so oft als man nur immer was ersinnen konnte, nach dem sollte geritten werden, und wenn schon früher Eisi hoffärtig gewesen war, so schaffte es doch noch manches noch Hoffärtigere an, weil es meinte, es stehe dem Schesli wohl an. Später verlor sich der Reiz der Neuheit, wenn auch der Stolz aufs Schesli blieb.

Wenn an einem Dienstag in Bern beim «Schlüssel» oder an einem Samstag beim «Kreuz» in Solothurn oder beim «Bären» in Burgdorf an einem Donnstag Weiber weberten, sie glaube emel, es well cho regne, sie sötte pressiere für hey, sie heyge ume es offnigs Gferg, u dä schyßig Lädi (der Mann, versteht sich) well sih gar nüt zuechela, gäb i welem Egge er sih vrsum, so antwortete Eisi allemal so recht dick und breit mit Behaglichkeit: Emel ihm pressiers nüt, u wes vom Himmel ache miech, daß es nit schröckliger chönnt, so sygs ihm graglych, si heyge es deckts Gferg, es Schesli! Da syg me drin wie i re Stube, so warm u troche. Da gspür me vom Wetter gar nüt, un wers nit erfahre heyg, chönn sih gar nit vorstelle, wie chumlig es Schesli syg u wie me guet Sach ha chönn drby u sittig ryte drin. Wie oft hatte ihm auch stolz das Herz im Leibe gelacht, wenn es so behaglich und sittig ritt und Weiber vor ihm durch den Kot pfoseln mußten, stille standen und so sehnsuchtsvoll nach dem Schesli blickten wie ein Verschmachtender nach einem Kruge Wasser, ein sehnsüchtig Mädchen nach einem hochzeitlichen Paare!

Oh, Eisi hatte glückliche Tage mit dem Schesli verlebt, glückliche Stunden darin gehabt, und als es oben zum Fenster aussah, wie es dem Schesli erging, und wenn es dachte, worin es jetzt dann zMärit oder sonstwohin fahren sollte, so wollte ihm das Herz fast schwer werden. Es düechte ihns, es möchte das auch steigern, indessen seine Barschaft war nicht groß, und hatte es nicht später das Recht, wieder darauf zu greifen, wenn dSach wieder im Greise war? Doch war es ihm fast, als tue es ihm weh fürs arme Schesli, es machte das Fenster zu und ging weg. Wenn es gewußt hätte, was die Speisewirtin im Sinne hatte und was sie verwerchete, Eisi wäre auf der Lauer geblieben. Gäb es das Schesli der Speisewirtin nur für einen Augenblick in die Hände gelassen, hätte es lieber den letzten Kreuzer aufgewandt. Eisi pfoseln, Babi fahren! Den Anblick hätte es nicht überstanden.

Daß fast etwas wie Bedauern mit dem Schesli in Eisis Herz sich regte, ist nicht zu verwundern, es war eine Art Mitgefühl, ihm und dem armen Schesli gings ja akkurat gleich. Vor nicht so vielen Jahren war der herrliche Tag gewesen, wo als Weltwunder das Schesli nagelneu vor dem Hause gestanden, die Bewunderung der Welt, und jetzt stund es akkurat auf dem gleichen Platze und Viele stunden wieder darum, aber da war Keiner, der es nicht aushunzte und in Spott darüber ausbrach. Die Räder sollten nichts wert sein, da lodele alles, im Eisen sei es grundschlecht, und doch sei es schwer, daß man ein paar Stiere haben sollte, um es desumezschleipfe. Das Leder sei spröde, gehe dahin, und das Innere hundsschlecht, in den Kissen sei Hundshaar und das Tuch so wüst, daß man es neu werde machen müssen. Und wenn man dann alles neu machen lasse, was neu gemacht werden müsse, so kosts, daß es eine grüsliche Sache sei, und zletzt habe man doch nichts als einen alten Krämerstand. Zehnmal ringer kaufe man ein neues, da könne man es doch dann kaufen und ne bifehlen, wie man es haben wolle. Vielen mochte es im Herzen nicht so sein, sie mochten noch ein gut Haar an selbigem finden, aber sie sagten es nicht, sie verleugneten es alles schnöden Gewinns wegen. Sogar Schmied, Sattler und Wagner redeten nicht z'best, sie machten es bloß, wie man es zuweilen beim Weibervolk macht: «Herr Jemer, was für e Wüesti un e Alti, u was das für es schöns Meitschi gsi isch, das glaubti afe ke Mönsch!» Sie sagten auch: «Ke Mönsch glaubt, was das für es schöns Schesli gsi isch, wos neus gsi isch, aber si sy mit ihm umgange, si sötte sih schäme.» Die Anzüglichkeiten wegen leichtem Eisen, grünem Holz und dem Hundshaar überhörten sie. Teuer war das Ding nicht geschätzt, kaum einen Drittel vom kostenden Preis, der freilich weit höher war als der akkordierte. Von wegen, als die drei Mannen das Düpfi mit der Freude so recht überkochen sahen, hatte der eine das vergessen gehabt anzugeben, dem zweiten waren Neuigkeiten in Sinn gekommen, von denen er gedacht, sie stünden der Sache wohl an, dem dritten hatte das Material unter den Händen aufgeschlagen, und doch hatte er nicht zum wohlfeileren gegriffen, er hatte gedacht, Steffen sei einer, der ihn nicht schadenhalb lasse. Der Schmied hatte angefangen; als der Wagner mit seinen Nachträgen fertig war, düechte es ihn, der hätte es wohl gut gemacht, so sei er ganz im Hinterlig, und meinte: «Abrobo, bal hätt ihs vrgesse, un es wär mr viel z'übel gange, vo wege de Federe, die han ih no einist so schwer gmacht, as mr abgredt gha hey; das ists ebe, warums jetz so sittig geyht. Du wirst allweg nüt drwider ha.» Da wards dem Wagner fast gschmuecht: «Aberebo, bal hätt ih vrgesse», und kaum war der fertig, so war der Sattler gekommen: «Abrebo», der hatte gedacht, er wolle ihnen zeigen, daß Zuletztsein zuweilen auch gut sei. Wir wissen wirklich nicht, wie oft sie den Kehr gemacht hatten mit dem Abrebo, von wegen, sie besannen am folgenden Tage sich selbst nicht recht und waren in drei Meinungen geteilt, nur so viel ist gewiß, daß das Schesli so viel gekostet hatte, daß Steffen sich wirklich nicht berufen fand, jemand die Wahrheit anzuvertrauen.

Jetzt drehte es sich mit dem Bieten, alle taten, als ob sie die Hände ob dem Kopf zusammenschlagen wollten vor Grauen ob dem schrecklichen Preis, und Einige waren so uvrschant, mit den Geboten unteneinzukommen. Da sagte der Weibel, die rufe er nicht, von wegen, er wüßte, die Schätzer nehmten es gerne um den Anschlag, und wenn niemand mehr bieten wolle, so wolle man an etwas anders hin. Da endlich meinte der Wagner, um Schades yzcho, well er dSchatzig bote ha. Von da an harzete es Batzen um Batzen langsam, und derweilen saßen drüben die Weiber beim Roten behaglich und meinten, mit dem Schwarzen pressiere es nicht, sie seien noch streng a dem alte Gstüdel, und die Speisewirtin wußte wirklich nicht, sprenge es sie aus der Haut gleich einem Zapfen aus einer Champagnerflasche, oder heygs dHut no zNot. Sie hielt sich nicht länger, sie brachte den Schwarzen; dKöchi, dä Black, hätte ihn angerichtet ungheißen, sagte sie. So mußten die Weiber den Roten mit dem Schwarzen tauschen, sie mochten wollen oder nicht. Da fragte eine: «Was laufen die Leute dort weg?» «He», sagte eine Ältere, welcher viele Erfahrungen auf dem Gesichte geschrieben standen, «weißt nicht, daß von einem Toten die Läuse laufen und die Flöhe und von einer versteigerten Sache die Leute!» «My Lädi wirds ha, hets ächt my Lädi?» rief Babi, die Speisewirtin, und stürzte hinaus. «Es selligs Babi mangelt es Schesli, lehrti die zerst schwarze Kaffee mache, das ist ja ume Wäschwasser un öppe es Göhni drinne gschwäycht!»

Während drinnen die Weiber lachten, erhob sich draußen ein gar lautes Gerede: «U hesch mrs de nit chönne zGfalle tue, hest nit gwüßt, wien ih dra hange, un es nähmt mih de wunger, ob de mih de nüt z'estimiere hättisch. Wer macht dSach, wer mueß sinne un ufwarte un bi de Lüte sy, wes eim scho düecht, es well eim vrsprenge? Emel du nit, du –, was de bist! U hest mrs vrsproche gha u machst mrs jetz eso, aber wart ume!» Ehliche Gefechte ziehen sich zumeis aus ebenem, offenem Felde in Schluchten und abgeschlossene Täler, dieses ward in die Kindbettistube, wo die Weiber saßen, gedrängt, und namentlich durch Schmied und Sattler, welche die Wirtin faßten und zur Stube führten. «Frau», sagte der Letztere, «nicht so bös, dSach ist recht. Das Schesli war nichts mehr wert, nicht um dSchatzig hätte ichs mögen. In der kurzen Zeit haben sie das zugrunde gerichtet, wie ichs noch nie gesehen, und ist so gut gewesen, kein schöners hat man gesehen. Es hat wohl zwei solche Lappine sein müssen, um mehr als dreißig Franken hinaufzubieten.» «So viel hätten wir doch auch vermögen, wenn die es vermochten», sagte Babi, die Speisewirtin. «Wem ists?» «E Krämer und e Agent hey enangere dSach ufetriebe, u syt froh, daß dihrs nit heyt», sagte der Sattler. «Wir machen euch ein neues und dann ganz ein anders, als der alte Kasten war, und nicht teurer, als der gewesen wäre, bsunders wenn Ihr dazu rechnet, was sRepariere gekostet hätte.»

«Was kosten wir hier?» fragte ablenkend die Alte drinnen in der Kindbettistube, welche genug Schwarzen gehabt. «Pressieret nit!» sagte die Wirtin, mit dem halben Leib noch im Gefechte, den andern halben widerwillig dem Geschäfte zuwendend. «Wir müssen doch noch sehen, was drüben geht», sagte eine, «so ganz vrgeben dazusein, wär doch nichts.» Wenns erlaubt wär, so käms mit, sagte Babi, die Speisewirtin, es nähms auch wunder. Und wenn man was wolle, so müsse man selbsten gehen und nicht dManne schicken. Gäb man schicke so einen Möff oder nicht, es komme hell in eins. Nachdem es diesen Kartätschenschuß ins männliche Lager abgefeuert hatte, zog es mit den Weibern ab.

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